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Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Chapter 7: Dritter Teil
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About This Book

The narrative follows a reflective man who, during wartime, confronts the dissolution of individual conscience under mass enthusiasm. Through intimate domestic scenes, inner meditations, and episodic sketches, it traces his mounting doubts, fears, and moral resistance to public opinion, showing how collective pressure corrodes reason and compassion. Interweaving psychological portraiture with philosophical reflection, the work argues for independent thought, moral courage, and fidelity to conscience even when isolated from or opposed to the majority.

§

Beim geistigen Menschen bedarf es immer einiger Zeit vom Wort bis zur Tat, und selbst wenn er schon zu handeln beschlossen hat, findet er noch immer verschiedene Vorwände, um die Ausführung auf den nächsten Tag zu verschieben. Er sieht zu deutlich alles, was kommen wird, sieht die Kämpfe und Mühen voraus, und bezweifelt von vornherein den Erfolg. Um sich aber selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, verausgabt er sich in Kraftreden entweder mit sich allein oder im engsten Freundeskreise, und verschafft sich so die billige Illusion, schon tätig zu sein. Im tiefsten Grunde seines Wesens glaubt er jedoch selbst nicht daran, er wartet wie Hamlet auf die Gelegenheit, die ihn zur Tat zwingen soll.

So tapfer auch Clerambault in seinem Gespräche mit dem nachgiebigen Perrotin gewesen war, fand er doch, kaum heimgekehrt, alle seine Bedenken wieder. Seine durch das Unglück geschärfte Feinfühligkeit spürte nur zu gut die Erregung der Seinen rings um ihn und ließ ihn den Zwiespalt vorausahnen, den seine einmal ausgesprochenen Worte zwischen seiner Frau und ihm hervorrufen würden. Und noch mehr: er fühlte sich der Zustimmung seiner Tochter nicht mehr sicher, er hätte nicht sagen können, weshalb, aber er fürchtete die Probe zu machen. Für ein zärtliches Gemüt wie das seine war schon der Versuch eine Qual....

Inzwischen schrieb ihm ein befreundeter Arzt, er hätte in seinem Hospital einen Schwerverwundeten, der an der Offensive in der Champagne teilgenommen und Maxime gekannt hatte. Clerambault eilte sofort hin, um ihn zu sehen.

Er fand auf einem Bett einen Mann unbestimmbaren Alters auf dem Rücken liegend, unbeweglich ausgestreckt, umschnürt wie eine Mumie. Aus den weißen Bandagen starrte das magere Gesicht eines Bauern, gegerbt, zerfaltet, mit großer Nase und grauem Bart. Der freie rechte Unterarm stützte eine massige und entstellte Hand auf die Decke, vom Mittelfinger fehlte ein Glied, aber das zählte nicht, das war eine Friedenswunde. Unter den buschigen Brauen sahen die Augen ruhig und klar: man hätte ein so mildes graues Licht in dem verbrannten Antlitz nicht erwartet.

Clerambault trat an ihn heran, erkundigte sich nach seinem Zustande, der Mann dankte höflich, aber ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, gleichsam als ob es nicht nötig wäre, von sich zu sprechen.

„Ich danke Ihnen, mein Herr, es geht gut, es geht ganz gut.“

Aber Clerambault erneuerte liebevoll seine Fragen und es dauerte nicht lange, so fühlten die grauen Augen, daß in den blauen Augen, die sich zu ihnen niederneigten, mehr als Neugier sich regte.

„Wo sind Sie denn verwundet“, fragte Clerambault.

„Ach! Das wäre zu lang zu erzählen, mein Herr! Eigentlich ein wenig überall.“

Und als jener weiterfragte:

„Ich habe es hier und da abgekriegt, überall wo gerade ein Platz war — und dabei bin ich nicht einmal besonders dick. Ich hätte nie gedacht, daß es in einem Körper soviel Platz dafür gibt.“

Schließlich erfuhr Clerambault, daß jener ungefähr zwanzig — oder genauer gesagt siebzehn — Verwundungen hatte. Er war buchstäblich von einem Schrapnell überschüttet (oder wie er sagte „gespickt“) worden.

„Siebzehn Verwundungen!“, schrie Clerambault.

Der Mann berichtigte:

„Um der Wahrheit völlig die Ehre zu geben: ich habe jetzt nur mehr etwa zehn.“

„Sind die anderen schon geheilt?“

„Man hat mir die Füße abgeschnitten.“

Clerambault war so erschüttert, daß er fast den Zweck seines Besuches vergaß. O, diese Fülle von Unglück! Mein Gott! Was ist da das unsere, dieser Tropfen im Meer! Er legte seine Hand auf die harte Hand des Mannes und drückte sie. Die ruhigen Augen des Verwundeten betrachteten Clerambault von oben bis unten, bemerkten das Trauerband am Hute und er sagte: „Sie haben auch Unglück gehabt?“

Clerambault raffte sich auf.

„Ja“, sagte er, „nicht wahr, Sie haben ihn gekannt, den Sergeanten Clerambault?“

„Natürlich habe ich ihn gekannt.“

„Das war mein Sohn.“

Ein Bedauern kam in den Blick.

„Ach, Sie armer Herr... Natürlich habe ich ihn gekannt, Ihren tapferen kleinen Jungen! Wir waren fast ein ganzes Jahr zusammen, und das zählt, dieses Jahr! Durch Tage und Tage wie die Maulwürfe im selben Loch... Ach, man hat zusammen viel Elend erlebt.“

„Hat er viel gelitten?“

„Na, mein Herr, manchmal war es hart. Den Kleinen hat es manchmal fest gepackt, besonders im Anfang. Er war es eben nicht gewöhnt; wir, wir kennen das.“

„Sie sind vom Lande?“

„Ich war Gutsknecht, da lebt man das Leben mit den Tieren, lebt ein wenig wie sie selbst... Obwohl, mein Herr, um es offen zu sagen, der Mensch heutzutage von den Menschen schlechter als das Vieh behandelt wird... „Seid gut zu den Tieren“, diese amtliche Mahnung hatte irgendein Spaßvogel in unserem Schützengraben aufgehängt. Aber was für sie nicht gut ist, war noch immer gut genug für uns... Tut nichts!... Ich beklage mich ja nicht. Es ist nun einmal so. Und wenn es sein muß, muß es eben sein. Aber der kleine Sergeant, bei dem merkte man’s, daß er nicht gewöhnt war an all das. An den Regen und an den Schlamm und die Niedertracht und vor allem an den Schmutz. Was immer man anrührte, was man aß, und dann auf einem selbst: das Ungeziefer... Im Anfang, da sah ich’s, da war er ein paarmal ganz nahe daran zu weinen. Da versuchte ich ihm ein bißchen zu helfen. Mich lustig zu machen über die Sachen, um ihm zu helfen — aber so, daß er nicht merkte, daß man ihm helfen wolle, denn er war stolz, der Kleine, und wollte nicht, daß man ihm helfe — aber er war doch froh, wenn man’s tat. Und ich war es auch. Dort hat man ja nötig, zueinander zu rücken und sich zu helfen. Schließlich war er soweit und so abgehärtet wie ich, hat mir seinerseits auch geholfen. Hat nie geklagt, wir lachten sogar zusammen, denn man muß doch lachen: Es gibt ja kein Unglück, das ewig dauert, und das hilft einem über das Elend hinweg.“

Clerambault hörte bedrückt zu. Er fragte:

„So war er also weniger traurig am Ende?“

„Ja, mein Herr, er hatte sich abgefunden, wie schließlich wir alle. Man weiß nicht, wieso das kommt, man steht jeden Tag, fast jeder mit demselben Fuß auf, man ist einander nicht ähnlich, aber schließlich ist man schon mehr die andern als man selbst. Und das ist besser so, man leidet nicht mehr so viel, man fühlt sich selbst weniger, man wird eine einzige Masse. Außer, wenn es Urlaub gibt — dann wird es schlecht für die, die zurückkommen — und so war’s auch gerade bei dem kleinen Sergeanten, als er zum letztenmal wiederkam... da geht es dann nicht mehr gut....“

Clerambault sagte hastig aus gepreßtem Herzen: „Wie, damals, als er zurückkam...?“

„Ja, da war er sehr niedergedrückt. Niemals hatte ich ihn so kleinmütig gesehen wie in jenen Tagen.“

Ein schmerzlicher Ausdruck malte sich in Clerambaults Gesicht. Bei einer Bewegung, die er machte, wendete sich der Verwundete, der, bisher die Augen zur Zimmerdecke gerichtet, gesprochen hatte, mit dem Blick gegen ihn, sah und verstand offenbar alles, denn er fügte hinzu:

„Aber er hat sich schon wieder herausgerappelt nachher.“

Clerambault faßte von neuem die Hand des Kranken.

„Sagen Sie mir, was er Ihnen erzählte, sagen Sie mir alles.“

Der Mann zögerte, dann sagte er:

„Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau.“

Er schloß die Augen und blieb unbeweglich. Clerambault, über ihn gebeugt, suchte zu sehen, was diese Augen unter ihren geschlossenen Lidern in sich erblickten.


Mondlose Nacht. Eisige Luft. Aus der Tiefe des gehöhlten Grabens sieht man den kalten Himmel und die starren Sterne. Geschosse schlagen in dem harten Boden auf. Im Schützengraben zusammengeknäuelt, die Knie unter dem Kinn, rauchen Maxime und sein Gefährte Seite an Seite. Der Kleine war eben an diesem Tage von Paris zurückgekommen.

Er war bedrückt und gab auf Fragen keine Antwort, er verschloß sich in einem bösen Schweigen. Der andere hatte ihn den ganzen Nachmittag mit Absicht allein gelassen, damit er mit seiner Qual fertig werde; aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er ihn, und als er dann im Dunkeln den Augenblick gekommen sah, näherte er sich ihm. Er wußte, der Kleine würde jetzt von selbst mit ihm sprechen. Der Anschlag einer Kugel, die über ihre Köpfe fuhr, ließ eine vereiste Scholle Erde sich loslösen.

