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Claus Störtebecker

Chapter 22: III.
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About This Book

A sweeping two-part narrative unfolds along a northern coastline, moving between evocative descriptions of sea and shore and episodic scenes of village life, shipboard ventures, raids, and legal reckonings. It follows an unusually large, red-bearded youth whose mastery of craft and daring at sea draws him from local labor into leadership among a band of sea-rovers, with personal loyalties and brutal conflicts shaping social change. The work alternates lyric landscape passages with action and courtroom or council sequences, probing themes of fate, communal bonds, law, and the persistence of the past in the present.


I.

Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die »Agile« durch Tag und Nacht. Geschmeidig, zuverlässig, wie ein nimmermüder Läufer rannte das Schiff über die blaue Ebene, und sein Erbauer mußte einen eigenen Zauber in den Kiel gesenkt haben, denn es war befähigt, durch eine unscheinbare Schwenkung mühelos den Zusammenrottungen größerer Flotteneinheiten zu entgehen, wie sie sich jetzt auffällig oft auf der Ostersee zu zeigen begannen. Über die Wasser mußte bereits das Gerücht von der Untat auf Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich auf den Kriegsaufbauten über dem Bug oder hinten über Steuerbord zusammen, verborgen spannten sich die Armbrüste, die Geschützbedienung trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und während unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewöhnlich der Bootsmann Wulf Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lügen auf die Wißbegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff »Roi de France«, bald »Die Perle von Brügge«, und die Flaggen, die er aus Leibeskräften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine Auskünfte über Ziel und Ladung des Seglers. Rückten darauf die fremden Schiffer mißtrauisch und unbefriedigt näher, dann fing mit einemmal die Erfindung des Störtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau über dem Bug, und der Donnergruß aus den drei Mäulern vertrieb den Neugierigen weitere Fragen. Um Linda herum aber gellte der höllische Triumph der Freibeuter. Bei solcherlei unbedeutenden Scharmützeln pflegte sich der Admiral fast niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mußte er sich überzeugen, daß der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmütig vermied er die Gemeinschaft mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, daß dieser Schwarzflaggenfürst einen Wall um sich gezogen hatte, über den keiner seiner Untergebenen hinüberzuschauen wagte. Dafür raunten sie sich über ihn allerlei geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann bereits bunte Fäden um den Lebenden. Daß er eine Hexensalbe besitze, die ihn schußsicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwüchsige Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann wurde er wieder jung und schön, der scharfe Zug um seinen herrischen Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die Herzen betörte. Ferner – ihr wißt es wohl – sieben Höhlen eignen ihm in aller Herren Länder. Von unten bis oben vollgestopft mit den herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er doch einmal gewettet, er könne die Ostersee durch eine goldene Kette in zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt. Er hat einen Pakt. Und das ist gut für die Schwarzflaggen, darauf bauen sie. Ein graues Männchen, ein Rauch, fährt manchmal zu Claus herab; dann verschließt sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajüte, selbst der wachthabende Matrose muß abziehen, und mit Grauen hört man zuweilen auf dem Verdeck, wie der Störtebecker stöhnt und ächzt, weil er mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der Anführer am nächsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenblaß aus, die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie können sich an das Licht der Erde nicht so schnell gewöhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloßen Brust trägt, schützt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja gleichfalls um die Zukunft weiß und noch lange nicht tot ist. Brand und Not, das Christentum gilt nicht immer!


Es traf sich, daß sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der Einsamkeit mit dem des Anführers verfing. Aufgerichtet lehnte der Störtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die Stirn, aber während seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit der Weite stritten, da dämmerte eine derartige Blässe auf seinen Wangen, daß das Mädchen, von einem plötzlichen Mitleid erfaßt, auf ihn zutrat. Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen.

»Bist du krank?« fragte sie hastig.

Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajüte mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine günstige Stätte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie kaltherzig von sich wies.

»Torheit,« herrschte er sie an, »um was kümmerst du dich? Wir brauchen hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln.«

Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschätzung, der ihr bewies, wie überflüssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war Licin, wie der Knabe allmählich auch seitens der Mannschaft genannt wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, für die persönlichen Bedürfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne daß es der Störtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein fürstlicher Hausrat von ihrem gefälligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem Edelknaben trug sie dem Gebieter täglich sein Mahl auf. Dafür lohnte ihr wohl manchmal ein lässiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft nie länger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestört sah er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer, daß er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich zurückzuziehen.

So flog die »Agile«, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu munkeln, daß der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich etwas ganz Ungewöhnliches ereignen. Doch worin diese Überraschung bestehen könnte, darüber gingen die Meinungen weit auseinander; vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte der Königin, vielleicht winkte der unglücklichen Stadt abermalige Brandschatzung, denn der Admiral besaß keinen Vertrauten für seine Pläne.

Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glück kommender Geschlechter anvertraut wähnte. Eines Nachts lag sie in ihrem Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre Hüften geschlagen. An die Schiffswand plätscherten dazu die Wogen, wie ferner Gesang.

Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehämmert, und als sie angstvoll und noch in halber Betäubung auffuhr, da hörte sie die rauhe Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mühsam zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der »Agile« verminderte, und über ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen Tritte vieler Männer. Notdürftig bekleidet entstürzte sie ihrer Kammer. Über der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut, als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht sei. Auch von dort drüben quirlte und rasselte es, und an den nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, für den hinstarrenden Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz verknüpften. Woher aber drang diese markerschütternde, übermenschliche Stimme durch die Lüfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nächster Nähe aufgefangen, jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines menschlichen Ungeheuers könnten solche schreckhaft verstärkten Töne ausgestoßen werden. Und doch, durchdringend verständlich klang es, was die geisterhafte Stimme durch den Seequalm dröhnte, und obwohl jede einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hämmerte, so verstand er doch recht gut, wie von dort drüben in französischer Sprache gefordert wurde, der verdächtige Segler möge sofort beilegen, um sich einer Untersuchung seitens des »Le Connetable« zu fügen.

Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schüttelten bereits ihre Häupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein Flüstern schlich unter der Mannschaft der »Agile« umher.

Da – mitten aus der gepreßten Stille schwang sich plötzlich jene Stahlstimme empor, die allen wie ein glühender Trunk durch die Adern schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des bedrohten Schiffes. Da – dort – der Admiral – Claus – der Störtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen über der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knöchel geschnürt, den langen Hieber aber in den verschränkten Armen, da vergaßen sie die noch eben geübte Vorsicht, und ein toller Jubelruf brauste in den kühlen Wind, der spöttisch mit den Locken ihres Führers zauste.

Der Störtebecker ergriff ein Sprachrohr.

»Connetable heißt du?« rief er gleichfalls durch das Mundstück. »Mort de Dieu, seit wann kriechen die Seidenwürmer von Lyon in unsere Töpfe? Hat Charles, euer geistesverwirrter König[*] Leibweh bekommen, daß er meint, die Schiffe der Ostersee ständen ihm offen wie sein Nachtstuhl?«

[*] Karl VI. von Frankreich.

Darauf von drüben:

»Klärt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone.«

Darauf der Störtebecker:

»Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann freßt den Mörtel eurer Bastille. Dürstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbärmlich, geknechtet Volk, wie maßt du dir Richterspruch an über windfreie Leute?«

Darauf von drüben: »Wir haben Kriegsgerät. Nenn' deinen Namen, Mensch, sonst hängst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft.«

Darauf der Störtebecker mit einem gellenden Lachen:

»Meines Namens lüstet euch? Cachez vous sous les lits de vos bien-aimées.[*] Seidene Höschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr meinen Namen hört. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen.«

[*] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten!

»Bist du etwa der Störtebecker?«

Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der »Agile« in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden trieb ihr das Blut ungestümer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda, die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mächtig war, wie die überlebensgroße Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerändert von dem ersten Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, daß auf beiden Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat.

»Franzosen,« schmetterte die helle Stimme, »ja, der Störtebecker spricht zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten Erdvölker traure. Was seid ihr anderes als wir – zertretene Halme unter dem Eisenschuh eurer Unterdrücker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme – wir wissen es wohl – liegen verödet, eure Städte wurden durch Hunger und Pest entvölkert, eure Bauern leben als Räuber in den Wäldern, damit die Seidenwämser behaglich in eurem Schweiß baden können! Sperrt eure Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der Völkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf daß wir zusammen das Reich der Gotteskinder begründen. Brüder, denn das sind alle Gemißhandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lügen eurer Schlagbäume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und folgt mir nach Wisby. Dort, mögt ihr wissen, dort sollen die Nägel der Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub – Gerechtigkeit.«

Es war wieder, als ob der Mensch dort oben völlig allein Zwiesprache hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrünstig entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkürlich heißer, obwohl ihr enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff. Nur vor dem blonden Dänenknaben zerfloß die Gefahr, ja die Planken des Schiffes schwanden ihm unter den Füßen, denn er allein nahm wahr, wie die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er allein ahnte etwas von der glühenden Aufrichtigkeit der Verkündung, und ein ungeheures Glücksgefühl überwältigte die ergriffene Seele und trug sie verbrüdert bis zu den Füßen dieses Sehers. Was machte es, daß sich vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwälzten, was galt noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewißheit erlangt hatte, daß sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen sei, über dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthöhe wölbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten.

Ein hartes Geräusch knarrte in die Schwärmerei der Hingerissenen hinein. Eine Bordschwelle des »Connetable« war plötzlich zurückgeschoben worden, und zwischen den Mäulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich die zierliche Gestalt des französischen Kapitäns. Ein vornehm gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde rief scharf und abgehackt herüber:

»Hör auf mit deinem Gewäsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen das verlogene Gefasel, durch das du deine Büberei bemänteln möchtest. Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Königin Margareta erhabene Majestät hat 50 Goldgülden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weißt warum, Mädchenräuber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich, obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an dir verdienen zu wollen«.

Zwei düstere Glimmkäfer krochen während der letzten Worte auf die Schlangen, im nächsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen, zwei unförmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der »Agile«, rissen den jenseitigen Bord in Stücke, und auf der weit auseinandergefegten Gasse wälzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den Mast, dann ein Stoß, die Rippen des verwundeten Schiffes stöhnten, ein Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und über die Enterbrücken stürzte es heran, ein Gewoge wütender, verzerrter Gesichter, ein Busch gebeugter Spieße streckte sich wie unter niedermähendem Wind, und zwischen den Hämmern der blutigen Walkmühle stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel.

Wo sich Linda befand, das wußte sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in dem wüsten Gedränge wurde sie vorwärts geschoben, ein Schlag traf ihre Brust, krampfhaft gekrümmte Finger krallten sich im Fallen in ihre Locken, Gekreisch und Gebrüll lähmten ihr Gehör, nur eines vermochten ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf dem Bugaufbau. Merkwürdig, dort oben lachte etwas, ein fürchterliches, brennendes Gelächter, das die Nüchternsten umwerfen und toll machen konnte. Ein regelmäßiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in jenen sprühenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob trunkenen Motten befohlen wäre, sich in jenen Feuerstrudel zu stürzen.

Noch ein paar taumelnde Schritte, immer näher, immer überzeugter und verwegener tönte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoßen, und scharf von einem Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewußtseins in dem gepeinigten Mädchenhirn auseinander.


Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren? Deutlicher spürte sie freilich, daß jemand an ihrem Brustlatz rüttelte, aber schließlich war es doch wieder das gleiche, unerklärliche Lachen, durch das sie plötzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Räume zurückgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum ungetrübte Ruhe, bläuliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam über die Teppiche, und über sie, die schwach auf einem Schemel an der Kajütenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste er wieder an ihren Locken, aber es war nicht böse gemeint, denn als er merkte, daß sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben lebhaft auf die Schulter.

»Gott zum Gruß, junger Kriegsheld,« tönte es der Erwachenden hell in die Ohren. »Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bübchen? Schnell, dir widerfährt groß Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben packen wir die Überlebenden vom »Connetable« in ein paar Snyken und schicken sie deiner Königin als Morgengruß ans Bett. Ha, ha, die Dame weiß, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und Würzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich meine es ehrlich.«

Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den Abschied sogleich ohne Rührung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe jedoch erhob sich auf zitternde Füße und starrte dem Befehlshaber mit kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut floß dem Störtebecker stromweise über die Stirn und verwandelte die stolzen Züge in eine rote Maske. Ein Rinnsal sickerte auch über die gelüftete Brust des Mannes, und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und zog in klebrigen Streifen über die Schifferhose.

Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.

»Es kostet dich das Leben,« schrie sie schrill und in jäher Verzweiflung auf.

Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden. Aber es mußte ja erst unvergängliche Wurzeln strecken, es mußte höher, weit höher wie andere Bäume emporschießen, um durch Einengung und Schatten hindurch tausend grüne Blätter zum Himmel zu tragen. Auch ihr Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.

»Es kostet dich das Leben.«

Der Störtebecker schnürte unwillig die Augenbrauen zusammen, die leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an etwas, das er bereits vergessen glaubte.

»Torheit,« entzog er sich ihrer tastenden Hand. »Was soll das Geplärr über den lumpigen Aderlaß? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort. Willst du mit den Franzosen hinüber oder nicht?«

Der Knabe antwortete nicht. Er schüttelte nur bestimmt das Haupt.

Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur durch den Tod zu brechen war.

»Dann bleib, zum Teufel,« schrie der Störtebecker ingrimmig und enttäuscht. Das Haupt zurückgeworfen, die blutende Linke in die Weiche gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchmaß der Verwundete heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal etwas Fegendes, Zerstörungslustiges, und sein Jähzorn stürmte vollends zur Höhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten Laternenpfähle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der kunstreichen Gläser aus seiner Fassung, und während es auf der Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurück, bis er endlich in ein beschämtes Lachen ausbrach. Das Ungezügelte, Knabenhafte seiner Natur verließ ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemäßigter vor den Knaben auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des Sitzenden zu betten. »Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Kröte,« fuhr er ihn an, »sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehört, daß es den Schnürleibern Spaß bereitet, Blut zu riechen. Oder lüstet es dich vielleicht nur, mich hängen zu sehen?« Er preßte die weiche Frauenschulter etwas stärker. »Dann laß dir bedeuten, Junker, der Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fährt eben mit zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum nächstenmal harren müssen.«

»Laß mich auf etwas anderes warten,« sprach Linda still und erschöpft. Ergeben faltete sie die Hände im Schoß, und ihre blauen Augen füllten sich wieder mit innigster Gläubigkeit. Es war jener hingenommene, bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken versetzt hatte. Ein unerklärlich Frösteln faßte ihn auch diesmal, er wich zurück.

»So sprich, was ist das für ein Wunder?«

Da erhob sich Linda.

»Es ist das Wunder,« sprach sie ganz leise und voll träumerischer Gewißheit, »das du uns Unglücklichen versprachst. Aber eile, Claus Störtebecker, daß ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche.«

Da schüttelte der Störtebecker befremdet und verständnislos das Haupt. Es war noch nicht die Zeit, daß Männer die Mitarbeit der Frauen erwünschten, und so drängte sich dem Freibeuter dieses heiße Verlangen zuvörderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine stürmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug brennender Vögel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu zähmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stieß er endlich ein gepreßtes Lachen aus und brach das Gespräch ohne weiteres ab.

»Gut, gut,« endigte er, »das ist Männerwerk. Warte meinethalben. Aber jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.«

Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, riß das Hemd über seiner Brust auseinander und drückte die Ränder der frisch empfangenen Wunde ohne große Umstände fest aneinander.

»Mutig, Licinius,« rief er, »scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen übt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.«

Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wäre. Glühend vor Diensteifer stürzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf mit einer Schüssel voll kalten Wassers zurück, und als er dann, über den Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen vermißte, öffnete er ohne Bedenken sein Wams und riß von seinem eigenen Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des Störtebeckers entzündete sich blitzartig jenes züngelnde Feuer, das schon einmal in der Nacht des Niederbruchs über ihr geleuchtet. Ungestüm griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da – als das schmerzliche Stöhnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein düsterer Schein der Selbstverachtung über seine gespannten Züge, freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun stöhnte er selbst auf und warf sich gebändigt zurück.

»Bleib, bleib,« murmelte er, »vertrag dich mit dem bösen Geist, der in mir haust. Beim ewigen Leid, ich wünschte manchmal selbst, es flösse Milch durch meine Röhren und ich hätte gelernt, weiße Lämmer zu weiden. Bleib, ich tu dir fürder nichts.« Er streckte sich aus, schloß die Augen und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er spürte, wie eine Decke wärmend über ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hülle entschieden zurück. Schonend strich er sodann über die Locken seines Gefährten. »Armer Bursch,« sagte er gutmütig, »armer Bursch, ich wollte, wir wären auf andere Art Freunde geworden.« Und als er gewahrte, welche Blässe seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spöttischen Schlag auf die Wange und rief ermunternd: »Laß gut sein, Licinius. Dem Tier sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beißt es für eine Weile nicht und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knäblein, dann aber bring eiligst den Weinkrug und laß uns trinken!«

II.

