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Das Anjekind: Eine Erzählung

Chapter 9: Achtes Kapitel
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About This Book

The narrative traces a child's upbringing in an isolated moorland village, focusing on her father, a successful yet melancholic and quick‑tempered farmer whose temperament causes social distrust, and the elderly woman who tends the child. A visiting painter briefly softens the village's reserve, while close attention to farm routines and the moor's atmosphere frames the child's maturation. Themes include solitude and social exclusion, the effects of personal character on community ties, and the intimate relationship between human lives and a somber natural landscape.

Fünftes Kapitel

Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte.

Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: »Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.«

Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse.

»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.«

Gerom sah sie an. »Mütterchen …« sagte er langsam, aber dann erschrak er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt sich leben.

In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe.

Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren Augen flimmerte.

Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als bewegte sich alles in ihm.

»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen Strähnen lächelte.

Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.

»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie ihr ab.

Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, begriff er und ging fort. –

Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem Kinde zum Geschenk.

»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: ›Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …‹« Sie stockte und gab ihren Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du sollst sehn, du wirst es lernen.«

Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte.

Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten der fremden Welt.

Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen.

Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da im Tageslicht.

Sie zerdrückte eine späte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf der Haut fließen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und tropfte ins Gras, es mußte wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem Dorn, aber das Wunder des Bildes erfüllte sich nicht an ihr. Die steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder, versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit.

Hirte hatte herausgebracht, daß Anje ein Buch besaß, und er betrachtete von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. –

Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von größerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen Lichts erschien es Anje, als würden die lebendigen Wesen der Erdoberfläche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland von grenzenloser Ausdehnung hinüber, und sie mußte singen. In der Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als müßte in der Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen.

Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus, beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tümpel und sah die Nacht im Wasser an. Andächtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah.


Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die Bäume und Pflanzen in seine reine Kühle bettete, sah sie im wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glück zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fühlte sich im Winter verlassen und wünschte sich, schlafen zu können, wie es Tiere und Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ängstigte sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den rötlichen Lichtschein des Fensters durch den bläulichen Schnee schimmern sah, war ihr zumut, als müßte sie umkehren, um den Tieren der verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz oder Ernährung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darüber, wenn er von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an.

Aber mit dem Föhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die Stimme des Wassers gewann Gewalt über sie, und sie lauschte ruhlos auf den Wind. Mit den ersten Weidenkätzchen war sie von Geroms Hof verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vögel.

»Was tust du, Anje?«, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebüsch am Moorrand traf.

»Was ich tue?«, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lächelte kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden Armen den großen Frühling und schüttete ihn über sein Haupt.

Rasch schritt er hinweg, und sein Fuß stampfte schwer im feuchten Grund. Er riß ein paar blühende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich auch – im Frühling, dachte er, von uneingestandener Beglückung bis auf den Grund seines Herzens bewegt.


Sechstes Kapitel

Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran, sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten, und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.

Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken totenstill in einem Busch hing.

Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet, dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der Wirklichkeit vermischte.

Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete, und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken, sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des Dickichts unter Ranken und braunem Laub.

Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das tiefe Grau ihrer Augen. –

Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer Geborgenheit im lebendigen Erdengut.

Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens abhob.

Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot. Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen.

Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben, gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte, traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer braunen Hand wog.

Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen, mit dem Gesicht in die Farrenkräuter.

Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein.

Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah, durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte. Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den Heimweg an.


So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind, mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für lange Zeit nachdenklich.

In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen, obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im Lande in Umlauf waren.

»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie alle anderen.«

Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der hantierenden Frauen.

»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag' ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn entstellte.

Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht, und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte, die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.

Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete, sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien.


Siebentes Kapitel

Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte, und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ. Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge aufzubringen, die als heilsam gilt.

Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte, Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus, und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah.

Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war, aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben; aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen glauben.

Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah, das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du?

Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig, sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte …

Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die Welt erschien unermeßlich groß und verlassen.

Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk, die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen. Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete, und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne stand.

Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten. Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm nachzugehn.

Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es gelichtet hatte.

Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher, auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.

Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün.

