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Das Bildnis des Dorian Gray

Chapter 9: Siebentes Kapitel
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About This Book

Ein junger Mann von außergewöhnlicher Schönheit lässt ein Porträt anfertigen, das seine jugendliche Erscheinung festhält; unter dem Einfluss eines verführerischen Bekannten beginnt er ein Leben der Sinnesfreuden und moralischen Verfehlungen, während sein Bildnis statt seiner die Spuren von Alter und Schuld annimmt. Die Erzählung verfolgt den inneren Verfall des Mannes, die Auseinandersetzung mit Ästhetik, Moral und Einfluss sowie das Doppelverhältnis von Oberfläche und verborgener Wirklichkeit. Stilistische Dialoge und aphoristische Reflexionen durchziehen die Handlung, sodass Themen von Verführung, Selbstbild und Verantwortung in einer scharfen, ironischen Prosa erkundet werden.

Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam, fand er im Vorflur auf dem Tische ein Telegramm liegen. Er öffnete es und sah, daß es von Dorian Gray war. Es teilte ihm mit, daß er sich mit Sibyl Vane verlobt habe.

Fünftes Kapitel

„Mutter, Mutter, ich bin so glücklich!“ flüsterte das Mädchen und barg ihr Gesicht im Schoße der verblühten, müde aussehenden Frau, die mit dem Rücken gegen das grell eindringende Licht in dem einzigen Armstuhl saß, den ihr armseliges Wohnzimmer enthielt. „Ich bin so glücklich!“ wiederholte sie, „und du wirst auch glücklich sein.“

Frau Vane zuckte zusammen und legte ihre dünnen, wismutweißen Hände auf den Kopf ihrer Tochter. „Glücklich!“ echote sie, „ich bin nur glücklich, Sibyl, wenn ich dich spielen sehe. Du darfst an nichts anderes denken als an deine Rollen. Herr Isaacs ist sehr gut gegen uns gewesen, und wir sind ihm Geld schuldig.“

Das Mädchen sah auf und ließ die Lippen hängen. „Geld, Mutter?“ rief sie, „was liegt an Geld? Liebe ist mehr als Geld!“

„Herr Isaacs hat uns tausend Mark Vorschuß gegeben, damit wir unsere Schulden zahlen und für James eine anständige Ausrüstung anschaffen können. Das darfst du nicht vergessen, Sibyl. Tausend Mark sind ein sehr großer Betrag. Herr Isaacs benahm sich sehr anständig.“

„Er ist kein Gentleman, Mutter, und ich hasse die Art, wie er mit mir spricht“, sagte das Mädchen, stand auf und trat ans Fenster.

„Ich wüßte nicht, wie wir ohne ihn vorwärts kämen“, entgegnete die alte Frau weinerlich.

Sibyl Vane warf den Kopf in den Nacken und lachte: „Wir brauchen ihn nicht mehr, Mutter, der Prinz Märchenschön bestimmt von jetzt ab über unser Leben.“ Dann schwieg sie. Eine Blutwelle schoß in ihre Wangen und tauchte sie in ein dunkles Rot. Der rasche Atem öffnete ihre blühenden Lippen. Sie zitterten. Ein Südwind heißer Leidenschaft durchbrauste sie und bewegte die glatten Falten ihrer Gewandung. „Ich liebe ihn“, sagte sie mit einfachem Ausdruck.

„Närrisches Kind! närrisches Kind!“ waren die papageienhaften Worte, die ihr als Antwort entgegenflogen. Dabei machte die beschwörende Bewegung ihrer gekrümmten, mit unechten Ringen gezierten Finger diesen Ausruf noch komischer.

Das Mädchen lachte wieder. In ihrer Stimme lag etwas wie der Jubel eines Vogels im Käfig. Ihre Augen fingen die Lachmelodie auf und wiederholten sie in ihrem Glanze: dann schlossen sie sich einen Augenblick, als wollten sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten, war der Schimmer eines Traumes über sie dahingegangen.

Aus dem abgenutzten Stuhl sprach die Weisheit zu ihr mit dünnen Lippen, mahnte zur Besinnung und gab Ratschläge aus dem Buch der Feigheit, dem sein Autor irrtümlich den Titel „Gesunder Menschenverstand“ beigelegt hat. Sie hörte nicht hin. Im Kerker ihrer Leidenschaft fühlte sie sich frei. Ihr Prinz, der Prinz Märchenschön, war bei ihr. Sie hatte das Gedächtnis beschworen, ihn herbeizuschaffen. Sie hatte ihre Seele auf die Suche nach ihm geschickt, und die hatte ihn wieder hergebracht. Sein Kuß brannte wieder auf ihrem Munde. Ihre Lider brannten wieder von seinem Atem.

Dann zog die Weisheit andere Register auf und sprach von Erkundigen und Nachforschen. Es mochte ja sein, daß dieser junge Mann reich sei. Wenn dem so wäre, dann müßte man ans Heiraten denken. Um die Ohrmuschel des Mädchens plätscherten die Wellen weltlicher Schlauheit. Die Pfeile der Weltklugheit schwirrten an ihr vorüber. Sie sah, wie sich die dünnen Lippen bewegten, und lächelte.

Plötzlich fühlte sie das Bedürfnis, zu sprechen. Die wortüberfüllte Schweigsamkeit verwirrte sie. „Mutter, Mutter,“ rief sie, „warum liebt er mich so innig? Ich weiß, warum ich ihn liebe. Ich liebe ihn, weil er so ist, wie die Liebe selbst sein muß. Aber was findet er an mir? Ich bin seiner nicht wert. Und doch — ich weiß nicht, warum — ich fühle mich wohl tief unter ihm, aber ich fühle mich nicht gering. Stolz bin ich, schrecklich stolz. Mutter, hast du meinen Vater so geliebt, wie ich den Prinzen Märchenschön liebe?“

Die alte Frau wurde bleich unter dem dicken Puder, womit ihre Wangen beklebt waren, und ihre verwelkten Lippen zitterten in krampfigem Schmerz. Sibyl stürzte zu ihr hin, schlang ihr ihre Arme um den Hals und küßte sie. „Verzeih mir, Mutter! Ich weiß, es schmerzt dich, an unseren Vater zu denken. Aber es schmerzt dich nur, weil du ihn so lieb gehabt hast. Sieh nicht so traurig drein. Heute bin ich so glücklich, wie du es warst vor zwanzig Jahren. Ach, könnte ich für immer so glücklich sein!“

„Mein Kind, du bist viel zu jung, um an eine Liebschaft zu denken. Zudem, was weißt du von diesem jungen Mann? Du weißt nicht mal seinen Namen. Die ganze Sache ist höchst unpassend, und wahrhaftig, gerade jetzt, wo sich James nach Australien rüstet, und ich an so viele Dinge zu denken habe, da muß ich sagen, du hättest mehr Überlegung zeigen sollen. Immerhin, wie ich schon sagte, wenn er reich ist...“

„Ach Mutter, Mutter, laß mich glücklich sein!“

Frau Vane blickte sie an und schloß sie plötzlich mit einer der unwahren theatralischen Gesten in die Arme, wie sie den Schauspielern oft zur zweiten Natur werden. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein junger Bursche mit struppigem, braunem Haar kam in die Stube. Er war von untersetzter Gestalt, und seine Hände und Füße waren groß und bewegten sich etwas ungelenk. Er war nicht so gut erzogen wie seine Schwester. Man hätte kaum die nahe Verwandtschaft erraten können, die zwischen beiden bestand. Frau Vane richtete ihre Augen auf ihn, und ihr Lächeln verstärkte sich. In ihrem Geiste ließ sie ihren Sohn die Rolle des Publikums spielen. Sie war überzeugt, daß das Tableau interessant war.

„Du könntest dir wohl ein paar Küsse für mich aufheben, Sibyl“, sagte der Bursche mit gutmütigem Knurren.

„Ach, Jim, du machst dir doch gar nichts aus Küssen!“ rief sie. „Du bist ein greulicher alter Bär!“ Und sie hüpfte durchs Zimmer zu ihm hin und umhalste ihn.

James Vane sah seiner Schwester zärtlich in das Gesicht. „Ich möchte mit dir spazieren gehen, Sibyl. Ich glaube kaum, daß ich dies schreckliche London jemals wiedersehe. Ich mache mir auch wirklich nicht im geringsten was draus.“

„Mein Sohn, rede doch nicht so schreckliche Dinge“, grollte Frau Vane, während sie seufzend ein flitteriges Theaterkostüm zur Hand nahm und es auszubessern begann. Sie fühlte eine kleine Enttäuschung, daß er sich der Gruppe nicht angeschlossen hatte. Es hätte die malerische Wirkung der Szene so hübsch erhöht.

