In guerra non voglio andare
perquè si mangea male
e si dorme in terra.
„Carlos, horch’, es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!“ sagte Nicolás.
Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als hundert Kehlen:
In guerra non voglio andare
perquè si mangea male ...
Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: „Jesus, Maria, Mutter ist tot!“
Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen.
Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das alte tote Mütterchen umfangen.
Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika und sie bekreuzten sich schluchzend.
Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze große Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage.
Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen.
Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum Abendessen.
Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom Haufen, der die Alte umgab, abgewandt.
Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das alte Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend dagesessen mit gefalteten Händen, und nun war sie eine Tote.
Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus Patagonien erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken.
Carlos und Nicolás erschauerten.
Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine.
Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend in den Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend.
Endlich meinte Carlos: „Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!“
„Um zwei Uhr hat man gesagt.“
„Niemand weiß es genau.“
„Wirst du heute nacht einschlafen können?“ fragte eine Weile darauf Nicolás.
„Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.“
„Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten wir dann doch einschlafen! — Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!“
„Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt“, antwortete Carlos.
Er schwieg.
„Arme Alte“, sagte er nach einer Weile.
„Denke doch nicht immer daran!“ —
„Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!“ Carlos richtete sich in seinem Bett auf. „Jetzt — ich glaube, man wirft sie ins Meer!“
Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.
„Nein, das Schiff fährt gleichschnell!“ flüsterte er.
Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.
Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.
Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.
Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. Sonst war es totenstill.
„Wie dunkel!“ flüsterte Carlos. „Wenn man nur einen einzigen Stern sehen könnte!“
„Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?“ meinte er nach einer Weile.
„Sie werden sie wohl bald auffressen,“ antwortete Nicolás, „aber vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!“
„Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?“
„Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.“
Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des Meeres vorzustellen.
Sie schwiegen lange.
Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: „Hörst du nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!“
Sie hielten den Atem an und horchten.
Nicolás sagte: „Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.“
Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.
Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. —
Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.
Hell schien die Sonne durch die Luke.
„Heraus, ihr Langschläfer“, rief er. „Es hat schon längst zum Frühstück geläutet!“
Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die Augen.
Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.
Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.
„Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen ins Wasser geworfen!“ rief Carlos aufs höchste verwundert aus.
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: „Bedenkt, Karl und Nikolaus, daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!“
Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. „Um zwei Uhr“, antwortete der Obersteward.
„Wir haben aber gar nichts gehört!“ sagte Carlos.
„Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan“, antwortete der Obersteward.
* *
*
Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.
Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.
Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ...
Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr aufzubleiben.
Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.
Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...
„Bis jetzt, Karl und Nikolaus,“ sagte er, „können wir uns im großen und ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!“
Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus seiner Kindheit und Studentenzeit.
Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen.
Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte Flasche.
„Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,“ sagte Carlos, „wieviel Puder sich Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!“
„Still, Karl, werde nur nicht übermütig,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, „Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, harmlose Dame!“
Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und begann etwas vor sich hinzusummen.
„Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!“ baten Carlos und Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger sang:
„Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,
sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,
Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä
Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä
Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,
Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng.“
„Was ist das für ein komisches Lied?!“ unterbrachen ihn Carlos und Nicolás lachend.
„Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in feuchtfröhlichem Zecherkreise.“
Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:
„In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,
Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,
Raben flogen durch die Luft, trä ...“
„Endlich gefunden!“ ertönte emphatisch eine Stimme.
Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.
„Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte Seele!“
Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.
„Sie guter, edler Mann,“ Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, „lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!“
Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.
Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.
„Ich habe den Glauben an die Welt verloren“, schluchzte sie wieder laut auf.
Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. Bürstenfegers Brust.
„Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!“ Herr Dr. Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit sich fort.
„Ich will noch nicht zu Bett!“ schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.
„Du hast zu gehorchen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.
„Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!“ heulte Carlos.
„Marsch, marsch!“
Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los.
„Alberner, törichter Junge!“ herrschte er Carlos an.
Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich heulte er laut auf: „Ich bekomme den Krebs!“
„Waas!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.
„Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist gestorben!“
„Was schwatzt du da für Unsinn,“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, „erstens bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich mit dir umgegangen!“
Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein Kehlkopf sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.
„Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still, ich komme bald nach!“
Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen.
Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet.
„Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich — so, jetzt geht!“
Sie gehorchten schweigend.
Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür. Dann aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: „Ich hätte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen sollen!“
* *
*
Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu begegnen.
Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben allein.
Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel.
Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle hatte er ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs prächtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen.
Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl zwanzig Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: „Herr Doktor!“
Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach dem Treppenhaus.
Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.
„Herr Doktor!“ ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm.
Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine Kabine und schloß sich ein.
Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: „Nichts Fürchterlicheres gibt es für einen Mann, als wenn eine Frau, die er nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zärtlichkeit verfolgt!“
Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr. Bürstenfeger aus ganzer Seele.
Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit erfüllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit einem Zuge aus.
* *
*
Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.
Seit St. Fernando d’Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land mehr gesehen.
Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe der Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am Horizont tauchten Dampfer und Segler auf.
Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff vorbei. Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen.
Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde Häuser.
„Land, Land!“ riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ...
Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede des felsenumstandenen Santa Cruz ...
Die Lombardia sollte Kohlen laden.
Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ sich im Städtchen umherfahren.
Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda mit dem Blick auf Felsen und Meer.
Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man wieder an Land nach langer Seereise.
Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal des Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück ....
Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane lärmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.
Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.
Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel genießen, solange es noch hell war. —
Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade abstoßen, als ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein kleines Bündel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm.
Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den Leichter zu steigen.
Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum Deck der Lombardia hinauf.
Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er die Arme in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: „Herr Kapitän, ich beschwöre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel zurück, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!“
Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig herunterschauten.
„Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an Land gesetzt wird“, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn mit Fragen bestürmten.
„Um Himmels willen doch kein Anarchist!“ schrie Fräulein von Pfnühl auf.
„Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!“ fragten Carlos und Nicolás voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug.
„Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren, versteht ihr, Jungens?!“ belehrte sie dieser.
„Herr Kapitän“, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, „ich flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun; machen Sie mich doch nicht unglücklich!“
„Das fehlte noch,“ lachte der Herr aus Coruña, „wir haben bei uns schon genug anarchistisches Gesindel!“
Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige bemitleideten das Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine komischen Armbewegungen.
Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von der Reling zurück.
„Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!“ fragten aufgeregt Carlos und Nicolás.
„Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!“ lächelte der Kapitän.
Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre Sparbüchse zu holen.
Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: „Ihr habt keine Zeit, der Leichter fährt schon ab!“
Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein Goldstück, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer laut weinenden Mann hinreichte.
In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.
„Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!“ rief schluchzend der Mann und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ...
Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz darauf lichtete die Lombardia die Anker und verließ die Reede.
Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den steilen Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden.
Es war ihnen traurig zumute.
Nicolás sagte: „Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?“ —
* *
*
Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer, gleichfalls mit Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen.
„Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!“ sagte der Kapitän.
Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus, aber er war noch nicht sichtbar.
Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der Hand, auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: „Den holen wir nie ein, der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll genommen.“
Nicolás fragte verwundert: „Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige Kasten gewinnt?“
„Was für ein Landsmann bist du?“ fragte der Herr aus Coruña ein wenig herausfordernd.
„Argentiner!“ antwortete Nicolás stolz.
„So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich freuen, wenn unser Schiff gewönne?“
„Ja,“ antwortete Nicolás „denn wir sind ja selbst darauf!“
„Du bist mir ein trauriger Patriot,“ antwortete der Herr aus Coruña und klopfte ihm auf die Schulter, „ich bin ein Spanier, und jener dreckige Kasten ist es auch, ich wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!“
Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont.
* *
*
Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie aufs höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und putzte eifrig Blechteller.
Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf sie zu, erfaßte ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: „Tausend Dank, meine kleinen Herren, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.“ Tränen standen in seinen Augen. „Von einem Matrosen habe ich erfahren, daß Sie es waren, die mir das Geld schenkten.“
„Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!“ riefen Carlos und Nicolás.
„So ... mit einem Boot!“ antwortete er und zwinkerte schlau mit den Augen.
Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Der arme Anarchist ist wieder da!“
Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht. Schließlich meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: „Er wird sich doch nicht wieder eingeschmuggelt haben?“
Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren.
Der Schiffskommissar lachte: „Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem Geld hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der Dunkelheit wieder eingeschlichen.“
„Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!“ meinte Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung.
„Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme Teufel wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein Reisegeld, aber wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu setzen.“ Er lachte wieder. „Da er nun aber wieder da ist, muß er mit nach Barcelona, ins Wasser kann man ihn nicht werfen.“
Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: „Dann freilich war das die beste Wendung, Herr Kommissar!“ ...
Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand dort alle Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen Dampfer gerichtet, der einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er entsandte eine dicke Rauchsäule; man konnte schon die Farben des Schornsteins erkennen.
Der Herr mit der Reisemütze lachte: „Er will nicht schmählich überholt werden und arbeitet mit Volldampf!“
Ein Franzose aus Teneriffa meinte: „Auch die Lombardia spart nicht die Kohlen, sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.“
„Nur zu, nur zu!“ meinte ein aufgeregter Herr aus Triest.
Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte hämisch und überlegen zu lächeln.
Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die Lombardia.
Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand: „Herr Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir gewinnen!“
„Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, „ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war es auf der ganzen Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche scheint der Horizont gerückt!“
Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück nach der anderen Deckseite.
Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz: „Wenn dieser Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine Kesselexplosion!“
* *
*
Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie einen spindeldürren alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen verblichenen blauen Rock und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib baumelte eine schwere silberne Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit Speiseresten.
Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem schmutzigen Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Das Gesicht war voller Falten, aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt schien, zeigte keinen einzigen weißen Faden.
Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden trug der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor.
Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu.
Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele schrien begeistert: „Da capo, da capo!“
Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf einen Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus seiner Tasche und steckte sie an.
Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein möchten.
Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden Passagier gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt.
„Meine jungen Herren,“ sagte er und verneigte sich leicht, „ich weiß nicht, ob Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie uns nicht die Ehre erweisen, näher zu treten?“
Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: „Mein Name ist Vittorio Chiasaponte!“
Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben heran.
„Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!“ Der Alte zeigte nach der Dame auf dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte. „Santa Madonna, ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie einst empor, in Lumpen gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin, die sie wurde, machte sie zu meiner Gattin!“
„Ja, das tat er“, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in die Höhe bewegend: „Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis zu meinem letzten Atemzuge!“
„Schon gut, schon gut, Elvira“, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit schmerzlichem Pathos fuhr er fort: „Freilich, Signorini, die Zeit meines großen Wirkens liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt jenen Klang hatte, den heute noch die Annalen eines Teatro San Carlo und einer Scala verzeichnen, und der erlöschen muß, wenn es der Ratschluß der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, Sängern und Virtuosen niemals dankbar war!“
„Vittorio, das wird nicht geschehen!“ rief die Gattin.
„Wie dem auch sei!“ Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. „Der Schauplatz meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich von den großen Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend, reise ich mit meiner treuen, geliebten Elvira als freier Künstler in der Welt umher!“
„Bravo, bravissimo!“ sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch trug. Ein Beifallsgemurmel ertönte umher.
Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás nochmal eine Verbeugung: „Signorini, meine Gattin und ich stehen mit unserem reichen Repertoire“, er zeigte in der Richtung der ersten Klasse, „einem hochdistingierten, hochkultivierten Publikum jederzeit zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in diesem Sinne ein Abkommen zu vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen zu dienen!“
Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt seiner Rede nicht ganz verstanden.
Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: „Il Signor Chiasaponte bittet euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die Mitteilung zu machen, daß zwei große Künstler“, er wies auf das Paar, „oben eine Gesangsvorstellung zu veranstalten beabsichtigen — selbstverständlich“, der kleine Mann neigte sein Gesicht zu Carlos und Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den Zeigefinger — „gegen entsprechende Bezahlung!“
Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die Aussicht auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse.
Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die Honorarbedingungen lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt.
Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen der Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache.
Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás konnten die Zeit kaum erwarten.
Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte Bühne. Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den Hintergrund und die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang.
Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der zweiten Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als sechzig Personen.
Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig, begann zu scharren und zu stampfen.
Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich gekleidete Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell hinter der Bühne verschwinden.
Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt sprechen. Die Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es still, und bald nachher öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund der Bühne stand das Klavier vom Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum verneigte. Links weiter hinten stand ein kleiner runder Tisch.
Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit einem Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm das Glas und stellte es auf den Tisch.
Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse.
Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote Pluderhosen und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als Fußbekleidung die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße Perücke, an der Seite einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; den eingesunkenen Leib bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner schlecht schließenden Weste sichtbar war.
Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten Papierblumen, trug eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten. Auf ihrem grotesk geschminkten Gesicht prangten Schönheitspflästerchen, die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. Weiße schmutzige Atlasschuhe mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße.
Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand auf ihren Busen und begann in hohem Sopran zu singen.
Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände zusammen, verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: „Ach schrecklich, arme Frau!“
Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte lächelnd zurück, mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er näherte sich ihr singend, die Hand auf der Brust.
Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch sein Tenor erschien ihm ganz unerträglich.
Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück, sondern lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf. Sie sangen ein Duett.
Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage verändert, die Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und racheheischend.
Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief jemand laut: „Bravo!“ Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und Nicolás die Vorgänge.
Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den Chiasapontes.
Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend einen Brief, worauf er seinen Degen zog.
Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich aufschreiend warf sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten Gebärden eine leidenschaftliche Arie.
Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen die Brust. Flehentlich näherte er sich ihr.
Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und griff nach dem Glase.
Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor.
Die Heiterkeit beim Publikum wuchs.
Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er in einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift nehmen, und niemand könne sie mehr erretten.
Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief auf dem Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über.
Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der Reisemütze, der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein Taschentuch in den Mund gestopft und wand sich.
Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: „Ist das ernst oder komisch?“ Nicolás sagte leise: „Ich glaube komisch.“ „Eher wohl ernst“, meinte kurz Herr Dr. Bürstenfeger.
Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin schon längst als Leiche auf der Erde.
Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, bis, da capo-Rufe ertönten.
Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male.
„Bis, da capo!“ ertönte es von neuem.
Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um.
Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte vorwärts, und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er sich nach seinem Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine Gattin nieder.
Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall wollte nicht enden.
Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann wieder zurückzogen.
Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern. Man war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten flogen in den Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der Teller zitterte in ihrer Hand. Beinahe taumelnd verschwand sie hinter der Szene.
Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben.
„Pst, stille!“ ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick erschienen wieder beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke Tränen über die geschminkten Backen.
Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich.
„Meine Damen und Herren ...“, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er hielt inne und schluckte heftig. „... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß ich,“ zitternd berührte er seine Kehle, „daß ich nicht meiner Stimme diesen Erfolg zu verdanken habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich bin ein Greis ... aber das, was höher steht als die Materie, der Geist, der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz erloschen, er hat einen Widerhall bei Ihnen gefunden!“ — Wieder hielt er inne „Meine Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches Publikum zu treten!“
Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück.
Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander.
„Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?“ fragte Carlos Herrn Dr. Bürstenfeger.
„Arme, arme Menschen“, flüsterte der Lehrer.
Europa
Ilona Ritscher
gewidmet
Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken.
Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen.
Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die Luke, sahen aber nichts als Himmel und Wasser.
Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch Land.
Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose.
Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des Schiffes; dort waren sie der Küste näher.
Carlos sagte: „Man sieht nur Schiffe.“
Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck zurück.
Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem Horizont.
„Sieht man was?“ fragte Carlos gespannt.
„Nein, noch nichts!“
Herr Dr. Bürstenfeger erschien.
„Karl und Nikolaus,“ sagte er, „ihr seid heute frühzeitig auf!“
„Ja,“ antwortete Nicolás, „wir sind ja bald in Europa.“
„Na, das wird noch eine kleine Weile dauern“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd.
Bald ertönte die Frühstücksglocke.
Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil Herr Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute.
Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon Land sehen, wenn die Luft klarer wäre.
Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein Land.
Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und spielten Mühle.
Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler fuhren an ihnen vorbei.
Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am Eingang der Meerenge sei.
Aber Land sah man nicht.
„Wie schade, nicht einmal Afrika“, sagte Carlos.
„Wir bekommen Nebel,“ sagte der Herr mit der Reisemütze, „das wird eine schöne Durchfahrt!“
Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier gehüllt.
Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch erschienen.
Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen ein langgezogenes dumpfes Signal ertönte.
Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: „Die Sirene, da haben wir die Bescherung!“
Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum zweihundert Meter weit.
Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene.
„Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu wagen; ich mache mich auf alles gefaßt!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze aus.
„Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft“, bemerkte der Herr mit der Reisemütze.
Der Herr mit der Glatze meinte: „Damit uns ein fixer Engländer um so leichter in den Grund rennt!“
Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung!
Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene.
Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale.
„Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen“, bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger. „Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!“
Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder in ihren Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen.
„Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen“, sagte Nicolás.
„Es wird immer schlimmer“, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den Zähnen.
Wieder hörte man ein Nebelhorn.
Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger.
„Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!“
Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer.
Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte eine Toskanazigarre.
Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: „Wird dieser schreckliche Nebel noch lange anhalten?“
Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: „Das ist sehr schwer vorauszusehen!“
„Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger noch leiser.
„O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.“
Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.
„Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,“ baten Carlos und Nicolás, „es ist schrecklich langweilig hier.“
„Gut, aber ich komme mit euch“, antwortete der Lehrer.
Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.
Der Nebel war noch dichter geworden.
An der Reling lehnte der fröhliche Priester.
„Ich glaube, unser Dampfer steht still“, sagte er.
Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf.
„Ein Dampfer kommt uns entgegen,“ raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu; „gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!“
„Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!“ drängten die Knaben.
„Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu stören“, sagte der Herr mit der Reisemütze.
Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf und standen hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein.
Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre Mantel und Decken gehüllt.
Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die Offiziere hinter ihren Instrumenten.
Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung.
Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz.
Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn gerade über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene.
„Um Gottes willen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an die Ohren.
Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die Sirene der Lombardia.
„Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!“ Die Hände fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den dichten Nebel, er fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.
„Miserikordia!“ ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten; mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete Panik. Man sah seine Hände im Nebel fuchteln.
Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke hinab.