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Claus Störtebecker

Chapter 16: III.
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About This Book

A sweeping two-part narrative unfolds along a northern coastline, moving between evocative descriptions of sea and shore and episodic scenes of village life, shipboard ventures, raids, and legal reckonings. It follows an unusually large, red-bearded youth whose mastery of craft and daring at sea draws him from local labor into leadership among a band of sea-rovers, with personal loyalties and brutal conflicts shaping social change. The work alternates lyric landscape passages with action and courtroom or council sequences, probing themes of fate, communal bonds, law, and the persistence of the past in the present.

Das Glöckchen der Kapelle läutete noch sacht, da knarrte das Tor in der roten Schloßmauer, und über den hölzernen Pfad der Brücke bewegte sich ein Zug von unerhörter, einzigartiger Pracht. Draußen vor den Wällen blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurück, der winkte dem einziehenden Freibeuterfürsten mit Tüchern und hocherhobenen Händen unermüdlich seine Grüße nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und Zierat aus fremden Ländern einhandelte. Und es billigte auch das seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der Übermut seiner Großen davor zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes märchenhaftes Wunder, beinahe wie die Tröstungen der Religion.

Im Schloßhof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmäßiger Völkerhirt, noch weniger ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz diese Stätte betreten.

Hinter ihrem Fenster beugte sich Königin Margareta vor. Obschon sie bereit war, etwas Außerordentliches zu erleben, so ließen die Schönheit des wilden Prunkes sowie die ragende Würde und die schlanke Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvörderst verstummen.

Langsam und wie um einen dort hängenden Traum abzustreifen, fuhr sich die Frau über die ganz von Licht und Blitz erfüllten Augen, und ihre Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mädchenhaften Gefährtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Fürstin sich ebenbürtig wähnte, denn Gräfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die Schwelle geschlagen.

»Sieh dort, meine Tochter,« wies die Regentin unsicher, und es schien, als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen möchte, »der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche Königsgestalt,« zögerte sie weiter. »Ich sah nur einmal einen Mann in gleicher Rüstung, König Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick,« besann sich ihr abschätzendes Urteil sofort.

Doch das blonde Mädchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig, abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das über seiner weißen Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet, einen nahenden Spuk zu vertreiben.

»Was kümmert es uns,« entgegnete sie, wie eingehüllt in das starre Leichenhemd einer Heiligen, »woher der unselige Mensch seinen Schmuck geraubt hat?«

»Nicht so.« Die Fürstin hob ihr kluges Haupt. Sie war nicht länger einverstanden mit dieser herben Verurteilung, seit ihr mannslüsterner Blick auf dem strahlenden und blitzenden Seefahrer dort unten geruht. Jener kam vielleicht, um ihre Macht zu mehren, und dann war es in ihre Hand gegeben, Sünde in Tugend, Verbrechen in Staatsnotwendigkeit zu kehren. »Nicht so, mein liebes Kind,« belehrte sie nachdenklich, jedoch mit ihrem gütigen Lächeln, »dein frommer Abscheu führt dich zu weit. Überhaupt, gib acht, daß sich deine Himmelssehnsucht mehr mit Demut nach unten mische.«

Die Fürstin hatte vielleicht schon vergessen, was sie eben geäußert, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf drei riesige Matrosen gerichtet, die hinter ihrem Gebieter eine breite, ganz in einen Teppich gehüllte Tafel auf ihren Schultern schleppten.

»Womöglich ein Gastgeschenk,« riet Margareta zwischen Spott und Begierde.

Über die Wangen ihrer Dame jedoch hatte der Vorwurf eine flüchtige Röte gejagt.

»Du tust mir Unrecht, Königin,« verteidigte sie sich in stolzer Haltung, »mein Sinn steht, wie du weißt, nach dem Kloster. Das Erdenleid mit seinem Weh und seiner Ungerechtigkeit jagt mich von hinnen.«

Auf den Treppen knirschten Tritte. Das leise Klingen einer Rüstung zitterte hindurch.

»Gut – gut,« wandte sich Margareta hastig zurück und strich prüfend an ihrem engen grünen Kleid herunter, »darüber, meine Linda, sprechen wir, wenn du mannbar geworden. Und jetzt – ich will dir nicht zumuten, eine Luft mit einem von dir Verachteten zu atmen. Du bleibst nur bis zu seinem Eintritt, damit ich nicht unbegleitet erscheine. Dann« – sie lehnte sich erwartend an den Tisch – »will ich allein sein, und niemand soll unsere Zwiesprach stören.«

Verstummt verneigte sich die Hofdame. Der Vorhang teilte sich, und ein blauberockter Wäppner trat ein. Breitbeinig meldete er: »Nikolaus Störtebecker, Königin, bittet um deine Gunst. Er nennt sich Admiral und Mehrer des Rechts.«

Eine Sekunde wollte ein bitteres Lächeln um den breiten Mund der Regentin fliegen, fast verlegen streifte sie die unbewegliche Gestalt ihrer Hofdame, dann jedoch entschnürten sich ihre Brauen, und herablassend nickte sie:

»Er ist willkommen.«

Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenüber. Ein Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Kühnheit umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete sich etwas von der Freiheit und Majestät des Meeres. Unwillkürlich verlor die Königin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebärde, sie mußte sich jetzt wirklich kräftig auf den Tisch stützen, denn ihr war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen, ohne Gruß fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken weit über ein Haupt überragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von den Hüften an abgeschrägten Waffenrock, die goldgestickten Löwen darauf und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral leicht und mit natürlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr breiter Mund das ihm geläufige Lächeln zurück. Halb abwehrend holte sie aus sich heraus:

»Du bist willkommen, Nikolaus Störtebecker.«

Völlig war ihr dabei entglitten, daß sie diesen gefährlichen Freibeuter als Admiral anreden wollte, auch vergaß sie, ihm nach ihrer Absicht gnädig die Hand zu reichen, so rückhaltlos war sie von einem kindlichen Staunen erfüllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der Frau, daß nämlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weißen, hochmütigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mädchen hatte das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrückt wie zur Gegenwehr gegen eine böse und sündhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer nicht das Bewußtsein ihrer Erdenhoheit zurückerlangt, sondern sie stand befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltäglichen Schauspiels.

Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschämter Blick hatte das blonde Fräulein abgeschätzt, der Blick eines Übermütigen, der eine Ware rasch und ohne Umstände einzuhandeln gewohnt ist. Länger und prüfender blieben die dunklen Augen an der Fürstin hängen. Alles ohne knechtische Demut, sondern wie der Träger eines neuen, die Welt verändernden Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der Seefahrer entschlossen, so daß die langen Sporen an seinen goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhüllte Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die Träger.

