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Das große Jagen cover

Das große Jagen

Chapter 25: Kapitel XXIV
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About This Book

Set in an eighteenth-century alpine market town, the narrative follows intertwined local lives as private grief, religious devotion and communal mistrust simmer behind closed doors. Close, atmospheric scenes introduce a converted physician haunted by past violence, an aging yet lively priest and a devout young woman, whose interactions expose class tensions, hypocrisy and uneasy solidarities. The work alternates intimate domestic drama with vivid winter landscapes and municipal detail, using episodic episodes to examine how fear, compassion and secrecy shape daily existence and local power relations.

Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde. Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte ein ‚Neuevangelikaner‘, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam vertragen können mit so einem ‚rekatholizierten Weiberleut‘! Und noch viel rasender machte ihn dieses andere: daß man in der Wildmeisterei sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: »Mach, daß du heimkommst, du Kalbskopf, du überzwercher! Und eh du den evangelischen Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport!« Diese Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert in das kleine Kindergehirn. »Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!« Er guckte zum Himmel hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. »Wart, du!« Hiesel riß die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht. Sie ließ nur etwas fallen. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch jemals entronnen waren. »Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat.«

Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: die zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem betrübten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur ausgeführt, weil er dunkel hoffte, daß es irgend eine Feindseligkeit gegen den wildmeisterischen Glauben wäre.

Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur Liegerstatt, ein bißchen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im Herdloch ein Feuer an, daß es waberte, und machte verdutzte Augen, als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen wäre: »Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für meine Herrenleut!« Der Evangelikaner riß das Butterbrot, das er zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins Feuer. »Nit schlecht!« Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er ein Himmelhündchen einherschwänzeln.

Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es mußte sein. Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee der Höhe gebracht. »Kaum, daß ich ihn herlupfen hab können bis zum Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden. Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte, ist ein fürnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldätl – es muß schon wahr sein, daß die niederen Leut oft die besseren sind als wie die Gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen, daß du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und Unehr?«

Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: »Ich bin doch ein Evangelischer.«

»Ja, Schneck, aber was für einer!« sagte Leupolt bekümmert. Weil er Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden aus, riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht: »Höi huuup!« Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte, ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf, wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. »Nur gleich herein ins Hüttl! Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.«

»Ah, je comprends,« lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab und schüttelte den Schweiß von der Stirne, »c'est le Cheneque de la Chenequine!« Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte Hütte.

»Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?« fragte der Geheimrat halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. »Ein Protestant?«

»Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.«

Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen. Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluß, daß das feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer »Tätewoh«. Ein bißchen wunderte sich der Hiesel darüber, daß man auch drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wußte. Aber die Sache machte ihn auch mißtrauisch. Was konnte man in einer Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit seinem rotangestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter hinein, daß das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein zweitesmal mußte er um Wasser laufen und schimpfte: »Sauberkeit laß ich mir gefallen! Aber so waschen! So was Weiberleutigs paßt doch nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere Schwester vom Lazarus!« Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit dem Eimer springen mußte, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl die Meinung: »Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da laß ich mich köpfen: das muß ein verwunschener Eisvogel sein!« Endlich gab es für den Hiesel Raum und Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften.

Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger. Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke, drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu sehen. Unter einem Seufzer fragte er: »Schon wieder Voltaire?«

»Nein!« Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.

In Verblüffung sagte der alte Herr: »So fromm?«

»Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein Kutscherdeutsch nach Möglichkeit zu verbessern.«

Der Hiesel, weil die Herren französisch redeten, brannte wütend seine Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, daß er völlig eingewickelt wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paarmal fuchtelte der junge Oberst mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinüber: »Der fehlt noch in der Tabagie. Er würde zu hohen Ehren kommen.« Leupolt, als sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verständnis fand, sprang von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zähnen und öffnete die Hüttentür. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte gallig: »Ah, freilich, die Preißen! Die rauchen bloß Muskatblütln und Pomeranzen! Was?« Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinüber. Die schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam erregt, wie befallen von einem wühlenden Seelensturm. Im Rauschen der Herdflamme eine lautwerdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den Rücken gebeugt, das Gesicht fast niedergetaucht auf das kleine Buch, las der junge Oberst: »Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur kommen? Es wäre mir besser, daß ich noch da wäre. So laß mich nun das Angesicht des Königs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so töte mich!«

Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buche Samuelis erkannte, lauschte mit glänzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden Zähnen, die verzerrten Wangen von Tränen überglitzert, fast in der Art eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Stoß seines Übels zu empfinden scheint: »Und Joab ging hinein zum Könige und sagte es ihm an. Und er rief dem Absalom, daß er hinein zum Könige kam, und er fiel nieder vor dem Könige, auf sein Antlitz zur Erde. Und der König küßte Absalom.« Verstummend preßte er das Gesicht auf die Blätter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein jähes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender Laut, zu Danckelmann hinüber, in französischer Sprache: »Absalom starb an der Eiche. Wo sterbe ich?« Ein jähes Erlöschen alles seelischen Aufruhrs, ein ruhiges Lächeln, ein heiterer Klang in der melodischen Stimme: »Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wäre, sollt' es mir recht sein in jeder Stunde.«