„Warum nicht, Mutter? Ich meine es im Ernst.“

„Du kränkst mich, mein Sohn. Ich hoffe, daß du von Australien als ein gemachter Mann zurückkehrst. Ich vermute, es gibt in den Kolonien sozusagen keine Gesellschaft, wenigstens nichts, was ich Gesellschaft nenne; wenn du also dein Glück gemacht hast, mußt du zurückkommen und dich zur Geltung bringen in London.“

„Gesellschaft“, brummelte der junge Mann. „Will davon nichts wissen. Möchte nur soviel Geld verdienen, um dich und Sibyl vom Theater wegzukriegen. Ich hasse es.“

„O Jim,“ sagte Sibyl lachend, „wie unfreundlich von dir! Aber, willst du wirklich mit mir spazieren gehen? Das ist nett! Ich fürchtete schon, du wolltest dich bei deinen Freunden verabschieden, bei Tom Hardy, der dir diese gräßliche Pfeife geschenkt hat, oder bei Nell Langton, der dich auslacht, weil du sie rauchst. Es ist sehr hübsch von dir, daß du mir deinen letzten Nachmittag schenkst. Wohin werden wir gehen? Komm, wir wollen in den Park.“

„Dazu bin ich zu schäbig angezogen“, antwortete er mit gerunzelter Stirn. „Nur Elegants gehen in den Park.“

„Unsinn, Jim“, flüsterte sie, und streichelte seinen Ärmel.

Er zauderte einen Augenblick. „Schön denn,“ sagte er schließlich, „mach' aber nicht zu lang mit dem Anziehen.“

Sie tanzte zur Tür hinaus. Man konnte sie singen hören, während sie die Treppe hinauflief. Ihre kleinen Füße trippelten oben.

Er ging zwei oder dreimal durch die Stube, dann wandte er sich zu der schweigsamen Gestalt im Lehnstuhl.

„Mutter, sind meine Sachen gepackt?“ fragte er.

„Alles fertig, James“, antwortete sie, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen. Seit einigen Monaten war es ihr unbehaglich, wenn sie mit ihrem rauhen, finsteren Sohn allein war. Ihre oberflächliche Natur mit ihrem unterdrückten Geheimnis wurde beunruhigt, wenn sich ihre Augen trafen. Sie fragte sich, ob er einen Verdacht habe. Sein Schweigen, da er sonst keine Bemerkungen machte, wurde ihr unerträglich. Sie fing also zu jammern an. Frauen verteidigen sich, indem sie angreifen, gerade, wie sie dadurch angreifen, daß sie unvermutet die Waffen strecken. „Ich hoffe, James, dein Seefahrerleben wird dich befriedigen. Du darfst nie vergessen, daß es deine eigene Wahl war. Du hättest in das Bureau eines Anwalts treten können. Anwälte sind eine sehr geachtete Menschenklasse und werden auf dem Lande oft in den besten Familien eingeladen.“

„Ich hasse Bureaus und ich hasse Schreiber“, erwiderte er. „Aber du hast ganz recht, mein Leben habe ich mir selbst gewählt. Alles, was ich sage, ist: Wache über Sibyl! Laß ihr kein Unglück zustoßen. Mutter, du mußt über sie wachen!“

„James, du hast eine merkwürdige Art, zu sprechen. Natürlich wache ich über sie.“

„Ich höre, ein Herr kommt jeden Abend ins Theater und geht hinter die Kulissen und spricht mit ihr. Ist das wahr? Wie verhält sich's damit?“

„James, du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst. Wir in unserem Beruf sind gewöhnt, eine Menge wohltuender Aufmerksamkeiten zu empfangen. Ich selbst habe zu meiner Zeit viel Blumen bekommen. Damals verstand man noch etwas vom Spielen. Was Sibyl betrifft, so weiß ich im Augenblick nicht, ob ihre Neigung ernst ist oder nicht. Aber darüber besteht kein Zweifel, daß der fragliche junge Mann ein vollendeter Kavalier ist. Er ist immer ausgesucht höflich zu mir. Auch sieht er aus, als ob er reich wäre, und die Buketts, die er schickt, sind ganz allerliebst.“

„Aber du weißt nicht mal seinen Namen“, warf der junge Mann barsch ein.

„Nein“, antwortete die Mutter mit gelassener Miene. „Er hat uns seinen wirklichen Namen noch nicht verraten. Ich finde das sehr romantisch von ihm. Wahrscheinlich ist er ein Herr von Adel.“

James Vane biß sich auf die Lippen. „Wache über Sibyl!“ schrie er. „Wache über sie!“

„Mein Sohn, du verletzt mich ungemein. Sibyl steht unablässig unter meiner besonderen Obhut. Natürlich, falls dieser Herr vermögend ist, sehe ich den Grund nicht ein, um einer Verbindung mit ihm auszuweichen. Ich bin fest davon überzeugt, er gehört zur Aristokratie. Er sieht ganz so aus, muß ich sagen. Es wird eine brillante Partie für Sibyl werden. Sie würden ein entzückendes Paar abgeben. Seine Schönheit ist wirklich ganz bedeutend; sie fällt jedem auf.“

Der junge Mann brummte etwas in sich hinein und trommelte mit seinen dicken Fingern gegen die Fensterscheibe. Er hatte sich gerade umgewandt, um etwas zu sagen, als die Tür aufging und Sibyl hereinflitzte.

„Was macht ihr beide denn für ernste Gesichter!“ rief sie aus. „Was gibt's denn?“

„Nichts“, antwortete er. „Man muß auch mal ernst sein. Adieu, Mutter; ich will um fünf essen. Alles ist gepackt bis auf die Hemden; du brauchst dich also um nichts mehr zu kümmern.“

„Adieu, mein Sohn“, antwortete sie mit einer Verbeugung gemachter hoheitsvoller Würde.

Sie war äußerst gekränkt durch den Ton, den er ihr gegenüber angeschlagen hatte, und in seinem Blick lag etwas, das ihr Angst eingeflößt hatte.

„Gib mir einen Kuß, Mutter“, sagte das Mädchen. Ihre blütengleichen Lippen berührten die welken Wangen und wärmten ihre Frostigkeit.

„Mein Kind! Mein Kind!“ rief Frau Vane und schaute zur Decke auf, als suchte sie in ihrer Einbildung eine Galerie.

„Komm, Sibyl“, sagte ihr Bruder ungeduldig. Er konnte die Attitüden seiner Mutter nicht ausstehen.

Sie traten hinaus in den flimmernden, windbewegten Sonnenschein und schlenderten die trostlose Euston Road hinab. Die Vorübergehenden blickten verwundert auf den unfreundlichen, schwerfälligen jungen Menschen in den groben schlechtsitzenden Kleidern, den ein so liebliches, fein aussehendes Mädchen begleitete. Er glich einem Gärtnerburschen, der eine Rose trägt.

Jim runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, wenn er den forschenden Blick eines Fremden bemerkte. Er hatte jene Abneigung gegen das Angestarrtwerden, die Menschen von Geist erst spät im Leben bekommen und die den Herdenmenschen nie verläßt. Sibyl dagegen wußte nichts von der Wirkung, die sie ausübte. Ihre Liebe zitterte auf ihren lächelnden Lippen. Sie dachte an ihren Märchenprinzen, und damit sie um so besser an ihn denken könnte, sprach sie nicht von ihm, sondern plauderte nur von dem Schiff, mit dem Jim abfahren sollte, von dem Gold, das er sicher finden würde, von der wunderhübschen Millionenerbin, deren Leben er verruchten rotblusigen Buschräubern entreißen sollte. Denn er würde nicht Matrose bleiben oder Verfrachter oder was er jetzt fürs erste werden sollte. O nein! Solch Matrosendasein war schrecklich. Er solle nur daran denken, in ein schreckliches Schiff hineingepfercht zu sein, wenn die brüllenden, katzenbuckelnden Wellen immer eindringen wollen und ein schwarzer Wind die Masten umblase und die Segel in lange, klatschnasse Streifen zerreiße. Er sollte in Melbourne das Schiff verlassen, dem Kapitän höflich Lebewohl sagen und sich sofort in die Goldfelder begeben. Bevor noch eine Woche um sei, werde er auf einen großen Klumpen puren Goldes stoßen, auf den größten, der je gefunden worden sei, und werde ihn zur Küste schaffen in einem großen Wagen, den sechs berittene Polizisten bewachen sollten. Die Buschklepper überfielen sie dreimal, würden aber nach einem ungeheuren Gemetzel zurückgeschlagen werden. Oder nein! Er sollte überhaupt nicht in die Goldfelder wandern. Das sind schreckliche Örter, wo sich die Leute betrinken und einander in Kneipen totschössen und eine schreckliche Sprache führten. Er sollte ein friedsamer Viehzüchter werden, und eines Abends, wenn er heimritte, begegnete er der schönen Erbin, die gerade von einem Räuber auf einem Rappen entführt würde, und dann setzt er ihm nach und befreit sie. Natürlich würde sie sich in ihn verlieben und er in sie, und sie heirateten dann und kehrten heim und wohnten in einem großen Palais in London. Ja, entzückende Dinge warteten auf ihn. Aber er müsse auch sehr brav sein, nie die Geduld verlieren oder sein Geld vergeuden. Sie sei nur ein Jahr älter als er, aber sie wisse schon genügend mehr vom Leben. Er müsse ihr auch zuverlässig an jedem Posttag schreiben und jeden Abend, wenn er schlafen gehe, beten. Gott sei sehr gut und werde über ihn wachen. Auch sie werde für ihn beten, und in ein paar Jahren werde er reich und glücklich nach Hause kommen.

