Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trübe Gischt des Meeres gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe überhaupt nichts anderes mehr als Unrat.
Von dieser Zeit an kehrte Claus häufiger und häufiger in der Hütte der Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Küste sein Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang quälen, der ihn an einem schneidenden Seil über die Berge zog, in der Nacht schnürte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und riß den Unbändigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlächelnden Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen ausgestattet, und Heino Wichmann versäumte nicht während der Tagesarbeit seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zögling einzuprägen, wie es im Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genuß, in Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmöglichkeit gegen den überall herumschnuppernden Tod gesehen.
»Sieh, Bübchen,« pflegte dann der Kleine zu äußern, während die beiden Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, »der letzte Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich herablockt, gerade ihn begrüßen wir als den heißen Boten aus einer überseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kämpft bereits die Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten im Erdreich versteckten Eichel den Rüssel blutig zu reißen?«
Solchen Einflüsterungen gegenüber, obwohl sie ihn mit der Schärfe eines Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen schmäler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt häufig voll selbstquälerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der strohblonde Magister begann zu wittern, daß sein Geschöpf die aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu bäumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch äußerte er zuweilen bei geringen Anlässen Gedanken und Meinungen, die bewiesen, wie hoch die Gärung in seiner Brust bereits gestiegen war.
Eines Tages saß der Bruder Franziskus am Herde der Hütte. Er kam, wie er bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte, verirrten Einzigen nicht mehr ruhen ließ. Treibende Angst beschattete sie jetzt fast stündlich, in ihrem Kinde seien die bösen Lüste seines eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genuß- und Raubsucht, die wilde Gier nach Unterdrückung Schwächerer und das kalte Verachten von Recht und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, daß sie selbst ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die Schärfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn plötzlich die Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten.
Ein kalter Novemberabend fröstelte über der Hütte. Am Buchenfeuer saß der Mönch, und neben ihm, in Decken eingehüllt, hing der Hausherr, halb liegend in seinem Armstuhl, und röchelte unter einem pfeifenden Geräusch die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er absichtlich gerückt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer, während Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hände demütig über der Brust gekreuzt, als wäre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Führers gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen. Draußen umarmte Nordsturm die Hütte und keuchte begehrlich um das geschüttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem Raum. Und in dem Wohlgefühl über den warmen Platz vergaß der Pater sogar, daß weit hinter seinem Rücken der kleine strohblonde Zwerg auf einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemüht, in der rötlichen Schwärze der Höhlung so weit wie möglich zu verschwinden. Der Magister war auch der einzige, der mit spöttischem Grinsen bemerkte, wie den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe stachelte, und er wußte auch, was seinen Zögling an brennenden Seilen von hier fortzog. Darüber freute er sich. Inzwischen lief das Gespräch ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, daß die alten Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprüchen und Entscheidungen mit unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hüstelte der Kranke seinem Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in Gleichgültigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jählings ein sengendes Mal aufgedrückt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht genügend Münzgeld gefunden, so habe er den Ziegenstall geöffnet und eines der Tiere, die beste Milchgeberin, gepfändet und fortgetrieben.
Als der hinfällige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der ehemals so mächtige Körper von einer Wut geschüttelt, daß der Armstuhl unter ihm zitterte. Der Schweiß tropfte dem Aufgeregten in den grauroten Bart, während er halb lallend fortfuhr:
»Schmach – da lag ich – da lag ich – und konnt' ich mich wohl rühren? Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die Ziege schrie – aber was nützt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in den Knien gurgelt – denn so hoch steht es bei mir schon« – Der Alte warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an seinem Spieß rieb, dann keuchte er dankbar: »Nachmittags aber kam Claus, der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach und brachte unsere Ziege zurück. – Wir haben sie wieder, Geweihter,« schloß er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hände.
»Wie geschah das?« fragte der Pater nachdrücklich.
»Hab' sie ausgelöst,« erwiderte Claus leichthin.
»Mit wessen Gelde?«
»Hab' es mir geliehen.«
»Von wem?«
»Von einem Freunde,« vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch nicht hindern, daß sein Blick wie im Einverständnis zu dem Strohblonden auf dem Herd hinüberflog. Der rückte sich noch tiefer gegen die Wand des Rauchfangs.
Der Mönch schüttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gütigen Stimme, die empfängliche Gemüter wie dasjenige Hildas sanft stimmte, gleich einem lindernden Fiebermittel:
»Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der göttlichen Wage das Recht sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit. Darum steht auch geschrieben, ‘Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist’.«
Eingehüllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und selbst innig von seiner Lehre überzeugt, so urteilte der Mönch, und die alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Hütte aufwachsen wie eine Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da – entsetzlich – die Häusler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht – da lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die frommen Sätze hinein, und in der Ecke stieß der junge Nikolaus seinen Speer aufrecht in den Estrich, so daß das Eisen zitterte und summte.
»Was gibt's?« murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging, während er sich mühselig aufzurichten suchte. »Warum lachst du?«
Der Sohn schüttelte kräftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht eingeschüchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinüber:
»Von wem stammen die törichten Sätze?«
»Töricht?« Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle dieser Unbotmäßigkeit gegen den Himmel zertrümmerte ihm mit einem Keulenhieb das kluge Verständnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmöglich schien es ihm, daß solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn großgeworden sein sollte, unfaßlich, daß es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn äußerte. Gelähmt, seiner selbst nicht mächtig, antwortete er, um dabei doch zu empfinden, daß seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne Hemmung, wie der Faden eines Knäuels, mit dem eine Katze spielt.
»Nikolaus,« verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu sich selbst spräche, »der Allmächtige nehme die Anfechtung von dir. Es ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft verkündete.«
Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie die entsetzt vorgestreckten Hände bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn würde von dieser Belehrung gefällt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein überheblich grausamer Schein, und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch respektloseren Hieb aus.
»Hat der Heiland das selbst geschrieben?« forschte er ungläubig.
Ehrlich schüttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten Schläfenhaaren perlte ihm der Schweiß.
»Der Heiland schrieb nicht,« bekannte er, und wieder entfuhr ihm die Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mächtigeren gelockt wird. »Seine Lehre ging durch viele Hände.«
»Dann taugt sie auch nicht mehr für eine späte Zeit,« bestimmte der Junge nun fest und mit furchtbarer Überzeugung, »abgestandenes Wasser macht krank.«
»Nikolaus,« jammerte die Mutter, und in ihrem überwältigenden Grauen meinte sie, in der Ecke hocke ein höllischer Dämon, der mit seinem schwarzen Spieß gegen ihr Herz und das innerste Gefüge der Welt ziele. Und doch, der Dämon war noch immer schön und herrlich. Auch der Vater stieß jetzt ein wundes, banges Röcheln aus. Und nur der Mönch lehnte schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens wuchs unter ihm, so daß die wilden Strudel ihn nicht erreichten.
»Sündige weiter, Korah,« sprach er fest.
Von den Feuern des Kamins jedoch tönte ein spöttisches Kichern, und dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrünnigen ohne jede Rücksicht hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner Überzeugung zu formen, schlug Flammen:
»Ist Gott reich oder arm?«
»Reich,« entgegnete der Geistliche schwach.
»Ist der Kaiser reich oder arm?«
»Gott helfe dir – reich,« flüsterte der Priester gezwungen.
Da riß Claus seinen Spieß aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mönch starr entgegen, und während sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des Herdes erreicht wurde, rief er mit düsterem Grimm und funkelnden Auges:
»So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche Kaiser möge den Armen geben, was der Armen ist.«
Eine Weile regte sich nichts nach dieser haßerfüllten Empörung. Die alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwühlenden, zerfleischenden Ton, daß ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten zu rütteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte, finstere Tiefe der Verdammten gestürzt sein müsse. Auch das erfaßten sie nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem Verlorenen die machtlosen Hände in den Höllenspalt nachzustrecken. Noch blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem Verständnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und während er sich eng und abschließend in seine Kutte hüllte, schritt er gebückt und vor sich hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und in das Holz der Bohlentür hinein sprach das zarte Männchen nach hartem Kampfe:
»Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlöser wohnt auch in denen, die ihn verlästern. Du wirst es merken.«
Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Hütte bangte das Schweigen.
Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von der heilsüchtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den Mönch abstieß, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nächsten Augenblick, womöglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In den Fieberträumen des Gärenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte, goldglänzende Faust – die seine – die das Jammerdasein zurechtrückte, und seine Nächte wurden beständig durch die Qual gestört, ob er, der Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert in die besudelten Hände nehmen dürfe. In solcher funkelnden Finsternis, wenn vor seinen weitgeöffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter, sowie Anna Knuth in goldverschnürten Purpurgewändern stolzierten, da weckte er häufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr erträglichen Zweifeln zu flüstern:
»Muß es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde bringt?«
Allein den genießerischen Zwerg empörte derartig ernsthafter Zwiespalt, weil sein flatterhaftes Gemüt nie aufrichtig an eine Selbstprüfung gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des Freundes, ärgerlich dazu raunend:
»Laß mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Bäuchen etwas zu fressen bringt, braucht die Schüssel nicht erst zu putzen. Und nun schnarche und träume von dem Busen der Becke.«
Doch Claus träumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgräber, der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der Magister ahnte nicht, daß sein Zögling durch Ekel und Überdruß bereits in jenes vergitterte Herrenbewußtsein gejagt sei, das auch hinter dem weißen Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert.
Ja, der Irregeführte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur Jungfrau erblühte Anna Knuth gutgläubig zu betrachten, so wenig wußte er, was er hinter ihnen vermuten sollte.
Dunkel und dämmriger wälzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverständliche Zeichen des Kommenden.
Schicksalsstunde brach an.
Es war an einem naßkalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst gräupelte es in schrägen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig um die Hütte herumgedrückt, und das Meer zischte glasige Eisstückchen gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, während der Vater schlief und die Mutter geräuschvoll mit den Töpfen des Herdes lärmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hüllte sich hastig in sein Seehundswams und schlüpfte unbemerkt aus der Kate hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich spürte, atmete er gierig und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich auf schlimmer Bahn befindet. Wußte doch der Bursche, daß der zehnfach verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn öffnete, um den Wanderer mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche führte er den heißesten Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes Geschöpf zu entwürdigen und dadurch doch in beglückter Dienstbarkeit zu halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstände in ihm mit einem Mal erschöpft und gebrochen. In langen Sprüngen hetzte er von den Dünen zum Strand herab – und richtig – dort unten schob Heino Wichmann das Boot gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mürrischen Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er möge heute das Netzelegen allein besorgen, weil er selbst – weil – kurz, gegen Morgen würde er wieder daheim sein. Und seltsam – ganz ohne das gewohnte spöttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden, ja, es schien beinahe, als käme es ihm nicht ungelegen, allein und unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu können. Eilfertig trug er dem Aufbrechenden Grüße auf, pries ihn glücklich, mitten im Winter runde Äpfelchen vom Baume schütteln zu dürfen – alles gleichgültig und ohne Anteilnahme – und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn zu. Aber Claus zögerte noch eine Weile. Denn für eine kurze Frist befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den üppigen Bildern, die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verändert habe. Merkwürdig, über Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft gewonnen; Claus erinnerte sich, daß sein Freund jetzt nächtelang herumstreife, namentlich auf den Höhen der Insel, ja, der Fischersohn rief sich zurück, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte, wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte dort ein Reisigbündel entzündet, und zur Verwunderung des Zuschauers wurden die brennenden Äste einer nach dem anderen von dem Einsamen in die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend jemandem ein Zeichen gegeben werden?
Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. »Was treibst du da?« hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der Aufgestörte den glimmenden Bund ins Wasser gestoßen, die Achseln gezuckt und verärgert zurückgegeben:
»Meinst du, daß ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So störe mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergötze.«
Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in die Hütte getrollt. In seinem Zögling aber nistete seitdem der Verdacht, Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gefäß krausesten Wissens, dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswürdigsten Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete Wandervogel spanne gewiß bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte. Und darüber verzehrte sich das Herz des anhänglichen Jungen, das neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurückbleiben, um abermals zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken?
Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zügellos verbraustem Verschwenden hing Claus ernüchtert und voll Selbstverachtung auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefühl des Ausgestoßenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten belud ihn mit solchen Gewissensängsten, daß er den Kopf in beide Hände stützte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen?
Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, würde dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn über die aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtäuschte? Also nur der Ekel oder die grelle Verwüstung blieben ihm übrig, wenn er die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte! Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der Zustimmung seines Herrn bedurft hätte. Warum war er hierzu verdammt? Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzählige andere, die diesem Fluch verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Höhe, und so düster und drohend funkelten seine Augen, daß die Becke, die trällernd und hochmütig vor ihm auf und ab tänzelte, befremdet innehielt. Sobald ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lächelte sie eigentlich über den unreifen Wildling, ja, sein gärendes Wesen sowie das bunte Gefieder seines Geistes reizte die Denkfaule außerhalb seiner Umarmungen höchstens zu Spott und Verhöhnung.
»Geh nach Hause, Büblein,« meinte die Dirne deshalb überlegen und schnippte mit dem Finger gegen ihre vollen Lippen, »damit du deine Mutter nicht störst. Auch meine Alte könnte aufhören zu schnarchen, wenn du die Tür wieder so zuknallst.«
Geräuschlos öffnete das Mädchen den Verschluß der Kammer, um in das Schenkzimmer zu spähen. Allein dort draußen schwebte alles im Halbdunkel, von dem Tisch flackerte nur eine trübe Ölleuchte, und am Herd zusammengesunken schlief ein buckliger Querpfeifer, der am Abend vorher den Gästen seine Stückchen aufgespielt. Jetzt ruhte sein pockennarbiges Haupt auf der Herdplatte.
»Du kannst gehen,« riet die Becke noch einmal, nachdem sie sich von dem freien Ausgang überzeugt. Allein wie stockte mit einem Male ihr herablassender Ton, als ihr gleichgültiger Blick sich jetzt unvermutet mit dem ihres Besuchers verfing. Gebannt blieb sie an der Schwelle, und ihre zitternde Hand nestelte unwillkürlich das Linnen an ihrem Halse enger zusammen.
»Was siehst du mich so an?« stammelte sie ziellos und in aufspringender Feigheit. »Ich habe dir nichts getan.«
»Wie sehe ich dich denn an?« forschte Claus, den selbst, gleich einem Ertappten, ein kalter Schrecken aus seinen Gedanken gescheucht hatte.
Das vollbusige Weib jedoch zitterte noch immer.
»Man möchte fast meinen,« suchte sie ihre Unruhe hinter einem frechen Lächeln zu verstecken, obwohl ihre fröstelnden Wangen sie Lügen straften, »man möchte fast meinen, du wolltest mir an die Kehle.«
Es sollte wie ein Scherz klingen, auch reckte das Mädchen alle Glieder, als wollte sie die Macht herbeirufen, die ihr noch stets geholfen. Allein das ernste Antlitz des Jungen und vor allem seine vernichtenden Augen, sie ließen ihr das sichere Selbstgefühl der Verworfenheit nicht mehr zurückkehren. Und dann – hörte sie denn richtig? Wurde sie nicht vielleicht doch durch einen brenzlichen Spuk getäuscht? Nein, nein, jetzt – es sprang ihr in die entsetzten Augen, der verwünschte Bursche dort griff wirklich in das Gewühl der Betten, preßte den Strohsack unbarmherzig zusammen und flüsterte heiser vor innerer Entwürdigung:
»Höre, Becke, es wäre für uns beide besser gewesen, wenn ich dich vorhin in den Kissen erwürgt hätte.«
Sie schrie nicht auf, sie bebte auch nicht länger, nein, vor dieser wilden Drohung, deren innere Wahrheit die Erfahrene nicht einen Moment bezweifelte, gewann die Dirne vielmehr ihren alten, rohen Übermut zurück. Auch fiel ihr ein, daß sie ja nur zu rufen brauche, um den Schläfer dort drinnen herbeizuwinken. Finster straffte sie die Arme. Dann setzte sie sich ihrem Gast gegenüber auf ein Klappbrett, das sie aus der hölzernen Wand herabließ. So nahe befanden sich die beiden, deren Blut plötzlich verzweifelte Feindschaft vergiftete, daß sich ihre Knie beinahe berührten. Dann stieß die Becke mürrisch und doch von einem lichteren Strahl getroffen hervor:
»Tätst auch was Recht's, ein Mensch, wie mich, umzubringen.«
Es mochte wohl die dumpfe Nachdenklichkeit in dieser Anklage sein, die den Burschen umstimmte. Herrisch bewegte er die feingeformte Hand, als ob er das Wort nicht gestaltet hören möchte, dann blickte er sich verwundert im Kreise um. Zum ersten Male musterte er entzaubert den kahlen Hausrat, das elende, zerfetzte Lager, die grünschimmlige Feuchtigkeit der Wände sowie die qualmige Leuchte zu seinen Häupten. Auch die geschminkten Wangen der Becke stachen ihm grell entgegen. Wie vor etwas Unbegreiflichem schüttelte Claus den Kopf, dann strich er sich schwer atmend die Locken aus der Stirn. Als aber sein Blick notgedrungen über seine zusammengesunkene, vor sich hingrübelnde Gefährtin streifen mußte, da packte ihn das Zermalmende dieser Stille mit verzweifelter Macht.