»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch vertraut.

Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.

Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet, und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie. Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.

Er trat auf das Kind zu.

»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich an.«

Das Gesicht des Mädchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb ruhig und unberührt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu würdigen? Menschen, deren Einfluß wahrhaft bedeutungsvoll werden kann, fallen uns für gewöhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebärde der ruhenden Kraft in den meisten Fällen arglos ist.

»Ich möchte Geroms Haus finden,« begann er etwas unsicher von neuem, »kannst du mich führen?«

Das Mädchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach: »Ja.«

Er setzte sich ihr gegenüber, kaum daß er es gewollt hatte, nun war es geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bäume standen auf stillem Grund, ließen den Duft des Waldes aus und den gedämpften Sonnenschein ein. Das Mädchen ließ sein Handeln zu und betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber alles umher, wie auch sie selbst, ließ ihn eigenartig allein. Er sah sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie, wer sie sei, und sie antwortete ihm:

»Ich bin Anje, Geroms Kind.«

Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glänzte, man hätte mit der Hand darüber hinfahren müssen, um es zu prüfen. Ihre Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schräg, als hätten die zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den äußeren Winkeln um ein kleines emporgedrängt. Was machte ihr Gesicht so rührend hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und das kleine Kinn.

Eigentlich ist sie häßlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man muß trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafür sein. Der zierliche Körper …

Er hielt in seiner Betrachtung jählings inne, verwirrte sich und stammelte in großem Ungeschick, es wäre Zeit, es sei gut, gleich aufzubrechen, denn der Weg wäre recht lang. Dabei verfiel er in einen derben und väterlichen Ton, dessen er sich zugleich schämte.

Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung geändert, er sah ihre bloßen Füße im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar ernst mit sich selbst beschäftigt, sah er forschend in die Waldferne, aber seine große Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner Stirn.

»So komm denn nun …«, sagte er streng.

Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten, er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es an.

Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.

»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden, sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.

»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An diesem schönen Tag …«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete, ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung dieses Mädchens etwas getan werden könnte.

Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr zurecht.

Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung verschließt.


Achtes Kapitel

Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche von ihnen nachgaben und sanken.

Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.

Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …« Ihre Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen der Wald.

Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater. Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater, und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu ihrem Vater kommen würde.

Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick, den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit. Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war, die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche Lächeln.

Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her, als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch verborgen war.

Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.

»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!«

Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger.

»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?«

Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und streichelte den gelben Kopf des Hundes.

»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses zufügen, er geht bald wieder fort.«

Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht einschreiten.

Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor, denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, damit Hirte im Haus blieb.

Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand ausgestreckt von sich ab und wankte.

»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje.

Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen Lichtschein.

»Bist du es – oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet …«

»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.«

»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt, aber du …«

Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor, gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme. Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die Hände vor sein Gesicht.

»So ist es Gerom, dein Vater …«, schrie er plötzlich heiser und reckte sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig im Mondschein.

Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den das Herz eilte.

Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren, er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann.

Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten.

In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte, aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden, der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern. Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und nicht redlich seien.

Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte, aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich dir.«

Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt. »Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung, »wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn, draußen sterb' ich gewißlich dahin.« –

Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide, die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der Dämmerung.

»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf.

Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe Merkmale, nach denen man sich richten konnte.

Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam, gedankenlos blieb er neben ihr stehn.

Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst ließe ihm wenig Ruhe. Onne sagte:

»In den Dachenauer Wäldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts in der Einöde? Drüben gibt es Nacht genug, verstehst du?«

Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost:

»Gesindel gibt es überall.«

Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gäbe, dann meinte sie freundlich:

»O der Grünschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch so jammervoll aus den Augen. Du«, fuhr sie plötzlich in verändertem Tone fort, »hör auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht spricht nichts Gutes mehr …« Sie kam ihm ganz nah und sah ihm, gebückt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige braune Gesicht in tausend Fältchen hervor, und das Lebenslicht ihrer Augen schien alt und still.

