zu mir in mein Haar,
Der Tau fällt nieder;
nun kommt die Sonne!
Drüben richtete Onne sich mühsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an einem Baum und schützte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte, rauschte das Bachwasser sprühend auf, so daß der Sonnenschein über der Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor ihr und lachte glücklich.
Zehntes Kapitel
Der Herbst kam langsam über die Landschaften der Einöde wie ein schwermütiger Entschluß Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwärmte Tage von großer Klarheit und in den Gründen des Einödmoors zögerte der Sommer mit seinem Abschied.
Die alte Onne saß eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs gegen einen Birkenstamm gestützt im Todesschatten ihrer versunkenen Zeit, den Bedrängnissen des irdischen Lebens entrückt. Sie lächelte vor sich hin und die unbekümmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an. Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah über dem an die Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere herabhängende Hand berührte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe der Landstraße, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und-hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete über der verbrauchten Hülle ihres Geistes ein zufriedenes Lächeln, als sei ihr mit ihrer Trennung vom irdischen Gut die Erfüllung einer großen Pflicht gelungen.
Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Hütte im Laub am Herd, und Hirte ging durch die Büsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stämme herum auf dem Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf den Plätzen umhergehen oder vor den Häusern in der Frühsonne sitzen.
Der Blätterfall beschäftigte ihn, die welken Sommergäste kamen unauffällig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rötlich oder gelb durch die stille Luft, aber am Boden ließen sich keine Bewegungen mehr feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschließen, sie auf ihrem Weg zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und dachte darüber nach, daß es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel ließ sich wenig erkennen, man mußte abwarten, bis das Licht an Kraft zugenommen hatte.
Er wußte, daß Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; hätte Anje nicht so fest geschlafen, würde er seinem Gelüste nachgekommen sein, seiner seltsamen Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben.
Er ging an die Tür der Hütte und sah vorsichtig von der Schwelle aus hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf die verräucherten Gesimse, so daß die beiden Kupferkessel ein stilles Glühn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter ihrer heißen Wange, und das Gesicht sah ernst und beschäftigt aus. Hirte begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schräg und dachte an Anje. Schließlich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in Dörfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den Rädern oder vom Bock aus. Nicht daß Hirte den Wunsch nach Anschluß an seinesgleichen gehabt hätte, aber man sah doch allerlei und verglich die Pflichten. Je länger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien ihm sein Geschick, das Überfluß an Glücksgütern hatte, und er wedelte in Gedanken und ging wieder hinaus, es mußte abgewartet werden, ob Anje bald erwachte.
Draußen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drängte ihn in den Wald, er wußte nicht wohin. Er ließ den Morgenwind um seine schwarze Nase streifen und atmete die Luft stoßweise ein. Ohne es recht zu wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tür, in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Händen in ihr Haar, ihr Körper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgründen.
Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hölzernen Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers. Hirte war es gewohnt, daß er nicht beachtet wurde, und schaute andächtig zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis quälte ihn und er ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen müsse, daß ein Geheimnis den Wald erfüllte.
Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte sie erst am Herd, daß die Alte die Nacht nicht in der Hütte zugebracht hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden. Die Nächte waren kühl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurück, und die Morgenluft drang durch die offene Tür in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam erlosch. –
Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte sie nicht, sich ihr zu nähern, ihr war, als ob ein kühler Windzug ihre Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an. Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die Luft mit kläglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie schlich bebend heran, langsam und Schritt für Schritt; ihre Bedrängnis war so groß, daß es ihr erschien, als klänge die Luft in einem schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken Finger im Laub rückten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das Tauwasser der Pflanzen, die geöffneten Augen hatten kein Licht mehr.
Da löste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald erfüllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebüsch. Anje wurde von einem Entsetzen gerüttelt, das nicht seinesgleichen unter den Gefühlen der Menschen hat, sie entäußerte sich ihres ganzen Selbst in dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes überströmte und begrub ihre Sinne und das Bewußtsein jener furchtbaren Menschenohnmacht, die die Glaubenden befällt, wenn Gottes Angesicht sich abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer höllischen Bedrohung kennen.