»Sprich was!« herrschte er so bedrohlich, daß die Becke emporwankte.
»Was soll ich schon wieder sprechen?« versetzte sie mürrisch.
Der Junge würgte die Hände umeinander, da er sonst für sein Begehren kaum einen Ausdruck fand.
»Wie du so – so eine geworden bist?« platzte er endlich in grimmiger Pein heraus. »Wie du so eine geworden bist?«
Da starrte die Dirne ihren Bedränger sprachlos an, denn gerade seine zarte Anbetung hatte sie bisher zum Erbarmen gegen dieses halbe Kind gezwungen. Unmutig entblößte sie ihre Zähne, als enthielte sie sich kaum, durch einen unvermuteten Biß sein Gesicht zu zerhacken. Aber allmählich schwand die Feindseligkeit aus ihren grünblauen Augen, und sie brach in ein rohes Gelächter aus.
»Bist mir ein rechter neugieriger Spatz,« spottete sie unsicher, aber dabei klang doch eine grobe Verwunderung in ihrer Stimme mit. »Potz Marter, ich fraß wahrhaftig selbst von dem alten Zeug. Willst es wirklich wissen? Gib acht, Büblein, hier kannst du was lernen!«
Mit einem höhnischen Lächeln lehnte sie sich zurück, krampfte die Hände in ihrem Schoß und dann schleuderte sie ihm ihre Dirnengeschichte ins Gesicht, abgehackt, boshaft, anmaßend, als wär's eine lächerliche Überschätzung von solch einem Knäblein, jemals die Wege ihrer Zunft überschauen zu wollen.
»Ja, du Milchbrei, was zehn Mäuler bei einem armen Hufenbauern fressen, davon hat dir deine Mutter hinter dem Ofen gewiß nichts erzählt? Sieh, ich bin solch ein Maulwerk! Auf unserem Äckerlein verhungerte gerade eine einzige Kuh, aber was half's? Der Fetzen Land ist noch nicht lumpig genug, der Edelmann aus der Nachbarschaft muß noch sein gnädiges Auge darauf werfen. Da wird denn die Gegend voll geschrien von Raub, Diebstahl und Einbruch, bis das Bäuerlein eines Tages im Turm des Junkers seine eigenen Knochen annagt. Kaum läßt man freilich das Gerippe frei, so läuft es vor das Gericht des Herzogs von Wolgast. Die zehn Mäuler wollen nun einmal gestopft sein, und irgendwo wird das Recht sitzen! Nicht wahr, es kann doch nicht aus der Welt fortgelaufen sein? Zwei Jahre dauert der Streit, zwei Jahre, bis einem die Augen vor Heulen und Angst blind geworden sind. Dann, horch, dann haben die Amtleute, Schreiber, Ratsherren und Vögte den Rest des Äckerchens aufgefressen. Heidi, da steht man nun nackt und bloß auf der Straße, und die Nachbarn werfen einem die Tür vor der Nase zu. Was nun, Cläuslein, was nun? Ich will es dir sagen. Wozu hat man den gnädigen Herren ihr Handwerk abgelernt? Man wird es eben auch einmal versuchen. In Wolgast gibt es einen reichen Bäcker, ich selbst hab' die Gelegenheit ausgekundschaftet, der erhielt zur Nachtzeit unseren Besuch – und dann – «
Die Becke greint und beißt sich in die Finger, allein ihre gemalten Lippen beben jetzt doch wie im Frost.
»Diesmal währte der Prozeß nur kurz,« schluckt sie und reibt sich in unnatürlicher Emsigkeit die Hände, »nach acht Tagen stand ich mit meinem Vater schon unter dem Galgen. Eh' sie ihn aber hinaufzogen, oh, das tat wohl, da schrie er mir über alles Volk hinweg noch zu: ‘Der Himmel hat Großes mit uns vor. Sieh, Dirn, ich lern auf meine alten Tage noch in der Luft tanzen, und du, mein' Tochter – freue dich, du wirst eine Hur’. Und merk dir's Büblein, das letzte Wort eines Vaters soll man nicht zuschanden machen.«
Damit erhob sich die Erzählerin, wandte ihrem Besuch den Rücken und kratzte wie unsinnig an der Wand herum. Plötzlich aber schnellte sie zurück, und indem sie die Arme fest um seinen Hals schnürte, bedeckte sie das Gesicht des Erstarrten mit unbändigen Küssen.
»Komm, Büblein,« girrte sie voll gemeiner Angst, als ob Büttel und Todesreiter ihr abermals auf den Fersen wären, »wozu nützen deine Narreteien? Die Hauptsache ist, daß man jung ist. Jung. Horch, unsere Herzen! Hüpfen sie nicht wie die Lämmlein gegeneinander? Komm, gib mir Geld, meine alte Hexe hat dir ja wieder ein hübsches Sümmchen gewechselt, und dann braue ich dir da drinnen einen Met, und wir trinken bis uns Flügel wachsen. Munter, Bübchen, küsse mich und bleib bei mir.« Berauscht und zugleich verängstigt vor seinem starren Gesicht klammerte sie sich an ihn. »Was ist dir?« murmelte sie abermals, als sie merkte, daß ihre Glut nicht auf ihn übersprang. Dann sank sie erschöpft wie ein Klumpen schweren Holzes vor ihm zusammen.
Claus aber stand neben ihr, keiner Bewegung mächtig. Und obwohl seine Glieder zitterten und bebten, so hatte die Dirne doch recht gesehen, als sie spürte, daß ihr Gast nicht mehr bei ihr weilte. Ungläubig, halb erstickt sah er hinter dem seufzenden Scherben zu seinen Füßen die vergewaltigte Menschheit. Und er konnte es nicht fassen, daß dies alles seine Brüder und Schwestern wären. Verfaulte Scharen quollen aus den Türmen der Edlen, voreingenommene Richter schanzten das Recht dem seidenen Kittel zu, und überall aus der Erde wuchsen Galgen hervor, die liefen hinter den Armen und Elenden her, dazu kreischend:
»Freut euch, ihr lernt auf euer Alter in der Luft tanzen, und oh Wonne, eure Töchter werden Huren!«
Nein, nein, das war nicht die Welt, die der Pater oder der Vogt verkündigten. Die nicht!
Als Claus endlich die Augen aufschlug, da meinte er, aus der elenden Leuchte zu seinen Häupten zischten Blitzstrahlen herab, deren schwefliges Licht ihn blende und versenge. Seine Kleider fingen an, ihm auf dem Leibe zu brennen, und über alles hinweg packte den Überreizten die grenzenlose Furcht, was er, der Frevler, getan habe, um den wütenden Reigen der Galgen einzufangen? Umgekehrt, umgekehrt – er hatte sich ja über eine der Verlorenen geworfen, um sie bis auf die Haut auszurauben und zu plündern.
Inzwischen war die Schwäche von der Dirne gewichen. Brummig richtete sie sich auf.
