WeRead Powered by ReaderPub
Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman cover

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 22: Schloß Falkenhaus
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A nearly speechless, adolescent stranger appears in a town and becomes the focus of intense public curiosity and official inquiry. Confined and observed, he exhibits childlike movements, fragile physical traits, and a bewildering mixture of fear and simple pleasures while gradually revealing a single name. The narrative traces how caregivers, doctors, and citizens react—ranging from tender compassion to suspicion—and how rumor, investigation, and solitude shape his emerging identity. Interwoven reflections consider belonging, human dignity, and the emotional inertia that hinders connection, presenting a close study of isolation, social gaze, and the moral complexities of caring for an enigma.

Joseph und seine Brüder

Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine Schachtel mit Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem Anzug. Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen. Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar geleitete den Grafen auf die Gasse. Er war bleich bis in die Augen; dreimal umarmte er den Scheidenden und biß die Zähne zusammen, um nicht aufschreien zu müssen, war es doch ein Stück seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm trennte – für immer, das fühlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen Mann wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und Täuschungen.

Auch der Lord war zu Tränen gerührt. Es entsprach seiner reizbaren Natur, sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung zu überlassen. Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwürfen; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurückdrehen; die Kutsche war schon im Fahren, da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel, die beide am Tor standen, mit feierlich hochgezogenen Brauen zu: »Bewahrt mir meinen Sohn!«

Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust. Das Gefährt rollte gegen die Krailsheimer Straße.

Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann; sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, daß sie die Zeit verpaßt hatten. Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen, forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig zustimmte. Hickel bat, sich anschließen zu dürfen.

Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen, als Quandt rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm, ohne zu fragen, weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur folgte, wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt seinerseits machte sich nun daran, das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank öffnen. In der Kommodeschublade fand er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch den Schrank durchstöberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bücher, das Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.

Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner Frau durch die offene Tür zu: »Siehst du, Jette, was ich immer sage: der Kerl hat’s faustdick hinter den Ohren.«

»Ja ja, er ist falsch wie Bohnenstroh,« erwiderte die Frau, »und lauter Scherereien macht er einem.« Sie schimpfte bloß ihrem Mann zu Gefallen, denn im Grund hatte sie den Jüngling gern, weil noch nie ein Mensch sich so höflich und nett gegen sie betragen hatte.

Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein edles Werk betrogen wurde. Und war es nicht so? War es nicht seine Mission auf dieser Erde, die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht üben, wo der Atem der Lüge wehte.

Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin eine längere Rede, worin er sich folgendermaßen aussprach: »Sieh mal, Jette, ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon aufgefallen? Kann man annehmen, daß so ein Mensch jahrzehntelang in einem unterirdischen Loch vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man seine fünf Sinne ordentlich beieinander hat? Von seiner gerühmten Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen gestanden, nichts entdecken. Er ist gutmütig, ja; gutmütig mag er sein, aber was beweist das? Und wie er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert als der ausgemachte Duckmäuser, der er ist! Da hat deine Freundin, die Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natürlich daran, ihn zu überraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke – es ist sonderlich anzuschauen. Ich weiß nicht, ist er so geistesabwesend oder stellt er sich nur so, aber wenn er mich dann bemerkt, verändert sich sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet. Einmal hab’ ich ihn sogar am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden. Was kann das bedeuten? Es steckt eben was dahinter.«

»Was soll denn dahinter stecken?« fragte die Lehrerin.

Quandt zuckte die Achseln und seufzte. »Das mag Gott wissen,« sagte er. »Bei alledem mag ich ihn leiden,« schloß er mit versorgtem Stirnrunzeln; »ich mag ihn gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche. Man muß aber sehen, was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um den Menschen.«

Die Lehrerin, die sich für die Nacht frisierte, war des Schwatzens müde. Ihr hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schläfrigen Vogels, und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten matt ins Kerzenlicht. Plötzlich ließ sie den Kamm ruhen und sagte: »Horch mal, Quandt.«

Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag über dem ehelichen Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die unaufhörlich auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften Hausgenossen.

»Was mag er treiben?« meinte die Frau verwundert.

»Ja, was mag er treiben,« wiederholte Quandt und starrte finster zur Decke. »Ich weiß nicht, mir wurde immer gesagt, daß er mit den Hühnern schlafen geht; ich merke nichts davon. Nun siehst du’s, da soll man sich auskennen. Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht abgewöhnen.« Quandt öffnete leise die Tür und schlich auf Pantoffeln vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die Treppe empor, und als er vor Caspars Tür angelangt war, versuchte er durchs Schlüsselloch zu spähen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben gebückten Stellung das Ohr ans Schloß. Ja, da wandelte er herum, der Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne.

Quandt drückte die Klinke, die Tür war versperrt. Da erhob er seine Stimme und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen mäuschenstill.

Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, daß mit unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon lag sie stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt wollte die Magd schicken; die Frau sagte: »Nein, das geht nicht, geh du selber, die Person ist blöde und wird den Weg verfehlen.« Wohl oder übel mußte sich Quandt dazu entschließen, so unbequem auch die Sendung war, denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut, zweitens fürchtete er sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen, war doch erst zu Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist überfallen und halb erschlagen worden.

Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder herein, durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das Nähtischlein umwarf, was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte, daß er mit den Händen seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwünschte. Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrückte, entnahm ihrem Zustand den Mut, ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene Aufrichtigkeiten zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines Söhnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die Magdkammer getragen hatte, trollte er sich endlich.

Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern die schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die Laute, immer greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine Zeitlang stille, dann knarrte die Haustüre, Schritte gingen, Schritte kamen, und nun begann das Schreien viel ärger. Caspar dachte, ein großes Unglück sei passiert; sein erster Trieb war, sich zu retten. Er lief zur Tür, sperrte auf und eilte die Stiege hinab. Die Wohnzimmertüre war offen, überheizte Luft quoll ihm entgegen. Die Magd und die Nachbarin standen geschäftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie nach ihrem Mann, schrie zu Gott und bäumte sich auf.

Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Köpflein sah er, einen weißen kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben mit Händen, die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder zitterten an Caspar, er wandte sich um, und ohne daß ihn jemand erblickt, floh er die Stiege hinauf, sank auf dem obersten Treppenabsatz atemlos hin und blieb sitzen.

Wieder ging die Haustür, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon stürzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: »Ein Töchterlein, Herr Lehrer!«

»Ei, sieh da!« rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als hätte er dabei etwas Nennenswertes geleistet.

Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgerin. Nach einer Weile kam trällernd die Magd, und Caspar sah, daß sie eine Schüssel voll Blut trug.

Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken entkleidete er sich, wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht.

Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut.

Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig, einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll aus einem Kerker ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, sowie die Mutter ihn geboren.

Das ist es also, dachte Caspar. Er spürte das Band, begriff den Zusammenhang, fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles starre Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung offenbar.

Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und schlief ein, aber je näher der Schlummer kam, eine je qualvollere Todesangst umfing ihn, so daß er sich nur widerstrebend ergab: ein banger kleiner Tod im Leben.

Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich Quandt, ging hinauf und pochte an der Tür. Obgleich er das Zimmer vom Abend her versperrt wußte, drückte er auf die Klinke, fand jedoch zu seinem Erstaunen die Tür unverschlossen. An Caspars Bett tretend, rüttelte er ihn und sagte ärgerlich: »Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein Siebenschläfer zu werden. Was ist’s denn?«

Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, daß das Kopfkissen ganz naß war; er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein wenig und antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint.

Was, geweint? dachte Quandt argwöhnisch; warum geweint? wieso weiß er es denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? und warum hat er so lange gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen?

Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde stimmen. Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das Wasserglas, das auf dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob es prüfend empor, es war halb leer. »Haben Sie Wasser getrunken, Hauser?« fragte er düster.

Caspar sah ihn verständnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas auf das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. »Sollten Sie nicht aus Versehen das Wasser verschüttet haben?« fragte er weiter; »ich sage: aus Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie können freimütig mit mir reden, Hauser.«

Caspar schüttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann wollte.

Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhör auf. Als Caspar zum Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender Würde mit, daß ihm eine Tochter geschenkt worden sei.

»Wieso geschenkt?« fragte Caspar naiv.

Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Jüngling ein solches Ereignis aufnahm, verdroß ihn sehr. Seine Haltung war kalt und förmlich, als er sagte: »Wir beginnen wie gewöhnlich mit der Bibelstunde. Lesen Sie Ihr Pensum vor.«

Es war die Geschichte Josephs.

Da ist ein alter Mann, der viele Söhne hat, aber den jüngsten unter ihnen am meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn auszuzeichnen. Deswegen hassen ihn nun die Brüder und wollen nicht mehr freundlich mit ihm reden. Und Joseph erzählt ihnen einen Traum von den Garben. »Siehe, wir banden Garben auf dem Felde«, erzählt er, »da stand meine Garbe auf und blieb stehen und siehe, eure Garben waren ringsum und beugten sich vor meiner Garbe.« Da antworten die Brüder: »Willst du denn König werden über uns? willst du herrschen über uns?« Und sie hassen ihn noch mehr wegen seiner Träume. Aber Joseph ist sehr arglos, er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzählt ihnen alsbald einen zweiten Traum, nämlich wie die Sonne, der Mond und elf Sterne sich vor ihm beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn elf ist die Zahl der Brüder. Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses Traumes. »Was denkst du, Joseph,« spricht er vorwurfsvoll, »soll ich und deine Mutter und deine Brüder, sollen wir kommen, uns vor dir zu beugen?« Und bald darauf gehen die Brüder, die alle Hirten sind, aufs Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem Vater zu ihnen gesandt. Und wie die Brüder ihn von ferne sehen, sprechen sie zueinander: »Seht, da kommt der Träumer.« Und sie beschließen ihn zu erwürgen, sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes Tier habe ihn verzehrt; »dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird,« sagen sie hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brüdern, der Erbarmen hat, und er warnt die andern. Er rät ihnen, den Jüngling in die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht zu töten. Und so geschieht es auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten Rock, den er trägt, und werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht ist, erscheint ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brüder einigen sich jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann nehmen sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten Tieres und sprechen zum Vater: »Das blutige Kleid haben wir gefunden, sieh doch, ob es nicht deines jüngsten Sohnes Kleid ist.« Der Alte zerreißt sein Gewand und ruft aus: »Trauernd will ich hinunterfahren zu meinem Sohn in die Unterwelt.«

Als Caspar so weit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf, legte das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so geschüttelt. Die Hand vor den Mund gepreßt, erstickte er mit großer Anstrengung das heraufquellende Schluchzen.

Quandt stutzte. Er beobachtete den Jüngling scharf. Er hatte dabei den schrägen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. »Hören Sie mal, Hauser,« sagte er endlich. »Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, daß Sie von dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch dazu wohlbekannt sein muß; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des Alten Testaments schon beim Professor Daumer durchgenommen. Da muß Ihnen doch auch gegenwärtig sein, daß es dem Joseph noch recht glücklich ergangen ist, denn er war ein reiner und guter Mensch. Ich bitte, sparen Sie sich also die Mühe. Wenn Sie pflichtgetreu, aufrichtig und folgsam sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch die unzeitige Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen Ihre Tränen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich genug bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil von dem, was Sie beabsichtigen mögen, ich bin nämlich kein Freund von Gefühlsausbrüchen, im allgemeinen nicht, und bei so ungegründetem Anlaß schon gar nicht. Es ist nachgerade Zeit für Sie, sich an den Ernst des Lebens zu gewöhnen. Und weil wir nun schon so offen miteinander reden, möchte ich Sie dringend warnen, alle Leute, mit denen Sie zu tun haben, für dumm zu halten; das ist eine Verblendung von Ihnen, welche die nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, Hauser, ich meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie keinen bessern Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es zu spät sein wird. Aber hüten Sie sich, mich hinters Licht zu führen! Und nun fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen betrachten.«

Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers weich und gütig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle er nun Caspar nehmen und an sein Herz drücken. Aber Caspar stand mit albernem Gesicht, in welchem ein Lächeln hilflos zuckte, vor ihm da. Was ist denn das? dachte er, was will der Mann?

Es war ihm, auch bei späterem Nachdenken, ganz und gar nicht verständlich, worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der Ansicht, daß Quandt der rätselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet.

Schloß Falkenhaus

Der Präsident traf erst am Dreikönigstag, nach fast vierwöchiger Abwesenheit, wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen wollten eine bedeutende Veränderung seines Wesens an ihm bemerken; er erschien wortkarg und finster, und sein Anteil an den Amtsgeschäften hatte bisweilen etwas von Lauheit.

Es fiel auf, daß er mehrere Tage verstreichen ließ, ehe er sich nach Caspar erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann während des gemeinsamen Nachhausewegs unbefangen fragte, ob er den Jüngling schon gesehen habe, gab Feuerbach keine Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant bei ihm. Hickel stellte sich um die Sicherheit des Hauser besorgt und meinte, man solle für eine Überwachung sorgen; der Präsident ging auf die Sache nicht weiter ein und sagte bloß, er werde sich’s überlegen. Am selben Nachmittag ließ er den Lehrer rufen und stellte ihn über Befinden und Betragen seines Zöglings zur Rede. Quandt sagte dies und sagte das; es war nicht schwarz noch weiß; zum Schluß zog er einen Brief aus der Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrätin Behold, welches dem Präsidenten zu überreichen er sich entschlossen hatte.