Der Bursche hörte ihr brummig zu und gab keine Antwort. Ihm tat das Herz weh, weil er von der Heimat weg mußte.

Aber es war nicht das allein, was ihn düster und verstimmt sein ließ. So unerfahren er war, fühlte er doch sehr die Gefahr, die in Sibyls Stellung lag. Dieser junge Stutzer, der ihr den Hof machte, konnte es nicht ehrlich mit ihr meinen. Es war ein vornehmes Herrchen, und das trug ihm seinen Haß ein, einen Haß, der aus einem sonderbaren Rasseinstinkt herrührte, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte und der ihn gerade deshalb um so stärker beherrschte. Er kannte auch die Oberflächlichkeit und Eitelkeit seiner Mutter und sah darin ungeheure Gefahren für Sibyl und Sibyls Glück. Kinder fangen damit an, ihre Eltern zu lieben; wenn sie älter werden, sitzen sie über ihnen zu Gericht, manchmal vergeben sie ihnen auch.

Seine Mutter! Es brütete in ihm, sie über etwas zu fragen, was er viele schweigsame Monate hindurch mit sich herumgeschleppt hatte. Ein zufälliges Wort, das er im Theater aufgeschnappt hatte, ein hingeflüstertes Scherzwort, das er eines Abends auffing, als er an der Bühnentür wartete, hatte eine Flucht schrecklicher Gedanken entfesselt. Die Erinnerung daran schmerzte ihn wie der Hieb einer Reitpeitsche in sein Gesicht. Seine Brauen kniffen sich in eine tiefe Furche zusammen, und in schmerzlichem Krampf biß er sich auf die Lippen.

„Du hörst auch nicht ein einziges Wort, das ich sage, Jim!“ rief Sibyl, „und ich schmiede die entzückendsten Pläne für deine Zukunft. Sag' doch mal was!“

„Was soll ich denn sagen?“

„Oh, daß du ein braver Bursche sein willst und uns nicht vergessen“, antwortete sie und lächelte ihn an.

Er zuckte die Schultern. „Es wäre eher möglich, daß du mich vergißt, als daß ich dich vergesse, Sibyl.“

Sie errötete. „Wie meinst du das, Jim?“ fragte sie.

„Du hast einen neuen Freund, wie ich höre. Wer ist es? Warum hast du mir nicht von ihm erzählt? Er meint es nicht gut mit dir.“

„Hör' auf, Jim“, rief sie aus. „Du darfst nichts gegen ihn sagen. Ich liebe ihn.“

„Was, und du weißt nicht mal seinen Namen?“ erwiderte er. „Wer ist es? Ich habe ein Recht, das zu wissen.“

„Er heißt der Prinz Märchenschön. Gefällt dir der Name nicht? Oh, du törichtes Jungchen! du solltest ihn nie vergessen. Wenn du ihn nur ein einzigesmal sähest, müßtest du ihn für den entzückendsten Menschen auf Erden halten. Eines Tages wirst du ihn kennenlernen: wenn du von Australien zurückkommst. Er wird dir sehr gefallen. Allen Menschen gefällt er, und ich ... ich liebe ihn. Ich wollte, du könntest heute abend ins Theater kommen. Er wird kommen, und ich spiele die Julia! Oh, wie ich sie spielen werde! Denk dir, Jim, lieben und die Julia spielen! Wissen, daß er dasitzt! Zu seiner Freude spielen! Ich fürchte, ich werde meine Kollegen erschrecken, erschrecken oder hinreißen. Lieben heißt, hinauswachsen über sich selbst. Der gräßliche Herr Isaacs wird seinen Kumpanen am Schenktisch zuschreien, ich sei ein Genie. Er hat mich wie ein Dogma ausposaunt; heute abend wird er mich als Offenbarung verkündigen. Ich fühle das. Und all das ist sein Werk, nur sein, des Prinzen Märchenschön, meines wunderbaren Geliebten, meines Musengottes. Aber ich bin ein armes Ding neben ihm. Arm. Was liegt daran? Schleicht Armut in ein Haus, fliegt Liebe durchs Fenster hinaus. Unsere Sprichwörter müssen umgeändert werden. Sie sind im Winter erdacht worden, und jetzt ist Sommer, für mich freilich Frühling, ein Tanz von Blüten unter blauem Himmel.“

„Er ist ein Herr der feinen Gesellschaft“, sagte der Bursche finster.

„Ein Prinz!“ rief sie mit melodischer Stimme. „Was willst du mehr?“

„Er wird dich zu seiner Sklavin machen.“

„Ich erschrecke bei dem Gedanken, frei zu sein!“

„Ich rate dir, dich vor ihm zu hüten.“

„Ihn sehen, heißt ihn anbeten, ihn kennen, heißt ihm vertrauen!“

„Sibyl, deine Liebe macht dich verrückt.“

Sie lachte und nahm seinen Arm. „Du lieber, alter Jim, du sprichst, als wärest du hundert Jahre alt. Eines schönen Tages wirst du selbst lieben. Dann wirst du wissen, was das heißt. Guck mich nicht so brummig an. Du solltest dich freuen in dem Bewußtsein, daß du mich, obwohl du gehst, glücklicher zurückläßt, als ich je gewesen bin. Das Leben ist bisher hart für uns gewesen, furchtbar hart und schwer. Aber jetzt wird's anders. Du gehst in eine neue Welt, und ich habe eine neue gefunden. — Da sind zwei Stühle frei, wir wollen uns setzen und die eleganten Leute Revue passieren lassen.“

Sie setzten sich mitten in eine Menge von Zuschauern. Die Tulpenbeete längs des Weges flammten wie beschwörende Feuerglocken. Ein weißer Dunst wie eine zitternde Wolke von Veilchenpuder hing in der schwülen Luft. Die hellfarbigen Sonnenschirme tanzten auf und ab wie Riesenschmetterlinge.

Sie brachte ihren Bruder dazu, daß er von sich, seinen Aussichten und seinen Plänen sprach. Er redete zögernd und mühsam. Sie ließen ihre Worte langsam aufeinanderfolgen, wie sich Spieler ihre Points ansagen. Sibyl fühlte sich niedergedrückt. Sie konnte ihre Freude nicht mitteilen. Ein schwaches Lächeln, das seinen vergrämten Mund umspielte, war die einzige Antwort, die sie erhielt. Nach einiger Zeit verstummten sie beide. Plötzlich erblickte sie den Schimmer goldenen Haares und lachende Lippen, und in einem offenen Wagen fuhr Dorian Gray mit zwei Damen vorbei.

Sie sprang auf. „Da ist er!“ rief sie.

„Wer?“ fragte Jim Vane.

„Der Märchenprinz“, antwortete sie, und spähte dem Wagen nach.

Er sprang auf und faßte rauh ihren Arm. „Zeig' ihn mir. Welcher ist es? Zeig' ihn mir, ich muß ihn sehen!“ rief er. Aber in diesem Augenblick fuhr der Viererzug des Herzogs von Verwick dazwischen, und als die Aussicht wieder frei war, hatte der Wagen schon den Park verlassen.

„Er ist fort“, murmelte Sibyl traurig. „Ich wünschte, du hättest ihn gesehen.“

„Ich wünschte es auch, denn so wahr ein Gott im Himmel ist, wenn er dir je ein Leides antut, bring' ich ihn um!“

Sie sah ihn erschreckt an. Er wiederholte seine Worte. Sie durchschnitten die Luft wie ein Dolch. Die Leute ringsherum fingen an, auf sie hinzustarren. Eine Dame ganz in der Nähe kicherte.

„Komm fort, Jim; komm fort“, flüsterte sie. Er ging ihr verbissenen Mundes nach, als sie die Menge durchschritt. Er war zufrieden, daß er das gesagt hatte.

Als sie bei der Achillesstatue war, drehte sie sich nach ihm um. In ihren Augen lag Mitleid, das auf ihren Lippen zu einem Lachen wurde. Sie schüttelte den Kopf über ihn. „Du bist verdreht, Jim, völlig verdreht; ein ungezogener Bubi, sonst nichts. Wie kannst du so was Häßliches sagen? Du weißt gar nicht, was du zusammensprichst. Du bist einfach eifersüchtig und unfreundlich. Ach! ich wollte, daß du dich einmal verliebst. Liebe macht die Menschen gut, und was du gesagt hast, war schlecht.“

„Ich bin erst sechzehn,“ antwortete er, „aber ich weiß, was ich zu tun habe. Mutter kann dir nicht helfen. Sie versteht es nicht, dich zu beschützen. Ich wünschte jetzt, ich ginge überhaupt nicht nach Australien. Ich hab' nicht übel Lust, die ganze Sache zu lassen. Ich tät's, wenn mein Vertrag nicht schon unterschrieben wäre.“

„Ach, sei nicht so ernsthaft, Jim. Du bist wie einer von den Helden aus den albernen Melodramen, in denen Mutter so gern gespielt hat. Ich will mich mit dir nicht streiten. Ich hab' ihn gesehen, und ihn sehen, ist vollkommenes Glück. Wir wollen nicht streiten. Ich weiß, daß du einem, den ich liebe, nie etwas antun wirst, nicht?“

„Solange du ihn liebst, wohl kaum“, war die finstere Antwort.