»Mach, daß du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an?«
Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfaßt hatte, nicht mehr länger zu zähmen. Unbewußt, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der über die Erde gegen ihn gellte, schüttelte der Bursche mit fiebrigen Händen einen Regen von Silber- und Kupfermünzen über die Zottelhaare der Kauernden aus, und so von Grund war der Flüchtling aufgewühlt, daß er beim Durchfliegen des Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraßen fror und sein Elend aus den fünf Windlöchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer aber sprang hurtig hinter den rollenden Münzen her und wurde stark in der Überzeugung, daß er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu schaffen haben müsse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an sich und stürzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem so unvernünftig Davonstürmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu kürzen. Draußen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus den Morgendünsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschüssigen Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, während sein Instrument seltsam hohe, zerrissene Töne von sich quiekte. Aber allmählich verlor der Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefällig sein Querholz, das ihm so hohe Ehren eingetragen.
VII.
Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten Geäst des Sassenwaldes auf die Höhe der Dünen heraustrat. Unten strich ein kräftiger Wind über Strand und Meer, so daß der Dunst hinweggefegt und eine weite Aussicht für den Ankömmling eröffnet wurde. Schwarz und finster wogte die schwellende Fläche vom Rande des Horizontes, und ihre dunklen Hügel wandelten schräg in schwermütigen Reihen der fernen Bucht von Binz entgegen. Dazu glitt von überall her ein nie abreißendes Summen über die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwärme den Heimweg suchten.
Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstämme war überwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, Übernächtige wandte sich noch einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehölz zurück, um ungläubig zu ergründen, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Sträuchern vom Boden eingeschluckt seien. Aber nichts rührte sich mehr, und es war wohl nur seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb irrsinnige Töne durchs Gehör schnitten. Es klang wie das Weinen eines geplagten Kindes. Claus schüttelte sich und spritzte die Regentropfen von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken durstig das stille große Bild. »Ja, dort draußen,« murmelte er wunschbeflügelt, »dort draußen!« Die uralte Vorstellung der Küstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde umgürtete, er besäße auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulösen. Und er wußte noch nicht, daß alle Wasser der Ozeane nicht genügen würden, um die Brandmale zu kühlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein tausendstimmiges Schlachtlied, das riß den Leichtentflammten fort. Beide Hände warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: »Ich will – ich will.« Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer könnte es angeben? Und doch – es war sein Bündnis mit dem Weltwillen. Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ändert das Geschaffene.
In dem unerklärlichen Gefühl der unverdienten Entsühnung schickte er sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden vorspringenden Hügeln das Häuschen der Mattenflechterin Knuth eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frühen Morgenstunde ein paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krähen um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch Menschen? Was suchte das Gezücht dort? Gerade an jener einsamen Stelle? Und in langen Sprüngen setzte der mißtrauisch Gewordene von den Dünen herab. – – –
Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Männer vor der windschiefen Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur für Eingeweihte sichtbar, wie ein großer brauner Pilz zwischen dem Geröll herabhing. Vom Strand aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen die Tür schlug, während über den Dünenweg, kaum einen Gedanken später, ein pelzgekleideter Jägersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stießen sie aufeinander. Überrascht, verdrießlich schob sich der vorderste der Schützen die grüne Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wäre dieser soeben auf einer Überschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich sprühte dem Jäger verräterisch eine Welle der Verlegenheit über die Wangen.
»He, was gibt's?« rief er, durchaus nicht über die Begegnung erfreut.
Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schädel.
»Ich bin's, Junker,« erklärte er ohne sonderliche Furcht. »Laut rentmeisterlicher Verfügung muß ich – – «
Allein ehe der Satz zu Ende gelangte, wurde von innen der Querbalken zurückgeschoben, und spähend, kaum notdürftig bekleidet, beugte sich Anna Knuth über die Schwelle. Vor dem Morgennebel verzog das Mädchen ihre nur durch ein Linnenhemd geschützten Schultern, und unter dem kurzen Rock fröstelten die nackten Füße. Ihre reichen, blonden Haare fielen ihr noch ungeordnet weit über den Rücken. Statt einer Anrede legte sie nur bittend den Finger vor die Lippen, zum Zeichen, daß vor allem die Ruhe nicht gestört werden möge; dann glitten ihre noch immer kindlichen Augen scheu und bittend zu dem Grafen hinüber, und ihre ganze Gestalt begann zu zittern wie ein Tier, das den Schlachthieb erwartet. Die Bewegung erzählte von unentrinnbarer Armut, von Verfolgung und Umstricktwerden und dem jammervollen Elend des nahen Erliegens. So sprechend war die Gebärde, daß selbst dem Junker von Cona ein unnatürliches Lachen entfloh.
»Da bin ich,« rief er gepreßt, obwohl der Gruß munter klingen sollte, und ohne daß der Jäger begriff, wie ein Aufmerksamer leicht das abgekartete Einverständnis hinter diesem Ausruf entdecken könnte. Eine Weile blickte daher auch der Vogt schweigsam von einem zum anderen, dann jedoch verzog er die struppigen Augenbrauen, zuckte die Achseln und wandte seine wuchtige Bedrängergestalt wiederum dem Mädchen zu. »Ja, das hilft nichts,« beharrte er, »die Frist ist abgelaufen. Wie steht's?«
Auf die brummige Forderung lief ein erneuter Schauder um die Schultern der Gemahnten, die Farben auf ihren Wangen wechselten, und während sie halb willenlos in die Hütte zurückwies, stotterte sie, um doch irgend etwas zu erwidern:
»Wahr und wahrhaftig, Mutter liegt krank.«
Der Vogt griff sich an die Bartkrause, er schien an die Ehrlichkeit des Einwandes zu glauben.
»Ich weiß,« gab er zu, »wo fehlt's?«
Jetzt hielt sich die Blonde an dem Pfosten fest.
»Das Feuer schlägt ihr aus,« stammelte sie, von der Aussicht getäuscht, ihr Ungemach könne ihr vielleicht doch Mitleid werben. »Sieht und hört nichts.«
»Schlimm,« murmelte der Vogt, »die schwarzen Nebel sind schuld.« Aber gleich darauf schlug er an seine Ledertasche, und in Ausübung seines harten Berufes fragte er weiter: »Hat sie dir den Wehrpfennig ausgehändigt?«
Da riß die Kleine ihre blauen Augen weit auf, und überzeugt, daß ihr jetzt die letzte Hoffnung schwinde, ließ sie den erhobenen Arm sinken, um zerknirscht und auf alles vorbereitet den Kopf zu schütteln. Sie sah aus wie ein eben gefangener Vogel, der kampflos und betäubt durch die Stäbe blinzelt.
»Ja, dann hilft das nichts,« entschied der Vogt, und nach einer Weile knurrig, »kannst du dir's nicht von den Beckeras leihen?«
Noch war es ungewiß, ob das Mädchen in seiner Verständnislosigkeit den ihm hingeworfenen Faden aufzuraffen vermöge, als etwas Rasches, Unerwartetes geschah. Mißfällig hatte der junge Graf schon lange diesen Verhandlungen gelauscht, wobei er von Zeit zu Zeit seinen beiden dänischen Doggen, die ihn schlangenhaft umstrichen, zum Scherz die Köpfe zusammenstieß. Jetzt aber schob sich Malte Cona ungeduldig an das Mädchen heran, ganz dicht und eng, so daß der schmale Türspalt für die beiden Körper fast nicht mehr ausreichte, und es war wirklich kaum wahrnehmbar, wie nun der Jäger seiner Nachbarin, die seine Hilfe nicht im geringsten unterstützte, geschickt hinter ihrem Rock ein kleines Lederbeutelchen in die Hand spielte. Kaum spürte die Tochter der Mattenflechterin freilich den prallen Gegenstand zwischen ihren Fingern, als eine auffällige Veränderung mit ihr vorging. Ihr ganzes Gesicht wurde so weiß und eben wie Leinen auf der Bleiche, die Füße versagten ihr den Dienst, und ihre vorher noch so klaren Augen senkten sich matt und schuldbewußt auf das Riedgras vor der Schwelle. Einem fremden Willen untertänig, völlig ohne eigenen Trieb streckte sie dem Vogt das Empfangene entgegen.
