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Das Gedächtnis

Chapter 18: VIII. Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und deshalb einzuüben sind?
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The work examines the nature and central role of memory, defining it as the capacity to imprint, retain and later reproduce perceptions and ideas. It outlines the adoption of scientific experiment in studying mental life and describes consciousness and the internal mechanisms that support remembering. A substantial practical section offers rules for effective memory work, covering attention, rhythmic structuring, grouping, localization, organization, interest, whole-versus-part learning, spaced repetition, imagination and mnemonic techniques. It also addresses sensory testimony and its errors, individual differences in imagery, ways to detect missing elements in knowledge, and how inhibition, facilitation and health affect retention, concluding with a concise synthesis of theory and practice.

VIII. Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und deshalb einzuüben sind?

Dazu fehlt es vorläufig an einem handlichen, vollkommen befriedigenden Verfahren. Aber einige Hinweise erlauben uns, ziemlich deutlich die vorwiegende Vorstellungsart zu erkennen.

1. Man beachte die Fehler in schriftlichen Arbeiten! Der Hörer verwechselt ähnlich klingende Laute, z. B. ä und ö mit e, s mit ß und z. Der Seher aber faßt die Form der Buchstaben scharf auf und stützt sich nicht auf den Klang, sondern aufs Wortbild. Der Hörer macht etwa Fehler: sagte — sachte, Hitze — Hitse, Haide — Heide, Lid — Lied. Davor bleibt der Seher bewahrt, weil sich ihm die Verschiedenheit des Gesichtsbildes schnell aufdrängt.

2. Der Seher merkt sich mehr die Mitlaute, weil sie dem Auge durch ihre Größe auffällig sind, der Hörer die Selbstlaute, die bekanntlich lauter klingen als die Mitlaute.

3. Der Seher kann meist genau angeben, wo eine bestimmte Stelle im Buche oder in der Arbeit zu finden ist, die andern können das nicht.

4. Der Seher buchstabiert lange Wörter leicht rückwärts wie vorwärts, was den beiden anderen Arten wesentliche Schwierigkeiten macht. Auch folgende Aufgabe vermag bei der Feststellung der Vorstellungsart zu helfen:

5. Man schreibe Gegenstände mit lebhaften Farben auf, dann Gegenstände, die starke Geräusche erzeugen! Beide Aufgaben sind 10 oder 15 Minuten lang fortzusetzen. Wer viel mit dem Gesicht arbeitet, wird bei der ersten, wer sich mehr aufs Gehör verläßt, bei der zweiten mehr Gegenstände aufschreiben.

Handelt es sich nun um Gedächtnisleistungen, die sofort von uns verlangt werden, so werden wir uns zunächst auf unser Vorstellungs- und Gedächtnisgepräge stützen, dann aber die Übung der anderen Sinne eifrig betreiben, damit sie später eine weitere Hilfe für uns werden.

In welcher Weise diese Forderung zu verwirklichen ist, möge noch durch folgende Beispiele erläutert werden:

Ein Maler wendete folgendes Mittel in seiner Malerschule an. Um seine Schüler an das Zeichnen aus dem Gedächtnis zu gewöhnen, ließ er die Umrißlinie der Figur mit dem Bleistift in der Luft verfolgen. So nötigte er seine Schüler, das Muskel- mit dem Gesichtsgedächtnis zu verschmelzen. Noch vorteilhafter soll die feine Arbeit der Augenmuskeln für das Gedächtnis sein.[18]

Von sich selbst erzählt Meumann, daß er sich beim Lernen der Fremdwörter an die Klangbilder hielt. Die hebräischen Zeitwörter bereiteten ihm aber große Schwierigkeiten, weil alle in der ersten Silbe ein langes a, in der zweiten meist ein kurzes a haben, seltener e, o und a. Da half er sich damit, daß er, obgleich Hörer, nur auf das Gesichtsbild der Mitlaute achtete. Mit dem Gesicht lernend überwand er allmählich die Schwierigkeiten.

[17] Vgl. Prof. Dr. Paul Barth, Die Elemente der Erziehungs- und Unterrichtslehre. 6. Auflage (J. A. Barth, Leipzig), und W. A. Lay, Führer durch den Rechtschreibunterricht.

[18] In der Praktischen Gedächtnispflege S. 35–44 ist die Einschaltung geeigneter Muskelempfindungen beim Lernen ausführlich dargestellt.