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Das Buch von Monelle

Chapter 16: Monelle
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About This Book

A sequence of lyrical prose sketches centered on a mysterious young woman and her many sisters, alternating brief portraits of marginalized women with meditative aphorisms. Episodes recount fleeting encounters of compassion and loss, while philosophical passages argue for destruction as a necessary force of renewal, the shattering and remaking of forms, and fidelity to the instant. The prose blends anecdote, mythic allusion and moral reflection to examine transience, creation, and the instability of identity, proposing continual reinvention of gods, art and self through ephemeral gestures and burned-away pasts.

— Das ist wahr, sagte sie, wir haben keinen gehabt; das wird uns Glück bringen.

— Nicht? Sie für uns vier, sagte eine andere.

— Wir fragen Madame um Erlaubnis, sagte die Dicke.

 

Und am nächsten Morgen, als Jeanie weiterging, hatte sie an jedem Finger ihrer linken Hand einen Ehering. Ihr Geliebter war weit fort; aber sie würde an sein Herz klopfen, um dort einzutreten, mit ihren fünf goldenen Ringen.

Die Auserwählte

Seitdem sie groß genug war, hatte Ilsée die Gewohnheit, jeden Morgen vor ihren Spiegel zu gehen, um zu sagen: »Guten Morgen, meine kleine Ilsée.« Dann spitzte sie die Lippen und küßte das kalte Glas. Das Bild schien von allein zu kommen. Es war in Wirklichkeit ganz fern. Und diese andere, bleichere Ilsée, die sich aus den Tiefen des Spiegels hob, war eine Gefangene des kühlen Mundes. Ilsée gab ihr ihr Mitleid, denn sie schien traurig und grausam. Ihr morgendliches Lachen war eine bleiche Morgenröte, noch gefärbt vom nächtlichen Grauen.

Und doch liebte Ilsée sie und sprach zu ihr: »Niemand sagt dir guten Morgen, arme kleine Ilsée. Da, küß mich. Wir wollen heute spazieren gehen, Ilsée. Mein Geliebter wird uns suchen. Komm.« Ilsée wandte sich, und die andere Ilsée flüchtete melancholisch in den leuchtenden Schatten.

Ilsée zeigte ihr ihre Puppen und ihre Kleider. »Spiel mit mir. Zieh dich an mit mir.« Auch die andere Ilsée zeigte eifersüchtig Ilsée bleichere Puppen und farblose Kleider. Sie sprach nicht und tat nichts als die Lippen bewegen, wenn Ilsée sprach.

Manchmal wurde Ilsée zornig wie ein Kind gegen die stumme Dame, und auch die wurde böse. »Schlimme, schlimme Ilsée!« rief sie, »wirst du mir antworten! willst du mich wohl umarmen!« Sie schlug den Spiegel mit der Hand. Eine fremde Hand, die an keinem Körper war, erschien vor der ihren. Niemals konnte Ilsée die andere Ilsée greifen und halten.

Sie verzieh ihr des Nachts; und glücklich sie wiederzufinden, sprang sie aus dem Bett, um sie zu küssen und flüsterte: »Guten Morgen, meine kleine Ilsée.«

Als Ilsée einen wirklichen Bräutigam hatte, führte sie ihn vor ihren Spiegel und sagte zur andern Ilsée: »Schau dir meinen Geliebten an, aber schau ihn nicht zu viel an. Er gehört mir, aber ich will dich ihn gern sehen lassen. Wenn wir verheiratet sind, dann darf er dich mit mir küssen, jeden Morgen.« Ihr Bräutigam mußte lachen. Ilsée im Spiegel lachte auch. »Nicht wahr, er ist schön, und ich liebe ihn«, sagte Ilsée. »Ja, ja«, antwortete die andere Ilsée. »Wenn du mir ihn zu viel ansiehst, küß ich dich nie mehr wieder«, sagte Ilsée. »Ich bin so eifersüchtig wie du, weißt du! Auf Wiedersehn, meine kleine Ilsée.«

 

Je mehr Ilsée die Liebe erfuhr, um so trauriger wurde Ilsée im Spiegel. Denn ihre Freundin kam nicht mehr des Morgens, sie zu küssen. Sie hatte sie ganz vergessen. Dafür kam nach der Nacht das Bild ihres Verlobten zu Ilsées Morgenerwachen. Und tagsüber sah Ilsée nicht mehr die Dame im Spiegel, doch ihr Geliebter schaute sie an. »Oh!« sagte Ilsée, »du denkst nicht mehr an mich, du Böser. Es ist die andere, die du ansiehst. Aber sie ist gefangen; sie wird nie kommen. Sie ist eifersüchtig auf dich; aber ich bin eifersüchtiger als sie. Sieh sie nicht an, Geliebter, sieh mich an. Böse Ilsée im Spiegel, ich verbiete dir, meinem Bräutigam zu antworten. Du kannst nicht kommen; du wirst niemals kommen können. Nimm ihn mir nicht, böse Ilsée. Nachher, wenn wir verheiratet sind, darf er dich mit mir küssen. Lach doch, Ilsée! Du wirst mit uns sein.«

 

Sie wurde eifersüchtig auf die andere Ilsée. Wenn der Tag verging, ohne daß der Geliebte gekommen war, rief Ilsée: »Du jagst ihn fort, du jagst ihn fort mit deinem bösen Gesicht. Geh weg, du Böse, laß uns«

Und Ilsée verbarg ihren Spiegel hinter einem weißen und feinen Linnen. Und hob ein Endchen davon auf, um den letzten kleinen Nagel durchzuschlagen. »Adieu, Ilsée«, sagte sie.

Doch ihr Bräutigam blieb müde wie zuvor. ›Er liebt mich nicht mehr‹, dachte Ilsée, ›er kommt nicht mehr, ich bleib allein, allein. Wo ist die andere Ilsée? Ist sie mit ihm fortgegangen!‹ Und mit ihrer kleinen goldenen Schere schnitt sie ein Stückchen aus dem Linnen und schaute. Über dem Spiegel lag ein weißer Schatten. ›Sie ist fort‹, dachte Ilsée.

 

»Man muß Geduld haben«, sagte sich Ilsée. »Die andere Ilsée wird eifersüchtig und traurig sein. Mein Geliebter wird wiederkommen. Ich werde ihn erwarten.«

Jeden Morgen kam es ihr vor, als sähe sie ihn auf dem Kopfkissen, ganz nah ihrem Gesicht, und sie murmelte im Halbschlaf: »Oh, Geliebter, bist du nun zurückgekommen? Guten Morgen. Guten Morgen, mein kleiner Liebling.« Und sie streckte die Hand aus und berührte das kühle Laken.

— ›Man muß ganz viel Geduld haben‹, dachte Ilsée noch.

 

Lange wartete Ilsée auf ihren Bräutigam. Ihre Geduld floß in Tränen. Und ihre Augen blieben feucht, und verwirrte Linien zogen über ihre Wangen. Ihr ganzer Leib beugte sich. Jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr drückte mit schwererem Finger ein Mal auf sie.

— »Oh! mein Geliebter«, sagte Ilsée, »ich muß an dir zweifeln.« Sie schnitt das weiße Linnen vom Spiegel, und in dem bleichen Rahmen war das Glas ganz voll von dunklen Flecken. Feine Runzeln zogen über den Spiegel, und dort, wo sich das Metall vom Glas gelöst hatte, sah man dunkle Teiche.

Die andere Ilsée kam aus der Tiefe des Spiegels, schwarz gekleidet wie Ilsée, und das Gesicht abgemagert und gezeichnet von den sonderbaren Zeichen des Glases. Und der Spiegel schien geweint zu haben.

— »Du bist traurig, wie ich«, sagte Ilsée.

Die Dame im Spiegel weinte. Ilsée küßte sie und sagte: »Gute Nacht, meine arme Ilsée.«

Und als Ilsée, die Lampe in der Hand, in ihr Zimmer trat, stand sie voll Staunen: denn die andere Ilsée kam, eine Lampe in der Hand, auf sie zu mit traurigen Augen. Ilsée hob die Lampe über ihren Kopf und setzte sich auf das Bett. Und die andere Ilsée hob die Lampe über den Kopf und setzte sich neben sie.

— Ich versteh es wohl, dachte Ilsée. Die Dame des Spiegels hat sich befreit. Sie ist gekommen, mich zu holen. Ich werde sterben.

Die Träumerin

Nach dem Tode ihrer Eltern blieb Marjolaine in dem kleinen Häuschen mit ihrer alten Amme. Sie hatten ihr ein gebräuntes Strohdach und das Gemäuer einer mächtigen Esse hinterlassen. Denn Marjolaines Vater war Erzähler und Bildner von Träumen. Ein Freund seiner schönen Gedanken gab ihm seine Erde zum Bilden, ein bißchen Geld zum Träumen. Lange hatte er vielerlei Sorten Ton mit dem Staub von Metallen gemischt, um ein köstliches Email daraus zu brennen. Er hatte versucht, wunderbare Gläser zu blasen, die er dann mit Gold überzog. Er machte aus Kernen und Steinen eine harte Masse, und die erkaltete Bronze irisierte, wie das Wasser der Sümpfe. Doch blieben von ihm nur zwei oder drei geschwärzte Tiegel erhalten, einige abgescheuerte ganz von Schlacken verbeulte Erzplatten und sieben große farbblasse Krüge über dem Herd. Und von Marjolaines Mutter, einem frommen Landmädchen, war nichts geblieben: denn sie hatte für den ›Töpfer‹ sogar ihren silbernen Rosenkranz verkauft.

