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Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman cover

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 13: Der englische Graf
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About This Book

A nearly speechless, adolescent stranger appears in a town and becomes the focus of intense public curiosity and official inquiry. Confined and observed, he exhibits childlike movements, fragile physical traits, and a bewildering mixture of fear and simple pleasures while gradually revealing a single name. The narrative traces how caregivers, doctors, and citizens react—ranging from tender compassion to suspicion—and how rumor, investigation, and solitude shape his emerging identity. Interwoven reflections consider belonging, human dignity, and the emotional inertia that hinders connection, presenting a close study of isolation, social gaze, and the moral complexities of caring for an enigma.

Die Grundsätze triumphierten.

Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar, daß dem ein Zwang obwaltete, und er hörte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm entstand, riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und lauschte. Er wußte genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und seine Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern des weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür, öffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam; sie sagten, er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron zu verklatschen.

Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er schritt fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einlaß heischte, mußte sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen. Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als hätten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von bläulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.

Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, daß sie von schwacher Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, daß er unter lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste. Einer nahm ihn und nährte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt. Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder woandershin.

Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett von Kindheit an, keiner durfte sie losreißen, sie hatten Rechte. Das war es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um Geld dienten, die zu den Füßen derer lagen, welche man als reich bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest auf der Erde, hielten irgend etwas fest in den Händen, sie verrichteten eine Arbeit, man bezahlte sie für die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der dritte baute Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie nicht wegreißen von der Stelle, wo sie hausten?

Darum war es, ja, darum war’s: weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er gekommen sei und was er sein wollte.

Das war es, Caspar wußte nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er mußte es herausbringen, warum. Er mußte zu erfahren suchen, wer und wo sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mußte er hingehen und sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.

An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, daß er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch manchmal schwer wurde, solche Überwindung zu üben, sei es durch ein eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender Blick Caspars an sein Herz faßte, es gab kein Schwanken, das Prinzip, grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, daß man die Grenze der Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite.

Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an, als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte.

Caspar überlegte, ob er sich aufschließen dürfe. Wie bei jeder Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit einem Ton aus innerster Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?«

Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene, als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon nachgedacht, erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am meisten Lust habe.

Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.

»Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort. »Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du könntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.«

»Dürft’ ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte Caspar versonnen, der so geduckt saß, daß sein Kinn die Tischplatte berührte.

Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hieße eben den Beruf vernachlässigen,« antwortete er.

»Ich könnte ja auch Uhrmacher werden,« sagte Caspar; er hatte in diesem Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er sah einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu läuten befiehlt, der goldene Rädchen ineinander fügt und durch einen Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse bannt. Überhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens. Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache überlegen.

Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß gelangt,« sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über noch in meinem Haus. Wenn du fleißig bist, kann deine Ausbildung in den Elementarfächern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind. Bist du’s zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur frisch heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.«

Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er hin und her, dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen.

Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen eine Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte – die Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer –, so unbehaglich war ihm bei solchen Tönen. Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute, dachte er, er solle sich äußern, wie es ihm gefalle, und er sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch’ ich keine Musik.«

Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was maßest du dir an?« entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln. Im übrigen geh auf dein Zimmer.«

Caspar war es ganz lieb, daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lästig. Vieles entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen, das überaus Reinliche seines Körpers, die porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute ihnen; blasse Nägel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der Grausamkeit.

Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon betören lasse; es war ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wußte Caspar nicht zu sagen.

In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand, verlöschte er die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er häufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wußte, von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse, hob sie wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da waren, zitterte er davor, daß sie den Mond berühren könnten, weil er glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden.

Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich, ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der Studiosus, ließ ihn gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn zurück. Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster, sein Gesicht war so bleich, daß der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei.

»Mir war, wie wenn jemand käme,« versetzte Caspar.

»Wie wenn jemand käme? Wer denn?«

»Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.«

Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch draußen im Reich, des langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals über solche Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg.

Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wußte – denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her Beeinflussungen mit gutem Grund –, aufs genaueste durchzulesen. Hin und wieder geschah es, daß er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung über sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der »Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche Erzählung:

Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht weiß der von meinem Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner kennt mich, keiner vermißt mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.« Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.

Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der ›Magdeburger Zeitung‹ neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, daß seinerzeit ein Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus, daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im Elsaß, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den Täter hatte man nie entdeckt.

»Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt, nicht endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der ›Morgenpost‹, nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege!«

Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu überlegen. Dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte sich, daß es eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen gewollt, und sagte hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen Sie übrigens dazu? Die meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist, daß die Sache damals in der ›Magdeburger Zeitung‹ gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?«

Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise: »Ich hab’ es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.«

»Vom Kerker und vom Throne,« fügte der Studiosus mit sonderbarem und begierigem Lächeln hinzu. »Daß Sie es nicht geschrieben haben, glaub’ ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.«

»Aber wer kann es geschrieben haben?«

»Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein verborgener Freund vielleicht.«

»Vom Kerker und vom Throne,« lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um kein Aufsehen zu machen, die Stunde über sitzen und entfernte sich dann still.

Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus, alle Freunde der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.

Während er noch stand, ans Geländer gepreßt, den Kopf vorgebeugt, und er sich so recht verstoßen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte. Caspar schüttelte den Kopf und sagte: »Süßes mag ich nicht,« worauf der Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte.

Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die des Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süßes mag er nicht? Warum mag er denn Süßes nicht?«

Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe ging, pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.

Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist anzunehmen, daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich spürte er eine lähmende Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehört, und den Arm ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen, nicht schlagen!«

Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gerücht, es sei etwas passiert, und da Caspars Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen Damen waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb schauend stehen.

Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings abgeschreckt, auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter stutzig.

Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn zurück, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau, fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war, und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der Diener, der eine silberne Platte in Händen hielt; war das nicht alt? Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Süßes oder Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf einen Befehl zu harren schienen, darauf warteten, daß einer käme, noch festlicher angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mußten? Und diese schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern, deren Blicke tief und bang waren? Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen hinab ins Licht verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam, er spürte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte; ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.

Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst stilles Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett zu begeben, wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen.

Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, daß den Grundsätzen eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen schien, durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer unentschieden. Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen.

Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen mußte, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, daß er jeden Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem beständigen innerlichen Spähen, und seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt, wenn er seine häßlichen Füße gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von Menschen, die täglich seine Erwartung enttäuschen mußten.

Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich, und die aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff für seine Ideen geliefert.

Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel. Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, daß man neben seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah.

Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein eigentümliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler Atem streife. Jählings richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand und gewahrte eine große Spinne, die an einem Faden in der Nähe seines Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfähig, sich zu regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über das weiße Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich herschleppend.

Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut bedeckt. Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und seltsam schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?«

Die Spinne duckte den gelblichen Leib.

»Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend.

Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst du dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du was? Ich tu’ dir nichts ...«

Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den Stuhl, wo die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich hin. Es schlug vier Uhr draußen und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurückgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem Taschentuch ab.

Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war er schon müde. Obwohl ihm schließlich nichts mehr fehlte, hatte er keine Lust, das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, daß sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis waltete, ward er besorgt.

Nun geschah es an einem dieser Tage, daß ein auswärtiger Bote im Haus vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm einen Brief auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis dazu. Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich für berechtigt, den Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter Fassung; noch rätselhafter dadurch, daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun solle. Brief und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern, erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem Rechtsgefühl. Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei.

Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen, vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen seiner Treue und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott fleht.«

Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und weinte still für sich hin. Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.

Der englische Graf

In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und alsbald verließ ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrüßte leutselig den herbeistürzenden Wirt, der eines solchen Gastes nicht gewärtig war, da in seinem Hause fast nur Kaufleute und Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten Zimmer, und ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier von Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer, den Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle. Der Ankömmling verlangte von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder ehrfürchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen: »Henry Lord Stanhope, Earl of Chesterfield, Pair von England.«

Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, daß noch spät abends Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten, hinter denen der erlauchte Herr logierte. Am nächsten Morgen gab der Lord in der Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten der Stadt seine Karte ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in seinem Quartier die Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich der früheren Anwesenheit des Lords natürlich wohl erinnerte.

