Zwölftes Kapitel
Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt, so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses werden wir gedenken.
Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes, wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.
Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur einen Laut, nur einen Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte: weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel, keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: „Achte mein!“ „ich bin von dieser Schule!“ „ich aus jener Zeit“. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens, eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges, gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend, und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.
Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle, tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles. Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter, die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.
Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen, rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine Strömung in Buchten zurückhielt.
Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.
Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.
Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte, sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht er stand, sondern die ihn hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell, der nur von einem Werden begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.
Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich lebte.
Dreizehntes Kapitel
Einmal besichtigte sie einen Dampfer der White Star Line, der auf dem Wege nach New York einige Stunden in Queenstown hielt, um Passagiere und die Post des ganzen Landes aufzunehmen. Immerzu liefen Männer, mit schweren Säcken bepackt, die schmale, stufenlose Schiffbrücke hinauf, und dachte man, sie seien jetzt endlich zu Ende, so liefen sie schon wieder, einer hinter dem anderen, unter ihrer Last gebückt, mit neuen Säcken einher, und einer, ein Zwerg, war besonders geschäftig und kehrte am öftesten wieder. Mariclée verfolgte sein Tun mit gespannter Aufmerksamkeit, man warnte sie jedoch, daß sie nicht lange auf diesem Schiffe hospitieren dürfe, und nun lief sie eilig wie eine Maus hinauf, hinab, nach allen Richtungen hinein und wieder heraus, durch das Zwischendeck, die Kajüten und in die oberen Säle. Im Rauchzimmer waren an den vier Ecken Schreibtische angeschraubt, und Mariclée, von dem Briefpapier mit den roten Fahnen fasziniert, setzte sich hin und schrieb ein paar Zeilen an das Exemplar. Sie fand es unbegreiflich, daß man unsere Zeit poesielos nannte. Was konnte es Poetischeres geben, als so ein mächtiges Schiff heranziehen zu sehen, und all den erfinderischen Geist, den Fleiß, die angestrengte Arbeit der Vielen zu bedenken, die es zu diesem schönen Ungetüm werden ließen, daß dies starke Meer, selbst im wildesten Sturme ein Ding, von so schwachen Händen gezimmert, nicht mehr bemeisterte.
„Ich stünde gerne mit Ihnen auf einem solchen Schiff.“
Ahnungslos warf Mariclée diese Zeilen hin.
Vierzehntes Kapitel
Ihren letzten Tag in Irland verbrachte sie in einem alten, verwitterten Schlößchen, hart am Meere. Sie fuhr durch ein welliges Terrain, wie es bei uns im Gebirge die Almen umgrenzt, ein Hochfeld entlang, das, immer stärker umweht immer feierlicher anstieg; alle Farben wie verwunschen: ein Grün, das ins Saphirne, ein Blau, das ins Smaragdne spielte, und eine silberne Sonne. Sie sah, was ihr noch niemals vorgekommen war, grasende Kühe, die ihre Weideplätze verließen, langsam die hellen Felsblöcke erklommen, und unbeweglich niederschauten, als hätten sie Augen für dieses Land; und plötzlich, in der Ferne, ein heftiges Indigoblau, das wie ein jubelnder Schrei in diesen Farbenhimmel einriß: ein mächtiges gewölbtes Band: das steigende Meer.
Wo bin ich? dachte Mariclée.
Unten im Schlosse traf sie unter den Gästen eine schöne und sehr witzige junge Deutsche an, ihre frühere Institutsgefährtin.
Das Schloß war reizend und altertümlich, hatte eine köstliche Stiege und war von raffiniertem Komfort. Es stand geschützt und behauptete ganz allein einen merkwürdigen, winzigen Hafen.
Bis zum Ufer streckte sich ein sorgfältig gepflegter Garten hin, und leuchtende Blumenbeete so hart am Meer hatten etwas Unwahrscheinliches, Kostbares und Faszinierendes. Es war ein blauer Schimmer über sie gebreitet, und auf den breiten Blättern der niederen Palmengewächse lagen saphirblaue Reflexe. Aber der Tannenwald, der hinter dem Schlosse die Anhöhe hinaufzog, schlug wieder eine andere, sehr unerwartete Note an, und stellte einen gemütlichen, anheimelnden und sehr deutschen Hintergrund. Mariclée wußte garnicht wohin sie schauen sollte.
Als früh am Nachmittage ein Ausflug in der Jacht zum Vorschlag kam, meldeten sich drei oder vier andere Gäste und die Kinder, es wurde also in zwei Booten weiter in den Hafen hinausgerudert, wo sie verankert lag. Sie war sehr klein, man rückte ziemlich enge zusammen, und Mariclée stellte sich vor eine Luke, teils ihr teils den anderen zugewandt und sich mit ihnen unterhaltend. Aber bald kehrte sie sich der Luke immer öfter zu und fand es immer mühsamer sich an den Gesprächen zu beteiligen, als rückten die Sprecher immer weiter von ihr weg. Der Hafen war von niedrigen Bergen umzogen, die man doch keine Hügel nennen konnte, ihre Grate liefen ganz nach Bergesart und auf ihren hellgrünen Abhängen weideten Kühe. Die Jacht schoß an ihnen vorbei, steuerte ins Uferlose hinaus, hob und senkte und legte sich, wie es den Wogen beliebte. Sie passierte eine kleine, schwarze, uferlose Felseninsel, die nie ein Fuß betreten hatte, die aber eine Art Walhalla der Raben zu sein schien. Mit unbeweglich ausgestreckten Schwingen sie umkreisend, sich in das Geklüfte niedersenkend, schwebten sie dann wieder langsam, feierlich empor.
Sie gehörte ihnen; diese Insel war ihr Reich. Mariclée dachte an den Tag zurück, an dem sie als Kind zum ersten Male ein Konzert besuchte; wie sie sich freute, und wie enttäuscht sie dann gewesen war. Sie hatte sich die Klangwirkung eines Orchesters noch idealer ausgemalt. Sie hatte sich die Musik noch schöner vorgestellt! — Aber rauschte hier nicht eben jener früh und unbewußt von ihr erträumte Urquell, aus dem wir unsere Tonwellen schöpften, sie auf Instrumente überleiteten und transponierten? Hier schwoll es an, das mächtige Originalcrescendo, das große Dolente; hier waren die zärtlichen Harfen und die Oboe her, und die Attacca subita der Klarinetten und das Einstimmen der Waldhörner und die bebenden Flöten, die sie gemeint hatte . . . Die Beethovenschen Symphonien heroische Abstraktionen, die Partitur des Tristan eine Bearbeitung und eine Reduktion! und jener dritte Akt, der so golden hervorquoll, hier strömte und blutete er.
Sie lauschte.
Jemand zupfte sie am Ärmel, und sie spürte den Schmerz der Schlafwandlerin, die ein jäher Ruf ins Leben zurückschreckt. Sie wandte sich um, vernahm ganz deutlich, was ihr gesagt wurde, und mischte sich freundlich und geduldig ins Gespräch. Aber sobald es anging, kehrte sie sich wieder der Luke zu und starrte hinaus. Von einem solchen Sturm der Gefühle hatte sie nichts gewußt. Ihr Verhältnis zur Natur war ja so unberechenbar, so morbid und solchen Schwankungen unterworfen! Und nun nahte sie ihr wie ein zwingender Gott; von ihrer Schönheit fortgerissen brach ihr Herz und wie entwurzelt gab sie sich mit aller Wonne und allen Schauern hin, und wandte ihr ein Antlitz zu, das nur der Mann, den sie liebte, je an ihr gesehen hatte.