„Ich werde ihn immer lieben!“ rief sie.

„Und er?“

„Auch immer.“

„Das ist sein Glück!“

Sie schrak vor ihm zurück. Dann lachte sie und legte die Hand auf seinen Arm. Er war doch nur ein Junge.

Am Marble Arch bestiegen sie einen Omnibus, der sie in die Nähe ihrer armseligen Wohnung in Euston Road brachte. Es war schon fünf Uhr vorüber, und Sibyl mußte sich noch, bevor sie auftrat, ein paar Stündchen niederlegen. Jim bestand darauf, daß sie es täte. Er sagte, er würde lieber von ihr Abschied nehmen, wenn die Mutter nicht dabei wäre. Sie würde sicher eine Szene machen, und er verabscheue Szenen aller Art.

Sie nahmen in Sibyls Zimmer Abschied. Im Herzen des jungen Menschen brannte Eifersucht und ein grimmer, mörderischer Haß auf den Fremden, der, wie er meinte, zwischen sie getreten war. Als sich aber ihre Arme um seinen Hals schlangen, und ihre Finger durch sein Haar fuhren, wurde er sanfter und küßte sie mit wirklicher Zärtlichkeit. Als er hinunterging, standen Tränen in seinen Augen.

Die Mutter wartete unten auf ihn. Als er eintrat, murrte sie über seine Unpünktlichkeit. Er gab keine Antwort, sondern setzte sich an sein kärgliches Mahl. Die Fliegen summten um den Tisch und krochen über das fleckige Tischtuch. Durch das Gerassel der Omnibusse und das Rackern der Droschken konnte er die einförmige Stimme hören, die ihn um jede Minute beraubte, die ihm noch übrig blieb.

Nach einer Weile schob er seinen Teller zurück und stützte den Kopf in die Hände. Er fühlte, daß er ein Recht habe, es zu wissen. Wenn die Dinge lagen, wie er vermutete, hätte man es ihm längst sagen sollen. Gepeinigt von Furcht, beobachtete ihn die Mutter. Die Worte tröpfelten ihr mechanisch von den Lippen. Ihre Finger zerknüllten ein zerrissenes Spitzentaschentuch. Als die Uhr sechs schlug, stand er auf und ging zur Tür. Dann wandte er sich um und sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich. In den ihren las er ein inbrünstiges Bitten um Mitleid. Das machte ihn erst recht zornig.

„Mutter, ich muß dich was fragen“, sagte er. Ihre Augen irrten im Zimmer umher. Sie gab keine Antwort. „Sag' mir die Wahrheit! Ich hab' ein Recht, es zu erfahren! Warst du mit meinem Vater verheiratet?“

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Seufzer der Erleichterung. Der schreckliche Augenblick, der Augenblick, vor dem sie Tag und Nacht seit Wochen und Monaten gebangt hatte, war endlich gekommen, und doch empfand sie keine Furcht. Ja, es war für sie gewissermaßen eine Enttäuschung. Die grobe Unumwundenheit der Frage heischte eine unumwundene Antwort. Die Situation war nicht langsam gesteigert worden. Es war roh. Es erinnerte sie an eine mißlungene Deklamation.

„Nein“, antwortete sie, erstaunt über die harte Einfachheit des Lebens.

„Dann war mein Vater ein Schuft!“ schrie der Bursche und ballte die Faust.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wußte, daß er nicht frei war. Wir haben uns sehr lieb gehabt. Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er für uns gesorgt. Sage nichts gegen ihn, mein Sohn. Er war dein Vater und ein Gentleman. Er hatte wirklich hohe Verbindungen.“

Ein Fluch kam über seine Lippen. „Es bekümmert mich nicht meinetwegen,“ rief er, „aber laß Sibyl nicht... Ist es ein Gentleman oder nicht, der sie liebt, oder so sagt? Mit hohen Verbindungen, vermute ich.“

Einen Augenblick lang kam ein schreckliches Gefühl der Demütigung über die Frau. Ihr Kopf sank herab. Mit zitternden Händen wischte sie sich die Augen. „Sibyl hat eine Mutter,“ flüsterte sie, „ich hatte keine.“

Der junge Mensch war gerührt. Er ging zu ihr hin, beugte sich über sie und küßte sie. „Es tut mir leid, wenn ich dich mit der Frage nach meinem Vater verletzt habe,“ sagte er, „aber ich konnte nicht anders. Jetzt muß ich fort. Lebewohl! Vergiß nicht, daß du jetzt nur noch ein Kind zu beschützen hast, und glaube mir, wenn dieser Mann meiner Schwester ein Leid zufügt, dann bringe ich schon heraus, wer es ist, spüre ihn auf und schlage ihn tot wie einen Hund. Das schwöre ich dir!“

Die wahnwitzige Übertreibung seines Schwurs, die leidenschaftlichen Handbewegungen, die ihn begleiteten, die tollen, melodramatischen Worte machten der alten Frau das Leben wieder interessanter. Diese Atmosphäre war ihr vertraut. Sie atmete wie erlöst, und zum erstenmal seit vielen Monaten bewunderte sie förmlich ihren Sohn. Sie hätte die Szene gern auf derselben Gefühlshöhe fortgesetzt, aber er brach sie kurz ab. Koffer mußten heruntergebracht und Decken beschafft werden. Der Hausknecht des Mietshauses rannte geschäftig hin und her. Mit dem Kutscher wurde der Preis abgehandelt. So wurde der Augenblick durch gemeine Einzelheiten verzettelt. Mit einem erneuten Gefühl der Enttäuschung stand sie am Fenster und ließ das zerrissene Spitzentaschentuch durch die Luft wimpeln, als ihr Sohn wegfuhr. Es war ihr zumute, als sei eine große Gelegenheit verpaßt worden. Sie tröstete sich, indem sie Sibyl sagte, wie öde künftig ihr Leben sein werde, da sie jetzt nur ein einziges Kind zu behüten habe. Diesen Satz hatte sie sich gemerkt. Er hatte ihr gefallen. Von seinem Schwur sagte sie nichts. Er war lebendig und dramatisch deklamiert worden. Sie hatte die Empfindung, daß sie alle eines Tages darüber lachen würden.

Sechstes Kapitel

„Du hast doch schon die letzte Neuigkeit gehört, Basil?“ sagte Lord Henry am selben Abend, als Hallward in das kleine Separatzimmer im Bristol trat, wo für drei Personen zum Essen gedeckt war.

„Nein, Harry“, antwortete der Künstler, während er Hut und Rock dem dienernden Kellner gab. „Was ist es? Nichts über Politik, hoffe ich. Die interessiert mich nicht. Im ganzen Unterhause gibts keinen einzigen Menschen, den man malen möchte; wenn auch einigen von ihnen zur Aufbesserung etwas Firnis nicht schaden könnte.“

„Dorian Gray hat sich verlobt“, sagte Lord Henry und beobachtete ihn, während er sprach.

Hallward fuhr zurück und runzelte sofort die Stirn. „Dorian verlobt!“ rief er. „Unmöglich!“

„Es ist wahrhaftig wahr.“

„Mit wem?“

„Mit irgendeiner kleinen Schauspielerin.“

„Ich kann's nicht glauben. Dorian ist viel zu verständig.“

„Dorian ist viel zu klug, um nicht von Zeit zu Zeit verrückte Sachen zu begehen, lieber Basil.“

„Heiraten ist kaum eine Sache, die man von Zeit zu Zeit tun kann, Harry.“

„Außer in Amerika“, erwiderte Lord Henry nachlässig. „Aber ich habe ja nicht gesagt, daß er verheiratet sei. Ich sagte, er sei verlobt. Das ist ein großer Unterschied. Ich erinnere mich ganz deutlich, verheiratet zu sein, aber ich kann mich nicht erinnern, verlobt gewesen zu sein. Ich glaube fast, daß ich mich nie verlobt habe.“

„Aber überlege doch Dorians Geburt, seine Stellung, sein Vermögen. Es wäre sinnlos, wenn er so tief unter seinem Stande heiraten würde.“

„Wenn du willst, daß er dies Mädchen heiratet, so brauchst du ihm das nur zu sagen, Basil. Dann tut er's gewiß. Wenn ein Mann etwas auserlesen Dummes tut, tut er's immer aus den edelsten Beweggründen.“

„Ich hoffe, es ist ein gutes Mädchen, Harry. Ich möchte Dorian nicht an irgendein gewöhnliches Wesen gefesselt sehen, das ihn herabzieht und seinen Geist verdirbt.“

„Oh, sie ist mehr als gut — sie ist schön“, sagte Lord Henry und nippte an einem Glas Wermut mit Pomeranzen. „Dorian sagt, sie ist schön, und in Dingen dieser Art irrt er nicht häufig. Sein Bild von ihm hat sein Urteil über die äußere Erscheinung anderer Menschen geschärft. Es hat unter anderem diesen glänzenden Erfolg gezeigt. Wir sollen sie heute abend sehen, wenn der Junge seine Abmachung nicht vergißt.“