In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf Stanhope ohne Umschweife, daß wie jenes erste Mal so auch heute die Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt bilde. Er hege für den Findling die größte Teilnahme, sagte er und ließ durchblicken, daß er etwas Entscheidendes für ihn zu unternehmen gesonnen sei.

Der Bürgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es die Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.

»Was für Vorschriften?« fragte der Lord rasch.

Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht freundlich gegenüberstehen; außerdem könne man ohne Wissen des Staatsrats Feuerbach keine Veränderung befürworten, die das Leben Caspar Hausers betreffe.

Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht. »Da werde ich einen schweren Stand haben,« bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des Überfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden können. Dies mußte Binder verneinen; er entgegnete, die so großmütig zur Verfügung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde zurückerhalten, da doch jede Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.

Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschließlich mit der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er eingeladen oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel, wozu er eigens einen französischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine geheime Absicht war, sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu verschaffen, so blieb ihm darin nichts zu wünschen übrig. Wenn er den Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennen zu lernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab sich rückhaltlos, man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte seine geringsten Handlungen.

Jeder Anlaß war ihm recht, um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken; er wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rührenden Einzelheiten, die man zu berichten wußte, fand es aber dabei doch nicht notwendig – eine Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden wurde –, den Professor Daumer zu besuchen, sondern begnügte sich damit, den Gefängniswärter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen.

Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, schilderte so beweglich, daß es von einem unter Verbrechern ergrauten Mann wunderbar zu hören war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende Darniedersinken Caspars während seines Aufenthalts im Turm; zum Schluß rief er, glühend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld des Jünglings bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte. Graf Stanhope war sichtbar erschüttert; er lächelte, sagte, hier sei ja nicht von Schuld die Rede, und entließ den Mann fürstlich belohnt.

Nun endlich entschloß er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar selbst gegenüberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb er dies so lang verzögere, hatte er erwidert, er bedürfe dazu seiner ganzen Sammlung und Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar zum erstenmal sehen werde, sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.

Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die Karte des Engländers brachte. Es versteht sich von selbst, daß er von der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen Umtrieben unterrichtet war. Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in ihm sah, war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen.

Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er überrascht, als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im Nu schwand seine durch das Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene Abneigung.

Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann, das spürte Herr von Tucher auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz von Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person. Da seine Haltung stolz war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht weibisch; die Züge, durchaus englisch markant, waren edel geschnitten und ließen die fahle Färbung der Haut vergessen; das wechselnde Feuer der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle, bald an die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde in einen Zustand angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das schnell in Fluß gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde.

Die bloßen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und Kenntnis des Lebens, und was er sagte, eroberte die Zustimmung des Hörers mühelos.

Auf die Beweggründe des Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister in der Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn konnte Herrn von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende Bürgschaft. Was konnte einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein? War es nicht Feingefühl und angestammter Takt, so war es eine Verschwiegenheit, die zugleich das Gelöbnis enthielt, zur gebotenen Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von Tucher fand sich dadurch eher verpflichtet als enttäuscht; ohne die ausgesprochene Bitte des Lords abzuwarten, fragte er höflich, ob es ihm genehm sei, Caspar zu sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lächelnd abwehrte, läutete er und gab Auftrag, daß man den Jüngling hole.

Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem Lauschen an der Tür, und der Lord saß mit übergeschlagenen Beinen, den Kopf in die behandschuhte Linke gestützt, das Gesicht dem offenen Fenster zugekehrt. Es war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag blaustrahlend über dem fächrigen Geschiebe der roten Dächer, zwitschernde Schwalben schossen längs der grauen Häuserfronten hin. Als Caspar in das Zimmer trat, veränderte Stanhope langsam die Richtung seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien er doch das ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch während Caspar, durch ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustern Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit überraschender Erregung und sichtlich tiefberührt: »Caspar! Also endlich! Gesegnete Stunde!« Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und wie zu einem Tor, das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden, begab sich Caspar in diese geöffneten Arme, ein heller, scharfer, kühler Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten, und er vermochte weder zu sprechen noch sich zu regen.

Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten gehört, war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der Diener ihn rief, war es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe. Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn ihm bisher die Hälfte seines Herzens gefehlt hätte, fühlte er sich auf einmal ganz geworden, rund und neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll erschaffen. Mild an ihre Glocke schlug die Uhr und das Licht des Nachmittags war wie Honig und süß zu schmecken.

Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend große Wirkung. Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig bewegt und die Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war ohne Zweifel verwirrt, die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm, und bei der ersten zärtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme rauh. Mit der Hand streichelte er Caspars Haare, preßte die Wange des Jünglings gegen seinen Busen, und ein verlorener Blick traf den stumm abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit Verwunderung die ungewöhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil das Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte, ob er Caspar für einige Stunden mit sich nehmen dürfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher nicht widerstehen konnte.

Bald darauf saß Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist mußte natürlich mit und saß hintenauf. Während das Gefährt zum Tor hinaus gegen die Maxfeldgärten rollte, entspann sich langsam ein Gespräch.

Caspar klagte, zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon versöhnt mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt und verstanden wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt tat sich ihr Himmel auf und es zeigte sich ein waltender Arm.

Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sich’s: hier war einer, der wissen mußte! Caspar fragte. Kühn und leidenschaftlich fragte er: wer bin ich? wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine Mutter? Und die Antwort des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung. »Geduld, Caspar; bis morgen nur Geduld: das läßt sich nicht in einem Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen. Erzähl mir lieber: wie hast du gelebt? Erzähl von deinen Träumen. Man sagt mir, du habest wunderbare Träume. Erzähl!«

Caspar ließ nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den Lauscher stutzig, er umschloß Caspar fester und verbarg so sein Gesicht vor ihm; bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor Schreck zusammen, und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten über das Leben Caspars im Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der Gegenstand war gefahrlos. Stanhope fand sich ergötzt durch Caspars ursprüngliche und bezeichnende Ausdrucksweise, die komische Anwendung von Sprichwörtern und Nürnberger Redensarten. Auf dem Rückweg fragte er, wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. »Hab’ mich nicht getraut, ihn an den Finger zu tun,« antwortete Caspar.

»Warum denn nicht?«

»Weiß nicht warum.«

»War er dir nicht schön genug?«

»O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab’ immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.«

»Aber jetzt wirst du ihn tragen?«

»Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiß ich, er gehört wirklich mir.«

Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von Caspar und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gasthof. »Auf Wiedersehen, Liebling!« rief er ihm noch zu.

Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war tot.

Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde war er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert.

Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küßte ihn vor vielen Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem Tischlein Geschenke für Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene Hemdknöpfe, silberne Schuhschnallen und feine weiße Wäsche. Caspar traute seinen Augen nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die Kehle, er wußte nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des Spenders in der seinen festzuhalten.

Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge sind ja nur geringfügige Merkmale meiner Liebe zu dir,« sagte er; »das Wirkliche, das Große, was ich für dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so, wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.«

Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, daß ein Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig, nur sein Auge gab Kunde in einem schwärmerischen Blick.

Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloß für sie beide gedeckt war. Sie nahmen Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar, als Caspar erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden, Caspar, wenn wir zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen Hügeln glüht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du mich so an? Glaubst du mir nicht?«

»Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd.

»Gewiß werden wir das. Denkst du denn, daß ich mich von dir trennen will? Oder denkst du, daß ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel Übles widerfahren ist?«

»Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, preßte wie außer sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die Schultern bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? Und der Herr Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor lauter Hast plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze Betrübnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Männer könnten die Pläne des Grafen mißbilligen oder zunichte machen.

»Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich haben, dein Weg führt dich über sie empor,« antwortete Stanhope ernst und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.

Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau aus dem Traumschloß. Mit einer ergreifenden Gebärde des Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie mich zu meiner Mutter bringen?«

Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die Hand. »Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar,« flüsterte er dumpf. »Ich werde reden und ich muß reden, aber du mußt schweigen, keinem andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein Gelöbnis! Herzensmensch! Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!«

Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?« fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug.

Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob ich dein Bruder wäre.«

In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete. Durch die geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, als wünsche er, daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar würden. Er tat, als könne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab, sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging ans Fenster, beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch. Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mäßigte er sich trotzdem nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine Empfindungen ohne Scheu preisgibt.

Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war groß. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und aufbewahren,« äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus zu treiben.«

Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein,« rief er aus, »das gehört mir! Das ist mein, und ich will’s haben, das darf mir keiner nehmen!« Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.

Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu erwidern, verließ er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, ein Undankbarer! Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltäter verleugnet, wenn der andre besser zahlt!

Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. Sie machten ein zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche.

Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich mich schämen müßte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab sich Mühe, die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, daß er dem Vormund die Geschenke freiwillig überreiche.

Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und verließ ihn in bester Zuversicht. Auf den verheißenen Gehorsam Caspars wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu machen, begnügte sich Herr von Tucher vorläufig, den Ereignissen ruhig zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes, der sich hintergangen fühlt. Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, über die Art seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand ihrer Gespräche sich zu äußern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet.

In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich änderte sich das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten mußte. Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde; er behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung. Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu gelten, war es leicht, den Verstoß auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.

So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung überlassen; der düstere Turm barg die größten Schrecknisse seines Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten, vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriß sie nicht mehr zu Pausen des Grauens.

Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. Caspar erfuhr von den Alpen und daß dort Berge mit ewigem Schnee seien und glückliche Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien – das Wort war schon ein Rausch –, geschmückte Kirchen, enorme Paläste, Gärten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen märchenhaft blauen Himmel und die schönsten Frauen. Er sah das Meer und Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so groß, daß er manchmal plötzlich lachen mußte. Einmal wirklich dort sein dürfen in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein dürfen, und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine Freude, die weh tat.

An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, Gemmen, Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen und vieles andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter Welt und großem Schicksal.

»Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa, »und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne Miniature habe ich bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies Tonfigürchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base aus Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in Zelten und treibt Alchimie und Astrologie.«

Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheißungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch und Lüste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu öffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen Äther zu erzählen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht.

Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den weißen Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmäßig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut, dann saß er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt düster an dem Jüngling vorüber. Da faßte Caspar einmal Mut und fragte: »Bist du denn eigentlich glücklich, Heinrich?«

»Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon von Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir aufblättern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst ...«

»Ist denn das möglich, wird denn das sein?«

Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Größe zu sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen sind, wo man Kräfte sammeln kann für den entscheidenden Schlag.«

Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei. Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die balsamische Luft, das behagliche Weilen überall, Frühling, Herbst und Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse.

In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem Schmerz eines auf immer Verstoßenen. Zum andern Teil aber enthielten sie viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt unter Umständen davon schwärmen ließ, seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem Leben. Er wußte sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das Opfer feindlicher Mächte ist. Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den edeln Sproß des Hauses verschworen und er, ein Mann von fünfzig Jahren, ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!

Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die Vermummung abwarf. Es war bittersüße Lust, die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie für alle übrigen thronte.

Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden Menschen; außen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und Gebärde gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln.

Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.

Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei überrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen, waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt, ihn von einem Maler konterfeien zu lassen.

Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten sich, die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen.

Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen, daß er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er mußte sich entschließen zu handeln.

Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht

Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.

Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister, zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.

Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.

Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei. Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. »Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«

Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.

Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.

Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war, vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.

Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher im Teilen sein.«

Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen, aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei Nacht wieder in seine Fäden trennte.

Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats, zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist, Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar; Fürstensöhne weinen nicht.«

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.«

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und, feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.

Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennen lernen, du Schlack!«

Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.

»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,« versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts, eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten.

Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend.

Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden. Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art, sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen, wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß, doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien, war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.«

»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht!«

Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab’ ich’s geschrieben,« sagte er.

Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich’s nicht lesen?«

Caspar schüttelte den Kopf.