In der Bai von Rio
Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein. Der Himmel war heiter, die Luft schwül.
Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck.
Er rief begeistert aus: „Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! — Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrüßt!“
Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er: „Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort Santa Cruz und links den weltberühmten Zuckerhut — Pao d’Azuka. Der Meerbusen — gerade fahren wir hinein — ist einer der inselreichsten der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer! — Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle Begriffe göttlichen Vegetation!“
„Seht“, rief er nach einer Weile, „nun die Stadt selbst!“
Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: „Wahrhaftig, man sollte glauben, nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes lodernder Schönheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich abgrundtief der Fluch des Schöpfers. Eine lautlose, gespenstische Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus, bewahrt uns davor.“
Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe Kruste.
„Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,“ wandte er sich an Herrn Dr. Bürstenfeger, „gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich nicht das schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen inständigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder bestreuen Sie sich damit.“ Er zeigte auf seine Glatze. „Es ist das einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft, ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten Ort weit hinter uns haben!“
Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.
Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: „Karl und Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,“ und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, „daß durch bloßes Bestreichen des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl, ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.“
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange.
Plötzlich rief Carlos erfreut: „Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn Sie, ich, Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann wären wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!“
„Karl,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, „ich bitte dich, laß mich wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel angebrachten Witzen!“
Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.
Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas, Kokosnüssen und Käfigen mit kreischenden bunten Vögeln.
Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.
Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.
Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben in Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber seit einiger Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen. Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.
Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die beiden Affen bemerkt.
Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach der anderen Seite des Decks verfügen.
Aber schon riefen sie: „Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!“
Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: „Es sei, ich weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden unappetitlichen Vorgänger dieser häßlichen grimassierenden Tiere geärgert.“
Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.
Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren nun ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her vergessend. —
Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die Schiffsbrüstung.
Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer Abreise, unten bei Tische gesehen.
Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war stark gerötet; sie trug eine Brille.
„Himmlisches Panorama!“ rief sie aus und ließ beide Arme auf die Brüstung sinken. „Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,“ und dabei schielte sie nach Herrn Dr. Bürstenfeger, „wenn man fünf Tage krank in seiner Kabine lag!“
Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.
„Sieh mal an,“ rief sie aus, „was sind das für zwei allerliebste, süße Geschöpfchen!“
Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei blickte sie ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an.
„Wohl der Papa der beiden jungen Herren“, nickte sie und zeigte auf Carlos und Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu sein.
„Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger“, antwortete er, indem er sich verneigte.
„Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires, mein Name ist Libussa v. Pfnühl.“ Sie brach in ein silberhelles Lachen aus. „Miß Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen. Was wissen diese indolenten Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, nach Deutschland zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,“ sie schlug die Augen zum Himmel auf, „er ist eine Perle!“
„Seht erfreut, sehr erfreut“, murmelte in einem fort Herr Dr. Bürstenfeger.
„Übrigens,“ sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr. Bürstenfeger schelmisch an, „ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.“
Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger spielten mit einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.
Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die Hände und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte.
„Karl und Nikolaus,“ sagte er und sah die Knaben kläglich an, „wollen wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir müssen an Land!“
Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich mit den Knaben.
Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.
Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.
Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge an.
Rio de Janeiro
Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio im Menschengewühl umher.
Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.
Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß von der Stirne wischte.
Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d’Ouvidor, die nur für Fußgänger bestimmt war.
Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen Gehröcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das Hitzegefühl.
Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer Singvögel gefertigt.
„Barbarisches Verfahren!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte den Kopf.
Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder, hergestellt aus bunt schillernden Käfern.
Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte.
Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen und ächzte: „Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was wir weiter machen wollen!“
Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem Sonnenlicht durchflutet war.
Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren verkaufte, kam an Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in der Hand, hielt eine weiße Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen und nickte den Knaben einladend zu.
Die Sonne brannte unerträglich.
Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre Gesichter glühten.
Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: „Hier ist es schon ganz und gar nicht mehr zum Ertragen — fahren wir aus der Stadt.“
Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein.
„Botafogo, Botafogo!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere entlang, an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei.
„Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit“, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen könnte, bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach links.
„Zehn“, rief Carlos aus.
„Vierzehn“, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem Augenblick kamen sechs Negerweiber um die Ecke.
„Was zählt ihr da?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger.
„Neger“, antworteten Carlos und Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. „Ist das euer ganzes Interesse an dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!“
Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine Militärkapelle saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den Taktstock: er hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die Blechinstrumente, die Pauke dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der Lärm.
Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die Trambahn zum Stehen.
Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine Insassen die Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief Herrn Dr. Bürstenfeger triumphierend zu: „Imno brasileiro!“
„Vorwärts, vorwärts!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und hielt sich die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere ein, die in raschem Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher trabten sie wieder träge in ihrem früheren Tempo.
„Karl und Nikolaus,“ bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile, „ist es euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese brasilianische Bevölkerung ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der Wehrkraft?!“
In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen bewachsenen Platze vorbei.
Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und Zwillichhosen bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und Fußtritten gegen drei Polizisten. Ein Polizist lag schon auf der Erde, ein anderer stand keuchend daneben, der dritte hielt den Burschen fest umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm und floh davon mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie; die Polizisten hinter ihm drein.
Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten vor Lachen.
„Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!“ rief Nicolás aus.
„Nikolaus,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, „du weißt: keine Regel ohne Ausnahme.“
Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein Restaurant und speisten.
Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: „Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer Vegetation in nächster Nähe offenbaren!“
Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es fuhren nur wenige Passagiere.
Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe hinauf. Bald hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai.
„Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger aus.
Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem Knaben und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz.
Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der Bäume schimmern.
Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay!
Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief begeistert aus: „Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt in diesen Abhang, welche Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von Schönheit!“
Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen braunen Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund und kicherte.
„Karl und Nikolaus,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal von seinem Sitz auf, „seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne, die mit Früchten beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! — Wirklich ein generöses Land, wo die Schmarotzer Orchideen heißen!“
Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und das kleine Mädchen lachten.
Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit ausholend ein Bambusrohr in den Abgrund.
Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es schwindelte ihm.
Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine Mädchen lachten auch aus voller Kehle.
Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos und Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu wissen, um was es sich handelte.
Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf Minuten zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am Rande einer niedrigen Mauer.
Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von Schiffen. Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein.
„Herrlich, herrlich!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.
„Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!“ riefen Carlos und Nicolás.
„Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas“, antwortete der Lehrer. „So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben wieder geboten werden!“
Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück.
Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen Hotel auf dem Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai.
Hier wollten sie die Nacht verbringen.
Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen, Carlos und Nicolás trieben sich im Garten umher.
Der Himmel begann sich langsam zu trüben ...
Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von Petropolis ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar der Mond. Am ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken.
Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der Landesproduktenausstellung. Die Bai war dunkel.
Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem Mangobaum.
„Wie schade,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „daß die herrliche Mondnacht uns so verdorben worden ist!“
Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins.
„Horcht,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos’ und Nicolás’ Hände ... „so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!“
Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war.
Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann. Er trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen.
Lange starrte er nach der Wolkenbank.
Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut: „Mond, Mond, Mond!“
Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und erschrocken zu ihm hinauf.
„Mond, Schmierenschauspieler,“ schrie er nochmals, „was stehst du hinter deinem Vorhang, wartest du noch auf Publikum?“
Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke, Herr Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr Schurtzenjager, ein deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen Schiff mit ihm die Reise gemacht hatten, traten nun aus der Hoteltüre heraus und stellten sich unter einer Gruppe von Königspalmen auf.
Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und Geflüster.
Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald erstrahlte die Bai.
„Mond,“ jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, „o du Genie, das du erweckst.“ Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: „Sieh, wie die Bai leuchtet, wie der Gischt hüpft gegen den Pao d’Azuka!“
„Nanu!“ rief Herr Schurtzenjager aus.
„Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen“, meinte gelassen Herr Drumke.
Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke.
„Verruchter,“ jammerte laut der junge Mann, „läßt du uns wieder ganz im Dunkeln?!“
„Mahlzeit!“ rief Herr Kitzian hinauf.
Doch jener hörte es nicht: „Hahaha,“ lachte er laut, „Licht der Landesproduktenausstellung, du leuchtest weiter in deinem proletarischen Glanze, grell und frech, aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine Konversation mit ihr!“
Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte hinab in den Garten und gerade auf Herrn Krause.
„Verehrtester,“ rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, „wir wünschen keine Konversation mit Ihnen!“
Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die Damen und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe. Herr Dr. Bürstenfeger war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der junge Mann hatte wieder nichts gehört.
Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn war weit bis zur nächsten Wolke.
Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach der Bai, wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging schwer; er richtete sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet.
„Venus,“ hauchte er, „entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt schau’ ich dich!“ ...
Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell verworrenes Spiel in den Garten hinab.
„Was waren das für schreckliche Disharmonien!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger aus und erhob sich jäh von seiner Bank.
Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen bestürzt.
