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Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege cover

Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Chapter 11: §
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About This Book

The narrative follows a reflective man who, during wartime, confronts the dissolution of individual conscience under mass enthusiasm. Through intimate domestic scenes, inner meditations, and episodic sketches, it traces his mounting doubts, fears, and moral resistance to public opinion, showing how collective pressure corrodes reason and compassion. Interweaving psychological portraiture with philosophical reflection, the work argues for independent thought, moral courage, and fidelity to conscience even when isolated from or opposed to the majority.

„Aber das genügt mir nicht“, sagte Moreau. „Das läßt zuviel Raum für den Zweifel. Alles oder nichts.“

„Ja, eure Revolution hat keinen Raum für den Zweifel. Für euch heiße und harte Herzen, für euch geometrische Gehirne heißt es: alles oder nichts. Nur keinen Übergang! Aber, was wäre das Leben ohne Übergänge? Sind sie denn nicht seine Schönheit und seine Güte? Eine zerbrechliche Schönheit freilich, eine kraftlose Güte, überall Schwäche und Hunger nach Liebe. Man muß lieben, man muß helfen, Tag für Tag und Schritt für Schritt. Die Welt verwandelt sich nicht mit einem Schlag und niemals ganz, weder durch Gewaltstreiche, noch durch Gnadenstöße. Aber Sekunde für Sekunde geht sie ins Unendliche hinüber, und der schlichteste Mann, der das fühlt, hat Teil an der Unendlichkeit. Nur Geduld! Eine einzige Ungerechtigkeit, die man beseitigt, erlöst noch nicht die Menschheit, aber sie verklärt einen Tag. Und es werden andere kommen und andere Verklärungen, und jeder Tag bringt seine Sonne. Möchten Sie das verhindern?“

„Wir können nicht warten“, sagte Moreau. „Wir haben keine Zeit. Jeder Tag, den wir leben, stellt uns Probleme, die uns ganz aufzehren und die wir sofort lösen müssen. Wenn wir sie nicht beherrschen, werden wir ihnen untertan. Wir, damit meine ich nicht so sehr unsere Personen, wir sind ja schon Hingeopferte. Aber alles, was wir lieben, was uns noch dem Leben verbindet: die Hoffnung auf die Zukunft, das Heil der Menschheit.... Fühlen Sie doch, wie diese quälenden Fragen um aller Zukünftigen willen uns bedrücken, um aller, die Kinder haben. Dieser Krieg ist ja noch nicht zu Ende, und es ist nur allzu klar, daß er durch seine Verbrechen und seine Lügen neue, nahe Kriege heraufbeschwört. Wofür zieht man Kinder auf? Wofür wachsen sie heran? Vielleicht für ähnliche Schlächtereien? Welcher Ausweg ist da möglich? Man hat rasch ihre ganze Reihe erschöpft.... Man könnte diese toll gewordenen Nationen, diese närrischen alten Kontinente verlassen und auswandern, aber wohin? Gibt es denn irgendwo auf dem Erdball noch fünfzig Joch Erde, die den freien anständigen Menschen Unterschlupf gewähren? Oder eine Wahl treffen? Sie sehen wohl, man muß sich entscheiden. Entweder für die Nation oder für die Revolution. Was bleibt denn sonst noch? Das Nichtwiderstreben gegen das Übel? Scheint Ihnen das wünschenswert? Das hat doch nur einen Sinn, wenn man gläubig ist, religiös gläubig, sonst wäre es nur die Resignation von Schafen, die sich hinschlachten lassen. Aber die meisten, leider Gottes, entscheiden sich für nichts und ziehen es vor, gar nicht zu denken, schauen krampfhaft von der Zukunft weg und lügen sich vor, daß das, was sie gesehen und gelitten haben, nun für ewige Zeiten vorüber sei ... Darum müssen wir für jene eine Entscheidung fällen, ob sie wollen oder nicht, sie nach vorwärts treiben, sie retten gegen ihren eigenen Willen. Die Revolution, das sind immer nur einzelne Menschen, die für die ganze Menschheit etwas wollen.“

„Mir paßte es nicht sehr“, antwortete Clerambault, „wenn jemand anderer für mich wollte, und ebensowenig, für einen anderen zu wollen. Ich möchte lieber jedem helfen, frei zu sein, und selbst der Freiheit keines anderen Menschen im Wege stehen. Aber ich weiß, ich verlange zuviel.“

„Sie verlangen das Unmögliche“, sagte Moreau. „Wenn man einmal beginnt, zu wollen, darf man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Es gibt nur zwei Arten Menschen: diejenigen, welche zuviel wollen — Lenin und alle Großen (es gibt ihrer wohl kaum mehr als zwei Dutzend in der ganzen Weltgeschichte) und dann die anderen, die zu wenig wollen, die das Wollen nicht verstehen. Das ist der große Rest, das sind wir, das bin ich selbst.... Sie haben es nur zu gut erkannt.... Mein ganzer Wille kommt nur aus Verzweiflung.“

„Warum denn verzweifeln?“ sagte Clerambault. „Das Schicksal des Menschen formt sich jeden Tag und keiner kennt es. Unser Schicksal ist das, was wir sind. Sind wir mutlos, so entmutigen wir es.“

Aber Moreau sagte niedergeschlagen:

„Nein, wir werden nicht stark genug sein, wir werden nicht stark genug sein.... Glauben Sie, ich wüßte nicht, was für lächerlich geringe Erfolgsaussichten bei uns jetzt die Revolution hat? Jetzt, in der gegenwärtigen Zeit, nach den Verwüstungen, der ökonomischen Vernichtung, der Demoralisation, der tödlichen Müdigkeit, nach all diesen Dingen, die von den vier Kriegsjahren verschuldet sind?“

Und er fügte das Geständnis bei:

„Ich habe schon das erstemal gelogen, als ich Sie sah, als ich behauptete, alle meine Kameraden fühlten so stark wie wir das Leiden und die Erbitterung darüber. Gillot hat Sie richtig belehrt: wir sind nur ganz wenige. Die anderen sind meistens gute Kerle, aber schwache, schwache Naturen ... Sie beurteilen die Dinge ziemlich richtig, aber statt mit dem Kopf gegen die Mauer zu rennen, ziehen sie vor, lieber gar nicht daran zu denken und sich mit Ironie schadlos zu halten. Ach, dieses französische Lachen, das ist unser Reichtum und auch unser Untergang! Es ist ja so schön, aber eine wie gute Handhabe für alle Unterdrücker. „Mögen sie Spottlieder singen, wenn sie nur ihre Steuern zahlen“, sagte jener Italiener, und bei uns heißt es: „Mögen sie lachen, wenn sie nur sterben.“ Dazu kommt noch diese furchtbare Anpassungsfähigkeit, von der Gillot zu Ihnen sprach. Man kann den Menschen zu den tollsten und qualvollsten Lebensbedingungen treiben — wenn sie nur lange genug dauern und er sie innerhalb der Herde mitmacht, so gewöhnt er sich an alles, an das Warme und an das Kalte, an den Tod und das Verbrechen. Die ganze Kraft, die für den Widerstand nötig wäre, verbraucht man auf die Gewöhnung, und dann rollt man sich in irgendeine Ecke, ohne sich zu rühren, aus Angst, man könne mit irgendeiner Veränderung die eingeschläferte Qual wieder aufwecken. Ach, es lastet eine solche Müdigkeit auf uns allen! Wenn die Soldaten zurückkommen werden, dann werden sie nur einen Wunsch haben: zu vergessen und zu schlafen.“

„Und Lagneau, der Hitzkopf, der Tollkopf, der davon redet, alles krumm und klein zu schlagen?“

„Lagneau? Den kenne ich seit Kriegsausbruch. Ich habe gesehen, wie er eins nach dem andern war, Kriegsbegeisterter, Revanchetrompeter, Annexionist, Internationaler, Sozialist, Anarchist, Bolschewist und „Je-m’en-fichiste“. Er wird schließlich als Reaktionär enden und sich wieder hinausschicken lassen, um sich mit Hurra und Heil auf jeden Feind, den sich die Regierung unter unseren heutigen Feinden oder Freunden aussuchen wird, zu werfen. Und das Volk? Es ist unserer Ansicht, aber gleichzeitig auch der Ansicht der Gegner. Das Volk hat immer hintereinander alle Ansichten.“

„Sie sind also Revolutionär aus Verzweiflung?“ sagte lachend Clerambault.

„Es gibt viele dieser Art unter uns.“

„Aber Gillot ist doch aus dem Krieg optimistischer zurückgekommen, als er jemals war?“

„Gillot kann vergessen“, sagte bitter Moreau. „Ich neide ihm dieses Glück nicht.“

„Aber wir dürfen es ihm nicht zerstören“, sagte Clerambault. „Helfen Sie Gillot. Er hat Sie nötig.“

„Mich?“ staunte Moreau ungläubig.

„Er hat zu seiner Stärke notwendig, daß man an seine Kraft glaubt. So glauben Sie daran.“

„Kann man denn glauben wollen?“

„Sie wissen ja etwas davon.... Nicht wahr, nein, man kann es nicht ... Aber man kann glauben aus Liebe“.

„Aus Liebe zu jenen, die gläubig sind?“

„Glaubt man denn nicht immer nur aus Liebe, kann man denn anders gläubig sein als aus Liebe?“

Moreau war gerührt. Seine intellektuelle, von Wissensdurst brennende und verzehrte Jugend hatte, wie die der besten in der bürgerlichen Klasse, am Mangel brüderlicher Zuneigung gelitten. Menschliche Verbrüderung und Seelengemeinschaft ist ja aus der modernen Erziehung verbannt. Erst allmählich und mißtrauisch war dieses konstant unterdrückte Urgefühl in den Schützengräben, in diesen Gräbern der lebendig zusammengedrängten leidenden Leiber, wieder erwacht. Aber man hatte Scham, sich ihm hinzugeben. Die gemeinsame Verhärtung, die Furcht vor Sentimentalität, die Ironie umkrusteten das Herz. Erst seit der Krankheit Moreaus war die Umschalung von Stolz nachgiebiger geworden, und es kostete Clerambault keine Mühe, sie gänzlich zu zerbrechen. Die Wohltat, die von diesem Manne ausging, war, daß bei der Berührung mit ihm die Eigensucht in den Menschen hinschwand, denn er besaß selbst keine. Man zeigte sich ihm, wie er sich selbst allen zeigte, mit seiner wahren Natur, seinen Schwächen und all den Aufschreien, die sonst ein falscher Stolz zu ersticken sucht. Moreau, der an der Front, ohne es sich offen einzugestehen, die Überlegenheit seiner Kameraden oder der Unteroffiziere, also von Menschen aus einer niedrigeren Schicht, erkannt hatte, fühlte für Gillot Sympathie und war glücklich, daß Clerambault an sie appellierte. Clerambault hatte seinen geheimsten Wunsch erweckt, einem andern eine Notwendigkeit zu sein.

Und ebenso flüsterte Clerambault Gillot die Anregung ein, Optimist für zwei zu sein und Moreau zu helfen. So fanden beide, in ihrem Bedürfnis, dem andern zu helfen, selbst eine Hilfe nach dem Gesetz des Lebens: „Wer gibt, der hat.“

In welcher Zeit immer man lebt, und sei es auch eine der Zertrümmerung, so ist doch nichts verloren, solange noch in der Seele einer Rasse ein Funke der männlichen Freundschaft lebendig bleibt. Man muß ihn erwecken, muß die frierenden einsamen Herzen einander annähern, damit wenigstens eine der Früchte dieses Völkerkrieges die Vereinigung der Elite der Klassen, die Verbrüderung der beiden Jugenden sei — jener aus der Welt der Arbeit und jener aus der des Gedankens —, die, indem sie sich ergänzen, die Zukunft erneuern sollen.

§

Ist der beste Weg zur Einigung der, daß keiner den andern beherrschen will, so muß auch das Gegenteil gültig sein, nämlich, daß keiner sich vom andern unterdrücken lassen darf. Gerade dazu aber trieb diese jungen Intellektuellen dieser revolutionären Gruppen eine seltsame Eigenliebe. Sie schulmeisterten verächtlich Clerambault im Namen des neuen Prinzips, das die Intellektuellen in den Dienst des Proletariats stellen wollte ... „Dienen, dienen!“ Das war das Schlußwort des einst so stolzen Richard Wagner, aber auch das Wort manch eines enttäuschten Stolzes. Manche wollen, sobald sie sehen, daß sie nicht Herr sein können, sofort Sklaven sein.

„Am schwersten ist es in dieser Welt“, dachte Clerambault, „anständige Menschen zu finden, die einfach meinesgleichen sein wollen. Sind diese aber unauffindbar und bedarf es unbedingt einer Tyrannei, so ziehe ich noch diejenige, die einen Aesop und Epiktet körperlich zu Sklaven machte, aber ihren Geist vollkommen frei gab, jener vor, die äußere Freiheit mit Seelenknechtschaft verbindet.“

Durch diese Unduldsamkeit wurde er sich erst so recht seiner Unfähigkeit bewußt, sich irgendeiner Partei anzuschließen. Zwischen den beiden Möglichkeiten, der der Revolution und der des Krieges, konnte er (und er tat es auch offen) seine Vorliebe für die Revolution bekunden, denn sie allein bot ihm eine Hoffnung auf Erneuerung, indes die andere jede Zukunft tötete. Aber eine Partei vorziehen, bedeutet noch lange nicht, damit schon seine geistige Unabhängigkeit aufzugeben. In den Demokratien ist gerade die Auffassung so irrig und so widersinnig, daß alle die gleichen Pflichten hätten und dieselben Aufgaben. In einer kämpfenden Gemeinschaft sind die Aufgaben sehr verschieden. Während der Hauptteil der Armee dafür ficht, einen sofortigen Erfolg zu erzielen, müssen andere die ewigen Werte gegen den Sieger von morgen, wie gegen den von gestern behaupten, denn sie schreiten ihnen voraus und erleuchten sie alle: ihr Licht glänzt fernhin auf den Weg, weit hinaus über den Qualm des Kampfes. Clerambault hatte sich zu lange von diesem Qualm den Blick trüben lassen, als daß er sich neuerdings in ein solches Getümmel stürzen wollte. Aber in dieser Welt der Blinden ist schon die Bemühung, sehen zu wollen, ein Ungehöriges und vielleicht sogar ein Verbrechen.

Diese ironische Wahrheit wurde ihm während einer Unterhaltung so recht bewußt, in der einer dieser kleinen Saint-Justs ihm gerade den Text gelesen und ihn recht frech mit dem „Astrologen, der sich in die Tiefe des Brunnens fallen ließ“, verglichen hatte.

... On lui dit: Pauvre bête,

Tandis qu’à peine à tes pieds tu peux voir,

Penses-tu lire au-dessus de ta tête?

Und da er nicht humorlos war, fand er den Vergleich nicht ganz unberechtigt. Gewiß, er gehörte ein wenig der Gemeinschaft jener an....

... De ceux qui bayent aux chimères,

Cependant qu’ils sont en danger,

Soit pour eux soit pour leurs affaires....

Aber wollte denn diese Republik auf die Astrologen verzichten, wie die erste Republik noch auf die Chemiker? Oder meint ihr sie in Reih und Glied disziplinieren zu können? Dann ist zu erwarten, daß wir alle zusammen in den Grund des Brunnens hineinfallen. Wollt ihr das wirklich? Ich würde nicht Nein sagen, handelte es sich nur darum, euer Schicksal zu teilen. Aber euern Haß will ich nicht teilen!

„Auch Sie haben Ihren Haß“, antwortete ihm einer der jungen Leute.

Gerade in diesem Augenblick trat ein anderer mit einer Zeitung in der Hand herein und rief Clerambault zu: „Meinen Glückwunsch, Ihr Feind Bertin ist tot....“

Der reizbare Journalist war innerhalb weniger Stunden von einer ansteckenden Lungenentzündung dahingerafft worden. Seit sechs Monaten hatte er wütend alle jene verfolgt, die er im Verdacht hatte, den Frieden zu suchen oder auch nur zu wünschen. Denn allmählich war er dazu gekommen, nicht nur im Vaterlande, sondern auch im Kriege selbst eine heilige Sache zu sehen. Unter den Opfern seiner Böswilligkeit war Clerambault sein beliebtestes. Bertin konnte nicht verzeihen, daß er gewagt hatte, seinen Angriffen standzuhalten. Die Erwiderung Clerambaults hatte ihn anfangs wütend gemacht. Als Clerambault aber dann verächtlich auf seine Anschuldigungen und Beschimpfungen kein Wort mehr erwiderte, verlor er jedes Maß. Seine gewaltsam aufgeblähte übermütige Eitelkeit war davon so verletzt, daß einzig die vollständige, restlose Vernichtung des Gegners ihn noch befriedigen konnte. Clerambault erschien ihm nicht mehr bloß als persönlicher Feind, sondern als Feind des Staates, als Hochverräter, und er setzte alle Mühe daran, dafür Beweise zu erbringen, stempelte ihn zum Zentrum eines großen pazifistischen Komplotts, dessen Lächerlichkeit zu jeder anderen Zeit jedem in die Augen gesprungen wäre. Aber damals hatte man keine Augen mehr. Gerade in den letzten Wochen überstieg die Polemik Bertins in Ansprung und Heftigkeit alles, was er bisher geschrieben hatte. Sie bedeutete eine wirkliche Drohung für all jene, die der Ketzerei des Friedenswillens schuldig oder verdächtig waren.

Mit lärmender Befriedigung wurde daher die Nachricht von seinem Tode in der kleinen Versammlung aufgenommen, und man hielt ihm seine Grabrede in einer Tonart, die an Energie nichts den Meistern dieser Gattung nachgab. Clerambault, in die Zeitung vertieft, hörte kaum zu, als einer, der an seiner Seite saß, ihm auf die Schulter klopfte und sagte:

„Nicht wahr, das macht Ihnen Vergnügen?“

Clerambault fuhr auf.

„Vergnügen!“ sagte er. „Vergnügen!“ wiederholte er.

Er nahm seinen Hut und ging weg.

Er trat auf die dunkle Straße, deren Lichter wegen eines Luftangriffalarms abgelöscht waren.

In seinen Gedanken sah er ein feines Knabengesicht voll warmer Blässe, mit schönen, zärtlichen, braunen Augen, gelocktem Haar, belebtem und lachendem Munde, mit klingendem Stimmfall.... Bertin zur Zeit ihrer ersten Begegnung, als sie beide noch siebzehn Jahre alt waren. Und er gedachte ihrer langen, einsamen Nachtwachen, ihrer teuren Vertrautheit, ihrer Gespräche und Träume — denn auch Bertin träumte damals. Trotz all seines praktischen Sinnes, seiner frühreifen Ironie konnte er sich nicht unerfüllbarer Hoffnungen erwehren, nicht der edlen Projekte für eine neue Menschheit. Ach, wie die Zukunft doch ihren Kinderblicken schön erschienen war, und wie bei solchen Visionen in verzückten Augenblicken ihre beiden Herzen sich leidenschaftlich in liebender Freundschaft hingaben!

Und was hatte nun das Leben aus ihnen beiden gemacht! Was für eine hartnäckige Erbitterung, was für ein haßvolles Bestreben Bertins, seine eigenen Träume von einst und den Freund, der ihnen treu geblieben, zu Boden zu stampfen! Und er selbst, Clerambault, der sich vom gleichen mörderischen Sturm hinreißen ließ, und versuchte, Schlag auf Schlag den Gegner blutig zu treffen... der — voll Entsetzen gestand er sich’s ein — im ersten Augenblick, als er vom Tode des einstigen Freundes hörte, eine Art Erleichterung empfunden hatte.... Was für ein Dämon wirkt doch in uns, was für schlechte Instinkte steigen in uns auf?

