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Claus Störtebecker

Chapter 27: III.
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About This Book

A sweeping two-part narrative unfolds along a northern coastline, moving between evocative descriptions of sea and shore and episodic scenes of village life, shipboard ventures, raids, and legal reckonings. It follows an unusually large, red-bearded youth whose mastery of craft and daring at sea draws him from local labor into leadership among a band of sea-rovers, with personal loyalties and brutal conflicts shaping social change. The work alternates lyric landscape passages with action and courtroom or council sequences, probing themes of fate, communal bonds, law, and the persistence of the past in the present.

[*] Ein uraltes friesisches Volksgericht.

Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da riß der Mantel von Wollust und Üppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer dieses junge Weib einzig bekleidet wähnte. Denn der Weltkundige erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und doch schon geformt, Absichten und Pläne wuchsen, die seiner Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der Scharfsichtige, daß hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wäre, der, wie überall auf der mißgestalteten Erde, von der Bedrängnis der anderen seinen Vorteil ziehen wollte.

Da lachte der Störtebecker über seine törichte Verblendung und sprang mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die Reiterin.

Die aber achtete seiner fürder nicht weiter. Mochte sie durch die Gewohnheit belehrt sein, daß es keiner stärkeren als Blumenketten bedürfe, um solchen üppigen Jäger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gönnen, rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran. Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf unter der gelben Lederkappe hätte ihm einen bestimmten, nicht mißzuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Störtebecker während der sich jetzt entspinnenden Hetze fröhlich, kraftbewußt seine Lederpeitsche durch die Luft. Heißa, solch eine Pirsch war gerade nach seinem Geschmack. Er wußte ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock da vor ihm nur ruhig wähnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten, was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bündel längst bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle mußten sie ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgründige des Besitzes allein verbürgte ihm in einem dunklen Vorgefühl die Wahrheit seiner Sendung.

»Tamen,«[*] schrie er plötzlich voll stürmender Wildheit, während der Heidepfad unter ihm dröhnte, und er warf beide Arme gegen den Silberhimmel. So lautete der Schildspruch, den sein Lehrer Wichmann ihm einst mit auf den Weg gegeben hatte: »Tamen.«

[*] Lateinisch »Dennoch«.

Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite.


Im Burghof zu Neß erst kehrte sich seine Führerin unter dem rohen, viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.

»Komm,« sagte sie kurz, »damit ich dich leite.«

Leicht strich sie den Staub von ihrem wamsähnlichen Oberrock, dann stieg sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie mußten sich in einem turmartigen Gebäude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand müßte nach der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tür aufzustoßen, wo ihm jene Gastfreundschaft beschieden sein würde, auf die er harrte.

Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hörte er die leichten, huschenden Tritte über sich, die Dunkelheit schien sich mit ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Kälte aus.

Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mußte erreicht sein, denn plötzlich spürte der Gast seine Führerin dicht neben sich. Wiederum strich sie ihm über das Gesicht und flüsterte:

»Warte!«

Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein, eingeschlungen von dem Rachen der Schwärze. Einen Augenblick lang beschlich den Einsamen das Bedenken, es könnte ihm hier vielleicht von seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem Unerreichbaren möchte womöglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden haben. Allein, kaum gedacht, ließ ihn sein unerschöpfliches Vertrauen auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und jetzt – nein wahrhaftig – ganz in seiner Nähe, nur gedämpft durch eine verschlossene Tür, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein Schwein sich über dem Futtertrog besonders wohl fühlt, und alsbald gesellte sich das feine Gelächter Occas hinzu.

Dem Störtebecker schoß das Blut ins Antlitz. Giftig träufelte ihm sein Jähzorn ein, er selbst böte wahrscheinlich den Anlaß zu dem heimlichen Vergnügen seiner Schönen, er, der gefürchtete Schwarzflaggenherrscher, der als Gefoppter, als demütig Wartender vor der Tür einer Listigen lauerte.

Mit einem Sprung setzte der Maßlose in die Finsternis, und richtig, seine geballte Faust traf dröhnend auf Holz- und Bretterwerk.

»Das sollst du mir bezahlen, du Hexe!« schrie der Gereizte, keuchend vor Wut und unbekümmert darum, wer ihn etwa hören könnte. »Bei den Hörnern des Satans, ich will es dir eintränken.« Das Gewölbe über ihm warf schallend ein Echo zurück.

Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine niedrige Tür vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt bot, traf den Eindringenden so unerwartet, daß er in jähem Wechsel kaum eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich – und der Störtebecker hieb sich auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich scheuchen müßte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter allerlei albernen Geräten und verworrenen Meßtafeln, dazu bestimmt, nach dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da hockte auf einem niedrigen Dreifuß ein Wulst von Speck und Fetten, der sich eben in seinem weiten grünen Tappert mühselig umwandte. Dies war der Häuptling Luitet van Neß, ein Mann, den selbst seine besten Freunde »das Ferkel« nannten. Fragwürdig blieb nämlich seine Menschengestalt. Kleine, triefende Schlitzäuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende Schnauze sowie ein ebenso heftig zurückfallendes Kinn gaben dem kurzbeinigen Fettklumpen tatsächlich etwas vom Borstenvieh. Und es bedurfte für den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die Ähnlichkeit unheimlich zu vervollständigen.

Und dies sollte der Gatte der schönen Occa sein?

Vorgebeugt verharrte der Störtebecker an der Tür, offenen Mundes, mit dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglückten starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der Goldblonden eine Erklärung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie hinter dem Rücken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da löste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in einem langen wilden Gelächter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur Begrüßung heranwatschelte, verfiel in ein beifälliges Grunzen, auch die Burgfrau schloß sich von der großen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewußt ist.

Kannte sie doch allein den Anfang.

Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Fölke, an dieses gemästete Scheusal verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfräulichen wohl nach Absicht ihrer Peinigerin möglichst bald in Trübsal und Elend ersticken. Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trügerisch. Da das Ferkel einzig und allein auf der nächtlichen Sternenwiese graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprüche, ja, bald geschah es, daß Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wünsche und Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und während ihre kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spöttisch die kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden häufig in ungemessene Heiterkeit über die genasführten Liebhaber ausbrechen hören. Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit mancherlei mißgestaltete Kreatur in ihrer Nähe fütterten, und so hatte sich zwischen den Gatten allmählich die beide Teile befriedigende Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.

Auch über den Seeräuber mußte dem Klumpen wohl schon vorher eine ausführliche Schilderung hinterbracht sein, denn während er ihn pustend und schnaufend begrüßte, blinzelte er aus den schrägen Schlitzäuglein beinahe mitleidig an dem Riesen in die Höhe. Fast schien es, als ob der Weise seinen ungewöhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber besann sich der Hausherr auf seine dunklen Künste oder vielleicht auch auf das, was man seinem platten Schädel eben erst eingeblasen hatte. Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grünes Kleid, um ernsthaft das Haupt zu schütteln.

»Du überschreitest das Maß,« vertraute er endlich seinem Besucher an. Witternd und feucht zitterte dabei sein Rüssel.

»Getroffen,« nickte der Störtebecker, der sich noch immer nicht fassen konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge behielt, »ich messe sieben Schuh.«

»Das ist es nicht,« murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie schräg gegen den Fremden, so daß die Sonne einen schwarzen Strahl über den Freibeuter malte. »Du überschreitest das Maß,« wiederholte er hartnäckig.

»Potzblitz,« fiel der Störtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der Stange schlug, »ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es bis an den Mond wüchse.«

Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der Lehne eines unförmlichen Stuhles stand, und so frech und gefräßig züngelte wieder seine Flamme, daß er gar nicht merkte, wie auch dem Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging.

»Vom Übel,« verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher. »Jedem ward sein Maß bestimmt. Der Kundige zählt die Regentropfen. Höre, du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde lärmvoll umher, aber weißt du denn, was am Himmel für dich angeschrieben steht?«

»Meiner Seel,« beteuerte der Störtebecker, der sich jetzt ungebeten auf eine Ecke des Ziegelherdes niederließ, denn das Geschwätz des Dicken wurde ihm lästig, »laß mich die Erde zurechtrücken und heiße du inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbiß auftischen, so will ich dir wohl oder übel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu verkaufen.«

»Verspotte nicht die Ewigwachen,« murrte der Klumpen und hielt jetzt seine Stange prüfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht hinein. »Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem Lichtnebel quillt, der gewogen und gezählt für jeden von uns im Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rüsten, und du wirst nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkörner es wollen, die gebieterisch über dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es.«

Diese Gelassenheit jedoch übermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen. Geräuschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblüffung steigerte sich noch, als ihm der helle Triumph aus den Zügen der Goldblonden entgegensprühte. Mühsam nur faßte er sich, und indem er sich neigte, warf er im Trotz und wie zum Abschied hin:

»Wohlan, Luitet van Neß, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich will hoffen, daß es meinen Staubkörnern unter der Pflege deines Weibes wohlergehen werde.«

»Jeder muß das hoffen, was ihm beschieden ist,« sprach das Ferkel dunkel.

