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Das Bücher-Dekameron / Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur cover

Das Bücher-Dekameron / Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Chapter 12: Die neunte Nacht
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About This Book

Collection of ten linked essays presenting a ten-night tour of European society and literature, offering personal observations and cultural criticism. The writer moves through topics including contemporary Germany's political and social climate after the war, theater and film, libraries and reading, satire, art's role in society, political poetry, emerging literary schools, and transnational comparisons, mixing anecdote, reportage and reflection. He probes class divisions, the resilience of elites, the tensions between republicanism and reaction, and the commercialization of culture, while juxtaposing local scenes with broader European trends. The voice is conversational, episodic, and observant, combining polemic, irony, and aesthetic judgment.

Der Rittmeister de Boussanelle erzählt in seinen „Observations militaires“ von seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjährigen Krieg die anderen Pferde das Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur Hälfte die Gebisse verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie sind eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt sich die Schädel einzuschlagen, und sie sind taub wie alte Türken, wenn sie aus dem Furor ihrer neuesten Schule nicht die Marseillaise einer großen Sehnsucht hören, die ihnen den Weg weist.

Dieser Marsch ist kein blaßsüchtiges Friedensgewinsel und nicht auf der schlechten Assiette der verschrobenen Träumer geblasen, sondern ist der hellste Claironklang nach allgemeiner Übereinkunft, eine Kriegsmusik der Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent eine Freiheitsgöttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.

Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?

Eine Generation. Und dann? Das Ende.

Sterben?

Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden, günstig zu präsentieren, sondern im Zeichen jener Jünglinge Kleobis und Biton, denen ihre Mutter von Here das größte Glück erbat, und welche die Göttin darauf, weil sie demütig und kühn ihr menschliches Werk vollbracht hatten, als größte Ehrung neben dem Genius mit der gelöschten Fackel in die bessere Heimat rief.

In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den Begriff der Pferdestärken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit den Maschinen die Welt umgepflügt. Fünfundzwanzighundert Jahre vor dem größten Krieg Europas hat die Geschichte dieser beiden Jünglinge Solon dem lydischen Krösus erzählt. Aber die Menschen haben noch nicht gelernt, zur Zeit und mit der richtigen Haltung zu sterben, geschweige denn zu leben. Sie umtanzen Europa im Kriegskleid mit Skalps und Kampfgeschrei wie die Indianer ihre am Marterpfahl aufgehängten Opfer und lieben in ihr die Beute statt die Göttin.

Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen wilde Verbeugungen und die Pelikane kreischen lärmend und wackelnd auf einem Bein im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit ist immer die Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen damit trösten, daß sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von teuflischer Komik sein kann. Man kann sich damit trösten, wenn man genug Humor hat.

Die achte Nacht

Die achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich hochgebracht, es wird eine kurze Nacht sein. Das Zastler Loch leuchtet silbern mit seinen Lawinen. Das Herzogenhorn biegt sich wie ein Skalpell in die metallne Nachtluft. Der Mond hat den ganzen weiten Kessel nach der Grafenmatte voll Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich Wolken immer dichter über die Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmböen sind zerbrochen. Man wird die Sonne bald steigen sehen über den Krähenscharen. Der Schnee kommt morgen zum Stehen. Das Tief fließt nach Süden und überschwemmt den Po, überflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu uns von Norden voll Fahrt mit blau gebogenem Segel.

Die Wächte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der Atmosphäre. Das Filigran der plötzlich entschleierten Buchen, die Palmwedel der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den Telegraphenstangen nach, die mit weißen Feuerkränzen umspielt nach der Ebene laufen. Schon wittern die Tiere, daß in der Luft etwas zerbrach, die Pferde stampfen unruhig mit glänzendem Fell, haferprall und nervös vor Kraft, die Kühe brüllen die ganze Nacht, obwohl die Ställe noch unter den Riesenflügeln der Schneewehen schlafen. Der Schneepflug wird durch den Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen, bis der Frühling sich ihnen entgegenbäumt.

Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte seine Lektion der Schöpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch seine Hand. Da sie seine Idee trug, war gesorgt, daß sie in jeder Spule neu blieb. Was tot hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich halten konnte, blieb am Leben, es war für Langeweile kein Platz. Die Tiere schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben mit der Eiszeit, wuchsen heroisch in das tropische Zeitalter, bequemten sich in die kleinliche Mittagszeit der Erde, und veränderten nicht ihre Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.

Träumte ein Tiger, war es von Antilopen, träumte ein Schwein, war es von Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig gebracht, einen erhabenen Traum zu träumen, denn sie träumen von Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen verstorben ist. Sie träumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer Zeittiere von barocken Jagdrevieren und mörderisch schönen mittelalterlichen Bissen, sie träumen nicht den Traum, den alle guten deutschen Raubtiere immer träumten, die Haustiere der deutschen Literatur schlingen den „Grünen Heinrich“ immer wieder durch die Zähne und halten es für verdienstvoll, daß sie einen besonders deutschen Traum damit träumen.

Sie sind hochmütig wie alle ungefährdeten Geschöpfe, weil sie einen besonders deutschen Traum zwischen den Zähnen haben, und halten sich für überlegene Geschöpfe, weil an ihren großen Stall die Raubtiere nicht herankönnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von ihrer Tiefe und Mission so heftig überzeugt, daß sie nicht merken, wie sie den oftmals wiedergekäuten Klee fast schon wie Häcksel kauen. Sie ehren lediglich von früh bis spät ihren Meister, sie haben ihn überall bei sich, auf der Zunge, im Magen, im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn so grenzenlos wie die Japaner ihre Toten.

Aber sie wissen nicht, daß sie einen Gestorbenen anbeten, einen erledigten Traum träumen und einen verdorbenen Klee wiederkäuen. Ach, es gibt keinen abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen und versauerten Idealen.

Ach, nun wurde gemuht und gebrüllt und getrampelt und mit dem friedlichen und sanften Samstag-Abendglockengeläute eine Diktatur nicht der Macht, wohl aber ein Terror der Gefühle erregt, der bald alle Hausbesitzer mit ergriff, die sich nicht bedroht fühlten durch diesen Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem Sinn und mit bürgerlicher Empörung entstand. Die Hausbesitzer fürchteten nicht diese Tyrtäen des Gemuhes und zitterten mit vor Vergnügen, wenn die Tiere, die Gefühlstiefen ihres Meisters wiederkäuend, grollend gegen alle neuen Melodien knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nämlich der Haustiere, das bestimmte, der deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein, habe langsam und voll Gemüt sich zu entfalten, bedürfe der Schnelligkeit nicht als einer Erfindung des Teufels und kreise am besten um die guten Bürgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.

Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nächtliche Wiederkäuen vor Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen träumten draußen und der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser sein als Ricarda Huch, wie konnte ein gewisser — Schickele? — wagen, mit Berufung auf Gottfried von Straßburg zu zeigen, ein deutscher Roman sei kühn und schlank. Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim, bemühte sich, die Ideale der Ställe durch seinen rassenfremden Kakao zu ziehen. Die würtembergischen Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem Grünen Heinrich und die bayrischen, an ihren besonders robusten Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-weiß gefleckt waren, bekamen rote Adern in die großen Opalaugen, da sich eine festere Opposition für ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wußten nicht, daß die gesellschaftlichen Revolutionäre, die sie in den Expressionisten witterten, gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwürgung waren, sondern daß diese neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht schätzten oder haßten, und daß die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog, indem sie soviel verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung ihre Fährte und in einer besonderen gleichen Elastizität ihre Schwungkraft zu nehmen.