In diesen Gedanken verloren, hatte er seinen Weg verfehlt. Er bemerkte, daß er in die entgegengesetzte Richtung ging, statt nach Hause. Vom Himmel her, der vom Lichtkeil der Scheinwerfer durchschnitten war, hörte man furchtbare Explosionen. Zeppeline waren über der Stadt. Von den Festungswerken donnerten die Kanonen, Luftkämpfe spielten sich ab. Wofür zerrissen sich denn diese rasenden Völker? Um alle dorthin zu gelangen, wo jetzt Bertin war, in jenes Nichts, das gleichermaßen alle Menschen und alle Vaterländer erwartet, sie und alle anderen, die Revolutionäre, die andere Gewalttätigkeiten vorbereiten, andere mörderische Ideale den bisherigen entgegenstellen, neue Götzen der Schlächterei, die der Mensch sich selbst unablässig erschafft, um seine bösen Instinkte zu adeln.

Mein Gott, fühlen sie denn nicht die Dummheit ihres rasenden Tuns, im Angesicht der Sterbenden, mit deren jedem die ganze Menschheit in den Abgrund stürzt? Wie können Millionen Wesen, die doch nur einen Augenblick zu leben haben, sich so abmühen, diesen Augenblick durch ihren erbitterten und lächerlichen Ideenkampf sich so zur Hölle zu machen? Bettler sind sie alle, die einander für eine Handvoll Kupfermünzen, die man ihnen hinwirft und die überdies falsch sind, gegenseitig erschlagen! Alle sind sie gleicher Weise verurteilte Opfer, und statt sich zusammenzuschließen, kämpfen sie wider einander.... Ach, ihr Unglücklichen, geben wir einander doch den Friedenskuß! Auf jeder Stirn, die an mir vorübergleitet, sehe ich den Schweiß des Todeskampfes....

Aber ein Menschenhaufen, Männer und Weiber, an denen er vorüberkam, brüllte und heulte vor Freude.

„Er fällt! Einer fällt! Die Schweinehunde verbrennen!...“

Und die beutegierigen Vögel wiederum, die da oben schwebten, jauchzten in ihrem Herzen bei jedem Todeswurf, den sie über die Stadt säten. Waren sie nicht wie Gladiatoren, die sich gegenseitig in der Arena die Brust durchstoßen, nur damit ein unsichtbarer Nero zufrieden sei?

Oh, meine armen Brüder in Ketten!


Fünfter Teil


They also serve who only stand and wait.   Milton

Noch einmal fand er sich in der Einsamkeit wieder. Nun aber schien ihm die Einsamkeit, so wie er sie nie gesehen, schön und still, mit einem gütigen Antlitz, zärtlichen Augen und sanften Händen, die ihre beruhigende Kühle auf seine Stirn legten. Und diesmal wußte er, daß die göttliche Gefährtin ihn erwählt hatte.

Es ist nicht jedermanns Sache, allein zu sein. Viele klagen mit einem geheimen Stolz darüber, es zu sein, und durch Jahrhunderte klingt diese Klage, aber sie beweist, den Klagenden unbewußt, daß sie nicht Erwählte der Einsamkeit waren, nicht ihre Vertrauten. Sie haben nur die erste Tür aufgetan und warten gelangweilt im Vorraum. Doch sie haben nicht die Geduld gehabt zu warten, bis sie an die Reihe kamen, einzutreten, oder ihr Aufbegehren hat sie wieder ausgestoßen. Man dringt nicht in das Herz der Einsamkeit ohne die Gabe der Gnade oder ohne fromm erduldete Prüfung. Es tut not, vor der Türe den Staub des Weges zurückzulassen, die lärmenden Stimmen der Außenwelt, die kleinen eigensüchtigen, eitlen Gedanken, den klagenden Aufruhr enttäuschter Liebe und verwundeten Strebens. Gleich den reinen orphischen Schatten, deren sterbende Stimme uns auf goldenen Täfelchen erhalten blieb, muß man nackt und allein die „dem Kreise der Schmerzen entflohene Seele der eisigen Quelle darbieten, die dem See des Erinnerns entspringt.“

Es ist das Wunder der Auferstehung. Wer seinen sterblichen Leib verläßt und meint, alles verloren zu haben, entdeckt, daß er erst jetzt in sein wahres Wesen tritt. Und nicht nur er selbst, auch die anderen sind ihm nun zurückgegeben, und er sieht, daß er sie bis jetzt noch nie besessen. Draußen im Getümmel konnte er nie über die Köpfe der Nächsten hinwegsehen und selbst dem Nächsten, der, gegen seine Brust gepreßt, ihn fortschob, konnte er nicht lange in die Augen schauen. Es fehlt an Zeit und fehlt an Abstand. Man spürt nur das Zusammenstoßen von Körpern, die sich in ihren gemeinsam enggedrängten Schicksalen zerpressen und die der dichte Strom des Massenschicksals weiterdrängt. Seinen Sohn hatte Clerambault erst erkannt, als er schon tot war. Und die flüchtige Stunde, da er und seine Tochter sich erfühlten, war jene, wo schon alle Bande des verhängnisvollen Wahns vom Übermaß des Schmerzes gelöst waren.

Nun da er auf dem Weg allmählichen Ausschaltens und Auslesens in die Einsamkeit gelangt und, wie man meinen sollte, von der Leidenschaft der Lebendigen abgeschieden war, nun fand er sie alle wieder in einer leuchtenden Vertrautheit. Alle, nicht nur die Seinen, seine Frau, seine Kinder, sondern alle die Wesen, die er bisher irrig mit seiner schönrednerischen Liebe zu umfassen gemeint hatte — alle malten sich auf dem Grunde seiner inneren Dunkelkammer ab. Am nächtigen Strom des Schicksals, der die Menschheit hinreißt, des Schicksals, das er mit ihr selbst verwechselt hatte, schienen ihm die Millionen Kämpfender wie ringende Balken in der Flut, und jeder Mensch war für sich eine Welt von Freude und Leiden, Traum und Bemühung. Und jeder Mensch war auch das Ich. Ich neige mich über ihn und sehe mich selbst. „Ich“ sagen mir seine Augen, „Ich“ sagt mir sein Herz. Ach, wie ich euch jetzt verstehe, wie doch eure Irrtümer die meinen sind. Selbst in der Erbitterung jener, die mich bekämpfen, erkenne ich dich, mein Bruder, ich lasse mich nicht täuschen: ich bin es selbst.

§

Von nun ab begann Clerambault die Menschen nicht mehr mit seinen Augen zu sehen, mit den Augen unter seiner Stirn, sondern mit seinem Herzen. Er sah sie nicht mehr mit seiner Idee als Pazifist, als Tolstoianer (was ja nur wiederum ein anderer Wahn ist), sondern aus dem Denken jedes einzelnen heraus, indem er sich in ihn verwandelte. Und er entdeckte, er durchschaute die Menschen seiner Umgebung, gerade diejenigen, die ihm die feindlichsten waren, die Intellektuellen und die Politiker, er sah ihre Falten, ihre weiß gewordenen Haare, den bitteren Zug um den Mund, ihren gekrümmten Rücken und ihre gebrechlichen Beine, sah, wie sie angespannt, angekrampft waren und jeden Augenblick in Gefahr, zusammenzubrechen.... Wie waren sie doch gealtert in den letzten sechs Monaten! Im Anfang hatte die Kampfbegeisterung sie noch aufgestrafft, aber je länger der Krieg fortdauerte, je mehr (was immer auch für einen Ausgang er nehmen würde) seine ungeheuren Verheerungen zur Gewißheit wurden, desto mehr lastete auf jedem die Trauer um Gefallene und die Furcht, das Wenige, was ihm geblieben war und das für ihn ein Unendliches bedeutete, zu verlieren. Sie taten alles, um ihre Angst nicht zu verraten, mit der äußersten Qual preßten sie die Zähne zusammen, aber selbst bei den Gläubigsten unter ihnen war die Wunde des Zweifels offen.... Freilich, man mußte schweigen! Darüber durfte man nicht sprechen; es aussprechen, hieß sich selbst vernichten.... Clerambault, der sich an Madame Mairet erinnerte, gelobte sich, von Mitleid durchdrungen, zu schweigen. Aber es war schon zu spät, man kannte seine Anschauungen, er war gewissermaßen die lebendige Verneinung, das wandelnde Gewissen. Man haßte ihn, aber Clerambault war ihnen darum nicht mehr böse. Am liebsten hätte er ihnen geholfen, ihre Illusionen wieder neu aufzubauen.

Von welch tragischer Größe, wie bemitleidenswert wird doch diese Leidenschaft einer Überzeugung im Innern einer Seele gerade dann, wenn sie sich selbst ihrer nicht mehr sicher fühlt. Bei den Politikern bedient sich diese Leidenschaft des lächerlichen Apparats der scharlatanhaften Deklamation, bei den Intellektuellen des tollen Trotzes krankhaft überreizter Gehirne. Aber des ungeachtet sah man überall die unheilbare Wunde, hörte den Angstschrei nach Gläubigkeit, den Schrei nach dem heroischen Wahn. Bei den jungen und schlichteren Menschen nahm diese Gläubigkeit einen rührenden Charakter an, bei ihnen gab es nicht dieses Pathos, dieses vorgetäuschte Allwissen. Nur den Schwur ekstatischer Liebe kannte sie, die alles hingegeben hat und dafür nur ein Wort erwartet, die Antwort: „Ja, es ist wahr, du lebst, meine Geliebte, mein Vaterland, du göttliche Macht, die mir das Leben und alles, was ich liebte, genommen hat....“ Und man fühlte ein Verlangen, sich hinzuknien vor diesen armen, kleinen Trauerkleidern, diesen Müttern, Bräuten und Schwestern, ihre abgemagerten Hände zu küssen, die vor Hoffnung und Furcht eines Jenseits zitterten, und zu sagen: „Weint nicht! Ihr werdet getröstet sein!“

Aber wie sie trösten, wenn man nicht an jenes Ideal glaubt, das sie leben läßt und das sie tötet? Ohne daß er sie kommen gefühlt, war die lange gesuchte Antwort endlich ihm nahe geworden, die Antwort: „Man muß die Menschen mehr als den Wahn und mehr als die Wahrheit lieben.“