Bis dahin hatte die »Agile« allein das blaue Feld der Ostersee gepflügt, einzig gefolgt von dem »Connetable«, der von den Schuimern besetzt worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten Schwarzflaggen auf, allmählich wurde ein dichter Schwarm daraus, der sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschloß. Je stattlicher aber sich seine Flotte verstärkte, je zahlreicher spitze Pfeifentriller oder emporschießende Wimpel die sich einordnenden Genossen begrüßten, eine desto auffälligere Unruhe zeigte der Mann, auf dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit trieb den Störtebecker umher. Bald mußte ihm Licinius, den er jetzt ebensooft herbeirief, wie er ihn früher verjagt hatte, beim Schachspiel in der Kajüte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel hindurchspähte, ob die gotländische Küste sich noch immer nicht vom Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trümmerhaufe, schien den Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die Ahnung quälte, daß ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen umschlingen würde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und Schätzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders Gemißhandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mörder, Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Engländer, die kein anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Füßen, zumal wenn die Segel sie möglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese raubsüchtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger schmerzlich empfanden als ihr Anführer, in dem ihre menschliche Schmach wie eine Eiterwunde fraß? Konnte in solchen, von allem Herkömmlichen getrennten Gesellen die Gier nach Genuß und Ungebundenheit nicht heißer lodern als die Freude an der Möglichkeit, jene Welt, die sie verstoßen, durch ein nie geschautes Beispiel zu beschämen? Was geschah, wenn sich der Haufe schon zu roh und verwöhnt zeigte, um zu einer regelmäßigen Arbeit zurückzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn in seinen Träumen schon zu häufig der Jubel umbrandet, den allein die Verkündung, die Preisgabe seiner weltverändernden Pläne in den Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die neuen Römer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mußte? Der höhnische Einwurf der Königin fiel ihm ein: »Und mit einer Bande von Räubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?« Und während er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, daß er bis jetzt nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgültigen Dunkel verschwanden. Was brütete die Masse? Und weshalb hielt er sie von sich fern?

»He, Licinius,« unterbrach er in einem solchen Augenblick des Erschreckens seinen Gefährten, der ihm bis jetzt unbeachtet und folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, »in die Ecke mit der Eselshaut! Der Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnüffelt, nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit ich dir eine Handvoll unserer künftigen Werkleute zeige.«

Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem Vorwand, seinen zarten Gefährten unterrichten zu müssen. Da öffnete sich denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe, wie sich hier Sünde und Gegensünde zum Knäuel verstrickten.

Da war zuerst der Steuermann Lüdecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit einem blonden Strohdach, das ihm wirr über die Augen hing. Aber auch so irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschöpfes an, und nur in den Stunden vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf, und ein Blutreifen umschloß sie, gleich dem eines tobsüchtigen Hundes. Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen müssen. Tanzen? Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nämlich auf dem flachen Lande die ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet fühlte, dann mußten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergötzung um den Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloßen Knien, die Männer aber tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne Rast, ohne Aufhören, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Lüdecke Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei dieser Belustigung ohnmächtig liegen blieb und Marik, sein Töchterchen, unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tänzer die adlige Zuschauerin erwürgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick gestoßen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz überdies noch ein Feuerwerk, das Schloß brannte ab. Seitdem war dem Flüchtling ein bös Erbteil geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann mußte Lüdecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wütende in den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch immer mit bloßen Fäusten an, um sie brüllend zu erwürgen.

Als Linda jene Geschichte hörte, bedeckte sich ihr die heitere See mit Nacht, Claus Störtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn er wußte nicht, ob er des Mannes sicher sei.

Da war der schmächtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer grinsend, immer lächelnd, was vielleicht daher rührte, weil ihm das geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zähne gezogen, immer einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch nicht eingestehen, was er über die Besuche Urians bei seinem Weibe wußte? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend gefunden? Und anders ließ es sich auch nicht erklären, warum ein armer Töpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber schließlich hatte das Recht triumphiert. Punkt für Punkt stand es bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begründet! Und nur eines blieb merkwürdig. In Meister Frowein mußte sich selbst etwas Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den Wänden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl nur ein Gerücht, daß er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.

Ungeduldiger, rastloser rührte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er suchte. Er fahndete nach Bürgertugend und Bürgersehnsucht! Wie tief lagen diese so selbstverständlichen Dinge wohl versteckt?

Der nächste!

Ein himmelblauäugiger, rotmähniger, wüster Bursche, denn obwohl sich Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der »grünen Irin« ausdrückte, so war er doch gefürchtet als streitsüchtiger Zänker, aber noch mehr verschrien als Anführer bei jeder maßlosen Ausschweifung. Weiber, Würfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie wußten nicht, daß Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begüterten Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frühzeitig in die Zelle eines der Irinsklöster gesteckt worden war, damit er durch Hunger und Geißelungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbüße. Eines Tages aber, als er gerade vom Fluß für die Küche Holz schleppen sollte, hatte eine Flößerin den Buben in ihre schwimmende Strohschütte kriechen lassen, und seitdem wußte das abgezehrte Gebein, wie hell der Tag schimmern und wie betörend ein Frauenleib strotzen konnte. Heißa, jetzt fraß er die Sonne und soff die Weiber, und seine größte Belustigung bestand darin, Nonnenklöster wie Vogelnester auszunehmen, und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei Wollust zu unflätigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermüden Gläubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem Kopfschütteln, und ein zweifelhaftes Lächeln mischte sich in seinen herablassenden Gruß, als er sich von ihm trennte.