»Hier,« murmelte sie tonlos. Und dann plötzlich, als ob sie etwas zwänge, sich des Geldes schnell wieder zu entäußern: »Da – da – nimm.«
Zu deutlich redete der Vorgang, als daß er mißverstanden werden konnte. Wieder ließ der Vogt seine Blicke prüfend von einem zum anderen gleiten. Dann aber nahm er den Beutel langsam in Empfang, um bedächtig und ohne Eile den Inhalt zu überzählen.
»Es ist zu viel,« stellte er endlich fest.
»So behalt den Bettel,« rief der junge Graf grimmig.
Der Vogt jedoch blieb undurchdringlich wie stets. »Die Knuths haben nichts zu verschenken,« meinte er gelassen, während er dem Mädchen den Überrest bereits zurückreichte, und rätselhaft setzte er noch hinzu: »Ihr wißt vielleicht nicht, Geld kehrt bei armen Leuten gar selten ein.«
Damit begann der struppige Mann umständlich seine Ledertasche aufzubinden und schien nicht übel Lust zu verspüren, auch bei dem, was nun folgen sollte, den Zeugen abzugeben. Allein der Junker, den die feuchte Kälte immer schneidender umwitterte und der durch die Nähe des demütigen, zitternden Geschöpfes daran erinnert wurde, daß er zur Jagd erschienen wäre, zur Menschenjagd, er beschloß all den unnötigen, schon seit Monaten ertragenen Hemmnissen durch ein Herrenwort ein Ende zu bereiten.
»Komm Dirn,« forderte er bedenkenlos und doch mit einer Art gutmütiger Frische, »ich will dir Ehre antun. Gib mir dort drinnen einen Schluck Heißes, und ich werde dich loben.«
Hier riß der Vogt gewaltsam die Senkel seiner Tasche zusammen und brach in einen schweren Wolfshusten aus. Das Mädchen jedoch, ohne auf die Anwesenheit des anderen noch weiter Bedacht zu nehmen, spannte beide Arme gegen die Pfosten der Tür, so daß der Eingang gewehrt wurde, und indem sie ihre hellen Augen an den stattlichen Menschen hing, rief sie in hoher Angst, aber zugleich auch wie in wirrer andringender Neigung:
»Bedenkt, Herr, das könnt Ihr nicht wollen. Meine Mutter – sie sieht und hört nichts.«
Da lachte der Jäger halb vor Trotz und halb vor Scham, weil ihn ein Dirnlein von ihrer Schwelle treiben wollte. Hastig umspannte er ihren Arm und drückte ihn zur Seite.
»Mach keine Männlein,« redete er ihr zu, »was braucht mich die Alte zu sehen, wenn ich bei dir bin?«
Schon setzte er seinen Fuß auf die Schwelle. Das schwache Geschöpf aber, im Gefühl, wie es jetzt von jeder äußeren und inneren Hilfe verlassen würde, lehnte beide Fäuste gegen seine Brust und hauchte ohne Widerstand noch Zorn:
»Habt Erbarmen, lieber Herr, habt Erbarmen.«
Wäre jetzt ihr Bedränger mit ihr allein gewesen, vielleicht hätte er scheltend und schimpfend von ihr abgelassen, denn die schlichte Sauberkeit ihrer Magdschaft verfehlte nicht ganz ihren Eindruck auf sein herrisches und nur arg verwöhntes Gemüt. Allein zum Unglück sahen die beiden Fremden dem Spiele zu, wie konnte da der Grafensohn die Zurückweisung einer solchen Katendirne hinnehmen? Spöttisch verzog er die vollen Lippen und stieß einen gellenden Pfiff aus, so daß die beiden Tiere hoch an ihm in die Höhe strebten.
»Vogt,« rief er mit seinen dunkel sprühenden Augen, die in ihrem Jähzorn denen von Claus Beckera so sehr glichen, »wie ist das? Gehören hier nicht längst ein paar Fischerknechte her? Wie wäre es, wenn wir das Nest ausräumten und die Weiber auf den Hof brächten?«
Die Drohung war wohl nur darauf berechnet, das Sträuben der Blonden vollends zu überwinden, auf den Vogt blieb sie jedenfalls ohne Wirkung. Ruhig schloß der breitschultrige Mann seine Tasche, packte seinen Kronenstab fester und schüttelte endlich bestimmt das wuchtige Haupt.
»Dazu habe ich keinen Auftrag,« lehnte er die Zumutung ohne eine Spur von Entgegenkommen ab. »Ich tue, was meines Amtes, nicht mehr.«
»Nun, dann pack dich,« befahl der Jäger dunkelrot und gereizt.
»Gut, Herr, gut, das kann ich tun,« stimmte der Vogt immer mit derselben Bedächtigkeit zu, »warum nicht? Gehabt Euch wohl.«
Ehrbar, als wäre nichts weiter geschehen, lüftete er seine Kappe und strebte dann weiten Schrittes den Dünen entgegen. Allein, kaum hatte er den Saum der Weidenbüsche erreicht, so ließ er sich auf eine Sandwelle niedergleiten und duckte seinen ungefügen Leib vorsichtig hinter die übrig gebliebenen braunrostigen Blätter der Ruten. »Potz Velten,« dachte er bei sich, »die Art meint immer, sie sei allein auf der Welt. Wie lange läßt man sie wohl noch den Rahm von der Milch schöpfen?«
Damit stieß er seinen Stab in den Boden und lauerte.
Vor der Katenhütte jedoch hatte unterdessen die Sucht des Besitzergreifens den Streit entschieden. Zwischen Bitte und Befehl war der Jäger in den halbdämmrigen Raum gedrungen, ja, er mochte es nicht einmal hindern, daß seine beiden Doggen ihm schnuppernd voranliefen. Jetzt spürten sie in der düsteren Engnis umher, bis die Tiere plötzlich, wie auf einen Schlag, vor einem traurigen Bettgestell Halt machten. Lechzend wiesen sie ihre roten Zungen einem wächsernen Menschenbilde entgegen, das mit geschlossenen Augen und wehenden Atems tief in einem groben Strohsack eingekratzt lag. Es war ein schreckhafter Anblick, als der Eindringling zuerst dieses fieberzuckende Menschenhäufchen gewahrte, und vor den schwarzen Höhlen der Wangen und der spitz hervorstoßenden Nase wich der Unvorbereitete zuvörderst zurück.
»Gott gebe Euch einen guten Tag, Frau,« ermannte er sich allmählich zu einem Gruß, wobei er nichtsdestoweniger die unerbetene Zeugin seiner tollen Leidenschaft nach Kräften verwünschte. »Wie geht's? – Was treibt Ihr?«
Allein aus der Lade drang keine Antwort; nur ein rasches Keuchen vermischte sich mit dem Lechzen der Hunde, und statt der Hingestreckten erteilte endlich die Tochter die Auskunft. Am Kopfende des Bettes stand sie, und während Haupt und Arme ihr schlaff herabhingen, sagte sie leer und geistesfern:
»Sie weiß von nichts.«
»Teufel ja,« nickte der Junker.
Ungemütlich und von der drückenden Stickluft unter dem niedrigen Gebälk benommen, ließ der junge Mensch einen raschen Blick über das kahle Elend seiner Umgebung wandern, über die Holzwände voll Rauch und Spalten, über den geringen Hausrat, und sein Geruchsinn empörte sich heftig gegen den Dunst eines Haufens von Binsen, der wohl in besseren Tagen zum Knüpfen der Matten benutzt werden sollte. Jetzt lag er zum Trocknen geschichtet auf dem Fachwerk unter der Decke. In all dieser hoffnungslosen Armut gab es nur einen Schimmer, eine Helligkeit, so dünkte es wenigstens den immer heftiger Gespannten, die strömten von den langen Flechten des Mädchens aus. Weißblond glommen sie durch den Dämmer, gleich einem feingesponnenen Netz jungen Flachses, und an jene seidigen Fäden klammerte sich jetzt der unbeherrschte Wille des vornehmen Gastes fest. Unruhig ließ er sich auf den einzigen Stuhl am Tisch nieder, und da er seine Befangenheit vor dem Wachsbild in dem nahen Bett doch nicht ganz bezwingen konnte, so versuchte er seine Absichten vor den verdorrten Ohren der Lauscherin wenigstens möglichst zu verbergen.