§

Die Liebe Clerambaults fand keine Gegenliebe. Niemals war er mehr attackiert worden, obwohl er schon seit Monaten keine Zeile mehr veröffentlicht hatte, und im Herbst 1917 erreichten die Angriffe gegen ihn ein ganz unerhörtes Maß von Gewalttätigkeit. Lächerlich war dieses Mißverhältnis zwischen der schwachen Stimme dieses einzelnen Mannes und jenen Wutausbrüchen, doch dieses Mißverhältnis ergab sich gleicherweise in allen Ländern der Welt. Ein Dutzend armseliger, isolierter, engumschlossener Pazifisten, die keine Möglichkeit besaßen, in irgendeiner großen Zeitung zu Worte zu kommen, und die ihre gewiß rechtliche, aber doch nicht weitklingende Stimme kaum erheben konnten, entfesselte eine wahre Frenesie von Beschimpfungen und Drohungen gegen sich. Beim kleinsten Widerspruch verfiel das vielköpfige Ungeheuer, die öffentliche Meinung, sofort in Epilepsie. — Der weise Perrotin, der sich sonst über nichts wunderte, der klug abseits geblieben war und Clerambault in sein Verderben rennen ließ (da sein Herz es so wollte), erschrak im stillen vor diesem aufschäumenden Übermaß tyrannischer Dummheit. Ist man einmal in der Geschichte um Jahre über solche Zeiten hinaus, so wird man darüber lächeln, aber von nahe gesehen, merkte man, daß die menschliche Vernunft damals dicht vor dem Zusammenbruche stand. Man mußte sich fragen, warum gerade in diesem Kriege die Menschen viel allgemeiner ihre Ruhe verloren hatten als in jedem anderen der Vergangenheit. Ist er denn wirklich gewalttätiger gewesen? Kinderei! Und bewußtes Vergessen alles dessen, was zu unserer Zeit vor unseren Augen geschehen ist in Armenien, auf dem Balkan, bei der Niederdrückung der Kommune, in Kolonialkriegen und bei den neuen Konquistadoren Chinas und des Kongos.... Von allen Wesen der Erde ist, wir wissen es ja, der Mensch das grausamste Tier. — Oder kam es davon, daß sich die Menschen besonders auf diesen Krieg vorbereitet hatten? Im Gegenteil! Die Völker des Abendlandes waren an einem Punkt der Entwicklung angelangt, wo der Krieg dermaßen absurd wird, daß es unmöglich ist, ihn bei voller, bewußt bewahrter Vernunft durchzuführen. Deshalb war es nötig, die Vernunft zu betäuben, zu delirieren, wollte man nicht den Tod erleiden, den Tod durch Verzweiflung oder durch den schwärzesten Pessimismus. Deshalb regte auch die Stimme eines einzelnen, der seine Vernunft behalten hatte, die anderen, die alle gewaltsam vergessen wollten, so zum Zorn auf, denn sie hatten Angst, diese Stimme könne sie selbst erwecken und sie würden ernüchtert, nackt sich selbst und ihrer ganzen Schmach ins Auge sehen müssen.

Überdies war damals die Situation für den Krieg ungünstig. Die große neuangefachte Hoffnung auf den Sieg und den Ruhm verflüchtigte sich, denn immer klarer wurde es, von welcher Seite man auch das Problem betrachtete, daß der Krieg für alle Beteiligten ein sehr schlechtes Geschäft sein würde. Weder die materiellen Interessen, noch der Ehrgeiz, noch der Idealismus schienen auf ihre Rechnung zu kommen, und diese bittere bald bevorstehende Enttäuschung, daß Millionen Menschen ohne Resultat aufgeopfert sein sollten, ließ die Menschen, die sich moralisch verantwortlich fühlten, vor Wut schäumen. Sie hatten nur zwei Möglichkeiten, entweder sich selbst anzuklagen oder sich an anderen zu rächen. Und da fiel ihnen die Wahl natürlich nicht schwer. Wer diesen Mißerfolg vorausgesehen und alles daran gesetzt hatte, ihn zu verhindern, den machten sie nun verantwortlich für das Mißlingen. Jeder Rückzug in der Armee, jede Dummheit der Diplomaten suchte sich sofort mit einer pazifistischen Machination zu entschuldigen. Diesen Menschen, die niemand kannte, die bei niemand beliebt waren und auf die niemand hörte, schrieben ihre Gegner eine ungeheure Macht zu, eine ganze Organisation der Niederlage. Und damit niemand sich darüber täusche, daß sie nicht den starken Sieg wollten, hing man ihnen das Wort „Flaumacher“ um den Hals. Es fehlte nur noch, daß man, so wie einst in der guten alten Zeit die Ketzer, sie auch verbrannte. Der Henker war noch nicht zur Stelle, wohl aber die Henkersknechte.

Um in Schwung zu kommen, hielt man sich zunächst an ungefährliche Leute, an Frauen, Lehrer, die niemand kannte, und die sich schlecht zu verteidigen wußten. Dann erst suchte man sich die saftigeren Bissen aus. Für gerissene Politiker war das eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich gefährlicher Rivalen zu entledigen, die einige unangenehme Geheimnisse ihrer Herren von gestern wußten. Und nach dem alten Rezept vermischte man dann in geschickter Weise die Anklagen, nähte gemeine Schwindler und jene Menschen, deren Charakter oder Geist beunruhigte, in denselben Sack, damit bei diesem Mischmasch das verdutzte Publikum nicht einmal mehr versuchen konnte, einen anständigen Menschen von einem Lumpen zu unterscheiden. Wer noch nicht genügend durch seine Tätigkeit kompromittiert war, galt dann als kompromittiert durch seine Bekanntschaften und seine Beziehungen. Und fehlten auch diese, so konnte man sie ja herbeischaffen, sie wurden ganz nach Maß des Anklageaktes jederzeit rasch zurechtgeschnitten.

War es festzustellen, ob Xavier Thouron im bestellten Auftrage Clerambault aufsuchte? Es wäre wohl möglich gewesen, daß er aus eigenem Antrieb kam, freilich, wer konnte sagen, zu welchem Zweck. Wußte er es selbst? Im Sumpf der Großstadt gibt es immer skrupellose, fieberhaft tätige arbeitsscheue Abenteurer, die überall wie die Wölfe herumschnüffeln und suchen, „quem devorent“. Ihr Hunger und ihre Neugier sind ungeheuer und alles dient ihnen dazu, dieses bodenlose Faß zu füllen. Schwarz oder Weiß, sie tun alles ohne Gewissensbedenken, sie sind ebenso bereit, einen ins Wasser zu werfen, wie hineinzuspringen, um ihn herauszuziehen. Um ihr Leben haben sie keine Angst, sie wollen nur das Tier in sich füttern und amüsieren. Wenn solche Menschen nur für einen Augenblick aufhörten, ihre Grimassen zu schneiden und zu schlingen, würden sie an Langeweile und Selbstabscheu zugrunde gehen. Aber damit hat es keine Not, dazu sind sie zu klug; sie verlieren keine Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sie „in Schönheit sterben“ könnten.

Niemand hätte recht sagen können, was Thouron eigentlich wollte, als er Clerambault aufsuchte. Wie immer war er ausgehungert, herumgehetzt, ziellos und nach einem Braten schnuppernd. Er gehörte zu den Seltenen seiner Klasse (und damit zum Typ der großen Journalisten), die, ohne sich die Mühe zu nehmen, das, worüber sie sprechen, zuvor zu lesen, sich doch rasch eine lebendige, blendende und oft wie durch ein Wunder sogar ziemlich richtige Vorstellung machen können. Ohne zuviel Irrtümer entwickelte er Clerambaults „Evangelium“ und tat so, als ob er daran glaube. Vielleicht glaubte er wirklich daran, solange er sprach. Warum auch nicht? Er war ja auch zu gewissen Stunden Pazifist. Das hing vom Wind ab, der gerade wehte, von der Haltung gewisser Kollegen, denen er gerade nachbetete oder denen er widersprach. Clerambault war von seinen Worten berührt. Nie hatte er sich ganz das kindliche Vertrauen in den ersten Besten, der ihn um Hilfe bat, abgewöhnen können, und dann war er von den gegnerischen Zeitungen nicht allzu verwöhnt. In der Überfülle des Herzens ließ er sich also seine geheimsten Gedanken entlocken. Der andere nahm sie in scheinbarer Ergebenheit auf.

Eine so eng eingegangene Bekanntschaft konnte nicht auf diesem Punkt stehen bleiben. Ein Briefwechsel begann zwischen den beiden, in dem der eine sprach und der andere ihn zum Sprechen verlockte. Thouron wollte durchaus Clerambault bereden, seine Gedanken in kleinen populären Traktaten auszusprechen, und bot sich an, sie in den Arbeiterkreisen zu verbreiten. Clerambault zögerte und sagte schließlich nein, und zwar nicht deshalb, weil er aus Prinzip (wie es heuchlerisch die Anhänger der bestehenden Ordnung und Ungerechtigkeit tun) die geheime Propaganda einer neuen Wahrheit mißbilligte, wenn keine öffentliche möglich war — jede unterdrückte Wahrheit flüchtet sich ins Unterirdische, in die Katakomben —, sondern er sagte nein, weil er sich seinerseits für eine solche Form der Wirksamkeit nicht bestimmt fühlte. Seine Aufgabe war, ganz offen zu sagen, was er dachte, und die Folgen seiner Worte auf sich zu nehmen. Das Wort mußte sich dann durch sich selbst verbreiten — seine Aufgabe konnte nicht sein, es den Menschen ins Haus zu tragen. Überdies warnte ihn ein geheimer Instinkt — er wäre errötet, hätte er sich erlaubt, ihn wach werden zu lassen —, eine Art von Mißtrauen gegen die dienstfertig angebotene Hilfe seines neuen Commis voyageur. Freilich konnte er dessen Eifer nicht immer im Zaume halten. Thouron veröffentlichte in seiner Zeitung eine Verteidigung Clerambaults, erzählte darin über seine Gespräche und Besuche, entwickelte die Gedanken seines Meisters und kommentierte sie. Clerambault war sehr erstaunt, als er seine eigenen Gedanken dort las, denn er kannte sie in dieser Form nicht wieder. Dennoch konnte er aber seine Vaterschaft nicht verleugnen, denn in die Kommentare Thourons waren Zitate aus seinen Briefen eingefügt, deren Text vollkommen korrekt war. Freilich erkannte er sich in diesen noch weniger, denn die selben Sätze nahmen in den Zusätzen, in die sie eingepfropft waren, einen Akzent und eine Farbe an, die er ihnen nie gegeben hatte. Dazu kam, daß die Zensur, besorgt um das Heil des Staates, hie und da aus den Zitaten eine halbe Zeile oder ganze Zeilen und ganz unschuldige Absätze herausgeschnitten hatte, deren Unterdrückung natürlich dem überreizten Gefühl des Lesers die ungeheuerlichsten Dinge suggerierte. Die Wirkung dieser Veröffentlichung ließ selbstverständlich nicht auf sich warten; es war Öl ins Feuer, und Clerambault wußte nicht, welche Heiligen er anrufen sollte, um seinen Verteidiger zum Schweigen zu bringen. Böse konnte er ihm freilich nicht sein, denn Thouron bekam auch sein gutes Teil an Drohungen und Beschimpfungen ab, nahm sie aber entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Fell war schon von früher reichlich gegerbt.

