The Project Gutenberg eBook of Das Anjekind: Eine Erzählung
Title: Das Anjekind: Eine Erzählung
Author: Waldemar Bonsels
Release date: November 9, 2010 [eBook #34265]
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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Die erste Auflage dieses Buches ist
im Jahre 1913 erschienen. Alle
Rechte vorbehalten. Copyright by
Schuster & Loeffler, Berlin 1913
Das Anjekind
Eine Erzählung
Elfte bis fünfundzwanzigste Auflage
Verlegt bei Schuster & Loeffler
Berlin und Leipzig
1918
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Kapitelübersicht
| Seite | |
| Erstes Kapitel |
5 |
| Zweites Kapitel | 31 |
| Drittes Kapitel | 44 |
| Viertes Kapitel | 58 |
| Fünftes Kapitel | 65 |
| Sechstes Kapitel | 76 |
| Siebentes Kapitel | 88 |
| Achtes Kapitel | 102 |
| Neuntes Kapitel | 118 |
| Zehntes Kapitel | 126 |
| Elftes Kapitel | 134 |
| Zwölftes Kapitel | 146 |
| Dreizehntes Kapitel | 156 |
| Vierzehntes Kapitel | 168 |
Erstes Kapitel
Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte, das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.
Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes, worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.
Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen, nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre, wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.
Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der Linde bildeten.
Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu verspüren.
Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners, wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses Amt die berühmtesten Knaben in Gorching.
Eines Morgens schickte das junge Mädchen die Knaben bei einem Hof außerhalb des Dorfes mit dem Malgerät ins Gasthaus zurück und blieb vor den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier noch niemals vorübergekommen, daß sie diese Schönheit nicht früher gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurück, die schlecht gepflegte Landstraße zog sich unruhig und doch friedlich über die kaum merklichen Hügel des Geländes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der Gorchinger Kirche. Die Straße war bewachsen, und nur die beiden Furten, die von den Rädern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches Gepräge, jenen seltenen Reiz des Berührbaren im Unberührten, und zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet, die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verändern. Der lichte Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild.
Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben können. Hin und wieder brach aus der grünen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz von wildem Wein durch einen Spalt, oder über ihre Ziegelborde leuchteten die weißen Teller des blühenden Holunders aus dunklen Kuppeln über das Erdgrau dieser ehrwürdigen Wälle. Einzelne große Tannen wirkten beinahe ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter Weiden ein großer Teich.
Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an dessen Ende das große Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten Herrenhauses machte; es war einstöckig und mit Ziegeln gedeckt, die Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf dem großen, wohlgepflegten Rasenplatz saßen weiße Tauben in der Sonne. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen zur Linken waren schneeweiß getüncht und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war.
Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener schlichten Schönheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmäßigkeit und die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben können. Aus seinem Bereich schien alle Willkür des vergänglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus.
Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der nicht eben sonderlich vornehm, aber von großer Gediegenheit zu sein schien, die Knechte wuschen mit Schwämmen die gelben Räder, und ein Bursche führte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit stand ein großer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas grüblerisch Benommenes, man war versucht, es träumerisch zu nennen, wenn solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung widersprochen hätte.
Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem Morgen lernte Angelika ihn kennen.
Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrüßung, ohne zu lächeln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag. Sie lächelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung über diesen jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit verkehrte.
Es geschah dann, daß Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flügels einräumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Räume, in deren erstem ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief und teilweise verhüllt von grünen Ranken, die nun mit geheimnisvollem Flüstern das Licht und die Stimmen des großen Sommers einließen.
Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Kräfte seiner Seele unter dem wehmütigen und kindhaften Lächeln des Mädchens, das in seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lächeln, von dem es erschien, als bräche es durch heiße Schleier einer verborgenen Traurigkeit, hatte jene überwindende Forderung des Frauenwesens, der das Gemüt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist. In solchem Frauenlächeln naht den Sinnen die Anklage der Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstört zu werden scheint, und die auch immer zerstört wird, wenn die Liebe nicht darüber wacht, darum ist es, als ob dieses wehmütige Lächeln einer gefährdeten Unschuld Liebe heraufbeschwöre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der Barmherzigen.
Nach außen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als zuvor, vielleicht weil er wußte, daß man ihm sein Handeln übel nachsah, und weil er fühlte, daß er es vor anderen so wenig zu erklären oder zu rechtfertigen in der Lage war, wie anfänglich vor sich selbst. Angelika wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, daß sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn können. Er sprach mit niemandem über sie und duldete kaum, daß in seiner Gegenwart ein Wort über sie fiel.
Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid, hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller, tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn, als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte neben Erstaunen oder Rührung.
Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde.
Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die Bewußtseinswelt seines Werts zu heben.
Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht, das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert.
So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte, aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte.
Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu halten, als das, was sie ihm gab.
An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd auf den Feldern.
Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen. Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes, unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern, das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein, während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten.
Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war, erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt. Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des eigenen Willens.
Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote aus dem Gasthof.
Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber, quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.
Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«, schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner Güte …« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.
Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er, verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst, soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.
Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig, vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.
»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind, Anje …«
»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich wäre nicht über die Felder gelaufen …«
Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie.
Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn du nur deine Hand auf meine Haare legtest.«
»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt, und betrachtete so ihr Gesicht.
»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.«
»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich.
Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein, der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief schmerzvoll:
»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch …«
Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.
Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und kindlich zu lachen an.
Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.
»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür, als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt, da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen was wollte.
Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht, Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht unterscheiden konnte.
»Wenn Sie mit mir sprechen wollen …« sagte der Fremde. Es erschien, als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere war.
Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr:
»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!«
Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in gewohnter Weise:
»So – –, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.«
Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu ihrem Geliebten hinüber. Er nickte:
»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom:
»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.« Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter, bedrohlicher Schatten.
Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt.
Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und lebendig.
Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte vergessen worden sein, sie aufzuziehen.
Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.
Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.
Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.
Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.
Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.
»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«
Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.
Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz dringen.
»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich getan hab'.«
Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott weiß es …
Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: »Draußen …«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.
»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was soll ich tun?!«
»Du,« sagte er rasch, »du – bist ja ein Kind … geh hinaus, glätte sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände zusammen …«
Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.
Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. – Ich werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr … könnt nicht leben und könnt nicht sterben.«
Zweites Kapitel
Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den Namen Angelika Gerom getauft worden war.
Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte. Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt.
Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden, soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben zu lesen.
Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen, und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte. Der Brief enthielt folgende Worte:
An Vinzenz Gerom.
Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen kannst, was die Menschen dir zugefügt haben.
Angelika.
Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten. Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks, hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus, die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.
Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert. Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine Genugtuung, vergeben zu können.
So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte, überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den ergrauten Bart tropften.
Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die Wange an seine Schulter. –
Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde, den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem, was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt.
Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären, hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen, das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu stecken, wenn man ihm sein Kind nähme.
Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr, wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden, Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand, der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg, verriet es zuweilen.
Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht, nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn, und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen Jugend der Seele.
Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel, unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren.
Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens, der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt.
Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war.
Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte. So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung, sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus dem Wert ihres Herzens.
Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen, niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte.
Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem Schwanz voranläuft?«
Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen, denn nun waren sie am verständlichsten.
Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen den hilflosen Unbestand der Empfänglichen.
Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich zu überreden trachtete, stieß sie auf Widerstand. Da ergab sich die kluge alte Frau und überließ Anje dem Walten der großen Wälder, dem beständigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den himmlischen Botschaften des Windes.
Drittes Kapitel
Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete, benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.
Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit, immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner tierhaften Befangenheit.
Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann, wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint, als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in einem heiligen Abstand.
Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt bringt.
Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom erbebte und brüllte fast:
»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!«
Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen Schritten hinaus.
Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind, daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich auf ihre Art.
Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn.
»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern.
»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje … mag sie schlafen, wo sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich jemals in Bitterkeit verkehren.
Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet, weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.
Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er Landstreicher oder Straßenräuber.
Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel war noch da.
Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag, durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal gelungen war.
Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. –
Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte, wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen, und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten. Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald, dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder voll dunkler Glut in seine Totenstille. –
Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.
Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt, sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang. Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert, der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte. Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten Gestalten, aus ihrer Seele empor.
»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«
Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.
Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still und aufrecht.
Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck, versuchte Anje zu singen.
Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen, langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme, wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her, lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus den Nebelgründen und dankte dem Mond.
Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«
Viertes Kapitel
Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht hinein.
Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden Sonnenballs versank.
Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.
Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele. Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte, weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten, Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte, nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig.
Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut. Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.
Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war.
Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen, deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte.
Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob, so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner Stille zu finden war.
Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten, bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde.
Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde sich keiner Einsamkeit bewußt.