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Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman cover

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 25: Es wird eine Reise beschlossen
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About This Book

A nearly speechless, adolescent stranger appears in a town and becomes the focus of intense public curiosity and official inquiry. Confined and observed, he exhibits childlike movements, fragile physical traits, and a bewildering mixture of fear and simple pleasures while gradually revealing a single name. The narrative traces how caregivers, doctors, and citizens react—ranging from tender compassion to suspicion—and how rumor, investigation, and solitude shape his emerging identity. Interwoven reflections consider belonging, human dignity, and the emotional inertia that hinders connection, presenting a close study of isolation, social gaze, and the moral complexities of caring for an enigma.

Eine Stimme ruft

Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern.

Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er weigerte sich zu gehorchen.

»Ja, mein Bester,« sagte Hickel, »wenn es nicht gutwillig geht, muß ich leider Gewalt anwenden.«

Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er das Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen bringen, wenn man darauf bestehe.

»Gut,« entgegnete der Polizeileutnant, »ich werde Sie morgen früh abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.«

Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern, hatte er Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft, so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Präsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater Bericht zu geben.

Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer. Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht, und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei, daß er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es verbrannt.

Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen Ausrufs nicht enthalten.

»Wann haben Sie es verbrannt?« fragte Feuerbach ruhig.

»Heute.«

»Und warum?«

»Damit ich’s nicht hergeben muß.«

»Warum wollen Sie es nicht hergeben?«

Caspar schwieg und starrte zu Boden.

»Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,« zeterte Quandt, bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an hab’ ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab’ ich Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.«

Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an; es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort.

Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse. »Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?« inquirierte er.

»Ja.«

»Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?«

»Gehen Sie jetzt, Caspar,« schnitt der Präsident das Zwiegespräch gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar draußen war, an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.«

»Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.«

»Na, na,« machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.

»Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,« schloß Quandt mit beschwörender Stimme.

Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden, dann – Friede.

Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke. In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd herauf. »Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie ihn klopfen gehört?« fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche Hammer und Nägel aus der Küche geholt, und sie habe ihn klopfen gehört.

Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muß die Asche noch im Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden.

Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, daß die größeren Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann. Sorgsam schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen, fand aber keinen Zusammenhang.

Da näherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Ruß geschwärzt waren, indes ihm der Schweiß von den Haaren troff.

Quandt ließ sich nicht stören. »So viel Asche kann doch unmöglich von dem einen Tagebuch herrühren,« sagte er.

»Ich hab’ auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt,« erwiderte Caspar.

Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer, die Tür hinter sich zudonnernd. »Sie kommen mir heut abend nicht mit auf die ›Ressource‹,« schrie er auf der Stiege.

In der »Ressource« war ein Gartenfest, das der Schützenverein veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen, dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein Amüsement haben, war des verdrießlichen Zuhausehockens satt. Sie hatte sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht, und so mußte denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich ausdrückte, der Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schön geworden war.

Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und genoß der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch, blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen.

Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepreßt in den Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend. Was es an mangelhaft Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergüsse erster Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war nicht für jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke ganz unfaßlich, daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte. Es mag auch sein, daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß.

Auf einer der ersten Seiten stand: »Neulich hab’ ich aus Gartenkresse meinen Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen, der hat mir meinen Namen zertreten, da hab’ ich geweint. Herr Daumer hat gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab’ ich ihn wieder gemacht, am andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.«

Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: »Die Geschichte von Caspar Hauser; ich will es selbst erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich eingesperrt war in dem Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen habe.«

In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum Schönrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz: »Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine unverdiente Einsperrung, in der ich meine blühendste Lebenszeit zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte, da war meine Natur noch gar nicht erwecket.«

Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge, über Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort, in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche geklaubt; allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils. Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd; so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: »Der Erntemonat wäre bald mein Sterbemonat worden.«

Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: »Gestern hat mich eine Biene gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie sagte, wen die Biene sticht, der hat Glück.« Oder: »Gestern war eine Feuersbrunst, über Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe Nacht am Fenster gesessen und hab’ gedacht, die Welt geht unter.«

Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: »Herr Quandt riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier, der Präsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.«

Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und nicht selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg hatte das aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben.

Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte einer Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem irdischen ähnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter war geschrieben:

O großer Mensch, was tuest du mir an?
Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd.

Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn hatte er nicht weiter nachgegrübelt, erst jetzt wurde er stutzig und flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.

Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch aufstehen, da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten sich, es klopfte an die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen. Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und während Quandt immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hängen.

Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief: »Sieh mal, Frau, sieh mal!«

»Was gibt’s denn schon wieder?« murrte die Frau, die voll Ärger darüber war, daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben hatte.

»Jetzt hast du doch den Beweis, daß er bei der Kerze sitzt,« sagte Quandt.

Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel ihm ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen und sehen könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie geschaffen dazu. Quandt war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach kurzer Weile kam er aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: »Ich hab’ ihn erwischt, Jette,« und stürzte ins Haus und die Stiege empor.

Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er fing an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu trommeln, und als auch dies nichts half, beschloß der beklagenswerte Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen. Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah, daß es in Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen Zorn nur noch steigerte.

Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte. Er stieß sie weg, schäumte: »Ich will’s ihm schon zeigen,« und stürzte wieder hinauf.

Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, daß er förmlich znsammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit den Zähnen knirschte. »Machen Sie Licht,« murmelte er nach einem langen Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend, die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief aufseufzend sagte er: »Hauser, Sie bereiten mir großen Kummer.« Damit drehte er sich um und ging langsam hinunter.

Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, daß Quandt schon ausgegangen sei. Es wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. »Um fünf Uhr seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen sprechen.«

Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heißer Augusttag, Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben ängstlich zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang im engen Gemach. Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald, und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah die beiden Männer schweigend an. Hickel knöpfte mit einer amtlichen Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: »Ich fordere Sie hiermit auf, Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.«

Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: »Herr Polizeileutnant, ich werde Ihnen mein Tagebuch nicht geben.«

Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: »Hauser! Hauser! Sie treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.«

Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: »Ja, bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier? Was wollen Sie denn noch? Ich hab’ ja schon gesagt, daß ich das Buch verbrannt habe!«

»Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, daß Sie heute nacht bei der Kerze geschrieben haben?« fragte Quandt dringlich. »Briefe haben Sie doch nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.«

Caspar schwieg. Er wußte nicht ein noch aus.

»Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu scheuen,« fuhr Quandt fort, »im Gegenteil, sie muß ihm erwünscht sein, da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu führen.«

»Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?« fragte Hickel mit höflicher Kälte.

»Da will ich doch lieber sterben, als daß ich das alles aushalten soll!« rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.

»Nun, nun,« sagte Quandt beunruhigt, »wir meinen es ja gut mit Ihnen, auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.«

»Freilich,« bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen, daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrüger Caspar Hauser.«

»Ganz abgesehen davon, daß sich in einem solchen Satz eine höchst verwerfliche Gesinnung ausdrückt,« fügte Quandt tadelnd hinzu, »eine feige und unsittliche Gesinnung.«

»Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen Geschichten plagt und mir nicht glaubt,« entgegnete Caspar bedrückt; »ich hab’ ja früher auch nicht gelebt und hab’ lange nicht gewußt, daß ich lebe.«

Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es lächelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte schließlich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen.

Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub.

Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt, ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er plötzlich und werde um Kopfeslänge größer. Mit zwei Schritten stand er dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen Gefühl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiß brach aus seiner Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm ausstreckte, das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten durchriß, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß, bis alles in Fetzen auf dem Boden lag.

Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte. Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben war. Als er eintrat, mußte sich ihm eine Ahnung des Geschehenen aufdrängen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mühsam seine Fassung und sagte in verlegenem Ton: »Was haben Sie denn da für ein Geschnitzel gemacht, Hauser?«

Hickel wanderte mit ein paar großen Schritten durchs Zimmer, dann grüßte er den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem Gesicht. Unter der Tür drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er bückte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Füßen darauf und sagte: »Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.«

Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum Ofen, öffnete mit dem Fuß das Türchen und warf alles hinein. Darauf schlug er Feuer, und eine Minute später brannte es lichterloh.

Der Pfarrer Fuhrmann war bloß schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel war gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd, schritt mit der Gleichmäßigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar kauernd zuschaute, bis das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er den Schürhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub.

Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte, die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den Präsidenten Feuerbach zu wenden.

»Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,« sagte er im Verlauf seiner Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vortrefflicher Mann, und in allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem, was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft, und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig. Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!«

Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum Schluß kam nichts heraus.

Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und kalt seiner Wege ging.

»Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß man wohl als gescheitert betrachten,« sagte Feuerbach eines Tages zu seiner Tochter. »Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.«

»Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend.

»Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,« sagte der Präsident vor sich hin.

»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu machen.«

»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist – ei, das gäbe Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen gekommen?«

Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.

Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.

Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht ergeben konnte und durfte – aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl, aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung, Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen.

So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem Wort.

Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann gesprochen? »Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann ...«

Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und alles lächelnd ins Absurde zu führen.

Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:

Anselm, Ritter von Feuerbach!
Lösch ’s Feuer unter deinem Dach!
Laß den falschen Freund nimmer ein!
Zieh den Degen und hau drein,
Sonst wird’s um dich geschehen sein.

An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.

Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.

»Es ist, als wäre er taubstumm geworden,« versetzte Quandt. »Bei Tisch läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt in die Luft. Gestern nachts hab’ ich und meine Frau ihn belauscht und wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert, dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.«

»Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?« forschte der Präsident.

»O ja, das weiß ich wohl,« entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.«

Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an. »Nun, und?« fragte er.

»Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen Wirkung zusammenreimen,« erwiderte Quandt bedächtig.

Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gut, gut,« rief er barsch, »aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?«

Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz von ihm abgewandt hat –«

»Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte.

»Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist doch sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen, kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken, und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.«

»Ich werde der Sache nachgehen,« schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab. Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines Schlapphuts festhalten.

Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren Aufschall die Tiefe verschlang.

Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und wußten nicht, wer draußen stand am Tor.

Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein Ohr.

Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten, dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein und darüber die Worte gemeißelt waren: »Zum Auge Gottes«, schon lang vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein Goldmacher darin gewohnt haben.

Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen hätte.

Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da, während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:

»Stephan!«

Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus dichterer Nähe:

»Stephan!«

Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen erstickt ausrief:

»Stephan!«

Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus und fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?«

Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier unkenntlich häßlich.

Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen. Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören.

Es wird eine Reise beschlossen

Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt wie besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt stürmen, wo die Wohnung des Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und ohne sich Zeit zu gönnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die Rocktasche und hielt Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen.

Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs. Quandt hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in einem Zug durchgelesen.

Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was soll’s? Meinen Sie, daß das eine Neuigkeit für mich ist? Sie echauffieren sich doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein Geschäft ist. Eher können Sie einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als einem geborenen Federfuchser das Schreiben.«

Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,« antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie –« er packte das Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Caspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt ja nach etwas,« sagte er bitter; »es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen. Aber das Ganze ist ein Roman, und nicht einmal einer von der besten Sorte.«

Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er gleichfalls höhnisch betont vorlas: »Caspar Hauser, das rare Exemplar der Gattung Mensch –! Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende. Das kommt mir so vor, als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schüler vor versammeltem Volk als einen großen Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem Punkt weiß ich besser Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem verehrlichen Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiß! Aber man muß nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist also der große Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm aus, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze dynastische Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!«

Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen Sie? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen Streiche unsrer Herrschaft mitanzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen. Der Präsident hat selber keine rechte Freude an dem Büchlein. Er klagt über Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, und daß es ihn mehr Mühe gekostet hat, die Geschichte zu Papier zu bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und jetzt muß er’s erleben, daß man ihm draußen im Reich hart zusetzt. Es geht die Rede, daß die Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.«

»Recht so,« rief Quandt. »Auch die Fürsten sollten etwas dagegen unternehmen.«

»Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein,« versetzte Hickel, dessen Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde. »Potz Kreuz, lieber Quandt, Sie ereifern sich ja da, als ob’s Ihnen an den Kragen ginge. Ich möchte nur gar zu gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen würden, wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wäre.«

Quandt schaute sich mißtrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und erwiderte: »Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm genug, daß man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muß. Wir haben alle vergessen, wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das haben wir gelernt, das verstehen wir von Grund aus. Aber ich will nicht mehr kuschen.«

»Pst!« unterbrach ihn Hickel unwirsch; »lassen wir das; es schmeckt nach Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der Broschüre?«

»Nicht daß ich wüßte,« entgegnete Quandt. »Aber es wird nicht zu vermeiden sein, daß er davon erfährt, gibt es doch Unverständige genug, die sich ein Vergnügen daraus machen werden. Haben Sie, Herr Polizeileutnant, nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier gehört?«

Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort entschloß. »Garnier? Ja, das ist ein landesflüchtiges Subjekt. In seinem Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, bloß noch verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der Rede wert.«

»Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den Besitz eines dieser Produkte kommt?« fragte Quandt.

Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den Zähnen nervös an der Unterlippe. »Treffen Sie Vorsorge,« erwiderte er kalt. »Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Mich kümmert das übrigens gar nicht; ist mir völlig egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.«

Quandt seufzte. »Herr Polizeileutnant,« sagte er bedrückt, »ich kann Ihnen nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gäb’ ich drum, wenn es mir vergönnt wäre, den Menschen zu einem offenen Geständnis zu bringen.«

»Man wird’s Ihnen billiger machen,« versetzte Hickel düster.

»Wissen Sie denn das Neueste?« fuhr Quandt fort. »Der Präsident will den Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen. Morgen soll er schon anfangen.«

»Und was wird der Graf dazu sagen?«

»Man hat es ihm schreiben wollen; weiß aber nicht, wo er sich aufhält. Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den hat der Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens muß er sich über die Maßregel freuen. Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch nicht zu brauchen, er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und höheren Ständen zu lange genossen, als daß es ihn nicht rebellisch machen müßte, wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müßte. Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet, der eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem ernsthaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten des niederen Dienstes, sondern bei einigem Fleiß sogar für eine Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.«

Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich, wie er sagte, ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen.

Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich gegrüßt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mürrische Stimmung ungemein aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat, wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin. Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt, geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe. Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum. Da erblaßte Caspar, stand auf und sagte: »Um Gottes willen, Herr Lehrer, legen Sie doch das Messer weg, ich kann’s nicht sehen.«

Quandt, gleich wieder verdrießlich, brummte: »Na, hören Sie mal, Hauser, ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.«

»Sie sind ein schöner Tappel,« sagte die Lehrerin, »ein Mann muß mutig sein. Was wollen Sie denn tun, wenn’s mal Krieg gibt? Da heißt es mit Anstand sterben.«

»Sterben? Nein, da sag’ ich Dank, sterben mag ich nicht,« erwiderte Caspar hastig.

»Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert,« ließ sich Quandt vernehmen.

»Nein, so feig,« fuhr die Lehrerin fort, »mit dem Kadetten Hugenpoet von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen.«

»Was ist denn das für eine Geschichte?« erkundigte sich Quandt, »davon weiß ich gar nichts.«

»Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu vorgeschwärmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brächt’ er es leicht zum Offizier. Wär’ ja nicht so übel, die Kadetten haben es gut und kommen schnell vorwärts. Unser Hauser war auch begeistert von der Idee, aber auf einmal war die Freundschaft aus.«

»Ei, und aus welchem Grund?«

»Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo viele Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm an dem Tag. Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus und will den Hauser überreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod erschrocken von dem Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das hören die andern, steigen heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen. Da reißt er sich los, eh’ man sich’s versieht, ist er in seiner Höllenangst über die Felder davongelaufen, und die nackigten Kerle höhnen hinter ihm her. Dem Kadetten war’s zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an seitdem. Ist’s wahr, Hauser, oder nicht?«

Caspar nickte. Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen.

Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von Stichaner, um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen Gäste, wich nicht vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel, erzählte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad, doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl. Die beiden Damen hörten schweigend zu.

»Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön,« bemerkte das Fräulein von Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff.

»Man kann es nicht gut Feigheit nennen,« antwortete diese; »er liebt das Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein Tier liebt er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst gestanden, daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln, und er betet, Gott möge ihn doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen. Nein, es ist nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr, auch der Trieb, viel Versäumtes nachzuholen. Man muß ihn nur manchmal sehen, wie er sich freuen kann, und über das Allergeringste, woran jeder andre stumpf vorübergeht. Seine Freude hat etwas Großartiges, etwas Erdentrücktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches haben.«

Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der Frau von Kannawurf, überrascht, doppelt angenehm überrascht, da Frau von Kannawurf, sie weilte gegenwärtig in Wien, schrieb, sie wolle im März nach Ansbach kommen. In dem Brief war überdies viel von Caspar die Rede. »Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,« hieß es unter anderm, »und muß dir gestehen, daß mich noch niemals ein Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat. Ich kann seitdem nichts andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Weiß Caspar Hauser selbst von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was äußert er darüber?«

Frau von Imhoff versäumte es, über den Punkt Bescheid zu geben; es fiel ja auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen, so ist es peinlich und sonderbar, ihn darüber in Unwissenheit zu sehen, dachte sie; noch peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat; peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem Gericht, sein ganzes Treiben; und wie ist es möglich, eine Aussprache herbeizuführen? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden.

Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört. Und er wußte davon. Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu verschaffen. Erstens aus Furcht; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt zurückbeben, der auf eine Veränderung seiner Lage zielte, seine Gedanken von der krampfhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte; und dann, weil er wahrscheinlich annahm, es handle sich bei der Schrift des Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er in- und auswendig wußte und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, bloß Kopf- und Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug erfahren, und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig geworden, daß eine einzige Andeutung, während eines Gesprächs etwa, hinreichte, um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.

Wie er schließlich doch dazu gelangte, das für ihn und um seinetwillen geschaffene Werk kennen zu lernen, das hatte eine eigentümliche Bewandtnis.

Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März, da verbreitete sich plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt die Nachricht, der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer Verhandlung, die er leitete, ohnmächtig vom Stuhl gestürzt. Alle Beamten liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren. Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den übrigen. Er schlich aber absichtlich wieder davon, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie man den Präsidenten von oben heruntertrug.

Als er sich in das Zimmer zurückbegab, in welchem er an allen Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft eines alten Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein Amtsgefährte noch nicht wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken, stellte sich zum Fenster und malte, schmerzlich versonnen, wie er war, mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe.

Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu.

Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun über neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend überflüssiger Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau getragen. Im Verlauf der dreißig Jahre, während welcher er Akten, Erlässe, Verordnungen und Urteile kopierte, hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht, und es war komisch zu sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespießt, leise schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte, wenn sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ, da er die Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte.

Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit zitternder Stimme sagte: »Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts zustößt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!«

Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.

»Na, Hauser, und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust,« fuhr der Alte seltsam keifend und zänkisch fort; »wo gibt’s denn in dieser lummerigen Welt einen Menschen, der sich so für einen andern Menschen einsetzt? Sollte mich nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende nähme. Ja, es wird ein schlimmes Ende nehmen, ein schlimmes Ende.«

Caspar hörte schweigend zu; seine Augen blinzelten.