„Heda, du Totenvogel“, sagte der andere, „du hast es eilig.“

„Wenn es nur schon vorüber wäre“, sagte Maxime, „sie wollen es ja alle.“

„Was, um den Boches eine Freude zu machen, ließest du dich umbringen? Du bist wirklich ein guter Kerl.“

„Es sind nicht nur die Boches allein, alle schaufeln sie zusammen an unserem Grab...“

„Wer denn?“

„Alle! Die von dort hinten, von wo ich komme, die von Paris, die Freunde, die Verwandten, die Lebendigen, die vom anderen Ufer. Wir, wir sind ja schon tot.“

Ein Schweigen. Der Flug eines Projektils heulte durch den Himmel. Der Kamerad tat einen tiefen Zug aus der Pfeife.

„Also, es hat dir hinten nicht gefallen, mein Kleiner? Ich habe es mir gleich gedacht.“

„Warum denn?“

„Weil, wenn der eine schuftet und der andere nicht, so haben die beiden einander nichts zu sagen.“

„Aber sie leiden ja auch....“

„Ja, aber es ist nicht dasselbe Brot. Du kannst noch so geschickt sein, du wirst niemals einem, der ihn nicht kennt, den Zahnschmerz erklären können. So versuche mal denen da hinten, die in ihren Betten liegen, begreiflich zu machen, was hier vorgeht. Für mich ist es nicht neu, ich habe den Krieg nicht nötig gehabt... Ich habe das mein ganzes Leben gekannt. Aber glaubst du, wenn ich mich auf der Erde abrackerte und mir das Mark aus den Knochen schwitzte, daß andere sich darüber beunruhigt haben? Ich sage damit nicht, daß sie deshalb schlecht sind. Sie sind nicht gut, sind nicht schlecht, sind eben wie fast alle Welt ist. Können’s halt nicht auffassen. Um etwas zu verstehen, muß man’s selber spüren, die Sache auf sich nehmen, die ganze Qual auf sich nehmen. Wenn nicht — und man tut es ja nicht, mein Junge — da muß man eben das Kreuz darüber machen, versuch’s nicht zu erklären. Die Welt ist eben so wie sie ist. Da ist nichts zu ändern.“

„Das wäre zu furchtbar. Dann lohnte es ja nicht mehr zu leben.“

„Warum denn nicht, zum Teufel? Ich habe es ganz gut ertragen, und du bist nicht weniger wert als ich. Du bist klüger, du kannst lernen, man lernt alles ertragen. Alles. Und dann — etwas zusammen zu ertragen, ist zwar noch keine Freude, aber es ist nicht mehr ganz eine Qual. Allein zu sein, das ist das härteste. Du bist nicht allein, mein Kleiner.“ Maxime sah ihm ins Gesicht und sagte:

„Dort hinten war ich’s, hier bin ich es nicht mehr...“


Aber der Mann, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bette hingestreckt lag, sagte nichts von dem, was er in sich sah. Als er jetzt wieder ruhig die Augen aufschlug, fand er den verängstigten Blick des Vaters auf sich gerichtet, der ihn anflehte, zu sprechen.

Und da versuchte er mit einer linkischen und zärtlichen Gutmütigkeit zu erklären, daß der Kleine offenbar deshalb traurig gewesen war, weil er die Seinen hatte verlassen müssen, aber daß „man“ ihn schon wieder aufgerichtet hätte. „Man“ verstand ja seine Not.... Er selbst, der Krüppel, hätte ja nie einen Vater gekannt, aber als Kind hätte er davon geträumt, welches Glück es für die, die einen haben, sein müsse.

„So habe ich mir erlaubt... und habe zu ihm gesprochen, mein Herr, so, als ob ich Sie wäre... und der Kleine hat sich beruhigt. Er sagte mir, daß man doch eine Sache diesem verfluchten Krieg danke, nämlich daß er einem gezeigt habe, es gäbe viel arme Teufel auf der Erde, die sich nicht kennen und die aus demselben Holz geschnitzt sind. Man hört es oft genug, daß wir Brüder seien, von den Anschlagzetteln oder aus den Predigten, nur glaubt man’s eben nicht. Um es wirklich zu wissen, muß man einmal miteinander geschuftet haben... und da hat er mich umarmt.“

Clerambault stand auf, neigte sich über das umwickelte Gesicht des Verwundeten und küßte ihn auf die rauhe Wange.

„Sagen Sie, was ich für Sie tun kann“, fragte er.

„Sie sind sehr gut, mein Herr, aber viel ist nicht mehr zu tun. Ich bin sozusagen fertig. Ohne Beine, mit einem gebrochenen Arm, mit fast nichts Gesundem mehr, wozu wäre ich noch gut? Übrigens ist ja noch gar nicht gesagt, daß ich überhaupt davonkomme. Na, es wird eben gehen, wie es geht. Fahre ich ab, dann gute Reise, und bleibe ich, so wird man schon sehen. Man muß warten, es gibt ja immer Züge.“

Clerambault bewunderte seine Geduld. Der andere wiederholte immer seinen Refrain: „Ich bin halt eben daran gewöhnt, es ist kein großes Verdienst, geduldig zu sein, wenn man nicht anders kann... und dann, wir kennen das ja schon, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger... für uns dauert der Krieg das ganze Leben lang.“

Clerambault bemerkte, daß er in seinem Egoismus noch gar nicht nach Einzelheiten aus dem Leben des andern gefragt hatte, ja nicht einmal seinen Namen wußte.

„Mein Name? Der paßt gut zu mir: Courtois Aimé. Aimé ist der Vorname. Paßt wie ein Handschuh zu einem, der im Dreck sitzt.... Und dazu noch Courtois, ein guter Witz. Meine Eltern habe ich nicht gekannt, ich bin ein Findelkind. Der Pfleger vom Hilfshaus, ein Pächter in der Champagne, hat es übernommen, mich aufzuziehen, und er verstand sich darauf, der Kerl.... Ich bin gut herausgearbeitet worden! Na, ich habe wenigstens zu rechter Zeit schon gewußt, was mich im Leben erwartet. Es hat gut in meinen Napf geregnet.“

Und dann erzählte er mit ein paar kurzen trockenen Sätzen, ohne irgendwelche Erregung, die ganze Reihe der Unglücksfälle, die sein Leben zusammensetzten: die Ehe mit einem Mädchen, wie er ohne einen Pfennig Geld, der „Hunger, der den Durst heiratet“, Krankheiten, Todesfälle, den Kampf gegen die Natur — und das alles wäre noch nichts gewesen, hätte nicht noch der Mensch vom Seinen dazugetan. Homo homini... homo.... Die ganze soziale Ungerechtigkeit, die auf den Leuten der unteren Schichten lastet. — Clerambault konnte seine Erbitterung nicht verbergen, wie er ihm so zuhörte, aber Aimé Courtois regte sich durchaus nicht auf. Es ist eben so, es war immer so und wird immer so sein. Die einen sind da, um zu leiden, die anderen nicht. Es gibt keine Berge ohne Täler. Der Krieg war ihm als ein Blödsinn erschienen, aber er hätte nicht einen Finger gerührt, um ihn zu verhindern. In seiner Art war die ganze fatalistische Passivität des Volkes, das auf gallischer Erde sich in eine ironische Sorglosigkeit hüllt, das „Man darf sich nichts daraus machen“ der Schützengräben. Und es war auch die ganze falsche Scham der Franzosen darin, die vor nichts so Furcht haben wie vor dem Lächerlichen, die tausendmal lieber für eine Tollheit und sogar für eine, die sie selbst als solche erkennen, sich opfern würden, als sich dem Spott für irgendeine vernünftige Handlung auszusetzen, die nur nicht an der Tagesordnung war. Sich dem Kriege entgegenstellen, das wäre so, wie sich gegen das Gewitter stellen. Wenn’s hagelt, kann man halt nichts tun als, wenn es noch geht, die Fenster zuschließen und nachher sich die zugrunde gerichtete Ernte anschauen. Und dann fängt man wieder an bis zum nächsten Hagel, bis zum nächsten Krieg — in alle Ewigkeit. „Man darf sich halt nichts daraus machen“ — nie kam ihm der Gedanke, daß der Mensch den Menschen ändern könnte.

Clerambault erbitterte sich innerlich über diese heroische und dumme Resignation, die wohl dazu angetan ist, die privilegierten Klassen zu begeistern, denn ihr verdanken sie ja die eigene Erhaltung, — die aber andererseits aus der menschlichen Rasse und ihrer tausendjährigen Anstrengung ein Danaidenfaß macht, da sich ihr ganzer Mut, ihre ganze Tugend, ihre ganze Arbeit darin erschöpfen, auf anständige Art zu sterben.... Als aber seine Augen sich wieder auf das verstümmelte Stück Mensch richteten, das da vor ihm lag, bedrückte ihn ein unendliches Mitleid. Was konnte er tun, was konnte er wollen, dieser Mann des Elends, dieses Symbol des hingeschlachteten und verstümmelten Volkes? So viele Jahrhunderte leidet und blutet es schon vor unseren Augen, ohne daß wir, seine glücklicheren Brüder, ihm mehr geben als irgendein nachlässiges Lob von fern, das unser Wohlergehen gar nicht stört und das Volk sogar aufmuntert, nur so fort zu tun! Welche Hilfe bringen wir ihm denn? Da wir schon nichts für dieses Volk tun, widmen wir ihm nicht einmal unser Wort! Von der freien Entfaltung unseres Denkens — die wir doch seinen Opfern danken — bewahren wir die Frucht für uns, ja wir wagen nicht einmal, es davon kosten zu lassen. Wir haben Furcht vor dem Lichte, Furcht vor der frechen Meinung und den Herren der Stunde, die sagen: „Löschet das Licht! Ihr, die ihr es habt, trachtet es zu verbergen, damit man nichts davon sieht, wenn ihr wollt, daß man es euch verzeihe.“ — Genug der Feigheit! Wer soll sprechen, wenn nicht wir? Die anderen sterben mit dem Knebel im Munde....

Ein Schatten von Qual lief über das Antlitz des Verwundeten. Seine Augen sahen starr zur Decke, sein großer verkrümmter Mund, hartnäckig verschlossen, wollte keine Antwort mehr geben. — Clerambault entfernte sich. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Das Schweigen des Volkes auf seinem Totenbett hatte ihn bestimmt, das Wort zu ergreifen.


