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Das große Jagen

Chapter 14: Kapitel XIII
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About This Book

Set in an eighteenth-century alpine market town, the narrative follows intertwined local lives as private grief, religious devotion and communal mistrust simmer behind closed doors. Close, atmospheric scenes introduce a converted physician haunted by past violence, an aging yet lively priest and a devout young woman, whose interactions expose class tensions, hypocrisy and uneasy solidarities. The work alternates intimate domestic drama with vivid winter landscapes and municipal detail, using episodic episodes to examine how fear, compassion and secrecy shape daily existence and local power relations.

Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.

Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst. Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder, die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen – Luisa und Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem Schönen gewesen war.

Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen. Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte, schien Sus nur die drei Worte ‚der liebe Vater‘ gehört zu haben. Eine Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der liebe Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!«

Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt, daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt. Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes Kindl schon wieder –«

»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?«

»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was denken von mir –«

Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug.

Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm, ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei mir

Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.«

»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf. Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten kräftig in das Feuer ihrer Erregung.

»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.«

»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?«

»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?«

Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet. Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder nichts. Oder – – Kind? Du wirst doch nit glauben, daß ich was ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein, liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein, nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!«

Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt. Der Vater –« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der Vater glaubt was anderes von mir.«

»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht.

»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil ich –«

»Weil du?« half Herr Ludwig nach.

»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.«

»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte er: »Das ist merkwürdig –«

Rasch wandte Luisa die Augen. »Was, Hochwürden?«

»Daß einem das unsinnigste Ding um so glaubhafter fürkommt, je länger man drüber studiert. Es könnt wohl sein, Kindl, daß dein gescheiter Vater recht hat. Einem sonst so redlichen Buben gut werden? Ja, ja! Aber – nur aus Barmherzigkeit? Das begreif ich nit. Allweil bin ich des Glaubens gewesen: man liebt aus Herz und Seel, aus Blut und Jugend. Freilich, was versteh ich altes Pfarrle von solchen Sachen! Ich weiß nur, du hast zu barmherziger Sorg um den armen Buben einen Grund. Und weil du deine heilige Barmherzigkeit nit vereinen kannst mit deiner Treu im Glauben? Und dem Buben doch gutsein mußt? Deswegen bist du zu mir gekommen? Um Hilf und Rat?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Hochwürden!« In ihrer Stimme war wieder die alte Strenge. »Zwischen mir und dem anderen ist kein Weg. Da darf ich mir einen Rat nit geben lassen.«

»Gut also! Soll der Bub in sein Elend rennen. Dein unverdächtiger Vater darf sich nur warnen lassen von einem Gutgläubigen. Tut's ein anderer, der muß ins Eisen, darf Sonn und Mond nimmer schauen. So ist es christlich. Aber gekommen bist du doch zu mir? Da muß ich fragen: warum?«

»Schier weiß ich es selber nit.« Luisas Gesicht, aus dem jede Spur von Farbe verschwunden war, bekam den Ausdruck einer qualvollen Verzweiflung. »Es hat mich halt hergetrieben in meiner Not. Mir ist so weh ums Herz, ich weiß nit, wie. Alles verdreht sich in mir.«

»Sooo? Deswegen willst du einen Trost von mir? Für dich allein?«

Sie stand wie betäubt. Dann nickte sie müde.

»Kind! Bevor ich dich trösten kann, muß ich wissen, ob du Vertrauen hast zu mir? Es ist mir so fürgekommen, daß du nit nur ein unbegründetes Mißtrauen gegen deinen redlichen Vater hast, sondern daß deine frommgläubige Seel auch mich für einen Verdächtigen nimmt?«

Sie senkte das erglühende Gesicht.

»Kindl? Ist das so oder nit?« Da nickte sie ehrlich und war in diesem schamvollen Bekennen so hold und liebenswert, daß der alte Pfarrer die Arme streckte, als möchte er das brennende Mädchengesicht zwischen seine Hände nehmen und zärtlich diese flehenden Augen küssen. Doch er wurde ernst und fragte: »Kind? Wer ist nach deinem Glauben unter allen, die gelebt und gelitten haben, der Wahrhafteste und der Gerechteste gewesen?«

Sie lispelte: »Unser heiliger Herr Jesus Christ.«

»Da denkst du, wie ich.« Er legte den Arm um Luisas Schulter. »Komm! Und schau ihn an! Da hängt er an der Mauer, so schön, wie ihn dein gläubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist länger her, als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum? Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Güt nit unterschieden hat zwischen römisch und evangelisch, zwischen weiß und schwarz. Und weil er denken hat müssen: Mensch ist Mensch, und wo einer leidet, da muß man helfen.« Während der Pfarrer langsam diese Worte sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit. Und plötzlich fragte er verwundert: »Kind? Was tut dich erschrecken?«

Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei weiße, zerschnittene Tüchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die blutenden Füße des Erlösers durchbohrt waren.