»So ein Mann!« rief Dillmann aus. »Ich hab’, seit ich hier sitze, schon sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet, Hauser, aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan! Die Sterne könnt’ er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen. Man muß ihn nur betrachten; haben Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel über der Nase! Das deutet, wie man sagt, auf eine genialische Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser, das er für Sie geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen ist’s! Die Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen, wenn man’s liest.«

Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich hab’s nicht gelesen,« sagte er kurz.

Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riß den Mund auf und schnappte. »Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie – nicht gelesen? Ja wie ist denn das möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und brachte das Büchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stieß es ihm förmlich in die Hand und knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!«

Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin genügte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause will ich’s lesen.«

Schlag zwölf Uhr verließ er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu Hause, als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den Gesprächen zu, die sich ausschließlich um das dem Präsidenten widerfahrene Unglück drehten. »Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,« plauderte die Lehrerin, »da hab’ ich den Staatsrat gesehen, gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab’ mir gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.«

»Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet, dem Herrgott in die Karten zu gaffen,« versetzte Quandt unwirsch. »Da predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.«

Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick eintrug.

Er begab sich dann in sein Zimmer.

Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. Er ging hinauf und überzeugte sich, daß Caspar nicht da war. Sein Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah.

»Also doch,« murmelte er bitter.

Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!«

Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall. »Laß ihn gehen,« oder »sag’s ihm doch,« oder »gib’s ihm nur ordentlich,« war meist alles, was sie zu entgegnen wußte, wenn Quandt ungehalten über Caspar war.

»Wann ist denn der Hauser fort?« erkundigte sich Quandt bei der Magd. Diese wußte von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und entschuldigte sich höflich.

»Wo waren Sie denn?« forschte der Lehrer.

»Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat geht.«

Quandt schluckte seinen Verdruß hinunter und begnügte sich, Caspars Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jüngling allein war, wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: »Ich war vorhin auf Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Fund gemacht, der mich, gelinde ausgedrückt, sehr mit Bedenken erfüllt. Ich will mich nun über die Schrift des Herrn Staatsrats nicht weiter auslassen, obwohl alle vernünftigen Menschen darüber einer Meinung sind; ich halte mich nicht für befugt, Ihnen gegenüber einen so verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht weiter untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde, von Ihnen angelogen zu werden. Aber mein Bedenken hat es erregt, daß Sie sogar bei einem solchen Anlaß heimlich verfahren zu müssen glauben. Warum kommen Sie nicht, wie sich’s gehört, zu mir und sprechen sich aus? Denken Sie denn, daß ich Sie des Vergnügens beraubt hätte, eine hübsche Fabel zu lesen, die ein ehemals großer und berühmter, doch nun kranker und geistesmüder Mann verfaßt hat? Weiß ich denn nicht auch, wie Ihnen in Ihrem Innern zumute sein muß, wenn man ein solches Märchen in Ihre Vergangenheit hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser bekannt ist als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige Versteckenspielerei? Hab’ ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein Vater zu Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem Tisch, Sie genießen mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und Wehe, kann Sie denn nichts in der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch, einmal offen und rückhaltlos zu sein?«

O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen. Er zog die Schrift des Präsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das Büchlein mit Affekt vor Caspar hin.

Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene Abwesenheit der Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk, die Lippen waren geöffnet und zuckten.

Wie böse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ängstigen. »Sprechen Sie doch!« schrie er heiser.

Caspar schüttelte langsam den Kopf. »Man muß Geduld haben,« sagte er wie im Traum. »Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf. Es wird sich bald was ereignen, glauben Sie mir.« Unwillkürlich streckte er die Hand nach dem Lehrer aus.

Quandt kehrte sich angewidert ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren Redensarten,« sagte er kalt. »Sie sind ein abscheulicher Komödiant.«

Damit war das Gespräch beendet und Quandt verließ das Zimmer.

Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, daß Caspar allerdings zu Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war, daß er aber nicht bloß nach dem Befinden des Präsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe. Natürlich habe man ihm durchaus nicht willfahren können. Er war noch eine halbe Stunde lang unbeweglich am Tor stehengeblieben, und bevor er sich entfernt, war er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und verstört, ausgesehen.

Nun kam er aber den nächsten Tag wieder, und ebenso am dritten und vierten Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal wurde er abgewiesen. Der Präsident bedürfe der Ruhe, wurde ihm gesagt; sein Zustand, der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich jedoch stetig.

Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon. Feuerbach befahl, daß man Caspar zu ihm führen solle, wenn er das nächste Mal käme, und bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber die ganze Woche, ehe sich Caspar wieder sehen ließ.

Eines Nachmittags, schon ziemlich spät, erschien er und wurde von Henriette, nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters geleitet. Der Präsident saß im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg von Akten vor sich aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weiße Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte aber einen ängstlichen Schimmer, wie bei einem, dem der äußerst gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will.

»Nun, was wünschen Sie von mir, Hauser?« wandte er sich an Caspar, der neben der Tür stehengeblieben war.

Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel plötzlich auf die Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken schlaff herunter, und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in derselben Stellung.

Feuerbach verfärbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den Kopf zurück, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. »Was gibt’s, junger Mann?« rief der Präsident hart.

Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. »Ich hab’ es gelesen,« sagte er.

Der Präsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen verschwanden unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.

»Stehen Sie auf,« herrschte endlich der Präsident Caspar an. Dieser gehorchte.

Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb beschwörend: »Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten! Stille sein! Abwarten! Ist vorläufig nichts weiter zu tun.«

Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.

»Es graut Ihnen, jawohl,« fuhr der Präsident fort, »auch mir graut, und dabei muß es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und Höhen erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons Horn. Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen so hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl zwängen kann. Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht mucksen. Zu versprechen ist nichts; eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu brauch’ ich Gesundheit. Genug für jetzt!«

Er machte eine verabschiedende Geste.

Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste Blick wunderte den Präsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche hat Blut in sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen, drehte sich Caspar noch einmal um und sagte: »Exzellenz, ich hätte eine große Bitte.«

»Eine Bitte? Heraus damit!«

»Es ist mir so lästig, daß ich bei jedem Ausgehen immer auf den Invaliden warten soll. Er kommt oft so spät, daß es sich gar nicht mehr ums Weggehen lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu meinen Bekannten auch.«

»Hm,« machte Feuerbach, »will’s überlegen, werd’ es richten.«

Als Caspar das Zimmer verließ, huschte eine weibliche Gestalt längs des Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette, die, in beständiger Angst um den Vater nichts so sehr fürchtete wie die Gefahr, die aus dessen leidenschaftlichem Anteil an dem Schicksal Caspars drohte. Es mag dafür ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere Luft, die in der Umgebung des Präsidenten lastete, mit jeder Zeile spüren ließ.

