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Das erste Schuljahr: Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren

Chapter 14: Zwölftes Kapitel. Ein böser Verdacht.
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About This Book

A young child's first school year is recounted through a series of episodes beginning with registration and the first school day and continuing with classroom lessons, encounters with classmates, small adventures, misunderstandings, and moments of reward and farewell. The episodic structure emphasizes everyday schoolroom life, social dynamics among children, emerging friendships, occasional fears and suspicions, and acts of helpfulness that foster growing maturity. Intended for young readers, the narrative blends gentle moral lessons with vivid scenes of learning and community.

Zwölftes Kapitel.
Ein böser Verdacht.

Die nächsten Wochen brachten unserem Gretchen noch manche Not. In der Schule soviel Neues und Schweres und daheim weder Rat noch Hilfe, denn der Mutter Krankheit nahm den Vater und Lene ganz in Beschlag.

Heute war es Gretchen besonders schlecht gegangen. Sie hatte von Fräulein von Zimmern zwei schlechte Noten bekommen, weil sie schon zum zweitenmal ihre Geographieaufgabe nicht gekonnt hatte. Betrübt schlich sie in der Freiviertelstunde umher, sie hatte keine Lust, mit den anderen zu spielen; aber Hermine Braun vermißte sie bald und suchte sie auf. »Ist dir's sehr arg, daß du schlechte Noten bekommen hast?« fragte sie, »und warum hast du denn deine Geographie nicht gelernt?«

»Ich habe sie doch gelernt,« rief Gretchen ganz in Verzweiflung, »gewiß zwei Stunden habe ich daran gelernt!«

»Aber du hast doch gar nichts gewußt von allem, was Fräulein von Zimmern gefragt hat!«

»Was sie gefragt hat, kommt ja gar nicht in meinem Büchlein!«

»O, dann hast du gewiß ein falsches Buch, zeige es mir doch einmal.«

Gretchen holte es herbei. Das Buch war nicht falsch, aber bald zeigte sich's, daß Gretchen, die sich noch gar nicht darin auskannte, etwas ganz anderes daraus gelernt hatte und zwar wohl dreimal soviel, als sie aufgehabt hatte.

»Das muß Fräulein von Zimmern erfahren,« rief Hermine lebhaft, »ich gehe mit dir und sage es ihr, gleich jetzt in der Freiviertelstunde. Komm nur!« und voll Eifer zog sie Gretchen mit sich fort, klopfte bei Fräulein von Zimmern an und trat mit Gretchen ein.

»Fräulein von Zimmern,« sagte Hermine, »Gretchen kennt sich im Geographiebuch noch nicht recht aus und hat für heute etwas anderes gelernt, alles dieses!« und sie wies in das Buch.

»Ist das richtig?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie Gretchen ernst ansah.

»Ja.«

»So sage es mir her!«

So lange und schwierig auch die Aufgabe war, die Gretchen gelernt hatte, sie konnte sie ohne Anstoß von Anfang bis zu Ende. Hermine war ordentlich stolz, daß es so gut ging. Fräulein von Zimmern hörte sie aufmerksam an bis zum letzten Wort. »Das war eine schwere Aufgabe für dich,« sagte sie nun, »ich sehe, du warst sehr fleißig. Es tut mir leid, daß du etwas anderes gelernt hast, als ich verlangt hatte; deine schlechten Noten kann ich nimmer ausstreichen, das kommt nie vor, gar nie, auch dann nicht, wenn sie unverdient waren. Im Leben geht es uns auch manchmal so, daß wir ohne Schuld ins Unglück kommen. Auch das muß man ertragen lernen. Ich weiß aber nun, daß du deine Pflicht getan hast, ich bin wieder zufrieden mit dir und so wirst du's auch sein.«

Und Gretchen war's, denn, wenn sie auch Fräulein von Zimmern noch nicht eigentlich lieb hatte, so empfand sie doch schon eine solche Hochachtung für sie, daß dies Lob aus ihrem Munde sie ganz glücklich machte.

»Wenn wieder Geographiestunde ist, so kannst du Gretchen die Aufgabe in ihrem Buch zeigen, Hermine,« sprach Fräulein von Zimmern, »ich sehe, daß ihr gute Freundinnen seid, das freut mich, haltet nur treulich zusammen!«

Als die beiden wieder draußen im Vorplatz waren und Gretchen sicher war, daß Fräulein von Zimmern sie nimmer sah, fiel sie Hermine in ihrer alten, ungestümen Weise um den Hals, drehte sie dann um und um vor Vergnügen, daß Hermine gar nicht wußte, wie ihr geschah, und ganz erstaunt ausrief: »Aber Gretchen, das habe ich noch gar nicht gewußt, daß du auch so lustig sein kannst!« Nun sprangen die Freundinnen miteinander hinaus in den Schulhof und waren vergnügt mit den anderen, denn Gretchen fühlte sich schon längst nimmer fremd unter ihren Kamerädinnen. Nur Ottilie von Lilienkron konnte sie heute noch so wenig leiden wie am ersten Tag, und bald sollte ein Ereignis eintreten, das die Abneigung der beiden Kinder gegeneinander noch bestärkte.