»Komm her, Dirn,« flüsterte er.
Folgsam schob sich die Angerufene heran, man merkte kaum, daß sie dabei die Füße bewegte. Dann stand sie dicht neben dem Jäger. Eifrig griff er nach ihrer Hand.
»Kuck,« murmelte er eindringlich und legte ihre Finger auf sein Herz, »wie es klopft! Du hast es mir angetan.« Als das Mädchen jedoch verängstet den Kopf schüttelte, fuhr er überstürzt fort: »Fürcht' dich nicht, du dumme Trin', es soll dir fortan besser werden. Hast ja nicht einmal ein Bett! – Sag, wo schläfst du eigentlich, du bleiche Leinwand?«
»Dort, Herr.« Sie wies auf den Schragen der Kranken.
»Da?«
Bei dem Gedanken, daß dieser jugendlich warme Leib allabendlich seine Ruhe neben dem grauenerregenden Gerippe suchen sollte, fuhr ein sichtbares Frösteln über den Hals des Mannes. Überredend legte er den Arm um ihre Hüfte, aber kaum spürte er die schlanke, sich leise gegen ihn sträubende Biegung des Leibes, da stieg eine heiße Woge von Begehren bis über seine Stirn und in ihren roten Wirbeln sank er unter.
»Dirn – verfluchte,« stieß er in einer inbrünstigen, unvernünftigen Hitze hervor. Und während er die Blonde zu sich auf den Stuhl zwang, da kümmerte er sich den Teufel weder um die kurzen Atemzüge, die dort in der Ecke den Strohsack im Schaukeln hielten, noch um die hölzerne Starrheit jener Glieder, die er jetzt durchaus zu biegen und zu brechen strebte. Nur Glut brodelte in ihm und die planlose Verworrenheit des Ergreifens. »Goldfuchs,« stotterte er bei dem heißen Ringen, »komm, sperr' dich nicht. Seit Monden bin ich hinter dir her – ja, ja, du weißt es ganz gut. Du bringst mich schier von Sinnen. Oder sag', Dirn, sag', bin ich dir etwa zuwider?«
Sie lag schon in seinen Armen, schreckverwirrt, atemberaubt, aber dicht vor seinem Munde bat sie noch immer mit dem rührenden Bewußtsein der Verlorenen:
»Herr, es taugt mir nicht, darum zu wissen. Schont meiner.«
Da hörte er aus ihrem Erlöschen das Bekenntnis heraus. Jauchzend unter einem hellen Lachen raffte er sie ganz an sich, und in der lebenerschütternden Verschmelzung eines Kusses entschwand ihnen für die Dauer eines fallenden Regentropfens alle Wesenheit. Gleich zwei beseligten Bienen, die selbst der Sturm nicht auseinandertreibt, hingen sie in einer unwirklichen, blauen, golddurchzitterten Luft, und das einzige, was die Zeit unter ihnen maß, war der hämmernde Hufschlag ihres Blutes.
Aber dort auf dem Schragen? Öffneten sich nicht ein paar glanzlose Augen? Der tote Silberschein eines geschlagenen Fisches konnte nicht entseelter zu ihnen herüberglotzen, und so eifrig auch der Betörte sein Haupt hinter den Schultern des Mädchens versteckte, das blinde Metall jenes Blickes schmolz durch die lebende Hülle hindurch.
»Dirn, nun hab dich nicht länger. Die Alte tut dir nichts.«
Am Fußboden schnupperten die beiden Doggen lebhafter, sie wurden unruhig, schlugen an und prallten dann vor dem Ansturm des Tageslichtes zurück, das zu der geöffneten Holztür hereinschoß. Eine hohe, dunkle Gestalt zeichnete sich schwarz gegen die Helligkeit ab.
Da rang sich zum erstenmal ein Laut von den Lippen, die aus Furcht vor dem Junker, aus Scheu vor seinem fremden Glanz und versiegelt von seiner stürmischen Zärtlichkeit bisher der Stummheit verfallen waren.
Ein Schrei gellte gegen die Decke und wurde von dem Querbalken zurückgeworfen: »Claus!«
Dann wurde es wieder still. Ängstlich, betörend still. Man hörte nur, wie das Röcheln der Kranken durch den Raum sägte.
Endlich raffte sich der Junker auf, langsam, unsicher, denn ihn verwirrte nicht nur der Anblick des Mädchens, das beide Hände vor ihr Antlitz geschlagen hielt, nein, auch die unselige Scham des Ertappten, in seinen brennendsten Wünschen Gehinderten fraß bissig an seinem Hochmut. Dazu empörte ihn immer wilder das rätselhafte Schweigen dieses vermaledeiten Sassentölpels, der bleich und atemlos vor ihm stand, als hätte sein zuckendes Maul einen Richterspruch zu fällen.
»Was soll's?« fuhr plötzlich der Jäger in die Höhe und riß mit einem Griff seine Armbrust an sich. »Weshalb arbeitest du nicht, du Flegel? Was hast du hier herumzulungern? Weißt du nicht, was dir gebührt?«
Ja, der große, schlanke Bursche wußte wirklich nicht mehr, welchen Platz er in der Welt einnahm. In diesem Augenblick empfand er nichts als das ungeheure qualmige Zusammenbrechen all seiner kindlichen Träume, die so lange und zärtlich von seinen Eltern und dem guten Mönch genährt und behütet waren. Nichts – nichts – die Träume hatte ein Lügner so bunt und herrlich angestrichen, auf der Erde tobte lediglich Gewalt, und nur Gewalt konnte das rasende Wüten der Mächtigen brechen.
In die weit aufgerissenen Augen des Jungen sprang ein merkwürdiges Wandern und Schielen, und obgleich der lange Leib sich kaum bewegte, so bemerkte sein Gegner doch mit Grauen, wie die Finger des Burschen wie im Krampf sich öffneten und wieder schlossen.
Gespenster, schwarze, verzerrte Fratzen tanzten um ihn her. Was aus der verruchten Nacht gegen ihn angesprungen war, das drehte sich jetzt heulend um ihn im Kreise. Geschminkte, an Leib und Seele entmenschte Dirnen zausten ihn an den Haaren, taumelnde Galgen fielen über ihn her, entrechtetes, in Hungertürmen vertiertes Volk spie ihn an, und die zu Lust und Nutzen der Macht Gehenkten, sie schleuderten ihre Stricke um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Kein Atemzug schlich ihm mehr aus der zerpreßten Kehle, nur ein heiseres Wimmern riß sich mühsam aus der wunden Brust.
Erde, Erde, wo ist ein sicherer Halt vor Entwürdigung und Schande? Wo eine Zuflucht für die Gequälten? Wo ein Richter für die Peiniger und Erbarmungslosen? Nirgends, nirgends. Zerbrach, verwüstete man nicht hier vor seinen sehenden Augen ein stilles, reines, heiliges Gefäß, aus keinem anderen Grunde, als weil es einem Schwelger gefiel, bereits am grauen Morgen ein Fest zu feiern? Hier wollte ein gekitzelter Gaumen sich Speise bereiten aus Claus' eigenem Fleisch, aus Claus' eigenem Blut.
»Vieh,« brüllte der aus seinen Fieberwirbeln Hervortaumelnde und sprang besinnungslos hinzu.
Der Jäger war hinter den Tisch gewichen, nun flog die Armbrust an seine Schulter.
»Knecht,« zischte er in überschäumender, haßverzehrter Wut, »dir wird ein eigener Galgen gesetzt.«
»Freilich, ein eigener Galgen, ich weiß, ich weiß, damit ich doch hübsch jung in der Luft tanzen lerne. Und unsere Schwestern und Töchter – oh Wonne – sie werden Huren?«
Ein Satz – etwas Schwarzes fuhr über den Tisch, Bügel und Kolben der Waffe schwankten einen Gedanken lang in der Luft, formlos, bald oben, bald unten, dann ein Schlag, ein dumpfes, weichliches Geräusch, und beide Arme hebend brach der Graf unter den vier Füßen der Platte zusammen.