Fünfzehntes Kapitel
Mariclée fuhr nicht allein nach London, die junge Deutsche reiste denselben Weg. Und sie plauderten, aber als die Dämmerung sank und London näher rückte, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Wie wird es jetzt werden? dachte Mariclée. Schweigend stiegen sie in London aus, als hätten sie durch die bloße Tatsache ihrer Ankunft und die Verschiedenheit ihrer Ziele schon Abschied voneinander genommen. Die Gefährtin hatte einige Stunden Aufenthalt, bevor sie mit dem Nachtzug weiterfuhr, und begleitete Mariclée in ihre neue Behausung. Der Wagen hielt in einer sehr stillen Straße, vor einem regelrechten Palast. Sie zog die Glocke und es dauerte eine Weile, bevor das Tor von einer alten Dienerin geöffnet wurde, die sich verbeugte, als Mariclée ihren Namen nannte. Die beiden traten jetzt in eine tiefe steinerne Halle. Hohe, verhängte Bilder hingen an den Wänden, und der mächtige Lüster, sowie die Armleuchter an den Türen, waren verschleiert. Eine breite, steinerne Treppe und eine kostbar getriebene Eisenrampe füllte den meisten Raum aus, und trotz der geschnitzten Truhen und Stühle, die herumstanden, war die Halle vor allem ein Stiegenhaus, und der Eindruck pompös, aber sehr kahl.
„Gucke!“ sagte die Freundin in ihrem schwäbischen Dialekt.
Es war ein sehr weitläufiger Bau. Sie wurden erst durch mehrere Säle und Vorplätze mit zugedeckten Möbeln und verhängten Spiegeln und Bildern geführt und dann einen schmalen Gang entlang, in ein nicht sehr großes, aber prächtiges Zimmer. Die seidenen Vorhänge hatten einen breiten kornblauen gestickten Rand, auf dem goldeingelegten geschweiften Schreibtisch stand eine mit Briefpapier angefüllte Kassette. Im Kamin brannte ein Feuer mit großem Geprassel.
Mariclée atmete auf. Hier war Stimmung; — der behagliche Raum mitten in diesem geschlossenen Hause, und Farbe und Einrichtung des Zimmers entzückten sie.
„Ich packe schnell für dich aus und bringe deine Sachen in Ordnung,“ sagte die Architektin.
„Und ich fahre dann mit dir zur Station,“ rief Mariclée, „wir essen dort und bleiben zusammen bis zuletzt.“
Sie wußten recht wohl, daß sie Geheimnisse voreinander hatten, aber darin beruhte eben der Reiz ihrer Intimität, daß sie sich so gut kannten, und dabei nichts voneinander zu erfahren wünschten, und daß ihr gegenseitiges Vertrauen so ohne Neugier und Vertraulichkeiten blieb.
„Liverpool Station!“ rief Mariclées Gefährtin dem Kutscher zu, als sie mit ihr wieder aus dem Hause trat und in den Wagen stieg, der mit ihren Gepäckstücken gewartet hatte. Und aus der tiefen Stille ihres Squares drangen sie nun wieder in das dämonische Herz der nächtlichen, lichterbesäten Stadt und in jene rauschenden Straßen, in welchen, wie in geschwellten Adern, Londons gewaltiges Leben umläuft.
Als sie die sehr entlegene Station erreichten, war es höchste Zeit, und von Essen konnte nicht mehr die Rede sein. Die Architektin stieg schnell in ihren Zug, der gleich darauf die Halle verließ, und fuhr einsam in die schwarze Nacht hinaus, während die andere einsam in der schwarzen Stadt zurückblieb.
Sechzehntes Kapitel
„Ich heiße Klara,“ sagte die alte Dienerin, als sie am nächsten Morgen mit großem Zeremoniell das Frühstück auftrug. Ihre anderen Mahlzeiten nahm Mariclée außer Hause, aber dieses Frühstück war schon wirklich ein Genuß. Der Aufwand an Silber und gedeckten Silberschüsseln, das Porzellan mit dem optimistischen Tulpenmotiv, die breite, niedrige Teekanne, alles so beschwichtigend! Die alte Klara befehligte noch eine junge Maud, und wenn das Haus geschlossen war, beschränkte sich das Dienstpersonal auf diese zwei. Doch niemals hätte Maud die Lippen geöffnet und zu Mariclée ein Wort gesagt; sondern titulierte Chorführerin war Klara. Sie brachte jetzt die Meldung, daß die Zimmerglocke zum Unglück abgerissen sei, doch würde sie noch heute den Monteur bestellen, um sie zu richten. Indessen konnte sie oder Maud von oben jederzeit hören, falls man sie riefe. Die nächstliegende Türe ging direkt auf die Diensttreppe hinaus. Mariclée wollte aber nicht dulden, daß man ihretwegen etwas reparieren ließ. Tagsüber brauchte sie nichts, heißes Wasser hatte sie ohnedies, und sie konnte ja rufen. Die absolute Abgeschiedenheit in einem so schönen Hause beliebte ihr in der Tat, wie ihr die stille Straße inmitten des belebtesten Viertels behagte. Sie machte sich zum Ausgehen bereit, weihte das schöne Briefpapier damit ein, daß sie dem Exemplar ihre Ankunft meldete, verließ das Haus, warf ihren Brief in den gegenüberliegenden Schalter und sah sich um. Sie wohnte in Grosvenor Street, so glänzend und geschützt, als sich nur wohnen ließ. Wenn sie um die Ecke bog, war sie in Piccadilly, dem Green Park und Ritz gegenüber. Ihre Freundin hatte recht gehabt; hier lebte sichs anders, wie in der Viktoria Street auf den grasigen Hof hinaus, mit der rauhen und schmucklosen Gotik des finsteren Kirchleins. Man sah hübsche und lebensfrohe Gesichter, hyperschlanke und reizende Gestalten.
Eine frühherbstliche Sonne schien weißlich, aber warm hernieder. Mariclée trug ein grünes Kleid, weiße Handschuhe und einen dunkelgrünen Hut mit einer langen schwarzen Feder.
So ging sie leichten Schrittes dahin. Das Wetter war so schön; sie wollte den Weg bis zur Bildergalerie zu Fuß zurücklegen. Als sie vor der deutschen Botschaft vorbeikam, machte sie einen weiten Bogen. Sie hatte jetzt mehrere Bekannte in London, die sie aber vorerst alle zu meiden beabsichtigte, denn wiederum, auch jetzt, noch einmal andere Menschen zu sehen, bevor sie den einen sah, für den sie ausschließlich gekommen war, nein! dies ertrug sie nicht. Morgen früh hatte er ihren Brief, übermorgen würde sie wahrscheinlich die Antwort haben und ihn eventuell überübermorgen sehen. Sie konnte an nichts anderes mehr denken. —
Als sie die Galerie verließ, schlug es drei. Schon so spät! Gottlob. Auf welche Stunde würde wohl der Zeiger deuten, wenn sie ihn wiedersah?
Sie war überzeugt, daß für alles Künftige ein genaues Orarium, zwar nicht ausgegeben, wohl aber ausgefertigt stand. Sehen würde sie das Exemplar, daran zweifelte sie eigentlich nicht, obwohl er ihr inzwischen kein einziges Mal geschrieben hatte. Dies war nun einmal, leider Gottes, seine Art. Aber auch sonst wußte sie gar nichts mehr von ihm. Sie hatte in Irland meist nur irische Zeitungen zu Gesicht bekommen. So war sie doch zugleich von einer gewissen Unruhe erfüllt. — Vor abends wollte sie heute nicht nach Hause zurückkehren. Briefe konnten doch noch keine vorliegen. Und wo sollte sie nun essen? —
Dies war für sie eine sehr wichtige und dadurch sehr komplizierte Frage, daß sie für ihre Mahlzeiten weder viel ausgeben konnte noch wollte, dabei aber, wenn sie allein war, und zumal in England stets nur schöne Lokale in Betracht zog. Die Teehäuser, die es hier alle paar hundert Schritte gab, und die man ihr so warm anempfohlen hatte, waren ja sicherlich anständig, o gewiß! äußerst preiswert, und infolgedessen für jemanden, der nichts besaß, vollkommen angezeigt, sie leugnete es keineswegs; nur ging sie nicht hinein; nur verging ihr alle Lust zu essen, wenn sie vor einem dieser ungedeckten Marmortischchen Platz genommen hatte und umhersah.
