»Nun freut euch, liebe Christengmein,
Und laßt uns fröhlich springen –«
Alle, die so sangen in dieser Frühlingsstunde ihrer Seelen, sangen das Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschüchterten Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersättliches, nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlösung.
Kapitel XV
Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die sich à la Versailles amüsierte und kaum einen Laut dieser über alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht, der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt. Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie: »So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!«
Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander, wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter. Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen, halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.
Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte, waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt, die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten. Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen. Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden Worte: »Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!« – in einem wesentlich anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.
Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane befallen – ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl, schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger! Jesus, Jesus! Die Welt geht unter in loco hujus! Unsere Bauern rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren – ausgenommen den Grafen Tige – die Pagen und Hifthornbläser sprangen mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber, aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine hinter sich her.
Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen, die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin? Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit – so eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz, bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes! Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!«
Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der Wahrheit zu. Und du gehst heim?«
»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein, mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist, da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen –« Er merkte, daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!«
Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der lyrisch verherrlichte Dr. Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach, erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte – in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen – und da wiederholte sich plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener chose effroyable erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und – billeripatsch – versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon, um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.
Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!« Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.« Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.«
»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.« Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!«
»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen.
Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib frei!«
»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!«
»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.«
Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.«
»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als Christ meine Pflicht zu tun?«
»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte, sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding. Aber jede Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her! Da wollen wir reden miteinander.«
In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals zu lauschen – an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn – bitt für ihn –« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte, sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen muß! Und schau, du mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war. Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.
Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt, um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.
Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur, in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not mit mir gehabt.«
»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum denn mich nit?«
»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«
Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?«
Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's nit. Aber allweil noch so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?«
Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich nit lügen.«
»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.«
»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft –« Lewitters Stimme wurde leis, »wie das Mirakel der Armeseelenkammer.«
Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß du nit der Landrichter bist.« Ein heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle. Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht da drunten?«
Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.«
Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.
Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von ‚Abtrünnigen‘ umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.
Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.« Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer, die ihre ‚verführten‘ Weiber und Töchter herausreißen wollten aus der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte. Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte Dr. Halbundhalb übernehmen. Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn: »Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst, das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand machst du verächtlich vor allen Subjekten. Mais, que Dieu nous soit en aide, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen – ich habe kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige war nicht aufzufinden.
Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten, und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen: »Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch den gezeigt. Und mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen.
Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren. Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die er über die ‚unchristliche Peinigung‘ seines Sohnes sagte; doch sein Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.«
Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht. Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst, wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen, Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende Ziffer 2714.
Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue. Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten, endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394 zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.
An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein ganzes Sinnen und Grübeln an diesen einen Verdacht: der Pfarrer Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn herauszubeweisen, verschwendete Dr. Willibald alle Schärfe seines Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich muß man sich doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein, etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen. Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer simuliert.«
Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen, zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in Freud und Pein?«
Auch in den Häusern, in denen ein ‚tiefer Graben‘ ausgeschaufelt war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen. Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die ‚gute Zeit‘ wird kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in allen.
Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem Boden.
Sie war eine weise Frau.
Kapitel XVI
In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen. Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter.
Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!«
Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll hinüberkommen zum Fürsten.«
Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme: »Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach, ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte, fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar. »So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so unterhalt dich gut!«
Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen, die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen, das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind! Wohin denn im tiefen Winter?«
»Zur Mutter Agnes.«
Der Hochwürdige schien zu erschrecken. »Ich kann doch nit denken, daß dein besonnener Vater dich schickt?«
»Ich geh von selber.« Sie atmete schwer. »Die Mutter Agnes ist eine Gutgläubige.«
»Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bösen Lawin der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?«
»Wie alles ist, weiß bloß ein Einziger.« Sie hob das vergrämte Gesicht zur weißverschleierten Höhe.