„Ist das dein Ernst?“

„Vollständig, Basil. Es würde schlimm für mich sein, wenn ich je im Leben ernsthafter sein müßte als jetzt.“

„Aber billigst du es denn, Harry?“ fragte der Maler, der im Zimmer auf und ab ging und sich auf die Lippen biß. „Du kannst es doch ganz unmöglich billigen. Es ist eine törichte Verblendung.“

„Ich billige oder mißbillige nie wieder etwas. Sowas bringt einen in eine ganz verrückte Stellungnahme zum Leben. Wir sind nicht in die Welt geschickt worden, um unsere moralischen Vorurteile glänzen zu lassen. Ich nehme nie Notiz von dem, was gewöhnliche Leute sagen, und ich mische mich nie in Dinge, die reizende Leute vorhaben. Wenn mich eine Persönlichkeit fesselt, dann ist jede Ausdrucksform, die sich diese Persönlichkeit aussucht, für mich erfreulich. Dorian Gray verliebt sich in ein schönes Mädchen, das die Julia spielt, und will sie heiraten. Warum nicht? Wenn er Messalina heiraten wollte, würde er nicht weniger interessant sein. Du weißt, ich bin kein Eheapostel. Der eigentliche Nachteil der Ehe ist, daß man selbstlos wird. Und selbstlose Menschen sind farblos. Sie werden unpersönlich. Jedoch gibt es gewisse Temperamente, die durch die Ehe komplizierter werden. Sie behalten ihren Egoismus und erweitern ihn durch eine Reihe anderer Ichs. Sie sehen sich gezwungen, mehr als ein einzelnes Leben zu führen. Sie werden feiner organisiert, und feiner organisiert zu werden, scheint mir der Zweck des menschlichen Lebens. Überdies hat jede Erfahrung ihren Wert, und was man auch gegen die Ehe sagen kann, eine Erfahrung ist sie sicher. Ich hoffe, Dorian Gray wird dies Mädchen heiraten, wird sie sechs Monate hindurch leidenschaftlich anbeten, und dann wird ihn plötzlich eine andere anziehen. Es wäre prachtvoll, das zu beobachten.“

„Du glaubst kein einziges Wort von alledem, Harry; und das weißt du auch. Wenn Dorian Grays Leben zerstört würde, wäre kein Mensch trauriger als du. Du bist viel besser, als du vorgibst.“

Lord Henry lachte. „Der Grund, weshalb wir alle so gut von anderen denken, ist der, daß wir alle Angst vor uns selber haben. Die Grundlage des Optimismus ist nichts als Furcht. Wir halten uns für großherzig, weil wir unserem Nachbar Tugenden zuschreiben, aus denen für uns ein Nutzen erwachsen könnte. Wir rühmen den Bankier, damit wir unser Konto überschreiten können, und finden im Buschklepper gute Eigenschaften in der Hoffnung, daß er unseren Geldbeutel verschonen wird. Ich glaube jedes Wort, das ich gesprochen habe. Ich habe die größte Verachtung für den Optimismus. Was das zerstörte Leben betrifft, so ist kein Leben zerstört, dessen Wachstum nicht gehemmt wird. Wenn man eine Persönlichkeit verderben will, braucht man sie nur zu verbessern. Die Ehe allerdings ist eine Narretei, aber es gibt andere und interessantere Bande zwischen Mann und Frau. Natürlich würde ich dazu eher raten. Sie haben den Reiz, fashionabel zu sein. Aber da ist Dorian selbst. Er wird dir mehr sagen, als ich es kann.“

„Lieber Harry, lieber Basil, ihr müßt mir beide Glück wünschen“, sagte der Jüngling, während er den Abendmantel mit den atlasgefütterten Flügeln abwarf und den Freunden die Hand schüttelte. „Ich war niemals so selig. Natürlich ist alles plötzlich gekommen; alles Entzückende kommt plötzlich. Und doch scheint es das einzige gewesen zu sein, wonach ich mein Leben lang auf der Suche war.“ Er glühte vor Aufregung und Freude und sah außerordentlich hübsch aus.

„Ich hoffe, du wirst immer sehr glücklich sein, Dorian,“ sagte Hallward, „aber ich kann es dir nicht ganz verzeihen, daß du mir deine Verlobung nicht mitgeteilt hast. Harry hast du es mitgeteilt.“

„Und ich kann es dir nicht verzeihen, daß du zu spät kommst“, fiel Lord Henry lächelnd ein und legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Komm, wir wollen uns setzen und versuchen, was der neue Chef hier kann, und dann erzählst du uns, wie alles gekommen ist.“

„Da ist wirklich nicht viel zu erzählen!“ rief Dorian, als sie sich um den kleinen Tisch gesetzt hatten. „Was geschah, war einfach so. Als ich dich gestern abend verließ, Harry, zog ich mich an, aß in dem kleinen italienischen Restaurant in Rupert Street, das ich durch dich kennengelernt habe, und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die Rosalinde. Natürlich war die Dekoration greulich und der Orlando zum Lachen. Aber Sibyl! Ihr hättet sie sehen sollen. Als sie in ihren Knabenkleidern auftrat, war sie einfach wunderbar. Sie trug ein moosgrünes Samtwams mit zimtbraunen Ärmeln, eine kurze, braune, überm Knie kreuzweise geschnürte Hose, ein reizendes grünes Barett mit einer Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten wurde, und war in einen dunkelrot gefütterten Kapuzenmantel gehüllt. Sie war mir nie schöner vorgekommen. Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur, die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar schlang sich um ihr Gesicht wie dunkles Laub um eine blasse Rose. Und ihr Spiel — nun, ihr werdet sie heute abend sehen. Sie ist eben eine geborene Künstlerin. Ich saß ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich vergaß, daß ich in London war und im neunzehnten Jahrhundert lebte. Ich war mit meiner Geliebten weit fort in einem Wald, den noch kein Menschenauge gesehen hatte. Nach der Vorstellung ging ich hinter die Bühne und sprach mit ihr. Als wir nebeneinander saßen, trat plötzlich ein Ausdruck in ihre Augen, den ich nie vorher gesehen hatte. Meine Lippen fühlten sich zu ihr hingezogen. Wir küßten uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben, was ich in dem Augenblick gefühlt habe. Mir schien, daß all mein Leben in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepreßt wäre. Sie zitterte am ganzen Leibe und bebte wie eine weiße Narzisse. Dann warf sie sich auf die Knie und küßte meine Hände. Ich weiß, ich sollte euch das alles nicht erzählen, aber ich kann mir nicht helfen. Natürlich ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat nicht einmal zu ihrer Mutter davon gesprochen. Ich weiß nicht, was meine Vormünder dazu sagen werden. Lord Radley wird sicher wütend sein. Ist mir ganz gleich. In weniger als einem Jahre bin ich volljährig und kann dann machen, was ich will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine Geliebte aus dem Reich der Dichtung wegzuholen und meine Frau in Shakespeares Stücken zu finden? Lippen, die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis ins Ohr geflüstert. Rosalindens Arme lagen um meinen Hals, und ich habe Julia auf den Mund geküßt.“

„Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht“, sagte Hallward langsam.

„Hast du sie heute schon gesehen?“ fragte Lord Henry.

Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Ich verließ sie im Ardennenwald und werde sie in einem Garten von Verona wiederfinden.“

Lord Henry schlürfte nachdenklich seinen Champagner. „In welchem Augenblick hast du von Heirat gesprochen, Dorian? Und was erwiderte sie darauf? Vielleicht hast du das schon ganz vergessen.“

„Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschäft behandelt und habe ihr keinen förmlichen Antrag gemacht. Ich sagte ihr, daß ich sie liebe, und sie sagte, sie verdiene nicht, mein Weib zu sein. Nicht verdienen! Was ist denn die ganze Welt für mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!“

„Die Frauen sind wunderbar praktisch,“ murmelte Lord Henry — „viel praktischer als wir. In Situationen dieser Art vergessen wir oft, etwas von Heirat zu erwähnen, und sie erinnern uns immer daran.“

Hallward legte die Hand auf seinen Arm. „Nicht doch, Harry. Du kränkst Dorian. Er ist nicht wie andere Männer. Er würde nie jemand unglücklich machen. Seine Natur ist dafür zu edel.“

Lord Henry blickte über den Tisch. „Dorian fühlt sich nie gekränkt durch mich“, antwortete er. „Ich habe aus dem besten Grund gefragt, den es geben kann, aus dem einzigen Grund, der eine Entschuldigung für eine Frage ist — einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach es immer Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und nicht wir den Frauen. Natürlich ausgenommen die Mittelklassen. Aber die Mittelklassen sind eben nicht modern.“

Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf. „Du bist ganz unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht böse. Man kann dir ja gar nicht böse sein. Wenn du Sibyl Vane siehst, wirst du fühlen, daß der Mann, der ihr ein Leid antun kann, ein Tier sein muß, ein herzloses Tier. Ich kann nicht begreifen, wie man es über sich gewinnen kann, ein Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich liebe Sibyl Vane. Ich möchte sie auf einen goldenen Sockel stellen und dann sehen, wie die ganze Welt das Weib anbetet, das mir gehört. Was ist Ehe? Ein unwiderrufliches Gelübde. Du spottest deshalb darüber. Ach, spotte nicht! Ein unwiderrufliches Gelübde will ich ablegen. Ihr Vertrauen macht mich treu, ihr Glaube macht mich gut. Wenn ich bei ihr bin, verleugne ich alles, was du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz anderer Mensch als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und die bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand läßt mich alle deine falschen, bezaubernden, vergifteten, entzückenden Theorien vergessen.“

„Und die wären?“ fragte Lord Henry, während er Salat nahm.