Die Expressionisten träumten lediglich die Träume, die alle Tiger und alle Stiere geträumt hatten, nämlich das Kühne und das zweckmäßig ihrer Natur Entsprechendste zu erreichen. Sie träumten denselben Traum wie ihn von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch träumten, deren Typus sich in der Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den erlesenen Tierrassen angenähert hat, daß jedes dieser Menschengesichter einem Tiergesicht gleicht. Sie bewegten sich mit ihrem temperamentvollen Traum so heftig in den der Haustiere hinein, daß über ihren Spektakel eine der badischen Kühe sicher an ihrem Keller erstickt wäre, wenn er nicht ein Traum, sondern ein reales Futter gewesen wäre.

Aber sie hielten in ihren Ställen, obwohl die ganze Tierwelt lachte, daran fest, daß die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels Exzesse, aber die Orgien der Langeweile des Himmels schöne Segnungen seien. Sie hielten wiederkäuend daran fest und es roch nicht gut nach verblichenen Idealen, wenn sie das bedachten.

Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatsächlich immer wieder deutsche Dichter in den alten Kostümen mit dem Vermerk, sie gäben auf ihr Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prächtigsten Leute standen da und hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in der Hand. Vor so viel Hartnäckigkeit erbleichten selbst die Theosophen und verwandten in Herrn Steffen dieses Zurückerinnern an eine Vergangenheit für ihre Zwecke und schlangen in der gleichen Aufmachung ihre Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges, tränenden Mundes in die Brust.

Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten zwischen Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schuß Rebensaft und niederdeutsche Herbe dazu und wurde überzeugend bei dem wundervollen Schmidtbonn, rührend manchmal bei Eulenbergs pokulierender Schwärmerei. Hesse gab dazu den Anstand künstlerischer Gesinnung und brachte es über die innige Klarheit von Kindererinnerungen schon an das Russische heran. In Wilhelm Schäfer bog sich’s vor männlicher Kraft und böser Unzufriedenheit über den mangelnden Applaus der Zeit. Der großbürgerliche Hans Sachs entstand in Thomas Mann, der in bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer schon verblaßten Zeit noch einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft dekadenter Würde.

Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutüberströmt der Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn herausgab, war’s wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab seinen Kopf mit Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den Bergen zu glühen, allein den Traum umwölkte nur ein Kohlenbecken, es war so sehr Winter in den Ställen geworden, daß man sogar den Traum zu heizen begann.

Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten ausgetubat ward, wollte man auf diese Hüter des klassischen Troges zurückgreifen, aber das Malheur war auch dem Blinden deutlich und man fing eine Razzia an nach neuen Träumern. Ach, es hatte niemand gekalbt und man war in Verlegenheit, weil schon ein langweiliger Jüngling vorausgeschickt und in die Toga gesprungen war und für die lammfromm gewordenen Simplizissimusleute eine Literaturgeschichte „auf klassisch“ geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Mäuse fehlten.

Zum Glück beendete Albrecht Schäffer seine Kriegsgedichte homerischer Form und gab ein paar Bücher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfüms stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch „Montfort“ erlaubte sogar die romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller über Baudelaire und die Romantik zum überklassischen Keller ward in die Stallwand eingeritzt.

Als der Jüngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons in der Hand, hatte keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall der Kastraten, ein Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf einem Pferd, dessen Mähne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen Trab eine graue Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als ihm der Küraß abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem Bademeister schrie. Ach, der Papst war verloren, die Schlacht vorbei, der Überwinder nur ein fesches Gerippe. Es wurde stiller in den Ställen, obwohl das Kauen nicht nachließ, man wartete auf bessere Zeiten, nur Paul Ernst, der plötzlich blau und weiß gefleckt war, zerriß die Kette, sprang brüllend hinaus und gab mit Getöse vor, ein Stier zu sein, während es offensichtlich war, daß davon nicht die Rede sein konnte.

Es zeigte sich immer mehr, daß der Traum härter war als Eisen, stärker als die Lächerlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu dekouvrieren ist. Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter erreichen zu wollen und nicht aussterben zu können wie der Gyrodactylus elegans, der an den Kiefern der Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch hat, das bei der Geburt sofort ebenfalls gebiert usw. Gäbe es nicht eine geheimnisvolle Gegenwirkung, müßte die Welt bald lediglich aus Gyrodactylen und Kellerträumen bestehen. Sie würden sich in die Erde teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange beobachtet worden.

Südlicher an der Donau war man homöopathischer in der Ernährung und schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den Rachen. Es wurde ein graziöser und wahrlich österreichischer Traum. Es ward ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man trabte mit ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh ward ein zartes Gewieher, man stand nicht bös und wiederkäuend in den Ställen, da hingen in den Spiegelsälen Erzherzoginnen, die Bilder der Maria Theresia, des männertollen Prinzen Eugen, der langnasigen Habsburger.

Da spiegelte sich plötzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann das Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme zwischen den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat ihnen ein großes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Müdigkeit melancholisch belächelt, Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre eleganten Scherze aufgeschrieben, ja bis zur Operette hat mit Geist und Anmut Herr Lipschitz sie getrieben, auch die Unterhaltungsbücher bekamen manchmal dichterisches Arom. Selbst Soykas Kriminalromane deuteten mit Wehmut die Präzision der neuen Zeit in ein wehmütiges Finale.

Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tiefträumerische Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine. Selbst im Sterbelächeln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die verkörperte und repräsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das Kostüm mehr, nicht die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch festgehaltene Kranz in der Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war die trüb und erlesen und köstlich gewordene Erinnerung einer Nation aus den Jahrhundertfalten herauf. Hier stand Gesellschaft noch einmal mit aller Würde auf und verging.

Wer Bienen züchtet, weiß, daß die Kreuzung von Königinnen italienischer Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt. Schon in Wien hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebräischen Intellekt vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht füllten, Juden waren, in Prag kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt, schöpferisch wieder von slawischer Durchdringung, dunkel von deutscher Schwere, so ward er bei den Tschechen balkanisch aufgezäumt. Das Jüdische verlor seine Schärfe, das Slawische gab den Akzent, das Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten Schultern.

Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines Volkes, das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der nationale Ausdruck einer internationalen Horde von Gehirnlern und Literaten, mit viel Anmut, mit bestechender Klugheit, teils am Jordan, teils in Zürich, vielleicht auch in Saloniki zu Hause. Mit der einen Hand bei Keller, mit der anderen bei Dostojewski. Von Meyrinck über Pick und Brod zu Kafka gab es eine Verschärfung, der Stachel fehlte zwar, aber die Verdichtung kam nach dem Expressionistischen hin. Der zärtlich und unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei Ernst Weiß, der zuerst die Wiener Weise weicher geträumt hatte, erreichte ihr Roman eine verzweifelt starke Aufbäumung, bei Werfel ihre Prosa schon legendären Gesang. Ach, man war hier weit von den großen Ställen, die Haustiere waren im Süden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal sein Tempo behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte ihn mit Klugheit, mit asiatischer Grazie, mit ungewöhnlich neuen Turnieren reizte man ihn zu Gangarten, die er nicht kannte.

Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Rußland. Schon der Alemanne Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten über seine bewundernswerten Idyllen fielen. Sogar die Mondänen kamen unter das Kreuz dieser Richtung. In Bruno Franks schwächlichen Erzählungen schreien manchmal die Brüder Karamasoff, in Leonhard Franks gewaltigen Büchern gegen die Kriege flammt Dostojewskische Inbrunst sich zu zerstören. Der immer dichterische Kornfeld hat manchmal den Schatten Tschechows im Auge. Der beste Schilderer erotischer Atmosphäre, halbgeschlechtlicher Übergänge, des Genußdufts der Zeitoberschichten, Wilhelm Speyer, stößt auf Tolstoi und muß, während er verzweifelt raffinierte Wollust saugt, in die tiefste Tragödie hinein. Das Schicksal hat in ihm den gekreuzigten Bankert zwischen Weltlichkeit und tiefer Qual gemacht. Der Traum bekommt bei ihm einen süßen und makabren Reiz, den Glanz der Untergänge, das Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits . . . . . .

Gesattelt, geritten, gezäumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen. Er bog sich in Wien in der tödlichen Schönheit eines nationalen Untergangs wie venezianisches Glas oval und verwirrend zurück. Gab in Prag eine Oase fast zwischen den Völkern, durchdrungen, geknetet, durchsüßt und geschliffen von Händen, Hirnen, Wassern der an Asien schon tief anschlagenden Nationen. Wohl in Deutsch, aber übernational schon über Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen Geistes nach dem Großen Ozean gezogen, südlich durch die vermischten Kulturen der frischen Balkanstämme vom Mittelländischen Meer gespeist, so blieb er draußen in der Welt als deutsche Befruchtung.

Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten über diese fremden Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst vor der Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn überhaupt hatte, so gut es ging zwischen ihren Reibzähnen: „Laubhüttenpetrarke, Synagogenstolz“, aber es war der alte Klee nur, der sie hörte, es roch nach alten faulen Idealen, es störte niemand, daß ihre Glocken schwangen, sie waren langsam in das Pianissimo des Wiederkäuens gefallen.

Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brüllen, weil einige mit dem Traum ausgerissen waren, exotische Gegenden zu entdecken. Der männliche Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn mitgenommen, als sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in den Spuren der Gerstäcker, Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte die Expression dabei in die eine, die fahrende Schülerweise in die andre Hand genommen, schrie ein pazifistisches Pamphlet und trabte einen Militärmarsch. Er trabte mit den Füßen einen Militärmarsch aber scheinbar ins feindliche Ausland, wie man in den Ställen behauptete, und Paul Ernst, der plötzlich schwarz-weiß-rot gefärbt war, vergaß sein Renaissancegemetzel, vergaß seinen blutigen Traum von Italien und überschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionäre.

Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu überbrüllen, aber es war ja kein Stier, wie jedermann sich mühlos mit den Augen überzeugen konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er mit Tränen in der Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon Darwin beweist bei manchen Krustentieren, daß vollkommene und ausgebildete Lebewesen dieser klassischen Gattung dennoch niederer organisiert sein können als ihre Larven. Die klassischen Krieger am Fries des Dianabildes streckten sich vor Wonne in ihrem Muskelnetz über diesen vollkommeneren bebrillten Epigonen. Ach, aber selbst dieser Fall verhinderte nicht, daß die Haustiere der deutschen Literatur den erhabenen Traum weiterträumen und den Grünen Heinrich ohne Ablaß durch die Zähne ziehen, obwohl sein Verfasser schon lange im Schweizerischen verstorben ist . . . . . . .

Es möchte scheinen, Mijnheer, ich spotte über Gebühr und beschädige am achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung, mit der ausgezeichnete Menschen an diesen Träumen hängen. Wahrlich, ich kenne ihren Wert und ihren Sinn und weiß manchen ihrer Dichter an einem ausgezeichneten Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein, wenn ich das Muhen der Haustiere höre, die die alten Melodien und die hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts helfen. Ich weiß mich doch wirklich glücklich, wenn ich irgendwo im Park der Dichtung Ansätze an gute Tradition und deutsches wahres Wesen entdecke, aber ich kann den Spott nicht zurückhalten, wenn ich die Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger immer wieder ein verdorbenes Gerippe in den Frühling tragen.

Ach, der deutsche Frühling hat nichts gemein mehr mit den Gefühlen jenes erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind nicht seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht schelmenhaft, wenn die Haustiere den Stil eines großbürgerlichen Mannes wiederkäuen, aber vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzählung damit auszuposaunen, wenn sie die Nation meinen und eine alte Leiche unter ihren Hufen herausstampfen? Einmal müßten, verdammt, auch die bequemsten und faulsten Tiere in den Aufbruch kommen, der sie aus den dumpfen Ställen in die Freiheit führte und aus der Blindheit in das Licht. Ja, ich fürchte nicht, daß die Einäugigen gefährlich werden, aber ich habe Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu erlösen sind.

Ich entsinne mich zu gut, daß auch Balder, der Lichteste der Götter vom blinden Höder mit einer Mistel getötet wurde, die ihm der unheilvolle Loke reichte. Ich weiß zu gut, wie die Götter über ihren Liebling klagten und daß seine schöne Geliebte daran starb. Und ich kann mir nicht verschweigen, daß ich den Balder ohne Rückhalt liebe, aber den Loke hasse, daß aber der Dämon des Bösen sich immer der Ahnungslosen bedient hat, um ins Unheil hineinzuführen. Adler und Schwalben haben seit jeher mit einer Armee von Blumen in jeden deutschen Frühling hineingeführt, aber nicht das grämliche Muhen der Haustiere, die den Frühling zu beherrschen glauben und meinen, die Welt vermöge infolge ihres erhabenen Traums nicht aus ihren mahlenden Zähnen zu fallen.

Nein, ich spotte nicht aus Übermut oder aus zornigem Vergnügen, sondern ich schüttle den Bann wie jeden Alpdruck heftig in die Sonne, daß die Motten aus seinem alten Pelze fliegen. Denn ich liebe den alten Keller mit aller Herzlichkeit seines eigenen Gemütes, aber ich kann nicht sehen, wie seine Nachahmer ihre schlechten Schellen an seinem Wagen tragen. Ja, ich weiß auch, daß der Spott nicht schadet und mit jeder guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und daß nur die steifbeinigen Kühe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen können wie die helle Sonne, die sie wütend macht.

Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, daß es Dinge gibt, die man liebt und die man zu gleicher Zeit verwerfen muß Haben Sie nie geschwelgt und zur gleichen Zeit verdammt? Ist es nie so gewesen, daß Sie das Herrliche bewußt vorüberziehen ließen und mit den Mäusen sich ergötzten? Ach, man ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich für die großen Linien und für die Urteile und ich schneide die Staffeln in Stein oder ich schmeiße das Zeug hinaus. Was kann ich für meinen privaten Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die Bücher des Thomas Mann ab aus guten und vielen Gründen, aber ich lese sie gern, ich liebe sogar den „Tod in Venedig“. Ich amüsiere mich schief über den Pierrot Schäffer, aber ich liege die Nacht schmökernd mit seinem gespenstischen „Montfort“. Ich durchschaue den Schwindel, aber ich bin verliebt in ihn.

Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, daß am stärksten Sie reizte, was unbedingt das Unmöglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft im Spiel seltsam zueinandergestellt, er will, daß man die Süßigkeit und die Klarheit, aber auch den Widersinn seiner Schöpfung erkenne. Seine Methoden sind oft von erlesener Laune, ja sie sind verrückt. Ein Coenurus zum Beispiel, der haselnußgroß im Hirn des Schafes wandert, zwanzig Köpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an Drehkrankheit zu Grunde dreht, ein Coenurus zerfällt, von einem Hund gefressen, in seinem Darm, nur die Köpfe bleiben übrig und erzeugen soviel Bandwürmer, als sie Köpfe waren, und deren Eier, vom Schaf mit dem Gras gefressen, durchwandern wieder bis zum Exzeß des Drehens des Schafes Hirn. Ja, sie sind verrückt und absonderlich die Umwege der Vorsehung und man kann nichts sagen über solchen Kreislauf, als er habe einen Sinn, den uns nichts erleuchtet.

Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die ihrer Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum integerrimum in die Harnblase des Frosches verbannt gehören) erinnere ich mich gern eines der amüsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener Primadonna aller Ausstellungen und Premieren, des Königlichen Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den Darm, sondern den umgekehrten einschlug. Fest entschlossen, sich über alles bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er kritisch immer von hinten nach vorne zu gehen, schrieb über die Kostüme der Leute, deren Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die er zu verreißen beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren Stücke er zu loben hatte, schwärmte, da er im Krieg die Butterverteilung der Stadt Brüssel in seiner männlichen Hand hatte, für kriegerische Tüchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er konservativer Natur war, für bolschewisierende Käseblätter.

Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten, man kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen Kränze auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides verspotten. Man muß nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des seligen Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die andere Seite fallen müssen, denn der Schein der Überlegenheit ist nur die Waffe des Snobs und die Maske des unsicheren Gentleman.

Aber man muß entschlossen dabei sein, auch über alle Kreuzwege hinaus, über sich selbst und das bißchen private Ergötzung, über unsere Leidenschaft und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn die Perücken von heiligen Häuptern vielleicht sogar mit den Köpfen selbst herunterfliegen.

Am achten Tage der Schöpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf die Tragödie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage unseres Zusammenseins hat der kühle deutsche Mond sich auf die Schwarzwaldspitzen gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in diesen Lichtkavalkaden verhüllt. Am achten Tage nahm der Tod der Margarethe von Valois, Königin von Navarra, die, aller Sprachen kundig, des ersten französischen Franz ungewöhnliche Schwester, das Dekameron des Boccacce ins Französische transponieren wollte, am achten Tage der Erzählungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der Tod ihr den Stift.

Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzählung, darin, launig aber auch teuflisch, doch nicht mißzuverstehen, erzählt wird, wie beim Einsargen eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben marschiert, es marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie. Ach, ich fürchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht unterbrechen, selbst wenn die Schellen ihnen unter den ehrwürdigen Nasen wie die Tanzschritte des Lebens klingen.

Die neunte Nacht

Und Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko, wo sie die zänkischen Musen, unter welche sie (wie Venus an die Amouretten) ihre Gouvernements verteilt hatte, in einer festlichen Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier ein Lächeln begonnen, dessen Anmut die Abgründe ihres Wesens ahnen ließ, aber nicht enthüllte. Und sie hatte eine Leidenschaftlichkeit in ihren göttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich hinter ihren graziösen Spielen versteckte.

Es war ein reizender Spätsommer der Musen, als sie um ihre Göttin sich zum letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe Frühling ihres Beginnens.

Schon immer war ein großes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre Auserwählten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der Frau ausgab, in die ganze Windrose geführt. Holbein sowie der van Dyck haben ihre Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mönche hatten seinerzeit den Urwald des mittleren Deutschland gesäubert und die Karolinger unterwiesen, Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grünewalds Töne, Dürers Art hat erst Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen nach Reims und studierten den Dom, ehe sie den ihren begannen. Der schöne Lionardo gab den Franzosen eine andere Linie ihrer Architekturen. Rembrandts Chiarobscuro hat man im Süden erfunden, jüdischer Geist aber hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches wanderte durch Granada nach Italien und über Frankreich in die Musik der besten deutschen Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne die Briten, Klopstocks „Messias“ ohne Miltons „Verlorenes Paradies“? Das italienische Porträt der Renaissance, ihre schönste musikalische Erhebung in Palestrina kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben den Tschechen von ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die Bienen, aber auch wie die Wölfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die Eau de Cologne, das Modeparfüm des Rokoko, war von einem Italiener erfunden.

Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendröte ihrer Springbrunnen und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das kölnische Wasser zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kämpfen und Balgereien der Musen mitten in einem Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf der Flöte geblasen, halb von einem unterirdischen Donner gespielt ward.

Die Deutschen bauten der Göttin Europa damals ein leidenschaftliches und ihr schönstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und raffinierter Andacht die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, und mit dem Niederländer Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann, dem Schweizer Bossi, dem Münchener Zick, mit dem Tschechen Mika, dem Tiroler Oegg, dem Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal beteiligt. Sie beeilten sich später allerdings, in alle Verstecke wieder zu fliehen und mit Pfeilen aufeinander zu schießen. Bonaparte, der letzte Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie mit Kanonen erschreckte, denn es gab für ihn kein anderes Mittel, Europa wieder zu finden, als die mörderischsten Kriege.

Als er Goethe Belehrungen gab über seinen „Werther“, den er siebenmal gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schöner wie Voltaire einen „Cäsar“ zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den besten Trabanten der Göttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner Hauptstadt aus dessen Stimme über die Welt schallen zu lassen. Der größte Europäer hatte den begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber dieser folgte ihm nicht. Während des europäischen Maschinenkriegs aber war die Göttin völlig außer Landes gegangen.

Sie war völlig außer Landes gegangen, und acht Jahre nach der Erfindung des Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Vertrag stehen die Musen noch um Deutschland an den Mitrailleusen. Frankreich weist ihm die Tür, England übersieht deutsche Kultur, Amerika ist sie kaum erwünscht. Von dort kommt kein Ruf nach der Göttin. Nie hat der Schwaden des Hasses so sehr ihre Gefolgschaft getroffen, daß die zänkischen Musen zu derartig tollen Unterleutnants der Rancune wurden und das Gebiet des Geistes in eine Serie von Gefängnissen aufteilten, durch die sie den Parlamentären der Kulturen nicht einmal den Durchmarsch erlaubten.

Die weiße Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Söldnerkrieger der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanität in den Staub gerissen. Von unseren Büchern weiß man nichts, unsere Bühne mißachtet man, unser Entgegenkommen höhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den Zügen der guten Viebig hat man im Reformkostüm an die Rampe des Gelächters gestellt und ihr zu Füßen mit einem Jodler und Tiroler Hut den kleinbürgerlichen Bonsels pathetisch gelegt und mit Übersetzungen aus ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und Feldwebel uns in Paris vor aller Welt so zu einem geistigen Mummenschanz mißbraucht. Es ist kläglich, sich nach zehn Jahren Pause durch solche Gäste vertreten zu wissen.

Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine große Göttin immer noch zu lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht vor ihr zu verneigen. Es ist das Unglück, daß mit den sinkenden Valuten auch die geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal wieder naht, ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten in dritt- und zweitklassische Kreaturen eingeteilt finden. Aber Deutschland, Mijnheer?

Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei den Rheingermanen gefunden. Während der Kriegsjahre haben sie alle Freudenfeste der „feindlichen“ Musen nach alten Bräuchen mitgefeiert. Fünf Jahre nach der Münchener Räterepublik schwimmt das deutsche Theater unter den Schwänken der gallischen Possenfabrikanten, Moliere und Shaw reichen sich wie während des Kriegs vor den Bildern Calderons und Shakespeares die Hand, und alles Zeug, was Deutschland schmähte, ist pardonniert und geliebt, soweit es begabt ist.