O! diese Monotonie! o dieses tearoom Publikum! wie ununterschiedlich, wie unindividuell! Es schien irgendwie eine Beziehung zwischen ihm und den drei ewig selben Kuchensorten zu sein, die Tag aus Tag ein über ganz London hin gebacken werden, und auf der Welt keine vierte und ohne je eine Variante, oder auch nur den Gedanken an eine Variante, weder bei den Konsumenten, noch den Leitern dieser „establishments“. Warum sollte sie da hineingehen? ihr bißchen Geld ausgeben, um sich deprimieren zu lassen? Dies war ganz und gar nicht ihre Art zu rechnen. Aber für heute, in Gottes Namen wollte sie eine solche Bude betreten, sie war so müde, ihre Füße trugen sie nicht weiter, und sie kannte sich noch nicht aus. So ging sie denn hinein, blickte umher und war schon wieder unglücklich.
Wenn wir noch einen Moment bei dieser ihrer gewiß pathologischen Empfindsamkeit verweilen, so geschieht es nur, weil eben hier der Grundton ihres ganzen Wesens lag. Mariclée mußte immer vergessen. — Auf diesem einfachen Leitmotiv baute und gliederte sich bei ihr alles andere auf. Wer dies von ihr wußte, der kannte sie durch und durch, denn alles andere war sie nur beiläufig, von ungefähr, nebenbei, aber nicht wirklich. In anregender Gesellschaft konnte sie für „Außendinge“ von beispielloser Unaufmerksamkeit sein, wie sie dann oft keine Ahnung hatte, was sie aß, aber allein, in einem stimmungslosen Lokal, vor einem ungedeckten Marmortischchen, billigem Porzellan und ungeschliffenen Gläsern — da war sie wie ein Fisch, der auf das Brett geworfen wird, ihrem Lebenselement entrissen und schnappte nach Luft. Denn da gab es für die arme Mariclée nichts zu vergessen —, sondern da wurde sie erinnert. —
Einmal und nicht wieder, dachte sie, indem sie zahlte und mit einem mißmutigen Gesicht das Teehaus verließ. Die Sonne stand noch hoch, es war gerade viertel nach drei. Sie seufzte. So langsam also konnte ihr die Zeit verstreichen, wenn ihr etwas nicht paßte! Ein Ausrufer bot ihr Zeitungen an, sie kaufte an alten was noch aufzutreiben war, nahm eine neue dazu und ging in den Park, um sie im Freien zu lesen . . . . Als sie Whitehall hinunter ging, kam ihr ein Totenwagen, — der hellbraune Sarg in einem gläsernen Kasten weithin sichtbar — in grader Linie entgegen. Und abergläubisch wie sie war, hielt Mariclée inne und atmete für den Augenblick erleichtert und zuversichtlich auf.
Ihre Zeitungen nahm sie dann aufs Geradewohl und ohne auf das Datum zu achten, her; sie wollte vor allen Dingen nachsehen, ob sie eine Nachricht über das Exemplar enthielten, und das erste, wovon sie da las, war die Beisetzung eines seiner nächsten Angehörigen, so daß die Familie, in die er geheiratet hatte, in tiefe Trauer versetzt war. Ihr Herz stand still — nicht ob des Todesfalles; mochten sie wie die Mücken um ihn herum sterben, es kümmerte sie kein bißchen. Aber sie bedachte, daß er am Ende gar nicht war, wo ihr Brief ihn suchte, denn diese Beisetzung war anderwärts, dann durfte sie wiederum auf eine Verzögerung gefaßt sein, dann ging der Tanz von vorne an. Nein, das ertrug sie nicht. Aber das Blatt war ja schon mehrere Tage alt, Gottlob, er konnte zurück sein. Und kränker war er auch nicht, denn er hatte jenem Begräbnis beigewohnt; hier stand es. Und sie faßte sich wieder. Die anderen Blätter brachten nichts mehr über ihn. Mariclée raffte sie zusammen, sie würde sie zu Hause lesen. Jetzt war sie nicht imstande. Ein Fieber, eine Unruhe trieb sie von ihrem Platze fort, zu gehen, rastlos, immerzu, wieder hinaus in die endlose Stadt, wieder zurück in den Park. Und ihre Augen sogen alles ein, das früh verbrannte Laub der Bäume, den stillen Himmel, der darüber hing, das glatte Grau der dunkelnden Paläste, das matte Grün der Rasenflächen, das lichte Schwarz des Teichs. Aber diese Augen trugen wieder den gezogenen, harmvoll matten Glanz des Kranken, der durch eine trennende Scheibe und als ein Verbannter diese Dinge sieht. O Gott, sie liebte sie so sehr, daß sie sie alle vorweg nahm. Und eben darum war sie in ihnen nie enthalten. Wenn aber einer, der es gut mit ihr meinte, da zu ihr hingetreten wäre und freimütig und plumperdings zu ihr gesagt hätte: „Was tun Sie hier? Warum sind Sie gekommen? Was vergeuden Sie Ihre schönsten Jahre und Ihre letzten Groschen, um einer möglichen Versorgung aus dem Wege zu gehen, und statt nach einem braven Mann zu fahnden, übers Meer, einem Vergebenen und für Sie Verlorenen nachzuziehen? Besinnen Sie sich doch! Das Leben ist zu ernst und Ihre Lage zu gefährdet!“ Da hätte Mariclée mit besorgter Miene zugehört, nachdenklich genickt und seufzend zugestimmt, wie sie es tat, als man ihr jene tearooms anempfahl. Denn kein unvernünftiges Wort kam jemals über ihre Lippen. Aber wenn dieser wohlmeinende Freund auch noch gefragt hätte, (was sich vielleicht auch der Leser kopfschüttelnd fragt!) „Was wollen Sie denn eigentlich?“ so hätte sie wieder gelächelt, jenes leichtfertige etwas verschmitzte Lächeln, das in Glenford den Don Juan intrigierte. Was sie wollte? Was sie sich zu wollen erlaubte? Was sie sich herausnahm? Geduld! — Dies Buch ist ja zu keinem anderen Zwecke geschrieben, als um es zu verraten.
Siebzehntes Kapitel
Sie ließ sich erst spät mit dem zierlichen Schlüssel, den ihr die alte Klara am Morgen überreicht hatte, in ihren geborgten Palast ein. Alles war still, sie hörte nie ein Flüstern, nie einen Laut, nie einen Tritt, außer von ihrem Zimmer aus, wenn Klara oder Maud auf der Diensttreppe waren. Aber nie trat ihr auf der weiten Marmortreppe jemand anderer entgegen, als in dem hohen Spiegel, an dem sie vorüberzog, ihr eigenes Bild, nie hörte sie auf den glatten Fliesen andere Schritte verhallen, als die ihren.
Am nächsten Morgen blähte ein herbstlicher Windzug ihre Vorhänge auf und zum ersten Male, seitdem sie nach London gekommen war, zeigte sich die Sonne nicht. Sie war beim Ankleiden, als es an ihrer Türe klopfte. Ein gellendes Klingeln scholl durch das ganze Haus und gleich darauf zeigte Klara ihren alten Kopf. Es sei ein Ruf vom Fernamt, und sie nannte zu Mariclées tödlichem Schrecken den Namen des Exemplars. Ob Fräulein Klee heute nachmittag um fünf Uhr den Tee bei ihm nehmen wollte, er würde um diese Stunde in London sein.
„Ich werde kommen,“ sagte sie tonlos. Die alte Klara eilte mit der Antwort hinab.
Mechanisch fuhr sie fort sich zu frisieren, aber ein kreideweißes Gesicht starrte jetzt aus dem Spiegel.
Was sollte sie anziehen?
Dies war ihr erster Gedanke. Sie hatte drei Feierkleider für die geplante Begegnung in Bereitschaft: das grüne, das sie gestern trug, ein weißes, und ein dunkles bleu-ardoise, das Einzige, was sie bei diesem trüben Wetter wählen durfte. Sie zog es an, und sah darin schmal und gerade aus wie eine Kerze. Und wie von einem magischen Reflex berührt, ward ihr Antlitz plötzlich so ganz genau dasselbe wie damals, als sie zuletzt mit ihm zusammen war, genau derselbe Ausdruck, dieselben blauen Irradiationen, die ihre Augen untermalten wie zuletzt, jenes Gesicht, ihr einzig wahres, ein abkunftloses, nur von ihm erkanntes, seltenes Gesicht, das seinige, da es für ihn nur an das Licht trat, wie ein Kronschatz, der nur dem Einen taugt, dem Unbefugten aber schwer und unzugänglich in den Schrein zurücksinkt. Selbst ihr Körper wurde schärfer umrissen, und seine Linien traten beseelter, ihre leichten Schultern flügelhafter noch hervor. Ihre oft so leblosen Augen aber schienen jetzt wie Wachslichter bei Tageshelle, denn etwas Abendliches, etwas, das der Tag bekriegte, und das sich selbst verfechten mußte, behielt sie stets. „Klara! Klara!“ rief sie und stürzte hinaus. Und die alte Chorführerin, von der Lebhaftigkeit ihrer Stimme erschreckt, eilte herbei, als sei ein Unglück geschehen.