»Kind? Warum hast du Tränen in den Augen?«
»Weil ich allweil denken muß –«
»An den Leupi und seine Schmerzen?«
Sie schüttelte den Kopf. »An den Kummer Gottes.«
»Freilich!« Der Pfarrer nickte. »Gott muß sorgenvolle Zeiten haben. Erschafft einen prächtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt liegt er in Blut und Schwären.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ich hätt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh ich doch auch. Jeder gütige Menschenweg bleibt allweil ein Sträßl Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab über deinen Vater? Also? Ist er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?«
»Wär's gekommen, wie ich geforchten hab, ich hätt's nit überlebt.« In ihren großen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wäre das die einzige Freude dieser harten Zeit: »Jetzt glaub ich, daß der Vater glaubt.«
»Siehst du! Hat man nit grad vier überflüssige Buchstaben im Hirn, so kommt man schließlich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott, mein Luisichen!« Lächelnd segelte der Hochwürdige in den langen Schmierstiefeln über die weiße Welt, aufmerksam begleitet vom Späherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine zwecklose Arbeit. Daß Pfarrer Ludwig zum Fürsten berufen war, das wußte sie schon, wußte sogar noch mehr, hätte aber auch gerne gewußt, welche Richtung das grüne Mäntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang, durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefällen zu betrachten pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken.
Sie hatte bereits das Mälzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Türen. Ach, wie viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit!
In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu gewahren. Ein bißchen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch mehr nach Frühling. Hopfenproben und geröstete Gerste duften kräftiger als manche Blumen.
Von den drei Türen war es die nach der Gartenseite, zu der man das größte Vertrauen haben konnte. Die Küchentür. Als Luisa sie öffnete, sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwäsche und sah eine schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, daß Mutter Agnes schlief. So unbeweglich saß sie auf dem spreizbeinigen Bänkl über das Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefäden herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Über den entblößten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hörte nicht, daß jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie: »Liebe Meisterin –« Da fuhr sie auf, als sähe sie ein Wunder. »Kindl? Du?« Luisa nickte: »Schau, da hab ich ein wehstillendes Sälbl gekocht und hab's in lindem Feuer viermal geläutert. Gestern, wie noch heller Himmel gewesen, hab ich es klären können in der Sonn. Und heißer hab ich gebetet dabei, als je im Leben.« In den zitternden Händen hielt sie ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. »Magst du es haben?« Mutter Agnes versuchte zu lächeln, blieb stumm und beugte den Kopf. »Jesus!« stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses Erschreckende. Die Mälzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fünf Nächten grau geworden.
In der stillen Küche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser brodelte. Das war wie eine verträumte Stimme, die gerne singen möchte, aber nur die Weise findet und kein Wort dazu.
Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. »Komm!« Sie führte das Mädchen in den Flur und vor eine Tür, die sie öffnete. »Da, schau!« Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei Jagdgeräte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die stählernen Schlagfallen für den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte und eine Armbrust aus Urgroßvaters Zeiten. Eine schmale weiße Stube, ohne Ofen, mit spärlichem Gerät, so alt, wie die Armbrust war. An der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer sitzenden Fenster gegenüber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen Wildschur und mit Kissen, von denen der Überzug heruntergenommen war.
Luisa entfärbte sich.
»Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben.« Frau Agnes streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. »In der Nacht ist der Wildmeister gekommen, mit zwei Jägerknechten. Die haben ihn im blutigen Verband auf ein Rößl gehoben und haben ihn fortgeführt, ich weiß nit, wohin.«
Wie eine Erlöste atmete Luisa auf.
Da sah die Mälzmeisterin sie an. »Ach, Kindl, wie tust du zittern! Komm, setz dich ein bißl daher!« Sie zog die Widerstrebende auf das leere Bett ihres Sohnes. »Mein Alter meint, die Herren hätten den Buben bloß fortgeschafft, daß er den Leuten aus den Augen wär. Krieg ich Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt!« Sie konnte lächeln. »Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf ich es ihm sagen?«
»Was, Meisterin?«
»Daß es von dir ist.«
Sie nickte.