»Da, Licinius, betrachte dir zum Schluß die Krummnase genau. Womöglich haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Säge und Hobel gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebräeraugen?«

Der Admiral hätte noch hinzufügen können, daß der Jude ein alter Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe unglückliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den Händen abergläubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich gekehrte, demütige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste Würger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu gebärenden Rachegelüstes hatte er den gelben Judenfleck auf das Schifferwams genäht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhöhnten, desto zärtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem Hebräer lebte auch eine unheimliche, vergötternde Liebe. Sobald der Admiral in seine Nähe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die alte, tausendjährige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte unverbrüchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und Menschenhaß erlösen würde. Und nach den Sagen seines Stammes würde der Gesandte Jehovas kein Lämmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern ein Gerüsteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert über die Erde funkelte. Wer war's? Claus Störtebecker war's, der Schimmernde, Überlebensgroße, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel! Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich im Herzen trug.

Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajüte und zechte singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von Glühkäfern schwärmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort grölten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder, denn es war eine laue, windstille Nacht, und die »Agile« plätscherte kaum noch ihren Pfad.

»Horch,« warf sich der Störtebecker zu dem Knaben herum, der müde und schon vom Schlaf bezwungen den Unmäßigen bediente. »Ermuntere dich, Büblein. Du mußt lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flüstere mir ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht, es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?«

Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick streifte den Gebieter, denn seine wüste Freude an Trunk und Prasserei schmerzte die ewig Grübelnde.

»Wer den heiligen Gedanken trägt,« erwiderte sie mit leisem Vorwurf, »was braucht der die Menge? – Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich dünkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her.«

Sonderbar, das Wort übte eine unerwartete Wirkung auf den lässig auf seinem Stuhl hängenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der Störtebecker stürmisch in die Höhe, das sonnige Strahlen leuchtete unvermutet wieder von seinen Zügen, und ohne Besinnen riß er den Knaben an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er spürte nicht, daß es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hämmerte.

»Gesegneter,« jubelte er und hob seine Last hoch in die Höhe. »Du hast recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht.«

Und er küßte seinem Gefährten ungestüm das blonde Haar. Der Knabe aber wand sich beschämt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden zu erheben, und ein langes Zittern lief über die schlanken Glieder.


In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb »Land« ausgerufen worden, und die »Agile« hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Höhe von Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu den Schiffen des Admirals gestoßen, und jetzt hockte der strohblonde Zwerg seinem einstigen Zögling an dem Prunktisch gegenüber, vor ihm brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gerät, und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hände nicht nach Speise und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden Augen überfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwäche des anderen erspähen und begleichen müßte. Gar verborgen betrieben sie die Unterredung, niemand durfte die Anführer bedienen, einsam, erhitzt saßen Erzähler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajütentür bei dem wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald ein Ruf erreichen würde.

Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfänglich kühl und überlegt, war immer höher und höher gestiegen, wie jemand, der Sprosse um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende Glut hoch über dem Haupt seines Zuhörers hinweg. Der krümmte sich in seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche Frauenkinn auf den Hieber gestützt hielt, glitzerte es aus seinen zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Händchen wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarsträhnen fest. Zum Schluß ertrug sein Schüler die erkünstelte Beherrschung nicht länger. Rücksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit über den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig, daß die Ringe der Halskette ein metallisches Geräusch hören ließen.

»Nun, Magister,« rief er in schlecht verhehlter Spannung, »warum kostest du, als hätte ich dir die tägliche Milch in den Napf gegossen? Hast du vielleicht bei deinen Professoren schon ähnliches geschleckert?«

Der Zwerg schloß die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien ihm Spaß zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu quälen.

»Doch, Geliebter,« hauchte er mit seiner Mädchenstimme, »das Jubeljahr der Hebräer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in den Wäldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit zurückgegangen.«

»Zurück?« schrie der Störtebecker verletzt. Jäh fuhr er in die Höhe, als überwältigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustürzen. Dann jedoch schlug er ein hochmütiges Gelächter an, riß den Weinkrug heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge.

»Ziere dich nicht,« stieß er in greller Lustigkeit hervor. »Was gibt's weiter zu benagen?«

Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen Gast auf die Schulter, daß es hohl durch den Raum hallte. Doch der Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschüttert hatte er den Stoß ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, daß er mit keinem gewöhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den regelmäßigen Gemmenzügen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig bösartiges Lächeln. Er klopfte seinem ehemaligen Zögling auf den grauen Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besänftigen.

»Geliebter,« wisperte er voll zärtlicher Bissigkeit, und dabei hüpften in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, »ich bin nur ein schäbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschämende Größe zu gewöhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann.«

Der Störtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen hart über den Kopf.

»Narr,« sagte er ruhig, »achte mich oder ich zerschmettere dir den Schädel.«

»Später,« entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen abzustehen, »erst laß dir von meiner Narrheit bedeuten, daß sie einen großen Vorsprung für dich wittert.«

»Welchen?«

Bedächtig lehnte sich der Kleine zurück und malte mit seinem Hieber auf den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den einstigen Bakkalaureus mächtig eingefangen zu haben.

»Die Staaten sind lockerer geworden,« murmelte er vergraben. »Die Reiche sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mörtel – – «

»Ein Faustdruck kann ihren jämmerlichen Bau zerquetschen,« schaltete hier der Admiral ein und durchmaß einmal weiten Schrittes den Saal. »Nur die Menge – « und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. »Wird sie mit mir ziehen?«

»Sie wird. Die Fahne des ewigen Glücks auf dem Neubau lockt sie an.«

»Halt das Maul,« schrie der Störtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn fröstele. »Packt euch zum Teufel, ihr Gehirnkrähen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demütige Nacken, Gehorsam.«

»Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir.«

»Du?«

Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl stürzte er auf den Sitz des Kleinen zu und schüttelte den halb Emporgezogenen wütend an der Brust.