Endlich richtete sie sich wie aus einer Betäubung auf, und der ganze Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als hätten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren geglichen hatten. Mit herabhängenden Armen stand Anje verlassen da und weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Tränen auf Onne herab, und die entwürdigende Qual einer tiefen Schuld zerriß ihr Gemüt immer aufs neue.
So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Schoß der toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie wortlos auf und trug sie heim, als gäbe es keine andere Heilung.
Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in den zusammengelegten Händen kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geöffnet und draußen zog die Nacht vorüber.
Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es für Anje keine fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhörlich bewegte, entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte:
Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und Nacht, Nacht und Tag.
Elftes Kapitel
Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es über sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt, die rötlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er, daß Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine war.
Das kahle Land beängstigte sein Gemüt, es gab ihn preis, er vermißte das Dach der Bäume über seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren als Schutz über sich gewußt hatte, und die Windstimmen der Büsche und Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerüstet, dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein höhnisches Lächeln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er schritt immer hart an den Straßenbirken dahin und berührte die eine oder andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lächelte spärlich. Es begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Für einen Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie ein eilender Traum, so flüchtig dahingegangen, daß nur weniges sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er erblickte, zu ihm zu reden.
Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine Scheune hinzugekommen, auch sie war weiß getüncht, wie die übrigen Wirtschaftsgebäude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand nötigten ihm ein fragendes Lächeln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt für vergängliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an, und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Blätter, in ihnen erhob sich der Morgenwind vor Tagesgraun.
Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um ihn zu begrüßen, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse standen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten, und die Vorhänge hinter ihnen zeigten einen knappen, lächerlichen Schwung. Ein junger Bauer in wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der Wirtschaftsgebäude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den merkwürdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut über die Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke verschwunden war, ließ ein Schwarm weißer Tauben sich auf dem Rasenrund der Einfahrt nieder.
Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wünsche, daß Gott dich möchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemäht, nur die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grün. Es begann sich mehr und mehr zu trüben, bis ein milder Regen niederging. Das Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berührungen der Wolken. Gerom betrachtete den genäßten Staub der Straße, und der Gedanke überwältigte ihn, daß Angelikas Füße diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um großen Schmerz hineinzutragen.
Als Gerom die breite gepflasterte Straße mitten durch Gorching ging, zur Rechten und Linken die Häuser und vor sich den spitzen Turm der Kirche, wußte er unter den Menschen plötzlich wieder, daß er ein Mörder war. Er schritt düster dahin bis zum Pfarrhof und begrüßte niemanden, seine Fäuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte, aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frühlingswald am Gurdelbach, und die Weiden blühten. Mitten darin stand sein Kind und bog die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu können. Er fühlte ihr Lächeln wie wärmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte sein Herz bis zur Glückseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm.
Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz auf ihrem Grabhügel, dessen Balken in der Mitte durch ein hölzernes Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte:
tropft ein Blatt auch auf dein Haupt.
Laß die Hand und halte still,
laß es liegen, wie es will.
Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen. Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs neue in seine Dämmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als könnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen Überreste einer Verschiedenen, diese späte Tat des Todes verwirrte ihre Gemüter, als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln über ein verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstört.
Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten an.
»Wie hast du es gemeint,« rief er unter Schluchzen, »was hast du im Wald von Anje gehört?«
Er sprach noch mancherlei Dinge, die trotz ihrer Unverständlichkeit einschüchternd wirkten, weil man sie mit seinem Leidenseindruck in Zusammenhang brachte, und weil sie durch seine Verzweiflung einen schaurigen Sinn bekamen, den keine Klarheit ihnen hätte verleihen können. Niemand begriff, daß der junge Mann sich in Hoffnungslosigkeit und Herzensangst in ihre Mitte gedrängt hatte, weil er unbewußt Hilfe von den Menschen erhoffte. Vielleicht mochte hierin der Grund zu finden sein, daß er sich plötzlich in maßlosem Zorn gegen die Nächststehenden wandte und in Schmähungen ausbrach. Als man ihn ergriff und fortführte, wurde er still und ließ mit sich geschehn, was man wollte. –
Als Gerom am Abend zur Ruhe gehn wollte, trat Anje vor ihn hin und fragte ihn schüchtern:
»Gehst du heute nacht in den Wald?«
Gerom sah erstaunt auf und bejahte ihre Frage zögernd.
