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Carlos und Nicolás

Chapter 8: Herr Dr. Bürstenfeger
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About This Book

Two young brothers grow up on the Argentine pampas and share boyhood exploits—hunting with boleadoras, riding ponies, and imagining distant lands and riches. A series of episodic adventures follows as they meet local characters, confront dangerous wildlife during a hunt, travel across rivers and mountains to Mendoza and Paraguay, witness a regional uprising, and sail via Rio de Janeiro toward Europe. The narrative mixes vivid landscape description, playful coming-of-age scenes, and travel episodes, alternating intimate domestic moments with broader cultural encounters that probe the boys' courage, curiosity, and developing sense of the wider world.

Die Tigerjagd

Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war ...

Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren.

Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung, trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend und den Kopf emporgereckt stehen.

Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und horchten entsetzt auf.

In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, schrie „Caramba!“

Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es war.

„Ein Tiger!“ rief Carlos und schnellte auf.

Auch Nicolás hatte sich erhoben.

„Was sagst du dazu, jetzt gibt’s auch Tiger hier!“ sagte Carlos.

Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.

Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal brüllen würde.

Richtig, da brüllte er wieder.

Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.

Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören ließe. Doch es blieb still.

Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.

Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.

„Hast du dir was gewünscht?“ fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.

„Daß wir den Tiger erlegen!“ antwortete der jüngere Bruder.

„Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!“ antwortete der andere. Dann schwiegen sie wieder.

Endlich sagte Carlos: „Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine kaufen.“

Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den Tiger ...

In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt.

Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: „Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger töten!“

Der Capataz brach in Lachen aus: „Ich werde euch Flinte geben!“ und machte eine Handbewegung durch die Luft.

Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen.

Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie unverrichteter Sache zurück.

Und es war ein Trost für die Knaben.

Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der Frühe weckte Carlos seinen Bruder: „Weißt du was, reiten wir zu Benito, er wird uns sicher sein Gewehr leihen.“

Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.

Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder zurück sein.

In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich schnell die zweite Hälfte.

Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken.

Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.

Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.

„Leih uns dein Gewehr!“ rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der neben einem niedergestreckten Stier stand.

Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: „Gib es uns, wir wollen einen Tiger schießen!“

„Tiger?“ lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar heruntergeschwemmt worden war, „die gibt es nur im Norden in Chaco!“ und war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.

Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute geschossen?!

Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen und sprach zu seinem Bruder: „Nimm es nicht so schwer; wenn wir groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.“

Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos lag am Fenster und brütete.

Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:

„Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!“

Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar vertrieben.

„Da brüllt er wieder!“ murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder ein.

Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. „Ich kann nicht schlafen, ich reite aus“, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, hinunterwürgend, „und wenn mich auch der Tiger verschlingt.“

Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die Pferde waren.

Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich näherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos ergriff es bei der Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal.

Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das Herrschaftsgebäude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.

Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná, an einer Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig nachstarrten.

Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden.

Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...

Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt.

Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser heraus und sagte sich, er läge zu Hause in seinem Bett.

Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit, bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er nach dem Grund unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien.

Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste sich schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete sich nach oben und schwamm zurück, mit einem Mal erfüllt von einem Gefühl furchtbarster Verlassenheit.

Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurück ...

Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war der Tiger.

Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der auf einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: „Ich kann mich verlassen, die Kanoe ist gut?“ und sah auf den Eimer, den dieser in der Hand hielt.

„Sie ist gut“, antwortete trocken Gonzales.

„Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!“ rief Dupont.

Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich handelte.

„Dupont!“ schrie er, „nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen ja nicht schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!“

Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr gestützt, in Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho.

Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: „Euch kleine Bengels, euch soll ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!“

Pause.

„Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!“

Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte.

„Warte vier Minuten noch!“ rief er, „wir ziehen uns an, ohne uns zu waschen!“

Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten später in ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur Tigerjagd.