»Wenn du nicht an mich glaubst – – « schrie er dem Zwerg ins Gesicht. »Heino Wichmann, du weißt, von allen sind mir die Halben und Lauen am meisten verhaßt.« Damit schleuderte er das strohblonde Bündel gewaltsam hin und her, als könnte er ihm die gewünschte Antwort abpressen, und sein Grimm stieg, als er die Zähigkeit dieser grinsenden Maske erkannte. Bereits war ein nahes, gefährliches Ringen aus der freundschaftlichen Unterhaltung geworden.

Da entglitt ihm der Magister geschickt, schöpfte Atem, und nachdem er wie ein spielend Kind auf den Tisch gehüpft, ließ er gemächlich die Beine herabschlenkern.

»Sei ruhig,« schmeichelte er, »dein treuer Lehrer verläßt dich nicht. Saß ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhöhle, um zu warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkräutern den königlichen Leuen[*] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht für meinen Liebling abermals die Küchenschürze umbinden? Paß auf, es glückt dir, es glückt, sofern du es nur fleißig mit den Weibern hältst.«

[*] Das Gold.

Angeekelt wurzelte der Störtebecker fest.

»Mit den Weibern?« wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers übergossen; und unwillkürlich mußte er nach der geschlossenen Tür spähen. »Wo können mir die Dirnen helfen?«

»Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und achte darauf, daß sie dir lauter Claus Störtebecker gebären. Dann wirst du ein Fürst im neuen Reiche sein.«

Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als könnte seine Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreißen, und ein unmäßiges und doch nicht ganz freies Gelächter erleichterte ihm die Brust. Schneidend hatte sein Verstand erfaßt, wie um den von giftigen Zweifeln zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte.

»Armselig glücklos Gemüt,« rief er voll aufrichtigen Erbarmens. »He, Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele zu berauschen, auf daß die Fledermaus sich wieder ans Licht traue.«

Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfährig herbeieilte, um die Befehle seines Herrn zu erfüllen, da zog ihn der Störtebecker an sich und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brüderlich die Wange.

»Hast wieder die Nacht durchschwärmen müssen, mein bleicher Freund?« fragte er teilnahmsvoll. »Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine andächtige Flamme in ihnen brennt?« Und ohne auf das vieldeutige Grinsen des Strohblonden zu achten, führte er das Kinn des Knaben empor, bis er endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch schmetterte seinen Gefährten das ihm eigene glückselige Jauchzen entgegen. »Freu dich, Licinius,« schrie er, »beim Zeus, du kannst fliegen. Könnt ich dich doch als eine weiße Taube aufsteigen lassen! Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefällt dir dies kleine strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann?«

Über die gespannten Züge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein.

»Schöner Knabe,« wisperte er, »welche glücklichen Eltern haben dich geboren? Du bist ein anmutig Kind.«

Allein im Sprechen schien ihm heiß geworden zu sein, denn er sprang auf, um eine der Schiffsluken zu öffnen. Und plötzlich schwiegen die drei.

Drüben zuckten die Lichter von Wisby.


Die tote Stadt regte sich. Ihr prächtig geschmückter Leichnam erhob sich und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu pochen. Von den sechzehn verödeten Kirchen, von den sieben zerbröckelnden Toren löste sich das Schweigen und schwebte als ein graues Spinngeweb über die See.

Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drängte sich an Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Geräusch nägelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich bemalten Holzhäuser anglühte, es rann allmählich auch auf die zusammengeballten Freibeuter herab, so daß aus der Masse zuweilen Gesichter und Hände aufblitzten. Unaufhaltsam wälzte sich die Menge, einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je höher sie stieg, desto mehr entstrebte sie dem Dämmer und desto heller wurden ihre vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das Ungeheuer. Oft hörte man es aus seinem Rachen branden: »Wo, wo ist der Störtebecker?« – – »Gott zum Gruß, seid ihr nicht vom Gödeke Michael?« – »Wir sind Wichmannsche.« – »Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in den bunten Kästen was übrig gelassen? – Heda, du Braune, schaff' Platz im Bett, ich steig zu dir.«

An der leeren Kurie ging es vorüber, durch niedrige Laubenhallen schob man sich, hinter denen einst mächtige Kaufherren ihre Kontore und Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fässer. Ach nein, da hätte man früher kommen müssen. Schon vor etwa dreißig Jahren hatte der geräuschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dänenkönig Waldemar Attertag mühelos das köstliche Nest ausgenommen. Aber erst der Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die Stadtgesetze den Flammen überliefert, die verhaßte Ordnung mit Füßen getreten und jauchzend die allgemeine Willkür verkündet hatte, jenes heiß ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrückten, die nur einmal im Leben das Herrengefühl genießen wollten, seitdem war der steinerne Körper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz für geraubtes Gut, lichtscheue, heimliche Geschäfte wurden hier betrieben, wochenlang tönte kein Laut in den verlassenen Straßen, bis sie plötzlich wieder einmal aufgellen konnten von Händlergezänk, Dirnenkreischen, Schifferflüchen und den maßlosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich spürte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein liebliches Grinsen aus dem steinernen Schädel.

Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge »zum silbernen Bischof«, ächzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es Dirnen aus aller Herren Länder, die sich stets einstellten, sobald die jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber auch Krämer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn nirgendwo in der Welt ließ sich schneller und wohlfeiler Verdienst erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut.

