Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit erregter Stimme sagen: »Reverendissime! Das Fürchterlichste an dieser chose effroyable haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!«
Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle, die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen, sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben, die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer Sehnsucht ernten ihn.
Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung. Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte, warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr. Er fragte nicht: Wo ist es? – atmete nur auf, weil das Fürchterliche nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.
Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig, öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.«
Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.«
»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir Zeit lassen bis morgen.«
»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und zog hinter sich die Tür zu.
Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt. Er dachte immer nur dieses Eine: ‚Jetzt muß ich es tun!‘ Als das Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren. Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel größere Sterne, als der Himmel sie hat.
Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld hatte schon einen schneefreien Fleck – es war die gleiche Stelle, an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen, Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du nit einen, der dir tragen hilft?«
Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch! Ich zahl dich gut.«
»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles umsonst.«
Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker. Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel. Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch einem jeden dankbar.
Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!« Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen, es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand, die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu reden an.
Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«
»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum Königssee.«
Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst: hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße heraufzuziehen.
Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«
»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten. Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: ‚Mein Leupi tät mich sänftlicher fahren!‘ Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu schnattern begann.
Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit verübeln, Frau?«
»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«
Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme: »Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach. Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut: »Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden auf.
»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!«
»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin! Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker, wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag.
Warum kam sie?
Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis: »Ich mach mir ein bißl Sorg.«
Leupolt erschrak. »Meinst du, sie hätt sich verkühlt?«
»Das nit. Aber du weißt doch: wenn's morgen föhnt, und es gibt einen linden Tag, so druckt er das Eis noch ganz in Scherben. Und das Weibl kann sitzen müssen in Barthelmä, wer weiß, wie lang.« Das war so. Er selber hatte schon dran gedacht. Dennoch wär' es ihm lieber gewesen, wenn die Fischmeisterin das nicht gesagt hätte. Sie und ihr Mann, ihr Mädel, ihre zwei Buben, die drei Fischerknechte und der Platzjäger, alle waren sie evangelisch, von den Unsichtbaren des Berchtesgadnischen Landes die Ungestörtesten. So lange Frau Agnes im Hause war, mußten die Neun sich hüten, konnten am Abend nicht Frag und Antwort geben nach dem Spangenbergischen Katechismus, nicht vorlesen aus dem heiligen Buch.
Aus der Stube klang es ungeduldig: »Bub? Wo bleibst du?«
»Ja, Mutter!« Zur Fischmeisterin sagte er hart: »Ich will's überlegen.« Es verdroß ihn, daß es Menschen gab, denen seine Mutter nicht willkommen war. Er trat in die Stube. Frau Agnes, angetan mit einem weißen Kittelchen, das zu eng war, saß in dem klobigen Jägerbett wie ein Hühnchen im Metzenkorb. Lächelnd streckte sie ihrem Sohn die Hände entgegen: »Bub! Jetzt wird's aber gleich einen Streit geben!«