„O Klara!“ sagte Mariclée, „ich brauche einen Schleier, wo finde ich ihn am besten? dieser Hut braucht eine Zutat; er sitzt so schlapp!“
„Bei Selfridge, ganz in der Nähe ist alles zu haben,“ versicherte die andere atemlos. „Aber der Hut sitzt schön, meine Gnädige.“ Und sie sah fast ein wenig betroffen zu ihr auf. War dies derselbe freudlose, etwas saturnische Gast, der unter diesem Dache einzog?
„Er muß gehoben werden. Da, von der Seite,“ sagte Mariclée und maß sich mit kritischen Blicken.
Selfridge, ein kalkweißer, weithin sichtbarer Monumentalbau im Geschmack Sardanapals, bot in der Tat alles, Schuhlitzen und einen Wintergarten; auch leidliche Speisesäle in den oberen Stockwerken, wo man à la carte essen konnte. Es stand auch ein einladendes Büfett beim Eingang. Doch graute Mariclée vor den Fleischplatten. Sie war eigentlich hungrig, aber die Angst schnürte ihr den Hals zu: Sie hatte auf die Uhr gesehen, und es war zwei Uhr. In drei Stunden also. — Dieser Speisengeruch war furchtbar. Und glitt da nicht ein Sonnenstrahl die Wände entlang? Eine lichtblaue Fläche hatte sich, wie ein heiterer See, in das stumpfe Himmelsgrau hineingerissen. Sollte sie da nicht schnell nach Hause? stand ihr das grüne Kleid nicht besser? — Gott! — wie der Herr da drüben essen konnte! — was aß er denn? es sah vortrefflich aus; das hätte sie auch gern gegessen, wenn sie hätte essen können. Und mit einem Male schienen ihr all diese essenden Menschen namenlos grotesk. Der Hunger war der große Rattenfänger, die Speisen die Noten, aus denen er seinen Lockruf zusammensetzt, und zwar so, daß man nicht merkt wie man ihm folgt, und stets so viel genauer weiß was man ißt, als daß man ißt. Weil aber Mariclée in Folge ihrer gesteigerten Verfassung heute den Tanz so deutlich sah und die Pfeife nach der man sich in diesem Saale drehte, so deutlich heraushörte, wollte keine Aufforderung an sie gelangen, und sie mußte von dem Tanzboden herab.
Die grauen Wolken hatten indes den lichten Himmelssee wieder verschlungen und die Luft blieb regnerisch. Mariclée eilte nach Hause, wand und befestigte den Schleier auf ihrem Hut und probierte ihn bald so, bald anders. Es war die einzige Beschäftigung, auf die sie sich jetzt konzentrieren konnte. Als dann die fünfte Stunde herannahte, verließ sie das Haus und nahm einen Hansom, der denselben Weg einschlug, den sie Tags zuvor in der Sonne zurücklegte: St. James Street, Trafalgar Place und Whitehall hinab: fünf Uhr, fünf Uhr, fünf Uhr stand auf allen Zifferblättern zu lesen und silbern ertönten fünf Schläge vom Westminsterturm. Mariclée starrte mit der Miene einer Gerichteten auf die grau glasierten Plätze und Straßen als müßte sie Abschied nehmen von allem, was sie erblickte. Die alte Abtei stellte hier einen Abschluß von seltener Majestät, die schöne niedrige Kapelle stark im Vordergrund, und der weitläufige, gebieterische Bau so königlich gelagert. Ein edler, höchst menschenwürdiger Platz, dessen Vorzüge sie jetzt mit geschärftem Auge erfaßte. Bei dem Tore, von welchem aus Karl I. seine letzten Schritte ging, bog jetzt der Wagen in eine stille und imposante Seitenstraße ein, fuhr noch zwei glatte, hochfenstrige Fassaden entlang und hielt. Mariclée, die reichlich Münze bei sich hatte, reichte, um Zeit zu gewinnen, dem Kutscher ein Pfund zum wechseln hin und ließ ihn in ihre Börse stecken, was er für gut erachtete. Sie stand nur dabei. Indessen öffnete sich die Türe des Hauses, bevor sie noch Zeit hatte zu läuten; sie trat in eine reizende Halle, sah zwei Diener in schwarzer Livree, die von ihrem Kommen unterrichtet schienen und ihren Herrn jeden Augenblick erwarteten. Mariclée hatte noch Zeit eine Stiegenrampe zu erblicken, viel zierlicher und schöner als die in Grosvenor Street, dann sah sie nichts mehr, denn in demselben Moment war die Halle von dem Geräusch eines stoppenden Autos erfüllt und Mariclée wandte sich um. Sie sah einen Herrn, dessen Affektation sie nicht minder frappierte wie seine Eleganz, langsam aber scheinbar mühelos die Stufen emporsteigen und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
„Halloh, da sind Sie ja!“ sagte sie mit einer völlig unangebrachten erkünstelten und blödsinnigen Degagiertheit.
„Haben Sie gewartet?“ fragte er.
Und sie bemerkten nicht, daß sie einander gar nicht begrüßten.
„Wir hatten eine Panne.“
„Wir!?“
Mariclée starrte wieder auf den Eingang hin und sah eine Dame in tiefer Trauer aus dem Wagen steigen. Bevor sie noch einen Gedanken fassen konnte, schoß ihr alles Blut mit solchem Ungestüm zu Kopfe, daß sie schwankte wie ein Rohr. Er, der indessen ihr Gesicht im Auge behalten hatte, stellte sich alsbald schützend vor sie hin, als wisse er vor ihr von ihrer Bestürzung. Er deutete auf eine gegenüberliegende Türe und ging, ohne ein Wort zu sagen und ohne sich umzusehen, darauf zu, und sie wußte nicht, wie es kam, daß sie dasselbe tat, und daß er Schritt mit ihr hielt und sie geleitete.
Sie betraten das Zimmer, und er schloß die Türe hinter ihr zu; niemand folgte ihnen und sie waren allein. Sie empfand eine große Leere im Kopf und eine große Unsicherheit in den Knien, ging auf einen Lehnstuhl zu, setzte sich aber nur auf die Lehne, als sei sie nur ganz provisorisch hier, und er nahm schräg ihr gegenüber Platz. Warum hat er mir das angetan? dachte sie.
„Wie geht es Ihnen?“ fing sie an, „und was fehlt Ihnen eigentlich?“ Er sprach von einer verschleppten Malaria, aus der die Ärzte nicht klug würden; von einem bösen Fieber, das unversehens immer wiederkehre. Das einzige, was ihm tauge, sei Sonne und staublose Luft. Dies Frühjahr habe er allein mit einer Wärterin auf einer Jacht in Afrika verbracht.
Während sie sprachen, hielten sie die Augen fest aufeinander gerichtet und sahen sich unverwandt, mit ernster, ausdrucksloser Miene, wie zwei große Vögel an.
„Sie haben sich aber nicht verändert,“ sagte Mariclée, die ihn kaum wiedererkannt hätte. Und was machte er für Augen? sie waren ja ganz steif; und diese Unbeweglichkeit, diese Blässe, wie von einer Puppe? Und sie bedachte nicht, wie versteinert sie selber drein sah. Jeder nahm jetzt her, was ihm gerade einfiel. Er erwähnte den Todesfall, der sich so kürzlich erst begeben hatte, machte ein gefühlvolles Gesicht, das sie gar nicht an ihm kannte, und sprach von dem „schweren Kummer“, von dem sie alle betroffen seien. Mariclée spürte einen starken Lachreiz. „Warum lügt er denn so?“ dachte sie.
„Davon weiß ich gar nichts; sind Sie deshalb in Trauer?“ log sie zurück.
Von dem Zimmer, in dem sie saßen, sah sie nichts, bemerkte aber jetzt, daß der Tee auf dem Tischchen vor ihnen serviert war, vergaß gänzlich die Situation, und mechanisch, wie sie es früher oft getan hatte, schenkte sie ihm und dann sich selber eine Tasse ein.
Und nie blickte sie zur Türe hin, als dächte sie mit nichten, daß hier jemand eintreten könnte, als sei dies ihre letzte Sorge, als sei dies keineswegs die Panik, die sie krampfhaft unterdrücken mußte, um ihr letztes Restchen Fassung zu bewahren.
„Wie lange ist es her, seit wir uns nicht mehr sahen?“ fragte sie.
Er wußte es auf den Tag.
„So kurz?“ sagte sie irrsinnig. Sie wollte sagen: „So lang.“ Aber es war ja alles eins.
„Und Ihr Beruf?“
„Ich hoffe ihn wieder aufzunehmen.“
„Wirklich!“ rief sie und leuchtete auf.
Aber sein Gesicht erhellte sich nicht. „Es sind noch lange Wege,“ sagte er.
Da erlosch auch der Strahl in ihren Augen.
Sie war von der Lehne aufgestanden und hatte sich in den Stuhl gesetzt. „Und was tun Sie indes?“
Er zuckte die Achseln: „Vorerst mich pflegen,“ sagte er, „und in drei Wochen nach Amerika fahren.“
„Schon wieder! so weit!“ entschlüpfte es ihr.
Und immer starrten sie sich mit ernsten, ausdruckslosen Augen an, indes ihre steinernen Masken ihre eigene Zwiesprache zusammen führten. „Ich kann mich nicht wohl dispensieren,“ sagte er; „meine Frau wünscht, daß ich sie begleite, und die Seereise ist mir ja zuträglich.“ — Sie nickte; und weil die Angst vor der Türe sie immer stärker würgte und immer mehr verstörte, wußte sie jetzt nichts besseres vorzubringen, als einen albernen Tratsch über eine Dame, die er früher flüchtig gekannt hatte und die sie beide in keiner Weise interessierte.
„Und denken Sie, jetzt läßt sie sich richtig scheiden,“ sagte Mariclée und stellte ihre Tasse verzweifelt wieder hin.
Da kam er ihr zu Hilfe.
„Wie lange werden Sie in London bleiben?“ unterbrach er sie, ohne eine Miene zu verziehen.
„Drei Wochen,“ erwiderte sie unbedacht, weil er vorhin „drei Wochen“ gesagt hatte. Eine jähe Röte stieg ihr zu Gesicht. „Oder vierzehn Tage,“ verbesserte sie. „Ich weiß es noch nicht.“
Er nahm stets den äußersten Termin bei ihr an. Sie hatte es nur zu wohl erfahren, als sie in anderen Städten mit ihm zusammentraf. „Innerhalb drei Wochen wären Sie also noch zu erreichen?“ wiederholte er.
„Ja,“ gab sie bei.
Da öffnete sich die Türe. Mariclée hatte das Gefühl, als lägen ihre Arme und Beine in den vier Ecken des Zimmers verstreut und als müßte sie sie dort holen gehen, in Wahrheit aber schoß sie kerzengerade in die Höhe. Sie hörte, wie das Exemplar sie vorstellte, begrüßte die Eintretende mit großer Natürlichkeit und näherte sich dann dem Fenster. Ihre Haltung war plötzlich tadellos. Etwas appellierte an ihr Selbstbewußtsein oder ihren Stolz und es war, als zöge unvermutet eine andere Fahne auf.
„Wir sprachen von Wiener Bekannten,“ hub sie im leichten, klangvollen Tone an und kehrte vom Fenster zurück. Sie war jetzt die Grazie und Sicherheit selbst. Auch die Steifheit und Spannung im Auge des Exemplars hatte sich gehoben, und ein Gespräch zwischen den Dreien geriet richtig in Fluß. Mariclée zeigte sich lebhaft, ohne von einer eisigen Reserve zu lassen, und brachte es zustande zu lachen, ohne doch jemals zu lächeln. Sie unterhielten sich über die Juden, deren soziale Position in England eine viel gesichertere sei wie am Kontinent, und das Exemplar meinte, es sei eben auch die beste Sorte Juden in diesem Lande zu finden, und streute amüsante und scharfe Bemerkungen ein.
Hin und wieder nahm sie ihre Tasse zur Hand setzte sie aber wieder hin, weil sie fürchtete, man könne das Zittern ihrer Hand bemerken. Sie hätte gerne ihren Tee genommen, und wie die andern etwas dazu genossen, um sich weniger erschöpft zu fühlen, aber von essen konnte jetzt ebensowenig die Rede für sie sein, wie für einen Schatten oder eine Abgeschiedene. Sie nahm statt dessen eine Zigarette — die war nicht so schwer wie eine Tasse — und sie rauchte und erzählte von Irland, und wie ihr die Irländer gefielen und mißfielen und von der Unmenge von Priestern. Indes lag jetzt in der blassen, schwebenden Hand, mit der sie ein wenig gestikulierte, während sie sprach, ein so ergreifender Ausdruck, daß Mariclée, der das Schöne, woher es auch kam, nicht leicht entging, davon betroffen ward und sie senkte; doch das Exemplar hatte sich schon von seinem Platze erhoben, und sie wußte, es war, weil, ohne zu wollen, ihre Hand ihn gerufen hatte.
„Hier ist Feuer,“ sagte er, indem er sie schnell erfaßte. „Ihre Zigarette ist erloschen.“
Und dies war die einzige Begrüßung, die zwischen ihnen stattfand. Mariclée wurde dessen nur wie von ferne gewahr. Sie hatte ja so viel zu tun, um jegliche Gefühle in sich auszuschalten, auf daß die leicht vibrierende Stimme, mit der sie redete, nicht brach. Man kam auf seine verflossene Seereise zurück, während welcher er niemals nach Hause schrieb.
„Er ist ja zu Briefen einfach nicht zu bewegen,“ sagte seine Frau; „schreibt er Ihnen je?“
„Niemals!“ lachte Mariclée und schüttelte den Kopf. Die umfängliche Schachtel, in der sie seine Briefe aufbewahrte, faßte sie zwar längst nicht mehr. Aber konnte sie etwas anderes sagen, als was sie eben von dieser Seite vernahm? Und dann: was waren das für Briefe? Meist flüchtig hingeworfene Zettel. So war es, trotz der überfüllten Kassette fast wahrheitsgetreu zu sagen „Niemals“.
Mitten drin trat auch die Frau einmal zum Fenster hin, um Mariclée, die im Halbdunkel saß, von rückwärts und vom Profil zu mustern, und kehrte dann zu ihrem Platze zurück. Und auch dieses fühlte Mariclée nur wie von fern.
Man sprach noch von diesem und jenem: von deutschen Stücken, für die er eine Vorliebe hegte und von Hauptmanns „Griechischem Frühling“, den Mariclée überall verkündigen und lobpreisen mußte, weil das Buch ihre Marotte war; und endlich von dem kürzlich erfolgten Tode Tyrrels, wobei sie sich über die unversöhnliche Haltung des Klerus mächtig ereiferte. Niemand war in ihre Gedanken besser eingeweiht und mehr von ihnen eingenommen wie das Exemplar, weshalb es ihm oft viel Spaß machte ihr zu widersprechen. So nahm er jetzt, der als Anglikane in solchen Fragen in keiner Weise engagiert war, für die schroffe Haltung der Kirche Tyrrel gegenüber munter Partei, und sie wollte ihm etwas entgegnen, als ein Diener mit der Meldung eintrat, das Auto sei vorgefahren. Da empfand sie den Schmerz des mitten aus tiefem Schlafe jäh Aufgescheuchten und erhob sich; das Exemplar schien von der Unterbrechung keine Notiz nehmen zu wollen, doch mahnte ihn seine Frau, daß es Zeit wäre zu fahren, um nicht in die Nachtluft zu kommen, der er sich nicht aussetzen durfte. Da brach er seinen Äußerungen über Tyrrel mit einer äußerst frivolen, aber so witzigen Wendung die Spitze ab, daß Mariclée ihn ansehen und lachen mußte. Denn zur Wirklichkeit und dem Bewußtsein ihrer Situation kehrte sie erst zurück, als sie wieder in der Halle stand und mit den beiden der offenen Pforte zuschritt.
„Da wir uns nun endlich kennen lernten, werden wir uns hoffentlich wiedersehen,“ sagte seine Frau.
„Ich hoffe es auch,“ erwiderte Mariclée höflich und rasch, doch ohne den Schatten eines Lächelns, denn ihr Gesicht war wieder wie versteinert. Und sie ging die Stufen hinab. Aber da erschien er noch einmal vor dem Hause und trat weiter hervor, als sähe er nach dem Wetter und nickte ihr zu, und blickte sie an mit einem Lächeln, in dem alles lag, und dem alles entglitt, das von den Dingen so wohl Bescheid wußte, das ein so weltweises, so kundiges Lächeln war, mit Idealismen zwar vertraut, doch jeglicher Illusion erstorben, ein so blasses, flickerndes und winterliches Lächeln, daß es Mariclée, der Schutzlosen und Gefährdeten, vom Leben so viel rauher Angefaßten, ins Herz schnitt und sie jeden Tropfen ihres Blutes aufbot, um Sonne in ihr eigenes Lächeln zu weben, und ihn anstrahlte, ohne Trauer, als sei nichts verloren. Dann riß sie ihre Blicke los und zog ihren verlassenen Weg und sah nicht einmal hin, als sein Auto, das ihn an den Meeresstrand zurücktrug, an ihr vorübersurrte. Denn jetzt war kein Licht mehr in ihren Augen und ihre Kräfte waren ausgegeben.
Der Tag schien nur um ein geringes blasser und es dämmerte noch nicht. Aber es war, als ob alle Uhren jetzt verschwunden seien, ihr wenigstens fiel keine mehr ins Auge; sie dachte nicht mehr an die Zeit. Ihre Ernüchterung war grenzenlos. Dies also war der Mensch, der sie so wert dünkte, den sie mit solchen Gefühlen und solchen Gedanken behing, diese Puppe! — Mariclée stieß gegen ein Haus und taumelte. Wahrhaftigen Gottes, er sah aus wie eine Puppe!
Sie stand plötzlich auf dem Trafalgar-Platz, sie wußte nicht wie. Nun, es war wirklich gut, es war sicher ganz vortrefflich, daß sie ihn wiedergesehen hatte. Aber wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Also das war er; — diese Puppe? und wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, hätte sie eine große Lachlust verspürt. Was für eine Puppe, sagte sie ganz laut und wiederholte noch einmal, um das Erstaunliche auch auf englisch zu hören: „What a doll!“
„Jetzt nehme ich ein Hansom,“ dachte sie. Aber wozu? Welche Zeit wollte sie denn gewinnen? Es war schon besser, sie ging zu Fuß. Sie durfte das Geld nicht so hinauswerfen. Erst einen Kassensturz, wenn ich bitten darf. Warum hatte sie nicht gesagt: ich kann nur mehr zwei Wochen bleiben, mit zwei Wochen hatte sie doch nur gerechnet. Wie? Was meinte sie da? Was? War das ihr Ernst? Drei Wochen wollte sie nun um dieser Puppe willen? . . . Ach, unterbrach sie sich selbst, nicht denken, jetzt nicht darüber denken . . . später . . .
Und Mariclée tat an diesem Tage tatsächlich etwas Vernünftiges; sie nahm ein Hansom, fuhr nach Hause, warf sich auf ihr Bette, gestattete sich keinen einzigen Gedanken mehr, sondern schlief. Es herrschte völliges Dunkel, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie zerschlagen, erhob sich aber rasch, zog ein Abendkleid an und verließ ihr geborgtes Palais. In diesem Mausoleum hielt sie es jetzt nicht aus, und sie mußte ein hübsches Restaurant ausfindig machen; dies war für den Augenblick das Wichtigste. In einer tristen Teebude zu essen hätte sie heute schier umgebracht. Sie fand in einer eleganten Seitenstraße ein sehr hübsches Lokal und zögerte nicht, es zu betreten, denn ihr schwindelte vor Hunger.
Sie hatte sich tags zuvor ein Theaterbillett genommen, aber sie ließ es auf dem Tisch zurück, als sie wieder ging. Ihr graute plötzlich vor dem Zusammensein mit Menschen; sie wollte mit sich allein sein, nachdenken und gehen. Die Luft war linde und still, über den schwarzen Wolkenstreifen, die noch am Himmel zogen, ragten jetzt Sterne in verzweifelt überwältigender Höhe. Mariclée kehrte von den dunkleren Seitenstraßen in die ruhelose Helle Piccadillys zurück, wo die Finsternis auf Schritt und Tritt vor den Lichtern zurückweicht, wie eine starre Kälte, die von mächtigen Feuern unablässig gebrochen und verdrängt wird. Von dem Ansturm der Wagen, die so endlos aufeinander folgten, daß der einzelne so wenig zählte wie in weiten Wäldern der einzelne Baum, wurden ihre Sinne ganz benommen, wie auch von der Gleichförmigkeit des rauschenden Lärms, den sie heute wie eine gesteigerte Stille empfand. Vergebens wartete sie, um die Straße zu passieren, denn nie wollte zwischen den vielen Kolonnen der Wagen, Autos, Omnibusse und Hansoms eine Lücke entstehen; mitunter schwankten hochgetürmte, bunte Stellwagen, mit Pferden bespannt, recht altväterisch einher. Als da einer vorüberzog, dessen Dach ohne Insassen war, machte Mariclée ein Zeichen, ergriff schnell die hilfreiche Hand, die ihr der Kondukteur entgegenstreckte, und kletterte behend zu den oberen Sitzen hinauf, von welchen aus sie unter freiem Himmel, ungestört und ganz für sich allein, die Straßen dominierte. Denn unter freiem Himmel und allein und abgetrennt zu sein war jetzt ihre ganze Sorge. Sie mußte wissen, was die große Stille bedeuten wollte, die mit einem Male in ihrem Innern entstanden war, wie der Wind, der mit einem großen Ruck mitten im Sturm innehält, doch nur weil ihm der Atem ausging, und um desto stärker wieder anzuheben. So traute sie dieser Stille, dieser Glätte eines allzu bewegten Herzens nicht. Was mochte sich in ihm abspielen, daß so seltsame Schauer seinen Gründen entstiegen und immer stärker wiederkehrten? Waren sie von Glück oder Betrübnis aufgeweht? Ihr bangte wie vor einem Vorhang der ihr das eigene Selbst noch vorenthielt und sich nun langsam teilte, sie in ihr Inneres einzulassen. Der Omnibus fuhr durch die grelle Oxfordstreet und Hyde Park entlang. Als er am Ziele war und wendete, stieg der Kondukteur herauf, aber sie löste einfach eine neue Karte, fuhr bald hin, bald her, tief in die Nacht hinein und blieb auf ihrem ambulanten Dach. Anderen Menschen war es wohl zu kühl hier oben, denn niemand störte ihre Einsamkeit. Im Parke, wo sie zusammenstanden, trugen sich die Bäume noch sommerlich, doch ihr Laub hing schon recht herbstlich stille, weil keine neuen Säfte sie mehr durchquillten. Aber was wußte sie da von Wärmegraden, von Stunden oder Jahreszeiten? Und es war nicht Herbst. O nein! die Knospen hingen zum Bersten reif an grünendem Geäst, nur ein Regenschauer mußte noch herniedergehen; denn es war eine Frühlingsnacht; es war nicht Herbst; wer sagte das? man stand im Lenz. „Ach ich Arme!“ dachte sie, „warum bin ich so glücklich?“ und preßte ihre Arme gegen ihr Herz, das sich durch keine Bedenken halten ließ; es hatte an diesem Tage allzuvieles gewaltsam unterdrücken und verdrängen müssen; nun brach es ans Licht und prangte in hellem Flor.
Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war nicht gestorben. Die Leute, die vor kaum einem Jahre seinen Tod so sicher in Aussicht stellten, die Londoner Reporter, die vor jedem Redaktionsschluß anfragten, ob er noch nicht zu vermelden sei, sie hatten einmal nicht Recht behalten, und ihr Erzfeind: die Wahrscheinlichkeit war einmal nicht zur Wahrheit geworden, sondern die Schatten, die sich schon das Zeichen gaben und an seiner Schwelle sammelten, hatten wieder von ihr weichen müssen. Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war geblieben. Die Götter, die in das Herz des Menschen sehen, hatten sich des ihrigen erbarmt, dessen Blut zu Asche zerronnen wäre, wenn die Dinge ihren Lauf genommen hätten und statt es fortan wie eine Urne zu tragen, hielt sie es jetzt wie einen frohlockenden Zweig, den eine Überfülle aufbrechender Knospen zu sehr beschwert.
Denn in ihr war etwas, das den Tod nicht nur haßte, sondern ihn nicht ertrug. Sie, deren kraftlose Hände einen Schlüssel nicht zu drehen vermochten, der auch nur halbwegs strenge in seinem Schlosse saß, hatte einmal eine verschlossene Türe gesprengt, weil der Schrei, der daraus hervordrang, auf den Hörer augenblicklich eine freche Todesvision übertrug. Und nicht das Erbarmen, sondern einzig die Wut hatte da ihre Kräfte so vertausendfacht und ihre Schnelligkeit so gesteigert, daß sie wie eine Kugel auf das betroffene Wesen hinschoß und mit einem verdunkelten und von Haß entstellten Megärengesicht es seinem Schicksal entriß.
So sehr war sie in das Leben verliebt, daß diese Liebe die Natur in ihr pervertiert hatte — wie etwa eine bourbonische oder florentinische Lilie eine pervertierte zu nennen ist. Mariclée war ein Kind ihrer Zeit; sie mußte das hinnehmen. Bei aller Intensität war kein Geist abschweifender als der ihrige und dem Gegenstande seiner Leidenschaft beständiger entrückt. Im klassisch hergebrachten Sinne liebte sie das Exemplar mit nichten, und sogenannte „Mädchenträume“ hatte sie niemals auf sein Haupt gehäuft. Denn ihr Bereich waren jene Zwischenstadien, die unsere Mütter und Großmütter nicht kennen lernten. Aber heutige Frauen sind insofern die Erfahreneren, als gewisse „Brechungen“ ihres Gefühlslebens viel weiter ausgreifende Strahlungen desselben ermöglichen. Es ist die Zeit, es ist die Zeit!
Denn zum Charakter einer Krankheit gehört es (und es ist ein alter Gemeinplatz, die Liebe eine solche zu nennen), daß sie von einer Phase in die andere übergeht und keinen eigentlichen Stillstand kennt. Manchmal kommt es dann vor, daß sich die Krankheit zurückschlägt, so daß man nicht sogleich zu sagen wüßte, wo denn ihr Herd zu suchen sei, weil sie nirgends ist und überall, und im Moment, in dem sie zurücktritt, dem Ungewitzigten behoben scheint.
Dieser Moment herrscht nun heute in Dingen der Liebe bei uns Europäern fast epidemisch vor. Er ist es, der jener vielberühmten „Temperamentlosigkeit“ unterliegt, die den jüngsten Männern so vielfach eigen scheint und die älteren so sehr befremdet; aber ich möchte fast behaupten: gerade von diesen wird über dieses Thema immer nur das Falscheste vorgebracht. Sie besinnen sich nicht lange, auch das stilisierte einfach für pervers zu halten, und ehemalige Roués sind hier nicht selten unverbesserlich naiv. Was sie indessen als dekadent (das Wort soll alles decken) abfertigen, ist eine Krisis, die macht, daß es wert ist zu leben, wäre es nur, um zuzusehen, wie sie verlaufen, wie die kommende Generation sich zu ihr verhalten, und wie diese daraus hervorgehen wird. Mittlerweile scheinen sie in der Tat überhaupt nicht zu lieben, denen heute die allgewaltige Blindheit der Liebe verloren ging, so daß die Glut ihrer Herzen zurücktrat, als ein schleichendes Fiebern sich in alle Adern ergoß und ihre Wildheit schlug. Was die Besten so ermattete, ist der Vorgeschmack der großen Ernüchterung, das Bewußtsein von der Schalheit der Dinge und die Angst vor dem Sichbescheiden im Überdruß. Die Realität der Liebe verlor da zum ersten Male, seitdem die Welt besteht, gerade für die Liebenden an Wichtigkeit, und die Scheu des Unzulänglichen wurde so zur heutigen Romantik.
Mariclées Element war das Absichtslose. Sie konnte ihr Gefühl nur einem solchen Manne zuwenden, bei dem aus irgendeinem Grunde eine Verwirklichung ihrer Wünsche so ausgeschlossen war wie das Festland von der Meeresinsel. Sie liebte ihn um seines Wertes willen und nichts darüber, damit schoß sie aber gerade über das Ziel hinaus, verlor den Mann aus dem Auge und hing sich an den Menschen. Sie wußte es nicht, aber das Exemplar, das ihr zugesehen hatte, wußte es von ihr. Er hatte ihr die größte Wohltat erwiesen, die ihr von einem Manne zuteil werden konnte: sie vollkommen zu durchschauen, und so lang er lebte, war sie nicht allein.
Denn durch einen Zug ihres eigenen Wesens war sie er selbst, und zwar gerade auf Grund jenes Idealismus, den er für sich nicht mobil machte, und mit dem sie sich einen so unerhörten Luxus gestattete. Ihm war einer der besten Tribünenplätze zugefallen, die im Leben zu haben sind, und alle Vorteile und Genüsse, von den edelsten zu den materiellsten standen ihm zu Gebote. Er hatte sich auch stets um einen solchen Platz bemüht, und sie feilschte darob nicht mit ihm, denn ihr Verzicht auf das Ganze war nur deshalb erfolgt, weil sie mit keiner zweitbesten Lage vorlieb nehmen wollte. Sie flickerte dann lieber zwischen Bühne und Publikum hin und her, ließ sich nirgends eingrenzen und war es zufrieden, sich allem und jedem gegenüber eine vage Zugehörigkeit und einen vagen Protest vorzubehalten. Dies war ihre Geste.
Er hingegen war der typische Zuschauer, für den gespielt, gearbeitet, gelernt, geforscht, Kunst getrieben und immer neues gefunden und entdeckt wird, und für den vor allem alle schönen Dinge vorhanden sind. Er gab sich zu denken nicht sonderliche Mühe, denn just für ihn wurde ja gedacht. Und woher sollen die Romanschriftsteller und Dramaturgen ihre Helden schöpfen, wenn jene Typen aus der Welt verschwänden, welche den Stoff zu ihrem Gestalten liefern?
Ein solcher Held nun war das Exemplar.
Die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Mariclée bestand, war ebenso kurios, wie ihre bei den Haaren herbeigezogene erste Begegnung.
Vor einigen Jahren war er durch die Stadt gekommen, in der sie lebte. Und am selben Tage hatte sie eine ehemalige russische Palastdame und Witwe eines vielbereisten Diplomaten aufgesucht, die eine große Schwäche für sie bezeigte und mit der sie sich hin und wieder zerwarf und dann wieder versöhnte. Die alte Dame war sehr tyrannisch und unberechenbar in ihren Launen, hatte sich aber dabei eine vollendete, in Anbetracht ihrer Jahre sehr merkwürdige Grazie bewahrt und schien hier etwas verschlagen mit ihrer Sarskoe-Zelo-Aura, die sie überall mit sich führte, ohne einen rechten Gebrauch dafür zu finden, denn im Vergleich zu seinem früheren Glanze war ihr Leben jetzt sehr windstill und verblaßt.