»Warum willst du es wissen?« antwortete er ihr.
Anje strich sich ihr Haar gelassen über die Schulter, vom Herd her fiel ein milder Feuerschein über ihre Gestalt, ihr ruhiges Gesicht glühte im dämmrigen Rot. Geroms Stirn verfinsterte sich, er stand schwer und alt im Schatten an der Tür, und sein grauer, verwilderter Bart bedeckte seine Brust bis zur Hälfte. Er forschte in diesen Zügen, deren reines Licht von so großer Unschuld erstrahlte, daß ihn eine glückhafte Schwäche befiel, die das Herz eigensinnig zu unerreichbaren Gütern überredete. Er fühlte sich schuldig, weil er ihr kein Trostwort gesagt hatte wegen Onnes Tod, aber er brachte dererlei nicht über sich; war es nicht Tröstung genug, daß sie beide den gleichen Schmerz ertragen mußten? Aber vielleicht verlangte es sie nach einem Beweis seiner Teilnahme.
Deshalb sagte er nun:
»Onne ist gestorben …«, er stockte und fuhr fort: »so sollte es geschehn.«
Anje sah auf.
»Fürchte dich im Wald,« sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, »ich habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.«
Überrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und sagte ruhig:
»Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn fürchtet, versteht das Leben nicht.«
»In das Leben kommt die Angst«, sagte Anje und legte die Hände unter ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drückte, und mit zitternder Stimme fügte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: »Du bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht ohne dich nicht tun.«
Gerom wandte sich ab und stieß mit dem Fuß an die Holzscheite am Herd, um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrünstig danach, Anje einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschämte ihn. Am späten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte und den einfachen Sinn. Es kam ihm darüber zum Bewußtsein, daß Anje auf diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darüber erkannte er, wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die alte Frau gestorben war. Außer den Darbietungen der Seele gab es für ihn keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer Hütte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten gebückt durch das braune und grünliche Dämmerlicht der großen Bäume.
Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. Über dem einsamen Haus und seinen Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Räumen, die der Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurückläßt. So erhob sich Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer. Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hören, die zu verstummen schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur durch das kleine bläuliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne, einen größeren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der friedsam glühte. Er begegnete Anje auf der Treppe.
»Ich kann nicht einschlafen«, sagte sie.
»Wohin willst du denn gehn?«, fragte Gerom befangen, denn es beschämte ihn, daß er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn übermächtig gepackt, als wälzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die warme Stille ihrer Schläfen, an die gesenkten Augenlider, die am hellsten waren, und an das unschuldige Glück ihres schlafenden Mundes. Heiß und bitter ward er sich bewußt: Ich hab sonst nichts.
Nun hörte er aus der Dunkelheit über sich die Stimme antworten:
»Ich wollte zu dir.«
Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und hängte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus. Dann nahm Gerom ihre Hände:
»Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein«, sagte er mit bebender Stimme.
Er fühlte, wie Anje eifrig den Kopf schüttelte, und er empfand ihr Lächeln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lächelns so gewiß, daß er später in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in diesen Augenblicken hell gewesen. –
So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang in ihr Bereich mächtig geworden, denn das Glühn der Liebeswünsche, die Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergänglichen zu Licht, das wieder auf die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird.
Zwölftes Kapitel
Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner Berührung, und ins Gras fielen Tropfen.
Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.
So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben, so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung eines Unmündigen vermutet.
So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb, die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch, aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden:
»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.«
Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte. Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht, so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach, du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich.
Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und fast geschluchzt:
»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben, wenn du magst.«
»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke verschleierte.
»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte. Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich seiner Waffe bemächtigen sollte.
Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die Jagdbüchse gegen Fridlin.
Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte, bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend, mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte. Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß.
»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte.
Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen, Alter …« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat, ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß, schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind …«
Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile, bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend, ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte, das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog, setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte, so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein, für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen Morgenluft.
Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken, die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war und daß sie an seinem Hals gehangen hatte.
Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.
Dreizehntes Kapitel
Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte, bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin.
Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers, und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn, daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom Herzschlag der lebendigen Natur.
Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich in ihrer Freude daran.
Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes Kindermund die seltsame Antwort gekommen:
»So wird Gott die Schuld gutmachen.«
Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit bebender Stimme rief Onne:
»Er ist gekommen und hat es getan!«
»Warum weinst du?« fragte Anje.
Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.«
Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.
Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte, der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus, bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine Spur im Schnee.
Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar, als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht des Mondes, der aufgegangen war.
Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut, sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm.
In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.
Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer anderen Stätte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drängendes Unterbewußtsein von Augenblick zu Augenblick an Macht über ihn gewann. Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen seines Gemüts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbände. Er fand die Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag. Dort erkannte er beim zögernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle, unförmige Masse am Boden zwischen den Himbeersträuchern und versuchte auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Büschen stehend, die Formen des Körpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete sorgsam darauf, kein Geräusch hervorzurufen.
Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, saß das Anjekind mit gefalteten Händen.
So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nächtliche Licht ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden stillen Haltung wie eine zur Hälfte versunkene Statue, besonders weil der Mond von hinten her auf ihren Körper schien und das eintönige dunkle Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelöst war, sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewöhnlich groß aus, es ruhte fast unförmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von ihnen abwärts sanken die Linien der hängenden Arme gerade nieder, von bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, daß sie ihn ansah.
Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber durchmaß sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten Begegnung im Sommergrün am Gurdelbach bis zu diesem nächtlichen Waldplatz führte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vögel durch staubigen Wind getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkündet. Mit einer übergroßen Ermüdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so daß er hätte still und in Rührung über sich selbst vor sich hinweinen können. Er sagte laut:
»Ich bin unschuldig.«
Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in einem fröhlichen Eifer täte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem, Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand die Zweige der Sträucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den Nacken, so daß er im höchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurückbiegen mußte, um sie ansehen zu können. Sein Mund öffnete sich etwas, und seine aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte ihren Körper leicht an den seinen, so daß ihn ein rätselhafter Schauer für einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche Schmiegsamkeit dieses Körpers und einen Hauch, dem Geruch welkender Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er ihren Mund, der mit geöffneten Lippen in einer wehmütigen Verzerrung lächelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod.
In der jähen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, daß Anjes Kopf durch sein Aufschrecken zurückgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als hätte ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nähe des Herzens gegen seine Brust geschlagen. Erst beim nächsten Atemzug begriff er, was ihm geschehen war und sah hinab: merkwürdig plump und unwirklich hockte der Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das Herz seines Lebens, zog ihn in einen süßlichen Taumel von Ohnmacht hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch und eine Frage in seinem übermüdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im Bewußtsein gekostet zu haben. –
Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einöde umdunkelten sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Gründen der Sümpfe in die Lichtung, jene Dünste, die den beklemmenden Geruch wie von Teer und alter Erdnässe mit sich bringen, wie sie dem späten Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den Augen am nächsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, während schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in der einförmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten. Die kreisende Erde setzte unermüdlich ihre Reise fort, mit den toten, den lebendigen und den heraufdrängenden Wesen der Natur.
Vierzehntes Kapitel
Zwei Tage nach diesen Ereignissen erhielt das Forsthaus der Dachenau einen ungewöhnlichen Besuch; es war Hirte, der in einem traurigen Zustand vor der Gartentür anlangte und hineinzukommen versuchte. Die Jagdhunde des Försters erschwerten ihm sein Vorhaben nach Kräften und im besten Glauben, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Hirte gezwungen war, sich bis zur Ankunft eines Menschen im Gebüsch zu verbergen, wo er sich in das welke Laub legte und wartete. Er leckte den weißen Reif von den braunen, gekrümmten Blättern, weil er durstig war, und zitterte vor Hunger und Kälte, denn in dieser Nacht waren die ersten Fröste niedergegangen, und schon den ganzen Morgen über rauschte, wie ein bunter Regen, überall das Laubwerk zu Boden.