Marjolaine wuchs neben ihrem Vater heran, der eine grüne Schürze trug, dessen Hände immer erdbeschmutzt und dessen Augen rot vom Feuer waren. Sie bewunderte die sieben Krüge, die ganz verraucht oben auf der Esse standen und voller Geheimnisse waren. An einen hohlen und wellenförmigen Regenbogen mußte man denken. Morgana hatte dem blutroten Kruge einen ölgesalbten Räuber entsteigen lassen, mit einem von Damascenerblumen ganz bedeckten Säbel. In dem orangefarbenen Kruge konnte man wie Aladin Früchte aus Rubin finden, Pflaumen aus Amethyst, Kirschen aus Granaten, Quitten aus Topas, opalne Trauben und Beeren aus Diamanten. Der gelbe Krug war voll gefüllt mit Goldstaub, den Camaralzaman unter den Oliven versteckt hatte. Man sah noch ein bißchen eine Olive unter dem Deckel, und der Rand des Gefäßes leuchtete; Der grüne Krug mußte mit einem großen Kupfersiegel mit dem Zeichen des Königs Salomo verschlossen werden. Das Alter hatte eine Decke aus Grünspan darauf gemalt; denn der Krug bewohnte ehemals den Ozean, und er enthielt seit vielen tausend Jahren einen Geist, der ein Prinz war. Ein ganz junges reines Mädchen allein vermöchte mit der Erlaubnis des Königs Salomo, der den Alraunen die Stimme gegeben hat, bei Vollmond den Zauber zu lösen. In den hellblauen Krug hatte Giauharé alle seine Wasserkleider geschlossen, die aus Algen gewebt, mit Gemmen aus Aquamarin bestickt und gefärbt waren mit dem Purpur der Muscheln. Der ganze Himmel des irdischen Paradieses und die reichen Früchte des Baumes und die brennenden Schuppen der Schlange und das flammende Schwert des Engels waren in dem dunkelblauen Kruge, und er glich der ungeheuren azurnen Kuppel einer australischen Blume. Und die geheimnisvolle Lilith hatte den ganzen Himmel des himmlischen Paradieses in den letzten Krug gegossen: so stand er violett und starr wie die Mütze des Bischofs.

Die von diesen Dingen nichts wußten, die sahen nichts als sieben farblose alte Krüge auf dem bauchigen Dache der Esse. Aber Marjolaine wußte die Wahrheit aus den Erzählungen ihres Vaters. Am winterlichen Feuer, im wechselnden Schatten von Flamme und Kerzenlicht, folgte sie mit den Augen dem Raunen der Wunder, bis zur Stunde da sie schlafen ging.

Da der Backtrog kaum leer war, mit der Salzbüchse in der Hand, bat die Amme Marjolaine: »Verheirate dich, mein Kindchen: deine Mutter dachte an Jean; willst du nicht Jean heiraten? Meine Jolaine, meine Jolaine, was wirst du eine hübsche Frau geben!«

— Die Frau der Marjolaine hat Ritter gehabt, sagte die Träumende; ich bekomme einen Prinzen.

— »Prinzessin Marjolaine«, sagte die Amme, »heirate Jean, und du machst ihn zum Prinzen.«

— »Ach nein«, sagte die Träumende; »ich will lieber spinnen. Ich bewahre meine Diamanten und meine Kleider für einen viel Schöneren. Kauf Hanf und eine glatte Spindel. Wir werden bald unsern Palast haben. Jetzt ist er in einer schwarzen afrikanischen Wüste. Und ein Zauberer wohnt darin, bedeckt von Blut und Giften. Er mischt in den Wein der Wanderer ein braunes Pulver, das sie in zottige Tiere verwandelt. Flackernde Fackeln leuchten in dem Palast, und die Neger, die das Mahl auftragen, haben goldene Kronen. Mein Prinz wird den Zauberer töten, und der Palast kommt in unser Land, und du wiegst mein Kind.«

— »O Marjolaine, heirate Jean!« sagte die alte Amme.

Marjolaine setzte sich hin und spann. Geduldig zog sie die Spindel und drehte den Faden. Und der Rocken wurde klein und schwoll wieder an. Neben ihr saß Jean und sah sie voll Anbetung an. Aber sie achtete gar nicht auf ihn. Denn die sieben Krüge auf dem Sims der großen Esse waren voller Träume. Tagsüber glaubte sie, sie seufzen oder singen zu hören. Wenn sie im Spinnen einhielt, zitterte der Rocken nicht mehr um der Krüge willen, und die Spindel hörte um ihretwillen auf zu sausen.

— »O Marjolaine, heirate Jean«, sagte ihr die alte Amme jeden Abend.

Aber um Mitternacht erhob sich die Träumende. Wie Morgane warf sie Sandkörner an die Krüge, um die Geheimnisse zu erwecken. Und doch schlief der Räuber weiter; die kostbaren Früchte erklangen nicht, und sie hörte nicht den Goldstaub rieseln, noch die Stoffe der Kleider rauschen, und Salomonis Siegel lag schwer auf dem eingeschlossenen Prinzen.

Eines ums andere warf Marjolaine ihre Sandkörner. Siebenmal schlugen sie auf die harte Erde der Krüge; und siebenmal wieder war es still.

— »Marjolaine, heirate Jean«, sagte ihr jeden Morgen die alte Amme.

 

Da zog Marjolaine die Brauen zusammen, wenn sie Jean sah, und Jean kam nicht mehr; Und an einem frühen Morgen fand man die alte Amme tot mit einem Lächeln um den Lippen. Und Marjolaine tat ein schwarzes Kleid an und eine dunkle Haube und spann weiter.

Jede Nacht stand sie auf und warf wie Morgane Sandkörner an die Krüge, um die Geheimnisse zu erwecken. Und die Träume schliefen immer.

 

Marjolaine wurde alt in ihrem geduldigen Warten. Aber der unter dem Siegel Salomonis gefangene Prinz war gewiß noch immer jung und lebte er auch schon tausend Jahre und mehr. Und eines Nachts, da Vollmond war, stand die Träumende auf wie eine Mörderin und nahm einen Hammer. In wilder Wut zerschlug sie sechs Krüge und der Angstschweiß rann von ihrer Stirne. Die Krüge zerbrachen: sie waren leer.

Sie zauderte vor dem Kruge, in den Lilith das violette Paradies gegossen hatte; dann ermordete sie ihn wie die anderen. Und in den Scherben lag eine trockene graue Jerichorose. Als Marjolaine sie zum Blühen bringen wollte, zerfiel sie in Staub.

Die Erhörte

Cice zog die Knie an in ihrem kleinen Bett und legte das Ohr an die Wand. Das Fenster war bleich. Die Mauer zitterte und schien mit ganz leisem Atmen zu schlafen. Der kleine weiße Unterrock blähte sich über dem Stuhl, von dem zwei Strümpfe herabhingen, wie schwarze weiche und leere Beine. Ein Kleid hob sich geheimnisvoll an die Wand, wie wenn es zur Decke hinaufklettern wollte. Die Dielen des Fußbodens knackten leise in der Nacht. Der Wasserkrug glich einer weißen Kröte, die im Becken hockt und das Dunkel schlürft.

— Ich bin zu unglücklich, sagte Cice. Und sie fing an zu weinen. Die Mauer seufzte stärker; die beiden schwarzen Beine blieben regungslos, und das Kleid hörte zu klettern auf, und die zusammengekauerte weiße Kröte schloß nicht ihr feuchtes Maul.

Cice sprach weiter:

— Alle sind sie gegen mich, und alle lieben hier nur meine Schwestern, und man hat mich während des Abendessens zu Bett geschickt, darum will ich fort, ja, ich will weit fort. Ich bin ein Aschenbrödel, ja, ein Aschenbrödel bin ich. Aber ich will es ihnen schon zeigen. Ich bekomme einen Prinzen, und sie bekommen niemand, gar niemand. Und dann komm ich in meinem schönen Wagen, und mein Prinz neben mir; ja, das mach ich. Wenn sie bis dahin gut sind, verzeih ich ihnen. Armes Aschenbrödel, ihr werdet schon sehen, daß sie besser ist als ihr, wartet nur!

Ihr kleines Herz wurde ganz groß, während sie ihre Strümpfe anzog und ihren Unterrock band. Der leere Stuhl stand verlassen mitten im Zimmer.

Cice stieg leise hinunter in die Küche und kniete sich weinend am Herd hin, die Hände in der Asche.

Ein Geräusch wie das eines Spinnrades ließ sie sich umwenden. Ein weicher haariger Körper rieb ihre Knie.

— Ich habe keine Patin, sagte Cice, aber ich habe meine Katze. Nicht wahr?

Sie hielt ihre Finger hin, und die Katze leckte sie langsam wie mit einer kleinen warmen Raspel.

— Komm, sagte Cice.

Sie stieß die Tür in den Garten auf, und die frische Luft schlug ihr ins Gesicht. Ein dunkler grünlicher Fleck war der Rasen; der große Ahorn zitterte, und die Sterne hingen in den Zweigen. Der Gemüsegarten jenseits der Bäume war ganz deutlich, und die Melonen leuchteten wie helle Glocken.