Dritter Teil


§

Clerambault kam vom Spital zurück, schloß sich in sein Zimmer ein und begann zu schreiben. Madame Clerambault versuchte einmal einzudringen, sah mit einer Art Mißtrauen nach, was er machte. Es war, als ob ein bei dieser Frau sehr seltenes Ahnungsvermögen — sie merkte sonst nie etwas — ihr ein dunkles Angstgefühl vor dem, was ihr Mann vorbereitete, einjagte. Es gelang ihm, seine Abgeschlossenheit zu verteidigen, bis er fertig war. Sonst ersparte er den Seinen nichts von dem, was er geschrieben hatte, es war ein Genuß für seine naive, liebevolle Eitelkeit, aber auch zärtliche Pflicht, auf die er ebensowenig wie die anderen hätte verzichten können. Diesmal nahm er davon Abstand, ohne sich den Grund dafür selbst klar zu machen. Obwohl er noch weit davon entfernt war, die ganze Tragweite seiner Tat zu überschauen, hatte er doch Furcht vor Widerspruch, denn er fühlte sich seiner noch nicht sicher genug, sich ihm auszusetzen. So zog er es vor, die anderen lieber vor die vollendete Tatsache zu stellen.

Sein erster Schrei war eine Selbstanklage:

Ihr Toten verzeihet uns!“

Diese öffentliche Beichte trug als Motto die Melodie einer alten Klage des Königs David, der an der Leiche seines Sohnes Absalon weint:

Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi!

„Ich hatte einen Sohn. Ich liebte ihn. Und ich habe ihn getötet. Ihr Väter des trauernden Europa, nicht für mich allein, für euch alle spreche ich, ihr Millionen Väter, verwitwet an euren Söhnen, Feinde oder Freunde, und alle bedeckt von ihrem Blute gleich mir. Ihr alle sprecht durch die Stimme eines der Euren, durch meine arme Stimme, die leidet und Buße tut.

Mein Sohn ist für die Euren, durch die Euren (ich weiß es nicht), ist wie die Euren getötet worden. Und wie ihr habe ich den Feind dafür angeklagt und den Krieg. Aber den Hauptschuldigen sehe ich erst heute und ich klage ihn an: ich bin es. Ich bin es, und dieses Ich seid Ihr. Wir sind es. Könnte ich Euch doch zwingen, das zu hören, was Ihr wohl wißt und nicht wissen wollt!

Mein Sohn war zwanzig Jahre alt, als er dem Krieg zur Beute fiel. Zwanzig Jahre lang habe ich ihn zärtlich geliebt, habe ihn geschützt gegen Hunger, Kälte, Krankheiten, gegen die geistige Dunkelheit, gegen Unwissenheit, Irrtum, gegen alle Fallstricke, die das Leben in seinem Schatten birgt. Aber was habe ich getan, um ihn zu verteidigen gegen die aufsteigende große Gefahr?

Dabei habe ich niemals zu jenen gehört, die mit den Leidenschaften des eifersüchtigen Nationalismus gemeinsame Sache machten. Ich liebte die Menschen, und es war mir eine Freude, an ihre zukünftige Brüderlichkeit zu denken. Warum habe ich also nichts getan gegen das, was sie bedrohte, gegen das schleichende Fieber, gegen den lügnerischen Frieden, der mit einem Lächeln auf den Lippen schon zum Mordanschlag ausholte? Es war vielleicht Furcht, zu mißfallen, Furcht vor Feindschaften? Ich liebte es zu sehr, zu lieben und vor allem geliebt zu werden. Ich fürchtete, erworbenes Wohlwollen zu gefährden, hielt zu viel auf die zerbrechliche und kraftlose Gemeinschaft mit jenen, die um uns sind, auf diese Komödie, die man mit sich und den anderen spielt und mit der man sich ja gar nicht selbst betrügt, denn von beiden Seiten fürchtet man immer, das Wort auszusprechen, das den Mörtel abfallen ließe und das zerfressene Haus zeigte. Ich hatte Furcht, klar in mich selbst zu sehen, war erfüllt von jener inneren opportunistischen Unsicherheit, die alles schonen will, die die alten Instinkte und den neuen Glauben verbinden will, die Kräfte, die sich gegenseitig vernichten und aufheben, Vaterland, Menschheit, Krieg und Frieden. Ich habe nie genau gewußt, auf welche Seite ich mich hinneigen sollte, und bin von der einen zur anderen wie eine Schaukel geschwankt. Ich hatte Angst vor der Anstrengung, mich zu entscheiden und eine Wahl zu treffen.... Faulheit war es und Feigheit! Ich übertünchte all das mit einem gefälligen Glauben an die Güte der Dinge, die alles schon — so dachte ich — von selbst in schönste Ordnung bringen würden. Und wir begnügten uns, zuzuschauen, den unfehlbaren Lauf des Schicksals noch zu verherrlichen — wir Höflinge der Gewalt! Da wir verzichtet haben, Einfluß zu erlangen, so haben die Dinge — oder die Menschen, andere Menschen als wir — für uns entschieden. Und wir haben das erst bemerkt, als wir schon getäuscht waren. Aber das Eingeständnis war für uns so entsetzlich, wir waren so dessen entwöhnt, wirklich wahrhaft zu sein, daß wir auch dann weiter so getan haben, als wären wir mit dem Verbrechen im vollen Einverständnis. Und als Bürgschaft unseres Einverständnisses haben wir unsere Söhne ausgeliefert....

Ach, wir haben sie sehr geliebt! Sicher mehr als unser eigenes Leben — ach, hätte es sich nur darum gehandelt, unser Leben hinzugeben! Aber wir haben sie nicht mehr geliebt als unseren Stolz, der verzweifelt bemüht war, unsere moralische und sittliche Verwirrung zu verbergen, die Leere unseres Geistes und die Nacht unseres Herzens.

Alle diese Dinge wären aber noch verzeihlich bei solchen, die an das alte Idol, an das heimtückische, neidische, mit getrocknetem Blut überdeckte Götzenbild glaubten — an das barbarische Vaterland. Wenn jene ihre und der anderen Kinder opferten, so töteten sie, aber sie wußten wenigstens nicht, was sie taten — diejenigen aber, die nicht mehr daran glauben, die nur mehr daran glauben wollen (und das bin ich, das sind wir) — die opfern ihre Kinder, indem sie sie einer Lüge darbieten (denn im Zweifel Ja sagen, heißt lügen), und sie opfern sie, um sich selbst ihre Lüge zu beweisen. Und jetzt, da unsere Lieben für unsere Lüge gestorben sind, arbeiten wir uns, statt den Irrtum offen zuzugeben, nur noch tiefer, bis über die Augen hinein, nur um nichts mehr zu sehen, denn wir wollen, daß nach den unseren noch die anderen, alle anderen, für unsere Lüge sterben.

Aber ich, ich kann das nicht mehr, ich denke an die noch lebenden Söhne. Was soll mir das Gutes tun, daß andern Böses geschieht? Bin ich ein Barbar aus den Zeiten Homers, um zu glauben, daß ich den Schmerz meines toten Sohnes, seinen Hunger nach Licht lindern könne, wenn ich auf die Erde, die ihn hinabgeschlungen hat, das Blut anderer Söhne hingieße? Haben wir noch immer diese Vorstellungen? — Nein! Jeder neue Mord tötet meinen Sohn noch einmal, läßt auf seinem Gebein den schmutzigen Schlamm des Verbrechens lasten. Mein Sohn war die Zukunft, und wenn ich ihn retten will, muß ich die Zukunft retten, muß ich künftigen Vätern den Schmerz ersparen, der auf mich gefallen ist. Zu Hilfe! Helft mir! Verwerfen wir diese Lüge! Geht denn der Kampf zwischen den Staaten, dieses Brigantentum des Weltalls, wirklich um unseretwillen vor sich? Was tut uns denn wahrhaft not? Die erste Freude, das erste Gesetz, ist es nicht jenes Lebensgesetz des Menschen, der gleich einem Baum gerade aufsteigt und sich in dem zugewiesenen Kreis Erde erfüllt, der durch seinen freien Saft und seine stille Arbeit, sein vielfältiges Leben in sich und seinen Söhnen sich ruhig entfalten sieht? Wer von uns Brüdern der Welt ist eifersüchtig auf den anderen, wer will ihm solch gerechtes Glück nehmen? Was haben wir zu tun mit den Ambitionen und Rivalitäten, mit der Habgier und den geistigen Krankheiten, mit denen die Schänder des Wortes den Namen des Vaterlandes bedecken? Das Vaterland sind wir, die Väter. Das Vaterland sind unsere Söhne. All unsere Söhne. Retten wir sie!“

§

Ohne irgend jemand zu fragen, überbrachte er diese Seiten, kaum daß er sie geschrieben hatte, einem kleinen sozialistischen Verleger seines Viertels. Er kam erleichtert zurück und dachte:

„So, jetzt habe ich gesprochen. Jetzt beschäftigt es mich nicht mehr.“

Aber in der kommenden Nacht belehrte ihn plötzlich ein Stich in der Brust, daß es ihm mehr als je naheging. Er wachte auf. „Was habe ich denn getan?“ Er fühlte eine schmerzliche Scham, der Öffentlichkeit seinen heiligen Schmerz ausgeliefert zu haben. Ohne daran zu denken, daß seine Worte Zorn erregen könnten, hatte er doch ein Vorgefühl von Unverständnis, von grobschlächtiger Auslegung, die er als Profanation empfand.

Die nächsten Tage gingen vorüber. Es geschah nichts. Schweigen. Der Aufruf war in der allgemeinen Unaufmerksamkeit untergegangen. Der Verleger gehörte zu den wenig bekannten, die Versendung der Broschüre war nachlässig geschehen, und es gibt keinen gefährlicheren Tauben als den, der nicht hören will. Die wenigen Leser, die der Name Clerambault angezogen hatte, legten nach den ersten Zeilen die unwillkommene Lektüre zur Seite. Sie dachten: „Der arme Mann, sein Unglück ist im Begriff, ihm den Kopf ganz zu verdrehen“, was ein guter Vorwand für sie war, das Gleichgewicht ihres Herzens nicht in Erschütterung zu bringen.

Ein zweiter Artikel folgte. Clerambault nahm darin Abschied von dem alten, blutigen Götzenbild Vaterland, oder vielmehr, er stellte dem großen fleischfressenden Untier, dem sich die armen Menschen jener Zeit als Fraß hinwarfen, der römischen Wölfin, die erhabene Mutter alles Lebendigen entgegen: das Weltvaterland!

An die einst Geliebte!