Feuerbach überlas das Schriftstück, und eine Wolke von Mißmut lagerte sich auf seine Stirn. »Sie müssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen, lieber Quandt,« sagte er barsch, »wo kämen wir denn hin, wenn wir auf das Gewäsch jeder solchen Närrin hören wollten? Sie haben sich nicht mit der Vergangenheit des Hauser zu beschäftigen, das ist nicht Ihres Amts; ich habe Sie dazu bestellt, einen tüchtigen Menschen aus ihm zu machen, wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben, bin ich ganz Ohr, mit andern Dingen verschonen Sie mich.«

Es läßt sich denken, daß eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit des Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der Präsident den Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag früh zu ihm zu schicken, teilte er dies dem Jüngling erst zwei Tage später, am Samstag abend, mit.

Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, mußte er im Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter des Präsidenten, und führte ihn ins Wohnzimmer. »Ich weiß nicht, ob der Vater Sie heute empfangen wird,« sagte sie und erzählte dann, in der vergangenen Nacht sei ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Präsidenten verübt worden; die unbekannten Täter hätten alle Papiere auf dem Schreibtisch durchwühlt und mit Nachschlüsseln die Laden geöffnet; es sei anzunehmen, daß die Verbrecher irgend bestimmte Briefe oder Handschriften hätten an sich bringen wollen, denn es sei nichts geraubt worden, auch die gewünschte Beute hätten sie nicht machen können, da der Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen Fenster und eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis gegeben.

Das Fräulein schritt während dieses Berichts in männlicher Weise auf und ab, die Arme über der Brust verschränkt, Groll und Zorn in Stimme und Miene. Sie sagte, der Vater sei natürlich außer sich über den Vorfall; währenddessen öffnete sich die Tür und der Präsident trat in Begleitung eines schlanken, etwa dreißigjährigen jungen Mannes auf die Schwelle. »Aha, da ist Caspar Hauser, Anselm,« sagte der Präsident. Der Angeredete stutzte und blickte Caspar gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht. Caspar war betroffen von der außergewöhnlichen Schönheit dieses Menschen; wie er später erfuhr, war es der zweitälteste Sohn Feuerbachs, der, verfolgt von einem widrigen Geschick, für einige Tage ins Elternhaus geflüchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in Anspruch zu nehmen. Caspar liebte schöne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist und Schwermut waren, bei Männern ganz besonders; aber es war dies nur eine kurze Erscheinung, er sah ihn nicht wieder.

Der Präsident ließ Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach einer Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der Wand. Wie wunderlich es war: solche Ähnlichkeit im Ausdruck der stolz-abweisenden Majestät und der finsteren Trauer um die anmutig geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den er soeben gesehen! Dazu noch der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und Purpurmantel. Caspar war bewegt; eine höhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten wäre er hingegangen, um, was an dem Bild gestalthaft schien, mit Händen zu packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach zu verwandeln. Unwillkürlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die königliche Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her und war freudig erschrocken bei der Wahrnehmung, daß die Augen des Bildes ihn mit dunkler Glut verfolgten.

Also beschäftigt fand ihn der Präsident und blieb überrascht neben der Tür stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der unergründlichen Verkettungen, in denen dies nicht gewöhnliche Schicksal sich offenbarte, Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenüberstehen von Bild und Jüngling etwas wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War doch Caspars Mutter (seine Mutter, ja, sofern der ganze Bau der furchtbaren Annahmen und halben Gewißheiten im Licht der Wirklichkeit nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche Bande an jenen Heros geknüpft.

»Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar?« fragte Feuerbach mit lauter Stimme.

Caspar schüttelte den Kopf.

»So will ich’s Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon überzeugt hat, daß ein großer Wille alles vermag. Haben Sie denn noch nie was vom Kaiser Napoleon gehört? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn gesehen, ich habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm und unserm König Max. Es war eine große Zeit und nicht mehr viel ist von ihr übrig.«

Mit wehmütig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er spürte die Last der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt; fast mit Angst streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden Jüngling, als erwarte er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr zu verbergende Ohnmacht der Welt preisgeben mußte. Das zuletzt Erfahrene, dort bei den Mächtigen Erlittene überflutete sein Herz mit Scham; eine Flamme des Ingrimms und des Hasses gegen alles, was Menschen hieß, loderte plötzlich in ihm auf, zähneknirschend rannte er ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tür hin und her, und erst der Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung einigermaßen zurück, und er stellte die mürrische Frage, ob Caspar bei Quandt genug zu essen bekomme.

»Darüber ist nicht zu klagen,« antwortete Caspar.

Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu überhören. »Und was ist es mit dem Lord?« fragte er weiter mit einem starr-drohenden Blick, »haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie selbst ihm schon geschrieben?«

»Einmal jede Woche schreib’ ich ihm,« sagte Caspar.

»Wo befindet er sich?«

»Er will jetzt nach Spanien.«

»Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.«

»Ja, das soll weit sein.«

Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten unterbrochen, der eine schriftliche Meldung wegen des nächtlichen Einbruchs brachte. Caspar verabschiedete sich.

»Wo bleiben Sie denn so lang?« empfing ihn Quandt ärgerlich.

»Ich war beim Präsidenten, das wissen Sie doch,« versetzte Caspar.

»Schön; aber es verrät wenig Lebensart, daß Sie einen Besuch nicht zu kürzen verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.«

Das Essen war nämlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der Lehrer setzte sich immer mit einer gewissen Rührung zu Tisch, und sein prüfender Blick schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer Andacht zu examinieren. Wenn Frau Quandt verkündigte, was man des Guten zu erwarten habe, begleitete der Lehrer ihre Aufzählungen entweder mit einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln der Stirne. Schmeckte ihm ein Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht seinen Beifall, so aß er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltüberlegener Ironie. Für manches hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel für saure Gurken oder angewärmten Kartoffelsalat, und er unterließ es dann selten, während er sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedürfnisse hervorzuheben. Die Lehrerin verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des Mannes gelungen war, blieb sie für sein Lob nicht unempfänglich, obschon es bisweilen in eine zu gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt im Scherz zu sagen, wenn er sie nicht genommen hätte, wäre sicherlich der selige Trimalchio wieder auferstanden, um sie zu heiraten. Nach dem Abendessen kam die gemütliche Stunde mit Pantoffeln, Schlafrock, Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt fast nie, einmal wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog die bequeme Ofenecke vor.

Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne rechten Reiz. Quandt war gequält und wußte manchmal kaum die Ursache. Stellen wir uns einen Hund vor, einen klugen, nervigen, wachsamen Hund. Stellen wir uns vor, daß dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem anvertrauten Revier irgendwo einen Brocken Gift erwischt hat und daß er nun, das verderbliche Feuer in seinem Leib, unbewußt das Dunkel sucht, alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den Schatten verfolgt, die Fliege beknurrt, alles um sich und über sich nur auf das eine tolle Drängen bezieht und die ganze Welt für vergiftet hält, während es bloß seine armen Gedärme sind, so hätten wir ein anschauliches Bild von dem Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dämon schmiedete ihn fest an den Jüngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, »dahinterzukommen«; er hätte ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch geschwind zu der Kenntnis gelangt wäre, was »dahintersteckte«.

Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt, denn er hatte letzte Nacht im Kasino fünfundsechzig Gulden beim Pharao verloren und war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich auffallend freundlich; er fragte ihn aus, was er mit dem Präsidenten gesprochen, nahm aber den getreuen Bericht des Jünglings, als zu belanglos, mit Mißtrauen auf.

»Ja, unser guter Freund ist recht zurückhaltend,« beklagte sich Quandt; »ich wußte gar nichts von dem Einbruch beim Präsidenten, und mit Müh und Not, daß er überhaupt davon erzählt hat. Wissen Sie Näheres, Herr Polizeileutnant? Hat man schon Spuren?«

Hickel erwiderte gleichmütig, man habe bei Altenmuhr einen verdächtigen Landstreicher aufgegriffen.

»Was doch alles vorgeht!« rief Quandt; »welche Frechheit gehört dazu, das Oberhaupt der Behörde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen!« Insgeheim aber räsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn der Exzellenz ein bißchen erschüttern; recht so; auch von den Spitzbuben können die großen Herren mitunter eine nützliche Lehre empfangen.

»Es sollte mich sehr wundern,« sagte Hickel mit vornehm geschlossenen Lippen – eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt –, »wenn diese Geschichte nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.«

Quandt machte große Augen, dann schaute er schräg auf Caspar, dessen erschrockener Blick dem seinen entglitt.

»Ich habe Gründe zu einer solchen Vermutung,« fuhr Hickel fort und starrte die blankgescheuerten Nägel seiner roten Bauernhände an; diese Hände flößten Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; »ich habe Gründe und werde vielleicht seinerzeit damit herausrücken. Der Staatsrat selber ist gescheit genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. Aber er will’s nicht Wort haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.«

»Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen!« versetzte Quandt, und ein angenehmes Gruseln lief ihm über den Rücken. Auch die Lehrerin hörte mit dem Strümpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern.

»Ja ja,« fuhr Hickel fort und lächelte den Lehrer mit seinen gelbblinkenden Zähnen an, »sie haben ihm dort unten in München gehörig eingeheizt, und er trägt den Kopf bei weitem nicht mehr so zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch, Hauser?« fragte er und sah bald Quandt, bald dessen Frau strahlend an.

»Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, daß Sie so vom Herrn Staatsrat sprechen,« antwortete Caspar kühn.

Hickel verfärbte sich und biß sich auf die Lippen. »Sieh mal an, sieh mal an,« sagte er düster. »Haben Sie das gehört, Herr Lehrer? Schon unkt die Kröte, es wird Frühjahr.«

»Eine höchst unpassende Bemerkung, Hauser,« ließ sich Quandt zürnend vernehmen. »Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und Bescheidenheit schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den Generalkommissär würden Sie sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich sicher. Und ein doppelt Gesicht, ein falsch Gesicht, heißt es. Ich werde das dem Grafen schreiben.«

»Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer,« unterbrach ihn Hickel, »es lohnt sich nicht, man muß es seinem Unverstand zugut halten. Im übrigen hab’ ich gestern einen Brief vom Grafen bekommen;« er griff in die Rockbrust und zog ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Sie möchten wohl gerne wissen, was er schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft ist es eben nicht für Sie. Der gute Graf macht sich Sorgen wie immer und empfiehlt uns rücksichtslose Strenge, falls Sie nicht parieren.«

Caspar machte ein ungläubiges Gesicht. »Das hat er geschrieben?« fragte er stockend.

Hickel nickte.

»Er hat sich auch damals zu sehr geärgert über die Heimlichtuerei mit dem Tagebuch,« sagte Quandt.

»Das werd’ ich ihm alles erklären, wenn er wiederkommt,« versetzte Caspar.

Hickel rieb den Rücken an der Ofenecke und lachte. »Wenn er wiederkommt! Wenn! Wer weiß aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu große Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts Besseres zu tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?«

»Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant,« sagte Caspar mit triumphierendem Lächeln.

»Oho, oho!« rief Hickel, »das klingt ja allerdings verläßlich. Woher weiß man denn das so genau?«

»Weil er es versprochen hat,« entgegnete Caspar mit treuherziger Offenheit. »Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein. Am achten Dezember hat er’s versprochen, sind also noch zehn Monate und sechzehn Tage bis dahin.«

Hickel sah Quandt an, Ouandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in Gelächter aus. »Im Rechnen scheint er sich ja geübt zu haben,« meinte Hickel trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte: »Wer hat Ihm denn die herrlichen Locken abgeschnitten?«

Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewünscht, nachdem er ihm vorgestellt, daß es für einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei, mit so einem Haarwald herumzulaufen. »Sie können jetzt schlafen gehen, Hauser,« sagte er hierauf.

Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er draußen war, öffnete Quandt leise die Tür und lauschte. »Sehen Sie, Herr Polizeileutnant,« flüsterte er Hickel bekümmert zu, »wenn er weiß oder annimmt, daß man ihn hört, steigt er ganz langsam und bedächtig die Stiege hinan, wenn er sich aber unbeachtet glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich über drei Stufen auf einmal. Ist’s nicht so, Frau?«

Die Lehrerin bestätigte es; und wieviel Umstände er einem mache, fügte sie verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe vierzehn Hemden in der Wäsche; immer müsse er herausgeputzt sein wie eine Docke, und schon in aller Herrgottsfrüh fange er an, seine Kleider zu bürsten.

Sie setzte dem Polizeileutnant ein Gläschen Schnaps vor und ging ins Nebenzimmer, um den Säugling zu stillen, der sich schreiend meldete.