Cice riß lange Gräser aus, die sie ganz fein kitzelten. Sie lief zwischen den Melonen hin, wo kleine Schimmer flackerten. — Ich habe keine Patin: Kannst du einen Wagen machen, Katze?

Das kleine Tier gähnte gegen den Himmel, an dem sich graue Wolken jagten.

— Ich habe auch noch keinen Prinzen, sagte Cice. Wann kommt er?

Sie setzte sich neben eine dicke veilchenblaue Distel und schaute auf den Zaun des Gemüsegartens. Dann zog sie einen ihrer kleinen Schuhe aus und warf ihn mit aller Kraft über die Johannisbeersträucher. Der Schuh fiel hinaus auf die Landstraße. Cice streichelte die Katze:

— Hör zu, Katze. Wenn mir der Prinz meinen Schuh nicht bringt, dann kauf ich dir Stiefel, und wir ziehen aus, ihn zu finden. Es ist ein sehr schöner junger Mann. Er hat ein grünes Kleid an mit Diamanten. Er liebt mich sehr, aber er hat mich nie gesehen. Du wirst schon nicht eifersüchtig sein. Weißt du, wir bleiben zusammen, wir drei. Und ich werde viel glücklicher sein als Aschenbrödel, denn ich war viel unglücklicher. Aschenbrödel ging jeden Abend auf den Ball, und sie bekam sehr schöne Kleider. Ich, ich habe nur dich, meine geliebte Katze.

Sie küßte sie auf ihre feuchte Maroquinnase. Die Katze miaute leise und rieb sich mit einer Pfote das Ohr. Dann leckte sie sich und schnurrte.

Cice pflückte grüne Johannisbeeren.

— Eine für mich, eine für meinen Prinzen, eine für dich. Eine für meinen Prinzen, eine für dich, eine für mich. Eine für dich, eine für mich, eine für meinen Prinzen. Siehst du, so werden wir leben. Wir teilen alles unter uns drei und haben keine bösen Schwestern.

 

Die grauen Wolken am Himmel hatten sich zusammengezogen. Ein bleiches blaues Band hob sich im Osten. Die Bäume badeten in einem fahlen Halbschatten. Plötzlich fuhr ein eiskalter Windstoß Cice an die Kleider. Alles fröstelte. Der violette Ahorn beugte sich zwei, dreimal. Die Katze machte einen Buckel und sträubte das Fell.

Cice hörte weit auf der Straße das knirschende Geräusch von Rädern.

Ein glanzloses Feuer lief über die wiegenden Wipfel und das Dach des kleinen Hauses entlang.

Das Geräusch der Räder kam näher. Man hörte Pferdewiehern und undeutliche Stimmen von Menschen.

— Horch, Katze, sagte Cice. Horch. Dort kommt ein großer Wagen! Das ist sein Wagen! Mein Prinz kommt! Schnell, schnell, er ruft mich!

Ein Schuh aus goldfarbnem Leder flog über die Johannisbeersträucher mitten unter die Melonen.

Cice lief an den Weidenzaun und öffnete.

Ein langer dunkler Wagen kam schwerfällig heran. Der Zweispitz des Kutschers leuchtete in einem roten Licht. Zwei schwarze Männer gingen an jeder Seite der Pferde. Der hintere Teil des Wagens war niedrig und länglich wie ein Sarg. Ein fader Geruch schwamm im Morgenwind.

Aber Cice verstand nichts von all dem. Sie sah nur eines: der wunderbare Wagen war da. Und der Kutscher des Prinzen hatte Gold im Haar. Der schwere Koffer war voll mit Brautgeschenken. Das schreckliche und herrische Parfüm umschloß sie wie ein Königsmantel.

Und Cice streckte die Arme weit aus und rief:

— Mein Prinz, nimm mich mit, nimm mich mit!

Die Gefühllose

Die Prinzessin Morgane liebte niemanden. Sie hatte eine kalte Keuschheit und lebte unter den Blumen und den Spiegeln. Sie heftete rote Rosen in ihr Haar und betrachtete sich. Sie sah kein junges Mädchen und keinen jungen Mann, denn in allen Blicken, die man ihr gab, sah sie nur sich. Und sie kannte nicht die Grausamkeit und nicht die Wollust. Ihre schwarzen Haare fielen um ihr Gesicht wie langsame Wellen. Es verlangte sie, sich selbst zu lieben: aber das Bild in den Spiegeln hatte eine stille und ferne Kälte, und das Bild in den Teichen war trüb und bleich, und das Bild in den Flüssen zitterte und zerfloß.

Die Prinzessin Morgane hatte in den Büchern die Geschichte vom Spiegel der Schnee-Weiße gelesen, der sprechen konnte und ihr ihre Ermordung verkündete, und die Geschichte vom Spiegel der Ilsée, aus dem eine andere Ilsée entstieg, die die Ilsée tötete, und das Abenteuer vom nächtlichen Spiegel der Stadt Milet, der es dahin brachte, daß sich die Milesierinnen beim Abendaufgang erdrosselten. Sie hatte das geheimnisvolle Bild gesehn, worauf der Bräutigam vor seiner Braut ein Schwert gezogen, weil sie selbst einander in der Dämmerung des Abends begegnet waren: denn die Doppelgänger verkünden den Tod. Aber Morgane fürchtete ihr Bild nicht, denn niemals war sie sich begegnet anders als rein und verschleiert, nicht grausam und wollüstig, sie selbst für sich selber. Und die glatten grüngoldnen Rahmen, die schweren quecksilbernen Tafeln zeigten Morgane nie die Morgane.

Die Priester ihres Landes waren Geomanten und Feueranbeter. Sie breiteten den Sand in dem viereckigen Kästchen aus und zogen die Linien; sie wahrsagten aus ihren ledernen Talismanen und machten den schwarzen Spiegel aus Wasser und Rauch. Und des Abends begab sich Morgane zu ihnen und warf drei Kuchen als Opfer ins Feuer. »Sieh«, sagte der Geomant; und er zeigte den schwarzflüssigen Spiegel. Morgane schaute hinein: und ein klarer Rauch zog über die Fläche, dann kreiste ein farbiger Ring, und nun hob sich ein Bild, das sich leise bewegte. Es war ein weißes Haus, wie ein Würfel, mit hohen Fenstern; und unter dem dritten Fenster hing ein großer erzener Ring. Und rings um das Haus war weit hin nichts als grauer Sand. »Das ist der Ort des wahrhaftigen Spiegels«, sprach der Geomant; »aber unsere Wissenschaft kann ihn weder halten noch erklären.«

Morgane beugte sich und warf drei andere Opferkuchen ins Feuer. Aber das Bild schwankte und wurde dunkel; das weiße Haus verging, und vergeblich schaute Morgane in den schwarzen Spiegel.

Und am folgenden Tage verlangte es Morgane zu reisen. Denn es schien ihr, als hätte sie den düsteren Sand wiedererkannt, und sie wandte sich gegen Westen. Ihr Vater gab ihr eine erlesene Karawane, Maultiere mit silbernen Glöckchen, und man trug Morgane in einer Sänfte, deren Wände waren aus kostbaren Spiegeln.

So zog sie durch Persien und besuchte die einsamen Herbergen, und jene, die an den Stadtgräben stehen und von den Wanderern als verrufene Häuser gemieden werden, wo nächtlich die Weiber singen und die Goldstücke rollen.

Und an den Grenzen des Perserreiches sah sie viele weiße kubische Häuser mit hohen Fenstern; aber der eherne Ring hing an keinem davon. Und man sagte ihr, der Ring wäre im christlichen Lande der Syrer, gegen Westen.

Und Morgane kam an den flachen Ufern des Stromes vorbei, der das Land der feuchten Ebene umgibt, wo dichte Süßholzwälder stehen. Es gab da Schlösser aus einem mächtigen Felsblock gehauen, der auf seiner Spitze stand; und die Frauen, die in der Sonne an der Heerstraße saßen, trugen Fransen um die Stirne gewunden, die waren aus roten Pferdeschweifen. Und es leben dort die, die große Herden von Pferden hüten und Lanzen mit silbernen Spitzen tragen.

Und weiter noch ist ein wildes Gebirge; da leben Räuber, die trinken Gerstenbranntwein zu Ehren ihrer Götter. Sie beten grüne, seltsam geformte Steine an und prostituieren sich einander im Kreise brennender Sträucher. Morgane faßte ein Grausen vor ihnen.

Und weiter noch ist eine unterirdische Stadt mit schwarzen Menschen, zu denen ihre Götter nur kommen, wenn sie schlafen. Sie essen die Fasern des Hanfes und bedecken ihr Gesicht mit zerriebener Kreide. Und die sich an dem Hanf berauschen, durchschneiden den Schlafenden den Hals und schicken sie so zu den nächtlichen Göttern. Morgane faßte ein Grausen vor ihnen.

Und weiter noch dehnte sich die graue Sandwüste, wo Pflanzen und Steine dem Sande gleichen. Und am Eingange in diese Wüste fand Morgane das Haus mit dem Ring.

Sie ließ ihre Sänfte halten, und die Treiber schirrten die Maultiere ab. Es war ein altes Haus und ohne Mörtel gebaut; und seine steinernen Quader waren sonngebleicht. Aber der Besitzer des Hauses konnte Morgane nichts vom Spiegel sagen: denn er kannte ihn nicht.