Suarèz durfte schreiben, wir fräßen Hunde . . . Verziehen. Claudel uns gierig in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den Friedensvertrag längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte von Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer wie eine Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die einen Kranz des Führers trugen und besser wissen mußten, daß wir nicht allesamt eine Horde von Hyänen und ausgehungerten Wölfen seien, durften die verächtliche Emeute jener Niedertracht anführen, die uns zu den Hottentotten Europas erniedrigen wollte . . . verziehen, vergessen. Die ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche Frankreich den Direktor des Theaters „Vieux colombier“ hängen, den vom „Oeuvre“ schinden würde, wenn in ihren literarischen Versuchsbühnen ein deutsches Stück gespielt würde, wo die französische Zeitschriftenkritik vor Chauvinismus dampft, wo England uns die Pässe verweigert, Rußland kein Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat. Und wo unsere Freunde in diesen Ländern ohne Macht gegen die Geschwader der Dummheit und in der Minderheit gegenüber den Steuermännern des Hasses sind.

Der Dreißigjährige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur Gesittung aufrief, schaut über den Ozean weg nur nach seinen Dominions. Frankreich, das Europas Feldgeschrei führte, ist ein Land von irrsinnigen Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im nördlichen Dreieck der Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer Gorki shake hands der Internationale.

Aber Europa?

Ein Hohngelächter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrückten Haag, vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ängstlichen Zürich als Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das gleiche Zittern wie die Gestürzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie zur Zeit der Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen kachiert, sitzt zwischen den Bajonetten der hochkapitalistischen Gallier und den Kanonen der östlichen Kommune. Denn nicht nur Poincaré, auch Barbusse (seit er auf Moskau schwur) ist der Krieg. Nicht nur die Kannibalen, auch die konsequenten Buddhisten bedeuten Tod. Es unterscheidet beide nur (sehr) das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg geht, ohne Belang.

Denn Krieg heißt Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, daß die Göttin vielleicht ihre Verstecke verläßt und zurückkehrt.

Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die zänkischen Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und Springbrunnen spielten. Ach, es wird keine Flöte in das Konzert ihrer Wiederkehr spielen, aber der geheime Donner von damals wird ein abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.

Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurückkehren wollen. Deutschland wird aber nicht aufhören, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden nicht untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal Utopie, es wäre ein schönerer Wahnsinn als der der Vernichter.

Ich weiß, wir haben am wenigsten Anlaß, schuldfrei uns zeigen zu wollen, wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, während des Mordens in schlechtem Stil Europa geschmäht, und müssen, wo wir mit gereckten Armen nach ihr verlangen, das Peinliche erleben, daß sie im Umkreis in gutem Stil verlacht wird. Ich weiß, wir säßen in anderen Wagen, wären unsere Rosse siegreich durch den Arc de triomphe geritten.

Der Staël antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Porträt ihm gefallen, der neugierigen Staël antwortete der Lord ironisch: es wäre besser ausgefallen, hätte er jener Lady Caroline Lamb länger zu sitzen geruht. Ich weiß, es ist billiger, gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit anzurufen, als sich „audessus de la mêlée“ mit schönen Ideen abgeben. Ich zweifle aber nicht, daß, „wenn wir länger Modell gesessen“ und die Champs Elysées mit preußischen Pferden hinaufgeritten wären, die Stimme nach Europa in Deutschland mit der größten Tapferkeit dennoch gerufen hätte.

Sie wäre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden. Ach, daß Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren Freunden gerade die schlechten Trommler Europas machen mußte. Was kann man tun, wenn einem alles verläßt?

Nicht paktisieren, Mijnheer.

Es lebe Europa.

Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen, sind eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und dem „comédien ordinair edu bon dieu“ gewesen. Ihr Herz stritt zwischen dem Ideal der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre edle Exaltation mit den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und zuletzt immer ihre eigenen Göttinnen erschossen, indem sie dabei das alte Preislied für sie sangen.

Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der Marseillaise hergelaufen und haben schon preußischen Drill im Blut gehabt, sie haben Europa befreien wollen und haben es geknechtet. Sie haben die Fiktion ihres martialischen Glanzes erobert, während die unkriegerischen Nationen der Römer und Briten, indem sie Baumwolle oder Christentum sagten, die Welt unterwarfen. Sie haben selbst bei Stendhal und Suarèz den Vorbehalt, daß Europa nur sei, wenn Frankreich sei, aber, schon indem sie es sagen, ist es nicht mehr eine Bedingung, sondern es ist schon Gleichung: Frankreich ist, darum ist Europa.

Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst, die sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort „Franzose“ so berauschen läßt, während die Briten sich in ihren nationalen Gefühlen sehr nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenüberstehen, obgleich die Naturelle der beiden Völker umgekehrt sind wie ihre Fähigkeiten, sie einzuschätzen.

Ein tapfrer Kämpfer Frankreichs für Europa sein, bedeutet darum mehr, als in Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefühl folgt, der Gallier aber gegen seine Empfindung erst europäisch wird. Der Deutsche erfüllt seine Mission, der Franzose muß erst den Gallier in sich erschlagen.

Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder öffnet, bleibt es in seiner guten Tradition, und wenn es die „Feinde“ mithereinläßt, ist es lediglich nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das mißachten und für die Fehler von Politikern und Kasten jetzt Europa büßen lassen, ist das ihre Sache und eine infantile Vendetta gegen völlig Unbeteiligte. Wir ziehen es vor, die Geliebte weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und ihre Knechte wütend die Zähne zeigen. Denn wir verehren sie und nicht die Unvernunft ihrer Umgebung.

Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt. Ihre großen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte Europa. Montaigne zog die Kraft des Geistes schmerzlich um die Welt. Voltaire und Stendhal flaggten Europa schon sehr hoch. Balzac formte bereits Demokratie, Flaubert maß nach der Größe europäischen Gewissens. Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns das schmerzlich süße Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit Rousseau begann.

Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem Blut, unter unsere Bürger genommen wie die Romantiker, wie die Sand, wie ihren unglücklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen Sprache. Wir haben in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle Boulevardstücke genossen, Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezählt, seine zweihundert Bücher Romanfabrik gelesen und sogar für seine Saucenrezepte uns interessiert.

Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine gerichtet. Sind mit den Malern Feuerbach um Couture, Trübner um Courbet geschwärmt, haben des Gauguin Tagebücher, des Van Gogh Aufzeichnungen, drei Bücher von Kunsthändlern über Besuche bei Cézanne wie das Credo und die heilige Schrift verschlungen, während Wedekind nicht gespielt ward.

Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht, haben die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst zu der monumentalen Bedeutung der Flucht eines grandiosen Zivilisations-Deklassierten gemacht, wir haben auf Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Rimbaud unsere Ästhetenschulen gebaut, haben Pierre Loti leider für einen größeren Dichter wie Alfons Paquet gehalten, haben hochstehende Aufsätze um Charles Louis Philippe, diesen zärtlichen Kindskopf der Tragödie, geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und Pierre Mille und den unglückseligen Farrère mit seinem Opiumkitsch in unsere besten Stuben geführt.

Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen beschäftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, waren sie schon intim. Der ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen um die Zeitschrift der „Nouvelle Revue française“ war vor dem Krieg bekannter in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivières Ruf gingen weit übers literarische Versnobtsein hinaus. Suarèz schrieb das beste Italienbuch für die Deutschen. Claudel widmete man Weihespiele in Hellerau. Für Francis Jammes, der die royalistisch fromme Linie des Joinville fortsetzt und die zärtlichen Töchter des alten Adels und die Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu nebeneinander malt, entstand ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste Deutsche als Übersetzer.

Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die während des Kriegs den hellen Bullen ihrer Revue im Stall ließen, hat sie Deutschland nicht entfremdet, man erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Können gehört.

Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den Krieg Frankreichs protestiert und für Europa optiert haben, jenen tapferen Kreis junger Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste, aber seine mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse, teils um Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas während des Mordens waren, wenn beide auch, zumal Barbusse, keine im letzten Sinne guten Schriftsteller, aber überzeitlich große Charaktere sind.

Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist der Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse wollte aus dem Débacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen Europäer erstehen lassen, schuf in der Organisation der „Clarté“ ihm mit einigen humanitären Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr guten gleichnamigen Roman die Kulisse und mit seinem Anschluß an die dritte Internationale Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen revolutionieren und ging nachher Bajonette einkaufen, gläubig und voll menschlichen Mutes zwar wie ein Thermopylenkämpfer der neuen Gesellschaft, aber dennoch als Aufrufer an die Gewalt. Er postulierte mit dem russischen Terror die Gewalt von links gegen die von rechts, die er wie ein Herkules bekämpft hatte. Er führte seine Kunst durch die Gesinnung in die Politik, während Rolland die jungen Leute zurückführte zu dem weisen Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das Reich des Geistes müsse rein bleiben und Europa käme nur, wenn man glaubend für es arbeite, und nicht, wenn man danach schieße.

Barbusse aber, dessen „Feuer“ auch das einzige Frontkriegsbuch der Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu ahnen, neben Goethe, den er in diesen Dingen bekämpft hat. Der, von Bonaparte begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem Prätendenten Enghien und dem läppischen Schreier Palm vor die Stirn geschossen, denn dem Genius stehe dieses Weggehn über alle Schranken frei. Sie bedachten beide nicht, daß man das aus dem Temperament heraus vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit mythischer Gewalt gegen die Idee richtet und den am sichersten ersäuft, der es für sie vergießt.

Diesen Streit zwischen den Führern der europäischen Idee haben die Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie den Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjährigen France wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einfluß Frankreichs ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schülern der großen Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Léon Werth gehört. Guilbeaux, der während des Krieges „demain“ in Genf herausgab, wurde in contumaciam (während er Rußlands Erde schon mit Ruhe und Ansehen betrat) auf Grund eines Materials als Schädling seiner Nation zum Tode verurteilt, das an der Spitze einen Bericht von meiner Hand über den Mut enthielt, den er während des Krieges für die Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat René Arcos mit seinen stillen weitherzigen Dingen übertragen, den Bilderhändler Vildrac auf die Bühne gebracht, Colin, diesen Wanderprediger Europas gehört, gelesen, man nimmt Notiz von Duhamels Büchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain, von Chennevière. In dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft der Ästheten um Gide besäße und unsicher ist, ob einer europäisches Ansehn wie seine Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie für das wahre Europa stritten, die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.

Es scheint allerdings im Sinn dieser Übergangszeiten zu sein, daß in den Siegerländern keine Führer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch formt sie sich, weil er Höhenbedürfnis hat, während Triumph nur eine dicke Lüge ist, die eines Tags nach ihrem größten Brüller platzt. Ungleich dessen ist der Einfluß dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich atmet mit allen seinen Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland liebt diesen Geruch als den einer schönen Freundin. Es wird trotz allem dabei an die Göttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so wirbt es ja nicht um ein Weib, sondern um die Liebe selbst. Unglückliche Liebe gibt es nur im Sprachschatz der Tölpel. Vor der Ewigkeit gibt es das nicht.

Man kann nicht alles sagen, was ist, man muß sich begnügen mit dem, was Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen holländischen Gentleman, der unabhängig ist, reist, den Horaz im Koffer mitführt, den seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy ein Lager von Strandkörben und halb wie ein Gartenliebhaber seine Blumen), mehr kann einen holländischen Gentleman nicht reizen. Er kann nur so, statt an ein Phantom zu glauben, die Wirklichkeit der Nähe eines befriedeten Europas berechnen — — — in gleicher Methode wie Galilei, der auch, um die ungleiche Entfernung der Fixsterne von der Sonne zu messen, auf die geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der Entfernung zu ihren einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was macht Holland, Jonckheer?

Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a Kempis und Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab der Freiheit das tolle Geusenlied: „Wilhelmus von Nassauwen ben ick van duytschem bloet /// Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet“ . . . Der Name der Gerechtigkeit heißt Multatuli. Hinter ihm kennt man kaum die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der Menschheit, ich glaube auch von der katholischen Propaganda. Das ist zusammen nicht sehr viel des Guten. Man hat dafür die Seuche der sämtlichen Romane des Cooperus ebenfalls in das deutsche Walhall gestellt. Das ist nicht Tulpe und nicht Geist, aber Valutadumping mit verächtlicher Literatur. Auch den Unterbietern der Qualität, sehen Sie, gibt man das Gastrecht.

Es könnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder man habe sie nicht. Man hat übrigens durch den Krieg die stammverwandte flamische Literatur nach Deutschland geführt. Der ausgezeichnete Essaiist F. M. Hübner hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu dem Eekhoud nach Deutschland transportiert und man hat, nicht nur aus politischem Interesse, diese germanische breite und saftige Kunst, für die de Coster das europäische Wahrzeichen ist, aufgenommen. Die über Frankreich eingeführten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher übertragen.

Deutschland hat außer den Russen überhaupt die besten Übersetzer der Welt. Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die Barret-Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine, Werfel die Tschechen, Flake den Suarèz, Blei den Claudel, Vollmöller den d’Annunzio, Däubler den Vildrac, Annette Kolb den Chesterton, Stefan Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling übertragen. Deutschland hat das Glück, daß seine besten Stilisten seine glücklichsten Pioniere sind, während die guten Autoren des Auslands es kaum der Mühe wert finden, Deutsch zu verstehen und schreien würden vor Heiterkeit, wenn man ihnen vorschlüge, deutsche Zeitgenossen in ihre Sprache zu bringen. Deutschland hat um seine besten Übersetzer herum noch eine vollkommene Industrie von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das Ausland vorführen. Die einmal an der Börse des deutschen Geisteslebens eingeführten Autoren werden wie die Hühner in schwarze Minorkas, rote Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschäftlich festnotierten Kurse.

Eine Anzahl Revüen verbinden Deutschland dazu noch mit verschiedenen Ländern und die Übersichtstafeln seiner Zeitschriften berichten eifrig über jede Bewegung in der ausländischen Kunst. Während allerdings England und Italien die Länder der Zeitschriften sind von fast unvorstellbarem Einfluß, während in Frankreich die Revuen für die literarischen Kreise eine nicht genug zu schätzende Bedeutung haben, sind ja die deutschen literären Zeitschriften ebenso schlecht wie langweilig. Nach dem Eingehen von Schickeles bewunderungswürdigen „Weißen Blättern“ gibt es keine Revue mehr. Lediglich des Verlegers Fischer „Neue Rundschau“ hält eine gewisse Tradition, aber in der Tat nur die ihres Alters. Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie wohl quallig aber nicht unamüsant, wenn auch mit Händen und Füßen zwischen die Hauptautoren Wassermann und Hauptmann aufgehängt. Seitdem sie ihren Standpunkt verlassen hat und„modernisiert und politisiert“ wurde, ist sie erbarmungslos öd geworden. Deutschland, das immer hundert nach einem halben Jahr schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften hat, verliert damit seine einzige konservative Revue von Haltung.

Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Stefan Großmann mit seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene blitzschnelle Beweglichkeit des Geistes, die Schärfe neben dem Kristall und der Farbe. Eine Zeitschrift müßte in jedem Artikel, von dem man die letzten drei Sätze liest, so klar sein, daß man sofort weiß, ob es um die Monarchie oder rumänische Läuse geht. Neun Zehntel unserer Zeitschriftenaufsätze sind so dunkel, daß man, von Thomas Mann bis zu Alfred Wolfenstein nicht ahnt, wohin die hochstehende Geschwätzigkeit nach vielen gelesenen Seiten eigentlich marschiert.

Die Flamen und Niederländer sind, ich weiß, noch breiter. Und doch ging von der holländischen Zeitschrift „Stijl“ das erste Manifest für eine europäische Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von der Bauart der Maschinen her nicht einen europäischen Konstruktions-Stil lehren, denn Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser Theo von Doesburg hatte eine Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten gefolgt sind, beweist das nur tragisch, daß die Verantwortungsvollen die Nichterwählten und die Leichtfertigen aber die Begnadeten sind.

Auch die Natur hat ihre Einfälle barocken Humors und es macht ihr nichts, daß sie zerstört, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so gesund, sich tragische Ausschweifungen leisten zu können, und es beschwert sie wenig, daß das menschliche Gewissen unter dieser Frivolität sich krümmt. Sie hat wohl ihr eigenes Gewissen und es ist wohl einfacher und tiefer als das unsere.

Man muß sehr vollblütig sein, um nicht fürchten zu müssen, sie wolle überhaupt die Zerstörung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann die Zerstörung mit einer Wollust, die nicht ohne göttlichen Funken war.

Kennt man den Niedergang der Kunst in Italien, weiß man um die Viehmärkte in den Höfen herzoglicher Paläste, erlebt einer dauernd die Monotonie der Landschaft, blauen Himmel mit Sonne an weißer Mauer, überblickt man die drohende Kraft der klassischen Traditionen . . . dann begreift man die Inbrunst, die den Futuristenpapst Marinetti mit der Petarde in der Hand herumlaufen ließ. Dieser sonst ganz begabte Autor beschloß alles zu vertilgen, um wieder atmen zu können, seine Maler Boccioni, Carrà, Russolo, Balla, Severini malten zum ersten Male in der Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu noch gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem blödsinnigen Nationalismus, der sich gegen Österreich richtete. Ihre Kunst bestand aus Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und Hysterien. Die Bevölkerung Italiens bewarf sie mit Äpfeln, aber sie entzog sich nicht der Suggestion.

Im Krieg übertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale, schrieben die Herren Hülsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schützengräben Europas. Die Totentänze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen. Und die Tänzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen rechtfertigten wie jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich gewöhnen müssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis voyageurs des Internationalismus zu fürchten. In dieser Pause Europas zeigt die Tugend wie das Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.

In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die jungen, schon wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in Berlin ausgestellt und ihnen europäischen Ruhm gemacht, worauf sie ein Jahr später nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu gesunken war.

In dieser Pause Europas hat aber d’Annunzio, das feurigste Talent der Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebüßt. Ihm war es leicht, da er Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter sich zu scharen, obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionären seine barocken Bücher nicht zur Hälfte verstehen. Er verstand es, die Tradition zu lieben, auch wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und hatte, der Romantiker und Genüßling, die Generäle und die Futuristen und die Proletarier hinter sich.

Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen, Manzoni, der große Schüler Walter Scotts, in seinen „Verlobten“ die massive Gläubigkeit eines Katholiken über Deutschland geschüttelt. Dann hat man wohl auch Pascoli, dem schönen Lyriker und dem bedeutenden Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jüngsten Dichtern um die vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst der Kirche, bald zu dem der Futuristen betete, bekümmert.

Einfluß aber hatte nur d’Annunzio, für Deutschland wie Italien, ja für Italien so sehr, daß, als er während des Tripoliskrieges ein wüstes Gedicht gegen Österreich verteilen ließ, niemand es verstand, aber jedermann in Taumel geriet, weil jedermann seine eigene italienische Stimme auch aus dem unerklärlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache trommeln hörte.

Von Einfluß waren die Futuristen dann dadurch, daß sie Bewegung brachten. Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die Bewegung der italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne Tradition sind, ohne Sinn für spekulative Kunst und obwohl es nicht gut für uns war, sie aufzunehmen. Man kann wohl sagen, daß wir Hunnen des Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die anderen gewesen. „Ich verachte alle Boches,“ sagte ein gebildeter Engländer mir in Innsbruck, „hier heißen sie aber Franzosen.“

Die Deutschen sind von einer rührenden Großartigkeit der Welt gegenüber. Wären sie es gegen sich selbst, sie wären das Herz Europas. Hätten wir am neunten November des Revolutionsjahres statt lediglich Rissen zwischen den Volksteilen nationale Bindungen großen Sinns gehabt, wäre eine Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im gerechten Ausgleich gebend und nehmend, das Gesamtgefühl gestärkt hätte, dem Feind statt wie ein Epileptiker wie eine große, aber unglückliche Nation entgegengetreten wäre . . . . wir ernteten heute eher den Ruhm Europas für die Größe unseres Unglücks, als daß wir den Foot-ball der anderen Nationen darstellten. Aber es ist nicht das Schlimmste, wenn man seine Bestimmung erfüllt, maltraitiert zu werden. Auf die Dauer gibt es keine „Sieger“, denn sie würden ersticken an ihrem Triumph.

Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen. Wer Sieger allein sei, sagte der Gründer der Alhambra, Mohamed, als er bei der Belagerung Sevillas dem König Ferdinand gegen seine maurischen Freunde helfen mußte und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten Endes, sagte er, indem er auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung: „Wa la ghalib ila Ala.“ Man hat mit einer hinreißenden Größe in Deutschland vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an Europa nicht gezweifelt und alles in die Scheunen gesammelt, was um die Grenzpfähle wuchs.

Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Götzen, und keinen Japaner, dessen Perspektiven wir nicht untersucht hätten. Die Literatur der Ungarn, die aus dem Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott nachmachte, bis Petöfi sie ein wenig völkischer erlöste, haben wir zu unserer besten Unterhaltungsliteratur befördert. Wir haben jene stallburschenhafte Unbekümmertheit unter schiken Reithosen, jenes Paprika auf der Zunge und Pomade im Haar, das die an der Seine parfümierten Theaterstücke der Molnar und Konsorten ausmachte, neben der „Minna von Barnhelm“ gespielt, während Büchners „Leonce“ nicht gespielt ward. Wir haben das wenige, was nicht erbärmlich in ihrer Prosa ist, in den graziösen Geschichten Ernö Széps, in dem Seelenspaltungsroman von Babits, in der erotischen Bauerngroßmäulerei des Moricz aufgenommen.

Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell in die Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das Verdienst des Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenössischen Finnen gekümmert. Das fabelhafte Schöpfungsgedicht „Kalewala“ war bekannt. Goethe hatte sich schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines Landes, dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang schwedisch sprach und schrieb. Juhani Aho, welcher das barbarische Land mit Stromschnellen und indianischen Gebräuchen in großartiger Wildheit malte, ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die zerblasene, barock sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem deutschen „Simplizissimus“ hingeführt und in die Nachbarschaft von de Costers „Uilenspiegel“. Bei Ilmari Kianto, in dessen Büchern sich zwischen Gletschern und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum Zerplatzen biegen, tritt das soziale Element der Mongolen in die Literatur der Deutschen, das auf der ganzen Welt, nicht zum Vorteil der Begabungen, die Dichtung zu beherrschen beginnt. Mit France, Gorki, Shaw stirbt eine Generation von breiten Dichtern mit ihren Gesellschaften aus. Europa ist noch nicht zurückgekehrt, um neue Führer für neue Gesellschaft mit ihrem Finger zu benennen.

Wie groß war die Wirkung der klassischen Russen und Engländer auf Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski. Sie sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen Literatur ins Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen Kusmin, den schönen, aber vom Geist der Städte zerpflückten Dymow, den rastlosen Panin, den verrückten Remisow hat es übertragen und geschätzt.

Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne „Kunst dem neuen Volk“ angetreten. Alexander Block mit seinen „Zwölf“, jenem wilden Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel dennoch bewiesen, daß man auch als Politiker große Kunst schaffen könne. Die Kunst Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die Deutschen haben aber keinen Augenblick aufgehört, selbst den Experimenten nachzuspüren. Es fehlen nur die Massen, die früher eine Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich im gleichen Gefühl trafen.

Wo sind auch die Signale, die England einst herüberfunkte? Hinter Percys „Reliques“ und Macphersons „Ossian“ lief ganz Europa her. Die Werke der Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die Franzosen auszuräuchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden schwankte. Der „empfindsame“ Sterne, Fielding, dieser entzückende Spötter, Goldsmith, der mit Flötenspiel durch die Welt reiste und medizinierte, bestimmten einst den deutschen Gefühlsausdruck. Die Romantik Bulwers überschwemmte alle gefühlvollen Herzen, die Elliot malte ihre Sätze in jedes Album, um Currer Bell vergoß man männiglich Tränen. Man freute sich mit dem großen Redner Sheridan und seinen Witzeleien, man lag am Herzen der Smollet und Thackeray und Defoe und Swift.

Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schönen Lord Byron geliebt und wie waren später der schöne Urning Wilde und Beardsley die sichersten Ponten im Spiel der Geschmäcker. Aber erst Scott ward ein Autor, um den Europa sich riß und mit Dickens wäre jeder Germane gern gestorben. Deutschland lebte von England, weil es ein breites bürgerliches Publikum besaß, aber keine bürgerlichen Romane.

Das Publikum ist heute in der Zersetzung, aber auch England hat keine Autoren mehr außer dem Savanarola der Militaristen, dem Kipling und dem Lächler und Sozialisten Shaw. Zwischen ihnen steht (außer dem famosen Wells) lediglich noch der gescheiteste Mann Englands, Chesterton, halb Prälat, halb Kunstreiter, den Blick nach Rom gerichtet. Chesterton, der sogar Detektivgeschichten benutzt, um katholische Seelen zu fangen, der den Curé-Kriminalisten erfand und als Spötter sich über seine eigne Propaganda für Rom artig ergötzt. Die katholische Kirche ist — weiß er — das elastischste Gebäude der Welt und gestattet als einzige Organisation der Welt die Ironie.

Kipling ist Engländer und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord Northcliff ein halb Dutzend Jahre den größten Preßkonzern der Welt gegen uns in Batterien der Unflätigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, daß auch Kipling, ein Dichter und gewaltigerer Tierschilderer als unser Hagenbeck und der Däne Fleuron, daß gerade ein Raubtier-Dichter wieder das Wort von der Vorherrschaft der weißen englischen Rasse über die Welt und die Schurkerei seines deutschen Konkurrenten erfand. Es waren geschickte Jagdzüge, und das deutsche Fell blutete heftig darunter. Shaw und Chesterton sind dagegen Iren. Auch in England hat der Sieg neben dem Europäer Shaw nur einen überhitzten Nationalisten als Repräsentanten hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort Pause. Hinter den beiden Iren ist nichts mehr da.

Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch Schreibenden, den Upton Sinclair geholt, dessen Bücher dichterischer wie die des Barbusse sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn er versucht politische Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen Kunst. Schon immer besaßen wir Amerika. Als vor hundert Jahren Washington Irving seine Skizzen schrieb, die England und Amerika aus der Schmollerei zur Freundschaft brachten, haben wir den Irving sofort übernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbücher groß geworden, an des Bostoner Emersons Klügeleien haben ebenso viele sich gewärmt wie andere an der Engländer Ruskin und Carlyles beschränkten Gedankengängen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah wie Bayern im deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopöen las man in größeren Massen als die englischen tuberkel-süßen Prärafaeliten. Poes Grausen hat seine furchtbare Nüchternheit neben unseres Hoffmanns Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.

Wir haben freigiebig dem Rumänen Monolescu unsere Perlen gelassen und seine Diebsmemoiren dafür gedruckt, haben es willig hingenommen, daß polnische Emigranten während des Kriegs, ehe sie zu antideutscher Propaganda ins Reich Pilsudskis zurückkehrten und schwiegen, uns die halbe ziemlich greuliche polnische Literatur servierten, darunter allerdings den kessen Roman des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane, haben des portugiesischen Zola, des Queiroz Bücher, haben die Poesien der Asiaten und Afrikaner, der Kabylen und Lappen zu uns eingeführt in einer Flut, die bald hemmungslos weiterströmt als man mitkann.

Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre „Nichteingesessenen, Eingekauften“ stammen noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihre drei möglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd gestiegen und damit in den großen Tattersal geritten. Das liberalste Hirn Europas sind die Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter übersetzt, haben Scholem Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die Paies und Kaftans und Chuzpes und ihre tiefe Gläubigkeit, ihr unerhörtes Nationalbewußtsein neben das unsere gestellt, haben durch des bedeutenden Denkers Buber vermittelnde Hand die großen östlichen Rabbis aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verkünder, haben den Rabbi Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern gemacht. Wir sind das Meer geworden schließlich, wohin die Skandinaven ihre Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plündern oder Karthago zu erobern.

Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven Skandinaven ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie ja langsam alle bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den norwegischen Segeln liegt Christiania und das Eismeer. Über den Stockholmer Rufen weht schon die slawische Stimme. Um die dänischen Cats weht wie Versailles der weiche Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein Renntier, das zu stottern anfängt, kein Eskimo, der ein paar Runen zeichnet, kein delirierender Lappe in der Übersetzungskompagnie.

Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die Dänen. Sie schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den Fußspitzen steht, oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit dem zarten Bang uns einen radierten Impressionismus geschenkt, der entzückende Tierempfinder Fleuron, der süße Südseemaler Laurids Bruun, der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule. Dagegen sind der sibirische Vagant Madelung mit seinen gemeißelten Sachen, der tolle Jürgensen, der das Tiergebrüll der Kongonacht aufruft, von Jensens wundervollem Blut. Hinter ihnen her sind zweiundachtzig kleinwüchsigere Dänen in Deutschland ausgebootet. Darüber hat Pontoppidan dann mit der Freskenkraft eines müden Rubens sein sterbendes Zeitalter gemalt, und der große Dichter Nexö hat mit der Wildheit eines zwanzigjährigen Rodin das proletarische Zeitalter schon frohlockend an die Küste von Bornholm geschrieben.