„Kein bittererer Schmerz, als Abschied zu nehmen von der, die man einst geliebt. Sie aus meinem Herzen zu reißen, heißt mein Herz selbst ausreißen. Du Teure, Du Gute, Du Schöne — ach, hätte man wenigstens den blinden Vorzug jener leidenschaftlichen Liebhaber, die alles vergessen können, die ganze Liebe, das ganze Gute und Schöne von einst, um nur das Böse zu sehen, das man heute von der Geliebten erleidet, und zu erkennen, wie tief sie gesunken ist! Aber ich kann nicht, ich kann nicht vergessen. Ich werde Dich immer so sehen, wie ich Dich liebte, als ich noch an Dich glaubte, als Du mein Leitstern warst und mein bester Freund — Du, mein Vaterland! Warum hast Du mich verlassen? Warum hast Du uns verraten? Wäre ich allein mit meinem Leiden, ich verhehlte vielleicht die traurige Erkenntnis unter meiner hingegangenen Zärtlichkeit. Aber ich sehe Deine Opfer, die Völker, die jungen gläubigen und begeisterten Männer (und erkenne unter ihnen den, der ich einst war)... Wie hast Du uns betrogen! Deine Stimme schien uns die der brüderlichen Liebe, Du riefst uns zu Dir, um uns zu vereinen. Es sollte keine Einsamen mehr geben, alle sollten wir Brüder sein! Jedem liehest Du die Kräfte von tausend anderen, Du ließest uns unseren Himmel, unsere Erde und das Werk unserer Hände lieben, und wir liebten uns alle, indem wir Dich liebten..... Wohin hast Du uns jetzt geführt? Waren Deine Absichten, indem Du uns vereintest, einzig die, uns zahlreicher zu machen für den Haß und den Mord? Ach, wir hatten ja genug an unserem Einzelhaß. Jeder hatte sein Bündel von schlechten Gedanken, aber zumindest wußten wir, wenn wir ihnen nachgaben, daß es schlechte waren. Du aber, Du Vergifterin der Seele, Du nennst sie heilige...

Wofür diese Kämpfe? Für unsere Freiheit? Du machst ja Sklaven aus uns. Für unser Gewissen? Das schändest Du ja. Für unser Glück? Das plünderst Du doch. Für unser Wohlergehen? Unsere Erde ist zerstampft.... Wozu bedürfen wir neuer Eroberungen, da schon das Feld unserer Väter uns zu groß wurde: einzig nur für die Habgier von einigen Ausbeutern? Ist es denn die Aufgabe des Vaterlandes, diese Bäuche mit dem allgemeinen Elend zu füllen?

Vaterland, das Du Dich den Reichen verkauft hast, den Händlern mit der Seele und den Körpern der Völker, Vaterland, das Du Mithelferin und Verbündete geworden bist und ihre Niederträchtigkeit mit Deiner heroischen Gebärde deckst — hüte Dich! Die Stunde ist gekommen, wo die Völker ihr Ungeziefer von sich abschütteln, ihre Götter und ihre Herren, die sie mißbrauchen. Mögen sie unter sich selbst die Schuldigen verfolgen. Ich gehe geradeaus zum Herrn, dessen Schatten sie alle bedeckt. Du aber, das Du unbewegt thronst, indes die Massen sich in Deinem Namen hinschlachten, Du, das sie alle anbeten, indem sie einander alle hassen, Du, das Du Dich ergötzst, die blutige Brunst der Völker zu entzünden, Du Weibwesen, beutegierige Gottheit, Du falsche Christin, die Du über dem Gemetzel schwebst mit kreuzgefalteten Flügeln und Habichtsklauen — wer wird Dich aus unserem Himmel herabreißen, wer gibt uns die Sonne und die Liebe unserer Brüder zurück?...

Ich bin allein. Ich habe nichts als meine Stimme, die ein Hauch auslöschen kann, aber ehe sie hinschwindet, schreie ich auf:

Du wirst fallen, Tyrann, Du wirst fallen! Die Menschheit will leben. Die Zeit wird kommen, wo der Mensch Dein lügnerisches Joch zerbrechen wird. Die Zeit kommt. Die Zeit ist da.“

Die Antwort der Geliebten

„Dein Wort, mein Sohn, ist wie der Stein, den ein Kind gegen den Himmel wirft. Es erreicht mich nicht, es fällt auf Dich selbst zurück. Die Du schmähst und die meinen Namen fälschlich angenommen, ist ein Götzenbild, das Du Dir selbst geformt hast. Nach Deinem Bilde ist es geschaffen, nicht nach dem meinen. Das wahre Vaterland ist das des Allvaters, gemeinsam alle umfangend, und es ist nicht seine Schuld, wenn Ihr es klein macht nach Eurem eigenen Wuchs.... Ihr Unglücklichen, Ihr beschmutzt alle Eure Götter, es gibt nicht eine große Idee, die Ihr nicht erniedrigt. Das Gute, das man Euch erweisen will, verwandelt Ihr in Gift, das Licht, mit dem man Euch überschüttet, dient, Euch zu verbrennen. Ich war zu Euch gekommen, um Eure Einsamkeit zu erwärmen, ich habe Eure fröstelnden Seelen zu Herden vereinigt, aus Eurer zerstreuten Schwäche ein Bündel geformt. Denn ich bin die brüderliche Liebe, die große Bindung. Und gerade meinen Namen, o Tolle, habt ihr gewählt als Vorwand, um Euch zu vernichten.

Seit Jahrhunderten bemühe ich mich, Euch von den Ketten der Roheit zu befreien, Euch aus Eurer harten Selbstigkeit herauszutreiben. Keuchend schreitet Ihr vorwärts auf der Straße der Zeit. Die Provinzen und die Nationen sind die tausendjährigen Grenzen, die bisher als Rastpunkt Eurer Erschöpfung gesteckt waren. Eure Hinfälligkeit allein hat sie aufgerichtet. Um Euch weiter zu führen, muß ich warten, bis Ihr wieder Atem geholt habt.... Aber Ihr seid so schwach an Atem und am Herzen, daß Ihr aus Eurer Unfähigkeit eine Tugend macht. Ihr bewundert Eure Helden um der Grenze willen, vor denen sie erschöpft halt machen mußten, und nicht deshalb, weil sie sie als erste erreichten. Ihr aber, die Ihr mühelos dorthin gekommen seid, wo jene heldischen Vorläufer hingesunken sind, glaubt nun, selbst schon Helden zu sein.... Was habe ich mit Euren Schatten der Vergangenheit heute noch zu schaffen? Das Heldentum, dessen ich bedarf, ist nicht mehr das eines Bayard, einer Jeanne d’Arc, der Ritter und Märtyrer einer längst überwundenen Sache. Ich fordere Apostel der Zukunft, große Herzen, die sich für ein größeres Vaterland, für ein höheres Ideal aufopfern. Vorwärts! Überschreitet die Grenzen! Da Ihr aber noch Krücken braucht für Eure Schwäche, so rückt die Grenzen wenigstens weiter hinaus, an die Tür des Abendlandes, an das Ende Europas, bis Ihr Schritt um Schritt zum Ziel kommt, und die ganze Menschheit Hand in Hand rings den Erdball umschlingt.

Du erbärmlicher Schreiber, der Du Schmähreden gegen mich richtest, steige in Dein Selbst hinab und prüfe Dich selbst! Ich habe Dir die Macht des Wortes gegeben, daß Du die Männer Deines Volkes führest, und Du hast sie benützt, um Dich selbst zu betrügen und sie zu verwirren. Du hast die, die Du retten solltest, tiefer in ihren Irrtum hinabgestoßen, Du hattest den traurigen Mut, Deiner Lüge jenen hinzuopfern, den Du liebtest — Deinen Sohn. Wirst Du wenigstens jetzt, Du arme Ruine, wagen, Dich den anderen als Schaubild hinzustellen und zu sagen: „Da, sehet mein Werk, ahmt es nicht nach!“ Geh hin, und möge Dein Unglück andere, die später kommen, vor gleichem Schicksal beschützen! Wage es zu sprechen, schreie ihnen zu: Völker, ihr seid toll, ihr tötet das Vaterland, indes ihr glaubt, es zu verteidigen. Das Vaterland seid ihr, ihr alle, eure Feinde sind eure Brüder! Umarmt euch, ihr Millionen Lebendiger.“

§

Das gleiche Schweigen schien auch diesen neuen Schrei hinabzuschlucken.

Clerambault lebte außerhalb jener niederen Volkskreise, wo die warme Sympathie der schlichten und gesunden Herzen ihm gewiß nicht gefehlt hätte. So aber bemerkte er nichts von irgendeinem Echo seiner Ideen.

Aber obwohl er sich allein sah, wußte er doch, daß er es nicht war. Zwei verschiedene Gefühle, die einen Gegensatz zu bilden schienen — seine Bescheidenheit und sein Glaube — vereinten sich, um ihm zu sagen: „Was du denkst, denken auch andere, deine Wahrheit ist zu groß, und du bist zu klein, als daß sie nur in dir allein existieren könnte. Das, was du mit deinen schlechten Augen hast wahrnehmen können, dieses Licht strahlt, so wie zu dir, auch in andere Augen. In diesem Augenblicke neigt sich der Große Bär zum Horizont, tausend Blicke schauen vielleicht zu ihm auf, du siehst nicht diese Blicke, aber das ferne Licht vereint sie mit dem deinen.“

Die Einsamkeit des Geistes ist nur eine Illusion, eine bittere und schmerzhafte, aber eine, der keine tiefe Wirklichkeit entspricht. Selbst die Losgelöstesten von uns gehören doch alle zu einer sittlichen Familie, und diese Gemeinschaft der Geister ist nicht innerhalb eines Landes oder einer Zeit, sondern ihre Elemente sind verstreut durch die Völker und Jahrhunderte. Für einen konservativen Geist sind sie in der Vergangenheit, die Revolutionäre und die Verfolgten finden sie in der Zukunft. Zukunft und Vergangenheit sind nicht weniger wirklich als die augenblickliche Gegenwart, deren Mauer die zufriedenen Blicke der großen Menge einengt. Und selbst die Gegenwart ist nicht so, wie es die willkürlichen Abgrenzungen der Staaten, Nationen und Religionen glauben machen möchten. Die gegenwärtige Menschheit stellt einen Jahrmarkt von Gedanken dar. Ohne sie voneinander zu scheiden, hat man sie in Haufen aufgeschichtet, die rasch aufgerichtete Regale voneinander trennen: so sind oft Brüder von den Brüdern geschieden und unter Fremde geschichtet. Jeder Staat umschließt ganz verschiedene Rassen, die keineswegs geartet sind, gemeinsam zu denken und zu handeln, und jede der ideellen Familien oder Schwägerschaften, die man Vaterland nennt, umschließt Naturen, die in Wirklichkeit zu ganz anderen Familiengruppen der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft gehören. Da die Staaten sie nicht aufsaugen können, so unterdrücken sie sie, und sie können sich der Vernichtung nur durch allerlei Schleichwege entziehen — entweder durch scheinbare Unterwerfung und innere Auflehnung, oder durch die Flucht, indem sie freiwillige Emigranten werden — „Heimatslose“. Wirft man ihnen vor, daß sie dem Vaterland unbotmäßig seien, so ist das ebenso unberechtigt, als wollte man den Irländern oder Polen vorwerfen, daß sie sich der Aufsaugung durch England oder Preußen zu entziehen suchen. Hier wie dort bleiben diese Menschen ihren wahren Vaterländern treu.