Und des Abends, nachdem man die dünnen Fladen gegessen hatte, erzählte der Wirt Morgane, daß dieses Haus vom Ringe in alten Zeiten von einer grausamen Königin bewohnt war. Und sie ist für ihre Grausamkeit bestraft worden. Sie hatte befohlen, daß man einen frommen Mann köpfe, der da einsam inmitten der Wüste wohnte und die Pilger mit guten Worten im Flusse baden hieß. Und gleich darauf kam die Königin um mit ihrem ganzen Stamm. Und das Zimmer, in dem sie gewohnt hatte, wurde vermauert. Der Wirt zeigte Morgane die steinverschlossene Tür.

Darauf legten sich alle im Haus zur Ruhe in den viereckigen Räumen und unter dem Wetterdach.

Aber gegen Mitternacht weckte Morgane ihre Leute und ließ sie die vermauerte Tür aufbrechen. Und sie stieg durch das Mauerloch, eine eiserne Fackel in der Hand.

Und die Leute der Prinzessin vernahmen einen Schrei und folgten Morgane. Da lag sie inmitten des vermauerten Zimmers auf den Knien vor einem kupfernen Becken, und das war voll Blut; und ihre Augen stierten in das Blut. Und der Hauswirt hob die Arme: denn das Blut im Becken war nicht eingetrocknet seit damals, als die grausame Königin ein abgeschlagenes Haupt hineinlegen ließ.

 

Niemand weiß, was die Prinzessin in dem Spiegel aus Blut sah. Aber auf dem Heimweg fand man jede Nacht einen ihres Gefolges ermordet, das graue Gesicht dem Himmel zugewandt; und jeder war zuvor in der Sänfte gewesen. Und man nannte diese Prinzessin Morgane die Rote und sie war eine berühmte Hure und eine furchtbare Männermörderin.

Die Geopferte

Lilly und Nan dienten auf einem Bauernhofe. Sie schleppten im Sommer das Wasser aus dem Ziehbrunnen den in dem reifen Korn kaum sichtbaren Pfad entlang; und im Winter, wenn es kalt war und die Eiszapfen an den Fenstern hingen, kroch Lilly zu Nan ins Bett. Ganz vergraben in den Decken horchten sie auf den heulenden Wind. Sie hatten immer blanke Geldstücke in ihren Taschen und feine Brusttücher mit kirschroten Bändern; und ganz gleich blond waren beide und lustig. Jeden Abend stellten sie in die Ecke des Flurs einen Zuber mit schönem frischem Wasser; und da fanden sie auch, so sagte man, wenn sie aus dem Bett sprangen, die Silbermünzen, die sie von einer Hand in die andere klingen ließen. Denn die ›Pixis‹ warfen es in den Zuber, nachdem sie darin gebadet hatten. Aber weder Nan noch Lilly, noch sonst wer hatte je die ›Pixis‹ gesehen, wenn sie wirklich diese kleinen bösartigen schwarzen Dinger mit dem beweglichen Schweif sind, von denen in den Märchen und Balladen steht.

Eines Nachts hatte Nan vergessen, Wasser heraufzuziehen; man war auch im Dezember, und die Brunnenkette war ganz mit Eis überzogen. Und wie sie schlief, die Hände auf Lillys Schultern, da wurde sie plötzlich in die Arme gezwickt und in die Waden und schrecklich an den Haaren gerissen. Weinend wachte sie auf: »Morgen werd ich ganz schwarz und blau sein!« Und sie sagte zu Lilly: »Drück mich, halt mich: ich habe den Zuber mit frischem Wasser vergessen; aber ich geh nicht aus dem Bett, allen ›Pixis‹ von Devonshire zum Trotz.« Da küßte sie die gute kleine Lilly, stand auf, zog Wasser aus dem Brunnen und stellte den vollen Zuber in die Ecke. Als sie wieder ins Bett kam, war Nan schon eingeschlafen.

Und in ihrem Schlafe hatte die kleine Lilly einen Traum. Es schien ihr, als käme eine Königin an ihr Bett, ganz in grünen Blättern und mit einer goldnen Krone auf dem Kopfe; und sie rührte sie an und sprach zu ihr. Sie sagte: »Ich bin die Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.« Und sie sagte noch: »Ich sitze in einer smaragdnen Wiese, und der Weg, der zu mir führt, ist dreifarben: gelb, blau und grün.« Und sie sagte: »Ich bin die Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.«

Darauf barg Lilly ihren Kopf in den schwarzen Kissen der Nacht, und sie sah nichts mehr. Aber am nächsten Morgen, als der Hahn krähte, war es Nan nicht möglich aufzustehen, und sie klagte und jammerte, denn ihre Beine waren ohne Gefühl, und sie konnte sie nicht rühren. Des Tags kamen die Ärzte, und nach langem Beraten entschieden sie, daß Nan gewiß immer so liegen werde und nie mehr wieder gehen könnte. Und die arme Nan schluchzte, denn nun würde sie nie einen Mann finden.

Lilly faßte ein großes Mitleiden. Wenn sie die Winteräpfel pflückte, die Mispeln in Reihen legte, die Milch butterte, die Molken durch ihre roten Finger drückte, immer mußte sie denken, wie man die arme Nan gesund machen könnte. Und den Traum hatte sie schon ganz vergessen, als eines Abends, da der Schnee in dichten Flocken fiel und man heißes Bier mit Brotschnitten trank, ein alter Balladenhändler an die Tür klopfte. Alle Mädchen des Hofes sprangen um den Alten herum, denn er hatte Handschuhe, Liebeslieder, Bänder, holländische Leinwand, Strumpfbänder und güldne Hauben.

— »Hier die traurige Geschichte«, sagte er, »von der Wucherersfrau, die zwölf Monate schwanger ging mit zwanzig Säcken Talern und ganz versessen darauf war, Vipernköpfe zu essen und Krötencarbonade.«

»Hier die Ballade von dem großen Fisch, der am vierzehnten Tage des April auf den Strand kommt, mehr als vierzig Brassen aus dem Wasser holt und fünf Tonnen ganz grün gewordene Eheringe ausspeit.«

»Hier das Lied von den drei schlechten Königstöchtern und von der einen, die ein Glas voll Blut auf den Bart ihres Vaters schüttet.«

»Und ich hatte auch noch die Abenteuer der Königin Mandosiane; aber ein Schuft von einem Windstoß hat mir auf der Straßenwende das letzte Blatt aus den Händen gerissen.«

Sogleich dachte Lilly an ihren Traum, und sie wußte, daß ihr die Königin Mandosiane sagen ließ zu kommen.

Und in derselbigen Nacht küßte Lilly Nan ganz leise, zog ihre neuen Schuhe an und machte sich auf den Weg. Aber da war der alte Balladenhändler verschwunden, und sein Blatt von der Königin Mandosiane war so weit weggeflogen, daß Lilly es nicht finden konnte; sie wußte nicht, wer Mandosiane war noch wo sie sie suchen sollte.

Und niemand konnte es ihr sagen, wie sie auch auf ihrem Wege die Leute auf den Feldern fragte, die von weitem standen, ihre Augen mit den Händen beschattend; auch die jungen schwangern Frauen wußten nichts, die müßig vor den Türen standen, und nichts die Kinder, denen sie die Zweige der Maulbeerbäume über die Zäune bog. Die einen sagten: »Es gibt keine Königinnen mehr«; die andern: »wir haben hier so etwas nicht; ja, früher in alten Zeiten«; und andere: »Mandosiane? Heißt so ein hübscher Bursch?« Und andere wieder, die schlecht waren, führten Lilly vor eines jener Häuser, die tagsüber geschlossen sind und sich des Nachts öffnen und erhellen, sagten und beteuerten, da drin wohne die Königin Mandosiane und trüge ein rotes Hemd und hätte nackte Frauen zu Dienerinnen.

Aber Lilly wußte ganz gut, daß die wirkliche Mandosiane grün und nicht rot gekleidet sei, und daß man auf einem dreifarbigen Weg zu ihr käme. So erkannte sie die Lüge der Schlechten. Und lange ging sie und weit. Ja, sie ging den ganzen Sommer ihres Lebens dahin im weißen Staub der Landstraße, in den Kotpfützen der Radspuren, begleitet von den Fuhrmannskarren und abends, wenn der Himmel sich rot färbte, von mächtig mit Garben beladenen Wagen, aus denen die blinkenden Sensen staken. Aber niemand konnte ihr etwas von der Königin Mandosiane sagen.

Daß sie den schwierigen Namen nicht vergäße, hatte sie drei Knoten in ihr Strumpfband gemacht. An einem Mittag, weit war sie schon seit dem Morgen gegangen, kam sie auf einen gelben gewundenen Weg, der führte an einem blauen Kanal lang. Und wo sich der Kanal mit der Straße traf, da war eine grüne Böschung.

Da begegnete ihr ein kleiner Junge mit absonderlich geschlitzten Augen, der zog eine schwere Barke den Kanal hinauf. Sie wollte ihn fragen, ob er die Königin gesehen, aber da ward sie mit Schrecken inne, daß sie den Namen vergessen hatte. Da klagte sie und weinte und betastete ihr Strumpfband — umsonst. Und sie schrie stärker, als sie sah, daß sie auf dem dreifarbnen Wege ginge, aus gelbem Staub, blauem Wasser und grüner Böschung. Und von neuem betastete sie die drei Knoten, die sie geknüpft hatte, und schluchzte. Und der kleine Junge, der sah, daß sie litt, und ihren Schmerz nicht verstand, brach vom Wegrand der gelben Straße ein armseliges Kraut und gab es ihr in die Hand.