Als der Förster erschien, wagte Hirte sich aus seinem Versteck hervor, und wie er es erhofft hatte, wurden die beiden Jagdhunde sogleich zurückgerufen, als sie ihn durch ihren Zorn verrieten. Der Förster trat hinzu und zog die Brauen hoch, als seine Blicke über den armen Hirte hinglitten, dessen Zustand bejammernswert war. Er schien sich kaum auf den Beinen halten zu können, und sein nasses ruppiges Fell sah aus, als ob es zerfetzt und durchlöchert wäre. Aber Hirte schämte sich seines Zustands nicht, er nahm auch keine Nahrung an, obgleich er so von Kräften war, daß ihm das Laufen Mühe machte. Er war glücklich, einen Menschen gefunden zu haben, und mit seinen nachdenklichen Augen, die nie anders als traurig dreinschauen konnten, lief er ein Stückchen in den Wald, kehrte um, suchte die Blicke des Försters und verschwand wieder im Wald.
Da nahm der alte Mann mit ernstem Gesicht seine Jagdbüchse über die Schulter, schloß seine eigenen Hunde im Hofe an und folgte Hirte. Auf dem langen Weg, der bald durch unsicheres Gelände, bald durch Wald und Erlendickicht führte, überkam den Förster eine immer größere Besorgnis, die sich langsam zur Angst steigerte, je unermüdlicher Hirte zur Eile anzutreiben schien. Das häßliche Tier, dessen Eifer mit seiner letzten Körperkraft rang, rührte ihn so tief, daß er mit einer ganz ungewohnten Bewegung kämpfte. Als der Hund wieder bei ihm anlangte, beugte er sich nieder und klopfte liebevoll den mageren Rücken und streichelte den unschönen Kopf, der seine Gedanken nicht verraten konnte und unter dem ein Herz aus verborgenen Gründen her ein unerforschbares Liebeslicht in die matten Augen schickte. Sie hatten nun die alte Landstraße längst überschritten.
»Hirte,« sagte er, »Hirte, was ist denn geschehen?«
Das Tier entzog sich seiner Liebkosung ohne Erkenntlichkeit und eilte wieder voraus. Oft, wenn ein Hindernis dem Alten den Weg erschwerte, stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu. Er bändigte seine Ungeduld, und es erschien fast, als riete er zur Vorsicht.
Der Förster wußte, daß Fridlin nun schon die zweite Nacht nicht in die Dachenau zurückgekehrt war, und wenn er nicht erbittert auf den jungen Menschen gewesen wäre, so hätte er sicher Nachforschungen anstellen lassen. Vor ihm verschwand Hirte in einer Lichtung zwischen Himbeerbüschen und kam nicht mehr zurück. Der Alte schüttelte den Kopf und stolperte eilig über den unebenen Grund voran, dieser Ort lag wohl eine Stunde von Geroms Blockhaus entfernt. Da sah er die großen, dunklen Flecke durch das Gezweig, zwei, drei, und zwischen ihnen bewegte sich der braune Hirte, um sich dann niederzulegen.
Der alte Mann reckte die Arme gegen das Bild aus, das sich ihm darbot. »In meinen alten Tagen soll ich es sehen …«, stammelte er und stand still da, als wäre die unbeschreibliche Erstarrung auch über ihn gekommen, die über den stillen Menschen vor ihm lag. Aus einem Busch, dicht zu seiner Seite, sahen ihn trüb und hell die gebrochenen Augen seines jungen Gehilfen aus einem weißen Gesicht an. Der Kopf war zurückgeworfen und hatte keinen Halt, er hing leblos nieder, mit Reif auf der Stirn, und diese ihres Lebens beraubten Augen spiegelten den großen leeren Himmel, der sich grau und kalt, wie eine letzte Hoffnung, über der verlassenen Erde ausspannte. Aus der Brust des Toten starrte der Knauf eines Jagdmessers, der aus Hirschhorn geschnitzt war, und rätselhaft zärtlich ruhte die erkaltete Hand daneben, wie die blutlosen Hände der Märtyrer in Verzücktheit das erleuchtete Herz der Brust zu schützen scheinen.