Die Handarbeitsstunde kam wieder, die von Gretchen so sehr gefürchtete. In die zweite Arbeitsstunde war Gretchen ohne ihren alten Strickstrumpf gekommen und hatte versichert, daß er nirgends zu finden sei. Fräulein Klingenstein hatte dies zwar nicht geglaubt, sondern es bloß für eine Ausrede gehalten; aber sie hatte nicht darüber gezankt, denn damals war Gretchen noch sehr in ihrer Gunst gestanden. Seitdem aber waren mehrere Arbeitsstunden vergangen und in diesen war Fräulein Klingensteins freundliche Gesinnung gegen Gretchen ins Gegenteil umgeschlagen. Gretchen brachte das schwierige Börtchen, mit dem sie ihren neuen Strumpf zu beginnen hatte, durchaus nicht zu stande, immer mußte wieder aufgezogen werden, was sie gemacht hatte und darüber wurde Fräulein Klingenstein sehr ungeduldig und hatte schon mehrmals versichert, sie hätte nichts dagegen, wenn Gretchen wieder dahin zurückkehrte, woher sie gekommen war.

Heute nun ging's wieder ganz schlimm. Fräulein Klingenstein hatte eben Gretchens Arbeit in der Hand, die schon anfing, durch das viele Aufziehen eine bedenkliche Färbung anzunehmen. »Dein Strickzeug kann man gar nicht ansehen neben den anderen,« sprach sie ärgerlich. »Ottilie, bringe doch einmal das deinige her, daß wir's nebeneinander halten.« Ottilie war rasch bei der Hand und legte ihre Arbeit neben die von Gretchen, und obwohl sie bemerken konnte, wie diese tiefbeschämt dastand, und obgleich sie hörte, wie Fräulein Klingenstein mit harten Worten Gretchen ihr Ungeschick vorhielt, schien sie doch kein Mitleid zu haben, im Gegenteil, sie deutete geringschätzig auf Gretchens Arbeit und sagte: »So schlecht strickt mein Schwesterchen nicht, das in die Kleinkinderschule geht.«

»Wohl möglich,« antwortete Fräulein Klingenstein, »so oft eine Stunde aus ist, stehen wir wieder an derselben Stelle, wie beim Beginn der Stunde.«

»Nur wird das Garn jedesmal ein wenig dunkler, damit man doch sieht, daß daran gearbeitet wird,« sagte Ottilie lachend und Fräulein Klingenstein lachte mit. Gretchen kämpfte mit den Tränen; sie sagte nichts, als sie aber wieder an ihrem Platz saß, faßte sie im stillen den Entschluß, ihr Strickzeug mit heimzunehmen in der Hoffnung, daß Lene ihr das schwere Muster vielleicht lehren könnte. Es war zwar verboten, die Arbeiten mit nach Hause zu nehmen, aber in ihrem Jammer nahm sie sich vor, es trotzdem heimlich zu tun. Nach der Arbeitstunde, um elf Uhr, mußte sie, wie die andern alle, zunächst einmal ihr Körbchen hinauftragen in die Kammer, sonst hätten es ihre Mitschülerinnen bemerkt. Um zwölf Uhr aber machte sie sich noch ein wenig im Schulzimmer zu schaffen und wartete, bis alle Schülerinnen das Haus verlassen hatten. Dann schlich sie leise die halbe Treppe hinauf; dort aber blieb sie stehen und besann sich. Heimlich etwas Verbotenes zu tun, war ihrem aufrichtigen Wesen ganz fremd und zuwider, und so gerne sie die Arbeit gehabt hätte, sie brachte es nicht über sich, sie zu holen. Was würden die Eltern sagen, wenn sie das wüßten, und sah nicht Gottes Auge auf sie? Gretchen konnte nicht, sie wollte nicht, sie eilte die Treppe wieder hinunter. Aber diesmal blieb sie nicht unbemerkt. In dem Augenblick, als sie herunterkam, begegnete ihr eine Schülerin der ältesten Klasse, die einen ganzen Pack Arbeiten trug.

»Du kommst mir recht, Kleine,« sagte diese, »magst du mir nicht die Fadenrolle aufheben, die mir da hinuntergefallen ist?« Gretchen holte die Rolle. »Ich danke dir; was hast du denn ganz allein da droben getan?« fragte sie arglos.

»O, gar nichts,« antwortete Gretchen in Verlegenheit und eilte fort, während ihr das große Mädchen verwundert nachsah.

Im Heimweg malte sich Gretchen aus, wie schön es wäre, wenn Krieg käme und Soldaten die ganze Kammer ausplündern würden und man gar keine Handarbeiten mehr hätte. In diese Gedanken versunken wandelte sie so dahin und merkte nicht, wer dicht vor ihr desselben Weges ging, bis plötzlich der Anblick eines kleinen Hundes sie aus ihren Träumereien weckte. Das war ja der Mops von Fräulein Treppner und richtig – dicht daneben ging diese selbst, offenbar auch auf dem Weg nach Hause begriffen. Wie der Blitz schoß Gretchen auf die andere Seite der Straße hinüber und tat, als ob sie das Fräulein nicht sähe. Heimlich aber schielte sie doch immer wieder zu ihr hinüber. Fräulein Treppner sah heute nicht so böse aus, eher traurig, meinte Gretchen, etwa so, wie wenn sie gerade darüber nachdächte, daß niemand sie lieb habe. Das alte Mitleid regte sich schon wieder bei Gretchen. »Eigentlich ist's nur natürlich, daß sie neulich böse über mich war,« dachte sie, »denn sie hat ja gemeint, ich hätte absichtlich an ihrer Glocke gezogen. Ich möchte es ihr gar zu gerne sagen, daß es nicht so war.« Gretchen warf einen bedenklichen Blick auf den Hund – der kam ihr aber auf offener Straße auch nicht so gefährlich vor; so wagte sie's denn, ging wieder hinüber auf die andere Seite der Straße, näherte sich dem Fräulein und sprach: »Guten Tag, Fräulein Treppner!«

Ein undeutliches Murmeln war die Antwort des Fräuleins, ein deutliches Knurren die Antwort des Hundes. Das war nicht sehr einladend zu weiterem Gespräch und Gretchen zögerte. Nach einer kleinen Weile aber trat sie noch näher heran und sagte in ihrer herzlichen Weise: »Fräulein Treppner, ich habe gar nicht mit Fleiß an Ihrer Klingel gezogen, ich habe gemeint, es sei die unsrige.« Fräulein Treppner warf einen langen, mißtrauischen Blick auf sie und der Hund kam unheimlich nahe an Gretchens Füße. Diesmal aber rief ihn die alte Dame mit einem »Molly, komm!« zurück. Gretchen nahm dies für ein gutes Zeichen und fuhr fort: »Haben denn andere Kinder schon mit Absicht an Ihrer Glocke gezogen?«

»Ja, freilich haben sie das. Nirgends sind die Kinder so böse wie hier. Sie treiben ihren Spott mit den Leuten, daß sie einem das Leben verbittern.«

»Ach,« sagte Gretchen ganz ernsthaft und dachte an Ottilie, »so geht mir's auch! Da passen wir ganz gut zusammen, mir verbittern sie auch das Leben.«

»Dir?« fragte Fräulein Treppner erstaunt und sah ungläubig in das blühende Kindergesicht neben sich.

»Ja, freilich, mir ist's heute wieder so schlecht gegangen. Da ist eine in unserer Schule, die strickt so schön und die hat mich heute so verspottet und ich kann doch einmal das Muster nicht!«

Der ganze Jammer der Arbeitsstunde fiel Gretchen wieder schwer aufs Herz und ihr Ton klang so bekümmert, daß Fräulein Treppners Mißtrauen ganz verschwand. Sie sah wohl, dies Kind trieb keinen Spott mit ihr.

»Was strickt ihr denn in eurer Schule?« fragte sie.

»Ganz feine, weiße Strümpfe mit einem schweren Börtchen, das bringe ich gewiß nie heraus und in jeder Stunde wird Fräulein Klingenstein ungeduldiger mit mir. Man darf auch die Arbeit nicht mit heimnehmen und wenn man's auch dürfte, die Mutter ist ja krank und Lene brächte das Kettenbörtchen vielleicht selbst nicht heraus.«

»Das Kettenbörtchen ist's? Welcher Unsinn, so kleinen Dingern ein solch schwieriges Muster zuzumuten! Ja, die meisten Menschen sind heutzutage verrückt!« versicherte Fräulein Treppner.

Inzwischen waren sie an das Haus gekommen. Als aber Gretchen hinter Fräulein Treppner eintreten wollte, fing der Mops wieder an zu bellen und wollte es nicht leiden. »Molly, still!« wehrte Fräulein Treppner. »Er kennt mich eben noch nicht,« sagte Gretchen entschuldigend.

»Er kann die Kinder nicht leiden; gelt, Molly, du weißt, daß sie mich verspotten, ja Spott tut weh!«

Jetzt sah das alte Fräulein wirklich traurig aus und es trieb Gretchen, ihr zum Abschied noch freundlich die Hand zu bieten, und Fräulein Treppner nahm wirklich die Hand und sah Gretchen noch wie verwundert nach – sie war nicht gewöhnt, daß ihr die Menschen so herzlich und zutraulich begegneten.

Als Gretchen hinaufkam, fiel ihr gleich auf, daß Lene so geheimnisvoll lächelte.

»Was gibt's, Lene?« fragte sie.

»Gehe nur ins Wohnzimmer, es ist jemand darin.«

»Wer denn?«

»Sieh nur selbst!«

Und wer war's? Die Mutter war's, die heute Mittag zum erstenmal wieder aufstehen durfte und Mann und Kind damit überrascht hatte. O, was war das für eine Freude, als die Mutter am Mittagstische saß! Da schmeckte das Essen doch noch einmal so gut und das ganze Zimmer schien nun auf einmal behaglich und traut. Und wie dankte die Mutter so von ganzem Herzen dem lieben Gott, daß sie wieder bei ihren Lieben sein konnte, für die sie so gerne noch sorgen und schaffen wollte.

