Zehntes Kapitel.
Der Abschied.
Die Vakanz war vorüber, zwei Wochen noch war Gretchen in die Schule gegangen und jetzt stand der Umzug nahe bevor. Auf Dienstag war er festgesetzt und heute war schon Samstag. Im ganzen Hause sah es schon ungemütlich aus, die Vorhänge waren von den Fenstern weg, die Zimmer lagen voll Heu und Stroh und Kisten standen überall im Weg.
»Es ist gar nicht mehr behaglich daheim,« sagte Gretchen, »ich bin froh, daß ich in die Schule gehen darf.«
»Ja, heute zum letzten Mal,« sagte die Mutter, »am Montag ist auch dein Schulranzen schon eingepackt.«
»Aber Mutter, ich will nur sehen, ob der Vater sein Versprechen hält mit der Freude für die armen Schulkinder; gewiß vergißt er's und ich mag ihn doch nicht so oft daran erinnern!«
»Er wird schon daran denken zur rechten Zeit. Aber jetzt gehe nur, du kommst sonst zu spät in die Schule!«
»O, das macht nichts, du weißt gar nicht, Mutter, wie gut der Lehrer gegen mich ist und alle Kinder. Darum möchte ich ihnen eben gar so gern eine Freude – –«
»Ich weiß schon, was du möchtest,« unterbrach die Mutter, »aber jetzt mache doch nur, daß du einmal fortkommst, ich habe alle Hände voll zu tun!«
Und Gretchen ging. Sie kam wohl ein wenig zu spät, aber der Lehrer sagte nur: »Ich habe schon Angst gehabt, daß du gar nimmer kommst!« und er und die anderen Kinder blickten gar freundlich auf sie. Ein halbes Stündchen vielleicht hatten die Kinder gearbeitet und der Lehrer rief eben: »Wieviel macht 9 und 5?« da klopfte es an der Türe und herein trat – Herr Reinwald.
Alle Kinder sahen zuerst auf ihn und dann drehten alle wie auf Kommando die Köpfe nach Gretchen. Was bedeutete dieser Besuch? Gretchen wußte es selbst nicht.
»Entschuldigen Sie, daß ich störe,« sprach Herr Reinwald zu dem Lehrer. »Meine Kleine möchte zum Abschied ihren Schulkameraden eine Freude machen und da möchte ich denn die ganze Klasse auf heute Nachmittag in unsern Garten einladen. Die Birnen und Jakobiäpfel sind reif, die Himbeerstöcke hängen voll Beeren und möchten gezupft sein. Wollt ihr wohl kommen, Kinder?«
Sie wollten wohl alle, aber keines hatte recht den Mut, laut zu antworten. Da erhob sich unser Felix, dem kam diese Art gar unhöflich vor: »Wenn Sie erlauben, werden wir so frei sein und kommen.« Herr Reinwald lächelte.
»Wer ist der kleine Sprecher?« fragte er.
»Das ist Felix Acosta.«
»Ach ja, das hätte ich mir denken können, von dem habe ich schon viel gehört. Also ihr wollt kommen?«
Jetzt ertönte ein lautes, allgemeines, jubelndes »Ja« und Gretchen lachte laut auf vor Glück.
»Um vier Uhr wird das Gartentor aufgemacht. Jedes von euch darf auch noch ein Körbchen oder Säckchen mitbringen! Nun will ich aber nicht länger stören, jetzt seid nur wieder fleißig!«
Herr Reinwald verließ das Zimmer, der Lehrer begleitete ihn, und während sich draußen die beiden Herren voneinander verabschiedeten, brach drinnen lauter Jubel los und Gretchen wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt:
»Wer schüttelt die Birnen? Zieht man sein Sonntagskleid an? Macht's nichts, wenn man einen Korb mitbringt, an dem ein Henkel abgerissen ist?«
Während nun Gretchen so von Fragenden umringt war, kam unser Hans zu seinem Felix und sagte: »Wir zwei können nicht, wir haben um vier Uhr Stunde.«
»O, das hätte ich vergessen! Es schadet aber nichts, wir sagen Herrn Baumann, daß wir nicht kommen können.«
»Vielleicht,« meinte Hans, »dürfen wir um zwei Uhr in die Stunde kommen.«
»O, da ist's so heiß!«
»Oder um drei Uhr.«
»Geht nicht, wir kämen zu spät zu Herrn Reinwald.«
»Also um fünf Uhr.«
»Da sind wir noch nicht zurück!«
»Aber um sechs Uhr.«
»Da – da will ich baden.«
»Um sieben Uhr?«
»Da ist's zu spät.«
Hans sah eine Weile mit seinen großen blauen Augen prüfend auf Felix, dann sagte er mit vorwurfsvollem Ernst: »Felix, du magst nicht!«
Und Felix schlug die Augen nieder, denn der Hans hatte ihn durchschaut und er schämte sich.