Ruhig ließ der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pförtlein bücken wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den Dreifuß niedergezwängt, mit dem Fuß über ein auf der Diele herumliegendes Pergament, so daß ein trockenes Rascheln entstand.

»Nimm dies mit dir, Maßüberschreiter, Tobender im Käfig,« grunzte er gleichgültig, »ein Bote unserer lieben Mutter Fölke brachte es heute. Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets hinter uns hersprengt. Hier,« – er bückte sich und reichte das Blatt unter Keuchen seiner Hausfrau – »es ist nur eine Hornisse aus dem großen Schwarm,« schnarchte er schläfrig, in sein Fett versinkend.

»Was für ein Fetzen?« wandte sich der Störtebecker gebieterisch zurück.

Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestädte an die ostfriesischen Häuptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher einem düsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno, den Abdena, Beninga, Cankena, den Neß, Broke und dem Propst Hisko van Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwären und Beulen am Leibe der handeltreibenden Völker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe jubelnd, verkündigte Occa, während ihr der Störtebecker belustigt über die Schulter schaute, den Schluß:

»Von allen Gottabtrünnigen, von allen lästerlichen Bösewichtern aber, so jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestört, ist gewißlich der Störtebecker der verworfenste und wird der Strafe der Verdammnis nicht entgehen.«

»Sicherlich, das wird er nicht,« unterbrach Occa vergnügt und versuchte den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reißen. Dann fuhr sie fort:

»Es ward uns jedoch kund, daß dieser friedlose Übeltäter, nachdem er die Ostersee durch Mord rot gefärbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur konnte, jetzt unter euch das lügnerische Gerücht aussprengt, er wolle eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher Jesu Christo nicht gelang.«

Hier stockte die Goldblonde abermals, biß sich auf die Lippen und schüttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer weiterlas:

»Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif werden zu lassen, damit aber auch fürder der gemeine Kaufmann sein Handelsgut ungefährdet über See bringen möge, sei hiermit den Edlen der Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge empfohlen, die Raubgesellen ohne Zögern aus dem Land zu jagen, Burgen und Häfen ihnen zu verschließen, ihren Anführer aber zu greifen und nach peinlichem Gericht genädiglich vom Leben zum Tode zu befördern. Sollte dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Städte doch all ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen in euren Ländern ein Ziel zu setzen.« Unterzeichnet war das Schriftstück »Tschokke, erster Aldermann von Hamburg«; und das schiffgeschmückte Siegel der Stadt hing darunter.

Der Störtebecker spießte das Manifest mit dem Schüreisen und warf es ins Feuer.


Gleich einem Fürsten ward der Schuimer auf Burg Neß bewirtet. Occa ließ ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mägde bedienten ihn, frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hörte der in der Badestube lärmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der geschlossenen Tür herumstrich. Diese Nähe bestärkte ihn noch in seinen wilden Vorsätzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der Quade es mit vieldeutigem Lächeln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken und dem Gewalttätigen unter allerlei Schmeichelei und trügerischer Zuvorkommenheit die Hände zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem abwesenden Ferkel ein Ergötzen zu bereiten. Occa saß zwar beim Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefüllt, Köche, Mundschenken, Spießknechte liefen ab und zu, daß jedes vertrauliche Wort untergehen mußte, und der Störtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf Becher herabgestürzt, plötzlich aufbegehrte:

»Du Allerschönste glaubst wohl, ich sei einer der beiden futterneidischen Päpste oder König Wenzel, der Hundezüchter[*], daß du so bunt geschmückte Pfauen vor mir auftragen läßt? Und weißt doch, wie mein Sinn nach ganz anderer Labe steht.«

[*] Man erzählte damals, daß König Wenzel seine erste Gattin eines Nachts durch seine wilden Hunde zerreißen ließ.

»Du könntest auch mehr sein, als du bist,« entgegnete die Goldblonde zur Seite rückend.

Der Schuimer verstand dies nicht. »So laß mich aufbrechen,« fuhr er wütend vom Stuhl.

»Bleib',« flüsterte Occa hinter ihrer Hand.