Daß sie beide gemeinsam beschimpft worden waren, schien Thouron ein Verfügungsrecht über Clerambault zu geben. Zuerst versuchte er, ihm Aktien seiner Zeitung anzuhängen, und nahm ihn dann, ohne ihn vorher zu verständigen, öffentlich in das Ehrenkomitee seines Blattes auf. Er war sehr ungehalten darüber, daß Clerambault, der erst einige Wochen später davon erfuhr, damit nicht zufrieden war, und von nun ab erkalteten ihre Beziehungen, obwohl Thouron nicht aufhörte, deshalb doch von Zeit zu Zeit in seinen Artikeln den Namen seines „berühmten Freundes“ wie eine Fahne zu hissen.... Clerambault ließ es ruhig geschehen, überglücklich, ihn um diesen Preis los zu sein. Und er hatte ihn schon ganz aus den Augen verloren, als er eines Tages hörte, Thouron sei verhaftet. Man beschuldigte ihn irgendeiner schmutzigen Geldangelegenheit, in der die öffentliche Erregtheit natürlich die Hand des Feindes sehen wollte. Die dem von höherer Stelle gegebenen Wink immer gehorsame Justiz fand natürlich zwischen diesen Mogeleien und der sozusagen pazifistischen Tätigkeit, die Thouron in seinem Blatte abwechselnd mit plötzlichen Anfällen von Kriegswut ab und zu, aber nie regelmäßig und bewußt, entwickelt hatte, Zusammenhänge. Selbstverständlich machte man ihn zum Teilhaber an dem Defaitistenkomplott. Und die Beschlagnahme seiner Korrespondenz gab nun gute Gelegenheit, alle diejenigen zu kompromittieren, die man gerade kompromittieren wollte. Thouron hatte sich sorgfältig alle an ihn gerichteten Briefe aufbewahrt, es waren darunter solche von allen Parteien, und nun konnte man nach Belieben auswählen. Und man wählte.

Clerambault erfuhr durch die Zeitungen, daß auch er zu den Erwählten zählte. Nun jubelten sie! Endlich hatte man ihn erwischt! Jetzt erklärte sich ja alles. Denn nicht wahr, dafür, daß irgendein Mensch anders denkt, als die ganze Welt, dafür muß doch irgendein unterirdischer niedriger Beweggrund vorhanden sein! Man muß ihn nur suchen, dann wird man ihn schon finden.... Nun hatte man ihn gefunden. Ohne weiteres abzuwarten, kündigte ein Pariser Blatt öffentlich den „Verrat“ Clerambaults an. In den Akten der Justiz war dafür natürlich kein Beleg, aber die Justiz ließ es ruhig sagen und berichtigte nicht, es ging sie ja nichts an. Vergebens bat Clerambault den Untersuchungsrichter, zu dem er berufen ward, man möchte ihm doch sagen, was für ein Delikt er begangen habe. Der Richter war höflich, zeigte alles Entgegenkommen, das einem Mann seines Namens gebührte, schien aber keine Eile zu haben, zu einem Ende zu kommen. Es war, als ob er noch auf irgendetwas wartete ... Worauf?... Auf das Delikt.

§

Frau Clerambault hatte nichts von einer antiken Römerin oder von dem Geiste der stolzen Jüdin in der berühmten Affäre, die Frankreich vor ungefähr zwanzig Jahren in einem leidenschaftlichen Widerspruch zerriß — von jenen Frauen, die gerade durch die öffentliche Ungerechtigkeit gegen ihren Mann nur noch enger mit ihm verbunden werden. Ihr wohnte jener Instinkt ängstlichen Respekts der französischen Bourgeoisie vor der staatlichen Justiz inne, und obwohl sie guten Grund hatte zu wissen, daß die Beschuldigungen gegen Clerambault nicht stichhaltig waren, so schien ihr die Tatsache selbst, daß er überhaupt unter Anklage stand, schon eine Unehre, von der sie sich beschmutzt fühlte. Sie konnte nicht schweigend darüber hinwegkommen. Clerambault fand als Antwort auf ihre Vorwürfe, ohne es selbst zu wollen, gerade die Form, die sie am meisten außer sich brachte. Statt ihr zu entgegnen oder zum mindesten sich zu verteidigen, sagte er nur:

„Du Arme.... Ja, ja, ich verstehe dich ja.... Es ist ein Unglück für dich.... Ja, ja, du hast ja recht ...“

Und er wartete, bis das Unwetter vorüber war. Diese ruhige Hinnahme brachte Frau Clerambault, die wütend war, ihm nicht beikommen zu können, gänzlich aus der Fassung. Denn sie fühlte vollkommen, daß er nichts an seiner Handlungsweise ändern würde, obwohl er ihr recht gab. Aus Verzweiflung ließ sie ihm das letzte Wort und schüttete ihre ganze Erbitterung vor ihrem Bruder aus. Leo Camus war der Letzte, ihr zur Nachsicht zu raten, er schlug ihr vielmehr vor, sich scheiden zu lassen, ja, er stellte ihr dies sogar als ihre Pflicht hin. Aber das war zuviel verlangt. Der traditionelle Abscheu vor der Ehescheidung ließ in dieser braven Bürgerfrau erst so recht das Bewußtsein ihrer tiefen Treue erwachen. Das Heilmittel schien ihr schlimmer als das Übel. So blieben die beiden Eheleute beisammen, aber die Innigkeit ihrer Gemeinschaft war dahin.

Rosine war fast immer abwesend. Um ihre Qual zu vergessen, bereitete sie sich für eine Krankenpflegerinprüfung vor und verbrachte den größten Teil des Tages außerhalb des Hauses. Aber auch wenn sie daheim war, weilten ihre Gedanken anderwärts. Clerambault hatte die einstige Stellung im Herzen seiner Tochter verloren, ein anderer hatte sie inne: Daniel. Sie blieb kühl gegenüber den zärtlichen Annäherungen ihres Vaters: es war dies für sie eine Art, ihn dafür zu bestrafen, daß er absichtslos den Bruch mit dem Freunde verursacht hatte. Sie war sich vollkommen dieser Abwehr bewußt und zu gerecht, um sich daraus nicht einen Vorwurf zu machen. Aber das änderte nichts an ihrem Verhalten: ungerecht sein erleichtert das Herz.

Auch Daniel vergaß nicht, daß er unvergessen war. Er mochte seine Handlungsweise nicht sehr rühmenswert finden und schob, um allen Gewissensbissen auszuweichen, die Verantwortung dafür seiner Umgebung zu, deren tyrannischer Meinungszwang ihn gebunden hätte. Aber im Innersten war er nicht recht befriedigt.

Der Zufall kam den beiden schmollenden Verliebten zu Hilfe. Ernstlich, wenn auch nicht gefährlich verletzt, wurde Daniel nach Paris zurückgebracht. Während seiner Rekonvaleszenz begegnete er Rosine vor dem Bon Marché. Er zögerte einen Augenblick, doch sie tat nicht desgleichen, sondern kam auf ihn zu; sie gingen zusammen über den Platz und begannen eine lange Unterhaltung, die nach anfänglichem Zögern und einem Hin und Her von Vorwürfen und Geständnissen schließlich zu einer völligen Einigung führte. Und so sehr waren die beiden in ihre zärtliche Auseinandersetzung vertieft, daß sie Frau Clerambault nicht vorüberkommen sahen. Die gute Frau, wütend über diese für sie unerwartete Begegnung, lief schleunigst nach Hause, die Neuigkeit Clerambault zu übermitteln, denn trotz ihrer Unstimmigkeiten konnte sie vor ihm nicht schweigen. Auf ihre aufgeregte Erzählung — denn die Intimität ihrer Tochter mit einem Manne, dessen Familie sie beleidigt hatte, schien ihr unerhört unstatthaft — erwiderte Clerambault nach seiner neuen Gewohnheit zunächst nichts. Dann lächelte er, hob den Kopf und sagte schließlich:

„Das ist ja ausgezeichnet.“

Frau Clerambault unterbrach sich, zuckte mit den Achseln und machte Miene, aus dem Zimmer zu gehen. Bei der Tür aber wandte sie sich noch einmal um und sagte empört:

„Diese Leute haben dich und deine Tochter beleidigt, und ihr waret beide einer Meinung, man solle nicht mehr mit ihnen verkehren. Jetzt macht deine Tochter, die sich von ihnen hat zurückweisen lassen, ihnen wieder Avancen und du findest das ausgezeichnet! Das soll der Teufel verstehen.... Ihr seid ja Narren.“

Clerambault versuchte ihr zu erklären, daß das Glück seiner Tochter nicht darin bestünde, seiner Meinung zu sein, und daß Rosine nur recht hatte, für ihren Teil die Dummheiten ihres Vaters gutzumachen.

„Deine Dummheiten ... nun“, sagte Frau Clerambault, „das ist das erste vernünftige Wort, das du in deinem ganzen Leben ausgesprochen hast.“

„Siehst du“, antwortete Clerambault.