Nach kurzer Zeit aber sagte er zutraulich zu seinem kleinen Freund: »Ich habe Herrn Baumann sehr lieb, aber jeden Nachmittag Stunde haben, das ist nicht lustig. Wir wollen ihm sagen, daß wir um vier Uhr nicht können und dann tun, wie er meint.«
Damit war nun Hans ganz einverstanden und er ging wieder auf seinen Platz zurück und das war gut, denn eben kam auch Herr Stein wieder herein und rief: »Was ist das für ein Tumult! Wer nicht still an seinem Platz sitzt, bis ich drei zähle, darf nicht bei Herrn Reinwald Birnen essen. Eins, zwei, drei!«
Alles war still, nur eine Stimme unter den Knaben flüsterte noch.
»Wer hat da noch gesprochen?«
»Der Franz!« riefen viele Kinder und deuteten auf des Holzhackers Franz.
»Was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt: dem Lehrer gehören die Birnen nicht, der kann gar nicht sagen, wer sie essen darf oder nicht!«
»So? Solche Reden führst du? Die Birnen gehören mir freilich nicht und meinetwegen kannst du sie essen, aber heute nachmittag von vier bis fünf Uhr hast du Arrest, Frau Semmelmeier wird dich holen, wenn du nicht von selbst kommst!«
Nun war's mäuschenstill in der Schule, und der Lehrer hatte es leichter als sonst; jedes hatte Angst, daß es ihm auch so gehen möchte, wie dem Franz, und hielt sich so brav wie möglich. Nach der Schule aber brach der Jubel um so lebhafter wieder los, nur Franz, der sonst immer unter den lautesten war, schlich sich ganz stille nach Hause. Hans und Felix aber gingen zusammen zu Herrn Baumann und kamen gar bald vergnügt wieder herunter, denn Herr Baumann hatte erklärt, wenn ein solches Abschiedsfest gefeiert werde, könne von einer Stunde gar keine Rede sein. Überhaupt habe Felix jetzt bald seine Kameraden eingeholt und es dürfe nun wohl manchmal eine Stunde ausfallen. Das hörte Felix sehr gerne und dem guten Hans war es recht um Felix willen.
Als Gretchen daheim ihren Vater sah, fiel sie ihm in ungestümer Freude um den Hals und dankte ihm.
»Also hab ich's recht gemacht?« fragte der Vater, »freilich bekommen nun nicht nur die etwas, die du auf deinen Zettel geschrieben hast, sondern alle. Wir dachten aber, wer kann so genau wissen, welche Kinder arm sind? Und für den Schäfer-Hans, der wohl der ärmste von allen ist und der immer meiner kleinen Prinzessin die Griffel spitzen mußte, hat sich die Mutter noch etwas besonderes ausgedacht.«
»O, was ist's, Mutter?«
»Ein guter, warmer Winteranzug ist's, den ich ihm aus einem älteren vom Vater machen lassen will.«
»Das kann er brauchen, Mutter, denn bei ihm gibt's überall Löcher, aber am liebsten hätte ich ihm doch etwas von meinen eigenen Sachen geschenkt.«
»Nun, wenn du ihm zur Freude etwa noch eines von deinen Büchern geben willst, so habe ich nichts dagegen. Er ist ja so fleißig und kann's gewiß bald lesen.«
Das war nun ganz nach Gretchens Sinn und sie machte sich gleich eifrig daran, etwas Passendes für Hans auszuwählen. Dabei kam ihr ein Bilderbuch in die Hände, das sie schon lange nimmer angesehen hatte. Es hieß das »Raubtier-Buch« und es waren in demselben die wilden Tiere auf großen farbigen Bildern dargestellt und allerlei Merkwürdiges von ihnen erzählt.