»Der Zustand unsers Vaters,« so begann das Schreiben, »hat sich, Gott sei Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock gestützt, durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem guten Braten, wenngleich sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er hin und wieder über Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im allgemeinen anbelangt, so ist sie schlechter denn je, und zwar hängt dies vornehmlich mit der unglückseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen. Du weißt, welch riesiges Aufsehen die Broschüre im ganzen Land hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafür und dawider erhoben, aber es scheint, daß das Dawider allmählich die Oberhand behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander auffallend ähnlich waren und worin das Werk als Produkt eines überspannten Kopfes höhnisch abgetan wurde. Nachdem zwei Auflagen in rascher Folge verkauft waren, weigerte der Verleger plötzlich unter allerlei Ausflüchten den Druck, und als man sich an zwei andre wandte, kamen ebenfalls Absagen. Daß dahinter die tückischesten Umtriebe stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle, kann man sich nicht verhehlen, und ich möchte mir die Lippen wund beißen, wenn ich daran denke, in was für Zuständen wir zu leben gezwungen sind, daß selbst ein Mann wie unser Vater für eine Sache, die so, wie sie ist, zum Himmel schreit, kein williges Ohr findet, von tätiger Hilfe ganz zu schweigen. Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr Empörung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern Vater vorstellen: seine bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine Verachtung, und alles zurückgehalten, in seiner Brust zugeschlossen. Was mußte er fühlen, da sogar aus dem nächsten Freundeskreis kein Zeichen des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog! Gewisse hochgestellte Personen hielten mit ihrem Ärger nicht zurück, und hier, in dem abscheulichen Krähwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von der ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom erobern, zu Jerusalem ist er nur ein schäbiger Rabbi. Ich bin in großer Sorge für unsern Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, daß seine jetzige äußerliche Ruhe nur den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt er stundenlang und starrt auf eine einzige Stelle an der Wand, und wenn man ihn dann stört, schaut er einen mit großen Augen an und lacht lautlos und weh. Neulich sagte er ganz plötzlich und mit finsterer Miene zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie in früheren Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar müsse man sich opfern und dürfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers verschanzen. Er wälzt Pläne in seinem Hirn, die Nachricht, daß im Badischen eine Revolution ausgebrochen ist, hat ihn mächtig angegriffen, und in der Tat scheint diese Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in innigem Zusammenhange zu stehen. Er glaubt in einem verabschiedeten und irgendwo am Main lebenden Minister einen der Hauptanstifter der an dem Findling begangenen Greuel vermuten zu dürfen, und – kaum will mir der Satz in die Feder! – er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen, ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche Geselle, dem ich nicht über den Weg traue, kommt nun fast täglich ins Haus und hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den Andeutungen des Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen auf die Reise begleiten. Könnt’ ich doch das, nur das verhindern! Er wird um dieser unseligen Geschichte willen den letzten Frieden seines Alters hingeben und er wird nichts ausrichten, nichts, nichts und wäre er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson an Kraft und ein Makkabäus an Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes Geschlecht! Das Kainsmal der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos wirtschaften wir mit unsern Kräften und unsern Vermögen, und wenn die Überbleibsel noch gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glück. Es ist uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir müssen immer gleich ein Ziel haben, wir können nicht atmen, ohne eines wichtigen Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nächsten Tages entgleitet uns jede holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich, so sind wir alle. Ich habe noch nie an einer Rose gerochen, ohne darüber zu trauern, daß sie morgen verwelkt sein wird, noch nie ein schönes Bettelkind erblickt, ohne über die Ungleichheit der Lose zu spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine schlimmen Ahnungen unwirklich.«

So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mißtrauen gegen den Polizeileutnant wuchs schließlich dermaßen, daß Henriette alle möglichen Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete nichts, aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die Tochter des Präsidenten alsbald eine undurchdringliche, süßliche Liebenswürdigkeit. Als ihn Quandt aufsuchte und sich lebhaft darüber beklagte, daß der Präsident sich von Hauser habe beschwatzen lassen und dessen unbewachtes und unbehindertes Herumlaufen in der Stadt bewilligt habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er werde dem Staatsrat schon den Kopf zurechtsetzen.

Er ließ sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die unerwünschte Maßregel vor. »Eure Exzellenz dürften nicht überlegt haben, welche Verantwortung Sie mir damit aufbürden,« sagte er. »Wenn ich keine Kontrolle habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann für seine Sicherheit Garantie bieten?«

»Larifari,« knurrte Feuerbach; »ich kann einen erwachsenen Menschen nicht einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemütsruhe im Kasino versitzen können.«

Hickel heftete einen bösen Blick auf seine Hände, antwortete aber mit einer nicht übel gespielten Treuherzigkeit: »Ich bin mir ja eines Lasters bewußt, das Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein Plätzchen muß der Mensch doch haben, wo er sich wärmen kann, sonderlich wenn er ein Hagestolz ist. Wenn Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz, und ich in der Ihren, würde ich milder über einen geplagten Beamten denken.«