„Ganz ausgefallene Type!“ rief ein junger deutscher Leutnant aus.
Herr Hurtwig sagte: „Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von Gratisvorstellungen war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!“
„Er wird noch ganz überschnappen!“ meinte Herr Kitzian.
„Er ist es wohl schon!“ antwortete Herr Krause.
Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt zum Fenster hinauf.
Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame Herr sei.
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Karl und Nikolaus, quält mich nicht, ich weiß es selbst nicht!“
Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher.
Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab und standen am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges.
Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier geknickter Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven schlangen.
Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in Deutschland auch so schön ist?
Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf.
Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die Bai hinab.
Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll mächtig an.
Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel. Es rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten gewaltig. In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen.
Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen ...
Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch den Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: „Ha es klopfte ein Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung stattgefunden ... in Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber hier bin ich lebend geworden!“
Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: „Es darf nicht sein, daß vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie von ihnen bis zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater war ein toller Mann!!“ ...
Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand, während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: „Karl und Nikolaus, auch dieser Aufruhr in der Natur ist wunderbar!“ —
Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu rauschen; bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen bewegten sich noch leise wie lächelnd im seligen Einschlafen.
Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ...
Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines Mädchen in einem weißen Kleide.
Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr. Bürstenfeger.
Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás, denn sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen klopften.
„Senhor,“ fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft, „lieben Sie die Schmetterlinge?“
„Oh“, antwortete er begeistert, „diese prächtigen brasilianischen Schmetterlinge ...“
„Hier schenke ich Ihnen einen!“ Sie machte eine rasche Bewegung nach seiner Manschette und hüpfte lachend weg.
Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er auf und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel krabbelte ihm etwas hinauf und kitzelte ihn sehr.
Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich davon.
„Der Racker, der Racker!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ...
Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln, Tischen und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche Kauz in seinem Zimmer.
Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm.
Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie.
Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt.
Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum geschlafen hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente.
In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher.
Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt über die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach Kräften.
Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück.
Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor der Treppe und besprachen ernst den Fall.
Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: „Wenn es bei einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so kann die Konsequenz der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was war Whisky bei diesem Menschen?!“
Herr Hurtig meinte streng: „Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht zum Tag gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!“
Herr Krause sagte: „Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die Wahrheit zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!“
Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: „Ich sage nur oha!“
Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den Taschen, kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und trinke noch viel mehr Whisky als er und werde nicht verrückt!
Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett zu gehen.
Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger.
Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem Horizonte zu, wie abziehende Bataillone.
Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der unmögliche Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein kräftiger Stallbursche waren bei ihm.
Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in einem der Gartenpavillong ...
Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern kreischten, brachten ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den unmöglichen Kauz nach einem geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen lief im Staube jubelnd hinterdrein.
Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich ein Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge.
Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem Waschtisch in Gedanken versunken.
„Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!“ murmelte er. Er seufzte tief auf: „Aber man darf sich nicht beladen mit allen Qualen dieser Welt!“
Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie.
Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der Tijuca.
In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten.
Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: „Es riecht hier ganz so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.“
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Ich habe euch schon gesagt, es heißt auf deutsch Treibhaus und nicht Invernaculo!“
An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine Strohhütte auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen mit lebhaften Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig tierisches Gelächter aus. Die Frauen hatten gelbe Schals um die Schultern, eine trug einen roten Turban. Die Männer waren nackt bis zum Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der Hand, womit sie eben Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen großen weißen Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib mit einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen.
Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und sagten ängstlich: „Die Neger werden uns töten!“
Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte er: „Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!“ Und mit beschleunigten Schritten gingen sie an der Gruppe vorbei.
Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch grausiges Lachen, bis es langsam verhallte.
Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren Lunch. Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie sich in einen Wagen und fuhren nach dem Botanischen Garten.
Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht lange drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff überzogenen und mit Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem Kopf.
Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte an das gelbe Fieber.
In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den Deckel.
Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: „Karl und Nikolaus, seht hin, es ist ja nur ein Kuchenkasten!“
„Eigentümliche Gebräuche“, murmelte er vor sich hin.
Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite Portal und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter Königspalmen.
„Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt“, erklärte Herr Dr. Bürstenfeger.
Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von Riesenbambussen stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet mit zarten kleinen Pflänzlein aufmerksam.
„Mimosa pudica sensitiva“ stand auf einem kleinen Brettlein geschrieben.
„Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das Blättchen schloß sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen; im Fallen streifte es eine Nachbarin — eine ganze Gruppe sank zusammen.
„Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
„Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?“ bemerkte Carlos.