Als nun Mariclée an jenem Tage bei ihr erschien, wollte sie gleich über sie verfügen, sie ins Theater und für den ganzen Abend in Beschlag nehmen. Aber Mariclée tat ihr prinzipiell keinen Gefallen mehr, weil sie gefunden hatte, daß anders nicht mit ihr auszukommen war. Und als sie merkte, daß ihre scheinbar recht unmotivierte Weigerung andere Besucher, die zugegen waren, unangenehm berührte, weigerte sie sich erst recht. Aber die Gesellschaftsdame, ein junges und recht unglückliches Mädchen, zupfte sie leise am Ärmel, nahm sie geschickt abseits und bat sie flehentlich der alten Dame heute abend zu willfahren. Da witterte Mariclée eine häusliche Szene zwischen den beiden und nahm ihre Absage zurück.
Eine Stunde später saß sie in einem Stück von Björnson, und bemerkte, daß ein Herr in ihrer Nähe öfter zu ihr hersah, doch achtete sie nicht weiter darauf, teils aus Zerstreutheit, teils weil sie ihn nicht kannte. Nach der Vorstellung aber ging er plötzlich auf die alte Dame zu, die ihn mit einem kleinen Freudenschrei willkommen hieß, denn sie kannte ihn vom letzten Posten ihres Mannes her. Mariclée, immer noch recht unbeteiligt, hielt sich jetzt abseits und ließ die beiden in dem engen Gang ein paar Schritte vorausgehen. Aber vor dem Vestibül wandte er sich um, hielt inne und verlangte ihr vorgestellt zu werden. Mariclée stand eine Stufe höher als er und sah jetzt zum ersten Male sein Gesicht; sie stutzte. Sein wundervolles Äußere frappierte sie so sehr, daß sich ihr Gesicht erhellte und sie ihm unwillkürlich ihre Hand entgegenstreckte, aber zugleich blickte sie von ihm weg und starrte ins Leere und lächelte dabei, als sähe sie sich im Geiste sein Bild noch einmal an. Da kam er rasch die Stufe herauf, um ihre Hand zu ergreifen, und sein Lächeln trug ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit den deutlichen Reflex des ihren. Und es geschah alles so rhythmisch, als hätte im Hintergrund eine Musik diese flüchtige Begrüßung von Anfang bis zum Ende begleitet. Sie war symbolisch genug. Nur das Leben konnte diese beide trennen: ein Mißverständnis nie.
Trotzdem war er ihr am folgenden Morgen ganz aus dem Sinn. Sie erwartete an diesem Nachmittage die alte Palastdame bei sich zum Tee. Als es läutete, stand sie gerade am Fenster und sah einen Kindertotenwagen dem Hause zufahren. Sie ging in den Salon, ihrem Besuche entgegen und sah das Exemplar auf sie zukommen, wie wenn nichts natürlicher wäre, als daß er heute in Begleitung ihrer alten Gönnerin hier erschiene und sich von ihr hier einführen ließe. Sie war das einzige Wesen, daß er in dieser Stadt kannte.
Von dieser Stunde an war das Unstete, Rastlose und Unsichere von Mariclées Wesen dahin. Die beiden trafen sich fortan bald in kurzen, bald in längeren Zwischenräumen bald in dieser, bald in jener Stadt, bald in Rom, bald in Venedig. Wenn sie gingen, dann war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zur Gruppe zusammenschmiedete, und es war nicht als ob zwei, sondern als ob einer ging. Seine Nähe war die Heimat, die alle Einsamkeit von ihr benahm, und in der sie von allen Ungereimtheiten des Lebens rastete. Einmal im Theater, als er die Hand ausstreckte, um ihren Zettel zu nehmen, waren ihr Tränen in die Augen gekommen, weil seine Vollkommenheit sie so beglückte. Denn er war gleichsam ein Übergang zum menschlichen Standbild. Dies Phänomen war durch seine äußere Form im Verein mit der Akuität seines Schönheitssinnes entstanden. Die Harmonie kann so gut wie die Häßlichkeit als „Akkumulator“ am Werke sein. Durch die Schärfe aber, mit der Mariclée diese Harmonie so restlos wahrnahm, hatte sie Teil an ihm, ja „gehörte“ er bis zu einem gewissen Grade ihr.
Und nun stiegen auf dem Wagendache, auf dem wir sie ließen, auch die weit verstreuten, selbst die vergessenen Tage ihrer Zusammenkünfte wie aus einer Versenkung empor, zerfallene Kulissen durften wieder erstehen, der Zeiger rückte bald nach dieser, bald nach jener Stunde ihres Zusammenseins zurück und eine jede durfte wieder aufleben und erblühen. Und über Mariclée war das Glück wie ein Frühlingssturm her und schüttelte und durchschauerte sie. Er lebte, und sie hatte ihn wiedergesehen. Um sie her rauschten jetzt die Bäume, von einem mächtigen Winde aus ihrer Stille aufgescheucht, die Nacht war schon weit vorgeschritten, aber Mariclée nistete noch immer auf ihrem Dache oben wie ein Käuzchen in seinem Felsenloch. Sie ließ sich durch den Schaffner nicht stören, der ab und zu an der Stiege erschien und von dem sie dann eine neue Karte löste. Zum wievielten Male war sie wohl schon Park Lane und jene grotesken Häuser entlang gefahren, die ihr Dasein bald einem undeutlichen Ricordo die Venezia (in englischer Betonung) verdanken, bald — (mit dem gleichen Akzent) von Nürnberg und Albrecht Dürer phantasieren? Fassaden, in welchen sich gewisse angelsächsische Züge mit solcher Drastik verdichten, daß diese zu Kalk und Stein verhärtete Borniertheit nicht niedergerissen, sondern in künftigen Jahren restauriert werden sollte. Denn der dumme Deutsche ist nur ein Ärgernis, dem stupiden Engländer gebührt ein Monument.
Mariclée stieg nicht eher von dem Wagen herunter, als bis er seinen Dienst einstellte, dann ging sie nach Hause und ließ sich mit ihrem kleinen vergoldeten Kammerherrenschlüssel dort ein. Die Diensträume lagen weit ab und niemand konnte sie hören, nur die Stille eines unterirdischen Gewölbes wehte ihr hier entgegen. Sie tastete an der Türe nach den Hähnen, und alsbald entströmte den verhängten Lüstern ein verschwiegenes, weißliches Licht. Mariclée stieg wie im Traume die Steintreppe hinauf und an dem großen Spiegel vorbei, aus dem ihr stets nur ihr eigenes Bild entgegentrat. Doch halt! — wer war das? — das war nicht sie. Welche Gestalt zog da wie auf Wolken einher? Wessen Antlitz? o das war nicht sie! ach ihre Züge waren es, und nicht die ihren, wie die Rose, die am Gartenstrauche hängt, nicht dieselbe ist, die am Hag eines Götterhaines entflammte. So also sah sie im Glücke aus. — Wo war die Unbelebtheit hin, die manchmal wie ein Vorhang ihr weltabgewandtes Antlitz überzog und es umdüsterte? und sie wandte sich ab, denn es schmerzte sie dies herrliche und lichtumflossene Gesicht zu sehen.
Wie brachte sie es nur zuwege, wird sich der Leser denken, auf so geringe Veranlassung hin, einen solchen Maibaum aufzurichten? Welch ein Aufwand von Gefühlen pour si peu! Aber man denke, wie gewaltsam im Moment die ungeheure Freude des Wiedersehens zurückgedrängt worden war, und gleich nach der Zusammenkunft so weit zurückschlug, daß sie das Exemplar mit den vollkommen nüchternen Augen eines gleichgültigen Passanten betrachtete und sogar geneigt gewesen war, die ganze Geschichte von der lächerlichen Seite anzusehen. Denn vergessen wir nicht, daß Mariclée sich leicht an der äußersten Kante der Dinge bewegte.
So dachte sie auf ihrem Omnibus nicht mehr: „Warum hat er mir das getan?“ und prüfte nicht, ob er die Situation herbeigeführt oder nur geduldet hatte. Sie dachte nur: O wie genau wußte er, daß er sie riskieren durfte! Wie genau wußte er, bevor sich jene ominöse Türe öffnete, wie ich mich verhalten würde! O wie gut bin ich bei ihm aufgehoben, und wie gut kennt er mich?
Und so war das ganze Freudenfeuer vor allem eine Reaktion.