Oh, ihr, die ihr vorgebt, dieser Krieg habe die Aufgabe, jedem Volke das Selbstbestimmungsrecht zu geben, wann werdet ihr dies Recht der über die Welt hin verstreuten Republik der freien Seelen geben?

Diese Republik fühlte Clerambault in all seiner Einsamkeit als eine Wirklichkeit. Wie das Rom des Sartorius lebte sie in ihm. Und ganz in all jenen einander Unbekannten, für die sie das wahre Vaterland ist.

§

Plötzlich fiel die Mauer von Schweigen, die das Wort Clerambaults umschloß. Aber es war nicht die Stimme eines Bruders, die der seinen Antwort gab. Wo die Kraft der Sympathie zu schwach gewesen war, um die Schranken zu zerbrechen, hatten die Dummheit und der Haß blindlings eine Bresche geschlagen.

Schon glaubte sich Clerambault nach einigen Wochen vergessen und dachte an eine neue Veröffentlichung, als eines Morgens Leo Camus mit Getöse bei ihm eintrat. Er krümmte sich vor Zorn. Mit tragisch erhobener Stirne reichte er Clerambault eine aufgefaltete Zeitung hin.

„Lies!“

Und während Clerambault las, sagte er, hinter ihm stehend:

„Was hat diese Niedertracht zu bedeuten?“

Clerambault sah ganz niedergeschmettert sich von einer Hand gemeuchelt, die er für eine Freundeshand hielt. Ein bekannter Schriftsteller, zu dem er in guter persönlicher Beziehung stand, ein Kollege Perrotins, ein ernster ehrenwerter Mensch, hatte, ohne zu zögern, die Rolle übernommen, ihn in der Öffentlichkeit zu denunzieren. Obwohl er Clerambault lange genug kannte, um an der Reinheit seiner Absichten nicht zweifeln zu können, stellte er ihn doch in einer entehrenden Weise vor die Öffentlichkeit. Als Historiker darin geübt, mit Texten umzugehen, hatte er aus der Broschüre Clerambaults einige verstümmelte Sätze herausgelöst und schwenkte sie empor wie einen Beweis von Verrat. Seine tugendhafte Erbitterung hatte sich nicht mit einem privaten Brief begnügt, gerade die lärmendste Tageszeitung, das niedrigste Erpresserblatt hatte sie sich ausgesucht, das eine Million Franzosen verachtet, während sie gleichzeitig seine Aufschneidereien mit offenen Mäulern einschluckt.

„Das ist nicht möglich“, stammelte Clerambault, den diese unerwartete Gehässigkeit wehrlos überfiel.

„Da ist kein Augenblick zu verlieren“, sagte Camus, „du mußt antworten.“

„Antworten? Was denn?“

„Zuerst natürlich diese niederträchtige Erfindung dementieren.“

„Aber das ist doch keine Erfindung“, sagte Clerambault, der den Kopf gehoben hatte und Camus ansah.

Nun war es an Camus, wie vom Donner gerührt zu sein.

„Das ist keine...? Das ist keine...?“ stammelte er vor Überraschung.

„Die Broschüre ist von mir“, sagte Clerambault, „aber ihr Sinn ist durch den Artikel entstellt...“

Camus hatte das Ende des Satzes nicht abgewartet, er brüllte los:

„Du hast so etwas geschrieben, du, du,...“

Clerambault versuchte seinen Schwager zu beruhigen, bat ihn, doch nicht zu urteilen, ehe er alle Einzelheiten wüßte. Aber der andere behandelte ihn hartnäckig wie einen Wahnsinnigen und schrie:

„Ich kümmere mich nicht um das alles. Hast du gegen den Krieg, gegen das Vaterland geschrieben oder nicht?“

„Ich habe geschrieben, daß der Krieg ein Verbrechen ist, und daß alle Vaterländer sich damit beschmutzt haben.“

Camus fuhr auf, ohne Clerambault die Möglichkeit zu geben, sich weiter zu erklären, machte eine Bewegung, als ob er ihn am Halse fassen wollte, hielt sich aber zurück und schleuderte ihm ins Gesicht, daß er der Verbrecher sei, und daß er verdiente, sofort vor das Kriegsgericht zu kommen.

Auf sein Geschrei hin begann das Mädchen an der Tür zu horchen, Madame Clerambault lief herbei, versuchte mit einem Strom von Worten über sein aufgebrachtes Wesen ihren Bruder zu beruhigen. Clerambault, ganz betäubt, bot vergebens Camus an, ihm die beschuldigte Broschüre vorzulesen, aber Camus verweigerte es mit einem Zornesausbruch und sagte, ihm genüge schon, das von diesem Dreck zu kennen, was die Zeitungen davon gebracht hatten. (Er nannte die Zeitungen Lügner, bestätigte aber ihre Lügen.) Schließlich trat er als Richter auf, forderte Clerambault auf, unverzüglich und in seiner Gegenwart eine briefliche öffentliche Abschwörung zu schreiben. Clerambault zuckte die Achseln und sagte, er sei niemandem Rechenschaft schuldig als seinem Gewissen, er sei frei.

„Nein!“ schrie Camus.

„Wie? Ich bin nicht frei, ich habe nicht das Recht zu sagen, was ich denke?“

„Nein, du bist nicht frei! Nein, du hast nicht dieses Recht“, schrie Camus ganz außer sich. „Du hast Rücksichten zu nehmen auf das Vaterland und vor allem auf deine Familie. Sie hätte das Recht, dich einsperren zu lassen.“ Er verlangte, daß der Brief sofort geschrieben würde, augenblicklich! Clerambault wandte ihm den Rücken. Camus ging weg, schlug die Tür zu und schrie, er würde nie mehr den Fuß hierher setzen, zwischen ihnen sei alles zu Ende.

Nachher mußte Clerambault noch die Fragen seiner in Tränen aufgelösten Frau über sich ergehen lassen, die, ohne zu wissen, was er getan hatte, seine Unvorsichtigkeit beklagte und ihn fragte, warum in aller Welt er denn nicht schweige. Hätten sie denn noch nicht Unglück genug, wozu dieses Bedürfnis zu reden und vor allem diese unsinnige Sucht, anders reden zu wollen als die anderen.

Rosine kam von einer Besorgung zurück. Clerambault nahm sie zum Zeugen, erzählte ihr wirr die peinliche Szene, die sich eben abgespielt hatte, bat sie, sich an seinen Tisch zu setzen, damit er ihr den Artikel vorlesen könne. Ohne sich die Zeit zu nehmen, die Handschuhe auszuziehen oder den Hut abzulegen, setzte sich Rosine zu ihrem Vater, hörte still und klug zu. Als er geendigt hatte, stand sie auf, umarmte ihn und sagte:

„Ja, das ist schön!... Aber, Papa, wozu hast du das getan?“

Clerambault war ganz verstört.

„Wie? Wie? Wozu ich das getan habe? Ist es denn nicht richtig?“

„Ich weiß nicht, ja, ich glaube... es muß wohl richtig sein, da du es sagst.... Aber vielleicht war es nicht nötig, es zu schreiben.“

„Nicht nötig? Wenn es richtig ist, so ist es auch nötig.“

„Aber es macht ja einen solchen Lärm.“

„Ist das ein Grund dagegen?“

„Aber wozu die Leute aufreizen?“

„Sieh, Kind, du glaubst doch auch, was ich geschrieben habe?“

„Ja, ich glaube, Papa...“

„Warte. Du glaubst... Du verabscheust den Krieg; wie ich, möchtest du ihn beendet sehen. Alles, was ich hier gesagt habe, habe ich dir schon früher gesagt, und du dachtest genau so wie ich....“

„Ja, Papa.“

„Also du findest es richtig?“

„Ja, Papa.“

Sie legte ihre Arme um seinen Hals.

„Aber es ist doch nicht notwendig, alles niederzuschreiben.“

Clerambault versuchte, traurig, ihr zu erklären, was ihm ganz klar schien. Rosine hörte zu und gab ruhig Antwort. Aber das einzig Klare war, daß sie nichts verstand. Um ein Ende zu machen, umarmte sie nochmals ihren Vater und sagte:

„Ich habe dir meine Ansicht gesagt, aber du weißt das ja besser als ich. Es steht mir nicht zu, darüber zu entscheiden.“

Sie lächelte ihrem Vater zu und kehrte in ihr Zimmer zurück, ohne zu ahnen, daß sie ihm seine beste Stütze genommen hatte.

§

Der beschimpfende Angriff blieb nicht vereinzelt. Sobald einmal die Schellen gelöst waren, hörten sie nicht mehr auf zu klingeln. Nur hätte sich in der allgemeinen Verwirrung ihr Lärm verloren ohne die erbitterte Anstrengung einer Stimme, die gegen Clerambault den ganzen Chor vielfältigster Bösartigkeit dirigierte.