Pfarrer Ludwig schien von einem heißen Verlegenheitskummer befallen zu werden. »Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel!« Er sprang auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tüchelchen, stopfte sie in die Hosentasche und sagte betrübt: »So wenig hab ich mir denken können, daß du zu mir kommst! Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf den ersten Blick. Das ist mir leid.«

Stumm, unter Tränen, schüttelte Luisa den Kopf.

»Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, daß die Tüchlen dich erinnert haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgütigen gesagt: Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre Seel ist fromm.«

»Nit, Hochwürden,« unterbrach sie ihn leise, »ganz verdreht bin ich gewesen. Und die zwei Tüchlen sehen müssen, das ist mir gewesen jetzt wie eine verdiente Straf.«

»Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind – schau, Kind, da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich glaub an Gottes Güt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten. Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist oder da drüben steht, ich weiß nit, wo – ein leidender Mensch, da muß man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.« Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lächelnd: »Ist das ein Christentum, das dir verdächtig erscheint?«

Sie schüttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat: »Hochwürdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Güt!«

»Verzeihen?« Er streichelte ihr schönes Haar. »Dir bin ich doch nie nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin!« Er führte sie in die helle Mauernische und stellte für sie einen Stuhl ganz nah an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah, in dem von weißen Schneeresten übersprenkelten Hof, der zwischen der Kirche und dem Gerichtsgebäude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick zum Fenster; in dürstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des Pfarrers auf, der schwarz an der weißen Mauer stand und in den Hof hinunterspähte, als müßte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld erwartete. »Schau, Kindl, eh wir reden können von dem Trost, den du suchst für dich allein, müssen wir ein bißl reden von einem anderen.« Er sah das jähe Erglühen ihres Gesichtes und lächelte. »Von deinem Vater.« Sie atmete erleichtert auf. »Wie kommt es, Kindl, daß du so mißträulich gegen deinen Vater bist?«

»Man hat mir viel von ihm gesagt, worüber ich hab erschrecken müssen.«

»Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am Königssee, der ein Stündl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bübl mich gefragt: ‚Was ist das für ein buckliges Häufl da draußen?‘ Weißt du, was das Bübl gemeint hat? Den großmächtigen Untersberg. So sehen deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in der Näh!«

»Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.«

»Sooo? Da hab ich nie was gehört davon.«

»So hab ich ihn reden hören mit dem Lewitter.« Scheu fügte sie hinzu: »Und oft mit Euch.«

Der Pfarrer lachte, als hätte dieses Wort ihn freundlich erheitert. »Mit mir? Und deswegen bin ich verdächtig worden für dich? Aber schau, ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?«

»Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkündet steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.«

»Tust du denn das nit auch?«

Erschrocken stammelte sie: »Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit. Das wär eine arge Sünd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.«

Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch das Fenster.

»Hochwürden? Was ist seltsam?«

»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: ‚Was Gott geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.‘ Ja, Kind! Und du bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich versündigt hat zum erstenmal.«

»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische Verführer zu ihr geredet hätt.«

»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig.

»Der höllische Verführer.«

»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl vom höllischen Verführer. Da steht: die Schlange

»Das ist er ja doch gewesen!«

»Wer?«

»Der höllische Feind!«

»In Gottes Wort, da heißt es: die Schlange! Aber schau, lieb Kind, ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, daß Schlangen nit reden können. Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes draus, was wir verstehen, und sagen: der höllische Feind und Verführer. Aber was wir selber tun, mein Kind, das dürfen wir doch den anderen nit zum Fürwurf machen?« Plötzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer Ludwig durch das Fenster hinaus und flüsterte: »Ach, Gott! Der gute, schuldlose Bub!«

Erblassend, von einem Taumel der Verstörung befallen, sprang Luisa zum Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: »Vom Fenster weg! Das sollst du nit sehen! Das tät dich schmerzen.«

Sie klammerte die Hände um den Fensterriegel, preßte die Stirn an das geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich zu erkennen, obwohl es verkrümmt wurde durch die Rippen des Glases: zwischen einem lärmenden Leuthaufen führten zwei Fronknechte den Jäger Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebäude zum Gefängnis hinüber. Er trug die gekreuzten Fäuste hinter dem Rücken. Nun verschwand der lärmende Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer.

Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer hin. »Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tät ein Unrecht sein!«

»Unrecht!« klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen aufgeregt durch die Stube. »Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfüßl! So ein Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem muß man den jungen und schmucken Leib zermartern! Den muß man zerbrechen an Herz und Seel! Bloß weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat mögen, daß man ein Unrecht verübt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit.« Er sah den Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: »Was geht mich der Leupolt an? Der steht da drüben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil ein Ding, das den Gütigen am Kreuz da droben traurig macht.«

Der zarte Körper des Mädchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam einen schrillen Klang. »Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen. Da muß man helfen!«

»Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verständig, Kind! Du willst doch nit gar hinüberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses Mädel? Das tät ich verhindern müssen. Und schau, was tätst du dem Richter sagen? Ich wüßt nit, was.«

Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. »Ich tät ihm sagen, was wahr ist! Daß der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die Obrigkeit.«

»So? Nit? Und warum denn sonst?«

»Er hat's getan –«

»So sag's doch! Sag's!«

»Bloß weil er mich lieb hat.«

»Aber Kind, tu töriges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber daß er da drüben steht bei den Verdächtigen? Das darf man doch nit vergessen.«

Mit erregter Strenge sagte sie: »Ein Mensch ist allweil ein Mensch.«

»Freilich, freilich, aber ich weiß doch, wie so ein dummes Mädel ist! Da könnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben müssen – von Liebhaben und süßer Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er hätt kommen mögen, von Spinnrädl und Haustür, von so was redet doch ein Mädel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da muß man rot werden, verlegen und geschämig sein! Da muß man –«

»Hochwürden!« In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in denen sie betete. »Da kennt Ihr die redlichen Mädlen schlecht.« Sie nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Türe wandte sie das Gesicht. »Den Trost, um den ich gekommen bin für mich allein, den hol ich ein andermal. Jetzt muß ich zum Richter.« Ruhig wehrte sie mit der Hand, weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als möchte er sie festhalten. »Das muß ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

»In Ewigkeit Amen!« antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll inniger Zärtlichkeit. Er sah die Tür an, lachte vor sich hin und kam überraschenderweise zu einem ähnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia Jesunder über Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer. »Du liebes Gänsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein junges Glück!«

Aus der anderen Tür der Stube schob Schwester Franziska den Kopf heraus, mit Sorge in den Augen. Der Pfarrer sah sie an und sagte heiter: »Schwester! Wärst du nit taub wie ein Ofenloch, so tätst du mich jetzt für einen argen Komödianten halten, nach einem Stündl, in dem ich für ein leidendes Menschenkind ein hilfreicher Priester war.« Franziska verstand nicht, aber sie atmete auf, weil sie den Bruder lachen sah. Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und schrie ihr ins Ohr: »Vor sieben Jahr, wie wir ausgezogen sind aus der Stiftspfarrei? Ist da nit ein kleines Kistl dagewesen, mit alten Schlüsseln?« Geschäftig nickte die Schwester, lief davon und war von einer Sorge befreit, ohne zu ahnen, daß sie zur Mithelferin einer Heimlichkeit wurde, bei der ihr hochwürdiger Bruder, weil er menschlich empfand, um Ehre und Freiheit spielen mußte.

Kapitel XII

Im großen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die ihrem Verhör entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter stand blaß in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Während er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus. Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen, tröstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das verabredete Zeichen dafür, daß Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt: »Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat uns für schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen müssen. Über das Mädel schnauft er keinen Laut. Nur über sich selber wird er die Wahrheit sagen, die ihn verläßlich ins Eisen bringt. Bei jedem redlichen Wörtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das ist gelogen! – Sancta justizia!«

Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt durch den langen Flur der Haustür zu, ohne der aufgeregten Männergruppe zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwürgte, halb wunderlich verzückte Stimme zu hören war. Die Zeugen, die über das schwarzweiße Doppeltödchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jägerknechte standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben seines Weibes erzählte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das mit eisernen Zähnen die verstörte Seele des Christl gefaßt hatte und nimmer losließ. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhörte, schied sich deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich über den Christl ärgerte oder über ihn lachte, und in eine solche, die schweigend lauschte, mit heißem Glanz in den Augen. »Allweil bin ich ein Gutgläubiger gewesen!« klang die bebende, von einem fast unheimlichen Unterton durchfieberte Stimme des Christl. »Nie hab ich mich arg versündigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel. Und muß mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen, in eins für mein gottseligs Martle –«