»Mutter,« bat Gretchen, »o bitte, laß mich dies Buch dem Felix Acosta schenken, sieh es sind junge Löwen darin, das wäre etwas für ihn!«
»Wenn du's gerne hergibst, so habe ich nichts dagegen. Bei diesem Abschied sollst du einmal nach Herzenslust an deine Freunde verschenken dürfen.«
Bald hatte Gretchen auch für Hans etwas ausgewählt und nun erwartete sie mit Ungeduld ihre Nachmittagsgäste.
Mit dem Schlag vier Uhr ging Herr Reinwald mit seinem Töchterchen hinunter, schloß das große Gartentor auf und ließ die Schar der Kinder herein, die sich dort schon versammelt hatten. Zuerst blieben sie schüchtern und erwartungsvoll stehen. Als aber Herr Reinwald den Birnbaum schüttelte und die köstlichen Birnen herunterpratzelten, sprangen die Kinder lustig durcheinander, um sie flink aufzulesen. Es gab aber ein solches Drängen und Drücken um den Baum herum, daß Herr Reinwald sagte: »Es wird besser sein, wir teilen die Gesellschaft. Gretchen, führe du die Mädchen einstweilen an die Himbeeren, bis die Knaben ihre Körbe gefüllt haben und nachher wechseln wir.« So war's nun noch netter und Gretchen war so im Eifer mit ihren kleinen Freundinnen, daß sie gar nicht bemerkte, wie die Mutter herunterkam, den Hans bei der Hand nahm und mit sich ins Zimmer hinaufführte.
Dort oben wartete schon der Schneider.
»Sehen Sie, Herr Kerzengrad,« sagte Frau Reinwald, »das ist der Knabe, dem Sie den Anzug machen sollen.«
»Sehr wohl, Frau Reinwald, es scheint allerdings, daß ein neuer Anzug hier gut angebracht wäre.« Der Hans wußte gar nicht, was das bedeuten solle, als Herr Kerzengrad sein Maß aus der Tasche zog und vor ihm niederkniete.
»Nun laß dir das Maß nehmen, Kind,« sagte Frau Reinwald freundlich. Hans wußte nicht, wie er das machen sollte.
»Soll ich auch niederknieen?« fragte er.
»Ist durchaus nicht nötig,« versicherte der Schneider, »bist mir nicht zu groß!« Bald war's geschehen, der Schneider nahm das Tuch, versicherte, daß es einen feinen Anzug geben würde, empfahl sich und ging.
Der Hans aber stand regungslos. Er ahnte etwas, das er doch nicht recht glauben konnte. Frau Reinwald merkte es.
»Gelt, Hans, du weißt gar nicht, was das bedeutet! Sieh, der Schneider macht dir jetzt einen neuen Anzug, den schenken wir dir dann zum Andenken, weil wir fortgehen.«
Das war deutlich auch für den Hans. Er strahlte mit dem ganzen Gesicht wie ein Vollmond und – lief zur Türe hinaus ohne ein Wort.
Das war nun freilich nicht artig, und Frau Reinwald war etwas überrascht; aber sie zürnte dem Kind nicht.
»Wie soll so ein Kind lernen, was sich gehört?« sagte sie sich, »wie lange hat es gedauert, bis Gretchen sich gemerkt hat, daß man grüßt und dankt! Er ist vielleicht in seinem Herzen doch nicht undankbar!«
Nein, das war der Hans nicht. Er hatte nur nicht gelernt, seine Dankbarkeit auszudrücken. Er lief hinunter, suchte seinen Felix auf, zog diesen beiseite und erzählte ihm sein unerhörtes Glück.
