»Kaum acht Tage bist du in der Schule und schon ist deine Tafel zersprungen! Auf einer solchen Tafel kann man nicht schreiben lernen, morgen bringst du eine neue Tafel mit, sonst geht's dir schlecht; verstehst du?«
So sprach der Lehrer eines Morgens zu der kleinen Luise Seiz, die neben Gretchen saß. Am nächsten Tag aber, als die Kinder ihre Tafeln vor sich hinlegten, damit der Lehrer ihre Aufgabe ansehen konnte, hatte Luise noch dieselbe zersprungene Tafel. Gretchen bemerkte dies sogleich, deutete mit dem Finger auf die Sprünge und sah Luise ganz besorgt und fragend an. Diese sagte kein Wort. Der Lehrer ging von einer Bank zur andern und kam endlich an die letzte.
»Muß ich wieder die zerbrochene Tafel sehen?« rief er die Kleine ärgerlich an; »hab' ich dir nicht gesagt, du sollst eine neue mitbringen?« Dabei nahm er ihre Tafel, brach die losen Stücke vollends auseinander, so daß sie klirrend auf den Boden fielen und nur noch ein kleines Stück im Rahmen stecken blieb.
»Nun wirst du wohl bis heute nachmittag eine neue bringen, denk' ich.« Der Lehrer ging weiter, die Kleine aber hob die Trümmer der zerbrochenen Tafel auf und weinte so schmerzlich, daß es jedermann erbarmen mußte, nicht nur unser warmherziges Gretchen, das neben ihr saß. Aber der Lehrer beachtete es nicht, er war an die Wandtafel getreten und schrieb dort schön und deutlich, daß es alle lesen konnten, ein »i« vor.
»Heute sollt ihr den ersten Buchstaben schreiben lernen,« sprach er, »ihr habt lange genug Striche gemacht, jetzt kommt das »i« an die Reihe.«
Hurtig fuhr Gretchens Griffel über ihre Tafel, für sie war das »i« nichts Neues mehr, sie hatte schon bei der Mutter alle Buchstaben schreiben gelernt. Als sie sah, daß Luise vor Weinen gar nicht schreiben konnte, sagte sie leise zu ihr:
»Komm', ich schreib dir's,« und bedeckte nun sorgfältig das kleine dreieckige Stück Schiefer, das noch im Rahmen geblieben war, mit möglichst schönen »i«. Daß aber Luise trotzdem noch weinte, konnte sie nicht recht begreifen, und als die Freiviertelstunde kam und die Kinder vor's Schulhaus hinuntersprangen, nahm sie Luise beiseite und fragte sie, warum sie denn keine neue Tafel mitgebracht habe.
»Ich bekomme keine, auch morgen nicht,« sagte Luise ganz verzweifelt; »mein Vater hat gesagt, er könne mir jetzt keine kaufen.«
»Aber wenn's der Lehrer will, muß dir dein Vater doch eine neue kaufen,« meinte Gretchen.
Aber Luise schüttelte den Kopf. »Es ist kein Geld mehr da. Erst am Samstag bekommt der Vater seinen Lohn. O, der Lehrer wird mich alle Tage schlagen,« klagte Luise schluchzend.
Diesen Jammer konnte Gretchen nicht mitanhören. Sie besann sich nicht lange, lief schnell hinauf ins Schulzimmer, holte ihre eigene Tafel, gab sie der kleinen Unglücklichen und sagte:
»Da, ich schenke dir meine, wir haben Geld, wir können eine neue kaufen.«
Nun hättet ihr aber sehen sollen, wie es plötzlich auf dem kleinen, tränenüberströmten Gesicht aufleuchtete, wie wenn die Sonne unter dichtem Gewölk hervorbricht, so verbreitete sich ein Schimmer von Glückseligkeit auf diesem Kindergesicht.
»Ist's auch dein Ernst?« fragte Luise noch zweifelnd, und als Gretchen dies fröhlich bejahte, drückte sie die neue Tafel fest an sich und trug sie sorgfältig, damit sie ihr gewiß nicht hinunterfalle und zerbreche, wie die erste.
Als die Freiviertelstunde aus war, erzählte der Lehrer eine biblische Geschichte. Da war unter allen Kindern keines, das so gespannt auf jedes Wort hörte, wie der Schäfer-Hans. Ihm war das alles ganz neu. Überhaupt hatte ihm noch nie im Leben jemand eine Geschichte erzählt. Der Lehrer bemerkte wohl, daß dieser Schüler keinen Blick von ihm verwandte, wenn er ihn aber etwas fragte, so brachte der Kleine doch keine Antwort heraus, so daß sich der Lehrer wunderte, denn er wußte nicht, wie wenig der Hans im Reden geübt war und wie stumm es bei ihm zu Hause zuging. Da war Gretchen schon anders. Die war immer flink mit Red und Antwort bei der Hand. Nur heute schien sie nicht recht bei der Sache. Mit Schrecken war ihr eingefallen, daß die Mutter ihr verboten hatte, ungefragt etwas zu verschenken und nun hatte sie's doch getan! Was würde die Mutter sagen! Wenn ihr nur Luise die Tafel noch einmal zurückgäbe, bis sie um Erlaubnis gefragt hätte.
Als die Schule vorüber war, ging Gretchen mit Luise die Treppe hinunter und sagte zu ihr: »Gibst du mir nicht meine Tafel noch einmal? du bekommst sie schon heute Nachmittag wieder, aber weißt du, es ist mir eingefallen, daß ich vorher die Mutter fragen muß.«
Luise nahm augenblicklich die Tafel wieder aus ihrem Ranzen, sah zu, wie Gretchen diese in den ihrigen schob und sagte ganz ergeben: »Ich hab' mir's schon gedacht.«
»Was hast du dir gedacht?«
»Daß es nicht dein Ernst ist.«
»Freilich ist's mein Ernst, ich frage gleich die Mutter, ich weiß ganz gewiß, daß sie's erlaubt.«
Luise schüttelte ungläubig den Kopf.
»Es ist immer so,« sagte sie und ging fort. Gretchen aber konnte es nicht ertragen, daß sie so traurig war und lief ihr nach.
»Was ist immer so?« fragte sie.
»Daß man einem etwas verspricht, und daß es dann nicht wahr ist.«
»Aber bei mir ist's nicht so.«
»Gerade so hat neulich des Müllers Mariechen gesagt, wie ich ihren Ball aus dem Brunnenloch geholt habe. Sie hat mir einen Apfel versprochen und hat mir doch keinen gegeben; und am Sonntag da habe ich unserer Nachbarin ihre kleinen Buben gehütet und einer hat mir die Schürze zerrissen. Sie hat gesagt, ich soll nicht weinen; sie gehe selbst zum Vater und sage ihm, daß ich nichts dafür könne und eine neue Schürze wolle sie mir auch geben. Aber sie ist nicht zum Vater gekommen, sie hat keine Zeit gehabt und den Stoff hat sie nicht gefunden, aus dem sie mir eine Schürze hat machen wollen. Es ist immer so.«
»Aber bei uns ist's nicht so!« rief Gretchen, »du wirst's schon sehen,« und nun lief sie eiligst heim, denn sie hatte sich schon zu lange bei Luise aufgehalten.
»Mach schnell, daß du hineinkommst,« sagte Lene, »die Suppe steht schon auf dem Tisch, du kommst zu spät.«
Das Tischgebet war wirklich schon gesprochen und der Vater sah ärgerlich auf Gretchen, die vom raschen Lauf ganz erhitzt aussah und die sich nun, ganz erfüllt von ihrer Angelegenheit, ohne Entschuldigung an den Tisch setzte und sofort begann:
»Mutter, nicht wahr, ich darf meine Tafel der Luise Seiz schenken, sie hat die ihrige zerbrochen.«
»Da dürfen wir viele Tafeln kaufen,« sagte die Mutter, »wenn du immer deine hergeben willst, so oft eines von den fünfzig Schulkindern die seinige zerbricht.«
»O Mutter, laß mich's doch,« sagte Gretchen gleich so stürmisch und dringend, daß der Vater ärgerlich rief: »Was soll denn das wieder für eine Torheit sein! Seine Schultafel, die man selbst braucht, verschenkt man nicht. Davon kann keine Rede sein.«
Gretchen war so bestürzt, daß sie in Tränen ausbrach, was ihr nur sehr selten passierte, denn schon als ganz kleines Mädchen war sie immer hinausgeschickt worden, wenn sie weinte, und so sagte der Vater auch jetzt: »Geweint wird draußen, das weißt du. Willst du also im Zimmer bleiben, so sei still.« Mit Mühe gelang es Gretchen, ihre Tränen zu unterdrücken, und es war ihr fast unmöglich, etwas zu essen, und als die Mutter mitleidig sie auf andere Gedanken bringen wollte und sagte: »Denke nur, unsere Katze hat Junge bekommen,« konnte Gretchen keinen Laut von sich geben; es wären sonst wieder Tränen gekommen.
Das Essen war kaum vorbei, als Gretchen auch schon das Zimmer verließ und hinunterrannte in den Garten, wo sie sich ganz verzweifelt auf die Bank im Gartenhäuschen warf und, den Kopf auf den Tisch gelegt, bitterlich weinte. Immer hörte sie in Gedanken wieder Luisens trübselige Worte: »Es ist immer so,« und sie mochte gar nicht daran denken, daß das arme Kind nun Recht behalten sollte.
»Nun, nun, was gibt's denn eigentlich?« fragte plötzlich die Mutter, die ihr Kind im Garten aufgesucht hatte.
»Ach, Mutter, Mutter,« rief Gretchen und warf sich ganz außer sich in der Mutter Arme.
»Nur still und lieb,« beruhigte die Mutter, »sage mir nur vernünftig, was du eigentlich hast.«
Gretchen nahm sich zusammen und erzählte nun der Mutter ausführlich, wie es Luise mit der Tafel gegangen sei, wie sie ihr dann die eigene geschenkt und nachher wieder weggenommen habe, weil sie erst um Erlaubnis fragen wollte. »Ach Mutter,« schloß Gretchen, »wenn der Vater gehört hätte, wie traurig Luise war, als sie zu mir sagte: ›Es ist immer so,‹ dann hätte er mir ganz gewiß erlaubt, daß ich ihr meine Tafel schenke.«
»Das glaub' ich selbst,« sagte die Mutter, »aber der Vater konnte es ja gar nicht wissen, er sah und hörte nur, wie sein Gretchen zu spät zu Tische kam und wie es hastig und ungestüm verlangte, seine Tafel herschenken zu dürfen. Da sagte er natürlich ›nein‹. Anstatt ihm dann verständig deine Geschichte zu erzählen, bist du in Tränen ausgebrochen, obwohl du weißt, daß er das nicht leiden kann.«
Gretchen senkte beschämt das Köpfchen und widersprach nicht; sie fühlte wohl, daß die Mutter recht hatte.
»Der kleinen Luise muß aber geholfen werden,« setzte die Mutter jetzt freundlich hinzu, »ich möchte selbst, daß du dein Versprechen mit der Tafel erfüllst.«
»O Mutter, du erlaubst es also?« rief Gretchen und sah voll Hoffnung in der Mutter freundliches Gesicht.
»Ich kann's nicht erlauben, weil's der Vater verboten hat; aber er wird's selbst erlauben, wenn er alles erfährt.«
»O bitte, Mutter, sag' du's ihm und überrede ihn.«
»Nein, Kind, das ist nicht meine Sache, das mußt du tun, denn du hast die Sache ungeschickt gemacht und mußt sie nun wieder zurecht bringen.«
Gretchen wurde nachdenklich.
»Wo ist der Vater?« fragte sie.
»Er ist in seinem Zimmer und liest die Zeitung.«
»Da mag er gar nicht gern von mir gestört werden, Mutter.«
»Wenn du recht bescheiden zu ihm gehst und fragst, ob du ihm etwas erzählen dürfest, wird er dich schon anhören.«
Aber Gretchen konnte sich nicht entschließen. Sie mochte den Vater, der sie eben erst so streng abgewiesen hatte, nicht bitten.
Die Mutter sah, daß Gretchen einen schweren Kampf mit ihrem kleinen hochmütigen Herzen kämpfte.
»Ei, Gretchen,« sagte sie, »ist das deine ganze Liebe für die Armen? Du verschenkst wohl alles mit leichtem Herzen, weil du weißt, daß du doch noch genug hast. Wenn du aber so einem armen Mädchen zulieb deinem Vater gute Worte geben sollst, so ist dir dies Opfer schon zu groß. Willst du lieber die kleine Luise ohne Tafel jeden Tag wieder den sauren Gang zum Lehrer tun lassen, als daß du einmal für sie zu deinem Vater gehst? Dann hat freilich die arme Luise recht, wenn sie sagt: ›Es ist immer so‹.«
Diese letzten Worte trugen bei Gretchen den Sieg davon.
»Ich gehe, ja, ich gehe,« sagte sie, und ohne sich noch einmal zu besinnen, verließ sie den Garten, ging hinauf und öffnete des Vaters Türe, so leise und bescheiden, wie man es von ihr gar nicht gewöhnt war. Der Vater saß in seinem Lehnstuhl und las. Er blickte auf.
»Vater,« sagte Gretchen und trat zaghaft näher, »darf ich dir etwas erzählen?«
»Ja, wenn's ohne Tränen geht und wenn nichts von einer Tafel drin vorkommt.«
»Es geht ohne Tränen, aber von einer Tafel muß etwas vorkommen, sonst kann man's gar nicht erzählen.«
»So, nun laß eben hören,« sagte der Vater, und nun erzählte Gretchen so rührend von Luisens Not mit der Tafel, von ihren schlimmen Erfahrungen mit dem Apfel und mit der Schürze und wie sie so schmerzlich wiederholt habe: »Es ist immer so,« daß der Vater endlich rief: »Jetzt ist's aber so traurig, daß mir selbst fast die Tränen kommen.«
Ungläubig sah Gretchen zum Vater auf und lächelte: »Dir kommen sie nie, Vater.«
»Doch, doch, wenn du nicht heute nachmittag noch dem kleinen Unglückskind eine Tafel bringst.«
»Also darf ich?!« rief Gretchen und fiel dem Vater in hellem Entzücken um den Hals.
»Freilich,« sprach der Vater; »ist denn aber noch eine Tafel da?«
»Ich will gleich die Mutter fragen; sie ist im Garten,« sagte Gretchen und ging mit dem Vater hinaus.
Aber die Mutter war längst nimmer im Garten, sie hatte sich gedacht, daß man sie bald brauchen würde, und war schon bereit.
»Mutter, ich darf! aber haben wir denn noch eine Tafel?«
»Nein; aber es ist noch nicht Zeit zur Schule, du kannst wohl noch zum Kaufmann gehen und eine holen. Hier ist das Geld.«
Gretchen rannte davon.
»Was meinst du dazu,« sagte der Vater, »wenn wir dem Kind auch noch einen Apfel schicken würden und vielleicht fände sich auch noch ein Schürzchen, das man entbehren könnte; es wäre ein gutes Werk, wenn man dem kleinen Geschöpf wieder ein besseres Vertrauen in die Menschheit einflößen könnte.«
Die Mutter war ganz mit einverstanden und als Gretchen mit der neuen Tafel zurückkam, hatte die Mutter schon einen Apfel und eine Schürze zurechtgelegt.
»Willst du das deiner Luise mitbringen und ihr sagen, die Menschen seien doch nicht so schlimm, wie sie meint?« fragte der Vater.
Gretchen war's, als habe sie ihren Vater noch gar nie so lieb gehabt, wie eben jetzt. Als sie dankte, wären ihr fast Freudentränen gekommen und das durfte doch nicht sein, wenn der Vater da war.
Gretchen ging am Schulhaus vorbei der kleinen Luise entgegen, ihre drei Schätze: Tafel, Schürze und Apfel hatte sie in ihrem Ranzen. Jetzt trafen die zwei Kinder zusammen; unser glückliches, fröhliches Gretchen und die ängstliche, trübselige Luise.
»Ich hab' dir eine Tafel mitgebracht, noch eine schönere als die meinige, sieh nur her!« und Gretchen packte ihren Ranzen auf und zog die neue Tafel heraus. Luise sah begierig darauf, aber sie traute sich nicht, die Tafel zu nehmen.
»Hat's deine Mutter erlaubt?« fragte sie zögernd.
»Jawohl, die Mutter hat's erlaubt und der Vater auch, und er hat gesagt, die Menschen seien nicht so schlimm, wie du meinst, und da ist auch noch ein Apfel für dich und auch eine Schürze.«
Nun war aber Luisens Gesicht auch nimmer trübselig, nein, es strahlte ebenso, wie das von Gretchen.
»O, ihr seid gute Leute!« rief sie, nahm die Tafel, besah sie von allen Seiten und drückte sie zärtlich an sich. Auch das Schürzchen kam ihr wunderschön vor. Sie hätte es am liebsten gleich angezogen und hätte wohl auch gerne gleich den Apfel verzehrt, aber dazu war nun keine Zeit mehr. Jeden Augenblick konnte es zwei Uhr schlagen und die beiden Mädchen liefen eilig der Schule zu.
»O wie hab' ich so Angst gehabt vor dem Lehrer, ehe du gekommen bist,« sagte Luise.
»Aber ich habe dir doch gewiß versprochen, daß ich dir eine Tafel mitbringe.«
»Ich habe dir's gar nicht geglaubt,« antwortete Luise offenherzig.
An diesem Nachmittag wurde in der Schule nur gesungen und gelesen.
»Nun hätte es gar nicht so geeilt mit der Tafel,« dachte Gretchen halb ärgerlich.
Da, ganz unverhofft, als Luise am Lesen war, rief der Lehrer von seinem Pult aus: »Du, komm einmal heraus zu mir und bring' deine Tafel mit,« dabei nahm er schon sein Rohr in die Hand.
Ach, was wäre das für Luise für ein schrecklicher Augenblick gewesen!
Alle Kinder wandten neugierig die Köpfe nach ihr um, Gretchen aber sah ihr ganz beglückt nach, als sie tapfer auf den Lehrer zuging und ihm die neue Tafel vorhielt.
»So,« sagte dieser, »das ist dein Glück, daß du eine andere Tafel hast und dazu noch eine so schöne; so ist's recht, geh nur wieder an deinen Platz.«
Gretchen und Luise waren nicht die einzigen, die an diesem Nachmittag vergnügt aus der Schule kamen. Auch des Schäfers Hans war in glücklicher Stimmung. Ihm war heute ein großes Licht aufgegangen: in der Schule lernte man schreiben, das hatte er bisher noch nicht gewußt; wenn er aber schreiben konnte, so dachte er weiter, dann konnte er ja seiner tauben Großmutter alles mitteilen, was er wollte, wie er das schon manchmal vom Vater gesehen hatte. Wie oft hatte er sich das schon gewünscht! Er konnte nur noch nicht recht glauben, daß die Großmutter auch seine Buchstaben lesen konnte. Sobald er nach Hause kam, nahm er seine Tafel, die noch ganz voll »i« war und zeigte sie der Großmutter. Ob sie wohl wußte, daß das »i« waren? Die Großmutter sah die Tafel an und nickte. Damit war der Hans aber nicht zufrieden. Er hielt ihr noch einmal die Tafel hin und blickte so fragend auf, daß die Großmutter wohl merkte, er wolle etwas von ihr wissen.
»Es ist schön,« sagte sie jetzt.
Aber das war immer noch nicht das rechte. Die Großmutter ging in die Küche, dort hatte sie zu tun. Da kam der Hans hinaus, hielt ihr zum drittenmal seine Tafel hin, zugleich aber brachte er ihr auch ihre Brille, denn das hatte er schon bemerkt, wenn die Großmutter etwas lesen wollte, nahm sie immer ihre Brille. Und richtig, jetzt verstand die Großmutter was er wollte. Sie deutete auf den ersten Buchstaben und las »i«. Triumphierend sah der Hans, daß die Großmutter wirklich lesen konnte, was er geschrieben hatte. Als die gute alte Frau seine Freude sah, deutete sie mit ihrem zitternden Finger von einem Buchstaben zum andern und las immer wieder »i«. Der Hans aber war sehr glücklich. Den ganzen Abend schrieb er, löschte es wieder aus und schrieb aufs neue und machte so fort, bis es Nacht wurde. Die letzten Buchstaben aber, die auf der Tafel blieben, waren gar schön und gleichmäßig und standen in Reih und Glied unter einander wie Soldaten.