Da vermochte der Begierige sich nicht loszureißen.

Am Abend gab es auf der Burg Neß ein Gelage. Im Vorbeireiten waren Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelköpfigster Verehrer, der junge Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saßen die Männer in dem langen Saal hinter den Weinkannen beieinander, ließen abwechselnd den unsichtbaren Hausherrn, aber noch öfter die um den Durst ihrer Gäste so sorglich bemühte Burgfrau leben, und unter klappernden Würfeln, unter Lärm und Schelmenliedern wußten sie allerlei von den Händeln des gerade jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten.

»Weißt du schon, Teurer,« schlang der Propst weinselig seinen Arm um den Nacken des Seefahrers und brachte seine wulstigen Lippen bis dicht an das Ohr des Gefährten, »wir sind drauf und dran, den Prager Judenschlächter[*] in die Moldau zu werfen. Wir jagen ihn fort. Kann auch in einem Weinfaß Buße tun. Gib acht, bald wird der Pfälzer[**] auf seinen Stuhl hüpfen. Da schlägt für mutige Degen, wie dich, ein glücklich Stündlein. Wie mancher ritt nicht unter einem Federhut aus und kam mit einer Krone heim. Wie wär's, du Siebenschuhhoch? Wir könnten den Handel selbander schlichten!«

[*] König Wenzel, zu dessen Absetzung schon Vorbereitungen getroffen wurden.
[**] Ruprecht, der Gegenkaiser.

Mißmutig schob der Störtebecker den gar zu Vertraulichen zurück, denn in ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin seine verrückten Geständnisse zuflüstern sah.

»Laß das Gefasel, Hochwürdigster,« zischte er böse und zerdrückte fast den Silberbecher in seiner Faust, »mein Reich ist auf einem weichen Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter für leere Mäuler.«

Als der schöne Mann abermals die Hungernden erwähnte, da sandte Occa dem Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein unvernünftig Gelächter aus. Sein Leib hüpfte ihm. Er erstickte fast.

»Schäker du,« prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in die Rippen setzte, »da wir hier in Liebe und Traulichkeit beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein einträglich Schelmenstück du hinter deinem wüsten Gerede verbirgst? Weiß doch jedes Kind, daß Reichtum und Völlerei gerade so ewiglich beschlossen sind als Därmeknurren und Hungereingeweide.«

Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Störtebecker so verstörte, so von Grund aus umwühlte als Spott über jenes nackte Elend, das seine Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein düsteres Feld ausgemalt hatte, über das entblößte Menschen auf Nacken und Schultern Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, während den Trägern Arme und Beine bereits verfaulen.

Unheimlich erblaßt sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm, da er an seine Jugend dachte, und in jäher Wut schlug er nach der Weinkanne, so daß sie umstürzend ihren Inhalt ergoß.

»Weh euch,« schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in tödlicher Fremdheit maß, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, daß der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatsächlich bis zum Rand füllte. »‘Aller Welt Feind’ – hütet euch – es ist nicht wohlgetan, wenn ihr den bösen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr, ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen könnt.«

Das viele vergossene Blut seines Lebens hüpfte vor ihm auf dem Tisch in roten, zuckenden Flämmchen. Es wurde ängstlich still um die Tafel.

»Und gerade will ich tanzen,« meldete sich mit einemmal Occas helle, aufreizende Stimme.

Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs äußerste zu steigern, ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie höhnend gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen ihrer Zuschauer vergrößerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Männer gelähmt. Dies war ja auch nicht der schwerfällige Reigen, wie er sonst im Brokmerland geübt wurde. Nein, der hinstarrende Störtebecker wußte allein, daß so – den Krug auf der Schulter, den Leib zurückgeworfen – nur Künstler der Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden pflegten.

Da brach plötzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hämmerte mit den Fäusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch die Luft, der Störtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor allen Dingen unfähig, irgendwo eine Grenze für sich zu dulden, er machte Miene, den Tisch umzustürzen, um gleichgültig gegen all die Zeugen mit zitternden Fäusten sich dieser behenden Beute zu bemächtigen.

»Sachte, sachte, Freundchen,« lallte der Propst und hing gewaltsam seine Wucht an den Bewußtlosen. »Amantes, amentes.[*] Schier dich, ich rate dir, um dein Hungerreich und laß hier Herrn Luitet, den Tanz und den Wein herrschen. Hörst du?«

[*] Verliebte – Verrückte.