Felix freute sich mit seinem Freund, plötzlich aber sagte er: »Ach Hans, ich hätte bei dir sein sollen, du hast wohl wieder nicht gewußt, daß du grüßen und dich bedanken mußt! Wie hast du's denn gemacht?«
Hans war über diese Frage sehr verblüfft.
»Ich habe gar nichts gemacht!«
»Aber was hast du denn gesagt, wie du fortgegangen bist? Hast du Frau Reinwald die Hand gegeben?«
»Nichts gesagt und nichts gegeben,« antwortete Hans.
»Aber Hans, das ist schlimm!«
Der Hans fühlte das jetzt auch ganz deutlich, er wurde dunkelrot und sah den Felix ratlos an.
»Traust du dich jetzt noch einmal hinauf zu gehen und zu danken?« fragte Felix.
»Ich traue mich nicht, aber ich muß!« rief Hans, lief zum Haus zurück, trabte die Treppe hinauf und ohne weiteres in das Zimmer hinein, denn in seiner jetzigen Aufregung konnte er doch an solche Kleinigkeiten, wie das Anklopfen an der Türe, nicht denken! Mit einem Male stand er vor Frau Reinwald, die eben vor einer Kiste kniete, in die sie Porzellan einpackte. Ganz erstaunt sah sie auf.
»Vergelt's Gott und ich dank auch schön,« sagte der Hans und streckte seine Hand hin. Die rechte war's freilich nicht, sondern die linke, der Hans machte da noch keinen Unterschied.
»So ist's recht, mein Kind,« sagte Frau Reinwald und ergriff freundlich die dargebotene Hand, »gelt, vorhin hast du's ganz vergessen.«
»Ja,« sagte der Hans und wurde wieder über und über rot.
»Brauchst dich gar nicht zu schämen, denn du hast's jetzt wieder gut gemacht. Es ist auch recht, daß du noch einmal heraufgekommen bist, denn ich muß dir noch etwas sagen. Später, wenn die andern Kinder fortgehen, sollst du mit dem Felix noch ein wenig dableiben bei meinem Gretchen, wollt ihr wohl?«
»Ich will schon und der Felix auch, dem ist's gar nicht recht, daß die Reinwald fortkommt; aber mir auch nicht.«
»So, habt ihr sie gerne?« sagte lächelnd Frau Reinwald, »nun dann kommt nur nachher noch ein wenig zu ihr.«
Hans sagte nun sehr ausdrücklich: »Behüt Gott« und ging mit leichterem Herzen die Treppe wieder hinunter, als er heraufgekommen war.
Drunten wurden Äpfel geschüttelt, Felix saß hoch oben im Baum und wagte sich soweit hinaus auf die Äste, daß es Herrn Reinwald ganz Angst wurde.
»Der fällt nie!« sagte Hans mit größter Bestimmtheit und ging weiter. Die Kinder hatten nur zu tun, um alle die schönen Jakobiäpfel, die Felix herunter schüttelte, aufzulesen und in ihre Körbe zu sammeln.
Draußen, am Gartenzaun, schlich einer vorbei, der warf sehnsüchtige Blicke herein: Es war des Holzhackers Franz, der kam von der Schule heim, es schlug eben fünf Uhr. Felix, von seinem hohen Posten herunter, bemerkte ihn und schnell ließ er ein paar schöne Äpfel hinaus fliegen. Der Franz las sie eiligst auf und lief damit heim, froh, daß er doch nicht ganz leer ausgegangen war!
Als der Apfelbaum geleert und Felix wieder herunter geklettert war, sah er sich nach Hans um. Ja, wo war der? Der stand, ganz in Gedanken versunken in der Ferne, unter einem Kastanienbaum. Felix und Gretchen gingen auf ihn zu.
»Hans, warum sammelst du nicht Äpfel, ist dein Korb schon voll?« fragte Felix.
Da erwachte Hans wie aus einem Traum und blickte um sich.
»Es sind keine Äpfel da,« sagte er.
»Natürlich nicht, wenn du unter dem Kastanienbaum suchst,« sagte Gretchen lachend, »was tust du denn da?«
Das wußte der Hans selbst nicht recht. Er mußte immer an Frau Reinwald denken und an den neuen Anzug und mußte sich besinnen, wie er das alles daheim der Großmutter auf die Tafel schreiben könne.
»Schreibt man ›Anzug‹ mit ›h‹?« fragte er. Gretchen lachte.
»Du schreibst doch jetzt nicht, was willst du denn?«
»Er wird daheim seiner Großmutter etwas aufschreiben wollen, gelt Hans?« sagte Felix, der sich schon auskannte.
Hans nickte.
»›Ahnung‹ schreibt man mit ›h‹,« sagte Gretchen, »aber vom ›Anzug‹ weiß ich's nicht gewiß.«
»Das ist auch einerlei,« meinte Felix, »die Großmutter versteht's schon.«
»Ja, aber wissen möcht man's doch!« beharrte Hans.
Felix und Gretchen waren aber jetzt gerade nicht so wißbegierig.
»Komm lieber zum Apfelbaum,« sagten sie und zogen ihn fort.
Es wurde sechs Uhr, bis die Kinder endlich alle mit reich gefüllten Körben abzogen und bis Gretchen ihre beiden Freunde mit hinaufnehmen konnte, um ihnen die Bücher zu geben. Hans bedankte sich diesmal, ehe er sein Buch nur recht in den Händen hielt und wollte mit seinem Schatz unter dem Arm gleich wieder gehen. Felix aber hatte das seinige aufgeschlagen und nun fiel sein Blick auf ein Bild, das eine Löwin darstellte mit ihren Jungen. Wie gebannt sah er auf das Bild nieder und dann rief er in hellem Jubel, auf die Löwin deutend: »Das ist Minka und dieser Kleine da ist Nero, mein Nero, o mein Nero!« und man wußte nicht mehr recht, ob Felix lachte oder weinte vor Freude.
Frau Reinwald war ganz gerührt.
»Sieht der kleine Löwe deinem Löwen ähnlich?« fragte sie.
»Er sieht ihm nicht ähnlich, er ist es selbst, so dreht er sich und will sein Schwänzlein fangen, o ich kenne ihn so gut und die Minka auch; aber die anderen kenne ich nicht.«
Gretchen sah die Mutter fragend an: »Kann das wirklich sein Löwe sein?«
»Es ist ja nicht unmöglich,« sagte Frau Reinwald, »daß der Maler, der dieses Bild gemacht hat, die Löwen abgemalt hat, die damals im Zirkus waren.«
»O ja, sehr oft sind Maler vor den Löwenkäfig gekommen,« versicherte Felix und nun drückte er das Buch fest an sich wie einen Schatz und sagte: »Hans komm, das muß Herr Baumann sehen!«
Die beiden kleinen Burschen verabschiedeten sich und zogen ganz glücklich mit ihren Büchern und Körben von dannen.
»Herr Baumann, Sie müssen meinen Nero sehen!« rief Felix und schlug sein Buch auf.
Der alte Herr freute sich selbst an dem schönen Bild, aber noch mehr an dem Glück seines kleinen Schülers, der ihm nun gar manches von seinen Löwen erzählte. Hans hörte aufmerksam zu und erst zuletzt, als er sah, daß sein Felix ganz befriedigt war, schob er dem Lehrer stillschweigend sein Buch hin.
»So, du hast auch etwas?« sprach Herr Baumann und schlug das Buch auf. »Ei, das sind ja die Erzählungen von Christoph Schmid! Nun will ich euch etwas sagen: Künftig dürft ihr in die Stunde immer eure schönen Bücher mitbringen, dann lesen wir in diesen. Dann wird's aber schön werden in unsern Stunden!«
Und wie der gute Lehrer gesagt hatte, so kam's, und die Stunden waren von nun an nicht nur dem Hans, sondern auch dem Felix die liebsten Stunden in der Woche. –
Der letzte Sonntag, den Gretchen in Föhrenheim zubringen sollte, war gekommen; die Eltern hatten sie noch einmal mitgenommen in die Kirche, in der sie getauft worden war, und am Nachmittag hatten sie Abschiedsbesuche gemacht im Städtchen und Lene war hinaus in ihr heimatliches Dorf gewandert, das nur eine Stunde entfernt lag, und war mit verweinten Augen zurückgekommen.
Und nun war's Dienstag. Ein großer Möbelwagen stand vor dem Haus und Gretchen sah zu, wie ein Möbel nach dem andern hinein wanderte. Jetzt schlug es zehn Uhr und die ganze Schar der Schulkinder kam in der Freiviertelstunde herbeigesprungen, um auch etwas von dem Umzug mit anzusehen.
Den Packern, die aus der Residenz gekommen waren, war das unbequem und einer hob ein Seil auf, schwang es drohend gegen die Kinder und rief: »Macht daß ihr weiter kommt, ihr Gassenkinder.«
Da trat Gretchen näher und sprach ganz entrüstet: »Das sind keine Gassenkinder, das sind alles meine Freunde und Freundinnen!« Erstaunt sah der Mann sie an.
»Eine saubere Freundschaft hat das kleine Fräulein,« murmelte er, ließ aber die Kinder doch in Ruh, und bald darauf schlug es Viertel und alle rannten zum Schulhaus zurück. Gretchen wäre fast mit gesprungen, es kam ihr ganz sonderbar vor, daß sie nun schon nimmer zu ihnen gehörte.
Um Mittag schon war die ganze Wohnung leer und der Wagen wurde verschlossen. Wie kahl sah es nun in der Wohnung aus und wie eigentümlich hallten die Schritte in den leeren Räumen!
Der Mutter war's weh ums Herz, sie war auch so müde und matt, und wenn der Vater sie aufheitern wollte, kamen ihr die Tränen. In der öden Küche stand Lene und band sich eine frische Schürze um. Es läutete eben zwölf Uhr. Gretchen sah sich in der Küche um.
»Gelt, Kind, du bist hungrig,« sagte Lene, »und ich hab' dir nichts gekocht!«
»Ich weiß schon, Lene, wir sind ja alle in die Apotheke zum Essen eingeladen, dort gibt's gewiß etwas Gutes, freust du dich nicht, daß du auch mit darfst?«
»O ich kann mich nicht freuen, ich mag gar nicht aus meiner lieben Küche heraus!«
Aber Lene mußte doch heraus, Herr Reinwald rief nach ihr und Gretchen, zum letztenmal gingen sie alle zusammen die Treppe hinunter und die Türe schloß sich hinter ihnen.
»Unsern Ausgang segne Gott,« sagte tief bewegt Frau Reinwald, und ihr Mann fügte leise hinzu: »Unsern Eingang gleichermaßen!«
Bald darauf saßen sie an dem gastlichen Tisch in der Apotheke und durften sich bei den lieben Freunden ausruhen von der Anstrengung der letzten Stunden.
Am Nachmittag fuhr ein Wagen vor, um die Familie Reinwald an die Bahn zu bringen. Dem einen Wagen folgten aber noch drei andere, viele gute Freunde hatten sich verabredet, die Familie hinaus zu geleiten. Das gab nun für Gretchen noch eine lustige Fahrt durchs Städtchen, aus vielen Häusern grüßten Bekannte heraus und sie konnte noch manchen ihrer Schulkameraden zuwinken. Als sie schon am Bahnhof angekommen und in den Zug eingestiegen waren, sah Gretchen noch durchs Fenster zwei Knaben atemlos herbei rennen: es waren Hans und Felix. Sie kamen dicht an den Wagen. Hans hielt ein Paketchen in der Hand und wollte es Gretchen hinauf reichen, aber der Zug setzte sich schon in Bewegung. Da ergriff es Felix und warf es glücklich noch durchs Fenster hinein, so daß Gretchen es fassen konnte. Sie winkte mit ihrem Taschentuch hinaus, Felix schwenkte sein Samtmützchen und einen Augenblick nachher war der Bahnhof und das ganze Städtchen ihren Blicken entschwunden.
Als Gretchen das Päckchen aufmachte, fand sie darin sechs Griffel, so fein gespitzt, wie eben nur der Schäfer-Hans sie spitzen konnte!