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Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe cover

Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Chapter 31: 16.
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About This Book

The narrative follows a contented writer whose cheerful household and books about his two older sons shift focus to the youngest child, a toddler who insists on being included in the family story. Through episodic scenes of domestic life, play, and small adventures, the text explores parental affection, the fragile illusion of security that ignores mortality, and a child's claim to recognition. Gentle irony and quiet emotion combine to portray marital life and family roles while contemplating the gap between adult assumptions and a child's immediate needs, culminating in a solemn promise to record the youngest within the family's remembered life.

16.

So saß ich eines Nachts allein in meinem Zimmer und wußte, daß am nächsten Tage die Aerzte kommen und über den kleinen Sven ihr Urteil über Leben oder Tod aussprechen würden. Ich wußte, daß ihrer Zwei sein würden, denn unser Hausarzt wollte einen Specialisten konsultieren, weil er es nicht länger wagte, auf sein eigenes Urteil zu bauen. Ich saß allein, die Lampe war angezündet, und vor mir lag ein Manuskript, dem die Schlußkapitel fehlten.

Ich hatte meiner Frau Gutenacht gesagt und erwähnt, daß ich arbeiten würde.

„Daß Du heut Abend schreiben kannst!“ hatte sie gesagt.

Und es lag eine Nüance von Bitterkeit in ihrem Tone, so als meinte sie, daß ich nicht so fühlte wie sie.

Doch sie bereute es sogleich, legte ihren Kopf an den meinen und sagte:

„Du bist glücklich, daß Du es kannst.“

Und hier saß ich nun allein, und jeder Nerv zitterte in einer seelischen Erschütterung, so zusammengesetzt und so ungeheuer, daß ich sie kaum beschreiben kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind am Leben bleiben würde, ja, ich glaubte es. Aber gleichzeitig hatte ich die Empfindung, daß ich jetzt schreiben müßte, jetzt oder nie. Ich wußte beinahe jedes Wort, das auf den Blättern stehen sollte, die blank und unbeschrieben vor mir lagen. Die Notwendigkeit trieb mich an, und ich schrieb, füllte eines nach dem anderen von den weißen Blättern und legte sie zu dem Manuskripthaufen, der vor mir auf dem Tische wuchs. Es war, als hätte mir eine unsichtbare Stimme ihre Befehle ins Ohr geflüstert, ich mußte dieser Stimme gehorchen, ihr blind gehorchen, und über mir war eine jagende Hast, so, als wüßte ich, daß es sich um das Leben handelte.

Morgen, erklang es in mir, morgen! Wer weiß, was morgen geschieht. Es kann geschehen, daß Dein Kind sterben muß. Und dann kannst Du nicht schreiben. Dann heischt man von Dir Geld und wieder Geld. Du kannst Dein Buch umarbeiten, Du kannst es besser machen, aber Du kannst es niemals fertig schreiben, wenn Dein Kind sterben sollte.

Wie Peitschenhiebe jagten mich die Gedanken vorwärts, und schon sah ich bei dem bleichen Schein der Lampe das Morgenlicht durch die Gardine auf das Papier fallen. „Geld, Geld! Du mußt Geld schaffen, wenn Dein Kind stirbt und wenn Du Deine Frau retten willst.“

Und durch die Stimmen, die meine Arbeit antrieben, hörte ich es wie einen Ton, den ich zu erkennen glaubte: „Es ist der Vater mit seinem Kind!“ Der Vater mit seinem Kind! Wo hatte ich das schon gehört? Wann hatte ich diese jagende Hast gespürt? Es war, als sausten Peitschen, als schlügen Hufe Funken aus steinigen Wegen, als fühlte ich die Nachtluft mein brennendes Haupt kühlen. Ich schrieb und schrieb. Und ich erinnerte mich, wie ich wie ein Rasender gefahren war, in dem Glauben, daß mein Kind tot sei.

Aber ich dachte nicht mehr an mein Kind. Ich dachte an sie, die mich ganz besitzen mußte, wenn es denkbar sein sollte, daß sie bei mir blieb, wenn das Unfaßbare Wirklichkeit wurde und Sven starb. Ich schrieb und schrieb, schrieb, wie kein Mensch für Geld geschrieben hat, schrieb die besten Seiten, die aus meiner Feder geflossen sind. Und als die Kräfte mich verließen, trank ich, trank viel, um mich selbst am Leben zu erhalten.

Als die Sonne schon eine Weile am Himmel stand, schrieb ich die letzten Zeilen. Und ich saß wie betäubt.

Ich sammelte die vollgeschriebenen Bogen und legte sie in meine Lade, dann schlich ich mich hinaus und lauschte an der Thüre, hinter der Sven lag. Da öffnete meine Frau dieselbe und sah hinaus. Ich wankte auf sie zu und sagte:

„Es ist fertig.“

Sie lächelte mir zu, und es lag eine Welt von Glück in ihrer Stimme, als sie antwortete:

„Er schläft so ruhig. Es kann nicht gefährlich sein.“

Ich ging von ihr und versank eine Weile später in einen totenähnlichen Schlaf.