»Erhabene Frau,« begann nun der Störtebecker mit einer so hellen, schmeichelnden Wärme, daß es Margareta vorkam, als wenn die umgebende Luft ihren Hals mit weichen Händen zu streicheln anhöbe. Wohlig überließ sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Gräfin Linda jedoch schreckte zusammen, und ihre Züge nahmen plötzlich den Ausdruck einer bestürzten Feindseligkeit an.

»Erhabene Frau,« erklärte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, »wer wagte ohne Fürsprach noch Geleit vor eine Fürstin zu treten, die von dem bewundernden Urteil ihrer Zeit die ‘Semiramis des Nordens’ genannt wird? Aber, oh Königin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich zu den Gekrönten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen, mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden, erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn.«

Ein rascher Griff in den Teppich, die Hülle fiel. War es ein Ausruf des Staunens oder des gottseligen Entzückens, der den beiden Überraschten das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen eingefaßt, milde aus einer üppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der Erlöser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten zwei tiefe schwarze Augen weit über die gemalten Zeugen, aber auch über die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas Unauffindbarem! Die Augen wurden größer und öffneten sich immer weiter, je länger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine Schar anbetender Mönche in faltenreichen, blaß leuchtenden Kutten. Jeder den Heiligenschein um das inbrünstige Haupt. Die göttliche Mutter kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fußbrett umklammert und drückte ihre Lippen, unsägliches Leid verkündend, auf die blutigen Male. Auf der linken Seite trauerten die Jünger, angetan mit lichten blauen und roten Gewändern, und den Heiland selbst umschwebten in dem Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelöst hatte. So aufreizend und betörend wirkte das Ganze, daß die Frauen ein haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Göttliches, eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags.

Und diese Erhabenheit spendete ein Seeräuber?

Die Königin wankte. Sie war leichenblaß geworden. Die mahnenden Augen hatten ihr Herz geöffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie richtete: »Glaubst du mir wirklich?«

»Wer? – Wer hat das geschaffen?« stammelte die Regentin und warf, wie abwehrend, die Hände vor.

Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das stürmische Drängen des Künstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung erwiderte er:

»Du siehst, oh Königin, dies hat ein aufrührerischer Geist gebildet. Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um altüberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stückwerk und die Stümperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige Verheißung? Verheißen ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur winkt unsere Auferstehung, Königin.«

Und erkennend, daß er bei der großen Bestürzung, die er erregte, noch mehr wagen könne, setzte er mit bewußter Grausamkeit hinzu:

»Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk öffnete.«

Langsam ließ Margareta bei diesem Geständnis ihre Hand sinken. Sie starrte den kühnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt. Plötzlich jedoch überraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch von einem anderen Weibe erlebt würde. Und von diesen widerspruchsvollen Empfindungen bestürmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin. Verdeckt und erzürnt klang, was sie vorbrachte.

»Was ist das? Seid Ihr noch da, Gräfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr bedürfen wir Eures Beistandes nicht länger. Ihr seid beurlaubt.« Und mit einer höfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus.

Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bäumte sich kein Widerspruch gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu begreifen. Und doch – hinter der ruhigen weißen Stirn regte es sich um so wirbelnder, in den großen blauen Augen erfror ein offenes Grauen, denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte zusammenzustürzen. Wie? Ein Unseliger, Geächteter, tausendfach Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in Gold und Seide gehüllt, übermütig und herrisch und dazu verwöhnt und gekost von den huldvollen Blicken einer Fürstin? Die wunderreinste Offenbarung wurde durch beschmutzte Hände gespendet, und zugleich das Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die Verheißung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen? Nimmermehr – das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefaßte, ablehnende Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschöpf nach einer Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prüfung war noch nicht erschöpft, noch ärger sollte sie versucht werden. Ihr mußte es ein böser Blick angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die schwarzen, feurigen, ergründenden Götteraugen ganz in der Nähe auf ihr ruhten. Sie waren da, sie drängten sich an sie. Ihr weißes Gewand fühlte sich von ihnen durchbrochen, ihr Körper von ihnen angetastet, und jetzt, jetzt merkte es die Aufgestörte erst, der Mann in dem blauen Fürstenrock, der Seeräuber, der Gesetzesverächter, in ihm leuchteten jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie nieder.

Da verkümmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorsätze gewannen Macht über ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer stützenden, entschlußlosen Hand.


»Jetzt sind wir allein,« sprach Margareta bedeutungsvoll, »und darum laß mich dein Geschenk verehren.«

Demütig kniete sie nieder und versank vor der Tafel in ein unhörbar Gebet. Die schmiegsamen grünen Linien des Weibes lagen vor dem Bild hingegossen wie frischer, wölbiger Rasen. So sehr hatte die Menschenkennerin ihre Beherrschung wiedergewonnen, daß selbst der scharfsichtige junge Admiral zweifeln konnte, ob sich hier Echtes äußere oder der gewohnte Drang zur Darstellung. Allein um die Lippen des Seefahrers regte sich doch ein verborgenes Lächeln.

Die Königin mußte es ahnen, denn sie erhob sich rasch.

»Ich danke dir, Admiral,« sagte sie herzlich und reichte ihrem Besucher die Hand. Es war eine weiche, bannende Frauenhand, und in der Umspannung bebten die starken Kräfte des Willens und der Unterjochung. Der Störtebecker aber stand fröhlich vor ihr, ungebrochen und sie um ein Haupt überragend. Da erkannte Margareta mit Bedauern, daß es Zeit sei, diesem Willensmächtigen vorerst kleinliche Gelüste zu opfern. Voll Würde und mit einer freien Anmut ließ sie sich auf ihrem hohen Sitz nieder. Ihr scharfes Antlitz nahm dabei etwas Festliches an. »Setzen wir uns,« forderte sie, »auch du, Nikolaus Störtebecker, laß dich nieder. Hier, neben mir. Und dann will ich dir verkünden, warum sich meine Gedanken schon lange mit dir beschäftigten.«

Allein Claus Störtebecker rührte sich nicht. Unanfechtbar sicher klang es von dem Aufgerichteten zurück:

»Ich kenne deine Gedanken, Königin. Und du brauchst mir nichts zu verkünden.«

Was war das? Margareta zuckte getroffen zusammen.

»Was weißt du von mir?« herrschte sie den Mann an, der sie so mühelos entgöttlichen wollte.

Unerschrocken und seinen dunklen Blick fest in den ihren verstrickt, entgegnete der Admiral:

»Ich weiß, daß du ein Reich in Not und Kummer zusammengerafft hast. Aber auch der Dieb, der über die Mauer steigt, erduldet Schmerz und Plage. Jetzt willst du herrschen, wie vor dir zahllose deinesgleichen, Berufene und Unberufene, ihre Gewalt zärtlich hegten. Und deshalb mußt du deine Krone täglich waschen mit Gotteswort, mit dem Schweiß der Namenlosen, mit List, Tränen und Blut, damit sie den Deinen die Augen blende.«

»Was wagst du?« hauchte das Weib.

»Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhörlich selbst krönen mußt, so liegt es dir ob, jeden glänzenden Stein von der Straße in dein Diadem aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich.«

Eine Pause entstand, verstört klammerte sich die Regentin an beide Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rächend gegen ihren Bedränger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie Strafe oder Verachtung gegen das Niegehörte aufbieten sollte. Und sie selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die bangsam demütige Klage aufstieg:

»Mann, siehst du nicht, daß ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch Ehrfurchtloser vor mir. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich zu züchtigen.«

»Ich aber weiß es,« sagte jetzt der Störtebecker, jeden Widerspruch dämpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen wisperten und kicherten aufreizend mit. »Verstell dich nicht, Fürstin. Dich lähmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal blickst du hinüber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende verbluten und verröcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafür auch meine Fäuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns beiden ist der Übeltäter? Willst du es entscheiden? Du möchtest deinen Herrgott am Barte für dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein Gott hat zahllose Male die Empörer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an den du dich angstvoll drängst, war er nicht der Aufrührer fürchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr nicht einmal vernimmt, wie unter der dünnen Decke deiner Füße bereits Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln?«

Schonungslos füllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer verzehrenden Überzeugung wehte das halbbetäubte Weib an, alle ihre Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem fürchterlichen Eroberer, der mit Räuberfäusten an ihr bisher so geschontes Bewußtsein hämmerte. Aber – oh Wunder – gerade aus ihrer natürlichen Todesangst, aus der Furcht vor persönlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weiße Felsen aus dem überschäumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das Gefühl ihrer königlichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede Rettung aus ihrer herrschsüchtigen Seele zu holen, überrauschte sie ein Schauer widerspruchsvollen Ergötzens an der nahen Gefahr. Wie von ungefähr verspürte sie sogar das Lockende jener gewalttätigen, grausamen Männlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorüber, und dies war gerade das Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten, eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlüssel fehlte.

Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Höhe von ihrem Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen Schnüre im Sonnenschein bis auf den Boden.

»Nimm dich in acht!« warnte sie schneidend und zugleich griff ihre sinkende Hand nach einem winzigen Hämmerchen. »Besinn dich, wo du stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten würden dich lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf.«

Da stieß der Störtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus.

»Weißt du kein anderes Lied?« zuckte er geringschätzig die Achseln. »Komm zu mir auf die Agile, und es würde dir vielleicht nicht anders entgegenschallen. Aber« – und er schlug wuchtig auf seine Brust – »diesmal wird es nicht gesungen.«

»Woraus schließt du das?«

»Es geschieht mir nichts, Königin,« beharrte der Seemann unabänderlich, »denn ich war nicht so töricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt.«

Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rümpfe der Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schärfer betrachtete, fielen der Argwöhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und lauernd zu ihr herüberstarrten.

Der Admiral lächelte eigentümlich, da versuchte auch die Regentin ein gleiches Zeichen der Gemütsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch – dort draußen diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing. Über die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft, beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und an ferne Küsten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurückwandte, da flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer seeleneinfangenden Künste in ihren scharfen Zügen. Und ihre großen rostbraunen Augen dämmerten dazu fraulich und verzeihend.

»Wunderlicher Mann,« stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das stürmische Herz darunter besänftigen müsse. »Was streiten wir uns? Da du meine Absichten kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder knausern noch feilschen. Denn, Claus Störtebecker, obschon du mir unsanft genug in meinen Fürstenzierat fuhrst – ich finde dennoch Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine Undankbare!«

Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlöwen des blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mächtige Atemzug des Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen ließ. Eine kurze Weile betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder bedrückt über die große Nähe ihrer Leiber. Aber während das Weib allmählich mit lebhaften Nüstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast vollständig von sich. Gerade das überlegene Wesen der Fürstin, ihre herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hände belehrten ihn, daß er gekommen sei, um ihre hochmütige, ungerechte Welt aus den Angeln zu stoßen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern mehr für den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder einander das Verborgenste zuflüstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob Margareta das Haupt.

»Königin,« stieß plötzlich der Störtebecker stürmisch heraus, und auf seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff. »Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst verlange ich mit Leib und Leben!«

Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas Ähnliches gefaßt. Genießend schloß sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise genickt hätte. Das Wüste und Tolle dieser Werbung bestärkte sie nur in dem sie umspinnenden Mißverständnis.

»Verdinge dich mir,« verhieß sie mit ihrer glatten, überredenden Anmut, und zugleich griff sie zum Zeichen des Bündnisses nach der behandschuhten Rechten des Mannes, »verdinge dich mir mit deinen Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher deiner Wünsche sollte dir unerfüllt bleiben?« Und da sie zu spüren glaubte, wie die Finger ihres Gefährten schwer und nicht so willfährig, wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heißblütiger weiter: »Gib dich mir, Nikolaus Störtebecker, und sieh, ich will die Rechtlosigkeit, die dich quält, von dir und den Deinen nehmen, keines Richters Hand soll deine Taten nachblättern dürfen, und dich selbst will ich stellen als Dänemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines Thrones. Graf von Gotland sollst du heißen, und es soll mir keiner näher sein als du – keiner!«

»Das genügt mir nicht,« sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten Bewegung setzte er hinzu, »noch ahnst du nicht, Königin, daß ich nichts für mich selbst fordere.«

»Nichts für dich?« wiederholte Margareta enttäuscht, und ohne Begreifen stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwärmerischen Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem Übergang fing der wilde Mensch wieder an, ihr unheimlich zu werden.

»So nenne deine Bedingungen,« rief sie beleidigt, während sie ihm ihre Hand entzog. »Bei solchem Handel gelten keine Geheimnisse.«

Der Störtebecker aber reckte sich, und mit ausgestrecktem Arm auf die Tafel des Giotto weisend, brach er von neuem in sein rücksichtsloses Gelächter aus.

»Meinst du wirklich, oh Königin, daß ich dir den da nur zum Beschauen brachte? Du irrst; weil er der einzige ist, der auf der weiten Erde mein Geheimnis erfassen könnte, wenn er nämlich lebte, darum lehnt er an der Mauer. Weil das sanfte Lämmlein nur halbe Arbeit leistete, deshalb stehe ich vor dir. Weil er sich fürchtete, Waffen anzulegen, deshalb trage ich sie an seiner Statt. Aber sei gewiß, wenn er mich hörte, er würde herabsteigen und mir folgen.«

»Lästere nicht,« rief Margareta ehrlich erblaßt, ihr grauste vor der mörderischen Wut gegen das große Unbestimmte, vor dem sie sich selbst abergläubisch oder doch beinahe überzeugt neigte. Und ihr Herz klopfte auch widerwillig gegen jenes Neue, das ihr der Frevler dort anvertrauen wollte.