Es war die eines seiner ältesten Freunde, des Schriftstellers Octave Bertin. Sie waren zusammen im Lyzeum Henri IV. Schüler gewesen. Dort hatte der junge, feine, elegante, frühreife Pariser Bertin das linkische und enthusiastische Entgegenkommen dieses großen Burschen gern angenommen, der aus der Provinz kam, geistig ebenso unbeholfen wie körperlich (seine Arme und Beine schienen in den zu kurz gewordenen Kleidern kein Ende nehmen zu wollen), und der ein ganz seltsames Gemisch von Unschuld, naiver Unwissenheit, schlechtem Geschmack, von Pathos und überschäumender Kraft, von originellen Einfällen und packenden Bildern darstellte. Weder die Lächerlichkeiten noch der innere Reichtum Clerambaults waren den klugen und scharfen Augen Bertins entgangen, und er hatte ihn schließlich als intimen Freund aufgenommen, wobei die Bewunderung Clerambaults für ihn keinen geringen Einfluß auf diesen seinen Entschluß hatte. Durch mehrere Jahre hatten sie im geschwätzigen Überschwang ihre jugendlichen Gedanken geteilt. Beide träumten davon, Künstler zu werden, lasen einander ihre Versuche vor und bekämpften einander in endlosen Diskussionen. Bertin behielt immer das letzte Wort, wie er ja in allem die Überlegenheit behielt, die übrigens Clerambault ihm zu bestreiten niemals die Absicht hatte. Er hätte sie viel eher mit Faustschlägen jedem aufgezwungen, der sie geleugnet hätte. Mit offenem Munde bestaunte er die gedankliche und stilistische Virtuosität dieses blendenden jungen Mannes, der gleichsam im Spiel auf der Universität alle Erfolge davontrug, und den seine Lehrer von vornherein zu den höchsten Stellungen berufen sahen — womit sie natürlich meinten, zu allen offiziellen und akademischen. Auch Bertin verstand es so. Er hatte Eile emporzukommen und dachte, daß die Frucht des Ruhmes am besten schmecke, wenn man sie mit den Zähnen eines Zwanzigjährigen zerbeiße. Noch ehe er die Schule verlassen hatte, fand er eine Möglichkeit, in einer großen Pariser Revue eine Serie von Essays zu veröffentlichen, die sofort seinen Namen bekannt machten, und ohne nur Atem zu schöpfen, brachte er dann Schlag auf Schlag einen Roman in der Art d’Annunzios, eine Komödie im Stile Rostands, ein Buch über die Liebe, ein anderes über die Reform der Gesetzgebung, eine Enquete über den Modernismus, eine Monographie Sarah Bernhardts und schließlich jene „Dialoge der Lebendigen“ heraus, deren sarkastische und klug abgewogene Geschmeidigkeit ihm die Pariser Chronik in einem der ersten Boulevardblätter verschaffte. Nun einmal in den Journalismus eingetreten, blieb er darin. Er gehörte schon zu den Sternen des literarischen Tout Paris, als der Name Clerambaults noch unbekannt war. Clerambault dagegen nahm erst ganz langsam von seiner inneren Welt Besitz. Er hatte zuviel damit zu tun, gegen sich selbst zu kämpfen, als daß er viel Zeit auf die Eroberung der Öffentlichkeit hätte verwenden können. So kamen auch seine ersten Bücher, die er mit Not hatte zum Druck bringen können, kaum über einen Kreis von zehn Lesern hinaus. Man muß Bertin die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er zu diesen Zehn gehörte, daß er das Talent Clerambaults zu schätzen wußte und dies sogar gelegentlich aussprach. Und solange Clerambault noch unbekannt war, leistete er sich den Luxus, ihn zu verteidigen, allerdings nicht ohne dem Lob einige freundschaftliche Ratschläge von oben herab beizufügen, die Clerambault nicht immer befolgte, aber immer mit dem gleichen zärtlichen Respekt anhörte.

Dann wurde Clerambault bekannt, schließlich sogar berühmt. Bertin war darüber sehr erstaunt, eigentlich aufrichtig zufrieden mit dem Erfolg seines Freundes und doch darüber ein wenig verärgert. Er ließ durchblicken, daß er ihn übertrieben fände, daß für ihn der beste Clerambault der unbekannte war — jener vor dem Ruhm. Er versuchte es manchmal, dies Clerambault zu erklären, der nicht nein und nicht ja sagte, denn er wußte nichts darüber und befaßte sich damit kaum, er hatte immer nur ein neues Werk im Kopfe. Die beiden alten Kameraden waren in ausgezeichneten Beziehungen verblieben, aber sie waren allmählich mehr voneinander abgerückt.

Der Krieg hatte aus Bertin einen wilden Scharfmacher gemacht. Früher im Lyzeum hatte er den provinzlerischen Clerambault immer erschreckt durch seine freche Respektlosigkeit gegen alle politischen oder gesellschaftlichen Werte, gegen Vaterland, Moral und Religion, und hatte auch dann in seinen literarischen Werken diesen Anarchismus wohlgefällig zur Schau getragen, allerdings in einer skeptischen, mondänen und matten Form, mit der er ja dem Geschmacke seines reichen Leserkreises am besten entsprach. Mit diesem Leserkreis und dessen Lieferanten, den Kollegen von der Boulevardpresse und den Boulevardtheatern, diesen Enkelchen eines Parny und des jüngeren Crébillon, richtete er sich plötzlich als Brutus auf, der bereit ist, seine Söhne zu opfern. Er hatte vielleicht dafür die Entschuldigung, daß er keine besaß, aber das tat ihm möglicherweise leid.

Clerambault hatte ihm nichts vorzuwerfen und dachte auch nicht daran. Aber noch weniger dachte er daran, daß sein alter Kamerad, der Amoralist, ihm gegenüber den Anwalt des beleidigten Vaterlandes spielen würde; war er aber wirklich nur der des Vaterlandes? Die zornerbitterte Schmähschrift, die Bertin Clerambault entgegenschleuderte, schien ihm irgendwie einen persönlichen Haß zu enthüllen, den Clerambault sich nicht erklären konnte. Bei der allgemeinen Verwirrung der Geister wäre es verständlich gewesen, daß Bertin von den Gedanken Clerambaults empört gewesen und sich dann offen unter vier Augen mit ihm auseinandergesetzt hätte. Aber ohne ihn vorher zu verständigen, begann er mit einer öffentlichen Abschlachtung. Auf der ersten Seite seines Blattes fiel er ihn mit einer unerhörten Heftigkeit an und beschimpfte nicht nur seine Ideen, sondern auch seinen Charakter. Die tragische Gewissenskrise Clerambaults deutete er als einen Anfall literarischer Großmannssucht, die durch den übermäßigen Erfolg seiner Werke verursacht sei, und es machte den Eindruck, als hätte er eigens die Ausdrücke gesucht, die für Clerambaults Selbstgefühl am verletzendsten sein mußten. Der Aufsatz endete in einem Ton beleidigender Überhebung und forderte die sofortige Zurücknahme des Irrtums.

Die Vehemenz des Artikels, der bekannte Name des Chronisten machten sofort aus dem „Fall Clerambault“ ein Pariser Ereignis. Er beschäftigte die Presse beinahe eine ganze Woche, was für jene Spatzenhirne viel bedeutet. Fast niemand nahm sich die Mühe, die Texte Clerambaults selbst zu lesen: das war ja nicht nötig, Bertin hatte sie ja gelesen. Die Kollegenschaft hat nicht die Gewohnheit, eine überflüssige Arbeit noch einmal zu machen, es handelte sich auch nicht darum, zu lesen, es handelte sich darum, jemand zu richten. Eine seltsame Art von Burgfrieden kam auf Kosten Clerambaults zustande. Klerikale, Jakobiner waren darin einig, ihn tot zu machen. Von einem Tag zum andern war ohne Übergang der gestern bewunderte Mann in den Schlamm gezogen, der nationale Dichter ein Feind der Gemeinschaft geworden. Alle die Myrmidonen der Zeitung beteiligten sich an der heroischen Beschimpfung und die meisten brachten gleichzeitig mit ihrer ursprünglichen bösen Absicht auch eine ganz unwahrscheinliche Unbildung zutage. Denn nur wenige von ihnen kannten die Werke Clerambaults, kaum wußten sie seinen Namen und den Titel eines seiner Bücher, aber das hinderte sie ebensowenig, ihn heute herunterzureißen, wie es sie gestern gestört hatte, ihn in den Himmel zu heben, als er noch in Mode war. Jetzt fanden sie in allem, was er geschrieben hatte, Spuren von „Bochismus“. Ihre Zitate waren übrigens regelmäßig ungenau, einer von ihnen bedachte sogar Clerambault im Feuer seiner Anklage mit der Autorschaft des Werkes eines andern, der dann, bleich vor Furcht, sofort mit Entrüstungsprotesten jede Solidarität mit dem gefährlichen Kollegen öffentlich ablehnte. Clerambaults Freunde, beunruhigt über ihre Intimität mit ihm, warteten nicht darauf, daß man sie ihnen vorwarf. Sie trafen ihre Vorkehrungen und richteten an ihn „offene Briefe“, die die Zeitungen an bester Stelle veröffentlichten. Die einen, wie Bertin, fügten ihrem öffentlichen Tadel eine pathetische Beschwörung bei, mea culpa zu machen, andere wandten sich, selbst ohne diesen milden Vorbehalt, in bitteren und beleidigenden Worten von ihm ab. Diese Fülle von Gehässigkeit machte Clerambault ganz wirr. Sie konnte doch nicht durch seine Aufsätze allein verursacht sein, sie mußte doch längst schon in den Herzen dieser Menschen gebrütet haben. Mein Gott, soviel verborgener Haß.... Was hatte er ihnen denn getan?... Der erfolgreiche Künstler ahnt nicht, daß mehr als einer unter denen, die ihm mit einem freundlichen Lächeln folgen, unter diesem Lächeln die Zähne verbirgt, die nur auf die Stunde warten, da sie zuschnappen können.

Clerambault bemühte sich, vor seiner Frau die Beschimpfungen der Zeitungen verborgen zu halten. Wie ein Schulbub, der seine schlechten Noten verschwinden läßt, lauerte er auf den Postboten, um die bösartigen Zeitungen rechtzeitig beiseite zu schaffen. Aber ihr Gift drang schließlich bis in die Luft, die sie atmeten. Frau Clerambault und Rosine bekamen in der Gesellschaft verletzende Anspielungen, kleine Beleidigungen und Beschimpfungen zu hören. Mit dem eingebornen Instinkt für Gerechtigkeit, der für das menschliche Wesen und besonders für die Frau so charakteristisch ist, machte man sie verantwortlich für die Ideen Clerambaults, die sie kaum kannten und nicht guthießen. (Diejenigen, die sie beschuldigten, kannten sie allerdings ebensowenig.) Die Höflichsten unter ihnen übten die Technik des Verschweigens, sie vermieden es sichtlich, nach Clerambault zu fragen oder seinen Namen auch nur auszusprechen.... „Man spricht nicht vom Strick des Henkers im Hause des Gehenkten.“ Dieses berechnete Schweigen wirkte dann noch beleidigender als ein Tadel: es war, als ob Clerambault eine betrügerische Schwindelei oder ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hätte. Frau Clerambault kam erbittert heim. Rosine tat so, als kümmerte sie sich nicht darum, aber Clerambault merkte, daß sie daran litt. Eine Freundin, die ihnen auf der Straße begegnete, ging auf das andere Trottoir hinüber und wandte den Kopf weg, um nicht grüßen zu müssen. Rosine wurde aus einem Wohltätigkeitskomitee ausgeschlossen, wo sie seit mehreren Jahren aufopferungsvolle Arbeit tat.

