Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters, wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein Mensch!«
»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird, vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?« stammelte Luisa. »Ist's Euer Blut?«
Er schüttelte den Kopf. »Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar letzten Tröpflen minder schad.«
Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer atmend fragte er über die Schulter: »Wißt ihr schon, was geschehen ist?« Die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. »Da brauchen wir nimmer reden drüber.« Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein Gewand zu säubern. »Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen, wenn man sie nit am Leib hat.« Er legte den Arm um die Schulter des Meisters. »Nick? Weißt du, was eine Mutter ist?«
»Das weiß man, glaub ich.«
»Was meinst du, daß eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim, wie ich das Moidi hab bringen müssen?«
Mühsam antwortete der Meister. »Ich wüßt nit, was ich schreien tät.«
»In Unterstein hat eine Mutter ihres toten Mädels Kopf zwischen die Händ genommen und in freudiger Ruh gesagt: Mein Kindl, dich muß der Heiland lieb haben, uns anderen ist er feind, drum müssen wir weiterschnaufen in der irdischen Not!« Mit beiden Händen rüttelte der Pfarrer die Schultern des Meisters. »Mensch! Kann's einer besser sagen, wie die Zeit ist?« Dann wandte er sich an die Sus: »Tätst du dich trauen, daß du zum Simmi hinüberspringst?«
»Ich trau mich alles, wenn's für den Meister ist.«
»Für den ist's auch. Heut möcht' ich, daß wir beisammen sind. Traut der Lewitter sich nit aus dem Haus, so sag ihm, daß ich krank wär. Da kommt er. Gelogen ist's nit. Alles leidet in mir, was Leben heißt. Aber fürsichtig mußt du sein. Sonst packen dich die Soldaten Gottes mit Gelobt sei Jesuchrist!«
»Soll mich nur einer anrühren!« Das weißblonde Mädel sprang zur Haustür. Der Meister ging mit ihr, und als er im dunklen Flur den Riegel aufstieß, sagte er leis: »Vergeltsgott, du Treue!«
In der Küche legte Pfarrer Ludwig die Hand auf Luisas Scheitel. »Also? Hast du die fromme Deutung für den heutigen Versöhnungstag schon gefunden?«
Sie sah verstört zu ihm auf. »Hochwürden! Ich weiß nimmer, wo die Christen sind.«
»Christen sind überall. Nur finden muß man sie können. Und selber muß man einer sein.«
Die Tränen fielen über ihr blasses Gesicht. »Ich seh keinen Weg nimmer. Überall ist Wirrnis und Sünd. Dürft ich nit morgen kommen um einen Seelentrost?«
»Ja, komm nur!« Er streichelte ihr schönes Haar. »Ich will dich trösten.« Die Stimme dämpfend, beugte er sich zu ihrem Ohr. »Seit dem Morgen weiß Mutter Agnes, wo der Leupolt ist. Beim Hiesel Schneck.«
Sie fing zu zittern an. »Wo hauset der?«
An der Flurtür klapperte der Sperrbalken. Und draußen, in der nebligen Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als sie hinüberkam zum Leuthaus, mußte sie in einen finsteren Schuppen springen. Hufschläge klapperten über das Pflaster her, und mit dem Lärm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener, an die siebenhundert Männer und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren und fünfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Säbel in der Faust hatte.
Am Schwänzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und weil er als Gutgläubiger sich verpflichtet hielt, dem Pater Kapuziner während des langen Nachtmarsches ein bißl Gesellschaft zu leisten. »Ja, ja, verstehst?« Er fluchte aus Rücksicht auf den geweihten Wandergesellen überraschend wenig, war aber doch in verdrießlicher Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen mußte. Freilich, immer noch lieber als das gläserne Judenfläschl war ihm das irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen, so kam's doch von der Mälzmeisterin, von einem rechtschaffenen Christenweibl.
Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und während sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Händen gefaßt, wie Blinde und Sehende, die einander führen.
Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die Austeilung der Soldatenquartiere begann, mußte Hiesel Schneck seinen Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer hörte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der Strohsack einfiel. Manchmal sakermentierte er und wußte selber nicht recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem Fürsten hing, hatte der Versöhnungstag mißfallen. Kein Gedanke verriet ihm diese Wahrheit; sie war nur in seinem Blut, in seinen Flüchen. Und ohne daß er es merkte, verwandelte sie diesen Höllementskünstler so folgenschwer, daß er die neue Überraschung, der seine Nagelflöße entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wäre, wenn er das leutselige Schützenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi von Unterstein nicht hätte rinnen sehen.
Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentälchen ablenkte, konnte er gewahren, daß in seinem Herdstübl noch die Specklampe brannte. Obwohl er kein Übersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand, warum ihn diese leuchtende Sache so fürchterlich erboste, fing er ein Himmelhundstreiben an, daß der Schnee davon knirschte. Immer schlug er mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschädel ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was doch sicher eine unmögliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte, beeinträchtigte die getrübten Verstandeskräfte des Hiesel Schneck bis zu völliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch den Schnee. Nah bei der Haustür wurde er festgehalten vom Anblick einer Schneefährte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war, durchaus nicht erklären konnte. Es waren große, kreisrunde, tief in den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der beste fürstpröpstliche Hirsch trat solche Fährten aus! Es blieb dem Hiesel keine andere Lösung, als diese Schneelöcher – die das Blechschüsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des Fieberkranken kühlte – für Huftritte des Teufels zu halten, der sich nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bißchen erkundigt hatte. »Also, da haben wir's!« Das Gruseln kannte der Hiesel nicht. Für ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so ungefährlich wie ein Eichkätzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen. Schon drehte er sich gegen die Haustür. Da hielt ihn der Klang der beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustönten. Unter einem knirschenden Himmelhündchen beugte er sich gegen das Fenster hin und guckte in den milden Schein.
Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag aufgestützt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl, das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde, die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bißchen perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn.
»Seit der Herbstzeit?« fragte Leupolt.
»Wohl, Bruder!« Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln.
»Wie ist das gekommen, Schwester, daß deine Seel sich erhoben hat? Hast du ein Unrecht erfahren müssen?«
Sie schüttelte den grauen Kopf. »Mein liebes Mädl, verstehst, die ist verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz, da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und das Mädl – jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch allweil muß ich halt Mädl sagen – und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prügeln, der Deinig? Und das Mädl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem Vater nit sagen, der tät versterben dran!«
Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt zu einer hölzernen Säule.
»Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!« sagte die Schneckin. »Aber wenn's schon wahr sein muß, daß ihr Hansl verhöllt ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten? Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut. Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles hat mir das Kindl verzählt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen.« Die Schneckin guckte den Leupolt an. »Wenn einem sein liebes Mädl so was sagt? Verstehst? Da muß man doch glauben.«
»Nit allweil!«
Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, daß der Hiesel sie nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines Schneckenweibls: »Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge, evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist hart: daß ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er drauf – im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl gegeben, verstehst – aber muß er merken, daß er eine evangelische Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben.«
Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch ein bißchen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den Leupolt sagen: »Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl. Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!« Der Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. »Von allen Schmerzen, die mich angefallen haben, ist das der härteste: daß ich heut nit sehen hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und Treu!«
Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurück, als hätte ihm dieses gläubige Wort einen Stoß vor die Brust gegeben. Er fand keinen Fluch, ließ nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wußte nicht, wie, da ließ er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus: »Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus!« Schauernd an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fäuste und begann zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschäftigung, die er schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerriß ihm ihre ungewohnte Übung fast die Rippen.
War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhäusl klang ein sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: »Schneeeheeeeck!« Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wußte, daß ihr Schneck Augen an den Schuhsohlen hatte. Und wo sich glückhafte Leute versöhnen, wird das Sitzleder dauerhaft. »Die haben ihn halt nit fortlassen vom Freibierbänkl.« Sie verkürzte den Docht der Lampe und raschelte sich in die Strohsackmulde. »Gut Nacht, Leupi!« Der Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos hinlegte auf den Strohsack. »Gott sei Lob und Dank,« sagte sie, »weil du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?«
»In Ruh laß mich!« knurrte er durch die Zähne.
»No, no, geh, verzähl doch ein bißl was!«
Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen, daß die Schneckin ihr graues Köpfl an seine Schulter lehnen konnte, und da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdärmels in die Wange gedrückt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinüber. Ganz und gar.
»Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?«
»Was Gescheiteres fallt dir nimmer ein? Du –« Nein, der Schneck brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: »Du Christin ohne Herrgott!«
Verwundert sann das Weibl in der Finsternis über die unerklärliche Tatsache nach, daß der Hiesel nicht fluchte. Da mußte ihm doch was weh tun, wie einem Baum, der im Frühling nicht grünen will. Bei diesem Schweigen stöhnte plötzlich der Hiesel: »Ganz schauderhaft ist so was!«
»Was denn?« fragte das Weibl erschrocken.
»Wie heut der Bockmist stinkt!«
»Schneck, da mußt du dich verkühlt haben! Beim Kathari hat einer allweil so ein empfindsams Naserl.« Sie setzte sich auf. »Wart, da koch ich dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten.«
Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, daß die Schneckin rasch zur Einsicht gelangte: »Krank ist er nit!« Nach vielen stichelhärigen Himmelhunden murrte er: »Jetzt wirst du mich aber doch bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du Wagen ohne Deichsel!« Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne auf die Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.
Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wußten was! Sehr viel. Wenn auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, daß etwas Hartes geschehen war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann nahm er ihre Hand. »Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut.«
»Ja, Bub, da muß man glauben dran. Sonst tät man verzagen.« Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. »Jetzt weiß ich, warum der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit. So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen. Verstehst?« Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, daß die empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall eine Arbeit, daß sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie was von ihm gewußt hätte.
Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin, die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. »Heut in der Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, daß mir die Mälzmeisterin was mitgegeben hat für dich.«
»Die Mutter?« fuhr Leupolt in Freude auf.
»Ob's deine Mutter ist, weiß ich nit,« sagte der Hiesel gallig, »auf der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es könnt am End gar noch aufkommen, daß du mein Schwager bist.«
Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe? Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine, versteckte Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig zusammengedrängte Schrift: »Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder, seit ich weiß, wo du bist. Es wird sich schon geben, daß ich schicken kann, was du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich grüßen. Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das weiß ich, deine Mutter in Treu.«
Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin mußte auf die Schüssel achten, die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: »Wie hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, daß der Leupi bei uns ist?«
»Was weiß denn ich?« brüllte der Hiesel. »Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!« Wie sonderbar, daß der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete! Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: »In der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst du mir nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?« Der Hiesel beutelte wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riß den Tabakbeutel vom Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. »So was ist schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist und sagte gekränkt: »Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber ist, daß man am Sonntag vom Stallboden essen könnt.« Mit Tränen in den Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen noch ein bißchen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein völlig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, daß sein weißschnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die Pfeife zu legen.
»Schneck!« sagte Leupolt. »Weil das gute Weibl draußen ist, wollen wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinüber zum Grenzbaum, tu nit flüchten. Vergönn mir das Plätzl in deinem Haus! Ich will's vergelten. Sobald die Füß mich tragen, leg ich mich hinauf ins Heu. Kann ich wieder laufen, so mußt du mich helfen lassen bei deinem harten Dienst. Daß du's leichter hast. Ich versprech dir, daß ich nichts tu, was dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und heimlichen Weg laufen. Will sein, wie du wollen mußt, daß ich bin. Ist dir's recht so?« Er streckte die Hand.
»Meintwegen!« murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. »Stapfen wir selbander durchs Holz, so kannst du mir auseinanderkletzeln, was denn eigentlich dran ist – an der luthrischen Narretei? Daß in der besten Menschenseel so ein Unsinn zündet! Es ist halt, weil einer verstehn will, was er nit versteht. Verstehst?«
»Fragst du, so geb ich Antwort.« Wieder streckte Leupolt die Hand. »Magst du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verlaß ist auf einander. Nit?«
Der Hiesel bewies, daß er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes klüger sein konnte als andere Menschen. »Mannderl,« sagte er, »wenn ich dein verschwollenes Pratzl drucken tät, möchtest du einen schönen Brüller machen!« Er guckte über die Schulter, weil er aus dem Geißstall ein heftiges Wassergeplätscher vernahm. »So was ist schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Er sprang zur Stalltür hinüber. »Du! Kreuzhimmelhundshöllement und christgläubiges Elend! Wirst du nit bald auf'n Strohsack rutschen? Verkühlst dich ja draußen! Du Zeiserl ohne Kröpfl!« Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schöne Sache. Aber der Hiesel dachte bei diesem wütenden Kosenamen an einen Vogel, dem Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafür aber Federn, mit denen man schreiben kann.