Nicht lange.
Als der Vergewaltigte unter seinem Tisch mit summenden Ohren und verprügeltem Bewußtsein hervorkroch, da meinte er weit hinten durch die geöffnete Tür seinen Bändiger wahrzunehmen, wie er in weiten Sätzen am Strande dahinfuhr. Über die Schulter hatte sich der Bursche die Dirne geworfen, jene willige Dirne, die dem Gelüst des Grundherrn doch nur aus Bosheit, aus Abgunst geraubt war, und ohne durch die Last behindert zu sein, schien der Strolch, der Aufrührer, auf den doch schon nach Fug und Recht das eiserne Halsband, die Stachelschraube oder der Galgen warteten, dem Schutz seiner heimatlichen Hütte zuzufliegen. Das durfte nicht sein. Auf allen vieren schleppte sich der Gedemütigte bis zur Schwelle, aber während er hier auf die Brust niederstürzte, so daß seine Lippen das Riedgras küßten, quoll es in ohnmächtiger Raserei aus ihm hervor:
»Heda, Thor, Freya, packt an – packt an – «
Und sich noch einmal nach dem Schützen herumwälzend, der seinem Gebieter beispringen wollte, ächzte er sinnlos:
»Schieß – schieß, du Schuft, wenn du den Mordbuben nicht triffst, schmeckst du die Peitsche! Himmel und Hölle, leg' an, und wenn du den Heiland mitten durch die Brust spießen solltest.«
Zerrissen, zerstückt wurden Claus all jene Flüche durch den feuchten Wind nachgetragen, und alsbald spürte er auch das Hetzen der Hunde über den nassen Sand.
Weiter, weiter.
In ihm nebelte nur der eine Plan, diese zur Entwürdigung Bestimmte, die bei vollem Bewußtsein und doch steif und kalt gleich einem Stein aus seinen Armen ragte, der Gier ihres Peinigers zu entziehen. Die künftigen Mütter der Armen brauchten nicht überall entweiht zu werden.
»Eine einzige –,« stammelte er keuchend, »eine einzige muß bewahrt werden. Eine einzige nur.«
Er wußte nicht mehr, was er bettelte, denn seine eigene Schande und Bedrückung, sie mischten sich mit dem Schicksal seiner Verwandten. Und so wunderte er sich auch kaum, weil ihm keine Antwort zuteil wurde.
Weiter – weiter!
Da waren auch die beiden Doggen schon nah auf seinen Fersen. Leib an Leib peitschten die Bestien über den aufspritzenden Sand, und der heiße Dampf, den sie ausschnaubten, puffte stoßweise in den dicken Nebel. Einen gellenden Ruf stieß der Flüchtende aus, allein seinen ungestümen Lauf setzte er in wilderen Sprüngen fort.
»Eine einzige nur,« murmelte er noch einmal
Es zischte etwas. Ein warmer Regen sprühte über den Läufer. Und das Steinbild zuckte und wankte ein wenig in seinen Armen.
»Anna,« schrie er und schüttelte sie.
Da fiel ihm die Last dumpf und dröhnend zu Boden. Und jetzt erst, jetzt entdeckte er den Pfeil, der Hals und Nacken des Opfers durchfiedert hatte. Darauf versank die ganze Gegend eine Weile in Lautlosigkeit, als ob Mensch, Erde und Meer einen letzten Herzschlag erlauschen wollten. Unten auf dem durchweichten Sand reckte sich das Mädchen, es schlug die Augen verwundert gegen den grauen Himmel auf, schüttelte ganz sacht und ohne Begreifen ihr Haupt – und legte sich zur Ruhe.
Entgeistert starrte Claus in das sich verfärbende Antlitz hinab, und währenddessen rannen ihm statt Tränen die warmen Blutstropfen über Stirn und Wangen bis in den schreckgebannten Mund. Und dennoch – der salzige Trank aus dem Kelch des bittersten Leides, das ihm das blinde Walten des Lebens bis jetzt zum Kosten gereicht, er weckte in dem Burschen an Stelle von Entsetzen und Ergebung vielmehr unbändigsten, gebieterischsten Drang zum Dasein. Der Tropfen Blut, die letzte Labe, die ihm die Heimat bot, er floß ihm glühend und sengend durch Hirn und Herz und begann dort von nun an die Welt zu bespiegeln, in rotem Rahmen und doch eisig und unerbittlich klar!
Er sah vor sich ein neu hingestrecktes Opfer der Willkür, den Pfeil in der Kehle und die offenen Augen Auskunft heischend gegen den Himmel gerichtet, er urteilte, daß die beiden Hunde nur noch ganz kurze Zeit die Schläferin auf dem Sand umkreisen würden, und er erspähte, wie der Schütze des Grafen und hinter jenem, unwillig zwar und doch gezwungen, der Vogt in weiten Sätzen auf ihn einstürmten. Da wußte er, daß der Zeiger seiner Sonnenuhr auf Leben wies und noch nicht, noch lange nicht auf Untergang und Ausgelöschtwerden.
Ein düsterer, beteuernder Blick war es, mit dem er von der Toten schied, der ersten, die ihm das Menschheitsmeer vor die Füße gespült, ein zweiter, längerer flog über die Dünenberge zu der Hütte empor, aus deren Schornstein ein friedlicher Rauch kräuselte. Dann wandte er sich jäh und versuchte das Unerwartete. Ein wilder Sprung zur See, die grau und verschleiert auf ihn zukroch, unter seinen Füßen splitterte die dünne Eisdecke, bis zu den Knien sank er ein, dann setzte er abermals in die Höhe, gewann für ein paar Schritte das gefrorene Feld, bis er von neuem in dem berstenden Glas verschwand. Aber gleich darauf hatte der Vorwärtsdrängende das offene Wasser erreicht und weit ausholend warf sich der geübte Schwimmer hinein. Seine Lebensflamme brannte so stark, daß sie die lähmende Kälte des Elements überwand. Auch hatte er sich den Wogen nicht planlos anvertraut, denn von seinen scharfen Augen war längst ein kleines rotes Segel erspäht worden, das voll gebläht gegen den Strand stürmte.
Heino Wichmann!
Ja, dort hinten, gegen die schwarze Wand des Wassers, dort flatterten die blonden Haare des Kleinen im Wind, geduckt hockte der Meister der Schiffahrt am Steuer, und während das überspülte Haupt des Flüchtenden ab und zu hoch aus den rollenden Fluten auftauchte, da summte ihm die Stimme der Hoffnung zu: »Er sieht dich – noch einen Schlag, und noch einen – er sieht dich.«
Hinter ihm heulten die Hunde und jagten fangbegierig über die noch ungebrochene Fläche, rauhe Stimmen schrien, ein Pfeil sauste über den Schwimmer hinweg und schnitt unhörbar in die Wellen – der Atemlose, vom Kampf bereits Verwirrte schickte dem Todesboten nur ein wildes, verächtliches Lächeln nach. Oh, dieses Herumgeschleudertwerden zwischen Vernichtung und Gelingen, das fühlte der bereits in Wesenlosigkeit Fortgleitende, es bildete das Höchste und Köstlichste, was ihm aus des Lebens Abgrund gereicht werden konnte. Es blitzte wie ein heller Edelstein. Es lohnte sich, danach zu greifen oder im Werben darum zu vergehen. Um ihn begann die eisige Flut mit tausend Stimmen zu singen, und während sein Körper sich immer tiefer hinabgrub, da unterschied er noch die Worte des großartigen Liedes, das ihm den Schlummer und die Schmerzlosigkeit brachte. Sie sangen alle zusammen, die sein Dasein jemals umstanden, Pater Franziskus und die Becke, der Vater und Anna Knuth, der junge Graf und die Mutter, Heino Wichmann und all die vielen Bauern, ja selbst der Jude wirbelte das blitzende Beil um sein Haupt und fiel ein in den gewaltigen Chor, der da trotz allem Leid die unverwüstliche Schönheit von Sonne, Erde und Meer pries und die Feiertäglichkeit jedes wilden, unruhigen Geschehens.