»Gottselig?« unterbrach ihn von den Musketieren einer. »Als Gutgläubiger mußt du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?«

Christl Haynacher hob die Arme. »Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das so gottselig gestorben ist, wär wieder rechtgläubig worden, wenn's noch leben hätt dürfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, daß mein Weibl im Himmel ist.«

Eine Stimme lachte: »Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel schmälzt!« Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben, schalten den groben Spötter. Und Christl Haynacher mahnte: »Nit streiten, Leut! Auf der Welt muß Fried werden. Gütigkeit muß mithelfen, daß die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter. Freilich, da därf man die Leut nit an Weihnächten aus der Kirch jagen. Und hätt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen Stoß gegeben, daß eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden müssen unter ihrem gottseligen Herzl –« Seine Trauer erwürgte, was er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfüßl kam Lewitter aus der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder fand. »Meine Martle hat leiden müssen, ärger als ein vergrabenes Leben unter hausgroßen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwörtl hat sie dawider gehabt, daß man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie sterben hat können, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schönes Wunder. Allweil ist Gott ein Trost für die Seinen, hat sie gesagt. Und wie der Schnee im Frühling wegrutscht von den Berghalden, so ist der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tät sie das Himmelreich offen sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schön ist nie noch ein Bischof und Papst gestorben. Wär das Martle nit droben im Himmel, so wär der Tag nimmer Tag. Der Singvogel müßt ein Käfer in der Mistgrub sein. Und einer wie ich, so ein Elendsbröckl, ich wär ein vergnügtes Mannsbild mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl, das tanzen geht, hoppsa und huiserla –« Der Christl nahm den Kopf zwischen die Fäuste und brach in Schluchzen aus.

In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube her: »Was ist denn das in loco hujus für ein fürlauter Subjektivus?«

»Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle –«

»Not und Sakeramentum!« Muckenfüßl stieß den Säbel auf die Steinfliesen. »Wird der Subjektivus bald silentium observieren und das Maul halten?«

Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Träumen zu bösem Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. »Guter Herr, ich tu doch bloß von meiner Martle erzählen! Das kann mir doch keiner nit verbieten. Von christgläubigen Sachen muß man doch reden dürfen?«

Gegenüber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die Kanzleisprache. Kummervoll erklärte er in makellosem Deutsch: »Da muß man einschreiten!« und trat in die Richterstube. Das war ein weißgetünchter, von Spitzbogen überwölbter Raum mit braunem Holzgerät. Früher hatte die weiße Mauer ein großes Gemälde des Jüngsten Gerichtes getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild übertünchen lassen, weil er der Meinung war, daß es die Schuldlosen verzagt mache und die verlogene Vorsicht der Verbrecher schärfe.

Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte, klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle, schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.

Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung, die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften. In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige Mensch des gleichen Namens hätte sich ‚Ring‘ geschrieben. Der Landrichter Dr. Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben nötig und schrieb sich ‚Hringghh‘. In gleicher Weise formte er seine Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins Gegenteil ihres Wesens.

Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den Dr. Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen, bei Dr. Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben – bei diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen stundenlang über das Semen frigidum des Teufels inquirieren konnten – trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!« Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte.

Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren! Rapportiere subordinaliter, daß da draußen in loco hujus ein Subjektivus befindlich ist, der vulgo Haynacher, der das schwarzweiße Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr. Das hat mein eigener ego ipsus in loco hujus observieren müssen.«

Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der Schwelle der Richterstube.

Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der Mutter Agnes.

Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier überflüssigen Buchstaben mißverstehen mußte. Nach seiner Meinung war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet, sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger, und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?«

Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn –«

Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?«

Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa hinzuströmen. »Herr Richter –«

Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren, wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.«

»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit allweil Zeit?«

»Nein. Jedes Ding secundum juris regulam. Nach der dubiosen Weisheit uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.«

»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die Unschuld eines Menschen nit höher –«

»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung berufen wird.«

Sie stammelte: »Aber guter Herr Richter! Da muß doch ein Irrtum –«

»Irrtümer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind ausgeschlossen.« Dr. Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen, irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbüchse.

»Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die weiß –«

Wieder unterbrach er sie: »Über den Glauben, der einem Zeugen zu schenken ist, entscheidet weder die Tatsächlichkeit der Ereignisse, noch die persönliche Qualität des zeugenden Subjekts, sondern einzig und allein meine richterliche Räson. Punktum!« Zu diesem Worte des Richters machte Feldwebel Muckenfüßl erfreut die Bewegung des Streusandschüttens. Die dünne Stimme des Dr. Willibald verschärfte sich: »Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklärung nicht entfernen, so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tür expedieren lassen.« Er vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile dem Schreiber diktiert hatte.

Luisa stand wie betäubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos an, als wäre sie in eine unverständliche Welt geraten, die ihr so schreckhaft wie unmöglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die guten Augen der Mutter Agnes. »Geh, lieb Kind!« sagte die Mälzmeisterin leise. »Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem Buben sagen lassen, daß du reden hättst mögen für ihn. Da wird es ihm leichter werden, wenn er leiden muß. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum dürfen wir nit verzagen.«

Das Mädchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfüßl an, der nach einem Wink des Richters auf sie zutrat. »Jesus –« Mit der Hand, die den Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins Leere. Dann verließ sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie im eintönigen Geräusch des Regens das Hämmern einer Traufe klingt, so hörte sie in dem schwirrenden Lärm eine fiebernde Stimme rufen: »Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, muß einer sagen dürfen. Und tät mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tät ich einen Misthaufen heißen, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und fromm gestorben –«

Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern genagelter Schuhsohlen. Dann die gemütlich klingende Rede: »Gelt, du Subjektissimus, jetzt kannst du silentium observieren!«

Luisa trat in die Morgensonne und preßte den Arm über die vom Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse hinüber, immer schneller, und schließlich fing sie zu laufen an, daß ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber und Männer beisammen. Überall war lauter Zank oder scheues Gewisper, grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. Überall klangen die gleichen Worte: schwarz und weiß, Heil und Verdammnis. Und immer wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt.

Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind, das völlig von Sinnen ist. Sie hörte nicht den Sorgenschrei der Sus. An der blonden Magd vorüber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters hin.

Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er gebosselt hatte an dem roten Wachs. »Um Gotteswillen! Kind? Was hast du?«

Sie sah nicht die schöne Morgensonne in dem großen Raum, sah nicht die werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwärts gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrümmerten Mauer steht und den dürstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische Hütl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden Fingern löste, fragte sie mit erwürgter Stimme: »Vater, was ist Gerechtigkeit?«

Eine Weile sah er sie prüfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst: »Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt, allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden hab.« Er streckte den Arm mit der hölzernen Hand.

Ihre Augen wurden groß. So stand sie zitternd. Und plötzlich mußte sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter rinnenden Tränen stammelte sie: »Du bist gut!« Schluchzend hing sie an seinen Hals geklammert. »So viel mißträulich bin ich gewesen! Tu mir verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb.« Ihre Stimme erlosch, und eine Schwäche schien sie zu befallen.

Er hob sie auf seine Arme. Glück und Sorge wirrten sich im Klang seiner Worte durcheinander: »Sus! Sie muß verkrankt sein in der eisigen Kirch. Am Morgen hat sie kein Brösl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl muß gleich was Kräftiges haben.« Er trug sie über die Treppe hinauf, in ihre Kammer.

Die Sus rannte wie verrückt in die Küche, schürte das Feuer und schaffte, als möchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein Husch mit dem dampfenden Schüsselchen über die Stiege hinauf. Unter der Kammertüre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte fröhlich: »Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert.« Er sah nicht das glückliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das zinnerne Schüsselchen an und trug es auf vorgestreckten Händen zum Bett seines Kindes. »So, liebs Weibli, jetzt komm und iß.«

Luisa richtete sich in den Kissen auf. Noch brannten ihre Augen vom Weinen, noch schimmerte die Feuchtigkeit der Tränen auf ihren Lippen. Aber ruhig war sie, ganz ruhig. Und als sie das qualmende Schüsselchen auf dem Schoß hatte, sah sie mit einem wunderlich verträumten Blick zu ihrem Vater auf. »Es ist dir in den Augen, wie freudig du sinnest an deiner Arbeit. Das tust du mir jetzt zu lieb, gelt ja, und tust um meinetwegen nimmer Zeit verlieren?«

Er beugte sich zu ihr nieder, küßte ihr Haar, und als wär' sie eine Schlafende, ging er auf den Fußspitzen aus der Kammer. In der Werkstatt stand er lange unbeweglich. Immer lächelte er und betrachtete sein Werk. Sich reckend, rief er über die Schulter: »Sus!«

Gleich war sie da. »Soll ich den lichtblauen Kittel antun?«

»Nit nötig! Wie irdischer du bleibst, so besser. Stell dich dort an die sonnige Mauer hin! Schau her da, so!« Er deutete auf das rote Wachsfigürchen.