Die gekränkte Schneckin plätscherte noch eine Stunde lang. Als sie endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinübergedreht nach der feindseligen Seite. »So,« sagte sie, »jetzt wirst du ihn aber nimmer schmecken!« Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die Stube geblasen hatte, kam der Geißstall nicht merklich auf. Dennoch knurrte der Unversöhnliche in die Nacht: »Ganz schauderhaft ist so was! Schauderhaft!« Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf die andere Seite, und während ihre Tränen kollerten, hielt der Hiesel verzweifelt seinen brennenden Schädel zwischen den Fäusten. Die Stube des Grenzjägers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glück und Not, Zorn und Liebe in unvereinbarem Widerspruche bei einander wohnen.
Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen zwischen den Händen. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Königssee, so waren wieder in ihm zwei kämpfende Gedanken, die einander hart bedrängten. Seine Trauer über das üble Herrenwerk des Versöhnungstages und seine Sorgen um die leidenden Brüder umschatteten die blühende Botschaft der Mutter: »Sie hat dich lieb.« Aus dieser Zwiesprach seines Kummers und seiner Träume riß ihn ein Himmelsköter des Hiesel Schneck, der wütend in die Finsternis hineinbellte: »Wie, du – jetzt hätt ich vor lauter Schauderei schiergar vergessen! Hörst oder nit? Du Haubenstock ohne Mascherl! Wirst du dich bald umdrehen, ja? Und den überbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst?« Der Hiesel mochte schneller zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie ließ ein so wehleidiges Quieksen vernehmen, daß Leupolt erschrocken fragte: »Schneck? Was tust du denn deinem Weibl?«
»Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit auftragen hat, verstehst? Soll die saumäßige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein Überbein ist allweil ein Überbein.« In der Finsternis bügelte der Hiesel Schneck das neugewachsene Ellbogenknöcherl seiner Schneckin. Weil sie wieder ein bißchen wimmerte, brüllte er: »Ja, pfeif nur, pfeif, du Spinnrädl ohne Schmier! Wenn's dir wohltät, gelt, da könnt ich rippeln bis vierzehn Täg nach der Ewigkeit.« Nun ließ das Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem Knochenbügeln endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in Abrede stellen, daß ihr Überbein sich merklich verkleinert hatte. Sie beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewalttätigen Kur: ihr Schneck war von der ‚jüdischen Dokterei‘ so müde geworden, daß er vor dem Einschlafen vergaß, sich auf die feindselige Seite hinüberzudrehen. Mit Vorsicht rückte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bißchen näher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fünfunddreißig Jahren gewöhnt war, und schloß als zufriedenes Menschenkind die Augen.
Kapitel XX
Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib von den Schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser, obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei Kräften, daß er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er sein eigener Arzt – weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner anderen Hand berühren ließ.
Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muß. Ein feingeglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er die Halswunde so sauber schabte, daß die Schneckin gestehen mußte: »Viel besser schaut's aus!« Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen Leinwandstreif. »So!« sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die Schneckin barmherzig klagte: »Jesus, Jesus, es muß dir ja grausam wehtun!« Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen; er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel, versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte Glitzerbröselchen. »Da muß mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen, verstehst?«
»Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spür's.«
Die Schneckin mußte zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende.
Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: »Heut am Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat, verstehst?« Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, daß in der Schneckin der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem evangelischen Geheimnis. Aber nein! »Da tät er doch dreinschlagen mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein! Verstehst?« Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: »Es ist was anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest, das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und Ehrfurcht.«
Die Schneckin tat einen Seufzer: »Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine schieche Zeit ist das!« Von den schrecklichen Dingen, die im Land geschahen, wußte sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien, Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen – das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie schalt: »So geht's nit weiter, Bub! Du mußt dich wieder verbinden lassen.« Er streichelte lächelnd ihre Hand: »Nit, Weibl! Ich spür schon das Heiljucken. Nachhelfen muß man bloß bei schwachen und mühsamen Dingen. Den starken und guten Sachen muß man ihr Sträßl lassen und muß ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder ein Lied.« Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rotscheinig wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:
»Herz, laß dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!
Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt dein Wille.
Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!
Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste.
Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Steht allem für und gibt auch dir das Deine.«
Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein Elend und klagte: »Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen tät, daß ich auf Wanderschaft müßt. Verstehst?« Wie die Schneckin es meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: daß man zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein seligmachenden Glauben. Leupolt verstand nur, daß Kummer und Verstörtheit dem alten Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers:
»Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Steht allem für und gibt auch dir das Deine!«
Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse, die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. »Also! Hat der Mensch auch wieder einmal ein bißl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen, freilich, war 's Vergnügen minder.« Mit seinem gereizten Lachen mischte sich ein wühlender Zornklang. »Was müssen die Rindviecher hinschnufeln zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?« Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes Zeug an die Geweihzacken zu hängen. »Freilich, was Guts ist allweil dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf ihren Kirchenmantel kriegen!« Dieses zärtliche Versprechen hatte eine sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: »Du Wiedehupfin ohne Schöpfl! Warum flennst du denn jetzt?«
»Weil – weil ich merk –«
»Was?« fragte der Hiesel erschrocken.
»Daß du mir – eine Freud machen willst – und grad für'n Kirchenmantel – Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!« Unter den Tränenstürzen ihrer Verstörtheit vergaß sie völlig, daß sie das Mus für ihren Schneck gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken, und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die überraschende Entdeckung machen, daß nicht der ketzergierige Satan, sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die »unsinnigen Tapper« in den Neuschnee hineingefährtet hatte. Nachdenklich wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: »Ganz schauderhaft ist so was!« Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so entsetzlich nach allen Windrichtungen, daß die schwarze Stube sich noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: »So was ist seltsam.«
»Was?« brüllte der rasende Schneck.
»Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.«
Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: »Wann ich raufen muß mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau lieber, daß du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst. Daß man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer Narrenkasten ohne Riegel, daß einer verstehn will, was er nit versteht? Verstehst?«
Leupolt gab keine Antwort. Er lächelte nur. –
In dem kleinen Jägerhaus kamen stille Tage. Keine schönen. Es stöberte, daß der Schnee vor der Hausmauer immer höher wuchs. Manchmal in den Nächten krachte das alte Dach unter der weißen Last. Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, setzte der Föhnsturm ein, mit Brausen und Toben, mit klatschenden Regengüssen.
Die Herren zu Berchtesgaden schienen den Jäger Leupolt Raurisser entweder vergessen zu haben, oder sie erwarteten von ihm noch immer, daß er seinem fürstlichen Herrn die Gefälligkeit erweisen möchte, jenseits der bayerischen Grenze zu verschwinden. Es kam vom Stifte keine Nachricht, kein Befehl. Alle paar Tage brachte das Schneckenweibl ein Bündel, das jemand im Hallturm für den Hiesel abgegeben hatte. Immer war's eine Sendung der Mutter Agnes für ihren Sohn. Schließlich hatte Leupolt alles beisammen, was ein Jäger braucht – ausgenommen die Flinte. Am Tage nach dem Versöhnungsfest hatte die Polizei seine Waffen konfisziert. Bei jeder Sendung war ein verstecktes Zettelchen der Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Buben sorgte. Über die Dinge, die zu Berchtesgaden geschahen, schrieb sie kein Wort. Es hieß nur immer: »Ach, das Leben ist nimmer schön!« – »Bub, man weiß bald nimmer, was man denken und glauben soll!« – »Ach, Bub, sei froh, daß du weit bist vom Marktbrunnen! Der Schandpfahl hat nimmer Feierabend.« Nie ein Wort über Luisa, nie ein Gruß von ihr. Nur einmal, als sich schon die ersten Frühlingszeichen an den sonnseitigen Gehängen entdecken ließen, schrieb Mutter Agnes: »Hab gestern ein liebes Veigerl gesehen, das nimmer blühen mag. Da hilft kein Wörtl nit. Man muß an die Sonn glauben, die dem armen Blüml das Köpfl wieder aufrichtet.« Als Leupolt dieses Zettelchen gelesen hatte, trat er zum Fenster, sah in den rauschenden Regen hinaus und sagte: »Die Sonn ist bloß hinter Wolken. Da ist sie allweil. Komm, Schneck, nimm den Mantel, ich geh mit dir hinaus ins Holz. Wo die Bäum wachsen, wohnt der Herrgott.«
»Wohl!« brummte Hiesel. »Aber was für einer?«
Draußen wurde dem langen Schneck die Nässe ungemütlich. Er wußte eine Holzerhütte zu finden, brachte ein Feuerchen in Brand, stopfte seine Holzpfeife und fing wieder zu fragen an, wie immer, wenn er mit Leupolt allein war. Dabei schien er nur die Worte des anderen zu hören, nicht den Herzklang, von dem sie erfüllt waren, nicht die ruhige Festigkeit, die in ihnen glänzte. Wieder schüttelte er nach stundenlangem Lauschen den grauen Kopf: »Da kann mir einer sagen, was er will, ich versteh's halt nit!« Etwas Verzweiflungsvolles brannte ihm in den kummervollen Augen. »Aber was soll denn einer machen, wenn er muß?« Das war wieder eine von den dunklen Reden, die der Hiesel sich angewöhnt hatte seit dem Versöhnungsfest.