»Komm zu Ende,« mahnte sie ihn daher ungeduldig, und sie schritt hinter den Tisch, wo sie sich gebieterisch aufstützte. Ihre Mienen trugen jetzt deutlich den Ausdruck der Verschlossenheit und der Kränkung. »Endige, damit ich erwäge, wie sich mein Vorteil mit dem deinen verträgt.«

Claus Störtebecker trat an das andere Ende der Tafel. Dann schlug er leicht auf die eichene Platte.

»Jetzt sprichst du endlich,« verurteilte er mit verhaltenem Tadel, »wie es dich deine Welt gelehrt. Dein Vorteil – mein Vorteil – Königin, und du fragst gar nicht, woher die Stimme dringt, die sich jetzt in nie wiederkehrender Stunde an dein Ohr wendet?«

»Ich weiß, woher sie stammt,« schnitt die Königin höhnisch dazwischen. »Meinst du, ich hätte mich nicht vorher über dich belehren lassen, du törichter Mann? Ein Bankert bist du,« stieß sie verbissen hervor. »Edelingsblut und Knechtsblut streiten in deinen Adern. Aber die Abstammung von den Unfreien sitzt dir tiefer, da du dich nicht scheust, mit einer Schar von Dieben und Mördern den Richter gegen unser besseres Blut zu spielen.«

Oh, es tat ihr wohl, als sie die Beschimpfung gegen den schönen, fürstlich geschmückten Mann geschleudert hatte, erst jetzt glaubte sie sich wieder im Besitz ihrer Hoheit und Macht zu befinden, da sie das tödlich erblaßte Antlitz ihres Gegners von einer wilden Verzerrung zerrissen sah. Und sie hätte es bejubelt, wenn sich noch in diesem Augenblick der Freibeuter zu irgendeinem schamlosen Ausbruch gegen sie hätte hinreißen lassen. Erwartend hielt sie schon das Hämmerchen in der Hand.

Allein nur in den dunklen Augen ihres Gastes stäubte es wüst auseinander, seine hohe Gestalt jedoch klammerte sich mit beiden Fäusten an den Tisch, um in erschütternder Bändigung und fast flüsternd die bittere Entgegnung zu finden.

»Aber die Mörder und Diebe des Bankerts möchtest du gern für dich rauben und stehlen lassen? Und ihren Anführer kannst du zum Grafen von Gotland erhöhen?«

Die Fürstin schwieg. Hierauf wußte sie keine Antwort.

»Weib,« kochte es in der bebenden Brust des Herausgeforderten weiter, und er schüttelte den schweren Tisch, als ob es sich um ein Spielzeug handele. »Diebe und Mörder sagst du? Merke dir, was du jetzt erfahren wirst. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als was dein Gekreuzigter zu sagen vergaß. Diebe und Mörder sind wir alle. Alle, hörst du? Nur, daß ich und die Meinen uns immer nur Schrammen und Wunden stehlen, du hingegen mit den Deinen die leckeren Gerichte von der Tafel trägst. Glaubst du, es mache mir Freude, unter den dunklen Seenächten dahinzufahren, um das zu richten, was sich doch nimmer ausrotten läßt?«

»Erkennst du das endlich?« fuhr die gespannt Lauschende triumphierend dazwischen, denn es freute sie, daß sie etwas wie Zerknirschung in dem Freibeuter zu wittern glaubte.

»Unausrottbar, Königin, ist der Hang der Glücklichen zur Unterdrückung, Plage und Entrechtung von uns Armen,« sprach der Seeräuber ganz ruhig weiter, und seine schwarzen Augen richteten sich über die Regentin hinweg auf die leere Wand, als wenn dort all die Elenden litten und stürben, die er in seinem schweifenden Dasein hatte niederbrechen und verenden sehen. »Unaustilgbar dafür aber auch der Haß, der Neid, die fressende Mordlust, die Zerstörungswut der Gemißhandelten. Dies ist das Natürliche. Und daran ändert weder deine Gnade etwas, noch das dunkle Gericht, das mit mir über die Fluten jagt.«

»Das hast du erkannt?« zuckte die Königin empor. Noch nie war die Aufmerksamkeit der klugen Haushälterin auf etwas Ähnliches gelenkt worden, obwohl ihr Zeitalter doch von den Verwünschungen und Aufstandsversuchen der Geringen und Bedrückten widerhallte. Man hatte sie eben niedergeschlagen, wie man ein bissiges, unvernünftiges Tier fesselt. Jetzt wurde das Weib von der sonderbaren Ahnung ergriffen, daß hinter dem Toben der Bestie im Stall sich am Ende doch eine eigene Sprache verberge. Und deshalb suchte sie nach Weiberart zuvörderst ihre aufspringende Neugierde zu befriedigen.

»Und wem gibst du an dem ewigen Kampf die Schuld?« erkundete sie beflissen.

Der Störtebecker erkannte ihre Spannung, mit frechem Lächeln gab er zurück:

»Deinem Gott!«

»Mann, rase nicht!«

»Ich rase nicht, ich leugne nur deinen Gott, weil er seinen angeblichen Sohn zu spät auf die Erde sandte. Wäre er im Anfang erschienen, damals, als sich die Haufen der Menschen zuerst zur Gemeinschaft zusammenrotteten, glaube mir, Weib, unsere Sache wäre nicht so elend geworden.«

Darum also handelte es sich? Als der Königin diese Anklage zugeschleudert wurde, verzog sie ein wenig wegwerfend den breiten Mund. Der Mann da vor ihr hatte offenbar zu viel gesonnen und gegrübelt, das lange vergoldete Schwert, das an seiner Linken funkelte, bildete wohl gar nicht das rechte Werkzeug für den Schwärmer. Ganz unvermittelt verlor die tatkräftige Rechnerin die letzte Furcht vor ihrem Gast. Mit dem Anschein der Ermüdung ließ sie sich auf ihrem erhöhten Sitz hinter dem Tisch nieder, um lässig, fast überdrüssig hinzuwerfen:

»Wohlan, da es für eine Änderung zu spät ist, warum gibst du dich mit fruchtlosen Wünschen ab? Ich weiß bessere Arbeit für dich. Laß dich anwerben, Störtebecker.«

»Es ist nicht zu spät.«

»Wie?«

Wer sprach hier? Ging es wirklich wie junges Erwachen durch den Raum? Margareta erschrak bis ins Innerste. Der Seeräuber hatte beide Armlehnen ihres Stuhles umklammert, nun beugte er sich über sie, als ob er sie gefangen nehmen wollte. Sie wußte nicht mehr, ob sie ihm seine Worte vom Munde ablas oder ob sie ihr aus den wilden, glühenden Augen bleiflüssig entgegenschmolzen?