»Zwischen dir und mir?« Er setzte sich auf den Bettrand. »Wär das erstmal im Leben!«
»Doch, Bub! Wenn ich dir sag, warum ich gekommen bin, so glaubst du's nit.«
»Dir glaub ich alles.«
Sie nahm dieses Wort wie eine Hoffnung. »Bub, ich bin übers Eis gefahren, bloß daß ich dir einen süßen Krapfen bring.« Das glaubte er nun wirklich nicht. Frau Agnes nickte. »Wohl! Greif nur hinein in den Mantel! Da steckt er. Hoffentlich ist er nit auch getauft worden.«
Leupolt ging zum Ofen. Richtig! Aus dem Mantel kam ein zusammengeknüpftes Tüchelchen zum Vorschein. Der Inhalt duftete so fein, daß man seine Wesensart auch ohne Jägernase gewittert hätte. »Aber Mutter!« Leupolt lachte, und Frau Agnes bekam zwischen den Brauen eine Falte, als hätte sein sorgloses Lachen ihr wehgetan. Er ging zum Tisch, knüpfte das Tüchelchen auseinander und wickelte den goldgelben Krapfen heraus. Schon wollte er hineinbeißen. Da sah er das Zwibebenkränzl, wurde ernst und drehte rasch das Gesicht über die Schulter. »Mutter?«
»Ja, Bub! Den hab ich keinem anderen nit anvertraut.«
Er brach das Backwerk ruhig entzwei, fand das kleine Schilfröhrchen und nahm den dünn zusammengerollten Zettel heraus. Als er die Schrift sah, fragte er verwundert: »Das ist doch Vaters Hand nit?«
»Derweil ich den Teig gerührt hab, hat der Meister den Zettel geschrieben.«
Seine Augen wurden groß. »Wer, Mutter?«
»Ihr Vater. Der Meister Niklaus.«
Heiß schoß ihm das Blut in die Stirn. Die Hand zitterte ihm ein bißchen, während er die Lampe von der Mauer herunternahm, um besseres Licht beim Lesen zu haben. In Sorge betrachtete ihn die Mutter und begriff nicht, daß er so ruhig bleiben konnte. Als er gelesen hatte, ging ein Lächeln um seinen Mund. Eine Weile sah er stumm vor sich hin. Dann sagte er: »Mutter, jetzt muß ich was Ungutes verlangen von dir. Gibt's morgen einen föhnigen Tag, so wüßt man auf Wochen nimmer, wie man hinauskäm. Ich muß dich, eh der Nachtfrost auslaßt, auf den Schlitten setzen. Sorg mußt du nit haben. Ich weiß den trockenen Weg und bring dich gut wieder heim. Am Morgen muß ich draußen sein. Ich mag mich nit suchen lassen. Ich will mich stellen.«
Frau Agnes entfärbte sich, versuchte aber doch, ein heiteres Wort zu finden. »So! Jetzt bin ich umsonst ins Wasser gekugelt. Freilich, tiefer als bis aufs Häutl ist's nit geronnen. Altes Leder ist wasserdicht.« Sie wollte lachen, streckte aber plötzlich die Hand und flüsterte: »Leupi? Muß das sein?«
»Was anderes weiß ich nimmer.«
Sie wollte fragen: Weißt du, was dir bevorsteht? Aber das verschwieg sie. »Bub? Alles Grobe wird linder, wenn man ihm Zeit laßt. Wer weiß, wie die Herren denken über drei Wochen? Wenn du vor Tag hinaufsteigen tätst zum Hegerhäusl am Fundensee? Und tätst dich bis über Ostern einwehen lassen im sicheren Hüttl?«
Er kam zum Bett und nahm ihre Hand. »Da tät der Wildmeister sagen: ich wär ein schlechter Jäger, der nit weiß, daß vor der Osterzeit da droben kein Wild nit steht. Die Steinböck, die das Tal nit mögen, sind ausgestorben.« Er winkte gegen den Zettel hinüber. »Weißt du alles?«
»Von ihrem Vater.«
»Tust du mir's verdenken?«
»Was?«
Er wußte nicht, wie er es sagen sollte. Da fiel ihm das Wort ein, das Pfarrer Ludwig zu ihm gesprochen hatte: »Daß ich wegspringen hab müssen über dich und den Vater?«
»Geh, du Närrle! Das zählt doch nit. Jetzt geht's um dich!« Sie zog ihn näher zu sich heran. »Den guten Rat, den der Meister gegeben hat? Magst du den nit ein bißl nutzen?«
»Lügen?« Er schüttelte den Kopf. »Tätst du das christlich heißen?« Seine Stimme wurde leis. »Und an das Mädel mich anhängen mit einer Falschheit? Mutter, das geht nit. Da ist sie mir viel zu gut dazu!«
»Die?« Frau Agnes verlor die Ruhe. »Die dich hineinstoßt in Eisen und Not!«
»So ist das nit. Einer geht über den Berg und muß hintreten auf einen Stein, der ins Laufen kommt. Da kann man nit wissen, daß der Stein einem Bäuml ins Leben schlagt. Wie fromm sie ist, das weißt du doch. Schau, da hat ihr halt eine Stimm in der Seel geboten: Red!« Er lächelte, fast wie ein Glücklicher. »Jetzt weiß ich doch, daß sie an mich hat denken müssen.«
Erschrocken sah Frau Agnes ihren Buben an. »So lieb hast du sie?«
Seine Augen glänzten. »Lieber als mein Leben. Ich bin so, daß ich mir auf der Welt bloß ein einziges Glück weiß. Sonst kein anderes. Da heißt's halt: finden oder dran vorbeirutschen.«
Sie klammerte den Arm um seinen Hals. »Wenn du sie so lieb hast? Wär's da nit denkbar, daß sie dich wieder hinüberzieht –« Sie stockte. »Auf den alten und guten Glaubensweg?«
Leupolt blieb unbeweglich und stumm.