»Schneck? Magst du mir nit sagen, was dich druckt?«
Der Alte erhob sich vom Feuer. »Der Verstand druckt mich nit. Sonst tät ich's verstehn. Verstehst?«
Je näher es auf die Osterwoche ging, umso wortkarger wurde der Hiesel Schneck, ersann immer seltsamere Flüche und fand für sein Schneckenweibl immer wunderlichere Vergleiche, denen das Nötigste fehlte. Er nannte sie ein Wasser ohne Brunnenrohr, ein Mühlrad ohne Mehl, ein Bänkl ohne Füß, ein Zöpfl ohne Haar, sogar eine arme Seel ohne Fegfeuer. Mit Menschen zusammenzukommen, das schien der Hiesel zu fürchten, wie ein Gebrannter das Feuer. Die angstvolle Schneckin quälte ihn eines Tages mit hundert verwirrten Fragen. Der Hiesel schwieg sich aus, beteuerte ein Dutzendmal, daß so was schauderhaft wäre, ganz schauderhaft, nahm die Feuersteinflinte und ließ seine Himmelhunde hinausknurren in den nassen Frühlingswald. Die Schneckin, völlig verdreht, wollte ihm nachlaufen. Leupolt hielt sie zurück und sagte: »Laß ihn, Weibl! Im Holz draußen findt er die Ruh schon wieder. Ein guter Mensch ist er. Und was er hören und sehen muß, das geht ihm über den Herzfrieden.« Wenn Leupolt auch wenig wußte von den Dingen im Land, so wußte er doch so viel, daß er sein Versprechen, keinen heimlichen Weg zu machen, wie eine Kette zu empfinden begann. Einmal sagte er zur Schneckin: »Nit helfen können, ist das Härteste.«
Es war in diesen Wochen im Lande Berchtesgaden ein neuer Gruß erfunden worden, nicht von der Polizei, sondern von denen, die ihn verschwiegen vor ihr. Begegnete einer dem anderen, und hatten sie mit den Augen geblinzelt, so sagte der eine: »Schieche Zeit, Bruder!« Und der andere knirschte zwischen den Zähnen: »Gott soll's geben, daß der Helfer kommt!«
Der Weg zu den Stiftsgefängnissen wurde in dieser Zeit das belebteste Sträßl im Land. Um der jungen Mädchen willen gab es blutige Schlägereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und ihre Rosse fraßen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der Bedrückten noch übrig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: »Der tröpfelt wie ein Bußprediger.« Und was diese emsige Seelsorge, was die Muketiere und ihre fressenden Gäule, die Polizeiverhöre und die Herbergsstunden ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbuße, die Viehpfändung, der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im ganzen Lande wie ein drückender Alp auf allen Menschen lag. Es schien, als ginge in den Häusern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem emsigen Lauschergeiste war der Landrichter Willibald Halbundhalb durch die gesteigerten Geschäfte seiner Wahrheitsforschung so grausam überbürdet, daß man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben mußte. Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets überfüllt war, wurde, um Platz zu sparen und die Einkünfte des Stiftes zu erhöhen, alles minder Gravierende durch hohe Geldbußen erledigt. Das hatte einen doppelten Erfolg: zum erstenmal seit Jahren konnte die Rechnungskammer des Stiftes die an Ostern fälligen Schuldzinsen glatt begleichen, und noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, daß von den Siebenthalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hälfte bußbereit wieder heimkehrte zum »fürstpröpstlichen Glauben«. Gegen die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen.