»Und daß du ihm gut bist?«
»Ja, Mutter!«
»Und daß ihr zwei, wenn die verständigen Zeiten wieder einkehren –«
Luisa bekam das strenge Klostergesicht. »Das nit! Eine Hoffnung tät Sünd werden. Er ist drüben, ich bin, wo ich sein muß. Da ist kein Weg nimmer.«
»Eins von euch beiden muß doch fügsam werden. Wie soll's denn enden?«
Ein Lächeln. »Mit einem einsamen Tod.«
Das ging der Mälzmeisterin gegen die gesunde Natur. »Ach geh, du Schäfle! Tät ich vom Sterben reden, so hätt's Verstand. Bei dir ist's Narretei. Das mach ich dir nit zum Fürwurf. Ist doch die halbe Welt verdreht!« Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene Sache. Jetzt wurde er wach. »Tät unser Herrgott doch endlich einmal einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang karbatschen, bis sie alle betteln: Hör auf, wir wollen verstandsam bleiben!« Sie wurde ruhiger und klagte: »Er tut's halt nit. Der muß einen Geduldfaden haben, daß man ihn auf der Weltkugel nit aufknäulen könnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wörtl reden mit ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jüngferlen das frömmste. Da muß er doch hören! Meinst du nit auch?«
»Ja, Mutter Agnes!«
»Aber das Tiegerl mußt du auslassen. Schau nur, was du für glühheiße Händlen hast! Was Heilsams muß allweil kühl haben.« Sie stellte den kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee behangen waren. »So, Kindl!«
Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten Dielen nieder und falteten die Hände. Aus aller Frömmigkeit ihres Herzens sprach Mutter Agnes den ‚Notschrei der wahren Christen im tiefsten Elend‘. Und Luisa, mit einer von Süßigkeit durchfieberten Inbrunst, betete die Worte: »Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gütiger und Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater!« Das hatte sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte, nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzückung des Gebets ein menschlicher Gedanke: »Christen sind sie doch auch! Die von da drüben! Sie glauben an Gott und Erlöser. Da sind sie doch keine Heiden nit!« Sie mußte zittern, beschuldigte sich einer schweren Sünde und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch heißer und inniger machte. –
– Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines Verschmachtenden. Sein Gesicht glühte, seine Augen waren geschlossen, sein Körper wurde geschüttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jägerhaus, das nur einen Büchsenschuß von der bayerischen Grenze entfernt stand – in einem Bodenraum, über dem die Lücken des Schindeldaches verkrustet waren mit angewehten Schneeklumpen – lag er ausgestreckt auf dem Heu, in seinem Bergjägerkleid, mit nackten Füßen. Rotgesprenkelte Wundverbände umwanden die Fußknöchel, die Handgelenke und den Hals.
Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem Fiebertaumel gerüttelt. Halb sich aufrichtend, ließ er die heißen Augen hingleiten über die niedere Balkenwand und über die Schneekrusten, die zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hörte er aus dem Unterstock des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte: Wo bin ich? Er schloß die Augen wieder. »Herr, wenn ich Dich nur hab –« Die Worte des Gebetes flüsternd, fiel er zurück aufs Heu. Sein zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hörte die Mutter reden, sah ein Gewoge von Köpfen und Schultern, fühlte den schmerzenden Druck der Eisenbänder, die zu glühen schienen, vernahm das schöne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen, die er mehr als sein Leben liebte, spürte einen Becher an den Lippen und hörte eine zärtliche Stimme: »Komm, tu trinken.« Er lächelte, und mit diesem Lächeln schlief er ein.
Es knarrte auf der hölzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und dürr, mit einem weißen Schnauzer in dem mageren, wettergebräunten Gesicht, mit wasserblauen, mißmutigen Augen. Das war der fürstpröpstliche Grenzjäger Matthias Schneck. Der staatsmännische Auftrag, den ihm der Wildmeister hinterlassen hatte, war ihm ungemütlich. »Kreuzteufel und Elend!« knirschte er vor sich hin, während er aufmerksam den Schlafenden im Heu betrachtete. Ein guter und fester Jäger war der Leupolt, von der ganzen Berchtesgadnischen Jägerei der beste, freilich, aber halt auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. »Teufel, Teufel, eine abgestochene Sau wär mir lieber im Haus.« Nach diesem Weisheitsspruche zog der Alte den Schnauzer zurück, tappte über die steile Stiegenleiter in die Herdstube hinunter, zog über seinem Kopf die Bodenklappe zu und schimpfte: »Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil schlaft er!«
»So?« erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen Kinderaugen in einem weißen Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur wenig über die Knie reichende Röckl trug, sah sie noch kleiner aus, als sie war, und glich einem braunen Borkenstöpsel, der auf zwei weißbeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an häuslichem Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, für die ein winziges Feuer ausgereicht hätte; aber auf dem Herdstein rauschte eine große Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: »Du! Schneck! Wann's dir nit recht ist, daß er schlaft, so hättst ihn ja wecken können.«
»Wecken? Wecken?« Ganz rasend wurde der Hiesel. »Du Gans ohne Federn! So was tut man doch nit.«
Das Weibl schmunzelte. »Warum denn nit?«
»Höll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein bißl Verstand unter dem Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgütiger Herrgott ein boshaftes Stündl verspürt, und da hat er ihm so ein Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen Tag. Der hat vierundzwanzig Stündlen. Wann sie nit reichen, könnt man die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, versteh schon!«
»Also, in Gotts Namen!« Er setzte sich auf die Mauerbank und begann für einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnüren. So oft der Riemen nicht in die Haftel schlüpfen wollte, gab's einen fürchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhölltes Ding, und wo sich der Teufel rührt, wird's finster. Wohl möglich, daß die alten Balkenmauern in den fünfunddreißig Jahren, seit der Schneck und die Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wände auch noch angeglüht von der großen Flamme. Alles in der Stube funkelte, der ganze Herd mit der Rauchmuschel darüber, in der anderen Ecke das zweischläfrige Bett mit den hochgetürmten Kissen, in der dritten Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum merkte man inmitten dieser Funkelglut, daß es draußen Tag war. Auch sonst hatte die Stube noch was Höllisches. Neben der Tür, die ins Freie führte, ging ein niederes Türchen in den Geißstall. Da trug man an den Sohlen immer was über die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck – außer nach Ruß, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen – auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es der Stube an, daß sie behütet wurde von zwei fleißigen Frauenhänden. Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie sich seit dreißig Jahren an ihn gewöhnt hatte und nur selten merkte, daß er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jährchen gewechselt, der Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte schon vor fünfunddreißig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit so lästerlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: »Tu dich doch nit allweil so versündigen, Mann!« Da hatte er in Zorn gebrüllt: »Kreuzteufel, Himmelhund und Höllement! Wer sagt denn, daß ich mich versündig? Wie denn? Wann denn? Wo denn?« Seit damals wußte die Schneckin, daß das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewöhnte sich die Schneckin an die höllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie sich um der guten Geißmilch willen an die Düfte des Bockmistes gewöhnen mußte. Länger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen Flüche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder Ohren dafür bekommen. Das ließ sie den Hiesel aus triftigen Gründen nicht merken.
Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte, nahm er Branntwein und Ziegenkäs in den Bergsack, hängte die Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drüber und sagte leis: »Paß auf, Schneckin! Das Süppl, Kreuzteufel, das muß er haben! Aber ordentlich versalzen mußt du's. Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, daß der Bub verdursten muß über Nacht.«
»Höllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll! Nit gar so fest! Bloß daß er merkt, wie gut er's überall haben könnt, viel besser als wie bei uns. Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, gut versteh ich.«
»Daß er frieren muß da droben, wie die Feldmaus an Weihnächten, das wird mithelfen. Und du mußt ihm halt allweil fürreden, daß er keine hundert Sprüng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?«
»Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!«
»No also! Endlich verstehst ein bißl! Und wirst wohl wissen, wie's der Wildmeister haben will. Kein Wörtl von der luthrischen Narretei. Tu fürsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen. Kreuzhöllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker er nüberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren. Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nächtet, ist der Bub nimmer droben am Heuboden.«
»Gott soll's geben!« Der Hiesel ging zur Türe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.«
Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: »Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Und legte drei schwere Holzprügel in die große, rauschende Flamme.
»Höll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig feuern, Weib?«
»Daß ich nit frieren muß.« Dabei rannen der Schneckin die Schweißperlen über das von der Hitze halb gebratene Gesicht. »Verstehst?« Nein, das verstand der Hiesel nicht. Er fing über die Dummheit der Weiber wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Türe hinter sich zu. Man hörte noch immer seine wütenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er draußen war, sprang die Schneckin zur Treppe hinüber und lupfte die Bodenklappe, daß die Wärme hinaufströmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein paar feste Prügel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und weil die Milchsuppe ein bißchen nach dem Geißstall bitterte, rührte die Schneckin ein Löffelchen Honig hinein. Daß einer im Wundfieber nichts Heißes trinken soll, das wußte sie auch. Drum sprang sie in den weißen Flockenfall hinaus, um das Blechschüsselchen mit der dampfenden Suppe im Schnee zu kühlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden. In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes. Sieben Kinder hatte sie ihrem Höllementshiesel geboren, alle in dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren an den Blattern gestorben, die zwei ältesten Buben dienten bei der Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und das jüngste von ihren Kindern, ihr liebes Mädel, hatte im vergangenen Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben.