„Die Betrachtung ist nicht übel, Karl“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor sich der Garten in den Urwald.
Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr.
Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen Schmetterling.
Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen.
„Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,“ rief ihnen Herr Dr. Bürstenfeger nach, „wir verlieren noch das Schiff!“
Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter.
Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder. Carlos wollte ihn fassen.
Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte die Flügel und glich einer lebenden, prächtigen Blume.
Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er flog hinein in den Wald, Carlos hinterher.
Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der Schmetterling, tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch nieder, stieg hoch in die Luft und verlor sich im blauen Himmel.
Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut und zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd und sich in Lianen verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend.
Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger.
„Ungehorsamer Junge,“ schrie er, „warum kamst du nicht, als ich dich rief!“ Carlos heulte: „Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde ich ihn fangen!“
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: „Wegen dir werden wir noch das Schiff verlieren!“
Carlos heulte immer lauter.
„Kommt schnell zum Wagen,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger, „wenn wir uns beeilen, erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!“
Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen.
„Zum Hafen, schnell!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren sie am Hafen.
Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab langgezogene Signale.
Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse.
„Dampfer weg, Dampfer weg!“ schrieen fröhlich einige schwarze Bootsmänner.
„Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord Lombardia!“ riefen sie durcheinander.
„Vierzigtausend“, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder und winkte Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu.
„Schamlose Ausbeutung!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört.
„Senhor, zwanzigtausend Reis!“ rief ein anderer und zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock.
„Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur dir zu verdanken, Karl!“
Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab.
Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei.
Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte dicht neben Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser.
Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: „Das sind hier die reinsten Wilden!“
Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten sie das Ufer weit hinter sich.
Carlos und Nicolás blickten zurück.
„Dort waren wir noch vor einer Stunde“, sagte Nicolás und zeigte in der Richtung von Botafogo.
„Man sieht noch den Wald“, antwortete Carlos. „Wie schade, der schöne blaue Schmetterling ist fort!“
„Denke doch nicht immer an den Schmetterling“, meinte Nicolás. „Wir haben ja die Affen!“
In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf.
Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: „Signore, bald wären wir ohne Sie abgefahren!“
„Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?“ sagte Carlos zu seinem Bruder.
Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich zu den Affen.
Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr schöne Dame mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von Herren umringt, sich laut und lachend unterhalten.
Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an.
„Das ist ja eine neue Dame,“ sagte Nicolás, „die muß hier eingestiegen sein!“
Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich entfernenden Festlande: „Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach der letzten Küste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre vergehen, bis ihr es wieder erblickt!“
Nach der Alten Welt
Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am dritten erschien sie wieder.
Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen hinüberschaute und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen Teller blickte.
Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.
Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von einer Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf Herrn Dr. Bürstenfeger, der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand.
Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.
„Laß das,“ zischte sie ihn an, „hast du denn nie Schularbeiten zu machen, du Dummbart?!“
Erschreckt wich Nicolás zurück.
Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der Stelle, die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen.
Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie redete ihn an:
„Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!“ Dabei ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.
Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „Sehr angenehm“ und setzte sich am Rande des Rohrsessels.
„Nun,“ meinte sie, „wie finden Sie unsere Mitreisenden?! — Ach, Herr Doktor,“ sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu ihm auf, „ich lese in Ihrer Seele — wie können Sie an dieser zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen Gesellschaft Gefallen finden — gerade Sie, Herr Doktor!“ Sie stieß einen Seufzer aus, schloß die Augen und sah ihn dann gleich wieder an.
„Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?“ Wieder seufzte sie und schloß die Augen: „Ach nur Resignation!“
In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes Gewinsel hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes Schreien und Quieken folgte.
Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig balgten, an ihren Schnüren hinter sich herzerrend.
„Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!“ schrie Fräulein von Pfnühl, indem sie sich aufrichtete.
Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: „Ich brachte sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!“
Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die Affen wieder auseinander zu bringen.
Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in ihre Kiste zurückbrachten.
„Karl und Nikolaus,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „ich gehe jetzt einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt keinen Unsinn!“
„Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!“ sagte Nicolás.
„Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
„Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!“
„Ein Schimpfwort, wieso?!“
„Sie hat mich einen Dummbart genannt!“
„Das ist kein Schimpfwort!“ Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein Lächeln. „Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!“
„Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen wollen!“ antwortete Nicolás.
„Schon gut“, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. „Man darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht so böse gemeint haben!“
Darauf ging er.
Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war.
„Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!“ sagte Carlos.
Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur Miß Von zu nennen.
Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen Priester, der trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.
Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr lustig fanden, aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft.
Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine Bank.
Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.
Carlos sagte schließlich: „Wie langweilig ist eine Seereise ... man sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen Walfisch!“
„Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa“, tröstete ihn Nicolás.
Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.
Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen gemeinsamen Schlafraum der Emigranten führte.
Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und machte „brr!“
Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich zurück.
„Das stinkt!“ sagten beide.
Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: „Wenn du mir zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!“
„Gut, wetten wir“, antwortete Carlos und zog die Uhr.
Nicolás’ Kopf verschwand in der Öffnung.
„Zwanzig!“ rief Carlos, als die Zeit um war.
Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig Sekunden länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der Öffnung.
Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.
„War das ein Gestank!“ rief er aus. „Jetzt gib mir die zwanzig Centavos!“
„Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis zwanzig!“ antwortete Carlos.
Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.
„Ich bezahle nichts!“ sagte Carlos.
„Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten habe?!“ rief Nicolás zornig.
„Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!“ beharrte Carlos.
„Du bist betrügerisch und gemein!“ rief Nicolás und wollte auf ihn eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. Bürstenfeger.
„Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!“ fragte er streng.
Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall.
Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete sehr ernst: „Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung war außerdem im höchsten Grade gesundheitsschädlich. — Nicht weniger geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenüber sehr mutwillig und durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch nicht gut zu bekommen!“
Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste verdutzt.
Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte vollständige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer. Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drückender.
Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche im Badezimmer aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine Seereise sollte immer dauern. —
Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás lagen in ihren Betten und wälzten sich hin und her.
Kurz nach Mitternacht — Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen unruhigen Schlaf verfallen — wurde er plötzlich durch laute Schreie geweckt.
Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.
„Hilfe, Hilfe, ich sterbe!“ kreischte durchdringend eine weibliche Stimme.
„Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!“ Herr Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem Bett.
„Hilfe, Hilfe!“ gellte es wieder.
Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.
Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute.
Von neuem ertönten durchdringende Schreie.
„Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze.
Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino der Nachtsteward.
Er riß die Tür einer Kabine auf.
Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte zurück.
In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch schnellte über ihr auf und nieder.
Auch die übrigen Passagiere wichen zurück.
Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, in den Händen.
„Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!“ rief er vor Lachen platzend.
Es erfolgt ein allgemeines Gelächter.
Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse.
„Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln gelernt!“ rief Carlos aus.
„Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger und schob sie in die Kabine hinein.
* *
*
Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre Affen zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste Ration.
Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den Rücken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck erschienen.
So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken.
Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor ihr und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem zerrissenen Schal gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, während sie an einem großen Stück Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte.
Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.
* *
*
Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die schöne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen Herrn, der im Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.
Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.
Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der Dame nach und überreichte ihn ihr.
„Ich danke dir, mein lieber Junge“, sagte die schöne Dame, streichelte ihn mit der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. „Ihr liebenswürdigen Kavaliere, ich muß euch doch endlich mal die längst versprochenen Bonbons geben, kommt mit!“
„Gleich bin ich wieder da“, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die Treppe hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine.
„Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank“, rief Carlos aus, denn ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwängt.
„Und wie es wunderschön riecht!“ rief nochmals Carlos.
„Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?“ Sie griff nach einem kleinen silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand.
„Na, gebt mir eure Taschentücher.“
Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an.
Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: „Unsere Taschentücher sind sehr schmutzig!“
„Das schadet nichts,“ lachte sie, „gebt nur her; Jungens haben immer schmutzige Taschentücher!“ und damit entleerte sie die Hälfte ihres Fläschchens in die Taschentücher der Knaben.
Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und füllte davon Carlos’ und Nicolás’ Taschen.
Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß:
„So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!“ ...
Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen fächelte ihr Kühlung zu mit einem großen japanischen Fächer und redete leise und eindringlich auf sie ein.
Sie lächelte nach einer Weile und nickte.
Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und knabberten an ihren Bonbons.
„Du,“ sagte Carlos, „hier habe ich einen mit Likör!“
Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel und konstatierte freudig: „Drei Meilen mehr als gestern!“
Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.
Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.
Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz vorn nach der Spitze des Schiffes.
Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das Schiff nach Nordosten.
Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt berührte sie ihn. Schon war sie unter.
„Die Sonne ist tot, ertrunken!“ sagte Carlos zu seinem Bruder.
In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter.
Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln rosenrot im Nordosten.
Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.
Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an der Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen.
Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.
Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: „Sieh, ist es nicht, als führen wir endlich unserem Ziele entgegen?“ —
Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.
Zwei italienische Emigranten sangen: