Siebentes Kapitel.
Gute Kameraden.
Am nächsten Morgen ließ Herr Baumann den jungen Lehrer während der Freiviertelstunde zu sich in sein Zimmer kommen.
»Wie ist's mit dem kleinen Spanier?« fragte er ihn, »hat er sich schon ein wenig mit den andern Kindern befreundet?«
»Sie haben alle ihren Spaß an ihm und bewundern seine Kunststücke, aber außerdem ist ihnen seine Art doch zu fremd.«
»Ich möchte ihm einen recht guten Kameraden wünschen, ein aufrichtiges, unverdorbenes Kind. Am besten wäre es, wenn einer mit ihm in die Stunden zu mir käme; aber die besseren Schüler brauchen keine Stunden und die schlechteren wollen keine, sind auch meistens sonst nicht viel wert.«
Herr Stein dachte nach.
»Einen wüßte ich, ein sonderbares Bürschlein. Er sieht mich die ganze Zeit so aufmerksam an, als wollt' er mir jedes Wort vom Mund lesen und schreibt seine Aufgaben so schön wie sonst keines; wenn ich ihn aber etwas frage, so bringt er keinen ordentlichen Satz heraus, es ist der Johann Zaiserling.«
»Ach so, der Schäfer-Hans, ja, der kleine Kerl sieht gutartig aus, schicken Sie mir ihn doch nachher einmal herüber, ich will einmal mit ihm reden. Und nun noch etwas, Herr Stein: hier ist Ihr Rohr, schonen Sie es auch, daß Sie nicht so oft ein neues kaufen müssen, es sieht schon recht abgeklopft aus!«
Der junge Lehrer nahm sein Rohr und ging. Er hat nie erfahren, daß das Rohr den Weg von einem Schulzimmer ins andere durchs Fenster und über den Holzstoß im Hof genommen hat.
»Komm heraus, Zaiserling, du sollst zu Herrn Baumann gehen,« rief Herr Stein, als Hans nach der Pause sich eben wieder an seinen Platz gesetzt hatte.
Hans trat vor, blieb aber an der ersten Bank, gerade neben Gretchen, stehen und sah Herrn Stein fragend an.
»Nun, hast du's nicht verstanden? Du sollst zu Herrn Baumann gehen.«
»Wo?« fragte Hans.
Gretchen mußte lachen, als dies einzige Wörtlein so langsam und ausgedehnt herauskam.
»Darf ich ihm zeigen, wo man zu Herrn Baumann geht?«
»Ja, es wird gut sein, wenn du ihn begleitest,« meinte Herr Stein.
So gingen die beiden miteinander bis an Herrn Baumanns Tür.
Hans wollte aufmachen.
»Halt, zuerst mußt du doch anklopfen,« mahnte Gretchen.
Von solchen Feinheiten hatte Hans noch nichts gewußt, er war aber überzeugt, daß Gretchen alles viel besser verstand als er, und wollte sogleich mit seinem kleinen Fäustchen an die Türe pumpern, als ihn Gretchen gerade noch am Ärmel erwischte.
»So nicht,« rief sie ganz erschrocken, »bloß so mit dem Finger.« Gretchen klopfte und als Herr Baumann »herein« gerufen hatte, schob sie den Hans hinein und machte noch hinter ihm die Türe zu, denn er hätte es doch nicht getan, dachte sie.
Nun stand Hans vor Herrn Baumann. Der fragte in seiner freundlichen Weise nach der Großmutter, nach dem Vater und gab sich alle Mühe, etwas aus dem schweigsamen Kind herauszubringen. Es war aber so wenig, daß er bald merkte, auf diese Weise konnte man den Hans nicht kennen lernen. Deshalb machte er's kurz und sagte: »Hans, du kannst alle Tage eine Stunde mit dem Felix Acosta zu mir herauf kommen und bei mir lernen, willst du?«
Das erschien dem Hans als eine unerhörte Ehre und Freude, er wurde dunkelrot vor Erregung und sagte sehr deutlich: »Ich will.«
»Gut,« sprach Herr Baumann, »wenn ich an eurem Haus vorbeikomme, will ich's deiner Großmutter sagen. Jetzt kannst du wieder gehen.«
Unter der Türe wandte sich der Hans nocheinmal um, sah mit leuchtenden Augen den alten Lehrer an und sprach so recht von Herzen: »Vergelt's Gott.«
Herr Baumann verstand, was für Glück und Dankbarkeit in diesen Worten lag, die Hans wohl manchmal von seiner Großmutter hörte, und zufrieden lächelnd sagte er bei sich: Es ist der rechte für den Felix.
Nach der Schule sagte Herr Baumann zu Felix: »Kennst du den Johannes Zaiserling?«
»Ja, er ist der Kleinste und ist der Letzte, er hat den schlechtesten Wams an und spricht kein einzig Wort.«
»Das lautet nicht, als ob er dem Felix sehr gefiele,« dachte Herr Baumann bei sich, dann aber sprach er: »Ist er auch klein, so kann er doch noch wachsen, ist er jetzt der Letzte, so kann er später der Erste werden. Für den schlechten Wams kann er nichts, sein Vater ist gar arm und woher sollte er sprechen lernen, er hat nur eine taube Großmutter, seine Mutter ist lange schon tot.«
»O, hat er auch kein Mütterlein mehr?« fragte Felix voll Teilnahme.
»Nein, und ich habe gedacht, er könnte alle Tage mit dir in die Stunde zu mir kommen, dann lernt er auch besser sprechen.«
»Ja, ja, er soll nur kommen, hat er kein Mütterlein mehr, so habe ich ihn schon lieb, wir werden passen zusammen sehr gut.«
Am Abend, als Herr Baumann am Häuslein des Schäfers vorbei kam, trat er in das kleine Stübchen. Die alte Frau erschrak, als er auf sie zu kam. Schon einmal war er in diesem Haus gewesen, vor vielen Jahren war's, aber die Großmutter wußte es noch gut. Damals war er gekommen, um sich über den großen Bruder von Hans zu beklagen, der schlimme Streiche gemacht hatte, und nun dachte sie nicht anders, als daß ihn wieder so ein Grund herführe. Ängstlich blickte sie nach dem Hans. Der aber sah gar nicht aus wie einer, der ein böses Gewissen hat, mit leuchtenden Augen ging er auf den Lehrer zu und gab ihm die Hand.
»Hört die Großmutter gar nichts mehr?« fragte Herr Baumann.
»Nein.«
»So gib mir deine Tafel.«
Hans hatte sie schnell bei der Hand und ganz von selbst reichte er auch der Großmutter die Brille.
Der Lehrer schrieb nun auf die Tafel, daß der Hans alle Tage mit einem seiner Kameraden zu ihm in die Stunde kommen solle.
Die alte Frau war noch nicht ganz beruhigt. »Hält er sich gut in der Schule?« fragte sie und sah ihn gespannt an.
Als aber der Lehrer nickte und dem Kleinen freundlich auf die Backen klopfte, ging ein Freudenschimmer über das abgehärmte Gesicht und ganz bewegt sagte die alte Frau: »Gott Lob und Dank, daß mein Sohn auch an einem Kind Freude erleben darf, er hat's noch nicht verschmerzt, daß der Große schlecht geworden ist, und meint immer, der Kleine müsse auch schlecht werden, noch keine Stunde hat er sich freuen können an ihm.«
Herr Baumann zog den Hans freundlich zu sich, sah in das offene, treuherzige Kindergesicht, das jetzt bei der Großmutter Worten so ernst drein blickte, und sagte: »Gelt, du wirst nicht schlecht?«
»Nein, ich nicht,« antwortete der Hans ganz bestimmt, obwohl er gar nicht recht wußte, was er sich unter dem Schlechtwerden vorzustellen hatte. Der Lehrer aber schrieb auf die Tafel: »Der wird nicht schlecht!« und die Großmutter las es, glaubte es und war getrost.
Vom nächsten Tag an wanderten Haus und Felix täglich miteinander in die Stunde. Bald wurden der lebhafte schwarze Spanier und der stille blonde Deutsche unzertrennliche Freunde. Hans bewunderte seinen großen Kameraden, der so munter und aufgeweckt war und ihm gar merkwürdige Dinge von seinem früheren Leben erzählen konnte, und Felix liebte seinen herzensguten kleinen Freund, der es gar treu mit ihm meinte und ihn manchmal von einem übermütigen Streich zurückhielt.
So gewann einer durch den andern und niemand freute sich mehr darüber als der alte treue Lehrer, dem seine zwei kleinen Schüler so am Herzen lagen.