»Ja, es ist des Teufels mit ihm,« setzte Quandt das Lamento seiner Gattin fort; »da hab’ ich neulich einmal aus der ›Bayrischen Deputiertenkammer‹ vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und wie ich fertig bin, liest er den Titel der Zeitung halblaut für sich hin, wie wenn ihn das Wort verwundere. Nun wird aber doch die ›Bayrische Deputiertenkammer‹ in jedem anständigen Hause gelesen, nicht wahr? Außerdem hat er Tag für Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt auf unserm Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmöglich neu sein. Ich frage also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer. Darauf sagt er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein Zimmer, wo man Leute einsperre. Nun bitt’ ich Sie um alles in der Welt, das geht doch über den grünen Klee. Es muß schon ein Engel vom Himmel herunterkommen, damit ich solche Ungereimtheiten auf Treu und Glauben hinnehmen soll, und selbst dann getrau’ ich mich noch zu bezweifeln, ob es auch ein richtiger Engel ist und kein nachgemachter.«

»Was wollen Sie,« antwortete der Polizeileutnant, »es ist alles Schwindel, alles ist Schwindel.« Und indem er sich auf den gespreizten Beinen hin und her wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter, träger Haß.

Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa bloß auf die vorgetragene Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel gleichgültige Treiben der Menschen, sofern es nicht mit seinem Wohlbehagen verknüpft war. Mochten sie sich einander die Köpfe abhacken, mochten sie über Himmel und Hölle, um König und Land streiten, mochten sie ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten sie morden, stehlen, einbrechen, schänden und betrügen oder sich ehrlich rackern und edle Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen der Freibrief für ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach seiner Ansicht schuldig war.

Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens Gefallen hatte, pflegte gern zu erzählen, wie Hickel einst mit seinem, des Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, über die Landstraße gegangen und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte Firmament deutend, angefangen habe, von den zahllosen Welten dort oben zu reden; da habe Hickel mit seinem mokantesten Gesicht erwidert: »Ja, glauben Sie denn im Ernst, Doktor, daß diese hübschen Lichterchen etwas andres sind als eben – Lichterchen?«

Das war nicht etwa bloß Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener Überlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.

Man wußte in der ganzen Stadt, daß Hickel über seine Verhältnisse lebte. Es war sein Ideal, für einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft, elegant zu sein, auch besaß er die feinste Nase für die Echtheit und Legitimität aller damit zusammenhängenden Dinge. Als vor einiger Zeit seine Aufnahme in den vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte man lange gezögert, denn er war keineswegs beliebt und außerdem war er von niedriger Abkunft, seine Eltern waren arme Kätnersleute in Dombühl; schließlich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe einiger erschlichener Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den betreffenden Persönlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein früherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefühl gegen ihn bezeichnenden Ausdruck, indem er versicherte: »Er decouvriert sich nicht; dieser Hickel decouvriert sich nicht.« In der Tat hatte es stets den Anschein, als ob der Polizeileutnant mit etwas Gefährlichem im Hinterhalt bleibe.

Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Präsidenten zu stellen. Er durfte sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten zu sagen, die liebenswürdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber nichts waren als verzuckerte Bosheiten. Er besaß eine nicht zu leugnende Geschicklichkeit im Erzählen amüsanter Histörchen und mancherlei einlaufenden Stadtklatsches. Dies ergötzte Feuerbach und stimmte ihn für vieles andre nachsichtig. »Rätselhaft,« sagten die Leute, »was der Staatsrat an dem Hickel für einen Narren gefressen hat.« Jedenfalls fand der Polizeileutnant stets williges Gehör bei Feuerbach, und mit Schlauheit ließ er sich dafür gern gefallen, daß der Präsident in seiner bärbeißigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel tadelte und seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick sozusagen in den Wurzeln entblößte. Ist es nicht wahrscheinlich, daß gerade dies den Präsidenten verführte und verstrickte? Indem er so klar die Leerheit und Düsterkeit dieser Seele durchschaute, hatte er sich vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr, um sie von sich stoßen zu können.

Hickel wußte den Präsidenten nach und nach zu überreden, daß man Caspar nicht so frei wie bisher herumgehen lassen dürfe, und es wurde als Wächter ein alter Veteran bestellt, der einen Stelzfuß hatte und einarmig war. Dieser Wackere faßte seine neue Obliegenheit sehr gewissenhaft auf und folgte Caspar auf Schritt und Tritt zum Gelächter der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte richtig spekuliert, wenn die so fürsorglich aussehende Maßregel dazu dienen sollte, die Bewegungsfreiheit des Jünglings möglichst zu hemmen. Es gab Beschwerden über Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem Invaliden, den Caspar nicht selten überlistete, indem er sich heimlich davonstahl.

Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing, seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. »Was soll es nutzen, geduldig zu sein!« rief Caspar trotzig, »wird ja doch immer schlechter!«

»Was es nutzen soll?« versetzte der Pfarrer mild. »Was nutzt es Gott, daß er unserm unsinnigen Treiben zuschaut! Durch Geduld führt er uns zum Guten. Geduld bringt Rosen.«

Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Präsidenten, und dieser versprach Abhilfe, ohne jedoch vorläufig etwas zu unternehmen. Die jährliche Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn für drei Wochen aus der Stadt; als er zurückgekehrt war, ließ er eines Tages den Polizeileutnant auf sein Arbeitszimmer rufen. »Hören Sie mal, Hickel,« redete er ihn an, »Sie sind doch in der hiesigen Gegend ziemlich gut bekannt? Schön. Haben Sie mal etwas über das Falkenhaus gehört?«

»Gewiß, Exzellenz,« antwortete Hickel. »Das sogenannte Falkenhaus ist ein uraltes markgräfliches Jagdschlößchen im Triesdorfer Wald.«

»Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus hat bis vor ungefähr vier Jahren als Försterwohnung gedient, und zwar hat der letzte Förster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt. Der Mann hat nie mit irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem Wirtshaus gesehen worden und hat seine Einkäufe in den umliegenden Dörfern selbst besorgt. Eines Tages ist er plötzlich verschwunden gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im Schwäbischen als Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich bin auch dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur, daß es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, daß der Mann im Oktober 1830 des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.«

»Davon ist mir nichts bekannt. Ich weiß nur, daß das Falkenhaus verödet und unbewohnt ist und daß im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug über die unheimliche Einsiedelei erzählt wird.«

»Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf,« sagte der Präsident; »am besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfältige Erhebungen einziehen soll.«

»Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei handelt?«

»Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.«

»Ah!« Hickel räusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott weiß warum.

»Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß das Falkenhaus die Stätte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten Erzählungen Caspars über die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten zweifellos, daß der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nürnberg oder Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus geführt.«

»Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift über den Hauser,« bemerkte Hickel schmeichelnd.