Mes braves garçons,“ entschlüpfte es Dupont auf französisch, „ihr dürft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil ihr so tapfere Bengels seid.“

Stolz umklammerte Carlos das „Remington“, doppelt stolz, weil er glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte.

„Ist die Kanoe auch wirklich gut?“ fragte der Franzose mit einem mißtrauischen Blick auf den Eimer.

„Gut genug“, sagte verächtlich der Gaucho.

Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken, daß die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten schwammen darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche.

Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das Wasser herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein nicht unbeträchtliches Loch war.

Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache nichts.

Und so stieß man denn ab.

Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der Kanoe, das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich mit Wasser; Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt.

Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre Gesichter glühten vor Erwartung.

„Endlich,“ sagte Carlos, „endlich werden wir den Tiger erschießen!“

Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre, klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer: „Der Tiger ... schieß, Dupont!“

Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab.

Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.

„... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes, wahrhaftig, ich glaubte ...“ stammelte Carlos.

Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von dem er wußte, daß er ihn verachtete.

Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter allgemeiner Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten.

Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne Ergebnis.

„Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,“ sagte Carlos leise zu Nicolás, worauf Nicolás erwiderte: „Sei ruhig, wir werden ihn schießen, erinnerst du dich nicht an den Meteor?“

Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm Carlos, dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt, wie es Dupont befohlen hatte.

Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich schreiend Wildgänse und strichen gen Norden.

Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.

Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht weit vom Ufer, seine Hütte hatte.

Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte ...

Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte mit selbstverständlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...

Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont, Carlos und Nicolás und Gonzales.

Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und Chiripá, auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und anderen Vögeln bis zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine eingezogen.

Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend.

Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend.

Herr Dr. Bürstenfeger

Im Herbst war man in Buenos Aires.

Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut Josés, des Knechtes.

Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den Schwanz ein, machte einen jähen Satz, und der Wagen warf um.

Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und jauchzte.

Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der Mulattin Zenobia: „Kommt den Lehrer abholen!“

„Der Lehrer!“ murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen.

Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige Hauslehrer, beständig im Sinn.

Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht Tage darauf schon sagte der Papa: „Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.“

Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher Galicier, grinste schadenfroh.

Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: „Jetzt ist er in Teneriffa.“

Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff draußen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause: Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger Sachse, der Kutscher und vor allem José, der Knecht ...

Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen ins Haus, um sich anzuziehen.

Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch, sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter ihnen her.

Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen, die wie Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.

Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die durchaus nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei Knäuel Bindfaden für einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe machten ihn ganz wahnsinnig.

Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und heulte.

Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum Papa ins Bureau.

Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.

Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein.

Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch Tränenspuren auf den Backen hatte: „Du hast geweint, warum?“

„Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen“, antwortete Carlos.

„So ziehe sie doch aus“, meinte der Papa lächelnd.

Carlos gehorchte und dachte: „Du hast doch einen guten Papa.“

Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach der Landungsbrücke.

Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte Wäsche, und Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen.

Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte von Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont sah man die Rauchsäulen der überseeischen „Steamer“ aufsteigen.

Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die sich ein paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das Wasser nicht höher als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie Droschkenkutscher.

Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.

Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die Ufer im Horizont.

Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff, aber sie hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren enttäuscht.

Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr Lehrer wohl aussehen möchte.

Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen. Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter, wo ebenfalls am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten hinauf.

Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann, stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicolás: „Ich sehe ihn nicht“, und Nicolás erwiderte: „Wo ist er wohl?“

Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen mit ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des Kolosses.

„Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?“ fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund, der auf einer Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den Rücken zukehrte.

Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: „Herr Dr. Bürstenfeger ...“

Carlos und Nicolás waren starr.

So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen Bart.

Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht.

Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer hinunter.

Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.

Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger aufmerksam zu betrachten.

Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig, die Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus.

Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte.

Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein sehr grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn Zenobia geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mühe.

Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: „Es wird euch nicht unbekannt sein, Karl und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Ströme der Welt ist?“

„Ja, ja“, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie weiter sagen sollten.

„Was eure Heimatstadt anlangt,“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, „so werdet ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris nahekommt, und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure Häuser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.“

„Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?“ fragte Carlos begierig.

Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: „Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika nur flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe, aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...“

So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die Karren stieg.

Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle Beförderungsart; er hatte darüber noch nichts gelesen.

Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei der Hand, Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr dann nach Hause.

Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.

„Du verfluchte Schwarze,“ schrie er, „warum hast du mich angelogen; er hat ja gar keinen langen Bart?!“

Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: „Paß auf, der Bart wird ihm schon noch wachsen!“

Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht, und dann war es Zeit zum Abendessen.

Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger. Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse für sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern und Hahnenkämpfen, und Herr Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem Erstaunen auf sie, aufs höchste aber erstaunte er darüber, daß, wenn ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen ließen, ohne daß Papa und Mama etwas sagten ...

Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging mit ihnen in den Garten.

Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: „Karl und Nikolaus, ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden euch hinlänglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen Kreis für euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam, lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen machte kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche ... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?“

Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause.

Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen.

Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch Argentinier, dachten sie.

Carlos erwiderte endlich: „Aber Deutschland verliert doch immer gegen Argentinien?!“

„Wieso, Karl?!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht.

Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es war ihm nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen.

„Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,“ erzählte Carlos, „und ich stand mit dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.“

Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann etwas erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen.

Schweigend gingen sie weiter.

Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: „Ich will Argentinier sein, aber ich will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.“

Und Nicolás sagte: „Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!“

Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger

Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: „Ihr dürft wie zuvor allein ausreiten, nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr Karriere, ich bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.“

Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter Erwartung, war aber im übrigen milde.

Die Knaben fühlten beide: „So frei, wie wir früher waren, sind wir nun freilich nicht“, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und außerdem Zenobia bestimmt wußte, man würde einen anderen Lehrer anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wäre dann wirklich fürchterlich.

Carlos und Nicolás antworteten: „Wir werden nicht Karriere reiten“, aber als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld, und schon rein aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel schießen und ritten Karriere.

Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.

„Karl und Nikolaus,“ sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter Traurigkeit in der Stimme, „habt ihr Karriere geritten?“

Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts.

„Zeigt ihr euch so?! ...“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender Traurigkeit fort. „Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht, wascht euch die Hände, es ist Zeit zum Abendessen!“

Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch, gab ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand und dachte: „Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und Nikolaus.“

Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl erfüllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!

Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.

Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet hatte, sagte der Ältere: „Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger spielt, denke ich mir alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß bin, und ich mache weite Reisen in Ländern und auf Meeren, und wenn er aufgehört hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr so schön.“

„Seltsam,“ meinte Nicolás, „wie du das nur so sagst; ganz das gleiche fühle ich auch! ...“

Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...

Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei Wochen hatte der Unterricht begonnen.

Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal vernehmlich an Carlos’ und Nicolás’ Türe, die Knaben sprangen aus den Betten und zogen sich an.

Dann ging es hinunter zum Frühstück.

Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf Herrn Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.

Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man über eine Viertelstunde bei Tisch.

Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte äußerst langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche Ansinnen an Carlos und Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine Vorschrift vergaßen.

Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang. Herr Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der Hand.

Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer statt, in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit einem Schwamm.

Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.

Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch und fragte: „Karl, wieviel ist 3 + 2?“

Pause — Carlos schwieg.

Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus.

Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.

Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es.

„Karl, wieviel ist 3 + 1?“

Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.

„Sei gehorsam, Karl!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein wenig auf, wobei er etwas rot wurde.

Carlos schwieg ratlos.

„3 + 1“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.

Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen verloren. Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das waren vier. Es fehlte ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst.

Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: „Es kann nicht böser Wille sein!“

Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.

Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel.