In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschöpfend stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den Propst, und während sie ein paar Mägde zu sich winkte, sprach sie mit kaum verhehlter Genugtuung:

»Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf, damit ihr meinen Eheherrn nicht stört. Denn sein Tagewerk beginnt erst, wann wir anderen ruhen.« Und blitzend vor Übermut setzte sie noch hinzu: »Und träume jeder von dem, was er wünscht.«

»Nun, Gott verdamm' dich,« murrte der Emdener hinter der rasch Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Gürtel vom Leibe. »Soll man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer.«

Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben, der Störtebecker aber stieß ihn zurück, daß der Betroffene in die Arme des Allena taumelte, und offenen Mundes mußten die beiden Zurückbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkündete Hufschlag, daß ein Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte.

Verdutzt strich sich Propst Hisko über die niedrige Stirn, dann, nachdem er sich ein wenig besonnen, sagte er gähnend:

»Heißt mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer weiß, wie lange seine Woge steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gänzlich brechen, Allena. Vorsicht ist ein sicherer Hühnerstall.«


Über der nächtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrüpp, und im Mondlicht wanderte der unmäßig verlängerte Schatten von Tier und Mensch seitwärts neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mühte sich, dem Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Störtebecker war diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und als er den Erdgeruch spürte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen, da brannte in ihm eine unerklärliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges Gelüst packte den Stürmischen, sich mit dieser Erde zu vermählen, tief alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blühen könne wie ein Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, bläulich glitzernden Torfgründen zukünftige Häuser und Gehöfte auf, er hörte Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesättigten Viehs, und weit hinten in der Schwärze verlor sich das Stöhnen zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines Lebens stets den Unterton geseufzt hatte.

Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust abjagen wollte, nur das Ausweiten für die Unzähligen versprach Dauer, nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sättigte, das stillte.

Dies war die glücklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfüllung hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit einem Ruck zügelte er sein Roß, und sich weit zurückwerfend, so daß alle Gestirne ihm standhalten mußten, hob er die Faust gegen den brennenden Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende Gasse hinein:

»Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr könnt mir die Saat nicht mehr aus der Brust reißen. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider euch!«


Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Fölke in ihrem grauen Fältelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen Reiters ansichtig, da strich ein giftigsüßer Schein über das blutlose Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob sie einen köstlichen Schatz vergraben müßte.

»Nun,« fragte sie mit ihrer harten Stimme, »bringst du mir Grüße von Occa, Mann?«

Der Störtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhöhe den Hafen getroffen, und siehe da – dort unten in der schmalen Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich gebildet, und überall flatterten die schwarzen Wimpel in den frühen Morgen.

»Wohl,« sagte die Fölke ohne sich zu rühren, »die Deinen sind gekommen. Und hier auf der Burg harrt dein Diener, – dein Bube,« setzte sie spürend hinzu.

Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte sich weiter, höher – bis zum Zerspringen. Dort unten – sein Schwert, sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke gegossen war, und weit umher unter dem Frührot die zukunftsdampfende Erde.

Mächtig breitete er die Arme, und trunken vor Glück, im Ton des Bräutigams, der endlich die Entschleierte umfängt, jauchzte er:

»Mein – mein.«

III.

Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerückt. Aber das Meer trug mit der Flut einen südlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und würzigen Kräutern, und tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wärme dahin.

Hungrig öffneten sich die Schollen zur Aufnahme.

Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flüchtig Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des Schneesturms, wenn er über die schutzlose Ebene fegt. Nun hämmerte der sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er sein künftig Gärtlein schützen möge. Waren doch Hühner und Ziegen seines Nachbarn, des Hebräers Isaak, bereits häufig in die abgesteckten Beete eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach Wesen, die seines Winks gewärtig ihm billig einen Teil der Arbeit abnehmen sollten. Dazu gehörte aber auch, daß sein Anwesen, das ihm auf unbegreifliche Weise von der Güte dieses mächtigen Anführers zugeteilt war, nicht dem Fußtritt jedes Störers offen stehe. Und daher gedachte sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begnügen, sondern allmählich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schweiß bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmörder, der besessen und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflügte, streute und wühlte, wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch.

Merkwürdig, der lustige Bursche wußte auch nicht, wie es kam, jedoch er konnte dies unablässige Mühen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fühlte sich durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten zuerst beschämt und dann beleidigt.

So hielt er auch jetzt verärgert mit dem Einrammen der Pfähle inne, wischte sich die rotblonden Haare und stützte sein Kinn ausruhend auf eines der Hölzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwässern sollte.