Wie schweres Nebelgewölk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen über dem ganzen Land. Aber auch diese Zeit, so unerträglich sie war, konnte den Witz des gesunden Volkes nicht völlig ersticken. Unter das Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikte angenagelt war und jeden »Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Straße« mit schwerer Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: »Wie ist das bei einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch auch drei Gleichzeitige? Muß da der Muckenfüßl vor dem Grillenhäusl auf die Überzähligen passen? Oder muß er die Haustür einschlagen?« Der Wahrheitsforscher mit den vier überflüssigen Federstrichen, der den Dichter des Volksliedes vom Dr. Halbundhalb noch immer nicht ausgeforscht hatte, mußte sich mit einem neuen Geheimnis der Schriftenkunde befassen, um es nicht zu lösen.
Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfeste lind und schön. Auf den Talwiesen begann das erste Grün zu spitzen, an den Bächen kätzelten die Weidenstauden und auf den Berghängen schrumpfte der Schnee immer weiter durch die Wälder empor.
Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen – der Hiesel trotz der himmelschönen Frühlingsfrühe verdrossener als je, das Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit Wochen. Wie warm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu bemerken; sonst hätte sie nicht das dickgefütterte Wintermäntelchen mit dem neuen Fuchspelzkragen spazierengeschleppt. Jedem Menschen, dem die beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam der andere einen scheuen Blick und dachte: »Der bin ich verdächtig!« Die Schneckin aber schmunzelte stolz: »Dem gefallt mein Fuchspelzl auch!«
Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald. Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen, mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und hängte den kupfernen Wasserkessel drüber. Mit dem warmen Wasser weichte er die zusammengekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band. Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte Leupolt vor sich hin: »Vergeltsgott, Luisli!« Und weil er's nicht übers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus, der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat verlassen mußten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.
»Gott soll dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar.«
Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen, wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat? Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen. Leupolt schüttelte den Kopf. »Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören auf deutschen Boden!« Da gab's nur einen einzigen Weg: über den Main und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. »Einer, der allweil hilft!« Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn!
Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten – das nur den Verläßlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las: »Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mußt du dienen. Vor dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund, da kommen von Reichenhall zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener. Die mußt du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mußt um Christi willen gehorsamen, auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da mußt du sie umsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu sterb ich. Den Zettel mußt du verbrennen. Gleich.« Ein zweitesmal las er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.
»Ein Helfer kommt!«
Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt? Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen in der Neumondnacht sich versammelten.
Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck. Der mußte ihm das Versprechen zurückgeben: keinen heimlichen Weg zu machen. Die Mittagsstunde ging vorüber, ohne daß die Hausleute kamen. Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl über die Wiese her, schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustür stand, die Frage zu: ob der Schneck schon daheim wäre? Als Leupolt den Kopf schüttelte, fing die Schneckin in seltsamer Verstörtheit zu klagen an: sie hätte eine Besorgung gehabt; die hätte ein bißl lang gedauert; und als sie wieder zurückgekommen wäre ins Wirtshaus, wäre der Hiesel nimmer dagewesen; sie hätte ihn überall gesucht, nirgends gefunden und hätte gemeint, er wäre schon heimgelaufen. »Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus, ich muß ihm was sagen!« Sie lief zur Straße zurück, guckte und schrie, kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die Haustür, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu dämmern anfing, sah sie ihn kommen.
Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wäre er seit dem Morgen um ein paar drückende Jährchen älter geworden. Als er sein Weibl so aufgeregt schwatzen hörte, blieb er stumm, tat einen schweren Atemzug und guckte zum Himmel hinauf. Plötzlich machte er einen raschen Griff, faßte mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich zart und leise: »Schneckin! Paß auf! Jetzt muß ich dir was sagen. Dir z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als luthrischer Exulant.« Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt. Ihre Tränen begannen zu rinnen, bevor sie sich rühren konnte. Von einem Schreikrampf befallen, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und klagte in den sternschönen Frühlingsabend hinaus: »O Jesus, Jesus! So ein Unglück! Und ich, bloß daß ich nit fort hätt müssen von dir, verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!«
Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Lande Berchtesgaden nicht viele Menschen, die so unglücklich waren, wie der evangelische Hiesel Schneck und seine neukatholische Schneckin.