Unten in der stickigen Gaststube saß Licinius auf der Ofenbank. Andere hielten gerade Wäsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich nebeneinander. Zwei Schüsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt, und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedürftige noch das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbänken einige Schläfer umher, wieder andere schlürften bereits ihren dickflüssigen Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine Flötenbläserin und ließen zu ihrer gellenden Musik ein gezähmtes Äffchen zwischen sich tanzen. Niemand nahm Anstoß an dem bunten Durcheinander, weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn damals gab es noch keine nach Ständen eingeteilten Wirtshäuser, und der Fürst wohnte dort ebenso wie der Bettler.

Der Knabe auf der Ofenbank verschränkte die Arme über der Brust und ließ sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Müdigkeit, die ihm die Augen zudrückte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser übelriechenden Hölle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem inneren Schauen vorüberstiebte.

Hier entschied sich's. Heute würfelte ihr gotterfüllter Spieler um seine eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte, solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war?

Rascher wehte der Atem des Grübelnden, unbeherrschter zuckten seine Lippen, ein prunkendes, verführerisches Bild trat vor seine Seele. Während er hier saß, um mit immer steigender Bedrückung auf das Plätschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf das Schlürfen der Trinker, sowie auf das Quäken des tanzenden Affen, da zog es den Träumer fort – es riß ihn auf den Markt. Dort draußen, durch die ausweichenden Haufen schritt der Störtebecker. Über alles Volk hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten Wappenlöwen schimmerten auf dem blauen Fürstenrock, und als er sich zu der Menge umwandte, da kam der Bann über die Tausende, genau so, wie er den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.

Begannen nicht auch markige Glockentöne zu schwingen?

Ängstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er, lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Täuschung. Dort draußen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende Stille legte sich über das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah. Ganz aus der Nähe donnerten Glockenklänge gegen das zitternde Gebäude. Auch unter den Herbergsgästen erstarb jeder Laut, für einen Herzschlag erstarrte alles, um eine Deutung für den Vorgang zu gewinnen, dann aber bäumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und wirre Rufe verknäuelten sich: »Der Störtebecker – der Störtebecker.« Polternd stob man auseinander, um den merkwürdigen Augenblick nicht zu versäumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus dem kochenden Fieber immer dieselben inbrünstigen Silben hervor, die er selbst nicht begriff.

»Erlösung.«

Wem galt dieser Wunsch?

Draußen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fühlte Licinius, der noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine spürende Hand in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien hatte sich der halbnackte Leib der Flötenbläserin aufgerichtet, jetzt streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.

»Feins Bübchen,« schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten Stimme, »was hast du für ein zartes Gestell? Komm, draußen heckt der Störtebecker etwas Nagelneues aus. Wer weiß, wie voll der großschnäuzige Kerl wieder die Taschen trägt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen.« Und ohne sich darum zu kümmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das fahrende Weib die ihr überlassenen Finger und zog den Willenlosen unter spöttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. »Munter, munter – hast wohl schon am frühen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.«

Plötzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen, Spaßmachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen Fensterhöhlung, und während ihre Gönnerin schützend den Arm um ihre Hüften schlang, da mußten die Ohren der Halbbetäubten das unsaubere Gewäsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu gleicher Zeit das große heilige Fest.

Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz still, schwarz und rötlich überlaufen, wie Landseen starren, wenn sich die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein Geriesel unerkennbarer Gliedmaßen, bunter Tücher, gefangener Augen, dünne Rinnsale, die in das große Becken hinabflossen. Selbst die Morgenröte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott zugekehrtes Schweigen schien über die Welt gekommen, so gewaltig, daß Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff. Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester umschlossen wurde, während ein Paar heiße Lippen ihr ins Ohr tuschelten:

»Dort drüben, Trauter, auf den Stufen, der Große im blauen Wappenrock, ja, das ist der Störtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhören. Pah, ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wären wir Werg und Flicken. – Du bist mir lieber.«

Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfröstelte, und Linda duldete es, so körperlos hing sie hier in dem Gedränge. Ihr innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequältes Sehnen, es hatte sich längst von ihr gelöst und schritt nun über die vielen Köpfe hinweg den hellen Tönen entgegen, die unter dem gerippten Portal des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen.

Alles andere ging für sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte Antlitz, überhaucht von einem im tiefsten glühenden Feuer. Seine Worte verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede neue Begründung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Stöhnen durch die Masse. Der fürstliche Verkünder dort auf den Stufen mußte seinem Volk wohl die Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun aber hoben sich die Häupter begieriger, man drängte sich näher, denn der Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wußte es ja. Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequälten, vor dem Auswurf alles Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf ihr wohnen sollten. Ruhe – Ruhe, Linda preßte die Hände auf das hämmernde Herz. Hier öffnete sich die steile ungewohnte Straße! Würde das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie überzeugt wandeln zu können? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei dem unheiligen Rachegeschäft fest?

Noch regte sich nichts. Keine Welle lief über den Menschensee. Und so tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Gründen wälzte es sich zuweilen, wie ein langes, banges Wühlen.

»Horch,« sagte die schwarze Dirne neben Licinius, »was faselt der Störtebecker? Will er Gold unter uns werfen?«

Aufgeregt nestelte sich die Flötenbläserin los, verließ den Knaben ohne weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Höhlung, wo sie die nackten Beine frech herabschlenkern ließ.

Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein merkwürdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen. Über sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche Pappel, die kein Ende für ihr Aufwärtsstreben finden wollte, und seine letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewußt, gewappnet, fordernd, gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen.

Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewalttätigen Überzeugung seiner Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schüttelte sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte. Gödeke Michael.

Das letzte aber, was man vom Störtebecker vernahm, war ein ungeheures, vermessenes, ihn wahrhaft schüttelndes Gelächter.

Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewiß brütete sie vor sich hin. Träge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres Führers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefärbt, so daß aus dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand.

Die Menge rührte sich nicht.