Da begann Patrick O'Shallo leise Verwünschungen zu murmeln.

Natürlich, nun würde der niederträchtige Schleicher wieder einen Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch keineswegs gedacht, da er zuerst für einen reichen Tisch und ein recht wohliges Lager sorgen zu müssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen Maulwurf dort drüben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch das böseste Wetter dreinschlagen! Was nützten schließlich das gleich abgesteckte Land oder die gleich abgezählten Gulden, wenn der verfluchte Mauschel dort drüben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk, kein Spiel und keinen Feiertag? Womöglich würde er, der kräftige, weibverbrannte Geselle, von den Mägden noch verachtet werden, weil er sein Gut nicht ebenso gründlich zu bestellen vermochte wie das graue Schindluder von jenseits!?

Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen.

»He – du – hilf mir,« schrie er zu dem Spatenschwinger hinüber, denn sein Zorn gab ihm ein, daß den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige Hilfeleistung in allen Fällen und bei jeder Gelegenheit befohlen war. Nur nahm es sich Patrick nicht weiter übel, daß er zwar jene Unterstützung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es regelmäßig versäumte, dem Nachbar etwas Ähnliches zu erweisen. Wozu auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoßenen Volk, und die Mahnung des Störtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte unmöglich auf den Fremden gemünzt sein.

»He – du – hilf mir,« schrie er noch lauter als zuvor.

Auf den Anruf hob sich über der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebräers heran. Er stützte sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte.

»Wo fehlt's?« fragte er bereitwillig. »Brauchst du Nägel, Freund?«

Der andere schüttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter waren, störte ihn die Vertraulichkeit der Anrede.

»Sollst mir die Querbalken halten,« forderte er ungebärdig, »das Gebastel geht mir zu langsam.«

Verstehend nickte der Alte, und während er bereits die lange Leiste ergriff, damit sein Gefährte die spitzen Stäbe an ihr festschlagen könnte, da huschte ein dunkles Lächeln unter seinem angeschneiten Bart hervor.

»Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen?« murmelte er gepreßt.

Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der gebückte Fünfziger könnte denselben Träumen nachhängen als er selbst, versetzte ihn in eine namenlose Wut.

»Willst etwa auch du, Isaak – –?« erkundigte er sich stammelnd.

Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein Brett, und tiefgebückt raunte der Jude sein Geständnis in die Erde hinein.

»Doch, doch – einmal wurden sie mir schon genommen – der schwarze Tod und Gewalt. Aber man will doch wissen, für wen man baut. Namentlich wir,« flüsterte er glühenden Auges, »namentlich wir.«

Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stieß auch noch mit dem Fuße dagegen. Der Jude erwachte, er wankte.

»Nun, Gott verdamme dich,« entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie aus. »Warum mußt du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen? Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verübst wohl nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten Gewinn gönnst?« Und hohnlachend brach er aus: »Mir scheint, du hast nicht vergessen, wie der Störtebecker solche durch Tod erledigten Gleichestücke zu neuer Austeilung bestimmt hat?«

»Eben – eben,« ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggründe des anderen durchaus nicht enträtselte, »liebe die Erde, die dir gehört. Ein eigen Stück Land – Patrick – o, ein eigen Stück Land, das muß man vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft. Und deshalb« – er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die ferne Brokeburg, ähnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen Zion erhoben hatten – »deshalb ist der dort oben aus dem Blut des Messias.«

»Ein Quark ist er,« tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft völlig in Gift und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mühen verurteilt fand, die er nicht bewältigen mochte. »Wozu hält der Schelm noch eine Menge der Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich anderen Herren! He, verstehst du mich?«

»Bruder,« stotterte der alte Jude betroffen und hob bekümmert die Hände, »bist du denn nicht Herr auf deinem Boden?«

Allein der Streitsüchtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefällig steckte er die Hände in die Taschen, und während er seinem Genossen jäh den Rücken wandte, schimpfte er unflätig:

»Meinetwegen friß den geliebten Kot, du demütiger Knecht. Ha, ich sollte nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen, wie rasch ich zu Dirnen und Würfelgeld kommen wollt'. Der Gehörnte soll euch Hirneitrige holen.«

Damit stürzte er wütig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein unsinniges Sägen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte, in rasendem, zwecklos verdampftem Bemühen den Hausrat für das ersehnte Weib zusammenzuschlagen.

Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn beschwörend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch:

»Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest.«


In einem der gewölbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchmaß derweil der Störtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den teppichbehängten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch erreichte, dann fegte er mit der Faust über allerlei Feldabmessungen, die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinüberrief:

»Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, laß uns jetzt den Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor bereits bis an den Hals. Dafür soll uns aber auch gleich ein Wunder von einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe zelebrieren.«

Aufgeräumt eilte er bis zur Tür, um einen Befehl herauszurufen.

»Laudabiliter[*] schmunzelte der Dicke, der enggezwängt in seinem Armstuhl hing und sich nun erwartungsvoll über die wulstigen Lippen strich. »Du hast recht, schöner Jüngling. Sine Cere et libero friget Venus[**].« Allein, plötzlich besann er sich, denn der zweite Gast am Tisch des Admirals, ein käsig gelber, langaufgeschossener Mensch, dem als einziges Zeichen des Lebens nur eine glühende Trinkernase aus dem Gesicht funkelte, er hatte sich eben verstohlen geräuspert, so daß Probst Hisko aufmerksam wurde. Schwerfällig und ermüdet streckte der Dicke beide Beine von sich. »Verzeih noch ein Weilchen, Herrlicher,« forderte er den rückkehrenden Störtebecker auf, »aber da du vor allem ein Vater der Deinen bist, so mußt du vor eigener Letzung, so beschwerlich es ist, mit anhören, was dir mein Converse,[***] der Jonkher van Sissinga, über die Roggensaat anzuvertrauen hat.«

[*] Lobenswert.
[**] Ohne Speise und Trank friert die Liebe.
[***] Conversen waren in Friesland Hofmeier und landwirschaftliche Berater der kolonisierenden Klöster, ein halbmönchischer Laienstand.

»Schon wieder?«

Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser kleinen zermürbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das große, strahlende Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es nötig wurde, hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreißend Beispiel zu geben, dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwärts. Das sorgsame Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltäglich sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dünkte den Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu nicht eine Herde Krämer oder Handelsdiener eingefangen hätte.

»Heraus damit,« fuhr er daher den käsigen Jonkher nicht gerade liebreich an. »Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat kaufen? Mich dünkt, ich könnte mit dem vorhandenen bereits das ganze heilige römische Reich in einen Mehlbrei wandeln.«

»Langt nicht,« sagte der Sissinga, ohne sich zu rühren, allein er holte den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, daß kein Fremder diese dröhnende Totenglocke in dem wackligen Gebäude vermutet hätte. Der Störtebecker schüttelte heftig das Haupt, halb über den unerwarteten Ton, halb im aufspringenden Zorn über die stets erneute Quälerei der beiden.

»Langt nicht,« fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der die Zeit für gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu unterstützen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, riß an seiner rotseidenen Schecke, daß alle Nähte krachten und schlug ein böses Gelächter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er die abgetakelten Schiffe im Hafen überschauen konnte, bis er endlich verächtlich über die Schulter schleuderte:

»Macht's kurz! Der römische Wolf frißt am liebsten aus anderer Taschen. Aber bei den dreißig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefräßig schnuppert.«

Die beiden anderen am Tisch verständigten sich hinter seinem Rücken durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals zu jammern:

»Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen solltest. Muß ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von Landwirtschaft?«

»Recte«, bestätigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die Überlegenheit des kundigen Ackermannes erwachte, »die Buschklepper – verzeihe – ich meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen. Dadurch streuen sie die Körner nur obenhin in die Furchen, so daß es ein Jammer ist.«

»Und der rauhe Wind und die Feldmäuse vollenden das übrige,« ergänzte der Sissinga.

Verbissen wandte sich der Störtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum hatte er ihn erreicht, so stieß er mit dem Fuß gegen die Querleisten, daß das Holz zitterte und stöhnte.

»Kommt zum Geschäft, ihr Edlen,« meinte er äußerlich gelassen, im Innern aber bereits wütend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften, ihn ungestraft schrauben und übervorteilen zu wollen. »Wo bleibt der Handel? Wie verhält es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren Beutel streichen?«

Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in seinem ehrbarsten Baß auseinandersetzte, er wüßte an der holländischen Küste einen Platz, wo der Störtebecker drei Schiffslasten Roggensaat, und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln könnte. »Und ich rate aus ehrlichem Gemüt – – – «

»Einverstanden,« winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Händen, der sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung den Ausweg aus diesem zerklüfteten Gebiet sich öffnen sah. »Wozu das lange Geplärre? Könntest schon längst beim Wichmann im Hafen sein. Soll sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld – « er schleuderte das Unwillkommenste wie einen Stein von sich – »laß dir von Licinius zahlen.«

»Deine Weisheit trifft immer das Rechte,« verabschiedete sich der Converse unter einer tiefen Neigung und ging.

Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das dumpfe Scharren der Weinhumpen über den Tisch, ja, der Freibeuter, in einem Anfall unbegründeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit, schlug während des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwürdig, es war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte.

»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn –
Der Störtebecker ist Kapitän.«

Warm und voll füllte die Stimme des Admirals den gewölbten Raum, das Lied schien ihn auf das Meer zurückzuführen, scharf zeichnete sich in dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmählich verebbten die Strophen immer klangloser, und während sie völlig erstarben, ließ der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde sinken. Ein unsicheres Lächeln irrte um den gebieterischen Mund.

»Wundersam,« sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. »Ich singe, und am Kiel der ‘Agile’ nisten allmählich Muscheln und anderes Schalgetier.« Er rüttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken. »Ein Leben lang bin ich auf diese Küste zugesegelt,« sprach er hart und fest, »und jetzt bin ich hier.«

Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging völlig in Stille unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen über die Zeichnungen auf dem Tische.

Der geistliche Landwirt aber wußte, was dies alles bedeutete. Zu oft hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und fröhlich von Jagd und Kriegszügen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern zerschnitten.

Bedachtsam strich er sich über das lederne Jägerwams, drückte die verschwollenen Äuglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte, tastete er vorsichtig weiter:

»Höre, mein Söhnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schöne Occa. Mag sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichkätzlein, das gern ein groß Tier in seinem Gezweig ergattern möchte. Gib acht.«

Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffärtig den Kopf zur Seite und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstören möchte.

»Was ist mit ihr?« drängte er abgeneigt und mit solch widerwilliger Gegenwehr, daß der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben müsse.

»O, sie läßt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen,« murmelte der Dicke in seinen Krug hinein, »wie lange es noch währen möchte, bis du endlich Fortuna für dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest?«

Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug. Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, daß aus seinen verschwollenen Äuglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes schielte. Allein der Störtebecker war nicht zu täuschen. Längst hatte sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm am liebsten täglich, stündlich vergiftete Stacheln ins warme Herz gedrückt hätte. Dafür freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignüchternen. Krachend warf sich der Seefahrer in seinem Sessel zurück, und nun schwang er seinen Humpen so übertrieben gegen den Gefährten, daß man hätte meinen mögen, er wolle das Gerät an der nächsten Wand zerschmettern.

»Komm, laß dich noch einmal auffüllen, du mein gesegneter Bauch,« so überbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und dröhnte dazu, daß dem erschreckten Hörer die Ohren gellten. »Eile, du verdienst dir ein Botengeld, Würdigster, wenn du noch heute der schönen Occa samt ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei Trunk und Gesang getroffen. An den Wänden der Brokeburg niste bereits der Weinschwamm. Hörst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwürdige Art von Augen mir im Kopfe steckten. Ha – ha, die vermöchten Wachstum und Blüte zu schauen, selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du, Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstück, wie es die Gaukler auf den Märkten preisen!? Und zum Schluß, ganz ledern und nebenbei gesprochen – jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewöhnliche Hafer, wie ihn die Mähren an den Krippen kauen.«

Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben polterten an der Mauer nieder und ein wüster Regen edlen Weines klatschte auf die beiden herab.

Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief.

»War nicht bös gemeint,« wollte er sich schütteln. Allein auch diese kümmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tür ward aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals. Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer zehrenden Leidenschaft erfüllte Antlitz von der schwarzen Dänentracht ab.

»Licinius,« fuhr der Störtebecker empor, denn die Gegenwart dieses Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen zurück, »was bringst du?«

Auf den Anruf stillte der Jüngling das rasche Wallen seiner Brust, nur ganz wenig stützte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er zwischen Empörung und Hilferuf hervorstieß:

»Herr, es ist Übles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, daß zwei unserer Seeleute, der schmächtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert Onderdonk, ihr Gleichestück dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein, als noch länger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie ist das zu verstehen?«

»Ei der Tausend,« wiegte der alte Propst in behaglicher Anteilnahme das Haupt. »Non omnia possumus omnes.«[*]