Am Nachmittag war Gretchen wohl eine Stunde still an ihren Aufgaben gesessen, da trat die Mutter leise zu ihr heran, strich ihr zärtlich mit der Hand über das Haupt und sagte: »Ist mein Kind so fleißig! Was machst du denn?«

»Zuerst habe ich ins Heft geschrieben und jetzt lerne ich mein Lied.«

»Soll ich dich überhören?«

»Kannst du wirklich, Mutter?« fragte Gretchen ganz beglückt.

»Ja, dies Geschäft kann ich jetzt wieder übernehmen.« Gretchen sagte das Lied her. »Das geht ja ganz ordentlich,« meinte die Mutter.

»Ja, aber noch lange nicht gut genug für unsern Herrn Pfarrer.«

»Ist er so streng?«

»Nein, aber man möchte es doch bei ihm immer ganz gut können. O Mutter, wenn du ihn einmal nur kennen lernen könntest, du hättest ihn gewiß auch lieb!«

»Ich möchte ihn wohl recht gerne einmal sehen; wenn ich erst ganz gesund bin, wird es sich schon machen lassen.«

Gretchen nahm nun ihre Tafel und fing eifrig an, ihre Rechnungen zu schreiben, die Mutter aber dachte im stillen: »Wie ist mein Töchterchen so ernst und eifrig an der Arbeit, ich kenne sie gar nicht wieder.«

Als die Lampe angezündet wurde, mußte sich Frau Reinwald wieder legen und Gretchen saß wieder einsam im Zimmer, als es klingelte. »Wenn nur auch jemand zu mir käme,« dachte sie, »aber hier kommt niemand als der Metzger oder das Milchmädchen,« und richtig war es das Milchmädchen, man hörte ja schon das Klappern ihrer Blechkanne. Aber – wie merkwürdig – Lene rief Gretchen heraus, das Milchmädchen habe ihr etwas auszurichten.

»Fräulein Treppner läßt fragen, ob so das Kettenmuster sei und wenn es so sei, so wolle sie es dir gerne lehren, wenn du zu ihr herunterkommen willst.«

Gretchen betrachtete das Muster, das ihr das Mädchen hinhielt. »Ja, so ist das Muster, ganz so! Lene, hast du's gehört? Meinst du, ich darf hinunter?« fragte Gretchen begierig und fügte leise hinzu: »Du siehst ja selbst, Lene, man muß sie lieb haben, sie ist doch wirklich gut!« Lene schien noch nicht ganz überzeugt, aber das Milchmädchen sagte: »Ich glaube, das Fräulein hat das Muster extra gestrickt für die Kleine, sie würde es sehr übel nehmen, wenn das Kind nicht käme, und so schlimm ist das Fräulein eigentlich nicht, man sagt ihr's mehr so nach.« Nun ging Lene zu Frau Reinwald hinein und kam richtig mit der Erlaubnis zurück.

Nach kurzer Zeit saß Gretchen in Fräulein Treppners Zimmer. Molly hatte endlich sein Bellen aufgegeben und war auf dem Sofa eingeschlafen. Das Fräulein hatte Nadeln und Baumwolle herbeigeholt und Gretchen dachte, nun würde es ans Kettenmuster gehen. Aber Fräulein Treppner fing ihr ein ganz einfaches Müsterchen an. »In meiner Jugend,« sagte sie, »waren die Leute noch vernünftig, da haben sie den Kindern zuerst das Leichte gelehrt und dann das Schwere, jetzt machen sie's umgekehrt. Ich aber zeige dir jetzt ein ganz einfaches Müsterchen und dann wieder eines und erst zuletzt das Kettenmuster. Sieh mir nur zu.« Das ging nun viel, viel leichter, als Gretchen gedacht hatte, und nach einem kleinen Stündchen schon konnte Gretchen befriedigt mit ihrer Arbeit hinaufgehen, denn Fräulein Treppner hatte versichert, morgen abend würde sie ihr das Kettenmuster ganz leicht lehren können. Nach dem Abendessen erlebte Lene das unerhörte, daß Gretchen mit ihrem Strickzeug herauskam und sagte: »Ich stricke noch ein wenig, weil das Müsterchen gar so nett ist!«

An den nächsten Abenden fand sich Gretchen immer zur gleichen Stunde bei Fräulein Treppner ein und endlich erklärte diese: »Jetzt ist dein Kettenmüsterchen ganz schön!« Das war nun eine Freude und ein Glück! Gretchen konnte sich nicht oft genug ausmalen, wie Fräulein Klingenstein sich über ihre Kunst wundern würde. Wie getrost ging Gretchen in die nächste Arbeitsstunde, und doch sollte diese die schwerste für sie werden!

Die Kinder hatten eben ihre Arbeitskörbe aus der Kammer heruntergeholt, die Stunde sollte beginnen. Als aber Ottilie ihre Arbeit aus dem Korbe nahm, entfuhr ihr ein lauter Schreckensruf und mit den Worten: »Aber, wer hat mir das getan?« brach sie in Tränen aus. »Was ist's? Was gibt's?« ertönten die Fragen von allen Seiten und Fräulein Klingenstein trat herzu. Da lag Ottiliens Strickzeug und war gar nimmer zu erkennen: alle Nadeln waren herausgezogen, das Garn durcheinander gewirrt und die ganze Arbeit zerstört. Es war allen ein Rätsel, wie dies hatte geschehen können. Fräulein Klingenstein aber nahm die Arbeit und sagte in höchster Entrüstung: »Ich werde augenblicklich zu Fräulein von Zimmern gehen, die Sache muß sofort untersucht werden.«

Fräulein von Zimmern gab eben Unterricht in der Klasse der Großen und war sehr wenig erfreut über die unangenehme Störung. Sie hätte gerne die Untersuchung bis nach Beendigung des Unterrichts verschoben, aber Fräulein Klingenstein war zu sehr erregt und wollte sich nicht gedulden. »Bedenken Sie nur,« rief sie, »es war die schönste Arbeit der ganzen Klasse, in tadellosem Zustand ist sie hinaufgekommen in die Kammer und so kommt sie wieder herunter. Es muß sie jemand absichtlich droben in der Kammer verdorben haben!«

»Es ist mir unerklärlich, wie so etwas geschehen konnte,« sprach Fräulein von Zimmern, »es hält sich ja nie eines der Kinder allein droben auf. Wir müssen in allen Klassen nachfragen, ob keine der Schülerinnen eine Erklärung geben kann. Weiß keine von euch etwas darüber zu sagen?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie sich an ihre Schülerinnen wandte. Da erhob sich das Mädchen, das am Samstag die Arbeiten hinaufgetragen und dabei Gretchen auf der Treppe getroffen hatte. Sie erzählte ihre Begegnung, und daß Gretchen ihr keine Antwort auf die Frage gegeben habe, was sie dort oben zu tun gehabt habe.

»Dann ist alles klar,« sprach Fräulein Klingenstein sofort mit größter Bestimmtheit. »Gretchen Reinwald, die sehr schlecht arbeitet, hat natürlich einen Haß auf Ottilie, die ich ihr erst in der letzten Stunde als Muster vorgehalten habe und die sich auch über Gretchens Strickerei lustig gemacht hat. Sie wollte sich rächen, das törichte Kind, als ob so etwas nicht gleich ans Licht käme!«

»Nur sachte, Fräulein Klingenstein,« mahnte Fräulein von Zimmern. »Wir wissen zunächst noch gar nichts, als daß das Kind auf der Treppe gesehen wurde, und die Kleine macht mir durchaus nicht den Eindruck, als ob sie solcher Bosheit fähig wäre. Ich will die Sache selbst untersuchen.«

Die beiden Lehrerinnen kehrten zusammen in die zweite Klasse zurück. »Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern, »hat eine von euch sich einen mutwilligen Streich mit dieser Arbeit erlaubt oder sie aus Ungeschick verdorben?«

Alles blieb still.

»Liebe Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern in ungewöhnlich sanftem Ton, »jedes Unrecht kann man dadurch wieder gut machen, daß man es offen eingesteht. Wer mir seinen Fehler bekennt, ist mir nachher wieder so lieb wie vorher. Darum sagt mir nun aufrichtig: Hat eine von euch diese Arbeit berührt?«

Wieder erfolgte keine Antwort, lautlose Stille herrschte in der ganzen Klasse.

»Nun,« begann Fräulein von Zimmern wieder, »ich weiß, es ist sehr schwer, vor allen Mitschülerinnen sein Unrecht zu bekennen. Ich will's euch leichter machen. Heute, von zwölf bis zwei Uhr, bin ich für jede von euch, die mir etwas mitteilen will, in meinem Zimmer zu sprechen. Bedenket aber auch, daß die Sache früher oder später doch ans Licht kommen wird, und daß ich ein Kind nicht in meiner Schule behalten werde, welches mir seinen Fehler nicht eingestanden hat.«

Fräulein von Zimmern wandte sich zum Gehen, Fräulein Klingenstein begleitete sie zur Türe.

»Bitte, von Ihrem Verdacht nichts merken zu lassen,« flüsterte ihr die Vorsteherin zu.

Der Mittag verging, schon war es bald zwei Uhr. Fräulein von Zimmern lauschte auf jeden Schritt, hoffend, daß eine kleine, reuige Sünderin bei ihr eintreten und ihre Schuld eingestehen werde. Aber umsonst – alle Schritte verloren sich in die Klassenzimmer, es schlug zwei Uhr, der Unterricht mußte beginnen. Fräulein von Zimmern trat in die zweite Klasse ein, der sie um diese Zeit Schreibstunde zu geben pflegte. Die Kinder saßen schon an ihren Plätzen.