»So ist es.«

»Und soll die Veröffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich gehen? Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich interessiert bei der Sache.«

»Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen für den Hofrat Hofmann, geben Sie es draußen zur Beförderung. Ich will mit dem Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen Sie den Hauser, daß er sich bereithält, erwähnen Sie aber beileibe nichts von dem Zweck der Fahrt.«

Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu seiner Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenüber dem Präsidenten und dem Hofrat sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch die sonnige Frühlingslandschaft.

Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die eingehende Prüfung seiner Lokalitäten brachte nicht den geringsten Aufschluß. War ein unterirdischer Raum zu jenem fürchterlichen Gebrauch vorhanden gewesen, so hatte der einstige Bewohner ihn sicherlich verschüttet, und die Zeit hatte alle Merkmale unsichtbar werden lassen.

Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Präsidenten im Freien neben dem rechten Trakt des Gebäudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube. Die Anzeichen ließen darauf schließen, daß sich vordem ein Holzschuppen oder dergleichen darüber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch vermorschte Bretter und Balken und rissige Schindeln. Es führten sieben in den Sand geschlagene und schon verfallene Stufen hinab, und unten war die seltsam geglättete Erde von gelblichem Moos bedeckt.

Feuerbach verfärbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein stieg er hinunter, betastete einige Stellen der Wände, bückte sich in einer Ecke auf den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder heraufkam, sah er Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und ließ den unwissenden Blick in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er nichts? dachte Feuerbach; ahnt er nicht, worauf sein Fuß tritt? Weckt ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen die Bäume nicht zu ihm? Verrät ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint, darf ich mich unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewißheit zu entscheiden?

Der Wagen hielt an der Heerstraße draußen. Beim Rückweg durch den Wald blieb Caspar, den plötzlich eine unbesiegbare Schwermut überfallen hatte, die ihn zu langsamem Gehen zwang, ein großes Stück hinter den beiden Männern.

Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Präsidenten seine vernunftgemäßen Zweifel mitzuteilen. »Ich möchte nur eines wissen,« sagte er mit verkniffenem Gesicht, »ich möchte wissen, warum man den Menschen, wenn er wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet hatte, auf einmal freiließ, und nicht nur das, sondern mitten in eine große Stadt gebracht hat, wo er das ungeheuerste Aufsehen erregen, also notwendigerweise seine Peiniger verraten mußte. Eine solche Logik will mir nicht einleuchten.«

»Mein Gott, dafür lassen sich mancherlei Erklärungen denken,« erwiderte der Präsident ruhig; »entweder man war seiner überdrüssig geworden; ihn länger zu beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknüpft; sein Kerkermeister konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu töten, faßte jedoch in einer begreiflichen Regung des Erbarmens oder der Anhänglichkeit oder der Furcht den Entschluß, ihn auf andre Art verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr Aussicht auf Erfolg geschehen als gerade in einer großen Stadt? Man dachte sich die Sache so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend, steckt ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten die Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher in einem Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung zeugt. Als aber die Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam er’s mit der Angst, teilte sich, mußte sich denen mitteilen, welche die Fäden von Anfang an in der Hand hielten, und diese mußten zusehen, wie sie den furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder unschädlich machen konnten, der nun, geschützt von einer Welt, ihnen als Auferstandener gegenübertrat.«

»Sehr fein, sehr fein,« murmelte der Hofrat beifällig, ohne merken zu lassen, daß er keineswegs überzeugt war.

Spät nachmittags kamen sie in die Stadt zurück. Caspar trennte sich von den Herren und ging heimwärts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau von Imhoff. Sie begrüßte ihn und fragte, warum er sich so lange nicht bei ihr sehen lasse.

»Hab’ keine Zeit, hab’ viel zu arbeiten,« antwortete Caspar, doch mit so verlegenem Gesicht, daß die kluge Dame merkte, dies könne nicht der wahre Grund sein. Sie unterließ es aber, ihn auszuforschen, und fragte ablenkend, ob er sich auch des Frühlings recht erfreue.

Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den Frühling bis jetzt übersehen, und schüttelte den Kopf. Gern hätte er vieles gesagt, das Herz war ihm voll, übervoll, doch auf der Zunge lag es wie ein Stein, und er hatte nicht das Gefühl, daß diese Frau, so freundlich sie sich auch gab, wirklich für ihn aufgelegt sei. Was kann es nutzen? dachte er.

»Ich habe Ihnen einen Gruß zu bestellen,« sagte sie dann beim Abschied und nachdem sie ihn für den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; »erinnern Sie sich noch der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord Stanhope bei uns war, erzählt habe? Die läßt Sie grüßen. Und ein Gruß bedeutet bei ihr viel.«

»Wie heißt die Frau?« fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht lächelnd und froh, sondern zerstreut.

Frau von Imhoff lachte; diese Wißbegier nach einem Namen erschien ihr komisch. »Kannawurf heißt sie, Clara von Kannawurf,« antwortete sie gutmütig.

Ganz hübsch, daß sie mich grüßen läßt, dachte Caspar, während er seinen Weg fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was soll’s mir nutzen?

Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet

Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, daß etwas Besonderes los sein mußte. Quandt saß am Tisch und korrigierte mit finsterer Miene die Schülerhefte, die Lehrerin wiegte den Säugling auf den Knien und erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen Abendgruß nicht. Die Lampe war noch nicht angezündet, ein scharlachner Abendhimmel flammte durch die Fenster, und als Caspar seinen Hut aufgehängt, ging er wieder hinaus in den Hof. Dort spielte das vierjährige Söhnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte sich daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum hatte er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei der Hand ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit Behafteten wegführte.

Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im Zimmer, und er traf die Frau allein. »Was gibt es denn bei uns, Frau Lehrerin?« fragte er.

»Na, wissen Sie denn nicht?« versetzte die Frau befangen. »Haben Sie denn nichts davon gehört, daß sich die Magistratsrätin Behold zum Fenster heruntergestürzt hat? Es steht in der Nürnberger Zeitung heut.«

»Heruntergestürzt?« flüsterte Caspar aufgeregt.

»Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestürzt und den Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine Verrückte aufgeführt haben.«

Caspar wußte nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er seufzte.

»Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser,« ließ sich plötzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war, als er die beiden sprechen gehört hatte.