Dem Toten gegenüber erkannte er die derbe Gestalt des Einsiedlers Gerom an dem großen grauen Bart, der die halbe Brust verdeckte. Auch Gerom war tot, seine Augen waren geschlossen, und der Reif der Nacht glitzerte auf den Lidern, wie er auf den Halmen und Steinen umher und auf den welken Blättern glitzerte. An seine Seite geschmiegt lag sein Kind. Anjes Arm war von unten her um den Hals ihres Vaters geschlungen, so daß sein Haupt an ihrer Schulter ruhte, und sie hatte ihre Wange an seine gepreßt. In einer Gebärde von Frömmigkeit, die hilflos und unaussprechlich liebreich war, war ihr nur dürftig bekleideter Körper an den seinen angedrückt, sie deckte ihn spärlich mit ihren zarten Gliedern, und der Ausdruck ihres Gesichts war von abweisender Bitterkeit.
Da sah der Förster, der sich bisher nicht zu rühren gewagt hatte, daß ein kaum spürbarer, feiner Hauch aus ihrem Mund in die kalte Morgenluft emporstieg, und von wilder Freude und Angst emporgerissen, stieß er einen rauhen Schrei aus, der so unbeherrscht war wie sein jäher Sprung zu den Beiden hinüber.
»Kleine!« rief er. »Anje! Anjekind!«
Sie rührte sich nicht. Es erschien ihm nur, als ob ihr Arm, der den Vater hielt, eine schwache Regung zeigte, in der er sich fester um den erstarrten Hals legte. Da warf der Zitternde seinen groben Rock ab, riß sein Tuch vom Hals und hob das Mädchen behutsam vom nassen Boden auf. Er schien alles andere um sich her vergessen zu haben, und das Grauen, das von den Toten ausging, berührte ihn nicht mehr, vor Freude bebend hüllte er Anje in das derbe Tuch seines Rocks. Wie kühl und leicht ihr schlanker Körper war. Seine Augen gingen ihm vor Erbarmen über, als er die erstarrten Glieder des Kindes an ihren leblosen Körper legte. So hob er sie auf seine Arme und eilte mit großen Schritten davon, seine Last so fest an sich pressend, wie ihre zarte Gestalt es ihm zu erlauben schien, und den warmen Hauch seines Mundes auf dem nassen bleichen Angesicht an seiner Brust.
So sah er im Davoneilen nicht, daß Hirte sich erhob und Miene machte, ihm zu folgen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er machte ein paar Schritte, zögerte und sah den Beiden nach, die bald zwischen den Baumstämmen verschwunden waren. Die braunen Augen unter den Stirnfalten sahen Anje nach, solange er noch eine Bewegung in der Ferne wahrnahm, dann kehrte er um, legte sich neben Gerom auf den Boden, den großen Kopf auf den Vorderfüßen, und schloß die Augen.
Anje hatte von aller Fürsorge der erschütterten Menschen, die sie in ihr Haus aufnahmen, nichts empfunden. Die beiden kalten Nächte und ein langer, grauer Tag, die sie wie in einem Zustand der Betäubung mit ihren Schmerzen zugebracht hatte, waren stärker gewesen als der ohnmächtige Widerstand ihrer Seele, die keine andere menschliche Zuflucht kannte als das Herz ihres Vaters. –
Nun erwachte sie in der ruhigen Nacht und schlug ihre Augen auf. Sie erblickte ein großes, fremdes Zimmer, das in sanftem Licht erglänzte, aber sie erkannte nicht, daß es Licht vom Mond war. Sie lag in einem breiten Bett, dessen Leinen duftete, und man hatte ihr ein weißes Kleid angezogen, das ihr kühl und schwer erschien, aber so rein wie Schnee. Alles umher, wie auch der Atem ihrer Brust, war unendlich leicht und frei, sie glaubte zu träumen und versuchte sich zu besinnen. Aber durch ihr Gemüt zog nur der geheimnisvolle Beginn ihres kleinen Buchs, als erinnerte ihre Hoffnung sich. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …«
Durch das unverhangene Fenster sank der Mondschein so hell in den stillen Raum, daß Anje an der Wand zwei Bilder erkannte, die Begebnisse auf der Jagd darstellten, eilende Menschen, gefleckte Hunde und einen sinkenden Hirsch, der am Rande des Wassers in die Knie gebrochen war. Dazwischen hing das Bildwerk eines Mannes, der mit ausgebreiteten Armen an zwei Balken schwebte, die ein Kreuz bildeten, sein Kopf hing zwischen den Schultern herab und trug einen rauhen Kranz, der seine Stirn verwundet hatte. Anje versuchte sich aufzurichten, aber auch so erkannte sie mit Erschrecken, daß die Hände und Füße des Mannes mit Nägeln an das Holz geschlagen waren. Das Blut troff dunkel daran nieder, und sein gemarterter Leib wand sich, wie in großen Schmerzen, zur Seite.