Fridlin war zu unglücklich, um zornig bleiben zu können. Erstaunt blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschüchterte, er hatte immer nur gleichgültige Worte mit ihr gewechselt, was wußte sie denn, und was wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in ein Lächeln verkehrte, das nicht spöttisch oder boshaft war, packte es ihn plötzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den Bedrängnissen des Lebens für immer enthoben war.

»Du solltest nicht schelten«, sagte er hilflos und lehnte sich an einen Baumstamm. Seine Übermüdung und seine Verzweiflung überwältigten ihn, und er fing an zu weinen, ohne daß sein Gesicht sich bewegte, seine Hände hingen herab.

»Setz dich nieder ins Gras, Fridlin«, sagte Onne, als merkte sie nichts. Wer keine Tränen weinen kann, der fühlt sie oft bei anderen kommen, ehe sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht über das, was Fridlin bewegte, sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und sprach von den Wäldern und von den Wanderburschen, die durchs Land zogen.

Onne wußte längst, um was es sich handelte, aber sie wußte auch, daß man seine Tränen zuweilen bei einem Menschen weinen muß, der sie nicht sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spüre Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, daß das Anjekind schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr über solche Dinge sprach, mußte sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das Mißgeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein Erlebnis aufs neue bestärkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu Fridlin:

»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.«

Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in die rote Sonne hinein.

»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann, verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.«

Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen, was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund auf seine Hände.

Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die meisten Menschen lieben.

»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn, ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.«

Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für Ratschläge war.

»Anjekind …«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.

Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt hatte.

»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?«

Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen.


Neuntes Kapitel

Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still, wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten, und Hirte schlief an der Türschwelle.

Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche, abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten.

Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte sich, wobei er Anje ansah.

»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder. Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus. Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite, damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht, wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte.

Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände, sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein.

Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig, aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an, ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln, das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt.

Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten.

Als Anje an die Moortümpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwärmt worden war. Das Mädchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch entschlossene Härte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen des gefährlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen Körpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so daß er wie auf seiner eigenen Spur verschwand und so, daß seine Bewegungen in der reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schön gezeichnete Tier den Ort gewählt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemächlich langsam zusammen. Der böse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd gegen das warme Licht, als prüfe es seine goldene Wohltat in feinem Genuß, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmücktes Ornament am Boden, kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts geschützt.

Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich langsam in den Schatten zurück, umschlich einen Schlehnbusch, um zur Böschung des Wassers zu gelangen, und löste vorsichtig zwei Steine aus dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und fest um ihre linke Hand, preßte damit den einen Stein an ihre Brust und hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und faßte ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte böse aus den grauen Lichtgründen unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war, daß nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Köpfchen und sah Anje an. Die winzigen Äuglein waren von überraschender Wachheit, aufmerksam und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll mächtiger Anspannung und Anje wußte, daß sie nun keine Bewegung mehr machen durfte. Aber sie fürchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war nur, die Feindin möchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren ungeschützten Körper nur als von jeder Hemmung befreit und glühte vor Gier, den tödlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu zielen, denn sie wußte gut, daß die Augen ihrem Arm nur Dienste leisteten und daß die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte.

Ihr Stein traf das gedämpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wälzen in einem rasch und schmerzhaft gewundenen Knäuel. Das tödlich verwundete Tier bewegte sich nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu wühlen.

Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewölbten Brauen senkten sich ihre hellen Augenlider und ließen den Blick durch einen winzigen Spalt zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den Körper gepreßt, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt, entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drückte ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen und süßen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewußtlosigkeit flackerte.

Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Blätter der Zweige, in denen er einen Teil seines goldenen Glanzes hängen ließ, spielte in fühllosem Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und über den letzten Regungen der sterbenden Schlange. Da rief ein Häher im nahen Busch und schoß mit wenig Flügelschlägen über das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje fuhr empor, wie aus dem Bann eines heißen Traums erwacht und ihre erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lächelte hilflos.

Da sah sie drüben am Ufer, dicht vor einer Krümmung des Bachs, Onne unter den Bäumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe über dem Boden langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlüpfte rasch in ihren Kittel, hob die Hände an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind: