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Das große Jagen

Chapter 20: Kapitel XIX
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About This Book

Set in an eighteenth-century alpine market town, the narrative follows intertwined local lives as private grief, religious devotion and communal mistrust simmer behind closed doors. Close, atmospheric scenes introduce a converted physician haunted by past violence, an aging yet lively priest and a devout young woman, whose interactions expose class tensions, hypocrisy and uneasy solidarities. The work alternates intimate domestic drama with vivid winter landscapes and municipal detail, using episodic episodes to examine how fear, compassion and secrecy shape daily existence and local power relations.

Pfarrer Ludwig trat in das Fürstenzimmer, aus dem die verschnörkelte Pariserei allen deutschen Hausrat verdrängt hatte.

Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter frischgepudertem Lockenbau, schlürfte seine Morgenschokolade. Er hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und siebentausend Abtrünnige! Und die innersten Regierungsstätten ein Tummelplatz erschreckender Mirakel – die gereizten Seelenzustände der schönen Freundin en titre noch gar nicht in Rechnung gezogen – wie soll man da schlafen können als Fürst? Mit einem Augenwink schickte Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den Pfarrer zu. »Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast siebentausend!« Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich zurück. »Es scheint, daß du wirklich katarrhalisch bist?«

»Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.«

»Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch entre nous postieren. Nimm Platz – da drüben!« Forschend betrachtete Herr Anton Cajetan den Greis. »Ich will deine Meinung hören. Man muß zu einer Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.«

»Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.«

»Weißt du mir einen Rat?«

Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von dieser Stunde erwartet. Nun fühlte er ihre Verantwortung. War es nicht denkbar, daß diese Stunde auch Segen bringen konnte? »Einen Rat?« Er atmete tief und nickte. »Es geht da um unser Ländl und Volk. Kann sein, um mehr! Um ein notwendiges Ding im Reich –«

»Was, Reich!« lehnte Anton Cajetan verdrießlich ab. »Laß Nebensächliches à part! Was soll ich tun in dieser desperaten Fatalität?« Der Fürst tauchte ein Biskuit in die Schokolade.

Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. »Man kann von zehntausend Untertanen nit siebentausend über die Grenz jagen. An verläßlichen Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf. Fünfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider einen Ochsen.« Zur Bekräftigung dieser Wahrheit mußte der Pfarrer niesen.

Anton Cajetan streckte mißmutig die Hand. »Rück weiter vom Tische!« Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort. »Du meinst also?«

»Daß Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Güt verständigen müssen.«

»Ganz meine Meinung.«

»Ja, Herr?« fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus.

»Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?«

»Bekehrung?« Dem Enttäuschten wurden die Augen groß. »Freilich, wenn es an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmütigen. Zu Eurem Nutzen wär es, Euch die Tüchtigen zu erhalten. Oder Euer Ländl wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.«

»Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder –« Anton Cajetan richtete einen mißtrauischen Blick auf den Pfarrer. »Bist du vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?«

»Doch, Herr!« Die große Warze des Pfarrers zuckte ein bißchen. »Aber ich spür, daß viele von diesen Abtrünnigen die besseren Menschen sind, als manche von den Treugebliebenen.«

Zornig fuhr der Fürst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde Hose mit Schokolade. Auf das weiße Fenster zutretend, tupfte er mit dem Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und murrte: »Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Fürsten und Gott!«

»Alles Neue faßt am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der fruchtbarste Boden ist. Was blüht in einer sehnsüchtigen Seel, erhebt den Menschen, macht ihn stärker und schöner in allen Kräften, zündet in seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und das sind die Leut, die Ihr nit verjagen dürft. Bekehren? Nein, Herr! Und hält man sie nit zurück, so wird das Land seine fleißigsten Händ verlieren.«

Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurück und setzte sich wieder zu seiner Schokolade. »Man darf doch diese üblen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein hilfreicher Weg im Augenblick nicht präsentiert, so hat man als Fürst doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heißt, trägt das Schwert nicht umsonst. Man muß die Rädelsführer zu fassen suchen, muß aus dem Weg räumen, was der Ordnung contre cœur ist. Ein Fürst, der es unterließe, wäre ein Erwürger seiner eigenen Herrschaft.«

Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. »So sprachen wohl auch die römischen Cäsaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es ausgerottet?«

Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. »Christentum und evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.«

»Für Euch als Priester. Nit für Euch als Fürst. Ist das deutsche Blut im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den Satzungen des Westfälischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?«

Der Fürstpropst, vom Sessel aufspringend, vergaß seiner Würde so weit, daß er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte. »Diese siebentausend Rebellen meines Landes sind keine Protestanten. Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus besoffenen Gehirnen. Diese verrückten Kujons haben doch niemals noch einen Prediger ihres Glaubens gehört.«

»Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!«

»Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?«

»Das nit! Ich glaub, daß für die Menschen nichts nötiger ist als eine hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfüßl mit seinem gefährlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so mußt du zahlen!«

Der Fürstpropst wurde nachdenklich.

Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: »Ihr spürt es doch in Euch selber, daß da endlich ein Wandel kommen muß. Lieber Herr! Schauet das Leben doch an! Sonst überall ist Wahl und Freiheit. Was tät man sagen, wenn der Muckenfüßl austrommeln wollt: ‚Subjekt, du darfst nur den schwarzen Rettich essen, nit den weißen!‘ Oft vertragt einer halt den schwarzen nit, weil er so raß ist.«

Empört fuhr Anton Cajetan auf: »Vergleichst du die Religion mit einem Rettichschwanz?«

»Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwänzl hat jedes Ding auf der Welt.«

»Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann.« Heißer Unmut begann im Fürsten zu wühlen. »Das Volk ist undankbar. Es sollte kapieren, daß es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.«

»Besser?« Der Blick des Pfarrers war wie ein Rückschauen in grauenvolle Bilder. »Wahr ist's, der Henker hat ein bißl weniger Arbeit heut, als vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen, Ersäufen und Köpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten entzogen. Und hat für die Kirch nichts anderes zustand gebracht als üblen Geruch.«

»Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.«

»Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang zu peinigen, bis sie die Rute küssen.«

Der Fürst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte gereizt: »Rom könnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhören wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen muß man konsequent sein.«

»Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter römischer Konsequenz ist das halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen Seifenschläger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt man suchen mit des Diogenes Latern, es wär kein Evangelischer nimmer zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es über die Dreißigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost. Man hat die Weiber aus den Armen der Männer gerissen, Tausende von Kindern hat man ihnen weggenommen –«

»Ludwig?« unterbrach Herr Anton Cajetan. »Hast du geheime Verbindung mit Salzburg? Da müßte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.«

»Mich wird er nit drucken, Herr!« Der Pfarrer zog den Atem rückwärts, um nicht niesen zu müssen. »Drucken und einengen wird er nur Euch. Verschließt alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren – die Botschaft, die Euer Völkl hören will, wird allweil einen Weg zu seinem Herzen finden.« Er streckte die Hände. In seiner Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergnädigste vor der Infektionsgefahr retirierte. »Herr! Ich bitt Euch, laßt Euch raten von mir! Rühren Euch die Kanzleischöpse einen bösen Brei in den fürstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken muß. Was in den Siebentausend zu heißem Leben geboren ist, das macht der Muckenfüßl nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frühlingsholz. Versenkt es in Eurem Königssee bis auf den Grund, beschwert es mit Steinen, laßt eine Eisdeck drüberwachsen! Das Eis wird springen, die Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die Höh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Stoß und Auftrieb – – das könnt Euch umschmeißen, Herr!«

Der Fürst war bleich geworden, ging hastig zur Tür und schrie in den Flur hinaus: »Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurück?« Man hörte die verneinende Antwort eines Lakaien.

Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Fürsten, jäh herausgerissen aus aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen tränenden Augen.

Anton Cajetan hatte die Türe krachend ins Schloß geworfen, wanderte hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink hintereinander: »Das muß man überlegen! Das muß man sich doch überlegen!«

»Ja, Herr! Ein füreiliger Entschluß könnt Euch ein böses Sträßl in die Zukunft bauen.« Die Stimme des Pfarrers klang so hart, daß der Fürst verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem großen Raum. »Zu End müssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's um den Hals geht.«

»Eine anrüchige Einleitung! Was willst du sagen?«

»Ich mein', es handelt sich da nit nur um Gott und Himmel. Es kommt mir so für, als tät hinter dem unverträglichen Eigensinn, mit dem die Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes stecken. Römisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit überzwerch, daß man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen könnt.«

Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!«

»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich. Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und aufgeblasen zu gefährlicher Unform.«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«

»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als sich selber.«

Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche gibt. Und es wird so bleiben.«

»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.«

»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr verschärft – wer ist der Schuldige?«

Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt sein können, ein bißl menschlicher und – weniger konsequent.«

»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede. »Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich inskribieren?«

Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der Sprach willen? Als deutsches Buch?«

Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung. »Deutsch!«

»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten – wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und das, Herr, das vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie, wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind, sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen – auch ohne die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen, weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig beiseite wenden konnte.

Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »Eh bien, nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.«

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen Entschluß – wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.«

»Mon cher! Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist schlecht.«

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.«

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice! Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.«

»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?«

»Für das letztere.«

»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr niemals finden als Priester. Nur als Fürst. In Euch selber könnt Ihr Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch und Eurem Ländl machen.«

»Oh?« Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amüsieren. »Abdanken, meinst du?«

»Wär nit genug.«

»Wie anspruchsvoll!«

Je mehr im Fürsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der Pfarrer. »Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstückelt und zerrissen! Festen Halt hat nur das groß und stark aneinander Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wär die einzige Genesung der Deutschen: ein Volk, ein Reich, ein Herr! So sag ich nit. Die Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengärung im schweren deutschen Teig. Nur fest aneinanderschlingen müßt man sich. Und müßt das wüst ins Unkraut schießende Spötteln, das sinnlose, hochmütige, blitzdumme Aufmucken unterlassen, bei denen im Süden wider die im Norden, bei den Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Süden. Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststück, von einem Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so müssen wir ihn nehmen und nutzen!«

»Laß das!« unterbrach der Fürst. »Was geht das mich an! Ich bin kuriös auf dein Rezept.«

»Wollt Ihr handeln als deutscher Fürst, so müßt Ihr aus der Landsnot, die Euch bedrückt, einen Nutzen heraushämmern für das Reich. Müßt helfen dazu, ein Fürbild der Verträglichkeit zu geben. Müßt helfen dazu, daß ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen kommt.«

»Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht.« Der sarkastische Ton verriet, daß Herr Anton Cajetan doch schon ein bißchen was zu ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefärbten Augenbrauen.

»Beugt sich in Euch der Fürst vor dem Priester, so macht Ihr unser Völkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Fürsten über den Priester, laßt Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berühmten Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in Streit und Hader mit allen Hitzköpfen unseres geweihten Standes. Herr! Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.«

Die bleichen Lippen des Fürsten wurden schmal. »Und welchen?«

»Erlöst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, stärket durch Euer Bröckl Fürstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr als Fürst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den Ärger und die giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den stockenden Blutsaft unseres Völkls wieder in Gang bringen und wird sich als weltlicher Fürst mit den Siebentausend so leicht verständigen, wie es für Euch als fürstlichen Priester unmöglich ist.«

Anton Cajetan legte die Hände hinter den Rücken. »Du? Bist du ein bezahlter Emissär des bayrischen Churfürsten?«

»Herr!« Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. »Das muß ich heiter nehmen. Wär' es ernst, so müßt ich mit Kummer fragen: Was ist siebzigjährige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen Fürsten? Und die Antwort tät lauten: Eine schauderhafte Dummheit!«

Es war dem Fürsten anzumerken, daß Zorn und Verstand, Stolz und Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann französisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch zurück: »Mag sein, daß ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Kühnheit vermessen kannst.«

»Kühnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und Steuern gehen rückwärts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser. Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wär das nit schöner als der fürstpröpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut noch an Seelenfreiheit und Erlösung glauben?«

Ratlos faßte Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die schönberingten Hände. »Wenn's nicht so wahr wäre! Zum Verzweifeln ist das!« Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: »Du meinst also?«

Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten Schritt, den er machte, um seinem verzagten Fürsten näher zu sein, wehrte Anton Cajetan erschrocken: »Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich fühle bereits, daß ich niesen muß.« Ein paar französische Jammersätze. Dann ein deutscher Ausbruch seines verstörten Zornes. »Glaubst du denn, man legt einen Fürstenhut ab, wie man eine Perücke zum Frisieren gibt? Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten!« Anton Cajetan sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persönchen im Singular dachte. »Aber ich muß gestehen, die Dinge liegen so desperat – ich werde nicht umhin können, meiner fürstlichen Seele diese schwere Dezision –« Das Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Fürst die weißen Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. »Ah, ah, bienvenu, mon cher!« Halb noch zitternd, halb schon wieder lächelnd, brach der Fürst mit ungeduldigen Fingern das große rote Siegel auf, schickte gnädig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je mehr sein blasses Antlitz während des Lesens sich aufheiterte, um so bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie fröhlich der Fürst das Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: »Ich schätz die Salzburger Hilf auf fünf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend Kapuziner. Hätten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt, so wär die Antwort magerer ausgefallen.«

Mit halbem Lachen fragte der Fürst: »Hast du mir, während ich las, über die Schulter geguckt?«

»Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, daß sie um die Mauer blinzeln.«

»Du solltest dich hüten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wär es möglich, daß du mißliebige Experienzen machen mußt.«

»Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glück sagen. Wär ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen Warzen im Gesicht, so hätt' ich als Teufelsbündler auf den Scheiterhaufen müssen.« Ein versunkenes Lachen. »Es ist unverkennbar, Zeit und Menschen gehen nach aufwärts.«

Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele. Das kann lebensgefährlich werden.«

»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer, denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.«

Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter ihm mit spöttischem Laut: »À propos, mon cher! Ich höre, man beschuldigt dich einer üblen Sache.«

»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die wär von allen Zeitverbrechen das größte.«

Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß du der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?«

Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit schämen.«

Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe. »Ludwig? Lügst du?«

»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.«

Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden, dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte das Riechfläschl aus der Atlasweste.

Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen Schnupfen hat er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich jetzt grad rufen hat lassen – das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden. Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den emeritierten Stiftspfarrer Ludwig keine Überraschung, als er seine Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand. Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser. Unleugbar, die Polizei war ehrlich.

Eine Überraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfüßl und der Soldaten Gottes nur für die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz fürchterliche. Sie weinte, daß es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer legte ihr zärtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr. »Geh, sei gescheit und trink ein Schnäpsle! Das richtet dich wieder auf.«

Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Tränen sah sie den Bruder an und klagte: »Ach, Gott, wie viel haben sie gefragt! Aber weißt du, ich hab allweil falsch gehört.«

»Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer weiß, wie er seine mangelhaften Instrumente gebrauchen muß.« Der Pfarrer nahm den Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der übel zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen.

Kapitel XVIII

Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, daß der allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schußwaffe besäßen. Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers:

»Wie mehrer die Gäst,

So schöner das Fest,

So froher der Fürst,

's gibt Freibier und Würst!«

Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er hinaufknurren ließ zur Sonne, bewiesen, daß der Hiesel Schneck in übler Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, daß so ein Jud wieder einmal schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hügel und kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewußt, wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene Sache, die für einen Luthrischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich: »Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was Gläsernes auf'm Buckl.«

Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, daß der unbequeme, vermaledeite Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack, den sie so breit gemacht hatte, daß er zwieschläfrig zu benutzen war. Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch – weil Leupolt schlief – mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal flüstern: »Verstehst?« – der Schneck verstand nicht und war verbohrt in die unzutreffende Meinung: daß es die Schneckin »aber schon ganz saudumm« angestellt haben müßte. »Soll den Kerl über die Grenz hatzen und laßt ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst übereinander!« Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen, freilich, da sah auch der Hiesel das ein: daß man mit einem Fieber, in dem »alle Knöchelen scheppern«, nicht ins Bayrische hinüberlaufen kann. Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung, erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken: »Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, daß er bald über die Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen. Verstehst?« Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte, verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit seiner sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte.

So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit, die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage tausendstimmig geschah. In allen Häusern wurde gesungen und gelacht, aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: »Wie wenn beim größten von allen Bauern eine Hochzeit wär!« Und bekam die lachende Antwort: »Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!«

Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen, die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des »Mahlsaales«, einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.

Der große Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstage kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen mächtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die Laune.

Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen ein bißchen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang vorausgenießend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung, ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde, begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl. Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die mattfunkelnden Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre, und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen Eintrag, daß im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war. Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren. Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, daß ihr Freudenspektakel alles Blechgeschmetter übertönte.

Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen, Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das fröhliche Gepräng des Schützenzuges. »Ob in Sonn oder unter Wolken – gibt's auf der Welt ein schöneres Ding, als die vertrauensselige Freud eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser Tag es bringen wird?« Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die Erkenntnis, daß seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden, sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwören würde.

Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig nickte. »Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von denen jeder was anderes denkt.« Wenige Minuten später mußte er zu der beschämenden Einsicht gelangen, daß er die Salzburgische Hilfe militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: nicht ein volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere, scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Roß. »Guck nur!« knirschte der Pfarrer vor sich hin. »Neben der Gotteshilf macht Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere Bauern füttern, wer weiß, wie lang!«

Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel, aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über die verschneiten Wiesengehänge kletterte, blieb er erschrocken stehen und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, daß er kaum zu sprechen vermochte: »Kehr um, Nicki! Führ dein Mädel heim und laß dich einsperren von der Sus!«

»Hochwürden?« stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: »Um Gottswillen, was ist denn los?«

»Getroffen, Nicki!« Der Pfarrer lachte grell. »Um Gotts willen ist was los! Und da wirst du dir denken können, wie es ausschaut.« Er faßte Luisas Arm und flüsterte: »Mädel! Wenn du deinen redlichen Vater nit auch noch verlieren willst, so schau, daß du ihn heimbringst in die Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein letztesmal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müßt. Und du, Mädel, tu beten vor deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!« Die Stimme des Pfarrers bekam einen harten Zornklang. »Heut wird deine fromme Seel noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, daß du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdächtig macht vor den Konsequenten.«

Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: »Mensch! Was ist denn?«

Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die Wolken. »Guck doch in die Höh! Da mußt du doch merken, daß heut ein Tag ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um die Menschen trauert.« Er sagte mit heißer Mahnung: »Geh heim, Nicki! Deinem Kind zulieb!«

»Und du?«

»Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen: ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden so schlecht, daß es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen.« War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, daß dem Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: »Laß den Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten Frauen.« Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen. Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste, die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, faßten die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter der gleichen Mahnung: »Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon angezapft!« Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen.

Die Weibsleute guckten ein bißchen verwundert drein, weil an die zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig in Hast von der Straße herübergeschritten. Er spähte mit blitzenden Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere kreuzten vor seiner Brust die Flinten. »Ruckwärts, Hochwürden! Niemand darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!«

»Aber Leut!« Der Pfarrer lachte. »Ich will doch auch meine Freimaß haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!« Er hatte die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor sich auf. Ein Musketier faßte ihn am Radmantel. »Wirst du auslassen?« Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik, von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden. Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen saßen, begann es ein bißchen übermütig zu werden; da trommelten sie mit den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen, wie der Augenblick sie gebar.

Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein Gesicht entstellt, daß ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mußte erst ein Fröhlicher schreien: »Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!« Und einer brüllte über alle Tische: »Leut! Jetzt geht's aber an! Der erste von unseren Herren ist da!« Während der Lärm sich ein bißchen dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß, zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: »Hochwürden! Zu mir her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muß nit sitzen. Mich halten Herz und Seel in der Höh.« Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und preßte das scheuguckende Bübchen an seine Brust. »Jetzt, Hochwürden, ist alles am Tag! Gelt ja? Mir müssen die Leut Vergeltsgott sagen. Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für den heutigen Tag.« Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden Tönen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, daß von den Herren der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal. Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel und rief: »Ihr guten Leut! Laßt mich ein brüderlichs Wörtl reden mit euch!«

Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben sich die Männer und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle – nicht auf den Pfarrer, der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das Unerklärliche, das von draußen hereinklang durch die fensterlosen Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es mußte doch Freude sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch. Und einer kreischte mit Lachen: »Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blaset den Herrengruß!« Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer. Seine Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten Untertanen.

Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus. Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuß – nicht wie ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche – und über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen hatte: »So müßt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische Christin!«

Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen. Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: »Barmherziger Herrgott! Moidi! Du blutest!« Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin, von der die Stimme kam, lächelte ein bißchen, reckte sich und rief: »Ihr lieben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten über das Schneefeld her!« Das Mädel wankte, straffte sich wieder an allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und preßte die zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: »Herr Jesu, dir leb ich – Herr Jesu, dir sterb ich –« Viele Hände streckten sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein Betrunkener: »Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?«

Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl, ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke – und jetzt ein mahnender Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, daß er die tausend Verstörten beherrschte und zum Lauschen zwang. »Ihr Leut! Ihr guten Leut!« Pfarrer Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. »Schauet her! Ich hab den Tod auf den Armen. Drum muß ich ein Wörtl sagen für euer Leben. Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet. Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt euch alle, eure Weiber und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: zuschlagen mit Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns aufrichten. Der wird uns helfen!« Man hörte von draußen den Schritt einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern begannen, die sie trugen, sagte ruhig: »Drei evangelische Brüder sollen mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.«

»Nachbar!« keuchte der Haynacher. »Nimm mein Bübl ein bißl! Da muß man helfen.« Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art, wie die Fieberkranken reden: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie.« Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie der Schreck, das betäubende Bewußtsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein Härteres: die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug, der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen.

Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem reumütigen Subjekte sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rößl zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren, wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der »schön und gottselig gestorbenen« Moidi von Unterstein – den Christl Haynacher – mußte man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so rebellisch, daß die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde.

Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen, gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen Dragoner parat. Bei jedem Trupp – gleich einem Leutnant neben seiner Kompagnie – befand sich ein Kapuziner.

Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, daß sie nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten. Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe.

Kapitel XIX