Er ließ sich von ihr versprechen, Rosine nichts zu sagen, damit sie ganz frei ihren kleinen Liebesroman durchführen könne.

Als Rosine heimkehrte, strahlte ihr Gesicht, aber sie erzählte nichts. Für Frau Clerambault war es eine große Anstrengung, zu schweigen, Clerambault dagegen beobachtete mit zärtlichem Behagen, wie das Glück wieder im Gesicht seiner Tochter strahlte. Er wußte nicht genau, was vorgefallen war, aber er konnte es sich wohl denken — nämlich, daß Rosine ihn ganz einfach über Bord geworfen hatte. Zweifellos hatten die beiden Verliebten sich auf Kosten ihrer Eltern geeinigt und mit wundervoller Gleichmütigkeit die gegenseitigen Übertreibungen ihrer alten Leute einander preisgegeben. Daniel war in den Leidensjahren des Schützengrabens, ohne in seinem Patriotismus erschüttert zu sein, doch vom engherzigen Fanatismus seiner Familie frei geworden, Rosine wiederum — sie handelten Zug um Zug — hatte sanft zugegeben, daß ihr Vater im Irrtum war. Ihr frommes und ein wenig gleichgültiges Herz fand sich leicht mit der stoischen Unterwerfung Daniels unter die herrschende Ordnung zusammen, und sie hatten beschlossen, gemeinsam ihren Weg zu gehen, ohne sich weiterhin zu kümmern um die Zänkereien der Alten, die vor ihnen waren, und die sie nun hinter sich zurückließen. Über die Zukunft machten sie sich weiter keine Sorgen. So wie all die Millionen Wesen verlangten sie von der großen Welt nichts als ihr Teil an augenblicklichem Glück und schlossen die Augen vor dem Rest.

Frau Clerambault war aus dem Zimmer gegangen, verärgert darüber, daß ihre Tochter nichts von der Begegnung erzählt hatte. Clerambault und Rosine träumten vor sich hin, er vor dem Fenster, seine Zigarre rauchend, Rosine eine Zeitung in der Hand, in der sie nicht las. Vor ihren inneren Augen versuchte sie, sich noch einmal die Einzelheiten ihrer eben erlebten Augenblicke wieder vorzumalen, da begegneten sie dem müden Gesicht ihres Vaters. Es war ein Ausdruck von Melancholie darin, der sie erschütterte. Sie stand auf, stellte sich hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einem kleinen Seufzer von Mitleid, der aber doch ihre innere Zufriedenheit nicht ganz verbergen konnte:

„Armer Papa!“

Clerambault hob die Augen, sah Rosine an, deren Züge gegen ihren eigenen Willen noch ganz hell und strahlend waren.

„Das kleine Mädchen aber“, sagte er, „ist also nicht mehr arm?“

Rosine errötete.

„Warum sagst du das?“ fragte sie.

Clerambault drohte mit dem Finger. Rosine neigte sich von rückwärts über ihn, lehnte ihre Wange an die Wange ihres Vaters.

„Es ist also nicht mehr arm?“ wiederholte er.

„Nein“, sagte Rosine, „im Gegenteil, sie ist jetzt sehr reich.“

„So sag doch ein wenig, was hat sie alles?“

„Sie hat ... natürlich zunächst ihren lieben Papa ...“

„Oh, die kleine Lügnerin“, sagte Clerambault, während er versuchte, sich von ihr loszumachen und ihr in die Augen zu sehen.

Aber Rosine bedeckte ihm die Augen und den Mund mit der Hand.

„Nein, ich will nicht, daß du mich anschaust, ich will nicht, daß du noch weiterredest.“ Und sie umarmte ihn und sagte dann nochmals, während ihre Hand ihn umschmeichelte:

„Armer Papa!“

§

Den Sorgen des Hauses war sie nun glücklich entkommen, und bald flog sie ganz aus dem Nest. Nach erfolgreicher Absolvierung ihrer Pflegerinprüfung wurde sie in ein Provinzspital gesandt: nun fühlten die Clerambaults noch schmerzlicher die Leere ihres Heims.

Der Einsamere von ihnen war aber nicht Clerambault. Er wußte es und beklagte aufrichtig seine Frau, die weder stark genug war, ihm zu folgen, noch sich von ihm loszulösen. Er für seinen Teil konnte, was immer auch geschah, auf gewisse Sympathien zählen, ja, es war sogar gewiß, daß gerade eine Verfolgung neue erwecken und die bisher zurückgehaltenen ans Tageslicht bringen würde. Und eben in diesem Augenblick war eine sehr teure Zuneigung zu ihm gekommen.

Eines Tages, als er allein in seinem Zimmer saß, läutete es, er ging hinaus und öffnete die Tür. Eine Dame, die er nicht kannte, überreichte ihm einen Brief und sagte, er sei für ihn bestimmt. Im Dunkel des Vorraumes glaubte sie anfangs, es mit einem Diener zu tun zu haben, und merkte erst später ihren Irrtum. Er wollte sie bitten, einzutreten, aber sie sagte:

„Nein, ich bin nur die Überbringerin.“

Sie ging wieder fort, aber kaum daß sie gegangen war, bemerkte er ein kleines Veilchensträußchen, das sie auf den Schrank bei der Tür hingelegt hatte.

Im Briefe aber stand:

Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.

„Sie kämpfen für uns, und Ihr Herz ist in uns. Geben Sie uns Ihre Leiden, ich gebe Ihnen meine Hoffnung, meine Kraft, meine Liebe — ich, der ich nicht mehr tätig sein kann, der nur durch Sie tätig zu sein vermag.“

Die jugendliche Inbrunst und die letzten, ein wenig mysteriösen Worte bewegten und erregten Clerambault. Er versuchte, sich das Bildnis seiner Besucherin zu erwecken. Sie war nicht mehr ganz jung gewesen: ziemlich scharfe Züge, dunkle und ernste Augen, die leise aus dem matten Antlitz lächelten. Wo hatte er sie nur schon gesehen? Aber trotz aller inneren Mühe verschwand das Bild immer mehr.

Schon einige Tage später fand er die Fremde in einer Allee des Luxembourggartens einige Schritte vor sich wieder. Sie ging an ihm vorbei, aber er überquerte die Allee, um ihr zu begegnen. Sie blieb stehen, als sie ihn kommen sah. Er dankte ihr und fragte sie, warum sie so rasch fortgegangen sei, ohne sich ihm bekanntzumachen? In diesem Augenblick bemerkte er, daß er sie seit langem kannte. Schon oft war er ihr früher im Luxembourggarten oder den umliegenden Straßen mit einem großen Jungen, offenbar ihrem Sohne, begegnet, und immer, wenn er an ihnen vorbei kam, hatten ihn ihre Blicke mit einem leisen Lächeln vertrauter Ehrfurcht begrüßt und, ohne daß er ihren Namen wußte, ohne daß er jemals mit ihnen ein Wort gewechselt hatte, gehörten sie für ihn zu jenen lieben und vertrauten Schatten, die unser tägliches Leben begleiten, und die wir nicht immer bemerken, solange sie neben uns sind, die uns aber sofort eine Leere fühlen lassen, sobald sie verschwinden. Deshalb übertrug sich unbewußt auch sein Gedanke von der Frau vor ihm auf den jungen Begleiter, der ihm an ihrer Seite fehlte, und er sagte mit einer plötzlichen unvorsichtigen Eingebung (unvorsichtig, denn wer weiß in diesen Zeiten der Trauer jene, die noch in der Welt der Lebendigen sind?):

„War es Ihr Sohn, der an mich geschrieben hat?“ „Ja“, sagte sie, „er liebt Sie sehr. Wir lieben Sie seit langem.“

„Er soll doch zu mir kommen!“

Ein Schatten von Traurigkeit verhüllte das Antlitz der Mutter.

„Er kann ja nicht.“

„Wo ist er denn? An der Front?“

„Nein, hier.“

Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Clerambault:

„Ist er verwundet?“

„Wollen Sie ihn sehen?“ antwortete die Mutter.

Clerambault begleitete sie. Sie schwieg, und er wagte nicht, zu fragen. Er sagte nur:

„Zum mindesten haben Sie ihn um sich.“

Sie verstand und reichte ihm die Hand.

„Wir stehen einander sehr nahe.“

Er wiederholte:

„Aber Sie haben ihn wenigstens noch.“

„Ich habe seine Seele“, sagte sie.

Sie waren zu dem Haus gelangt, einem jener alten Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert, in einer der engen und noch historisch erhaltenen Straßen zwischen dem Luxembourg und Saint-Sulpice, in denen noch die zusammengehaltene Schönheit des alten Paris sichtbar geblieben ist. Die große Tür selbst war tagsüber geschlossen, Frau Froment ging Clerambault voraus, stieg am Ende des steingepflasterten Hofes ein paar Schwellen empor und schloß die Tür der ebenerdig gelegenen Wohnung auf.

„Mein kleiner Edme“, sagte sie, während sie die Zimmertür auftat, „eine Überraschung für dich!... Rate einmal ...“

§

Clerambault sah im Bett einen jungen Mann ausgestreckt, der ihn ansah. Das blonde Antlitz des Fünfundzwanzigjährigen, dem die Abendsonne einen rötlichen Schein gab, war von klugen Augen erhellt und schien so gesund und ruhevoll, daß man gar nicht auf den Gedanken einer Krankheit kam, wenn man ihn sah.

„Sie!...“ sagte er, „Sie hier!“

Eine freudige Überraschung verjüngte noch mehr seine knabenhaften Züge, aber weder sein Leib noch seine Arme machten eine Bewegung unter der Decke. Und Clerambault merkte, daß nur sein Kopf wirklich lebendig war.

„Mama hat mich verraten“, sagte Edme Froment.

„Sie wollten mich also nicht sehen?“ fragte Clerambault und neigte sich über sein Kissen. „Das will ich nicht sagen“, antwortete Edme, „ich möchte nur nicht gern gesehen werden.“

„Und warum denn?“ fragte Clerambault gutmütig, mit einer leichten Anstrengung, heiter zu scheinen.