Claus gurgelte, noch aus der Tiefe wollte er einstimmen in dies allgemeine Lob, da spürte er, wie er ohne sein Zutun stieg und stieg, sättigende Luft drang zu ihm, durch die Schwärze brach Licht und öffnete ihm die Augen, und weit vor ihm dehnte sich die Freiheit des Unbegrenzten.
Er lag im Kahn, und über ihn beugte sich Heino Wichmann. Das Segel war herumgeworfen, das Bugspriet zeigte gegen die offene See. Hinter ihnen schrumpfte die Küste immer dünner zu einem langen schwarzen Arm zusammen, der liebevoll das dunkle Schwellen an sich zog. Kaum unterschied man noch die höchsten Erhebungen der Insel mit ihren finsteren Waldkronen. Mühsam raffte sich Claus bis zur halben Höhe empor und schickte einen müden Blick aus. Seine Glieder waren noch von seinem Willen und seinem Bewußtsein getrennt, und aus seinen Kleidern floß stromweise das Wasser.
»Heino,« seufzte er, indem sein Herz dem weiten, weiten von Qualm und Nebel erfüllten Raum unruhig entgegenschlug, »wohin führst du mich?«
»Wohin?« Der andere streifte den daniederliegenden Gefährten mit seinem seltsamen Augenspiel, dann brach er in sein gewöhnliches Kichern aus. »He, Bübchen,« meinte er, »welch eine kitzliche Frage! Wohin geht der Mensch, wenn er einen Fuß aus der Tür setzt? Weißt du das? Ich weiß es nicht, denn der Weg kommt meistens auf den Wanderer zu. Aber ängstige dich nicht, ich glaube sagen zu können, ich führe dich deine Straße.«
Dabei stieß der kleine Strohblonde wie zufällig mit dem Fuß gegen etwas Klirrendes. Und siehe da, es war der Ravenneser Hieber, den er bei seiner Ankunft getragen, und neben jenem ringelten sich die Reste der ehemaligen Goldkette. Und jetzt – jetzt entdeckte Claus auch, daß unter der Steuerbank ein kleiner Flechtkorb verborgen stand, der Brot und Milch enthielt. Es war augenscheinlich, hier an Bord war alles für eine längere Fahrt vorbereitet.
»Heino,« rang der Liegende seiner Schwäche ab, »du wolltest dich von uns fortstehlen?«
Der Angeredete griff fester in das Steuer und verglich die Spitze des Bugspriets mit dem Silberband des Mondes, dessen Phantom noch am Tage durch den Seequalm dämmerte. Dann erst wies er ausweichend und in seiner spitzfindigen Art den erhobenen Vorwurf zurück.
»Sei still, Büblein, was heute geschieht, braucht morgen nicht zu geschehen. Mich dünkt, es lief für dich nicht übel ab, weil ich meine Tage hier für erfüllt hielt. Aber nun verkünde auch du mir, warum man dich mit Hunden vom Strand deiner Väter hetzte? Nicht wahr, du frommes Kind, das ist dir doch geschehen?«
Da kroch Claus bis zur Steuerbank heran, und seine Arme leidenschaftlich um das Knie seines Lehrers schlingend, ließ er unter Tränen und Verwünschungen, unter Haß und Zweifeln alles aus sich herauspulsen, was die letzte Vergangenheit ihm an Traum und feindlicher, unbegreiflicher Wirklichkeit entgegengeschickt. Es wurde das überströmende Bekenntnis eines Erdenläufers, der sich mit deutlich gefühlten Schwingen zum Himmel heben will und jetzt vor Schmerz aufheult, weil die geballte Kugel des Lehms, des Schmutzes und des Kotes an seinen Füßen klebt.
»Sag mir, Heino Wichmann,« flehte er zum Schluß inbrünstig, während er den Magister mit beiden Fäusten beinahe von seinem Sitz hob, »wer – wer gab diesen Ungerechten, diesen Blutsaugern, Peinigern und Landschluckern jene fürchterliche Gewalt? Wer beugte ihnen diese Tausende demütiger Nacken unter die Füße, wer – wer?«
Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden zuckenden Feuern Verglühenden hinab.
»Wer?« wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas wie die Befriedigung über ein endlich erreichtes Ziel. »Wer ihnen das alles gab, mein Cläuslein? – Ihr Wille.«
»Und wir?« stammelte der Junge in Enttäuschung zurücksinkend. »Gib auch uns eine Hoffnung!«
»Wir? Wir suchen nach unserem Willen.«
»Suchen?«
»Aber wenn wir ihn gefunden haben,« sagte der Kleine unheimlich leuchtend, »dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur Buhlschaft laden, und du, Bübchen, magst meinetwegen auf dem Sinai stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben.«
So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das Steuer in seinen feinen Händen, und auf die Schulter des Freundes gestützt der Junge, das Haupt unabänderlich dorthin zurückgewandt, wo nur noch der sich niederwölbende Horizont die Küste verriet. Längst war sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich der Sassensohn unaufhörlich das kleine Stückchen gelben Sandes vor und auf ihn hingelagert das tote Mädchen, dessen offene Augen auch jetzt noch verständnislos auf Leben und Vergehen zurückblickten. Abermals schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert.
Allmählich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre Hügel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da – gerade als Claus an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter Gefährte plötzlich gegen alle Regel das Steuer freiließ; im nächsten Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann – in dem Tor der Dämmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht tanzte hervor, ein grünes schoß darüber hinweg, eine seltsame Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der schreckgebannte Zuschauer seinen Gefährten noch anrufen konnte, da hatte der Magister hastig in seinen Gürtel gegriffen, und gleich darauf schwang sich schrill und gellend ein nie gehörter Pfeifentriller über die Flut. Der weckte in dem Qualm einen ähnlichen Laut. Nur vielstimmig, verzehnfacht kam es über die Fläche geschwirrt, und nun schwoll auch schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses unheimliche Gekicher ausgestoßen wurde. Unvermittelt starrten zwei sonnengroße Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grün, eine breite Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fühlte sich Claus von den willensstarken Fingern seines Führers über die Stufen gezerrt.
An Bord des Schiffes – eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem niemals geschaut – wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das Gesicht gehalten, ein Schwarm bärtiger, verwegener Gesellen umdrängte die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich:
»He, ihr Vögel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht?«
»Du bist ein Kalb, Zeiso Ulbrecht aus Wismar,« erwiderte der Magister seelenruhig und versetzte dem Laternenträger eine schallende Maulschelle, »kennst du jetzt meine Handschrift?«
Ein Tumult entstand, aber gerade der Gezüchtigte wehrte mit Armen und Füßen die hinzuspringenden Seeleute ab und brüllte halb toll vor Freude:
»Jungens, Jungens, Mord und Hagel, das Zwerglein ist wieder da, die Brandfackel von Hamburg, der lateinische Hieber. Seht ihr nicht die goldenen Jungfernhaare? Jungens, Jungens, wie werden jetzt die Goldstücke wieder springen. Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«
»Heil dem lateinischen Hieber – Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«
»Es ist gut,« nickte der Kleine gelassen, »und jetzt führt mich zum Admiral.«
In dem Kreise aber regte sich kleinlauter Widerspruch.
»Er hält Kriegsrat,« hieß es.
»Da gehöre ich hin,« bestimmte der Magister stolz, und sich zu seinem Begleiter zurückwendend, dessen Antlitz bei den letzten Enthüllungen bleich, wie nie zuvor, durch die Nacht starrte, sagte er beinahe mitleidig:
»Fasse dich, Cläuslein, du befindest dich auf der anderen Seite der Welt. Dort das anfänglich Gute zum Schlechten verzerrt, hier das ursprünglich Schlechte fürs Gute eingesetzt. Narretei und Wahn, hüben und drüben. Nur eines haben wir vor den anderen voraus: wir sind vorläufig noch die Schwachen und Ausgestoßenen, aber aus ihnen geht allemal das Heilige hervor! Komm, Bübchen, ich führe dich jetzt zu einem gar großen Herren – Gödeke Michael.«