Da plötzlich – ungewiß aus welchem Grunde – schrillte ein Kreischen über den Markt. Ungebärdig – vielleicht vor Langerweile, hatte die Dirne in der Fensterhöhlung des »silbernen Bischofs« ihr Brusttuch von sich gerissen, dadurch entblößten sich ihre Schultern vollends, und nun schwenkte sie den Lappen unter Geschrei und Gelächter ungestüm in der stillen Luft. Als hätte es nur auf dieses Zeichen gewartet, brach endlich das lang gestaute Gewitter über dem Menschensee los. Ein Donnerschlag antwortete, ein Brausen warf die schweren Wogen gegeneinander, ein Orkan von Stimmen wütete, tausend schwielige Hände griffen in die Morgenröte, als wäre es jetzt möglich, die vorüberrollende Sonne festzuhalten, und durchzuckt von krampfigen Erschütterungen schwoll die brüllende Menge dem Portal entgegen.

Wollte sie den Einzelnen dort oben, der in tiefes Staunen versenkt war, küssen? Wollte sie ihn ermorden? Keiner Bewegung mächtig, mit geschlossenen Augen saß Licinius und horchte. All die verworrenen Stimmen, die unter Heulen und Toben etwas zu ersticken suchten, das den feinen Ohren des Knaben ein Völkerschluchzen deuchte, das blasse reglose Menschenkind beherbergte seit Wochen all jenes Sieden, Überquillen und Staunen in seiner eigenen Brust. Aber jetzt, da das Unbegreifliche, in trüben Stunden häufig Angezweifelte sich der Erfüllung entgegenneigte, da Ausgestoßene und Verworfene sich für fähig hielten, ihre Verdammnis durch Arbeit und Brudersinn zu lösen, da sie die Macht spürten, das ursprüngliche Gute in sich anzubeten, um es weiter und weiter in Menschenfurchen zu streuen, da schauerte Licinius, denn er fühlte sich von unbarmherzigen Fäusten emporgerissen, und ein herrischer Mund küßte wie schon oft seinen Scheitel. Erlösung durch Menschenhilfe, ein Neuanfang, eine Wiedergeburt schon auf Erden, Gesegneter, oh Gesegneter, der diese Quelle des Heils unter dem untätigen, pesthauchenden Himmel erschlossen. O du, Geliebter – Gesegneter – Einziger!

Aufschluchzend preßte der Knabe beide Hände vor sein Antlitz, und während unten des Jauchzens kein Ende war, rieselten ihm Schmerz- und Danktränen reichlich über die Wangen.

»Kuck, wie der Dummkopf heult,« spottete die Flötenbläserin und stieß ihn während des Vorüberschreitens mit dem Fuß in die Seite.

Auf dem Markt hörte man jetzt eine andere Stimme. An der Stelle, wo bisher der Störtebecker sich gezeigt, stand nun der Mann in der ledernen Schiffertracht. Kurze, fortschleudernde Handbewegungen deuteten an, daß er mit hartem Wirklichkeitssinn das einriß, was eben in die Luft gebaut war. Allein der Triumph des anderen überheulte ihn. Das Volk kehrte jauchzend der nüchternen Vernunft den Rücken, um jenem nachzuströmen, der ihm soeben das Herrlichste, nie mehr Erwartete versprochen, die Rückkunft in Sorglosigkeit, Bürgertum und Menschenachtung.

Immer huldigender prallten die Haufen gegen den aufgerichtet Schreitenden an, sie küßten ihm den Mantel, sie warfen sich vor ihm nieder, sie schrien verzückt seinen Namen, und dennoch blieb stets ein Raum zwischen dem im blauen Wappenrock und den Namenlosen gewahrt, denn die unsichtbare Mauer zwischen dem Schöpfer und den Empfangenden ließ sich auch hier nicht überklettern.

Vor der Tür des »silbernen Bischofs« wandte sich der Gefeierte noch einmal zurück.

»Tut euch gütlich,« warf er hin, »in allen Schänken fließt heute roter und weißer Freiwein, an jeder Straßenecke lasse ich einen Mastochsen für euch braten. So nehmen wir von dem Raubgut Abschied.«

Gebrüll stieg zum Himmel, dann knarrten die Treppenstufen, und der wohlbekannte federnde Tritt verkündete sich. Aber wie anders kehrte Claus Störtebecker zurück, als der hochgestimmte Licinius ihn erwartet hatte! Erhitzt, mit funkelnden Augen, an jeder Hand eine Dirne mit sich schleppend, so stürmte der prächtig Geschmückte herein. Als er seines Begleiters ansichtig wurde, da stieß er die beiden Weiber von sich, und trunken von seinem Erfolg, schloß er den Knaben in die Arme und hob die zarte Gestalt spielend empor.

»Blondkopf,« löste es sich aus der mächtigen Brust, »hast du's gehört? – Was sträubst du dich? Was starrst du mich so an? Ja, es macht heiß, wenn der Atem der Zwiebelfresser übel um einen duftet! Gib Achtung, ich hab' etwas für dich. Lauf zum Michael, er wohnt in der Kurie, und lad' ihn für heute nacht auf die Agile. Spring, Kleiner, ich muß ihn haben! Schnell, dies taugt nicht für dich.«

Damit griff er wieder nach den beiden Weibern, und während er sich die Flötenspielerin über die Schulter warf, da erreichte es den davonstürmenden Licinius noch, wie die helle, sieggewohnte Stimme sich in unmäßigem Lärmen überschlug:

»Heda, ihr Venus-Täubchen, jetzt ins Bad! Wollen uns kühlen! Seid gerade der richtige Teufelsschnee dazu. Hurtig!«

Und als ob er vom Bösen verfolgt würde, stürzte der Knabe durch die Straßen.

III.