— Die Mandosiane heilt, sagte er.

 

So fand Lilly ihre in Grün gekleidete Königin.

Vorsichtig drückte sie sie an sich und ging den weiten Weg zurück. Aber die Heimreise war noch langsamer als die andre, denn Lilly war müde. Es kam ihr vor, als sei sie seit Jahren unterwegs. Aber sie war voll Freuden, denn sie wußte, daß sie die arme Nan heilen könne.

Und sie zog über das Meer, wo die Wellen wie Berge waren. Endlich kam sie in Devonshire an und trug das Kraut zwischen Leib und Hemd. Und zuerst erkannte sie die Bäume nicht wieder; und das Vieh schien ihr verändert. Und in der großen Stube des Bauernhofes sah sie ein altes Weib inmitten von Kindern. Und sie lief hin und fragte nach Nan. Die Alte betrachtete Lilly voll Staunen und sagte:

— Aber Nan ist ja seit langem fort und verheiratet.

— Und geheilt? fragte Lilly voll Freude.

— Geheilt, nun, natürlich, sagte die Alte.

— Und du, bist du nicht Lilly?

— Ja, sagte Lilly; aber sag, wie alt mag ich wohl sein?

— Fünfzig, nicht wahr, Großmutter, riefen die Kinder; sie ist nicht ganz so alt wie du.

Und wie Lilly müde lächelte, da betäubte sie der starke Duft der Mandosiane, und sie starb in der Sonne. So ging Lilly die Königin Mandosiane holen und wurde von ihr hinweggenommen.

Monelle

Von ihrer Erscheinung

Ich weiß nicht, wie ich durch einen dunklen Regen zu diesem merkwürdigen Laden kam, der in der Nacht vor mir auftauchte. Ich weiß die Stadt nicht und nicht das Jahr; weiß nur, daß es eine Zeit war, da es viel regnete, viel regnete.

Verbürgt ist, daß in dieser selben Zeit die Menschen auf den Straßen kleine herumstreifende Kinder fanden, die nicht wachsen wollten. Mädchen von sieben Jahren beteten auf den Knien darum, daß sie nicht älter würden, und die Pubertät schon sah totgetroffen aus. Es gab da fahlweiße Prozessionen unter dem bleichen Himmel, und kleine Schatten, die kaum sprechen konnten, mahnten das Volk der Kinder. Nichts sonst begehrten sie als eine ewige Unwissenheit. Sie verlangten, sich immerwährenden Spielen zu weihen. Sie verzweifelten an der Arbeit des Lebens. Alles war für sie nichts sonst als Vergangenes.

In diesen trüben trostlosen Tagen, in dieser Zeit endlosen Regens gewahrte ich die fadendünnen Lichter der kleinen Lampenverkäuferin.

Ich trat unter das Schutzdach ihres Ladens, und der Regen lief mir in den Nacken, als ich den Kopf beugte.

Und ich sprach zu ihr:

— Was verkaufst du da, kleine Händlerin, in dieser traurigen Zeit des Regens?

— Lampen, gab sie die Antwort, nur brennende Lampen.

— Und was bedeuten denn in Wahrheit diese brennenden Lampen, die so groß sind wie ein kleiner Finger und mit einem Licht brennen, das nicht größer ist als der Kopf einer Stecknadel?

— Das sind die Lampen dieser finsteren Zeit. Ehemals waren es Puppenlampen. Aber die Kinder wollen nicht mehr groß werden. Und so verkaufe ich ihnen diese kleinen Lampen, die kaum durch den dunklen Regen leuchten.

— Und davon lebst du also, kleine schwarzgekleidete Verkäuferin, und ernährst dich von dem Geld, das dir die Kinder für deine Lampen bezahlen?

— Ja, sagte sie einfach. Aber ich verdiene recht wenig. Denn der böse Regen verlöscht oft meine kleinen Lampen, gerade wenn ich sie hinreichen will. Und wenn sie erloschen sind, dann wollen sie die Kinder nicht mehr. Niemand kann sie wieder anzünden. Es bleiben mir nur noch diese da. Ich weiß, ich kann keine andern mehr finden. Und wenn die letzten verkauft sind, dann werden wir im Dunkel des Regens bleiben.

— So ist es also das einzige Licht in dieser trüben Zeit? Und wie erhellt man denn mit einer so kleinen Lampe die feuchten Dunkelheiten?

— Der Regen verlöscht sie oft, sagte sie, und auf den Feldern und Straßen nützen sie dann nicht mehr. Man muß sich damit einschließen. Die Kinder schützen meine kleinen Lampen mit ihren Händen und schließen sich ein. Jedes schließt sich ein mit seiner Lampe und einem Spiegel. Und sie genügt, um ihnen im Spiegel ihr Bild zu zeigen.

Ich sah eine Weile auf die armseligen flackernden Flämmchen.

— Ach, kleine Händlerin, das ist ein trauriges Licht, und die Bilder im Spiegel müssen traurige Bilder sein.

— Sie sind nicht so sehr traurig, sagte das schwarzgekleidete Kind und senkte den Kopf, — solange sie nicht wachsen. Aber die kleinen Lampen dauern nicht ewig. Ihre Flamme nimmt ab, als ob sie sich über den dunklen Regen grämte. Und wenn meine kleinen Lampen verlöschen, dann sehen die Kinder nicht mehr den Glanz des Spiegels und verzweifeln. Denn sie fürchten den Augenblick zu versäumen, da sie zu wachsen beginnen. Das ist es, weshalb sie zitternd in die Nacht fliehen. Aber ich darf jedem Kind nur eine Lampe verkaufen. Versuchen sie eine zweite zu kaufen, verlöscht sie in ihren Händen.

Ich neigte mich ein wenig zu der kleinen Händlerin und wollte eine ihrer Lampen nehmen.

— Oh! nicht anrühren! rief sie. Ihr seid über das Alter, für das meine Lampen brennen. Sie sind nur für die Puppen und die Kinder. Habt Ihr keine Lampe für große Leute bei Euch?

— Leider sind es in dieser Zeit des dunklen Regens, in dieser vergessnen trüben Zeit, nur noch deine Kinderlampen, die leuchten. Und auch mich verlangt es, noch einmal den Glanz des Spiegels zu sehen.

— Komm, sagte sie, wir schauen zusammen.

Über eine kleine wurmstichige Treppe führte sie mich in ein bretterverschlagenes Zimmer, da leuchtete ein Spiegel von der Wand.

— Still, sagte sie, und ich laß Euch schauen. Denn meine eigene Lampe ist klarer und leuchtender als die anderen; und so bin ich nicht zu arm in dieser regenvollen Dunkelheit. Und sie hob ihre kleine Lampe gegen den Spiegel.

Da war ein klarer Glanz, und ich sah bekannte Geschichten kommen und gehen. Aber die kleine Lampe log, log, log. Ich sah die Flaumfeder sich auf Cordelias Lippen bewegen; und sie lächelte und wurde gesund; und lebte mit ihrem alten Vater in einem großen Käfig, wie ein Vogel, und küßte seinen weißen Bart. Ich sah Ophelia am Schilf des Wassers und wie sie die feuchten veilchenumwundenen Arme um Hamlets Nacken legte. Ich sah Desdemona wiedererwacht unter den Weiden wandeln. Ich sah die Prinzessin Maleine, sie nahm ihre beiden Hände weg von den Augen des alten Königs, und sah sie lachen und tanzen. Ich sah die befreite Melisande sich im Brunnen spiegeln.

Und ich rief aus: Kleine lügnerische Lampe . . .

— Still, sagte die kleine Händlerin und legte mir die Hand auf die Lippen. Man darf nichts sagen. Ist der Regen nicht dunkel genug?

 

Da senkte ich den Kopf und ging durch die Regennacht in die unbekannte Stadt.

Von ihrem Leben

Ich weiß nicht, wo mich Monelle bei der Hand nahm. Aber ich meine, es war an einem Herbstabend, wenn der Regen schon kalt ist.

— Komm mit uns spielen, sagte sie.

Monelle trug alte Puppen in ihrer Schürze und Federbälle mit zerdrückten Federn und trübverblaßten Borten.

Ihr Gesicht war bleich, und ihre Augen lachten.

— Komm spielen, sagte sie. Wir arbeiten nicht mehr, wir spielen.

Windig war es und die Straßen voll Schlamm. Das Pflaster glänzte. Von den Vordächern der Läden tropfte das Wasser. Mädchen standen fröstelnd in den Eingängen der Krämerläden. Die Kerzen brannten rot.

Aber Monelle zog aus der Tasche einen bleiernen Würfel, einen Säbel aus Blech und einen Gummiball.

— Das alles ist für sie, sagte sie. Ich gehe aus und mache die Einkäufe.

— Und was für ein Haus hast du denn, und was für Arbeit und was für Geld, Kleine . . .

— Monelle, sagte das Mädchen und drückte mir die Hand. Sie nennen mich Monelle. Unser Haus ist ein Haus, wo man spielt: wir haben die Arbeit davongejagt, und die Pfennige, die wir noch haben, die gab man uns für Kuchen.