Anje begriff nicht, was dies Bildnis großer Menschengrausamkeit in diesem Raum bedeuten sollte, ein kaltes Entsetzen schüttelte sie barmherzig in ihr Fieber zurück, aus dem sie kaum erwacht war, und die aus einem finsteren Reich auftauchende Ahnung an eine große Traurigkeit, die sie nicht hatte ertragen können. Ihre Sinne versanken aufs neue in die Dämmerung des Schlafs, und lautlos brach die gnädige Nacht über sie herein.
Aber es träumte sie, daß die Tür sich öffnete und Onne über die Schwelle trat, um sie zu fragen, ob sie in den Wald zurückwollte. Sie sprang jubelnd auf, und der Sonnenschein begegnete ihnen, das Glitzern des Morgens an den Pflanzen und das Rauschen der Bäume im Wind. Mit seligem Eifer eilte sie voran, der blaue Himmel erstrahlte im grünen Waldfrieden, und das Wasser des Gurdelbachs zog, bald feierlich, bald leise plätschernd, über dunklen Grund. Am Ufer schaukelte das Schilf, von dessen geneigten Blättern die Libellen sich in die durchschienene Luft erhoben, und der Kuckuck rief aus den Birkengründen. Sie trug wieder ihren grauen Kittel, und die warme Herrlichkeit ihrer Kinderfreiheit umfing sie.
Aber da sank, wie eine uralte Erinnerung der Erde, die Liebesangst in ihr Herz, sie wandte sich an Onne und fragte schüchtern:
»Führst du mich zum Vater?«
Onne erhob ihren Stock und neigte sich ein wenig vor, und auch Anje senkte den Kopf und lauschte, denn sie fühlte, daß etwas geschehen sollte. Da vernahm sie aus der Ferne die Axtschläge ihres Vaters im Wald, und warf jauchzend ihre Arme empor. Sie stürmte ihrem Vater durch die grüne Sonnenherrlichkeit entgegen.
Als die besorgten Menschen mit dem hereinbrechenden Tag in das Zimmer kamen, in welchem Anje schlief, war das Kind gestorben. Auf seinem Angesicht lag ein Lächeln von solcher Glückseligkeit, daß alle, die es sahen, hinausgingen und weinten.
Ende
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Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschien von Waldemar Bonsels: Die Biene Maja und ihre Abenteuer Ein Roman für Kinder Neunzigste Auflage Preis M. 3.— brosch., M. 4.50 geb. Urteil der Presse: Wir haben seit den Meistern deutscher Märchenkunst kaum wieder ein Buch empfangen, das die große Aufgabe eines Kinderbuchs bewältigt, den Alten eine Quelle des Humors zu sein und den Kindern eine Welt tiefen Ernstes und unschuldiger Freude. Aus diesem Buch strahlt das Herz eines Dichters, der sich in seiner Beschränkung als Meister erweist, dem sein Los in diesem Werk wahrhaft aufs Liebliche gefallen ist. Gebt dieses Buch euren Kindern, es ist ein herrliches Buch. Die deutsche Frau, Berlin. |
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Waldemar Bonsels: Himmelsvolk Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott Siebzigste Auflage Preis M. 3.50 brosch., M. 5.— geb. Urteil der Presse: Wie Waldemar Bonsels erzählt, das muß man selbst genießen, selbst mit durchleben, muß bewundern, wie dieses Dichterauge Erde und Gestirne, Wolken und Wasser, Pflanze, Tier und Mensch mit einem Blick durchdringt, der den Grund aller Dinge, allen Erlebens, aller Seelen sieht, muß dieses völlige Einssein mit Gott, diese Helligkeit, Güte und Liebe miterleben, die das Buch füllt, und die den durchziehen wird, der das Buch liest. – Am Ende dieses Buches stehen die Worte eines Sehers: »Wir müssen alle das Lächeln wieder lernen, das unseren kurzen Lebenstagen und ihrem vergänglichen Werk und Schmerz gilt. Wir sind alle aus der Freude geboren und kehren zu ihr zurück.« Frankfurter Zeitung, Frankfurt a. M. |