„Weil man niemand einladet, wenn man nicht mehr zu Hause ist.“

„Wo sind Sie denn?“

„Mein Gott, ich möchte fast darauf schwören ... in einer ägyptischen Mumie....“

Und er deutete mit einem Blick auf das Bett, in dem sein Körper unbeweglich lag.

„Es ist kein Leben mehr darin“, sagte er.

„Du bist der Lebendigste von uns allen“, protestierte eine Stimme neben ihm.

Clerambault bemerkte auf der anderen Seite des Bettes einen jungen Mann etwa im Alter Edme Froments, der voll Gesundheit und Kraft schien. Edme Froment lächelte und sagte zu Clerambault:

„Mein Freund Chastenay hat so viel Leben in sich, daß er mir davon leiht.“

„Ach, wenn ich es dir geben könnte“, sagte der andere.

Die beiden Freunde wechselten einen zärtlichen Blick.

Chastenay fuhr fort:

„Ich würde dir dann doch nur einen Teil dessen geben, was ich dir verdanke ...“

Und indem er sich an Clerambault wandte:

„Er ist es, der uns alle aufrecht hält, nicht wahr, Frau Fanny?“

Die Mutter sagte zärtlich:

„Mein guter Sohn, das ist wohl wahr.“

„Ihr macht euch den Umstand zunutze“, sagte Edme, „daß ich mich nicht verteidigen kann....“ (Und zu Clerambault sprechend:) „Sie sehen, ich bin gefangen und kann mich nicht rühren.“

„Sie sind verwundet?“

„Gelähmt.“

Clerambault wagte nicht, nach Einzelheiten zu fragen.

„Sie haben aber keine Schmerzen?“

„Ach, ich wünschte es mir vielleicht, denn der Schmerz ist immerhin noch ein Band, das uns mit dieser Welt verknüpft. Aber ich gebe es zu, daß ich mich an das schwere Schweigen dieses Körpers, in den ich eingetan bin, langsam gewöhne ... übrigens, sprechen wir nicht mehr davon, jedenfalls der Geist ist frei. Wenn es auch nicht wahr ist, daß er „agitat molem“, so schlüpft er doch gern heraus.“

„Jüngst“, sagte Clerambault, „war er bei mir zu Gaste.“

„Das war nicht zum erstenmal, er ist oft zu Ihnen gekommen.“

„Und ich glaubte mich so allein....“

„Erinnern Sie sich“, sagte Edme, „an das Wort Randolphs zu Cecil: Die Stimme eines einzigen Menschen ist imstande, in einer Stunde mehr Leben in uns zu bringen, als der Lärm von 500 Trompeten, die unaufhörlich blasen.“

„Das gilt aber auch von dir“, sagte Chastenay.

Froment schien seine Worte nicht gehört zu haben und sagte wieder zu Clerambault:

„Sie haben uns erweckt!“

Clerambault betrachtete die schönen, tapferen und ruhigen Augen des vor ihm Liegenden und sagte:

„Diese Augen bedurften dessen nicht!“

„Jetzt bedürfen sie dessen nicht mehr“, antwortete Edme. „Man sieht besser aus der Entfernung, wenn man aus den Dingen heraus ist. Aber solange ich nahe, ganz nahe war, konnte ich nichts unterscheiden.“

„So sagen Sie mir, was Sie jetzt sehen?“

„Es ist spät“, antwortete Edme, „und ich bin ein wenig müde. Wollen Sie vielleicht ein andermal kommen?“

„Ich komme morgen wieder.“

Clerambault trat aus dem Zimmer, Chastenay ging ihm nach. Er fühlte das Bedürfnis, die Geschichte der Tragödie, deren Held und Opfer sein Freund geworden war, jemandem anzuvertrauen, der die Qual und die Größe eines solchen Aktes würdigen konnte.

Edme Froment, den ein Granatsplitter an der Wirbelsäule getroffen und in seiner Vollkraft gelähmt hatte, war einer der jungen geistigen Führer seiner Generation, schön, leidenschaftlich, beredt, übervoll von Leben und Träumen, liebend und geliebt, ehrgeizig im schönsten Sinne, und nun ein lebendig Toter. Seine Mutter, die ihren ganzen Stolz und ihre ganze Liebe in ihn gesetzt hatte, sah ihn auf Lebenszeit verurteilt, und ihre Qual mußte ungeheuer sein. Aber beide verbargen sie voreinander. Diese gegenseitige Spannung hielt sie aufrecht. Beide waren sie aufeinander stolz. Sie pflegte ihn, wusch ihn, reichte ihm das Essen wie einem kleinen Kinde, er wiederum zwang sich zur Ruhe, um sie zu beruhigen, und trug sie auf den Schwingen des Geistes empor.

„Ach“, sagte Chastenay, „man muß sich schämen, zu leben und gesund zu sein, noch Arme zu haben, um das Leben zu umfassen, und Gelenke, um zu gehen und zu springen, und mit vollem Bewußtsein die Frische der Luft zu trinken.“

Er breitete beim Sprechen die Arme aus, hob den Kopf, und atmete tief ein.

„Und das Traurigste“, fuhr er fort, indem er Kopf und Stimme beschämt senkte, „das Traurigste ist, daß ich diese Scham gar nicht wirklich fühle.“

Clerambault mußte unwillkürlich lächeln.

„Ja, es ist nicht sehr heroisch von mir“, fuhr Chastenay fort, „und doch liebe ich Froment wie niemand anderen auf der Welt. Sein Schicksal quält mich unablässig .... und doch, es ist stärker als ich. Wenn ich daran denke, daß ich unter so vielen Hingeschlachteten das Glück habe, jetzt hier zu sein, zu fühlen mit allen meinen lebendigen Sinnen, so ist es mir schwer, meine Freude zu verbergen.... Ach, es ist ja so schön, so ganz leben zu dürfen!... Der arme Froment ... Aber Sie werden mich furchtbar egoistisch finden?“

„Nein, durchaus nicht“, sagte Clerambault. „Sie sprechen, wie die gesunde Natur spricht. Wären alle so aufrichtig wie Sie, so wäre die Menschheit nicht eine Beute jener gefährlichen Lust der Vergötterung des Leidens; Sie haben übrigens alles Recht, das Leben zu genießen, nachdem sie seine härtesten Proben bestanden haben.“

(Und er deutete auf das Kriegskreuz des jungen Mannes.)

„Ich bin hingegangen und gehe wieder zurück“, sagte Chastenay, „aber glauben Sie mir, es ist meinerseits kein Verdienst dabei. Ich täte es ja nicht, wenn ich dem Zwang ausweichen könnte. Es hat keinen Sinn, sich Staub in die Augen zu streuen: wenn man in das dritte Jahr des Krieges kommt, so hat man nicht mehr jene Liebe zum Wagnis und jene Gleichgültigkeit wie im Anfang. Damals, das muß ich zugestehen, hatte ich sie noch, damals war ich eine reine Unschuld an Heldentum. Aber es ist schon lange her, daß ich diese Jungfernschaft verloren habe, die aus Unbildung und Schönrederei zusammengeflickt war. Ist die einmal weg, so wird der Irrsinn des Krieges, die Idiotie der Massaker, die Häßlichkeit und Schauerlichkeit dieser Opfer auch dem Beschränktesten klar. Wenn es auch gar zu unmännlich wäre, vor dem Unvermeidlichen die Flucht zu ergreifen, so drängt man sich wenigstens nicht dazu, irgend etwas Unnötiges zu tun. Der große Corneille war eben auch ein Held des Hinterlandes. Die an der Front, die ich gekannt habe, die waren fast alle Helden gegen ihren Willen.“

„Aber das ist ja der wahre Heroismus“, sagte Clerambault.

„Und das ist jener Froments“, antwortete Chastenay, „er ist Held, weil er nicht anders kann, weil er nicht mehr bloß ein Mensch sein kann. Aber was ihn uns so teuer macht, ist, daß er trotzdem ein Mensch geblieben ist.“

§

Die ganze Richtigkeit dieser Worte wurde Clerambault in der langen Unterhaltung klar, die er am nächsten Nachmittag mit Froment hatte. Es war um so mehr Verdienst darin, wenn sich der Stolz Froments im Zusammenbruch seines Lebens nicht verleugnete, als er vordem niemals den Kult des Verzichts betrieben hatte. Im Gegenteil, er hatte immer große Hoffnungen und einen starken Ehrgeiz gehabt, den seine geistigen Gaben und seine glückliche Jugend durchaus rechtfertigten. Nicht einen einzigen Tag hatte er sich wie Chastenay einer Illusion über den Krieg hingegeben, sondern sofort seine gefährliche Torheit durchschaut. Diese Erkenntnis verdankte er nicht nur seinem starken Intellekt, sondern vor allem der geistigen Führerin, die von Kindheit an die Seele ihres Sohnes aus dem Reinsten ihres Wesens geformt hatte.

Frau Froment, die Clerambault fast täglich bei seinen Besuchen antraf, hielt sich abseits beim Fenster und warf von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihren Sohn. Sie war eine jener Frauen, die zwar nicht eine außerordentliche Intelligenz, aber doch ein Genie des Herzens besitzen. Als Witwe eines Arztes, der viel älter war als sie, und dessen weitreichender Geist den ihren befruchtet hatte, waren ihr in ihrem Leben nur zwei sehr tiefe, untereinander sehr verschiedene Neigungen bewußt geworden: die fast kindliche Neigung für ihren Gatten und die fast zärtliche für ihren Sohn.