»Gretchen Reinwald,« fragte Fräulein von Zimmern, »bist du am Samstag nach zwölf Uhr in der oberen Kammer gewesen?«

»Nein,« antwortete Gretchen.

»Aber man hat dich von dort herunter kommen sehen.«

»Ich war bloß auf der Treppe.«

»Was tatest du auf der Treppe?«

Gretchen wurde sehr rot. »Ich wollte in die Kammer gehen, aber ich habe es nicht getan, ich bin gleich auf der Treppe wieder umgekehrt.«

»Und was wolltest du in der Kammer tun?«

»Mein Strickzeug mit heimnehmen und mir zu Hause das Muster lehren lassen.«

»Und warum hast du es nicht getan?«

»Weil es nicht erlaubt ist,« sagte Gretchen ganz leise.

»Das hast du aber doch schon gewußt, ehe du die Treppe hinauf gingst?«

»Ja.«

»Was hat dich dann davon abgebracht? Hast du jemand kommen hören, oder war jemand oben in der Kammer?«

»Ich habe niemand gehört und ob jemand droben war, weiß ich nicht; ich bin nur umgekehrt, weil es nicht erlaubt ist.«

Fräulein von Zimmern fragte nimmer weiter, sie hieß die Kinder schreiben und nahm Ottilie mit sich in ihr Zimmer.

»Hast du eine Ahnung, wer deine Arbeit verdorben hat?« fragte sie dieselbe.

»Das hat ganz gewiß Gretchen Reinwald getan, ich weiß wohl, daß sie mich nicht leiden kann, weil ich besser stricke als sie.«

»Hast du sie denn einmal darüber verspottet?«

»O, bloß im Spaß!«

»Das ist sehr unschön von dir, Ottilie. Du bist ein Jahr älter als sie und hast schon lange Strickunterricht, während sie in ihrer Schule noch keinen hatte. So ist's doch ganz natürlich, daß du weiter bist und gar kein Grund zum Spott da. Sollte Gretchen wirklich deine Arbeit verdorben haben, so wärest du selbst mit Schuld, dadurch, daß du sie so gereizt hast. Ich hoffe aber, daß sich ihre Unschuld bald herausstellt. Gehe nun hinüber in die vierte Klasse und bitte Fräulein Klingenstein, zu mir zu kommen.«

Als Fräulein Klingenstein kam, teilte ihr die Vorsteherin mit, was Gretchen auf ihre Fragen geantwortet habe.

»Die Ausrede ist nicht übel,« rief Fräulein Klingenstein, »und ich sehe, Fräulein von Zimmern, daß Sie daran glauben. Ich aber glaube kein Wort davon! Man hätte nur dem Kind nicht über Mittag Zeit lassen sollen, sich eine gute Entschuldigung auszudenken, wahrscheinlich hat man ihr daheim darauf geholfen.«

»Fräulein Klingenstein,« erwiderte Fräulein von Zimmern sehr ernst, »hätten Sie so oft wie ich die Erfahrung gemacht, wie sehr der Schein trügt, und wie leicht man zu einem falschen Verdacht kommt, so würden Sie nicht so rasch mit Ihrem Urteil sein. Das Kind macht einen so durchaus aufrichtigen, wahrhaftigen Eindruck, daß ich ihm ein solch hartnäckiges Leugnen nicht zutrauen kann.«

»Mit ihrer Wahrhaftigkeit ist es nicht so weit her, dafür habe ich Beweise. Ich verlangte in der ersten Stunde, daß sie mir ihren früheren, offenbar sehr schlecht gearbeiteten Strickstrumpf mitbringen solle. Sie wollte gleich nicht; als ich aber darauf bestand, versprach sie es. In der nächsten Stunde aber versicherte sie, er sei gar nicht zu finden, und er ist auch seitdem noch nicht zum Vorschein gekommen.«

»Es ist freilich nahe liegend zu denken, daß dies bloß eine Ausrede war,« sprach Fräulein von Zimmern, »aber sicher ist auch das nicht. Die Familie war eben erst umgezogen, die Mutter krank –«

Fräulein Klingenstein zuckte die Achseln. »Ich sehe wohl, Sie wollen auch das nicht glauben; immerhin muß irgend jemand Ottiliens Arbeit verdorben haben, und wem sonst wollen Sie es zutrauen?«

Darauf wußte Fräulein von Zimmern keine Antwort. »Ich werde mit unserem Pfarrer darüber sprechen,« sagte sie nach längerem Überlegen, »er hat schon manchmal ein Geständnis erreicht, wo ich es nicht zustande brachte. Bis sich aber alles aufgeklärt hat, ersuche ich Sie, außerhalb der Schule nicht über die Sache zu sprechen.«

Als Fräulein von Zimmern wieder in die zweite Klasse zurückkam, beugten sich zwar alle Köpfe über die Hefte, aber man sah den aufgeregten Gesichtern wohl an, daß nicht die ganze Zeit ruhig weiter geschrieben worden war, und Gretchen gab sich auch jetzt nicht den Schein. Sie hatte den Kopf in die Hände gestützt und konnte ihr Schluchzen nicht verbergen.

»Warum weinst du?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Sie sagen alle, ich hätte das Strickzeug verdorben, und wenn ich auch sage, es sei nicht wahr, so glauben sie mir's doch nicht!«

»Aber ich glaube es ihr!« rief Hermine Braun, und noch ein paar Kinder stimmten ihr bei, aber die meisten schwiegen still.

»Wir reden jetzt nicht mehr davon,« sprach Fräulein von Zimmern, »wenn du ein gutes Gewissen hast, so brauchst du nicht zu weinen, denn die Sache wird früher oder später an den Tag kommen. Schreibt weiter!«

Es verging jedoch ein Tag um den andern, ohne irgend welche Aufklärung zu bringen. Der Herr Pfarrer hatte mit den Kindern gesprochen, aber er hatte ebenso wenig herausgebracht wie Fräulein von Zimmern.

Fräulein Klingenstein fand es unbegreiflich, daß man noch immer nicht an Gretchens Schuld glauben wollte, und unverzeihlich, daß diese nicht gestraft wurde.

Herr und Frau Reinwald waren tief betrübt über den schlimmen Verdacht, der auf ihrem Kind lastete, und Gretchen selbst litt bitter darunter.

Da traf sich's, daß im Heimweg von der Schule Gretchen einen kleinen Unfall erlitt. Leichtes Glatteis hatte die Straßen überzogen, Gretchen rutschte aus und fiel so unglücklich auf den Fuß, daß sie nur noch mit Mühe nach Hause konnte. Über Nacht wurde der Fuß schmerzhaft und geschwollen, es mußten Umschläge gemacht werden, und Gretchen bekam ein paar Tage Hausarrest. So lag sie eines Nachmittags auf dem Sopha. Sie hatte ein Buch in der Hand, aber sie sah darüber weg, ihre Gedanken waren wieder in der Schule bei dem unglückseligen Strickstrumpf. Da klingelte es – und Gretchen wurde dunkelrot vor freudiger Erregung – ihr geliebter Pfarrer trat herein und sagte, er wolle sich nach der kleinen Patientin umsehen. Bald saß er zwischen ihr und der Mutter, hörte teilnehmend von ihrem kleinen Unfall, von Frau Reinwalds Krankheit, und ließ sich allerlei von Föhrenheim erzählen, und je länger er da war, und je mehr er Mutter und Tochter kennen lernte, um so fester wurde seine Überzeugung, daß Gretchen nicht getan haben konnte, was man ihr nachsagte.

»Nun hoffe ich, dich bald wieder in der Schule zu sehen,« sprach der Pfarrer, als er sich erhob, um sich zu verabschieden.

»Ich hoffe es auch,« sprach Frau Reinwald, »Gretchen aber kann sich gar nicht auf die Schule freuen, so lange man einen so schlimmen Verdacht auf sie hat.«

»Das begreife ich wohl,« sprach der Pfarrer und ergriff freundlich Gretchens Hand, »vielleicht tut es dir wohl zu hören, daß ich nicht an deine Schuld glaube. Ich hoffe auch, daß deine Unschuld an den Tag kommen wird und bitte Gott darum. Wenn es aber sein Wille nicht ist, mein Kind, so mußt du es hinnehmen als ein Kreuz, das er dir auferlegt und es willig tragen, dann wird es dir Segen bringen.«

Noch viele freundliche Worte sprach der Pfarrer, die Mutter und Kind gleich wohl taten, und als er wieder fort war, kam es Gretchen vor, als könnte sie's nun viel leichter tragen.

Gretchen durfte erfahren, daß sie doch nimmer ganz fremd war in der Residenz, denn am nächsten Tag kam wieder ein lieber Besuch: Ganz bescheiden klopfte es an der Türe und herein trat: Hermine Braun. So lieb sich die beiden Kinder hatten, waren sie doch bis jetzt noch nie außer der Schule zusammengekommen und so war dieser Besuch eine ganz ungewohnte Freude für Gretchen, und auch die Mutter war bald durch das sanfte, liebevolle Wesen der kleinen Hermine gewonnen und forderte sie freundlich auf, öfter zu kommen. Als Hermine wieder gehen wollte, fragte Frau Reinwald, ob Fräulein von Zimmern wohl in Krankheitsfällen gestatte, daß die Kinder ihre Handarbeiten mit nach Hause bekämen, um nicht so weit hinter den anderen zurückzubleiben. Hermine wußte es nicht, versprach aber, morgen um Erlaubnis zu bitten und dann Gretchens Arbeit zu bringen. Sie vergaß ihr Versprechen nicht und erhielt auch gerne die Erlaubnis von Fräulein von Zimmern. So stieg denn Hermine am Samstag um 12 Uhr die Treppe hinauf, gerade so wie es Gretchen zu ihrem Unglück acht Tage vorher getan hatte. Als sie aber durch die halbgeöffnete Kammertür trat, blieb sie erstaunt stehen. Vor dem Ständer, auf dem die Körbchen ihren Platz hatten, saß das kleine Kind der Putzfrau, die Samstags immer das Schulhaus reinigte. Es hatte in seinem Schoß eines der Arbeitskörbchen, hielt in den Händen ein paar Stricknadeln und sagte vergnügt vor sich hin: »Viele, viele Nadeln.« Zuerst wollte Hermine auf das Kind zugehen und ihm die Sachen wegnehmen, dann aber besann sie sich anders, denn wie ein Blitz fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf: »Dies Kind ist's, das Ottiliens Arbeit verdorben hat!« Auf den Zehen schlich sie sich wieder hinaus, rannte die Treppe hinunter und stürzte atemlos von einem Zimmer ins andere, bis sie endlich Fräulein von Zimmern in der Klasse der Großen traf, die noch beisammen waren.