»So tu doch reden, Bub!«
Da sagte er schwer und langsam: »Wenn's für einen so kommt, daß Blut und Glück ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist hart. Aber wie man da gehen muß, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die Menschheit zu erlösen, hat den eigenen Sohn gegeben. Muß da nit der Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist als Sonn und Freud?« Er fühlte ihre heißen Tränen an seinem Hals und umschlang sie. »Einmal müssen wir reden drüber. Nit jetzt. Lieber auf dem Heimweg. Die Stub hat hölzerne Wänd. Ich mag nit, daß dir einer in Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mußt. Da drüben in der anderen Kammer –« Er verstummte, riß sich aus dem Arm der Mutter, sprang hinüber zum Ofen und warf das Schilfröhrchen und den heimlichen Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte: »Was ist denn?«
»Die Hausmutter kommt.«
Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glühweinkrug und brachte einen Brotwecken und geräucherte Saiblinge. »Sooooo!« Die Frau warf einen spähenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: »Grad reden wir drüber, daß die Mutter vor Tag hinaus muß übers Eis. Morgen könnt harter Weg sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.«
Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein gefälliges Weibl, schwatzte immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und ließ den heißen Becher nicht leer werden. Frau Agnes mußte reichlicher schlucken, als sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer nützte, sagte Leupolt: »Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf.« Er saß auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die Höhe, um zu fühlen, ob die auf den Stangen hängenden Kleider trocken würden. Der Glühwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, daß ein fremdes Ohr auf drei Menschen hätte raten können, die ferne waren von allem Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spaß die Stube verließ, sagte sie das »Gelobt sei Jesus Christus!« wie eine gute Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen. Bei den häufigen Besuchen der Chorherren, die das Schlößl zu Bartholomä nicht nur zum Jagen besuchten, auch häufig in Begleitung, um à la mode ein bißchen Pariserei zu treiben – bei diesen Besuchen hatten es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdächtig zu machen. Sie wußten geschickt von einander zu trennen, was Religion und Brotkorb hieß. Die Fischmeisterei zu Bartholomä war eine einträgliche Stellung, für die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte.
Leupolt schien anders zu denken. Während die Fischmeisterin sich gutgläubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes nahm den glühenden Kopf zwischen die Hände und versuchte zu lachen. »Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir auf, als wär der Teufel zu unterst in mir.«
»Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswärm. Jetzt muß ich mich nimmer sorgen, daß du dich verkühlt hast. Gut schlafen wirst du auch.« Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In der Finsternis sagte Leupolt: »Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn es sein muß.« Er streifte die schweren Schuhe von den Füßen, zog den Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich hin. Flüsternd wiederholte Mutter Agnes: »Wenn es sein muß?« Bei diesen vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen und das kommende Leiden ihres Sohnes. »Bub?« Gleich erhob er sich und ging auf den Strümpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand. »Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?«
»Wohl, Mutter! Fleißiger, wie sonst.«
»Was betest du?« fragte sie in Angst.
»Jetzt bet ich allweil –« Er schwieg. Dann sagte er mit völlig anderer Stimme: »Ich bet: ‚Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; und täten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst mein Heil und meines Lebens Trost!‘«
Ein Laut wie in heißer Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte des Sohnes gehört, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgeläut seines tiefen Glaubens. »Jesus, Jesus,« stammelte sie im Glück des Augenblickes, »betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.«
»Nein, Mutter, es fehlt nit!«
Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und preßte das heiße Gesicht an seine Wange. »Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was hätt das Reden für einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir, das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Müssen wir's halt nehmen, wie's ist. Und was kommt, das müssen wir tragen als Mutter und Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreißen. Gelt nein?«
»Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht.« Wie wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinüber. Ihre Augen schlossen sich nicht, obwohl der Glühwein die Gedanken ihrer Sorge und ihres Trostes ein bißchen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, daß die Mutter immer glaubte: jetzt schläft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und Schuhe der Mutter völlig trocknen möchten. So leise tat er es, daß kein Mäuschen hätte erwachen können. Als er sich lautlos wieder hinstreckte auf die Bank, sagte Frau Agnes: »Vergeltsgott!«
»Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.«
Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hörte man das Schnarchen des Platzjägers. Und draußen im Zwinger schlugen die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild über den Gartenzaun gesprungen, um an den Obstbäumen zu beißen. Die schwindende Mondhelle verriet dem Jäger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fünfte Frühstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: »Guten Morgen, Bub!«
»Du hast doch ein bißl geschlafen? Nit?«
»Die ganze Nacht. Und gut.«
»Gott sei Dank!« Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwärmen in die Ofenröhre. »Dein Zeug ist trocken!« sagte er, nahm die Kleider von den Stangen und legte sie auf das Bett. »Draußen putz ich deine Schuh. Da kannst du dich gewanden derweil.«
Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aßen einen Bissen Brot dazu.
Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern den Bergsack, auf dem Arm das Radmäntelchen und zwei wollene Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war. Draußen sagte er: »Da mußt du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein bißl vereist.« Auf dem Beinschlitten hüllte er sie fest in die zwei Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und Hals. Alles ließ sie schweigend geschehen, sah nur immer mit großen, nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten stieg, drehte er das Gesicht und ließ die Augen langsam hingleiten über den grauen Jägerkobel, über das schmucke Herrenschlößl und über den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das im Leben noch einmal sehen würde? Wortlos stieg er auf das Brett und begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen.
Manchmal klang das Dröhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was aneinandergewachsen war. Und immer hörte sich das an, als hätte man stark an eine große Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch in der Luft.
Kapitel X
Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie als eine Verunglimpfung des Himmels.
Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war, hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere, Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind und Teufel, weiß und schwarz.
Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit ein Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben Kinder sind, das waren nun doch zwei Kinderchen, weiß und schwarz, entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen. Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser Leute und die Entstehung rebellischer Rumore – alles war vorhanden, dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung, daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. Ganz verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe. Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens ein polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!« Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der ego ipsus, was das zwiefärbige miraculum als Gottesstraf in loco hujus bedeutet! Die preußischen coloribus sind schwarz und weiß. Ergo, wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine Spassettibus nit machen.«
Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken. Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen, bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.
Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der vulgo Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst. Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine ordre auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine ordre auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher Amtsgeheimnisse, eine ordre auf Dingfestmachung der beiden Hasenknopfischen Menscher und eine ordre an alle Grenzwachen: weder Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.
Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker, wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von 763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre – verläßlich ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise nicht. Es gab nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun widerfuhr ihm das! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!
Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind, so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte, den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch ein Geschrei würde das geben! Und gar noch – so was Sinnloses – wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter, die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.
Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung! Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere, die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich! Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen? Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen, der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?
Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches Metzgerwerk einem medico zumuten, in dessen Händen die Obhut für das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »C'est juste, révérend! Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst. In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte überstanden hätte.
»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß dieses Weib eine Irrgläubige ist?«
»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von seltenen Herzenskräften.«
»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?«
Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur ab ovo gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben, einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das dieser Bemerkung folgte – ein Schweigen, bei dem sich viele Augen auf Jesunder hefteten – sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den stummgewordenen Herren.
Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich? Ja?« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte? Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die Kehlen rauh.
Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein. Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur dieser alte Saal der Entschlüsse – ein Gleichnis der Dinge, die in ihm geschahen – war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur weil es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!«
Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde, mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen. Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde einfüllen, innen die geweihte.
Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da mußte er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand genau unter der Mitte der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden muß? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte, zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, parfaitement!« Sein Beispiel beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!«
»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich der Himmel kränken.«
»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn ihr's vermutet, muß es vermieden werden.«
»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird sich in Bosheit die Hölle freuen!«
»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »Soll sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den Kapitelsaal.
Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis zum Abend.
In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal – ruhte hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.
Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle stecken wollte, noch ehe die Sonne käme.
Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen. Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser, wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er das entstellte Gesicht. »Nachbarin?«
»Was, guter Christl?«
»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören, daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm. Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört, was sie da droben machen im Herrenstift?«
Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne rührend, schüttelte sie den Kopf.
Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und zwei Viertelen – ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den erwachenden Tag.