Jeden Tag geh ich Kinder auf der Straße suchen, erzähle ihnen von unserem Haus und nehme sie mit. Und wir verstecken uns gut, daß man uns nicht findet. Die großen Leute wollen uns heim haben und nehmen uns, was wir haben. Und wir, wir wollen beisammen bleiben und spielen.

— Und was spielt ihr denn, kleine Monelle?

— Wir spielen alles. Die Großen, die machen sich Flinten und Pistolen; die andern spielen Federball oder Reif oder Seilspringen; andere tanzen Ringelreihen und nehmen sich bei den Händen; andere zeichnen auf die Scheiben schöne Bilder, die man niemals sieht, oder blasen Seifenkugeln; und andere ziehen ihre Puppen an und führen sie spazieren, und wir zählen an den Fingern der ganz Kleinen und machen sie lachen.

 

Das Haus, in das mich Monelle führte, schien zugemauerte Fenster zu haben. Es war von der Straße abgewandt, und all sein Licht kam aus einem tiefen Garten. Schon hier hörte ich glückliche Stimmen.

Drei Kinder sprangen auf uns zu.

— Monelle, Monelle! riefen sie, Monelle ist zurück!

Und sie sahen mich an und sagten leise:

— Wie ist der groß! wird er mit uns spielen, Monelle?

Und das Mädchen sagte zu ihnen:

— Bald werden auch die großen Leute mit uns kommen. Sie werden zu den kleinen Kindern gehen. Sie werden spielen lernen. Wir werden ihnen die Schule halten, und in unserer Schule wird man nie arbeiten. Habt ihr Hunger?

Stimmen riefen:

— Ja, ja, ja. Es ist Zeit für die Puppenmahlzeit.

Da wurden kleine runde Tische gebracht und Servietten groß wie Veilchenblätter, und Gläser so tief wie Fingerhüte und Teller wie Nußschalen. Das Mahl bestand aus Schokolade und Zuckerkrümchen; und der Wein konnte nicht in die Gläser fließen, denn die kleinen fingerlangen weißen Fläschchen hatten einen zu dünnen Hals.

Es war ein alter und hoher Saal. Überall brannten kleine rote und grüne Kerzen in ganz winzigen Zinnleuchtern. Die kleinen runden Spiegel an den Wänden sahen aus wie silberne Taler. Man unterschied die Puppen unter den Kindern nur an ihrer Unbeweglichkeit. Denn sie blieben in ihren Stühlen oder kämmten, die Arme hoch, vor kleinen Toilettetischen ihr Haar oder schliefen bereits, zugedeckt bis ans Kinn, in ihren kleinen Messingbetten. Und der Boden war mit dem feinen grünen Moos bestreut, in das man die hölzernen Schafe der Spielwarenschachteln packt.

Das Haus schien ein Gefängnis oder ein Spital zu sein. Aber ein Gefängnis, in das man Unschuldige sperrte, um sie vor Leid zu bewahren, ein Spital, wo man von der Arbeit des Lebens heilte. Und Monelle war die Wärterin und die Krankenschwester.

 

Die kleine Monelle sah den spielenden Kindern zu. Aber sie war sehr bleich. Vielleicht hatte sie Hunger.

— Wovon lebst du, Monelle? fragte ich.

Und sie antwortete einfach:

— Wir leben von nichts. Wir wissen es nicht.

Und dabei mußte sie lachen. Aber sie war sehr schwach.

Und sie ließ sich am Bettende eines Kindes nieder, das krank lag. Sie reichte ihm eines der kleinen weißen Fläschchen, und blieb lang vornübergebeugt und mit offnen Lippen.

 

Es gab da Kinder, die tanzten einen Reigen und sangen mit klaren Stimmen. Monelle hob ein bißchen die Hand und sagte:

— Still!

Dann sprach sie leise, mit ihren kleinen Worten.

— Ich glaube, ich bin krank. Geht nicht weg von mir. Spielt da bei mir. Morgen sucht euch eine andre schöne Spielsachen. Ich bleib zu Hause bei euch. Wir wollen lustig sein und keinen Lärm machen. Und später, da werden wir auf den Straßen und auf den Feldern spielen und man wird uns in allen Läden zu essen geben. Jetzt, jetzt würde man uns zwingen, wie die andern zu leben. So müssen wir warten. Wir werden viel gespielt haben.

Monelle sagte noch:

— Habt mich lieb. Ich liebe euch alle.

Dann schien sie neben dem kranken Kind einzuschlafen.

Alle Kinder sahen auf sie hin, mit vorgestrecktem Kopf.

Da war eine kleine zitternde Stimme, die sagte ganz schüchtern: »Monelle ist gestorben.« Und dann war eine große Stille.

 

Die Kinder brachten die kleinen brennenden Kerzen um das Bett. Und da sie dachten, daß sie vielleicht schliefe, so stellten sie vor ihr, wie vor einer Puppe, hellgrüne geschnitzte Bäumchen auf und stellten dazwischen Schäfchen aus weißem Holz, damit sie sie anschaue. Dann setzten sich alle Kinder hin und warteten. Nach einer Weile fing das kranke Kind zu weinen an, da es Monelles Wange kalt werden fühlte.

Von ihrer Flucht

Da war ein Kind, das mit Monelle zu spielen gewohnt war. Das war in der alten Zeit, da Monelle noch nicht fortgegangen war. Jede Stunde des Tages war es bei ihr und sah ihr in die zitternden Augen. Sie lachte ohne Grund, und das Kind lachte ohne Grund. Wenn sie schlief, formten ihre halboffnen Lippen gütige Worte. Wenn sie erwachte, lachte sie für sich, denn sie wußte, das Kind würde sie gleich suchen kommen.

Es war kein wirkliches Spiel, das man spielte: denn Monelle mußte arbeiten. So klein wie sie war, saß sie den ganzen Tag hinter einem alten blinden Fenster. Die Mauer gegenüber war blind von Zement unter dem traurigen Licht des Nordens. Und die kleinen Finger der Monelle liefen über die Leinwand, als gingen sie auf einer Landstraße von weißem Tuch, und die auf die Knie festgesteckten Nadeln bezeichneten die Meilensteine. Die rechte Hand war geballt, sah aus wie ein kleiner Wagen aus Fleisch und ließ hinter sich im Vorwärtsgehen eine gesäumte Furche; und knirschend, knirschend bohrte die Nadel ihre stählerne Zunge, verschwand und tauchte auf und zog den langen Faden in der goldnen Öse. Und die linke Hand war gut anzusehen, denn sie streichelte sanft die frische Leinwand, glättete alle ihre Falten, als ob sie schweigend die frischen Linnen eines Kranken glattstriche.

So sah das Kind Monelle zu und freute sich wortlos, denn diese Arbeit sah aus wie ein Spiel, und Monelle sagte ihm einfache Dinge, die nicht viel Sinn hatten. Sie lachte zu Sonne und lachte zu Regen und lachte zu Schnee. Sie liebte es, erhitzt zu sein und naß und zu frieren. Hatte sie Geld, so lachte sie, dachte, daß sie in einem neuen Kleid zum Tanze ginge. Hatte sie nichts, so lachte sie, dachte, daß sie Bohnen essen würde eine Woche lang. Hatte sie ein paar Pfennige, so träumte sie von andern Kindern, die sie damit lachen machen würde; und mit leeren Händen hoffte sie, sich in ihrem Hunger und ihrer Armut vergraben und verstecken zu können.

Immer waren Kinder um sie, die sie mit großen Augen ansahen. Aber sie hatte vielleicht das Kind am liebsten, das die Stunden des Tags bei ihr war. Und doch ging sie fort und ließ es allein. Nie sprach sie zu dem Kinde von ihrem Fortgehen, aber sie wurde ernster und sah es länger an. Und das Kind erinnert sich auch noch, daß Monelle aufhörte zu lieben, was sie umgab: ihren kleinen Lehnstuhl, die bemalten Tiere, die man ihr schenkte, und all ihr Spielzeug und allen Putz. Und sie träumte mit dem Finger auf dem Mund von anderen Dingen.

An einem Dezemberabend ging sie fort, als das Kind gerade nicht da war. In der Hand die kleine zuckende Lampe trat sie, ohne sich umzuwenden in die Finsternis. Als das Kind kam, sah es noch am dunklen Ende der geraden Straße eine kleine verhauchende Flamme. Das war alles. Monelle sah es niemals wieder.

 

Lange fragte es sich, weshalb sie so ohne ein Wort fortgegangen war. Es dachte, daß sie nicht traurig sein wollte von seiner Traurigkeit. Und es tröstete sich, daß sie wohl zu andern Kindern gegangen sei, die sie brauchten. Mit ihrer kleinen ersterbenden Lampe ist sie ihnen Hilfe bringen gegangen, die Hilfe eines lachenden Feuerfunkens in der Nacht. Vielleicht hat sie gedacht, daß man dieses eine Kind nicht allzusehr lieben solle, damit man auch noch die andern fremden Kleinen lieben könne. Die Nadel mit ihrem goldenen Öhr hatte das kleine Wägelchen der Hand vielleicht bis ans Ziel geführt, bis ans letzte Ziel der gesäumten Furche, und Monelle ist nun müde geworden vom rauhen Weg des Linnens, auf dem ihre Hände gingen. Sie hat wohl sicher ewig spielen wollen. Und das Kind wußte nicht die Kunst des ewigwährenden Spieles. Vielleicht hatte es sie darnach verlangt, zu sehen, was wohl hinter der alten blinden Mauer sei, deren Augen seit Jahren mit Zement verschlossen waren. Vielleicht kommt Monelle zurück. Und statt zu sagen: »Auf Wiedersehn, erwart mich, — und sei brav!« daß es dann auf die kleinen Schritte im Hausgang gehorcht hätte und auf jedes Umdrehen eines Schlüssels im Schloß, da hat sie lieber geschwiegen und kommt überraschend zurück, hinter seinem Rücken, und legt zwei matte Hände auf seine Augen — ach ja! — und ruft: »Kuckuck!« mit der Stimme eines Vögleins, das in die warme Heimat zurückkommt.