»Bitte, Fräulein von Zimmern, kommen Sie mit mir in die Kammer hinauf, aber schnell, bitte, bitte,« drängte Hermine und Fräulein von Zimmern, die schon an Feuersgefahr und dergleichen dachte, eilte der voranstürmenden Hermine nach. Ein ganzes Gefolge von neugierigen Mädchen ging hinter ihnen die Treppe hinauf, Hermine aber ermahnte immer nur: »Leise, ganz leise!« so daß allen ganz unheimlich zu Mute wurde, bis sie endlich vor der Kammertüre anlangten, ängstlich hineinblickten und nichts sahen als ein harmlos spielendes Kindlein, das Stricknadeln in der einen Hand, den Korb in der anderen, dem Knäuel nachrutschte, der vor ihm herkollerte und nun, beim Anblick der vielen fremden Gesichter, das Mäulchen verzog und anfing zu weinen.

Fräulein von Zimmern hatte sofort begriffen, um was es sich hier handelte: Der kleine Eindringling, der heute den Weg zur Kammer gefunden hatte, konnte auch am vorigen Samstag darin gehaust haben, und wohl selten noch hatte die gestrenge Vorsteherin mit so großer Befriedigung eine solche Ungehörigkeit entdeckt. Auf das Weinen des Kindes aber eilte dessen Mutter herbei, die in einer anderen Kammer den Boden geputzt hatte. Mit tausend Entschuldigungen hob sie Korb, Knäuel und Nadeln auf, dann nahm sie den Kleinen vom Boden, und patschte ihm auf die Händchen, indem sie zu ihm rief: »Habe ich dir nicht schon gesagt, die Körbchen darf man nicht nehmen? Hast du nicht erst am letzten Samstag auf die Hände bekommen? Willst du's noch einmal tun?« Während die Frau mit dem weinenden Kind abging, ergriff Hermine Gretchens Arbeitskorb und sagte voll Eifer zu Fräulein von Zimmern: »Ich gehe jetzt zu Gretchen, nicht wahr, ich darf ihr doch alles sagen?«

»Gewiß, mein Kind, erzähle ihr alles, und sage ihr, wie herzlich es mich freut, daß nun der wahre Missetäter entdeckt und ihre Unschuld an den Tag gekommen ist.«

Wie flog Hermine durch die Straßen, wie eilte sie die Treppen hinauf, bis sie endlich atemlos vor Gretchen und ihrer Mutter stand und kaum die Worte herausbringen konnte: »Man weiß jetzt, wer's getan hat!« Gretchen wußte augenblicklich was die Freundin meinte, und nach und nach kam auch die ganze Erzählung und Fräulein von Zimmerns Auftrag ordentlich heraus. Ach, das war nun ein Glück und eine Freude! Gretchen vergaß ganz und gar, daß sie ihren Fuß noch schonen sollte, sprang im Zimmer umher vor Vergnügen, fiel bald der Mutter, bald Hermine um den Hals und stürmte dann hinaus, um die frohe Nachricht der Lene mitzuteilen, die mit der ganzen Residenz gezürnt hatte, seitdem man ihren Liebling so verdächtigt hatte. Gretchen wollte die Freundin gar nicht mehr fortlassen, der sie die Entdeckung verdankte, aber endlich mußte Hermine doch zum Essen heim, sie hatte sich schon zu lange verweilt. Am Nachmittag aber hielt Lene geheime Beratung mit Frau Reinwald, und das Resultat war, daß Hermine auf den Sonntag Nachmittag eingeladen werden sollte und da wollte Lene Waffeln backen und Apfelmus kochen, so fein wie's keine Residenzköchin besser könne! Und Lene hielt Wort.

Als Fräulein Klingenstein von der Sache hörte, wurde es ihr unbehaglich zu Mute, denn sie hatte trotz Fräulein von Zimmerns ausdrücklichem Verbot da und dort von Gretchens Missetat erzählt. Sie hoffte, die Vorsteherin würde dies nicht erfahren. Aber Fräulein von Zimmern erhielt doch Kenntnis davon, und als am Montag die Kinder wieder in die Schule kamen, ging von Mund zu Mund die Kunde: »Fräulein Klingenstein kommt nicht mehr, wir bekommen eine andere Arbeitslehrerin.«