In scheuer Freude betrachtete Sus das neue Werk und wußte nicht, daß sie schon einmal an der Wand gestanden. So! Fast eine Stunde hielt sie unbeweglich aus. Und Meister Niklaus arbeitete so leicht und flink, als wäre seine hölzerne Hand wieder Bein und Blut geworden. Man sah es ihm an, wie ihn nach der glücklichen Wandlung, die er an seinem Kinde wahrgenommen, nun auch die Freude an seinem werdenden Werke neu belebte. Plötzlich machte Sus eine erschrockene Bewegung, hob lauschend den Kopf, sprang zum Ofen hin und warf sich auf die Knie, als müßte sie das niedergebrannte Feuer schüren. Auch Meister Niklaus hatte den Schritt seines Kindes vernommen und sagte leis: »Da mußt du nimmer erschrecken, Sus! Dem Kindl gehen die Augen fürs Leben auf. Da wird sie begreifen, was sie gestern noch nit verstanden hätt.« Er dachte bei diesen Worten nur an seine Arbeit, die des lebenden Vorbildes nicht entbehren konnte. Daß die Maria der Verkündigung nach dem Körper der Magd gebildet war, das hatte er vor Luisa immer verheimlichen müssen; sie hätte ihm das in ihrem Klosterglauben als schwere Versündigung angerechnet. Doch Sus schien aus den Worten des Meisters etwas anderes herausgehört zu haben. In ihren Zügen war der Ausdruck einer müden Qual, und heftig schüttelte sie den Kopf, wie um zu sagen: das wird sie nie verzeihen.

Luisa trat ein. Sie trug ein ziegelfarbenes Hauskleid, das sich lind an ihren Körper schmiegte. Als sie die Magd beim Ofen sah, ging sie rasch zu ihr hin und sagte mit warmer Herzlichkeit: »Laß mich das tun, liebe Sus! Alles, was dem Vater freundlich ist, will ich schaffen.« Stumm erhob sich die Magd und verließ die Werkstatt. Achtsam legte Luisa die Scheite in den Ofen. Ein Krachen und Prasseln, das Rauschen der erwachenden Flamme. »Jetzt wirst du nimmer kalt haben, Vater!« Er sah in Freude zu ihr hinüber. Sie trat an seine Seite und betrachtete das neue Werk. Eine seltsame Erschütterung befiel sie, und etwas tief Innerliches war in ihrer leisen Stimme, als sie sagte: »Das redet mir heilig in die Seel. Schaut man es an, so möcht man weinen und muß sich doch freuen dran.«

Ein frohes Aufatmen ihres Vaters. »Dann wird es, wie es sein muß.«

Sie hob die Augen. »Aber da ist kein Engel nit?«

»Eine Verkündigung soll das nit werden.«

»Eine christliche Blutzeugin?«

»Auch nit.«

»Eine Heilige?«

»Kann sein.« Ein Lächeln huschte um seinen Mund. »Es gibt doch eine heilige Kümmernis? Da kann's auch eine heilige Sehnsucht geben. Vielleicht auch eine heilige Menschheit. Was ich da machen hab müssen, das ist mir ein Bild des irdischen Lebens, das allweil leidet, allweil glaubt und in Sehnsucht allweil auf Erlösung hofft. Lang muß man harren. Einmal kommt sie.«

Luisa sah den Vater an, als hätte sie den Sinn seiner Worte nicht ganz verstanden. Wieder betrachtete sie das rote Wachs, diese von Qual und Erwartung durchglühte Frauengestalt. Wie eine Träumende flüsterte sie: »Ja, Vater, das ist wahr! Die Erlösung ist vom Kreuz zu den Menschen heruntergestiegen. Und allweil wieder kommt sie. Sonst tät man nimmer glauben können.« Ein leises Aufatmen. »Ich glaub, daß der gnädigste Fürst gerecht ist und einen Schuldlosen begnaden muß.« Sie schlang die Hände ineinander und stand unbeweglich.

Bei der Stille, die in der sonnigen Werkstatt war, hörte man von ferne her ein rasselndes Geräusch – den Hall der Polizeitrommel.

Kapitel XIII