Caspar wandte sich um und sagte traurig: »Sie war ein schlechtes Weib, Herr Lehrer.«

Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: »Unseliger, der du dich nicht entblödest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das soll Ihnen unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele enthüllt! Pfui, pfui, sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den Augen! Fällt es Ihnen denn nicht aufs Herz, daß die Hingegangene am Ende vielleicht durch Sie, durch den Kummer über den erlittenen Undank zu einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen Sie das nicht? Freilich, ein Selbstsüchtling wie Sie schert sich wenig um die Leiden andrer Menschen, ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.«

»Mann, Mann, beruhige dich doch,« mischte sich die Lehrerin ein mit einem scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit völlig geschlossenen Augen dastand, während er die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander gelegt hatte.

»Du hast recht, Frau,« erwiderte Quandt, »ich vergeude meine Entrüstung an taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der selbst dem Tod gegenüber nicht ein bißchen Andacht und Demut aufbringt? Da ist Hopfen und Malz verloren.«

Als Caspar in sein Zimmer kam, glänzte noch die letzte Glut des Sonnenuntergangs über den Hügeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen der Blumentöpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den Hyazinthenkelchen schüttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes Geläute. Er wünschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick eines Menschenauges erwidern zu müssen. Oder er wünschte wenigstens sich im Schoß einer Blume bergen zu können, solange bis das Jahr vorüber war, von dessen Wende er so vieles hoffte. Dort könnte man stille sein und warten.

In den nächsten Tagen wurde der Magistratsrätin keine Erwähnung getan, Quandt vermied es sorgfältig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so mehr war er überrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim Mittagessen sagte er plötzlich, es gereue ihn, was er über die Tote gesagt, er sehe ein, daß es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen.

Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber er entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er sagen: Lassen wir das, ich weiß mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und während sie alle drei schweigend die Suppe löffelten, konnte er sich nicht enthalten zu sagen: »Sie müßten sich doch eigentlich bis in den Fußboden hinein schämen, Hauser, wenn Sie an Ihr Benehmen gegen die unschuldige Tochter der Magistratsrätin denken.«

»Wieso?« versetzte Caspar verwundert. »Was hab’ ich denn getan?«

»Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lämmchen spielen?« antwortete der Lehrer abschätzig. »Gottlob hab’ ich alles schriftlich und eigenhändig von der Seligen, da hilft kein Leugnen.«

Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt zum Sekretär, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor und las, neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: »Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden, denn ich hab’s mit meinen eignen Augen gesehen, wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter ... unziemlich und unmißverstehlich näherte.«

Caspar begriff allmählich. Langsam legte er Löffel und Brot beiseite, und der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz dunkel, er erhob sich, rief mit jammernder Stimme: »Ach, diese Menschen, diese Menschen!« und stürzte hinaus.

Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das Tischtuch und sagte nachdrücklich: »Nein, Quandt, ich kann’s nicht glauben. Da muß sich die selige Rätin geirrt haben. Er weiß doch nicht mal, was eine Frau ist.«

Auch Quandt war gerührt. »Das eben steht dahin, das wäre zu beweisen,« meinte er kopfschüttelnd. »Du bist leichtgläubig, meine Gute. Ich erinnere dich nur daran, daß er bei der Geburt unsers Mädchens zu meiner Befremdung wie ein gereifter Mann über die Sache sprach. Es war mir das gleich enorm verdächtig. Immerhin gebe ich zu, daß Frau Behold in dem Brief zu weit gegangen sein mag und daß ich mich infolgedessen zu einer Übereilung habe hinreißen lassen. Aber ich muß dahinterkommen, wie weit seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein Kindergemüt, das weißt du, glaub’ ich nun einmal nicht.«

»Du mußt ihn wieder versöhnen, Quandt, es war zu arg, das da,« sagte die Lehrerin.

Quandt machte eine bedenkliche Miene. »Versöhnen? Ja, gut; ich will’s gern tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, daß man ihm schwer widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrübt. Ich werde morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann über das Thema sprechen.«

Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anlaß die Umständlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen wollte, mit blühenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur Beziehungen ätherischer Art wären, die zuweilen unglücklicherweise in den Staub gezogen und befleckt würden durch beleidigende, aber nicht auszurottende Zwischenfälle.

Der geistliche Herr mußte lächeln. Nach einigem verwunderten Nachdenken antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas Anstößiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem, was das Verhältnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollständiges Kind. Zum Beweis dessen erzählte er dem Lehrer, daß Caspar vor ungefähr einem Monat beim Lesen einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und die er ihm so gut es ging erklärt, mit schönem Zaudern von einer gewissen wiederkehrenden Beunruhigung gesprochen habe, einem Zustande, der ihn sicherlich schon oft bedrängt und für dessen Deutung er nirgends eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann versicherte, daß ihm die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht, unvergeßlich sein werde, es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur geklungen, die etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren könne.

Quandt ließ sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen an. Er erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch äußerte er von seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab sich in stillem Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer und paßte die Gelegenheit ab.

Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder zurück, denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam das Gespräch darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrückte, sagte Caspar: »Ach, die wird vielleicht nie mehr ganz gesund.«

»Was reden Sie da, Hauser,« fiel die Lehrerin ein, »so eine junge Frau, so reich und so schön.«

»Ach,« entgegnete Caspar wehmütig, »Reichtum und Schönheit tun’s nicht. Die hat sich schon zu sehr hinuntergegrämt.«

»Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut?« forschte Quandt ungläubig.

Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend fort: »Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht wie er sein sollte, hat andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit! Aber wenn sich die Frau auch zu Tod betrübt, deshalb wird es nicht besser. Und die Leute hinterbringen ihr alles; ich hab’ ihr gesagt, das sind keine Freunde, die Ihnen solches Zeug erzählen, wahre Freunde sind das nicht.«

»Hm,« machte Quandt und schaute eigentümlich lächelnd auf seinen Teller. Er besiegte sein Schamgefühl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob denn Herr von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anlaß zur Sorge gegeben habe, seines Wissens habe doch erst im März eine Versöhnung stattgefunden.

»Ja, freilich hat er Anlaß gegeben,« versetzte Caspar unbefangen, »es ist ja wieder ein Kind von ihm da.«

Quandt erschrak. Da haben wir’s, dachte er. Und so hart es ihn auch ankam, er beschloß, Caspar gleich auf den Zahn zu fühlen. Er wechselte mit seiner Frau einen Blick des Einverständnisses und bat sie, sie solle nach den Kindern schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte, wandte sich der Lehrer, blaß und aufgeregt durch die Schwierigkeit seines Vorhabens, an Caspar und fragte ihn unvermittelt, ob er schon einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt habe, es lägen verschiedene Mutmaßungen vor, und Caspar möge offen wie mit einem Vater zu ihm reden.

Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern bloß das trübe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte.

Er überlegte. »Mit einem Frauenzimmer? Ja wie?« murmelte er.

»Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so kindisch.«

»Ja, ich versteh’ schon,« sagte Caspar eilig, um die gute Laune des Lehrers nicht zu verscherzen; »und da ist auch was gewesen.«

»Na, nur heraus damit! Nur Mut!«

Und harmlos begann Caspar zu erzählen: »So vor ungefähr sechs Wochen hab’ ich meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen. Sie wissen doch, Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bäcker. Wie ich hingekommen bin, war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in die Wohnung gegangen und hab’ an die Tür geklopft. Da hat mir ein junges Mädle aufgemacht und war im Nachtkleid, weiter hat sie nichts am Leib gehabt, die ganze Brust hat man sehen können, es war scheußlich. Sie hat mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt’ es der Putzerin ausrichten. Ich war immer noch vor der Tür. Komm nur herein, sagt sie. Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir herumzutänzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich gefragt, ob ich ihr Bräutigam sein will, und zuletzt –« er zögerte lächelnd.

»Zuletzt? Was zuletzt?« fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte.

»Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Kuß geben.«

»Nun, und?«

»Da hab’ ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wünschen, ich versteh’ mich nicht aufs Schmatzen.«

»Und weiter?«

»Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir vom Fenster aus nachgeschaut.«

»Wie konnten Sie denn das bemerken?«

»Weil ich mich umgedreht hab’.«

»Soso. Umgedreht. Wie heißt die Person?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht? Hm. Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht dort?«

Caspar verneinte.

»Schöne Geschichten,« murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum Himmel.

Er spürte vorsichtig nach. Er erfuhr, daß bei jener Putzmacherin wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der Erzählung Caspars noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die Rücksicht auf seinen Ruf, hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen, daß der Jüngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein konnte, als er sich anstellte; denn, so argumentierte er, zu einem derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschöpfs kann nur ein Mensch Anlaß geben, dem eine gewisse moralische Unzulänglichkeit auf der Stirn geschrieben steht.

Ja, wenn er nicht lügen würde, dann wäre alles anders, dachte Quandt; aber er lügt, er lügt, und das ist das Fürchterliche. Hat er mir nicht erzählt, die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter Taschentücher geschenkt? Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er kenne den Ministerialrat von Spieß und habe im Schloßtheater mit ihm gesprochen? Lüge. Hat er nicht dem Musikus Schüler weisgemacht, er habe die Idyllen von Geßner gelesen, und als ich ihn danach fragte, wußte er kein Wort darüber zu sagen, wußte nicht einmal, was eine Idylle ist? Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal für den Präsidenten, das andre Mal für den Hofrat, und später zeigt es sich, daß er bloß herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen? Steht das nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so ungerecht, daß ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand sonst darin finden kann?

Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt die verdammenswerten Vergehungen vor.

»Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt,« sagte darauf der Pfarrer, »daß das lauter armselige, kleine Lüglein sind, kaum daß sie den Namen verdienen? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar nur das harmlose Vergnügen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht spielt er nur mit seiner Zunge, wie er andre Menschen damit spielen sieht, nur eben viel ungeschickter.«

»So?« ereiferte sich Quandt, »dann will ich Ihnen, Hochwürden, eine Geschichte erzählen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt. Hören Sie zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter mit abgebrochener Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht mich darauf aufmerksam, und ich konstatiere, daß der Henkel nicht abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist; das Rohr war bis ganz hinunter von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von außen rötlichblau überflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch das zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war keine Spur mehr da. Nun müssen Sie wissen, daß ich ihm streng verboten hatte, bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich ihn schonen und ließ ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet er plötzlich alles ab, versichert, daß er die Kerze weder wissentlich habe verbrennen lassen, noch dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am Ende zu der Behauptung, es sei gar nicht sein Leuchter, sondern der der Magd, denn beide sähen gleich aus. Was sagen Sie dazu?«

Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wir dürfen doch nicht vergessen, daß er trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist,« erwiderte er nachdenklich. »Ich habe mich selbst davon überzeugt. Ich besitze eine kleine Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bißchen experimentiere. Neulich nahm ich das Ding vor, während Caspar dabei war, ließ die Funken springen und lud die Leidener Flasche. Da wird mir der arme Mensch bleich und zusehends bleicher, fängt zu zittern an, spreizt die Finger starr von sich und sein Körper zuckt wie ein Hecht, den man auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken und räumte das Zeug beiseite, worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte. Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir gestand; wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schweiß, und die Dinge, die er anfühlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte er, beim Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich, da kitzle ihn und brenne ihn das Blut, daß er immerfort schreien möchte.«

»Und daran glauben Sie?« rief Quandt, die Hände zusammenschlagend.

»Ja, warum denn nicht?«

»Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem großen Nachteil gegen den Menschen, das muß ich zugeben,« sagte Quandt. »Das muß ich zugeben,« wiederholte er bekümmert.

So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird entschuldigt und beschönigt, und wenn man seine triftigen Gründe vorbringt, werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histörchen auf, die nicht gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota beweisen läßt. Was für ein Satan steckt doch in dem Burschen, daß er überall Neigung und Teilnahme zu erwecken versteht, wo er sich auch zeigen mag! Daß kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde Leute, darauf versessen, ihn kennen zu lernen, das windigste Entzücken äußern und ihn verhätscheln, als ob sie verzaubert wären, als ob er ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte!

Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich träte unter unbekannte Menschen und gäbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu sein oder spielte mich als Wundertäter auf, und es fiele dem oder jenem bei, ein wirkliches Wunder zu verlangen, und ich müßte zugeben, es sei die blanke Spiegelfechterei, was würde da passieren? Man würde mich ins Narrenhaus stecken oder mit Prügeln traktieren; ja, das würde man, wenn ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte, das würde man, und mit Recht; nicht aber würde man mich mit Geschenken überhäufen und mich anhimmeln und meine schönen Augen und weißen Hände bewundern und mir Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott sei’s geklagt, von einer verblendeten Menschheit hier erleben muß.

Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor, wieviel Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang mit seinem Zögling erwuchsen.

Und was war früher mit ihm? grübelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her? Dahinter müßte doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles zurechtgelegt, womit er die Dunkelmänner betört? Ja, das ist eben das Geheimnis, sagen die Dunkelmänner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis; ich verwerfe das Geheimnis. Die Welt von oben bis unten ist ein klares Gebilde, und wo die Sonne scheint, verstecken sich die Eulen. Gäbe mir nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser diabolischen Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte! Man müßte einmal ernstlich zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt. Das Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit zu haben, abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art Beichtgelegenheit für ihn; man muß dahinterkommen.

Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er gehofft.