„Karl, was für ein Buchstabe ist das?“

„U!“ rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel einen Uhu gesehen zu haben.

„Richtig! Und das?“ Er schrieb ein I hin.

„I!“ rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.

„Bravo!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin.

„E!“ sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.

„Merkwürdig, merkwürdig,“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, „wie seltsam bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier wohl not!“

Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach der Terrasse, und es kam Freiturnen: „Beinstrecken“, „Kniebeugen“, „Fußwippen“, „Mähen“, „Holzhacken“ usw. Diese Übungen begleitete Herr Dr. Bürstenfeger mit seinem eigenen Beispiel.

Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.

„Was ist das für eine Blume?“ fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.

„Nelke!“ riefen Carlos und Nicolás.

„Nelke“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.

Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: „Was ist das für eine Frucht?“

„Granatapfel!“ riefen sie.

„Granatapfel“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.

„Das ist ein Säugetier“, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf einen Wurm. Er wollte sie irreführen.

„Nein, kein Säugetier!“ riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie doch zu genau.

Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das Mittagessen.

Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.

„Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!“ sagten sie kläglich.

Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.

„Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!“ antwortete er nicht ohne Milde, aber bestimmt.

Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.

Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte sich nicht einmischen.

Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn hinunter, daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen.

Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Hütte, machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem Geburtstag für den Salon schenken.

„Komisch,“ sagte Nicolás, „wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht, erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie einem besser vor.“

Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so gemeint.

Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn es fand der „große Spaziergang“ statt.

Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke und dünne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den Bleistift zu drücken.

Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste vom ganzen Schultag.

Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann wiedererzählen.

Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen Bildern geschmückten Sagenbuch.

Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und Nicolás waren ganz aufgelöst.

Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt benahm sich Carlos.

„Weißt du was,“ sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, „sobald wir vom großen Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.“

Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden.

Die „großen Spaziergänge“ aber dauerten mindestens bis um sechs. So hatte es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet.

Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen.

Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr. Bürstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem, aber regelmäßigem Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit gedämpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen.

Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte.

Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll trockenen Kotes nachwarf.

Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger aber drückte strafend seine Hand und sagte: „Karl, kümmere dich nicht darum!“

So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das Pflaster zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der Leitung gearbeitet wurde. Große, beladene Karren fuhren unter fürchterlichem Getöse langsam und schwerfällig aneinander vorüber, die Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend, mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in Bewegung zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen Augen.

Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf und keuchte.

Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: „Schon über 30 Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.“

Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten Publikums und der schönen Läden.

Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.

Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg darauf in Riesenlettern.

„Amerikanismus!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit dem Fuß auf.

Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. Bürstenfeger ermahnen.

Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger seine Uhr und sagte: „Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.“

Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.

Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet erwiesen.

Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.

Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.

„Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?“ fragte Carlos leise.

Nicolás quiekte: „Großartig, ganz wie eine magere Ziege!“

Carlos fragte: „Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus wie ein Huhn?“

Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und bestätigte es fröhlich.

Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche sehr unpassend.

Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten Straße.

Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des Schulzimmers: „Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.“

Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.

Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:

La mesa der Tisch.“

Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst erfundenen Melodie: „Ich will kein Deutsch lernen!“

La mesa der Tisch“, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen Lächeln.

Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.

Tschisch, tschisch“, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine Verhöhnung der deutschen Sprache.

Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach Carlos und Nicolás aus.

La mesa der Tisch“, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.

Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.

Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter eine lange Gardine und war unsichtbar.

Herr Klausroth folgte ihm.

La mesa der Tisch“, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.

Er rieb sich die Hände: „Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! La mesa der Tisch.“

Nun erfolgte gar keine Antwort.

Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er schien ungemein aufgeräumt zu sein.

Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: „Tschisch, tschisch, tschisch!

In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der Schwelle, eine Gerte in der Hand.

Er hatte geahnt, was vorging.

Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.

Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.

In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel bekommen sollte.

Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache ...

Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung noch mächtig in ihm war.