„Oh, deine Theorien über das Leben, deine Theorien über die Liebe, deine Theorien über den Genuß. Tatsächlich alle deine Theorien, Harry.“

„Genuß ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie verdient“, antwortete er mit seiner sanften, musikalischen Stimme. „Aber ich fürchte, es ist nicht meine eigene Theorie. Sie gehört der Natur, nicht mir. Genuß ist das Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn wir glücklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn wir gut sind, sind wir nicht immer glücklich.“

„Ah, doch, was verstehst du unter gut?“ rief Basil Hallward.

„Ja,“ wiederholte Dorian, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und über den massigen Strauß rotblutiger Schwertlilien in der Mitte des Tisches zu Lord Henry blickte, „was verstehst du unter gut, Harry?“

„Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein“, antwortete er, den dünnen Stengel seines Glases mit blassen, feingespitzten Fingern umfassend. „Mißklang heißt es, mit anderen übereinstimmen müssen. Das eigene Leben — das ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer Nachbarn betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein Puritaner sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen Ansichten ins Gesicht schleudern, aber sie gehen einen schließlich gar nichts an. Abgesehen davon, hat der Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab seiner Zeit anerkennt. Ich habe die Meinung, daß jeder kultivierte Mensch, der den Maßstab seiner Zeit anerkennt, damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen begeht.“

„Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß man da nicht einen furchtbaren Preis dafür zahlen?“ fragte der Maler.

„Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich glaube, die wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich die Armen nichts leisten können als Selbstverleugnung. Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge ein Vorrecht der begüterten Klassen.“

„Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.“

„In welcher Münze, Basil?“

„Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... na eben mit dem Gefühl der Erniedrigung.“

Lord Henry zuckte die Achseln. „Mein lieber Junge, die mittelalterliche Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche Gefühle sind nicht mehr Mode. Man kann sie freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die einzigen Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, um die man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert. Glaube mir, kein zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten Genuß, und kein unzivilisierter Mensch weiß, was ein Genuß ist.“

„Ich weiß, was ein Genuß ist!“ rief Dorian Gray. „Jemand anbeten.“

„Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden“, antwortete Harry, während er mit einigen Früchten spielte. „Angebetet zu werden, ist peinlich. Die Weiber behandeln uns genau so wie die Menschheit ihre Götter. Sie beten uns an und quälen uns unaufhörlich, irgendwas für sie zu tun.“

„Ich würde sagen, alles, was sie von uns verlangen, haben sie uns zuerst geschenkt“, sagte der Jüngling ernst und leise. „Sie erzeugen die Liebe in uns. Sie haben ein Recht, sie dann zurückzuverlangen.“

„Das ist ganz richtig, Dorian“, rief Hallward.

„Ganz richtig ist niemals etwas“, sagte Lord Henry.

„Das ist es“, unterbrach Dorian. „Du mußt zugeben, Harry, daß nur die Frauen den Männern das reinste Gold des Lebens schenken.“

„Vielleicht,“ seufzte er, „aber unweigerlich verlangen sie es dann in Kleingeld umgewechselt zurück. Das ist der Jammer dabei. ‚Die Frauen,‛ hat einmal ein witziger Franzose gesagt, ‚regen uns an, Meisterwerke zu schaffen, und verhindern uns immer, sie auszuführen.‛“

„Harry, du bist schrecklich! Ich weiß gar nicht, warum ich dich so gern habe.“

„Du wirst mich immer gern haben, Dorian“, antwortete er. „Wollen wir Kaffee trinken, Kinder? — Kellner, bringen Sie Kaffee, fine Champagne und Zigaretten. Nein, lassen Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei mir. Basil, ich kann dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mußt eine Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich und läßt dabei unbefriedigt. Was will man mehr verlangen? Ja, Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich bin für dich der Inbegriff aller Sünden, die du zu begehen nie den Mut haben wirst.“

„Was für Unsinn du redest, Harry!“ rief der junge Mann, während er seine Zigarette an dem feuerspeienden Silberdrachen anzündete, den der Kellner auf den Tisch gestellt hatte. „Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie wird euch etwas offenbaren, das ihr noch nicht gekannt habt.“

„Ich habe alles kennengelernt,“ sagte Lord Henry mit einem müden Ausdruck in den Augen, „aber ich bin immer bereit, mir eine neue Emotion zu verschaffen. Nur fürchte ich, daß es für mich derlei kaum noch gibt. Immerhin, dein wunderbares Mädchen wird mich vielleicht erschüttern. Ich liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das Leben. Wir wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen. Basil, es tut mir leid, aber in meinem Brougham ist nur Platz für zwei. Du mußt schon in einer Droschke nachfahren.“

Sie standen auf, zogen ihre Röcke an und tranken den Kaffee im Stehen. Der Maler war schweigsam und bedrückt. Ein düsteres Gefühl lastete auf ihm. Er konnte diese Ehe nicht gutheißen, und sie schien ihm doch besser zu sein als manches andere, das hätte geschehen können. Nach einigen Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe hinunter. Er fuhr, wie verabredet, allein, und sah auf die blitzenden Lichter des kleinen Wagens, der vor ihm dahinrollte. Das seltsame Gefühl eines großen Verlustes überkam ihn. Er fühlte, daß Dorian Gray nie wieder das für ihn sein würde, was er ihm früher gewesen war. Das Leben war zwischen sie getreten... Vor seinen Augen ward es dunkel, und die menschenvollen, erleuchteten Straßen verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke am Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre älter geworden.

Siebentes Kapitel

Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem Abend besonders dicht gefüllt, und der fette jüdische Direktor, der sie an der Tür empfing, strahlte von einem Ohr zum anderen in einem öligen, zuckenden Lächeln. Er begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen Demut, die feisten, juwelenbedeckten Hände hastig bewegend und sich mit der Stimme beinahe überschlagend. Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er hatte das Gefühl, als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und Caliban habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas für ihn übrig. Wenigstens erklärte er, daß er ihm gefiele, bestand darauf, ihm die Hand zu schütteln und versicherte ihm, er sei stolz darauf, einen Mann kennenzulernen, der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt sich damit, die Gestalten im Stehparterre zu beobachten. Die Hitze war äußerst drückend, und der riesige Sonnenkronleuchter flammte wie eine gigantische Dahlie mit Blättern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf der Galerie hatten Röcke und Westen ausgezogen und sie über die Brüstung gehängt. Sie riefen einander quer über das ganze Theater zu und fütterten die grell gekleideten Mädchen neben ihnen mit Orangen. Ein paar Weiber unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren schrecklich schrill und unangenehm. Vom Büfett her hörte man Flaschen entkorken.

„Was für ein sonderbarer Platz, um seine Göttin zu finden!“ sagte Lord Henry.

„Ja“, erwiderte Dorian Gray. „Hier habe ich sie gefunden, und sie ist göttlicher als alles Lebendige. Wenn sie spielt, wirst du alles vergessen. Diese gewöhnlichen rohen Leute mit ihren alltäglichen Gesichtern und brutalen Bewegungen werden ganz verwandelt, sobald sie auf der Bühne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie weinen und lachen, wenn sie es will. Sie hält sie in Stimmung, wie man es mit einer Geige tut. Sie veredelt sie, und man spürt, daß sie vom selben Fleisch und Blut sind wie man selbst.“

„Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich hoffe nicht!“ rief Lord Henry, der die Leute auf der Galerie mit seinem Opernglas musterte.

„Höre nicht auf ihn, Dorian!“ sagte der Maler. „Ich begreife, was du meinst, und ich glaube an dies Mädchen. Der Mensch, den du liebst, muß wunderbar sein, und jedes Mädchen, das die von dir geschilderte Wirkung erzielt, muß fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln — das verlohnt der Mühe. Wenn dies Mädchen die beseelen kann, die seelenlos gelebt haben, wenn sie in Menschen, deren Dasein schmutzig und häßlich war, einen Sinn für Schönheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem Eigennutze losreißen und ihnen Tränen um Sorgen entlocken kann, die nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung wert, dann ist sie der Verehrung der ganzen Welt wert. Solche Heirat ist ganz das Rechte. Ich dachte zuerst nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die Götter haben Sibyl Vane für dich geschaffen. Ohne sie wärst du nur unvollständig gewesen.“

„Danke, Basil“, antwortete Dorian Gray und drückte ihm die Hand. „Ich wußte, daß du mich verstehst. Harry ist ein Zyniker, er erschreckt mich. Aber da kommt das Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe fünf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst ein Mädchen, dem ich mein ganzes Leben schenken will, dem ich alles überantwortet habe, was gut ist in mir.“

Eine Viertelstunde später betrat Sibyl Vane unter einem geräuschvollen Beifallssturm die Bühne. Ja, sie war wirklich entzückend — eins der entzückendsten Geschöpfe, dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es lag etwas von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten Augen. Ein schwaches Erröten wie der Widerschein einer Rose in einem silbernen Spiegel trat auf ihre Wangen, als sie das überfüllte und begeisterte Haus erblickte. Sie trat ein paar Schritte zurück, und ihre Lippen schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann zu klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume, saß Dorian Gray da und sah sie an. Lord Henry starrte unverwandt durch sein Glas und murmelte: „Entzückend! Entzückend!“

Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und Romeo war in seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen anderen Freunden aufgetreten. Die Musik präludierte, so gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der Tanz fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten, schäbig gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane wie ein Geschöpf aus einer höheren Welt. Ihr Körper schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem Wasser. Die Linien ihres Halses glichen denen einer weißen Lilie. Ihre Hände schienen aus kühlem Elfenbein zu sein.

Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte kein Zeichen der Freude, während ihr Auge auf Romeo ruhte. Die wenigen Worte, die sie zu sprechen hatte —

Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden
Für ihren sittsam-andachtsvollen Gruß;
Der Heiligen Rechte darf Berührung dulden,
Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß —

mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem ganz gekünstelten Tone. Die Stimme klang wundervoll, aber der Ton ganz verfehlt. Er traf die Stimmungsfarbe nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die Leidenschaft unwahr.

Dorian Gray erbleichte, als er es hörte. Er war verlegen und erschreckt. Seine beiden Freunde wagten nicht, ihm etwas zu sagen. Sie schien ja ganz talentlos zu sein. Sie waren furchtbar enttäuscht.

Aber sie wußten, daß der wahre Prüfstein für jede Julia die Balkonszene im zweiten Akt sei. Darauf warteten sie. Wenn sie hier versagte, war nichts an ihr.

Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat. Das konnte niemand leugnen. Aber das Theatralische ihres Spiels war unerträglich und wurde im Verlauf immer ärger. Ihre Gesten waren lächerlich gekünstelt. Sie übertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen hatte. Die wundervollen Verse —

Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hörtest —

deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmädchens, das einen mittelmäßigen Vortragslehrer in der Schule gehabt hat. Als sie sich über den Balkon lehnte und zu den herrlichen Versen kam —

Obwohl ich dein mich freue,
Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht:
Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich,
Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei,
Noch eh' man sagen kann: es blitzt. — Schlaf süß!
Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe
Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten —

sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn für sie. Es war nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon, erregt zu sein, schien sie ganz mit sich zufrieden. Es war einfach schlechte Kunst. Es war ein richtiger Abfall.

Selbst das gewöhnliche, ungebildete Publikum auf Stehplatz und Galerie verlor sein Interesse am Stück. Man wurde unruhig und begann laut zu sprechen und zu zischen. Der jüdische Direktor, der im Hintergrunde des ersten Ranges stand, stampfte mit den Füßen und fluchte vor Wut. Einzig und allein unbewegt war das Mädchen selbst.

Als der zweite Akt vorüber war, brach ein Sturm von Zischen los, und Lord Henry stand von seinem Stuhl auf und zog seinen Rock an. „Sie ist wunderschön, Dorian,“ sagte er, „aber sie kann nicht spielen. Wir wollen gehen.“

„Ich will das Stück zu Ende sehen“, antwortete der junge Mann mit harter, bitterer Stimme. „Es tut mir äußerst leid, daß ich dich veranlaßt habe, einen Abend zu vergeuden, Harry. Ich muß mich bei euch beiden entschuldigen.“

„Mein lieber Dorian, ich glaube, Miß Vane war krank“, unterbrach ihn Hallward. „Wir wollen an einem anderen Abend wiederkommen.“

„Ich wünschte, sie wäre krank“, erwiderte er. „Aber ich glaube, sie hat nur kein Gefühl und ist kalt. Sie ist völlig verändert. Gestern abend war sie eine große Künstlerin. Heute abend ist sie nur eine gewöhnliche, mittelmäßige Schauspielerin.“

„Sprich nicht so über jemand, den du liebst, Dorian. Liebe ist etwas viel Wunderbareres als Kunst.“

„Es sind beides nur Formen der Nachahmung“, bemerkte Lord Henry. „Aber wir wollen gehen. Dorian, du darfst nicht länger hier bleiben. Es schadet der Moral, schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube übrigens nicht, daß du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt also daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt! Sie ist wirklich bezaubernd, und wenn sie so wenig vom Leben weiß wie vom Theaterspielen, wird sie dir eine köstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten fesselnder Menschen — solche, die alles wissen, und solche, die gar nichts wissen. Großer Gott, mein lieber Junge, mach' kein so tragisches Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben, besteht einfach darin, nie eine Erregung haben, die unzuträglich ist. Komm mit Basil und mir in den Klub! Wir wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schönheit trinken. Sie ist schön. Was willst du noch mehr?“

„Geh, Harry!“ rief der Jüngling. „Ich will allein sein. Basil, geh! Ach, könnt ihr nicht sehen, daß mir das Herz bricht?“ Heiße Tränen traten ihm in die Augen. Seine Lippen bebten, er drückte sich in die dunkelste Ecke der Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in den Händen.

„Komm, Basil“, sagte Lord Henry mit seltsam zärtlicher Stimme; und die beiden jungen Männer gingen zusammen hinaus.

Ein paar Augenblicke später flammte die Rampe wieder auf, und der Vorhang rauschte zum dritten Akt in die Höhe. Dorian Gray ging auf seinen Platz zurück. Er sah bleich, abwesend, gleichgültig aus. Das Spiel schleppte sich weiter und schien endlos zu sein. Die Hälfte des Publikums ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und lachend. Das Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte Akt wurde beinah vor leeren Bänken gespielt. Der Vorhang fiel unter Zischen und höhnischem Gegrunze.

Sobald es aus war, stürzte Dorian Gray hinter die Kulissen in die Garderobe. Das Mädchen stand allein da, mit einem triumphierenden Zuge im Antlitz. Die Augen leuchteten in einem merkwürdigen Feuer. Eine Art Glanz umschwebte sie. Ihre halbgeöffneten Lippen lächelten wie ein Geheimnis, das ihnen allein bewußt war.

Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsäglichen Glückes kam über sie. „Wie schlecht ich heute gespielt habe, Dorian!“ rief sie.

„Schrecklich“, antwortete er und sah sie voll Staunen an — „schrecklich. Es war geradezu fürchterlich. Bist du krank? Du hast keine Ahnung, wie es war. Keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.“

Das Mädchen lächelte. „Dorian“, antwortete sie und zog seinen Namen mit einem musikalischen Klang in die Länge, als wäre er den roten Blüten ihres Mundes süßer als Honig — „Dorian, du hättest begreifen sollen. Aber jetzt begreifst du, nicht wahr?“

„Was?“ fragte er heftig.

„Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich immer schlecht spielen werde. Warum ich nie mehr gut spielen werde.“

Er zuckte die Achseln. „Du bist gewiß krank. Wenn du krank bist, solltest du nicht spielen. Du machst dich nur lächerlich. Meine Freunde haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.“

Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt vor Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.

„Dorian, Dorian,“ rief sie, „bevor ich dich kannte, war Spielen die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur im Theater lebte ich. Ich hielt das alles für wahr. An einem Abend war ich Rosalinde und Portia am andern. Beatrices Glück war mein Glück, und Kordelias Tränen waren die meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewöhnliche Volk, das mit mir spielte, schien mir göttlich. Die bemalten Kulissen bedeuteten für mich die Welt. Ich kannte nichts als Schatten, und ich nahm sie für Wirklichkeit. Da kamst du — o mein schöner Geliebter — und befreitest meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt, was die wahre Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal die ganze Hohlheit durchschaut, den Betrug, die Albernheit des falschen, verlogenen Flittertandes, zwischen dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wußte ich zum ersten Male, daß dieser Romeo abscheulich und alt und geschminkt ist, daß der Mond im Garten Blendwerk, die ganze Szenerie ordinär ist und daß die Worte, die ich zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine Worte sind, nicht, was ich hätte sagen müssen. Du hast mir etwas Höheres geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz ist. Du hast mich begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein Geliebter! Mein Geliebter! Prinz Märchenschön! Prinz meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr ertragen. Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was hab' ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich heute abend auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen war, daß alles verschwunden sein sollte. Ich hatte gedacht, ich würde wundervoll sein. Ich merkte, daß ich durchaus versagte. Plötzlich dämmerte es meiner Seele, was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen. Ich hörte sie zischen und lächelte. Was konnten die wissen von einer Liebe wie die unsere? Nimm mich fort, Dorian — nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir allein sein können. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht ein Gefühl darstellen, das ich nicht spüre, aber ich kann doch nicht eins spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach, Dorian, Dorian, begreifst du jetzt, was das bedeutet? Selbst wenn ich es zustande brächte, wär' es Entweihung, zu spielen, während ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.“

Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht ab. „Du hast meine Liebe getötet“, murmelte er.

Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort. Sie kam hin zu ihm und strich mit ihren kleinen Fingern durch sein Haar. Sie kniete nieder und preßte seine Hände an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein Schauder überlief ihn.

Dann sprang er auf und schritt zur Tür. „Ja,“ rief er, „du hast meine Liebe getötet. Bisher hast du meine Phantasie gefesselt. Jetzt fesselst du nicht einmal meine Neugier. Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich, weil du ein Wunder warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die Träume großer Dichter verkörpertest und den Schatten der Kunst Gestalt und Körper verliehest. All das hast du weggeworfen. Jetzt bist du leer und seicht. Mein Gott. Was für ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie verblendet war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen Namen aussprechen. Du weißt nicht, was du mir einmal warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich ertrage es nicht, daran zu denken. Ich wünschte, ich hätte dich niemals gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet. Wie wenig mußt du von Liebe wissen, wenn du sagst, sie lähme deine Kunst! Ohne deine Kunst bist du nichts. Ich hätte dich berühmt gemacht, zu einem Sterne, zu etwas Herrlichem. Die Welt hätte dich angebetet, und du hättest meinen Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin dritten Ranges mit einem hübschen Gesichtchen.“

Das Mädchen war totenblaß geworden und zitterte. Sie preßte die Hände zusammen, und die Sprache schien ihr in der Kehle erstickt zu sein. „Du meinst es doch nicht im Ernst, Dorian?“ flüsterte sie. „Du verstellst dich nur.“

„Verstellen? Das überlaß ich dir. Du verstehst es ja so gut“, entgegnete er bitter.

Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen, qualvollen Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm in die Augen. Er stieß sie zurück. „Berühre mich nicht!“ schrie er.

Ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, und sie warf sich ihm zu Füßen und lag da wie eine zertretene Blume. „Dorian, Dorian, geh nicht fort von mir!“ rief sie leise. „Ich bin so betrübt, daß ich nicht gut gespielt habe. Ich dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder versuchen — wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jäh über mich, die Liebe zu dir. Ich glaube, ich hätte nie etwas von ihr gewußt, wenn du mich nicht geküßt hättest — wenn wir uns nicht geküßt hätten. Küß mich wieder, Geliebter! Geh nicht von mir! Ich könnte es nicht überleben. Oh, verlaß mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darüber. Er meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh! Kannst du mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich werde so fleißig sein und mir Mühe geben, besser zu werden. Sei nicht grausam gegen mich, weil ich dich mehr liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges Mal, wo ich dir mißfallen habe. Aber du hast ganz recht, Dorian. Ich hätte mich mehr als Künstlerin zeigen sollen. Es war närrisch von mir; und doch konnte ich nicht anders. Ach, verlaß mich nicht, verlaß mich nicht.“ Leidenschaftliches Schluchzen erschütterte sie. Sie kauerte sich nieder wie ein wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schönen Augen zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen kräuselten sich in tiefster Verachtung. Die Gefühlsregungen von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben immer etwas Lächerliches an sich. Sibyl Vane schien ihm überspannt melodramatisch zu sein. Ihre Tränen und ihr Schluchzen langweilten ihn nur.

„Ich gehe“, sagte er schließlich mit seiner klaren, ruhigen Stimme. „Ich möchte nicht hart sein, aber ich kann dich nicht mehr sehen. Du hast mich enttäuscht.“

Sie weinte still weiter und sagte nichts, sondern kroch näher. Ihre kleinen Hände streckten sich ins Leere hinaus und schienen ihn zu suchen. Er wandte sich stehenden Fußes herum und verließ das Zimmer. Wenige Augenblicke später hatte er das Theater hinter sich.

Wohin er ging, wußte er selber kaum. Er erinnerte sich, durch schwach beleuchtete Gassen gewandert, an traurigen, in schwarze Schatten getauchten Türbogen und elend aussehenden Häusern vorbeigekommen zu sein, Weiber mit heiseren Stimmen und schrillem Lachen hatten hinter ihm her gerufen. Betrunkene waren fluchend und mit sich selber sprechend, wie Riesenaffen, an ihm vorbeigetaumelt. Er hatte putzige Kinder auf den Stufen kauern sehen und Schreien und Schimpfen aus düsteren Höfen gehört.

Als der Morgen graute, fand er sich dicht bei Covent Garden. Die Dunkelheit schwand, die Luft rötete sich in blaßrotem Feuer, und der Himmel wölbte sich zu einer vollendeten Perle. Mächtige Wagen voll nickender Lilien rumpelten langsam die gerade, leere Straße hinab. Die Luft war schwer vom Dufte der Blumen, und die Schönheit schien seinem Schmerz Linderung zu bringen. Er trat in die Markthalle und sah den Männern zu, die ihre Wagen ausluden. Ein Fuhrmann in weißem Kittel bot ihm von seinen Kirschen an. Er dankte ihm, wunderte sich, warum er kein Geld dafür annehmen wollte, und begann zerstreut davon zu essen. Sie waren um Mitternacht gepflückt worden, und sie hatten die Kühle des Mondes in sich. Burschen in langer Reihe schleppten Körbe voll gestreifter Tulpen und von gelben und roten Rosen herbei, trotteten an ihm vorbei, als sie sich ihren Weg durch die großen, gelblichgrünen Gemüsestapel suchten. Unter den grauen, in der Sonne bleichen Säulen der Vorhalle lungerte ein Trupp von schmuddeligen Mädchen ohne Hüte und warteten, bis die Versteigerung vorbei war. Andere drängten sich um die auf- und zugehenden Türen des Kaffeehauses auf der Piazza. Die schweren Lastgäule glitten auf dem Pflaster aus und stampften über die holperigen Steine, ihre Glocken und Geschirre schüttelnd. Einige Fuhrmänner lagen schlafend auf einem Haufen von Säcken. Mit regenbogenfarbenen Hälsen und rötlichen Füßen trippelten die Tauben mitten darin umher und pickten sich Körner auf.

Nach einer Weile rief er sich eine Droschke und fuhr nach Hause. Ein paar Augenblicke blieb er zögernd auf der Schwelle stehen, blickte über den schweigenden Platz und auf die Häuser mit den blanken, geschlossenen Fenstern und den hellen Gardinen. Der Himmel war jetzt ein wirklicher Opal, und die Dächer der Häuser glitzerten ihm wie Silber entgegen. Von einem Schornstein gegenüber stieg eine dünne Rauchsäule in die Höhe. Sie schlängelte sich wie ein violettes Band durch die perlmutterfarbene Luft.

In der großen venezianischen Goldlaterne, einer Beute von der Barke irgendeines Dogen, die von der Decke der großen eichengetäfelten Vorhalle herabhing, brannten noch drei flackernde Gaslichter: wie dünne blaue Feuerblüten, von weißen Flammen umsäumt. Er drehte sie aus, warf Hut und Mantel auf den Tisch und ging durch die Bibliothek zur Tür seines Schlafzimmers. Das war ein großer, achteckiger Raum zu ebener Erde, den er in seinem neu erwachten Gefühl für Luxus erst unlängst einrichten und mit einigen schnurrigen Renaissancegobelins hatte bespannen lassen, die er in einer nicht mehr gebrauchten Dachkammer in Selby Royal entdeckt hatte. Als er eben nach der Klinke griff, fiel sein Blick auf das Bildnis, das Basil Hallward von ihm gemalt hatte. Erstaunt schrak er zurück. Dann ging er in sein Zimmer und sah nachdenklich und betroffen aus. Nachdem er die Blume aus seinem Knopfloch genommen hatte, schien er zu zögern. Schließlich ging er zurück, trat vor das Bild und musterte es. In dem unbestimmten, gedämpften Licht, das durch die mattgelblichen Seidenvorhänge drang, schien ihm das Gesicht ein wenig verändert. Der Ausdruck war anders. Man hätte sagen können, daß ein grausamer Zug um den Mund läge. Es war wirklich seltsam.

Er drehte sich um, ging zum Fenster und zog den Vorhang auf. Der helle Morgen flutete durch das Zimmer und fegte die phantastischen Schatten in düstere Winkel, wo sie zitternd liegenblieben. Aber der seltsame Ausdruck, den er im Gesicht des Bildes bemerkt hatte, schien nicht nur dazubleiben, sondern sich noch verstärkt zu haben. Das heiße, zitternde Sonnenlicht zeigte ihm den grausamen Zug um den Mund so deutlich, als sähe er sich in einem Spiegel, nachdem er etwas Furchtbares verübt hätte.

Er fuhr zusammen und nahm vom Tisch einen ovalen Spiegel, dessen Fassung von elfenbeinernen Liebesgöttern gebildet wurde, eines der vielen Geschenke Lord Henrys, und blickte hastig in die glänzende Tiefe. Keine Linie solcher Art verunstaltete seine roten Lippen. Was sollte dies bedeuten?

Er rieb sich die Augen und trat ganz nahe an das Bild heran, um es abermals zu mustern. An der Technik der Malerei konnte man gar keine Spur einer Veränderung bemerken, und doch war kein Zweifel, daß sich der Ausdruck im ganzen verändert hatte. Es war keine Einbildung von ihm. Die Sache war schrecklich klar.