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Im gleichen Verlag erschien ferner von Waldemar Bonsels: Wartalun Eine Schloßgeschichte – Siebzehnte Auflage Preis M. 5.— brosch., M. 6.50 geb. Urteil der Presse: Unter Waldemar Bonsels' immer kunstreichen Romanen ist »Wartalun« ein herrlich großes Lebensgemälde voll hinreißender Schönheit und voll tiefster, formzeugender Anschauung des Ewig-Menschlichen. Hessische Landeszeitung, Darmstadt. |
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Waldemar Bonsels: Der tiefste Traum Eine Erzählung – Siebzehnte Auflage Preis M. 3.— brosch., M. 4.50 geb. Urteil der Presse: Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein vertiefte und goldgeklärte Harmonie ausklingen zu lassen. Generalanzeiger für Elberfeld. |
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Waldemar Bonsels: Die Heimat des Todes Empfindsame Kriegsberichte Neunte Auflage Preis M. 3.— brosch., M. 4.50 geb. Urteil der Presse: Das Buch schrieb ein Dichter, der damit unseren betrübten Tagen ein so schönes Licht entzündete, daß man an Gleichnisse und Seligpreisungen der Heiligen Schrift gemahnt wird. »Die Heimat des Todes« könnte wohl zu den wenigen Schriften zählen, die in späteren Zeiten eine Spur von dem tieferen Wesen unserer Kämpfe und Leiden zu tragen bestimmt sind. Denn das Buch schrieb ein Dichter, dem die Gabe verliehen ist, in das Zwielicht unserer persönlichen Anteilnahme mit einem Strahl ewigen Lichts zu leuchten. Die Rheinlande, Düsseldorf. |
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Im Verlag von Rütten & Loening, Frankfurt a. M., erschien ferner von Waldemar Bonsels: Indienfahrt Dreißigstes Tausend Preis M. 5.— brosch., M. 7.— geb. Urteile der Presse: Ich gestehe offen, daß mir noch niemals ein so formvollendetes, künstlerisch durchdachtes und von Schönheit überquellendes Buch unter die Augen gekommen ist. Der Bund, Bern. Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das schönste, das ich je über Indien gelesen habe, auch ohne Rücksicht auf den Gegenstand muß ich es zu den wenigen großen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zählen, die an sich vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit möchte ich auf dieses Buch alle die Lobsprüche häufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen wiederkehren. Nach Jahren erst hat Bonsels seine reichen, in der Zeit kaum bemessenen Eindrücke gestaltet, ein großes Kunstwerk entstand, von wundervollem Aufbau der sich entschleiernden Wunder Indiens. Ich kannte diesen großen Dichter kaum, auf den das deutsche Volk gerade inmitten seiner heldenhaften Not stolz sein darf und von dem es Außerordentliches für die Befreiung seiner seelischen Zukunft erwartet. Die Hilfe, Berlin. |
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Waldemar Bonsels: Menschenwege Aus den Notizen eines Vagabunden Achtzehntes Tausend Preis M. 5.— brosch., M. 7.— geb. Urteil der Presse: Der Dichter stellt in diesem Buch die natürliche Freiheit eines von jedem Stand und jedem gesellschaftlichen Zwang befreiten Menschen gegen die ganze Befangenheit der Gesellschaft. Der Vagabund ist ein Landstreicher aus freiem Willen, er will durch nichts gelten als durch die Kraft eines echten Gemütes, und er sucht Gott im Menschen. Dieser Vagabund ist die Verkörperung der Sehnsucht der neuen Jugend. Wie alle Werke von Waldemar Bonsels ist auch dieses neueste ein Meisterwerk künstlerischer Form, in einer Sprache geschrieben, deren kraftvolle Schönheit jeder Regung der Seele folgt, und die durch den unerschöpflichen Reichtum der Bilder die Landschaften seiner Gedanken mit der Anmut und Lieblichkeit, mit dem Ernst und der Macht einer wahrhaft sittlichen Forderung erfüllt. Hannoverscher Courier. |