Doktor Froment, ein Mann von großer Bildung und eigenartiger Denkweise, die er unter einer aufmerksamen Höflichkeit verbarg, um die anderen, von denen er sich unterschied, nicht zu verletzen, war lange Zeit seines Lebens auf Reisen gewesen. Er hatte fast ganz Europa, Ägypten, Persien und Indien bereist, und zwar nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus religiösem Interesse; ihn beschäftigten ganz besonders die neue Glaubensbewegung in der Welt, der Babismus, die Christian Science und die theosophischen Lehren. In inniger Beziehung zu der pazifistischen Bewegung, ein Freund der Baronin Suttner, der er in Wien begegnet war, sah er seit langem die große Katastrophe voraus, der Europa und diejenigen, die er liebte, entgegengingen. Aber als Mann von Mut und innerlich längst gewohnt, dem ewig Ungerechten der Natur ins Auge zu schauen, versuchte er weder sich noch die Seinigen über das Drohende hinwegzutäuschen, sondern einzig ihre Seele gegen die kommenden Anstürme dieser Wogen zu stärken. Noch mehr aber als durch seine Worte war er für seine Frau — der Sohn war noch ein Kind zur Zeit seines Todes — durch sein Beispiel eine heilige Erinnerung geworden, denn im langsamen und grausamen Leiden, das ihn gefangen gehalten hatte — ein Darmkrebs — hatte er bis zum letzten Tage ruhig seine Aufgabe erfüllt und überdies noch die Nächsten seiner Umgebung durch seine Ruhe getröstet.

Frau Froment bewahrte in ihrem Herzen dieses edle Bild wie einen inneren Gott. Die ehrfürchtige Erinnerung für den toten Gefährten wurde in ihrem Leben das, was bei anderen der religiöse Glaube ist. Da sie an kein anderes Leben in der Zukunft glaubte, wandte sich ihr Gebet, insbesondere in den Stunden der Sorge, an ihn, wie an einen immer gegenwärtigen Freund, der bei einem wacht und einen berät. Durch das eigenartige Phänomen der Wiedererneuerung, das oft nach dem Tode eines geliebten Wesens eintritt, schien das Innerste der Seele ihres Mannes in sie übergegangen zu sein. So erwuchs ihr Sohn in einer von ruhigen Ausblicken umhüllten Gedankenatmosphäre, die ganz verschieden war von jener tropisch fieberigen Landschaft, in der die junge Generation vor 1914, unruhig, glühend, aggressiv und vom Warten ungeduldig gemacht, mannbar wurde.... Als dann der Krieg ausbrach, mußte Frau Froment weder sich noch ihren Sohn gegen die Verführung der nationalen Leidenschaft schützen: sie war beiden von vornherein fremd. Sie versuchten auch nicht, dem Unvermeidlichen zu widerstehen, wußten sie doch schon so lange, daß dieses Unglück unterwegs war. Für sie handelte es sich einzig darum, alles zu ertragen, ohne sich ihm zu beugen, um das zu retten, was gerettet sein mußte: die Treue der Seele zu ihrem Glauben. Frau Froment glaubte nicht, daß es nötig sei, „über dem Getümmel“ zu bleiben, um es zu beherrschen, und was zwei oder drei französische, englische, deutsche Schriftsteller durch ihre Artikel für die internationale Versöhnung versuchten, das erfüllte sie von sich aus in ihrem beschränkten Kreis viel einfacher und viel wirksamer.

Sie hatte ihre alten Beziehungen aufrechterhalten, und ohne sich in dem vom Kriegswahn verseuchten Milieu gehemmt zu fühlen, ohne jemals leere Demonstrationen gegen den Krieg zu versuchen, schuf sie durch ihre bloße Gegenwart, durch ihr ruhiges Wort, ihren klaren Blick, ihr beherrschtes Urteil, durch den Respekt, den ihre Güte einflößte, eine Art Hemmung gegen die sinnlosen Übertreibungen des Hasses. Sie war es auch, die in den Kreisen, die sie dafür empfänglich hielt, die Botschaft der freien Europäer und die Artikel Clerambaults verbreitete, der davon niemals erfuhr, und sie hatte die Genugtuung, daß sie in den Herzen Widerklang fanden. Aber ihre größte Freude war, daß ihr Sohn selbst daran geformt wurde.

Edme Froment hatte nichts von einem Tolstoianer in seinem Pazifismus. Zu Anfang betrachtete er den Krieg noch viel mehr als Dummheit wie als Verbrechen. Wäre ihm Freiheit gelassen worden, so hätte er sich, wie Perrotin, aus der Welt der Tat in den erhabenen Dilettantismus der Kunst und der Ideen zurückgezogen und niemals versucht, die öffentliche Meinung zu bekämpfen, weil er diesen Kampf für aussichtslos hielt. Ihm flößte damals die Narrheit der Welt eher Verachtung als Mitleid ein. Zur Teilnahme am Kriege gewaltsam gezwungen, sah er erst ein, daß diese Narrheit durch das Leiden längst überzahlt war, und es überflüssig sei, auf die Verurteilung des Krieges noch die Verachtung zu häufen. Der Mensch schuf sich selbst seine Hölle auf Erden, es war nicht notwendig, ihn noch einmal dafür zu richten. Zu gleicher Zeit hatten ihm die Worte Clerambaults, die er während seiner Urlaubszeit in Paris kennen lernte, gezeigt, daß er Besseres zu tun habe, als sich als Richter seiner gefesselten Kameraden aufzuspielen: nämlich zu versuchen, deren Last zu teilen und sie davon zu befreien.

Nur ging der junge Schüler darin weiter als sein Lehrer, dessen liebebedürftige, ein wenig schwächliche Natur glücklich war in einer Gemeinschaft mit den Menschen, der daran litt, sich von ihnen zu trennen, selbst wenn sie im Irrtum waren. Clerambault zweifelte stets an sich. Er sah nach rechts und links, suchte in den Augen der menschlichen Masse nach einer Zustimmung zu seinen Ideen und erschöpfte sich im unfruchtbaren Bemühen, sein inneres Gesetz mit den sozialen Bestrebungen und Kämpfen seiner Zeit in Einklang zu bringen. Für Froment, den Hingestreckten, der in seinem unterjochten Körper die Seele eines Führers hatte, bestand kein Zweifel an der absoluten Pflicht für jeden, dem die Flamme eines großen Ideals anvertraut ist, sie über die Häupter seiner Gefährten zu erheben. Warum versuchen, das Licht ängstlich zuzudecken oder es im Schein der andern Leuchten aufgehen zu lassen? Der Gemeinplatz der Demokratien: „Die ganze Welt ist klüger als der eine Voltaire“, war für ihn ein Irrtum ... Demokritos sagt: „Unus mihi pro populo est.“ „Ein einziger zählt für mich soviel wie tausend.“ Nach der Meinung unserer Zeit stellt die staatliche Gesellschaft den Gipfel der menschlichen Entwicklung dar. Wer kann die Wahrheit dieser Hypothese beweisen? „Für mich“, sagte Froment, „ist der höchste Gipfelpunkt einzig im überlegenen Individuum. Millionen Menschen haben gelebt und sind gestorben, um eine einzige höchste Gedankenblüte zu entfalten. In verschwenderischer Art geht die Natur zu diesem Ziele, sie opfert ganze Völker, um einen Jesus, einen Buddha, einen Äschylos, einen Leonardo, einen Newton, einen Beethoven zu schaffen. Was wären denn die Völker, was wäre die Menschheit ohne diese Menschen?.... Wir wollen damit nicht das egoistische Ideal des Übermenschen aufnehmen. Ein großer Mann ist groß für, ist groß statt aller anderen Menschen. Seine Persönlichkeit drückt Millionen Menschen aus und führt sie empor, denn sie ist die Verkörperlichung ihrer geheimsten Kräfte, ihrer höchsten Wünsche. Sie drängt sie alle in ihrem Wesen zusammen — und schon sind sie verwirklicht. Die einzige Tatsache, daß ein Mensch Christus gewesen ist, hat Jahrhunderte der Menschheit erhoben und über die Erde hinweggetragen und sie mit göttlichen Kräften erfüllt. Und obwohl neunzehn Jahrhunderte seitdem vergangen sind, haben doch die Millionen Menschen niemals die Höhe des Vorbildes erreicht und mühen sich noch immer, ihm nachzukommen. — Wird das individualistische Ideal in dieser Weise verstanden, so ist es fruchtbarer für die menschliche Gesellschaft als das kommunistische, das nur zu der mechanisch-technischen Vollendung eines Ameisenhaufens führt. Zum mindesten ist es aber unentbehrlich als Korrektiv und als Ergänzung des anderen.“

Dieser stolze Individualismus, den Froment in heißen Worten ausdrückte, richtete den immer ein wenig schwankenden Geist Clerambaults auf, der leicht unentschieden blieb, teils aus Güte, teils aus Zweifel an sich selbst, teils durch die Bemühung, immer auch die anderen zu verstehen.

Noch einen anderen Dienst erwies ihm Froment dadurch, daß er mehr als Clerambault über die internationalen Gedanken informiert war. Da er durch seine Familie unter den Intellektuellen aller Länder Beziehungen hatte und vier oder fünf fremde Sprachen beherrschte, konnte Froment dem älteren Freunde Kenntnis geben von den anderen großen Einsamen, die in jeder Nation für das Recht des freien Gewissens kämpften. Er zeigte ihm die ganze unterirdische Arbeit des niedergehaltenen Gedankens, der sich bemühte, die Wahrheit zu finden. Und es war dies ein tröstliches Schauspiel, daß selbst das Zeitalter der furchtbarsten moralischen Tyrannei, die seit der Inquisition auf der Seele der Menschheit lastete, es doch nicht zuwege brachte, in der Elite jedes Volkes den unbändigen Lebenswillen nach Freiheit und Wahrheit zu ersticken.

Freilich, diese unabhängigen Persönlichkeiten waren selten, aber darum war ihre moralische Macht eine um so größere. Ergreifend zeichnete sich ihre Silhouette gegen den leeren Horizont ab, und im Sturz der Völker in die Tiefe des Abgrundes, wo Millionen Seelen zu einem formlosen Brei sich vermengten, erklang ihre Stimme als das einzige menschliche Wort. Daß sie tätig waren, wurde vor allem sichtbar durch die Wut derjenigen, die ihr Tun zu leugnen suchten. Schon vor einem Jahrhundert schrieb Chateaubriand:

„Kämpfe haben keinen Sinn mehr. Man muß sein, das ist die einzige Sache, die notwendig ist.“

Doch er sah nicht voraus, daß in unserer Zeit „sein“, das heißt „man selbst sein“, „frei sein“, gerade den allergrößten Kampf erforderte. Aber die Menschen, die ganz ihr wahres Ich sind, dominieren schon durch diese einzige Tatsache der Gleichförmigkeit der anderen.