Das Kind erinnerte sich an den ersten Tag, da es Monelle sah; wie ein zerbrechliches glitzerndes Stückchen Schnee sah sie aus und schüttelte sich vor Lachen. Und ihre Augen waren wie Wasser, in dem die Gedanken sich bewegten wie Schatten von Pflanzen. Da, von der Straßenecke her war sie gekommen, ganz einfach und wie selbstverständlich. Sie lachte, so ein langsames Lachen, wie der Ton, wenn man auf ein Kristallglas schlägt. Das war in der Winterdämmerung, und es war neblig; dieser Laden war offen — gerade so. Derselbe Abend, dieselben Sachen dort und hier, dasselbe Summen in den Ohren: doch das Jahr ist anders, und es ist die Erwartung. Vorsichtig machte das Kind ein paar Schritte; ja, alles ist ganz so wie das erstemal. Und es wartete: warum soll sie denn nicht zurückkommen? Und das Kind streckte seine arme geöffnete Hand durch den Nebel.

 

Diesmal trat Monelle nicht aus dem Unbekannten heraus. Kein kleines Lachen kam durch den Nebel. Monelle war weit und erinnerte sich nicht an den Abend noch an das Jahr. Wer weiß? Vielleicht war sie des Nachts in das unbewohnte Zimmerchen geschlüpft und erwartete es leise zitternd hinter der Tür. Das Kind ging ganz leise, es wollte sie überraschen. Aber Monelle war nicht da. Sie wird zurückkommen, — o ja! — ganz sicher wird sie zurückkommen. Nun haben die andern Kinder schon genug Gutes von ihr gehabt. Jetzt ist die Reihe wieder an dem verlassenen Kinde. Und es hörte seine schelmische Stimme leise sagen: »Heut bin ich brav.« — Kleines verschwundenes weitfernes Wort, verblaßt wie eine alte Farbe, und schon verbraucht von den Echos der Erinnerung.

 

Das Kind setzte sich geduldig hin. Da war der kleine Korbstuhl mit der Spur ihres kleinen Körpers, und das Tischchen, das sie gern hatte, und der Spiegel, der ihr um seines Sprungs willen noch teurer war, und das letzte kleine Hemd, das sie genäht hatte, das kleine Hemd, das ›sich Monelle nannte‹, ordentlich hingelegt, ein bißchen gebauscht, als wartete es auf seine Herrin.

Alle die kleinen Sachen des Zimmers warteten auf sie. Der Arbeitstisch war, wie sie ihn verlassen hatte. Das kleine Maßband in seiner runden Büchse steckte seine grüne Zunge heraus, sie war von einem Ring durchzogen. Das entfaltete Linnen der Taschentücher hob sich in kleinen weißen Hügeln. Dahinter standen die Nadeln wie Lanzen im Hinterhalt. Der kleine eiserne und ganz verarbeitete Fingerhut war eine verlassene Sturmhaube. Die Schere hatte faul das Maul offen wie ein stählerner Drache. So schlief alles in der Erwartung. Der lebende Wagen, so weich und behend, fuhr nicht mehr, brachte nicht mehr über diese verzauberte Welt seine laue Wärme. Dieses ganze kleine Schloß der Arbeit lag im Schlummer. Das Kind war voll Hoffnung. Die Tür wird aufgehn, ganz leise; der lachende Feuerfunken wird hereinspringen; die weißen Hügel werden sich entfalten; die dünnen Lanzen werden sich schütteln; die Sturmhaube wird ihr rosa Köpfchen finden; der stählerne Drache wird schnell mit dem Maul klappern, und der kleine lebende Wagen wird überall herumkutschieren, und die vergehende Stimme wird wieder sagen: ›Ich bin brav heute!‹ — Kommen denn die Wunder nicht zweimal?

Von ihrer Geduld

Ich kam an einen engen und dunklen Ort, aber es duftete da nach dem traurigen Geruche verwelkter Veilchen. Und es war kein Mittel, diesen Ort zu vermeiden, der wie ein langer Durchgang ist. Und um mich tastend berührte ich einen kleinen zusammengekauerten Körper wie damals im Traum, und ich strich über Haare, und meine Hand fühlte ein Gesicht, das ich kannte; und es kam mir vor, als ob sich die kleine Stirne unter meinen Fingern in Falten zöge, und ich erkannte, daß ich Monelle gefunden hatte, die allein hier an dem dunklen Ort schlief.

Überrascht entfuhr mir ein Ausruf, und ich sagte zu ihr, die weder lachte noch weinte:

— O Monelle! Hier hast du dich zum Schlaf gelegt, fern von uns, wie eine geduldige Springmaus in der Höhlung einer Furche?

Und ihre Augen wurden weit, und ihre Lippen öffneten sich, wie früher, wenn sie nicht verstand und die Klugheit dessen anflehte, den sie liebte.

— O Monelle, sprach ich da, alle die Kinder weinen in dem leeren Hause; und das Spielzeug ist mit Staub bedeckt, und die kleine Lampe ist verloschen, und alles Lachen, das in allen Winkeln war, ist geflohen, und die Welt ist zurückgekehrt zur Arbeit. Aber wir dachten dich anderswo. Wir dachten, du spieltest weit von uns, an einem Ort, zu dem wir nicht gelangen können. Und nun schläfst du hier wie ein kleines wildes Tier, unter dem Schnee, dessen Weiß du liebtest.

Da sprach sie, und, wie sonderbar, ihre Stimme war die gleiche an diesem dunklen Ort, und ich mußte weinen; und sie trocknete meine Tränen mit ihrem Haar, denn sie war ganz entblößt.

— O mein Liebling, sagte sie, du mußt nicht weinen; denn du brauchst deine Augen für die Arbeit, so lange man arbeitend leben wird; und die Zeit ist noch nicht gekommen. Und du darfst hier an diesem kalten und dunklen Ort nicht bleiben.

Ich schluckte und sagte zu ihr:

— O Monelle, du fürchtetest doch die Finsternis?

— Ich fürchte sie nicht mehr, sagte sie.

— O Monelle, aber du hattest Angst vor der Kälte wie vor der Hand eines Toten?

— Ich habe keine Angst vor der Kälte mehr, sagte sie.

— Und du bist ganz allein hier, ganz allein, ein Kind, und du weintest, wenn du allein warst.

— Ich bin nicht mehr allein, sagte sie; denn ich warte.

— O Monelle, wen erwartest du, in Schlaf zusammengerollt an diesem dunklen Ort?

— Ich weiß nicht, sagte sie; aber ich warte. Und ich bin mit meiner Erwartung.

Und da sah ich, daß ihr ganzes kleines Gesicht einer großen Hoffnung hingegeben war.

— Du darfst nicht hier bleiben, an diesem kalten und dunklen Ort, sagte sie; geh zurück zu deinen Freunden, Geliebter.

Willst du mich nicht führen und unterweisen, Monelle, daß auch ich die Geduld deiner Erwartung erlange? Ich bin so allein!

— O mein Geliebter, sagte sie, ich wäre ganz ungeschickt, dich zu unterweisen wie früher, als ich, wie du sagtest, ein kleines Tier war; das sind alles Dinge, die du sicher in langem und mühvollem Nachdenken finden wirst, so wie ich sie ganz auf einmal fand, da ich schlief.

— Hast du dich so eingenistet, Monelle, ohne daß du dich deiner Vergangenheit erinnerst, oder erinnerst du dich noch unser?

— Wie könnte ich, mein Geliebter, dich vergessen? Seid ihr doch in meiner Erwartung, gegen die hin ich schlafe; aber ich kann nicht erklären. Du erinnerst dich, ich habe die Erde so geliebt und riß immer die Pflanzen aus, um sie wieder einzusetzen; du erinnerst dich doch, wie ich oft sagte: »Wär ich ein kleiner Vogel, stecktest du mich in deine Tasche, wenn du ausgingest.« O mein Geliebter, ich bin hier in der guten Erde wie ein schwarzes Korn, und ich warte, daß ich ein kleiner Vogel werde.

— O Monelle, du schläfst, bevor du ganz weit von uns fort gehst.