In dieser allgemeinen patriotischen Mißbilligung zeichneten sich vor allem die Frauen durch ihre Erbitterung aus. Nirgends fand der Ruf Clerambaults zur Annäherung und Versöhnung wütendere Gegner. Und so war es überall. Die Tyrannei der öffentlichen Meinung, diese vom modernen Staat geschaffene Unterdrückungsmaschine, die noch despotischer ist als er selbst, hat während des Krieges keinen grausameren Handlanger gefunden als gewisse Frauen. Bertrand Russel erzählte den Fall eines armen Kerls, eines Straßenbahnschaffners, der, verheiratet, Familienvater und vom Heere zurückgestellt, sich aus Verzweiflung über die Beschimpfungen, mit denen die Frauen von Middlesex ihn verfolgten, das Leben nahm. In allen Ländern sind tausende Unglückliche wie er von diesen Bacchantinnen des Krieges gehetzt, verrückt gemacht und an die Schlachtbank geliefert worden.... Seien wir darüber nicht überrascht. Um diese fanatische Wildheit nicht erwartet zu haben, mußte man zu jenen gehören, die so wie Clerambault bisher im Einklange mit der öffentlichen Meinung und in der Idealistik des allgemeinen Ruhezustandes gelebt haben. Trotz aller Anstrengung der Frauen, immer dem lügnerischen Ideal zu gleichen, das sich der Mann zu seiner Zufriedenheit und seiner Beruhigung ersonnen hat, ist doch die Frau, mag sie selbst so bleichsüchtig, verfeinert und veredelt sein wie die von heute, doch noch mehr dem Urmenschen verwandt als der Mann. Sie lebt näher der Quelle der Instinkte und ist stärker begabt mit jenen Kräften, die weder moralisch noch unmoralisch, sondern ganz einfach animalisch sind. Wenn auch die Liebe ihre wesentliche Funktion ist, so ist es doch keineswegs die durch die Vernunft sublimierte Liebe, sondern die blinde und überschwengliche Liebe im Urzustand, wo sich Egoismus und Opfertum vermengen, beide gleich unbewußt und beide im Dienste der dunkeln Ziele der Rasse. Alle die zarten und blütenhaften Verzierungen, unter denen dieses Paar jene Gewalten zu verbergen sucht, vor denen es selbst erschrickt, sind gleichsam ein Geflecht von Schlingpflanzen über einem Sturzbach. Ihr Zweck ist, über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Würden die schwächlichen Seelen der Menschen geradeaus den ungeheuren Kräften, von denen sie fortgerissen werden, ins Auge schauen, so könnten sie das Leben nicht ertragen. Darum bemüht sich ihre erfindungsreiche Feigheit, sich geistig ihrer Schwäche anzupassen. Sie lügen in ihrer Liebe, sie lügen im Hasse, lügen in Bezug auf die Frau, lügen in Bezug auf das Vaterland und seine Götter. Aus Angst, die sichtbar werdende Wirklichkeit könnte sie aus dem Gleichgewicht bringen und erschüttern, ersetzen sie sich diese Wirklichkeit durch die matten Farben ihres Idealismus.

Der Krieg nun hatte diesen schwächlichen Schutzwall hinstürzen lassen. Clerambault sah, wie das Kleid der katzenhaften Höflichkeit, mit der sich die Zivilisation umhüllte, zu Boden fiel. Nun wurde das grausame Tier sichtbar.

Die Nachsichtigsten unter den früheren Freunden Clerambaults waren jene, die zur politischen Welt gehörten, die Abgeordneten, die Minister von gestern oder von morgen. Gewohnt, die Menschenherde an der Nase herumzuführen, wußten jene, wie wenig sie wert ist. Ihnen schien die kühne Äußerung Clerambaults recht naiv. Sie selbst dachten noch zehnmal Böseres, fanden es aber töricht, diese Erkenntnis auszusprechen, gefährlich, sie niederzuschreiben, und am allergefährlichsten, auf sie zu antworten. Denn was man offen angreift, macht man dadurch bekannt, und was man verurteilt, dem mißt man doch eine Bedeutung bei. Nach ihrer Meinung wäre es daher am besten gewesen, klug zu den unbequemen Schriften zu schweigen, die ja die verschlafene und verdöste öffentliche Meinung von selbst gar nie bemerkt hätte.

Diese Art Technik war ja während des Krieges in Deutschland von oben aus anbefohlen und befolgt worden. Dort erstickten die öffentlichen Machthaber die unbotmäßigen Schriftsteller, wenn sie sie nicht ohne Lärm erdrosseln konnten, unter Blumengewinden. Aber der politische Geist der französischen Demokratie ist offener und gleichzeitig beschränkter. Sie verstehen sich dort nicht auf Schweigen. Statt ihren Haß zu verstecken, reißen sie ihn auf die Tribüne, um ihn dort in die Welt zu donnern. Die französische Freiheit ist so, wie Rude sie dargestellt hat: brüllend, mit aufgerissenem Mund. Wer nicht ganz so denkt wie sie, ist allsogleich ein Verräter; es findet sich gleich irgendein kleiner Journalist, der erzählt, um wie viel Geld diese freie Stimme gekauft sei, und zwanzig Besessene hetzen gegen sie die Tollwut der Maulaffen. Ist dann einmal der Tanz im Gang, so kann man nichts tun, als warten, bis sich die Tollheit durch ihr Übermaß erschöpft hat; solange: rette sich, wer kann! Die Vorsichtigen bringen sich in Sicherheit oder heulen mit den Wölfen.

Der Leiter jener Tageszeitung, die seit einigen Jahren sich eine Ehre daraus gemacht hatte, die Gedichte Clerambaults zu veröffentlichen, ließ ihm vertraulich sagen, er fände diesen ganzen Lärm lächerlich, und die ganze Sache sei kein Hundshaar wert, aber zu seinem großen Bedauern sehe er sich genötigt, um seiner Abonnenten willen ihm eins zu versetzen... natürlich in aller Höflichkeit... Selbverständlich in aller Form.... Und nichts für ungut, nicht wahr? Und wirklich, der Angriff war gar nicht gewalttätig, er beschränkte sich bloß darauf, Clerambault lächerlich zu machen. Und selbst Perrotin — wie kläglich ist doch das Menschengeschlecht! — ironisierte ihn in einem Interview auf geistreichste Weise, ließ die Leute auf seine Kosten lachen, gedachte aber dabei heimlich sein Freund zu bleiben.

In seinem eigenen Hause fand Clerambault keine Unterstützung mehr. Seine alte Gefährtin, die seit dreißig Jahren nur durch ihn dachte und seine Gedanken wiederholte, ehe sie sie selber verstand, war erschrocken und zornig über seine neuen Worte, warf ihm bitter vor, diesen Skandal heraufbeschworen, seinen Namen und den der ganzen Familie ins Unrecht gesetzt und das Andenken ihres toten Kindes, die Idee der heiligen Rache und des Vaterlandes geschädigt zu haben. Rosine ihrerseits liebte ihn noch immer, aber sie verstand ihn nicht mehr. Eine Frau kann selten die Forderungen des Geistes anerkennen, sie kennt nur die Forderungen des Herzens. Ihr hatte es genügt, daß ihr Vater sich nicht mit Worten des Hasses verband, daß er mitleidsvoll und gut blieb, doch wünschte sie keineswegs, daß er diese Gefühle in Theorien verwandelte, und noch weniger, daß er sie öffentlich aussprach. Sie hatte den zugleich zärtlichen und praktischen gesunden Menschenverstand einer, die die Forderungen des Herzens gewahrt wissen will und sich mit dem Übrigen abfindet. Aber das unbeugsame logische Bedürfnis, das den Mann treibt, die äußersten Konsequenzen seines Glaubens zu ziehen, war ihr unverständlich. Soweit konnte sie nicht mit. Ihre Stunde war vorüber, die Stunde, wo sie unbewußt die Aufgabe übernommen und erfüllt hatte, mütterlich ihren schwachen, unsicheren und zerbrochenen Vater aufzurichten und ihn unter ihrem Flügel zu bergen, sein Gewissen zu retten und ihm die Fackel wieder in die Hand zu drücken, die er fallen gelassen hatte. Jetzt, da er sie wieder in Händen trug, war ihre Aufgabe erfüllt. Sie war wieder das liebende, unscheinbare „kleine Mädchen“ geworden, das die großen Geschehnisse der Zeit mit ein wenig gleichgültigen Blicken sieht, und nur im Grunde ihrer Seele blieb etwas zurück von dem feurigen Licht der überirdischen Stunde, die sie gelebt hatte, die sie fromm bewahrte und deren Sinn sie nicht mehr verstand.

§

Ungefähr um dieselbe Zeit empfing Clerambault den Besuch eines jungen Urlaubers aus einer befreundeten Familie. Daniel Favre, Sohn eines Ingenieurs und selbst Ingenieur, dessen lebendige Intelligenz aber nicht durch seinen Beruf beschränkt wurde, hatte seit langem eine Leidenschaft für Clerambault gefaßt: der mächtige Aufschwung der modernen Wissenschaft hatte sein Gebiet seltsam jenem der Dichtung angenähert, war doch die Technik gewissermaßen selbst das größte der zeitgenössischen Gedichte geworden. Daniel war ein enthusiastischer Leser Clerambaults. Sie hatten innige Briefe gewechselt und der junge Mann, dessen Familie mit der Clerambaults in Beziehungen stand, kam oft zu ihnen, und vielleicht auch nicht bloß, um dem Dichter zu begegnen. Die Besuche dieses liebenswerten, etwa dreißigjährigen Menschen, eines großen, gutgewachsenen Burschen mit festen Zügen, einem scheuen Lächeln, mit hellen Augen im sonnverbrannten Gesicht, wurden immer freudig aufgenommen, und Clerambault war nicht der einzige, den sie erfreuten. Für Daniel wäre es leicht gewesen, sich einen Hinterlandsdienst in irgendeiner Metallfabrik zu sichern, aber er hatte selbst gefordert, seinen gefährlichen Posten an der Front nicht verlassen zu müssen, wo er sich rasch den Leutnantsgrad erworben hatte. Der Urlaub bot ihm Gelegenheit, Clerambault zu besuchen.