»Königin,« stieß sie sein heißer Atem, »die Zeit ist da. Du stehst vor deiner Entscheidung. Aber künftige Geschlechter werden dich dafür anbeten.«

»Was willst du?« murmelte das Weib entsetzt, während sie sich immer tiefer in ihren Stuhl verkroch. Und ihre Hände vorstreckend, stammelte sie unwillkürlich: »Tu mir nichts.«

Das dunkle Gesicht ruhte unverändert über ihr.

»Du bist sicher, Königin, denn du wirst ja die in Haß und Neid, in Brudermord und Unrecht, in Hochmut und Verleumdung eiternde Erde endlich reinigen! Kain wirst du verjagen und damit das siebente Tagewerk schaffen.«

»Laß mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht.«

»Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Höre! Deutliche Zeichen wallen durch die Welt. Was treibt die Geißelbrüder zu ihrer blutigen Selbstpeinigung durch deine Städte? Zu welchem Ziel schwärmen die Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken über die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie ergriffen, denn sie alle fühlen, daß die Erde den wühlenden Ekel nicht mehr länger erträgt. Ein anderes will sich gebären. Nun stehe auf, Königin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem Irrtum zu neuem Schöpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich die Unbändigsten der Ausgestoßenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem ist Haß, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheißung. Ungezählte Hufen liegen dir ungenützt, laß sie mich in gleiche Lose für die neuen, für die erstaunten Menschen einteilen, laß mich ihnen verkünden, daß Pflug und Egge, Stier und Roß fortan ihrem großen, glücklichen Bunde gemeinsam gehören, laß sie sich selbst richten und schützen, wo es nichts mehr zu richten und zu schützen geben wird, denn dann, oh Königin, aber auch nur dann wird den Beseligten die Göttergewißheit aufgehen, daß hoch und niedrig verschwand, weil der Mensch, der ursprünglich gute und reine Mensch, wieder an seinem unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das muß sich vollenden, horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.«

In ein markerschütterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge Seefahrer stand da, angestrahlt von der Röte des Morgens, wie er Erwählten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener, Begeisterter jenen kurzen Weg zu führen, den seine sengenden Augen förmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Züge jedoch hatten sich verzerrt, feindlich öffnete sich ihr breiter Mund, ihre großen Zähne schoben sich vor zum Biß gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur eins hatte sie erfaßt, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes wie der Machthaberin, nämlich daß der Boden unter ihr wanke, weil der von einem Wahnwitzigen verkündete Bund ihrer und ihresgleichen nicht mehr bedürfe. Vergessen war ihr ursprünglicher Plan, hingemäht von der Schärfe ihrer eigensüchtigen Ansprüche, die Unmöglichkeit eigenen Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Haß. Kaum sah sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich darauf des kleinen Hammers zu bemächtigen.

Mit einer scharfen ätzenden Ruhe sprach sie sodann:

»Sage mir, Claus Störtebecker, sind deine Spießgesellen bereits von dir eingeweiht?«

Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen gewappneten Fuß auf die Stufe des Sitzes und ließ die Rechte nicht von der Waffe.

»Königin,« warnte er grollend, »das, was mir die Nacht und das Elend in langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich.«

Die Königin erkältete sich immer mehr.

»Und mit einer Bande von Dieben und Räubern willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?«

Der Freibeuter entfärbte sich. Wild schrie er hinaus: »Auch Rom wurde von Dieben und Räubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes.«

»Und wenn sich meine übrigen Lande von der Empörung anstecken ließen? Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die Ämter zu verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner?«

»Weib, deine Augen deckt Blindheit,« tobte nun der Störtebecker außer sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schüttelte er die Faust. »Du siehst nicht, daß du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mästest. Die große Hure bist du, die sich dem Golde hingibt.«

»Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes,« sagte Margareta unbewegt. »Ich bereue, daß ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist.«

Da stieß der Admiral sein helles, schmetterndes Gelächter aus, dann aber verbeugte er sich plötzlich tief.

»Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron,« wies er mit ausgestreckter Hand, »es wäscht wieder einmal ein Lauer seine Hände in Unschuld. Aber bei den Schwären und Lumpen der Bettler sei's geschworen, ich will für ein königlich Begräbnis sorgen.«

Kein weiterer Abschied. Er riß den Vorhang auseinander und trat hinaus.

Da – dicht hinter den Falten stand es, wie ein weißes Bild. Eine schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem stürmisch Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mußte er eine ähnlich behütete Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und unverschämt winkte er ihr zu, bevor er die enge hölzerne Treppe hinuntersprang. Aber auch die Königin hatte hinter dem geöffneten Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzürnt, noch geschüttelt von den umwälzenden Eindrücken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit einem Riß den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln.

»Was ist das?« rief Margareta bebend vor unterdrückter Wut, indem eine fahle Blässe über ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewißheit sprang sie an, daß der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht mehr der Vergessenheit anheimfallen würde. »Gräfin Linda, ich merke, Ihr vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit besorgt. Verlaßt auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter zu Eurer Heilung beschließen werde. Keine Widerrede – geht – ich mag Euch nicht länger.«

Und nachdem die weiße Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter der schmalen Pforte verschwunden war, da stürzte die Königin zurück und hieb besinnungslos auf die silberne Platte.

»Schafft den Kanzler zur Stelle,« herrschte sie den eintretenden Wäppner an. Es klang mehr wie ein bösartiges Kreischen.

Mit beiden Armen lag sie über den Tisch gebettet, verworren kratzten ihre Nägel auf der Platte herum, als das buntgeschmückte Gerippe ihres Ratgebers endlich vor sie schlich. Sie hob nicht das gesenkte Haupt, ohne Gruß, jedoch begleitet von einem widerspruchsvollen, unbegreiflichen Lächeln stieß sie hervor:

»Sammelt Friedensschiffe, Ihr selbst und alle Edlen rüstet Wäppner. Stiftet einen Bund der Hansischen, schreibt an den Hochmeister von Preußen, keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Seepest vertilgt ist. Dies ist unsere Bestimmung, wie eine beißende Fliege sticht sie uns in die Augen.«

Und voll Entsetzen sah der betroffene alte Mann, wie der schöne Busen seiner Herrin mitten unter einem hämischen Lachen von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde.

III.

Es war an demselben Abend.

Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Oeresund, eine gute Rittstunde von Kopenhagen entfernt, saß Gräfin Linda in der Ausbuchtung ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und grübelte verloren und weit entrückt auf das Anprallen der dampfenden Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der jenseitigen schwedischen Küste. Das stille, blonde Mädchen weilte nicht allein. Ihr gegenüber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein untersetzter, derbschrötiger Mann, dessen überlegtes bartloses Antlitz sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewählte Bürgermeister von Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurückzukehren gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur deshalb immer von neuem gezögert, seinen Besuch endgültig abzubrechen, weil er bisher diesem stolzen weißen Jungfrauenantlitz gegenüber nicht den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthüllen, was ihn in Wahrheit hierher getrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende Schein, der bisweilen über den stahlblauen Augen des Mädchens hing, sondern er fühlte sich auch beeinträchtigt durch die Gegenwart eines Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nämlich saß dicht vor dem hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine feine weiße Hand den brennenden Buchenklötzen entgegen, die den Schauer des kühlen Frühlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein Windstoß durch den Rauchfang herunter, und dann hüstelte der Abt Franziskus vom Rügener Kloster Cona kurz und gestört, um sich gleich darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die Äbte des Conaer Klosters gehörten seit alters zu den Gastfreunden auf Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herübergekommen, hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre teilhaftig werden sollte, der Königin vorgestellt zu werden.