— Nein, mein Geliebter, ich weiß nicht, ob ich ganz fortgehe; denn ich weiß nichts. Aber ich habe mich eingehüllt in das, was ich liebte, und ich schlafe gegen meine Erwartung hin. Und bevor ich schlafen ging, da war ich ein kleines Tier, wie du sagtest, denn ich glich einem nackten Würmchen. Eines Tages fanden wir zusammen eine ganz weiße seidenumsponnene Puppe, und nicht die kleinste Öffnung war daran. Du schlechter Mensch hast sie aufgemacht, und sie war leer. Meinst du, das kleine geflügelte Tier sei nicht herausgegangen? Aber niemand kann wissen wie. Und es hatte lange geschlafen. Und bevor es schlief, war es ein kleiner nackter Wurm; und die kleinen Würmer sind blind. Stell dir vor, mein Geliebter (es ist ja nicht wahr, aber sieh, so denke ich manchmal), daß ich meinen kleinen Kokon aus all dem gewoben habe, was ich liebte, aus der Erde, dem Spielzeug, den Blumen, den Kindern, den kleinen Worten und der Erinnerung an dich, mein Geliebter; das ist ein weißes und seidenweiches Nest und dünkt mich nicht kalt und nicht dunkel. Aber es ist vielleicht nicht so für die andern. Und ich weiß ganz gut, daß es sich nicht öffnen wird und geschlossen bleibt, wie damals die Schmetterlingspuppe. Aber ich werde nicht mehr darin sein, Geliebter. Denn meine Erwartung ist, daß ich weggehe wie das kleine geflügelte Tier; niemand kann wissen wie. Und wohin ich gehen will, das weiß ich nicht; das ist meine Erwartung. Und auch die Kinder, und du, mein Geliebter, und der Tag, da man nicht mehr arbeitet auf der Erde, sind meine Erwartung. Ich bin ein kleines Tier, mein Geliebter; ich weiß nicht besser zu erklären.

— Du mußt, du mußt mit mir von diesem dunklen Ort gehen, Monelle; denn ich weiß, du denkst alle diese Dinge nicht; und hast dich verborgen, um zu weinen; und da ich dich nun endlich ganz allein fand, hier schlafend ganz allein, hier im Warten, so komm mit mir, komm mit mir fort.

— Bleib nicht hier, mein Geliebter, sagte Monelle, denn du würdest allzusehr leiden; und ich, ich kann nicht mit dir, denn das Haus, das ich mir spann, ist ganz verschlossen, und nicht so kann ich es verlassen.

Dann legte Monelle ihre Arme mir um den Nacken, und ihr Küssen war, wie sonderbar, ganz das gleiche wie früher, und darüber mußte ich weinen, und sie trocknete meine Tränen mit ihren Haaren.

— Du darfst nicht weinen, sagte sie, wenn du mich nicht betrüben willst in meinem Warten; und vielleicht warte ich auch gar nicht so lange. Nun sei nicht länger traurig. Denn ich segne dich dafür, daß du mich schlafen geführt hast in mein kleines seidenweiches Nest, dessen beste Seide aus dir ist und in dem ich nun schlafe, zu mir selber gekehrt.

Und wie ehmals in ihrem Schlafe schmiegte sie sich an das Unsichtbare und sagte: »Ich schlafe, Geliebter.«

So habe ich sie gefunden; aber wie bin ich sicher, daß ich sie wiederfinde an diesem so engen und dunklen Ort?

Von ihrem Königreich

Ich las diese Nacht, und mein Finger folgte den Worten und Zeilen; meine Gedanken waren woanders. Und draußen fiel ein schwarzer, schräger, spitziger Regen. Und das Licht meiner Lampe leuchtete auf die kalte Asche im Kamin. Und mein Mund war voll Geschmacks von Schmutz und gemeinem Klatsch; denn die Welt schien mir dunkel, und meine Lichter waren erloschen. Und dreimal rief ich mir zu:

— Viel schlammiges Wasser möchte ich, um meinen Durst nach Schändlichkeit zu löschen.

»Ich bin mit den Schändlichen: richtet Eure Finger auf mich!«

»Man muß sie mit Kot werfen, denn sie verachten mich nicht.«

»Und die sieben Becher voll Blut erwarten mich auf dem Tisch, und das Gleißen einer goldnen Krone glimmt unter ihnen.«

Doch eine Stimme schlug mir zurück, die mir nicht fremd war, und das Gesicht jener, die erschien, war mir nicht unbekannt. Und sie rief die Worte:

— Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! ich weiß ein weißes Königreich. Und ich wandte mich um und sagte ganz ruhig:

— Kleiner lügnerischer Kopf, kleiner Mund voll Lüge, es gibt nicht Könige noch Königreiche mehr. Umsonst sehne ich mich nach einem roten Königreich: denn die Zeit ist vorbei, Und dieses Reich hier ist schwarz und ist kein Königreich; denn ein Volk von schwarzen Königen rührt hier seine Arme. Und nirgends auf der Welt gibt es ein weißes Königreich, noch einen weißen König.

Aber sie rief von neuem diese Worte:

— Ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes Königreich!

Und ich wollte sie bei der Hand fassen; aber sie entschlüpfte mir.

— Nicht durch Traurigkeit, sagte sie, nicht durch Gewalt. Und doch gibt es ein weißes Königreich. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg, da erinnerte ich mich.

— Nicht durch die Erinnerung, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg; und ich hörte mich denken.

— Nicht durch das Denken, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg.

Da zerstörte ich in mir die Traurigkeit meiner Erinnerung und das Verlangen nach meiner Gewalt, und all mein Denken verschwand. Und ich wartete.

— Du wirst das Königreich sehen, sagte sie, aber ich weiß nicht, ob du hineingehen wirst. Denn ich bin schwer zu verstehen, außer für jene, die nicht verstehen; und ich bin schwer zu ergreifen, außer für jene, die nicht mehr ergreifen; und schwer bin ich zu erkennen, außer für jene, die kein Erinnern haben. In Wahrheit, du hast mich und du hast mich nicht mehr. Horch;

Und ich horchte in meiner Erwartung.

Aber ich vernahm nichts. Und sie schüttelte den Kopf und sagte:

— Du bedauerst deine Heftigkeit und dein Erinnern, und ihre Zerstörung ist noch nicht vollbracht. Man muß zerstören, um das weiße Königreich zu erlangen. Bekenne und du wirst befreit sein; gib in meine Hände deine Heftigkeit und dein Erinnern, und ich will es zerstören; denn alles Bekennen ist ein Zerstören.

Und ich rief aus:

— Ich gebe dir alles, ja, ich gebe dir alles. Und du sollst es tragen und selbst es vernichten, denn ich bin nicht mehr stark genug.

Ich habe nach einem roten Königreich verlangt. Es gab dort blutdürstige Könige, die ihre Klingen schärften. Frauen mit geschwärzten Augen weinten auf opiumbeladenen Dschunken. Viele Piraten vergruben im Inselsand schwere goldgefüllte Koffer. Alle Prostituierten waren freigelassen. Die Diebe lagen im Morgendämmer auf den Landstraßen. Viele junge Mädchen füllten sich mit Leckerbissen und Wollust. Einbalsamiererinnen vergoldeten Kadaver in der blauen Nacht. Die Kinder begehrten ferne Erregungen und unbekannte Morde. Nackte Körper bedeckten die Steinfliesen der heißen Bäder. Alle Dinge waren mit brennenden Kräutern eingerieben und von roten Kerzen beleuchtet. Aber dieses Königreich hat sich unter die Erde gesenkt, und ich erwachte inmitten der Finsternis.

Und da hatte ich ein schwarzes Königreich, das kein Königreich ist: denn es ist voller Könige, die sich Könige glauben und die es verdunkeln mit ihren Werken und ihren Befehlen. Und ein trüber Regen besudelt es Nacht und Tag. Und ich irrte lange auf den Wegen, bis zu dem kleinen Leuchten einer zitternden Lampe, die mir mitten in der Nacht erschien. Der Regen näßte mein Haupt; aber ich lebte unter der kleinen Lampe. Die sie hielt, nannte sich Monelle, und wir spielten zu zweit in diesem schwarzen Königreich. Aber eines Abends verlosch die kleine Lampe, und Monelle verschwand. Und ich suchte sie lange in dieser Finsternis: aber ich konnte sie nicht wiederfinden. Und heute abend suchte ich sie in den Büchern; aber ich suche sie vergeblich. Und ich bin verloren in dem schwarzen Königreich; und ich kann das kleine Leuchten der Monelle nicht vergessen. Und ich habe im Munde einen Geschmack von Gemeinheit.

Und sowie ich gesprochen hatte, fühlte ich die Zerstörung in mir geschehen, und mein Warten erleuchtete sich mit einem Beben, ich hörte die Finsternis, und ihre Stimme sprach:

— Vergiß alles, und alles wird dir gegeben sein. Vergiß Monelle, und sie wird dir wieder gegeben sein. So ist das neue Wort. Mach es dem jungen Hunde nach, dessen Augen noch geschlossen sind und der sich tastend einen Platz für seine kalte Schnauze sucht. Und die zu mir sprach, rief:

— Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes Königreich!

Und ich ward übermannt vom Vergessen und meine Augen erstrahlten von Reinheit.

Und die zu mir sprach rief:

— Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich kenne ein weißes Königreich!

Und das Vergessen ergriff mich ganz und die Stelle, wo mein Wissen wohnte, wurde rein und tiefklar.

Und die zu mir sprach, rief noch einmal:

— Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes Königreich! Hier ist der Schlüssel: in dem roten Königreich ist ein schwarzes Königreich: in dem schwarzen Königreich ist ein weißes Königreich; in dem weißen Königreich . . .

— Monelle, schrie ich, Monelle! In dem weißen Königreich ist Monelle!

Und das Königreich erschien; aber es war von einer Mauer strahlender Weiße umgeben.

Da fragte ich:

— Und wo ist der Schlüssel zum Königreich?

Aber die zu mir sprach, blieb ohne ein Wort.