Clerambault war allein, seine Frau und seine Tochter waren ausgegangen. Freudig empfing er den jungen Freund. Aber Daniel schien befangen, und nachdem er längere Zeit auf die Fragen Clerambaults recht und schlecht geantwortet hatte, schnitt er geradewegs die Sache an, die ihm am Herzen lag. Er sagte, er hätte an der Front von den Artikeln Clerambaults gehört, und dies hätte ihn verwirrt. Man sagte... oder man behauptete... schließlich, man sei ja so streng... er wisse ja, daß es ungerecht sei... aber er sei gekommen — und dabei faßte er die Hand Clerambaults in einer Art zärtlicher Scheu — um ihn zu bitten, sich nicht von jenen zu trennen, die ihn liebten. Er erinnerte ihn an die Ehrfurcht, die der Dichter, der einst die französische Erde und die innere Größe der Rasse gefeiert hatte, allgemein einflöße.... „Bleiben Sie, bleiben Sie mit uns in dieser Stunde der Prüfungen....“

„Nie bin ich mehr mit euch gewesen“, antwortete Clerambault. Und er fragte ihn:

„Sie sagen mir, lieber Freund, daß man das, was ich geschrieben hätte, verunglimpfe. Was denken Sie selbst davon?“

„Ich habe es nicht gelesen“, sagte Daniel. „Ich wollte es nicht lesen. Ich hatte Furcht, in meiner Zuneigung für Sie gekränkt oder an der Erfüllung meiner Pflicht gehindert zu sein.“

„Dann haben Sie wenig Vertrauen zu sich, wenn Sie fürchten, durch das Lesen von ein paar Zeilen in Ihrer Überzeugung erschüttert zu werden.“

„Ich bin meiner Überzeugung sicher“, antwortete Daniel ein wenig gereizt, „aber es gibt gewisse Dinge, für die es besser ist, wenn man sie nicht in die Diskussion zieht.“

„Seltsam“, sagte Clerambault, „das ist ein Wort, das ich mir nicht von einem Mann der Wissenschaft erwartete. Was hat die Wahrheit dabei zu verlieren, wenn man sie untersucht?“

„Die Wahrheit nichts, aber die Liebe. Die Liebe zum Vaterland.“

„Mein lieber Daniel, Sie sind viel kühner als ich. Ich stelle die Wahrheit nicht in einen Gegensatz zur Vaterlandsliebe. Ich versuche nur, sie in Einklang zu bringen.“

Daniel schnitt kurz ab. „Man diskutiert nicht über das Vaterland.“

„Es ist also“, sagte Clerambault, „ein Glaubensartikel?“

„Ich glaube an keine Religion“, protestierte Daniel, „an keine, und gerade darum denke ich so. Was bliebe denn noch auf Erden, wenn es nicht das Vaterland gäbe?“

„Nun, ich denke, es gibt auf der Erde viele gute und schöne Dinge, das Vaterland ist bloß eines davon. Ich liebe es auch. Und ich stelle auch nicht die Liebe zum Vaterland in Frage, sondern nur die Art, es zu lieben.“

„Es gibt nur eine“, sagte Daniel.

„Und die wäre?“

„Ihm gehorchen.“

„Also die Liebe mit geschlossenen Augen, so wie im antiken Symbol. Ich meinerseits möchte sie ihr lieber öffnen.“

„Nein, lassen Sie uns, wie wir sind! Unsere Aufgabe ist schon ohnehin hart genug, machen Sie sie uns nicht noch grausamer.“ Und mit einigen nüchternen, abgehackten, von Erregung bebenden Sätzen stellte Daniel die furchtbaren Bilder jener Wochen hin, die er eben im Schützengraben verlebt hatte, den Ekel und den Abscheu vor all dem, was er gelitten hatte, leiden gesehen und leiden gemacht hatte.

„Aber mein lieber Freund“, sagte Clerambault, „wenn Sie diese erbärmliche Schande selber sehen, warum sollen wir sie denn nicht verhindern?“

„Weil es unmöglich ist.“

„Um das zu wissen, käme es erst auf einen Versuch an.“

„Das Gesetz der Natur ist der Kampf der Wesen gegeneinander. Zerstören oder zerstört werden. So und nur so ist es.“

„Und wird sich das nie ändern?“

„Nein“, sagte Daniel mit einem Ton hartnäckigen Schmerzes, „es ist ein Gesetz.“

Es gibt Männer der Wissenschaft, denen die Wissenschaft so sehr die Wirklichkeit, die sie umschließt, verbirgt, daß sie sie unter dem Netz nicht mehr sehen; sie hat sich ihnen entzogen. Sie umfassen die ganze von der Wissenschaft umspannte Zone, halten es aber für unmöglich und sogar lächerlich, dieses Reich über die einmal von der Vernunft gezogene Grenze hinaus zu erweitern. Sie glauben bloß an einen Fortschritt, der an die Innenseite der Umfriedung gekettet ist. Clerambault kannte nur zu gut das spöttische Lächeln, mit dem die großen Gelehrten der offiziellen Schulen ohne jede nähere Prüfung die Eingebungen der Erfinder ablehnen. Eine gewisse Art der Wissenschaft ist mit Folgsamkeit vollkommen vereinbar. Wenigstens verband Daniel mit der seinen keine Ironie, vielmehr den Ausdruck einer stoischen und unbeirrbaren Traurigkeit. Es fehlte ihm nicht an geistiger Kühnheit, aber die hatte er einzig in den abstrakten Dingen. Dem Leben selbst gegenübergestellt, bot er eine Mischung — oder besser eine Aufeinanderfolge — von Ängstlichkeit und Starrsinn dar, von zögernder Bescheidenheit und trotziger Überzeugung. Wie die meisten Menschen war er ein zusammengesetztes, zwiespältiges Wesen, aus einzelnen Teilen und Stücken bestehend, nur daß bei einem Intellektuellen und besonders bei einem Mann der Wissenschaft die einzelnen Stücke nicht ganz ineinanderpassen und daß die Fugen sichtbar werden.

„Aber“, sagte Clerambault, die Betrachtungen, die in der Stille durch seinen Sinn gingen, laut zu Ende führend, „selbst die Voraussetzungen der Wissenschaft sind doch in Umformung begriffen. Seit zwanzig Jahren durchlaufen die Grundvorstellungen der Chemie und der Physik eine Krise der Erneuerung, die sie gleichzeitig erschüttert und doch fruchtbar macht. Und einzig die sogenannten Gesetze, die die menschliche Gesellschaft oder, besser gesagt, das chronische Räubertum der Nationen regieren, sollten unveränderlich sein? Habt ihr in eurem Gedankenkreis keinen Raum für die Hoffnung einer höheren Zukunft?“

„Wir könnten nicht kämpfen“, sagte Daniel, „hätten wir nicht die Hoffnung, eine gerechtere und menschlichere Weltordnung zu begründen. Viele meiner Gefährten sind der Überzeugung, dieser Krieg mache allen Kriegen ein Ende. Ich teile diese Hoffnung nicht, ich verlange nicht so viel. Ich weiß nur das eine, daß unser Frankreich in Gefahr ist, und daß seine Niederlage die der ganzen Menschheit wäre.“

„Die Niederlage jedes Volkes ist eine der ganzen Menschheit, denn alle sind für sie notwendig. Die Vereinigung aller Völker wäre der einzige wahrhafte Sieg. Jeder andere richtet ebenso die Sieger wie die Besiegten zugrunde. Jeder Tag, der diesen Krieg verlängert, läßt das kostbare Blut Frankreichs fließen, und es ist in Gefahr, für immer erschöpft zu werden.“

Daniel gebot diesen Worten mit einer erregten und schmerzlichen Geste Einhalt. Ja, das wußte er.... Das wußte er.... Wer wußte es besser als er, daß Frankreich hinstarb, Tag für Tag, an seiner heroischen Anstrengung, daß die Blüte seiner Jugend, seiner Kraft, seiner Intelligenz, das lebendige Mark der Rasse in Sturzbächen hinströmte und zugleich der Reichtum, die Arbeit und der Kredit des französischen Volkes.... Frankreich, blutend an allen Gliedern, ging den Weg, den Spanien vier Jahrhunderte zuvor gegangen war und der zu den Einsamkeiten des Eskurial führt.... Aber er wollte nicht, daß man ihm von den Möglichkeiten eines Friedens, der diese Qual beendigte, spräche, ehe der Feind gänzlich zu Boden geschmettert. Man dürfe nicht auf die Angebote, die Deutschland damals machte, antworten, nicht einmal, um sie in Erwägung zu ziehen. Man dürfe nicht einmal sprechen darüber. Und wie die Politiker, die Generale, die Journalisten und die Millionen armer Geschöpfe, die tollwütig die Lektion, die man ihnen eingelernt hatte, wiederholten, schrie auch Daniel: „Bis zum letzten Mann!“

Clerambault sah mit zärtlichem Mitleid diesen wackeren, scheuen und heldenmütigen Burschen an, der von dem Gedanken erschreckt wurde, das Dogma in Frage zu ziehen, dessen Opfer er war. Hatte dieser wissenschaftliche Geist gar keinen Widerstand gegen den Widersinn eines solchen blutigen Spieles, dessen Einsatz der Tod ebenso für Frankreich wie für Deutschland — und vielleicht für Frankreich mehr als für Deutschland — war?

Ja, er wehrte sich dagegen, aber er raffte sich trotzig zusammen, um es sich nicht einzugestehen. Von neuem beschwor Daniel Clerambault. „Ja, diese Gedanken mögen vielleicht wahr und gerecht sein, aber nur nicht jetzt, jetzt sind sie nicht an der Zeit... in zwanzig oder fünfzig Jahren!... Lassen Sie uns nur zuerst unsere Aufgabe erfüllen, zu siegen und die Freiheit der Welt, die Brüderlichkeit der Menschen durch den Sieg Frankreichs begründen.“