Friedsam hing die feine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des Büchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr Nikolaus Tschokke allmählich in seiner kühlen, kalkulierenden Überzeugung bestärkt worden, daß er aus jener Entfernung wohl keinen Lauscher zu fürchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen Bürgermeister ein Blick auf die weißgedeckte Tafel in der Mitte des Saales darüber belehrt, daß man die Zeit der Schloßherrin nicht ungebührlich in Anspruch nehmen dürfe.

So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerückt, deren niedriges Ölflämmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich würdig und gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt überlegt, seine Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewußtsein an das schöne blonde Weib zu stellen.

Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige Bürgergesicht mit der kräftigen Hakennase hütete sich, irgendeine Bewegung zu verraten, obwohl es ihn Wunder nahm, daß die Blonde ihre Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverständliches Wesen.

Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung, als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Gepräge annahmen. Es durchfröstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelöst von sich, bei einem Fremden gebucht fand.

Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert. Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde verwildert und von seinen eigenen Königen häufig als Empörer an den Block geführt. In roten Strömen verbrauste allmählich die Lebenskraft der unbändigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von Ingerland, bei Lindas Brüdern, die böse Erbschaft nur noch in Landhunger und wüster Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlärm und glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brüder hatten sich nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmündigen Tochter zurückgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu überfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur Spott trieben, wäre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht erspart geblieben, hätte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich führte der Retter die Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des Bürgermeisters, erwachte die kleine Flüchtige erst zum Bewußtsein einer bürgerlich behüteten Lage. Fast ungläubig sah sie die regelmäßige Arbeit in den dämmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die blühendste Brauerei der Handelsstadt. Mit großen Augen verfolgten die Frauen aus den niedrigen vergitterten Fenstern die bunten Umzüge der Zünfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz verstehen, mit dem die Häupter der regierenden Familien die Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch – die Seele der Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, tätigen Lebens um sie herum verschlossen. Im Kern ihrer fest gefalteten Blüte nistete zu sehr das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr banges Gemüt löste sich nicht von dem frühen Eindruck, daß Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnsüchtig nach einem Retter auszuspähen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schönsten Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mächtigen Ahorn auf dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen. Dann war es Sitte geworden, daß Linda selbst die irdenen Näpfe herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weißes, vergrämtes Antlitz zu einem beseligten Lächeln, und der junge Nikolaus, der Sohn des Hauses, fand dann, daß die fremde Adelstochter mit ihren blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich einem schönen Bernsteinschmuck. Als Fünfzehnjährige war sie endlich, nachdem in der Schlacht von Fallkiöpping Lindas beide Brüder als Aufständige gegen die Königin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nämlich die kluge Margareta für angebracht, die Verwaisten mütterlich zu betreuen. Für die eingezogenen norwegischen Güter des Hauses wurde ihnen Burg und Herrschaft Ingerlyst eingeräumt, und hier, dicht unter den Augen der Königin, saß nun nach dem Tode der Mutter der letzte Sproß des dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch inniger als früher nach dem unauffindbaren Trost gegen die täglich sich offenbarende Mißachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermählung mit einem rauhen, erwerbsüchtigen Gebieter noch tiefer in die Händel und Ungerechtigkeiten dieser Welt verstrickt zu werden. Näher und näher rückte ihren sehnenden Blicken die Klosterpforte mit dämmernden Schatten, und ihr Fuß schritt jener Grenzschwelle immer willfähriger entgegen. Bis heute. Da – war es möglich? – Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal gestockt, gezögert. Welch eine heiligwüste Vision, welch eine wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg umnebelt? War es Wirklichkeit, oder hatte ihr bang verschlossenes Gemüt selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein, während sie hier saß, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem Gedröhn der Strandwellen von neuem diese heiße, markdurchzitternde Stimme zu sprechen, und bald wurde für die Lauschende ein Ruf daraus, der über die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten Seelen Erbarmen für Millionen Geknechteter zu heischen. »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer.« Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig ein Schwertstreich durch die Luft, und das höhnische Gelächter des Räubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut.

Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert über einen Abgrund von Höllenfeuer und Himmelslicht. Und während sie sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit größter Klarheit die Werbung des ehrsamen Bürgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mußte doch mit Schrecken auf das Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hören, das sich in altererbtem Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krämerkontor sträubte.

Wie um Schonung flehend schlug sie ihre großen blauen Augen gegen den Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf.

Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Veränderung in den Zügen der jungen Freundin geprüft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig nämlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm für die aufstrebende Patrizierfamilie werden könnte. Die Tschokkes gehörten nicht zu den ritterbürtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mußte es ihnen nützlich werden, sich von außen ihre Ansprüche bestätigen zu lassen. Dazu aber eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermann keine besser als Gräfin Linda von Ingerland, da sie nur mißtrauisch beargwöhnt neben der dänischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der Dankbarkeit an die frühe Zuflucht ihrer Jugend geknüpft war.

Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weiße Antlitz des Mädchens bestrahlte, da fühlte der Bürgermeister wieder mit Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen Edelingstochter.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken,« lenkte er endlich ungewiß seinem Ziele entgegen. »Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am Mönkedamm seine Tore für Euch öffnen würde. Es hat jetzt eine gar lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten,« setzte er lobend hinzu, »Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfaß. Und was mich und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt. Nur eines hat sich verändert« – er rückte sich jetzt bedachtsam zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurück, damit sich die schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlägen deutlicher offenbare – »ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es möchte mancher Fürst für die, so ihm lieb sind, weniger sorgen können als ich. Wollt auch dies bedenken, Gräfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behüteten Stadtmauern.«

Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung doch eine raschere Wärme hindurch, denn das blasse Mädchenantlitz in seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewußtsein des festen Bürgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken, seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen die Ampel ausstreckte. Die kühlen Finger blieben auch ruhig in den seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib das wüste Tosen der Wasser zu enträtseln strebte. Schlag auf Schlag krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch ihr Gefährte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten herauf brüllte: »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bunde mit dem frohen Menschen.« Dann Stille – und darauf wieder das gräßliche aufrührerische Gelächter. Nein, nein, dort draußen lauerten Verbrechen und Wahnsinn, und hier – hier drinnen?

Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurück, und während sie sich verstört gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen über sich selbst das Nächstliegende ein.

»Ihr wißt ja nicht – – «

»Was?«

»Ich – ich habe schon gewählt.«

»Gräfin?«

So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Möglichkeit gerechnet, daß ihm zuvörderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem Kreuz, das ihr noch immer über ihre weiße Gewandung herabhing, und hob es empor, ihrem Freunde zur Erklärung, sich selbst aber als einen Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel.

»Hier – hier,« klammerte sie sich an das Stückchen Holz fest, als ob es ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwüchse, hinter dem sie sich verstecken könnte, »hierhin laßt mich gehen. Ich tauge nicht in Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem würde ich behilflich sein können und ihm nützen. Denn Nikolaus, Ihr mögt es wissen, ich fürchte mich vor den Menschen, da sie nichts als Übles sinnen und keiner dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist.«

Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern. »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.« Da entfärbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in den Schoß.

Langsam gab der Bürgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die Erkenntnis aufgegangen, daß weiteres Drängen seinem Wunsche nur schaden müsse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemüt zu schaffen habe, das am Leben blutete. Die Wunde mußte erst heilen, bevor sich neues Vertrauen entfalten könnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbüchern zu verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner plötzlichen Werbung nach Möglichkeit wieder zu verwischen.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken, Gräfin Linda,« beruhigte er freundlich, »Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drängen, denn wir beide sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt eröffnete, schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschluß betrifft, so sollt Ihr mir versprechen, daß Ihr Euch eine Frist gönnt, bis ich in Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille führen mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein gütiger Fürsprach.«

Damit drückte er die kühlen Finger heißer, als er es selbst geahnt, und schritt mit seinem nachdrücklichen Gang über die knarrenden Dielen des Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den Sessel des Mönchs erreicht hatte, stockte der Bürgermeister wie von einer Eingebung befallen.

»Noch eins,« erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, »ist Eure Dienerschaft zuverlässig, Linda?«

Das Mädchen stand schon an dem weißgedeckten Tisch, jetzt mußte es über die unerwartete Frage lächeln.

»Ich halte nur eine Schaffnerin,« gab sie kopfschüttelnd zurück, »wenige Mägde und Knechte, und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem Kirchspiel,« fügte sie deutend hinzu, denn ein schöner schlanker, etwa siebzehnjähriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dänengewandung war eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. »Und diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewähre,« sprach die Herrin ruhig weiter, »nicht wahr, Heinrich?«

Es lag so viel mütterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, daß es nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen. Er warf einen jugendlich schwärmenden Blick auf seine Gebieterin und nickte verschämt, bevor er sich entfernte.

Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gespräch.

»Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke?« wandte er sich gespannt an den Bürgermeister. »Euer Blick ist nicht frei von Sorge.«

Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prüfte unwillkürlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergürtel hing.

»Ich sorge mich auch,« rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich umfaßte er abermals das Bild des blonden Fräuleins dort an dem Tisch. »Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwürdiger Herr. Ihr wißt, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch Kundschafter in Erfahrung gebracht, daß die Freibeuterflotte gegen Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin, weiß niemand.« Er strich sich unsicher über das glatte Kinn. »Nie habe ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen für dieses schandbare, gesetzlose Volk geteilt,« fuhr er hastiger fort, »und ich werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer Oster See getilgt ist. In Euch aber dringe ich, Hochwürden, nehmt das Fräulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Königshofe sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit.«

Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mädchen wirkte. Unruhig heftete sie die Augen auf das weiße Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche, kämpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich endlich zu der Mitteilung entschloß:

»Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen. Die Königin gerade verwies mich hierher.« Und auf den fragenden Blick ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen Ehrlichkeit: »Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig gemacht.«

»Ihr?«

Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie, daß Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstürzten. Der Bürgermeister indessen forschte nicht weiter.

»Nun gut, Vater Franziskus,« beschied er sich, »dann gebraucht bei Hof Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierher gelegt werde. Tut Euer möglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nähe wehen, wälzen sich Gesetz und Billigkeit im Kote, und der gemeine Verstand ermißt den frechen Umsturz alles Bestehenden nicht länger. Eure Hand, ich verlasse mich auf Euch.«

»Das dürft Ihr,« stimmte der Abt bereitwillig zu. »Und nun, Herr Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich für jeden Redlichen habe. Wind und Wetter seien Euch günstig, und mögen sich die besten Wünsche Eures Lebens erfüllen.«

Der Bürgermeister heftete einen raschen, prüfenden Blick auf das feine, durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklärten Zügen nichts als das reinste, gütigste Verstehen las, da riß er sich schnell los, verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem Fräulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weißen Kleides berührt zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal.


Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden. Dafür schickte über den beiden Zurückgebliebenen der eiserne Kranz des Rundreifens das tänzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die Nacktheit der geäderten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf dem Vorsprung des Kamins ließ eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit.

Gräfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt, allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mühe, seine aufmerksame, wenn auch stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu unterhalten. Leicht konnte die Zuhörerin da merken, welch ein vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier über die Unbilden und Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefähr war ihr Gast so auf die Aufsehen erregenden Schriften des Oxforder Professors Wiklif gelangt, die dem kirchlichen Unwesen so kühn zuleibe rückten, und jetzt schien es, als ob der Erzählende mit einer besonderen Absicht länger bei den Angriffen des Engländers gegen die Klosterzucht zu verweilen gedächte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches zwischen den Fingern, während er gesenkten Hauptes, aber doch mit auffälliger Betonung hinwarf:

»Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer in den Anklagen und Schmähungen sogar eines Aufrührers etwas finden, das uns stutzen läßt. So will mir das massenhafte Flüchten der sogenannten Weltmüden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in unzählige Zellen geteilt, und der Mensch dazu da, die rechte für sich zu öffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frühzeitig Besiegten sich träumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso köstliches Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel.«

Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurück und verfolgte träumerisch über die Schulter des Mönchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht, in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und Bestehen aller Gefahren geradezu für würdiger erachte. Und doch, sie fühlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhören immer inbrünstiger nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen ließ. Fröstelnd wandte sie sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag längs der Küste. Als sich aber die gefürchtete Stimme nicht mehr vernehmen ließ, stürzte sie sich beinahe flüchtend in das rettende Gespräch zurück.

»Hochwürdiger Vater,« tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr, da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten wähnte, »Ihr meintet vorhin, daß man auch auf das Drohen und Wüten von Aufrührern und Empörern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche Ausgestoßenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln füllen, sie könnten jemals zum Guten gesendet sein?«

Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen schienen tiefer in seine Gefährtin einzudringen, als ihr angenehm war. Dann fragte er bestimmt:

»Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?«

Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und während sie emsig auf dem weißen Linnen herumstrich, da suchte die Gräfin sich der drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.

»Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz,« wich sie unsicher aus, »man weiß oft nicht mehr, welchen Pfad man wählen soll?«

Der Mönch nickte sacht. Er strebte, diese verstörte Seele zu sänftigen.

»Wohl, meine Tochter,« stimmte er mit seiner milden, tröstlichen Stimme zu. »Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, daß sein Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkündet seinen Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die Wahrheit? ‘Wo ist Wahrheit?’ fragte Pilatus noch immer.«

Sinnend senkte der Mönch sein Haupt auf die Brust, rückte seinen Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbüschel.

»Sieh,« verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen Füßen, »auf meiner Heimatinsel Rügen da kannte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem groß Unrecht geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hölle und Himmel, als sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit. Und ich weiß, er rang redlich mit seiner düsteren, grimmigen, lechzenden Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht für sich, sondern für die vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann – ehe er das gefunden, was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den Ungerüsteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur ein Gerücht meldete noch von ihm, daß er ein Mächtiger unter den Gesetzlosen und Ausgestoßenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt, und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, daß er selbst in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?«

Wehmütig lächelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen durchsichtigen Hände näher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht, daß seine Gefährtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und völlig unvermögend, den Sturm, der sie rüttelte, noch länger zu bestehen, hing das blasse Weib ihre erschreckten Augen an den Mönch und gab sich keine Mühe mehr, sich zu verstellen.

»War das der Störtebecker?« fügte sie mühsam aneinander.

Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar über den verdächtigen Ton zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schüttelte leise das Haupt.

»Ich weiß es nicht. Mein junger Freund führte wohl einen ähnlichen Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterführer im Volke erzählt, widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgültigkeit gegen Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jünglingsgestalt habe ich, so wie sie war, in meinem Gemüt bestattet und einen Segen darüber gesprochen. Gebe Gott, daß aus der Gruft nicht ein anderer Mann auferstehe.«

Damit versank der Mönch in erneutes Grübeln und ließ Linda Zeit, sich notdürftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Gräfin in dem kahlen Raume um, sie zählte die Windstöße, die um die Mauern heulten, und als irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells durchstöberte, um sich womöglich dort zu verbergen. Ihr ererbter, nordischer Wikingermut war gänzlich von ihr gewichen. Plötzlich erhob sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde aufmerksam.

»Ich wünschte, ich könnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwürdiger Vater,« überwand das Mädchen einen sie überfliegenden Schauer und dabei schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. »In dem finsteren Gemäuer hier ist's schlimm. Überall springen Gestalten aus den Wänden, die mir zurufen, ohne daß ich darauf eine Antwort wüßte. Es sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als Schlaf und Gebet.«

»Und ein heiteres, tätiges Frauenwerk, wie es den Müttern ziemt,« schaltete der Abt sanft ein, der geräuschlos seinen Sitz verlassen hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen das müde Licht, so daß das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern begann. »Alte Hausweisheit,« erinnerte er mahnend. »Sorge für Gatten und Nachkommenschaft erschließt den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles davor ist Traum und Umweg. Aber nun – ich will mir nicht mehr von dir anmaßen, als du mir selbst gibst – nun sei Friede über dir diese Nacht.«

Er wandte sich, und die Gräfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten über die rohen Kiefernwände, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde und griffen nach ihnen. Der Mönch öffnete gerade die Pforte, als die beiden wie auf Verabredung inne hielten. Jeder las in den Zügen des Gefährten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem langgezogenen Winseln zu verschwinden.

Linda zitterte und doch lächelte sie matt.

»Eulen,« erklärte sie, »sie horsten oben auf den Türmen und fliegen jetzt aus. Es sind meine Haustiere,« wollte sie noch mit trübem Spott hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu können.

In diesem Augenblick donnerte durch das Gebäude ein kurzes, scharfes Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reißen, die Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen singenden Ton. Ungläubig, verängstet hielt sich der Mönch an dem Pfosten zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblaßtes Antlitz aber war der Gräfin zugekehrt, als erhoffe er auch für dieses herzumwendende Toben eine tröstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstücken geschichtet lag, sprach in unnatürlicher Ruhe:

»Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott bei uns sein.«

So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rührte, so begannen sie einander ihren Kleinmut fortzulächeln. Aber seltsam, warum verharrten sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich langsam, schwer und wuchtig in den langen Gängen vor dem Saal verkündete? Es war natürlich einer der Knechte, der das Licht zu löschen kam. Nur hätte er schneller nahen können, dienstfertiger; gleichviel – – – worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die große Eingangstür in ihren Angeln, und dann – in dem Saal wurde es still, als ob der Tod eingetreten wäre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, daß hier noch Sinn für die gewöhnliche Ordnung der Dinge atmete.

Auf der Schwelle ragte ein übergroßer Mensch, in einen nassen, schwarzen Mantel gehüllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrückt. Gleichgültig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die Tafel zu, schleuderte Mantel und Mütze mitten auf den Estrich und warf sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte, stieß er krachend mit dem Fuß beiseite.

»Schafft Wein und Speise,« befahl er den beiden Leblosen, und als sich die Gebannten nicht regten, stieß er ein kurzes Gelächter aus, ein helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lässig. »Ihr da, zeigt fröhliche Gesichter – was steht ihr und haltet Maulaffen feil? – Eilt euch, ihr seid geladen!«

Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurück, fieberndes, beißendes Blut, und während die Hausherrin sich gegen den Pfosten lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als hätte sie dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Würde gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen.

»Wer bist du?« rief er, indem er sein Zittern überwand. »Im Namen Gottes und seiner unverbrüchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und wer du bist?«

Die Stimme verstärkte sich, je kräftiger der Sprecher den Widerhall von den Wänden zurückempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen eines kleinen Hündchens hätte ihn nicht weniger behelligen können. Der Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich riß, um ihn ohne Umstände mit beiden Fäusten an seine erhobenen Lippen zu führen. Durstig schluckte er den übrig gebliebenen Trank, es war eher ein Stürzen zu nennen, nur daß sich zuweilen in der geleerten Höhlung dumpf und kollernd sein spöttisches Gelächter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes schien ihn höchlich zu ergötzen.

»Still, keine Predigt, Braunrock,« atmete er endlich auf, während er das schwere Gerät auf den Tisch krachen ließ, und dabei schob er sich, zu neuen Taten bereit, die Lederjacke zurück, so daß weite rotseidene Ärmel zum Vorschein kamen. »Gib Ruhe. – Wer soll ich sein? Ein Mensch bin ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel eine reiche Erbschaft miterhielt.« Er lehnte sich zurück und trommelte mit beiden Fäusten auf dem Linnen herum. »Möchtest aber lieber nach Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte der Fremde ungeduldig an den leeren Schüsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht hätte. Draußen wurde es lebhaft, man hörte eilige Tritte in den Gängen, und von unten aus den gewölbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das Geräusch von Waffen.