Achtsam trug sie das kühle Schüsselchen über die steile Treppe hinauf, huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein glühendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk. Dann saß sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen öffnete, hob sie das Schüsselchen und sagte freundlich: »So komm, tu trinken!«
Mit einem erstickten Laut riß Leupolt den Kopf in die Höhe, sah verstört in die Augen der alten Frau, schob die Schüssel von sich fort und fiel zurück.
»Bub? Tust du mir leicht nit trauen?«
Leupolt schwieg.
Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. »Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!«
Noch während sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Händen ihren Arm und fragte: »Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?«
»Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.«
»Hast du gesehen, daß eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?«
»Ja, Bub!«
»So hab ich es nit geträumt?« Aufatmend nahm er das Schüsselchen aus ihren Händen, trank mit gierigen Zügen und sagte lächelnd: »Vergeltsgott, gute Schwester!« Er schloß die Augen, noch immer lächelnd. Nach einer Weile fragte er leis: »Wer bist du?«
»Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?«
»Das Weib des Jägers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg der Wahrheit gegangen?« Die Frau blieb stumm und verfärbte sich ein bißchen. Leupolt öffnete die Augen. »Warum nit, Schwester?«
Ruhig sagte sie: »Den Schneck tät's umbringen.«
Er nickte. »Jeder, wie er meint, daß es recht ist.« Seine Brauen zogen sich zusammen. »Drunten in der Herdstub hab ich einen schelten hören. Ist das der Schneck gewesen?«
»Wohl, Bub! So tut er allweil.«
»Weil du evangelisch bist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß er nit.«
»Kann's ein Mannsbild geben, das nit Augen hat für die Seel in seinem Weib?«
Ein bißchen lächelte sie. »So ist der Schneck. Tät die Himmelsglock herunterfallen auf die Welt, da müßt ich dem Meinigen sagen: Du, Schneck, paß auf! Sonst merkt er es nit.« Sie sah, daß Leupolt die Zähne übereinanderbiß. Erschrocken fragte sie: »Hast du Schmerzen?«
»Nit arg.«
»Ich will dich pflegen. Drunten in der Herdstub hätt ich's leichter. Meinst du, daß du hinunterkommst?«
Mit ihrer Hilfe hob er sich aus dem Heu. Die Füße trugen ihn nicht. »Mußt mich halt noch ein Stündl liegen lassen. Dein guter Trunk wird helfen, daß ich zu Kräften komm.« Er hielt mit seinen glühenden Fingern die Hand der Schneckin umspannt. »Weiß meine Mutter, wo man mich hingeführt hat?«
»Bub, da bin ich überfragt.«
»Magst du ihr Botschaft geben?«
Das hatte der Wildmeister über Auftrag der Regierung streng verboten. »Ja, Bub,« sagte die Schneckin, »das wird sich schon machen lassen. Ich hab am Ellbogen ein Überbein und red dem Meinigen ein, daß es blutet. Verstehst, ein Überbein blutet doch nie. Und da lauft der Meinige gleich zum Jud um ein Pflaster. So ein Jud ist allweil schlau. Und lügen kann er halt nit, der Schneck, verstehst? Da redet er allweil so dumm daher, daß man alles merkt. Und der Jud wird's dem Pfarrer sagen, und der Pfarrer tragt's deiner Mutter zu. Ja, Bub, die Wahrheit geht allweil den kürzesten Weg.«
»So ist alles gut.«
Schweigend lag er und atmete ruhig, bis der Fieberschlaf ihn wieder befiel.
Unter dem verschneiten Dache war es warm geworden. Zwischen den Schindeln begannen die Schneeklumpen zu schmelzen, und die Tropfen fielen so reichlich von den Balken, wie sie im tauenden Frühling von den Bäumen fallen.