Danckelmann, der aus seinem Müdigkeitsdusel noch nicht völlig ermuntert war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: »Ist dem jungen Herrn übel?«

»Mais non!« Der Oberst lachte. »Mich is wohler denn je. Det war nur Rebelljon der Jedärme. Mir hungert.«

Kopfschüttelnd verließ der Hiesel Schneck die Hütte, stolperte in die Nacht hinaus und klagte: »So was! Und söllene Leut möchten die deutsche Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit! Kreuzhimmelhöllementshundsviecherei!« Zur Beruhigung seiner verärgerten Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, daß die Funken stoben, wühlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch ein Astloch der Hüttentür. »So, schmeck's, du Preiß, du abzirkelter!« Er fühlte sein Gemüt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken hinaus und spähte in die schwarze, von schönen Sternen überfunkelte Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: »Ob wohl jetzt das liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch träumt oder evangelikanisch?«

In der Hütte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Französisch. Immer wieder das heitere Lachen des Soldätleins. Dann ein lebhafter Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: »Denk er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu! Sans façon! Ick will 's.« Merkwürdig, dachte der Hiesel Schneck, wie im Preußischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann guckte er wieder in die Tiefe. Da draußen, gegen Bischofswiesen zu, gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. »Was ist denn da los?« So viel wußte der Hiesel schon: daß von den Evangelischen keiner mit einer Latern zur heimlichen Fürsagung wandert. Die machen sich seit dem Versöhnungsschießen unsichtbarer als je. Was war da los? Um an eine Gefahr für die Brüder in Christ zu denken, dazu war die Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand für das gaukelnde Laternenrätsel nur die Lösung: daß da einer von der Jägerei zu Berg stiege, um für den Fürsten oder für die – »Sagen wir halt: Allergnädigste!« – einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung, statt sein Jägerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, daß er sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fäuste drücken mußte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Komm, Schneck, und schlaf ein Stündl! Wir müssen uns heut noch plagen in der Nacht.«

In der Hütte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine große Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu und schnarchte ein bißchen. Auf dem Sitzmäuerchen, gegen die Balken gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar überhangen, klein zusammengehuschelt in dem dunklen Militärmantel. »Was einer ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf!« so philosophierte der Hiesel Schneck. »Dahocken tut das Preißerl wie ein Häufl Elend.« Freilich, eine Minute später hockte dieser lange Weise nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heißen die anderen.

Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmäuerchen hingeschlichen. Seine Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter die Kohlen, damit die Glut nicht völlig ohne Nahrung bliebe und die schlafenden Herren nicht frieren müßten. Fing das Holz unter den Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfäden aus der Asche heraus, und kleine bläuliche Flammen tanzten über der Glut, wie Frühlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heiße, von Tränen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mädchenaugen und hörte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flüstern: »Du bist mir so lieb geworden, ich kann's nit sagen.« Da weckte ihn ein stöhnender Laut aus seinem gläubigen Sinnen. Der junge Soldat schien böse Träume zu haben; sein gebeugter Jünglingskörper zuckte unter den Falten des Militärmantels. Halblaute Worte, deutsch und französisch, wirrten sich durcheinander. Die Hände begannen zu stoßen, als möchten sie sich einer Fessel entwinden, und plötzlich streckten sie sich mit gespreizten Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des Träumers waren starr geöffnet, hatten den Blick eines verzweifelten Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrüttelte Knabenstimme bettelte: »Nich schlagen, Vater! Alles, was du willst! Nur nich schlagen!«

»Junger Herr!« Leupolt faßte den Mantel des Traumverstörten und zupfte. »Ihr träumet ungut. Da muß man Euch wecken.«

Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloß die Augen und sagte mißmutig: »Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich früher.«

Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich, beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich ermunternde Flamme, goß die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte sie über den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schläfer am Herd. »Herr! Zeit ist's!« Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach militärischer Art und sprach ins Leere: »Me voilà! Je ne dors plus! Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen.« Da hörte er das freundliche Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfenden Blick den Jäger und sagte ruhig: »An jedem Morgen soll man sich erinnern, daß man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!«

Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der Brust und betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst mein Heil und meines Herzens Trost.« Gleich bei den ersten Worten des Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den Jäger gedreht. In seinen Augen war eine Verblüffung, die sich in Zorn zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: »Wie kommt er zu diesem Gebet?«

»So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: so hätt er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinübergehoben über viel Hartes.«

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. »Det Gebet for sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu sekourieren, der sich spontanément zu helfen weiß.« Lächelnd ging er zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder. Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten Himmelhund.

Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mußten, um für das schlanke ‚Weiberleutsfüßl‘ des Soldätleins zu passen, zwischen Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen. Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »Tiens, voilà mon sort, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen zu brechen – eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja, sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst? Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.« Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher Bruder!«

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?«

»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung: »Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen, scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit. Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck. Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus, umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast du ihn?«

»Wohl!«

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas geschehen?«

»Nit sorgen, Herr!« antwortete Leupolt. »Ist alles gut! Ich komm schon.«

Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen schiefgebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: »Gott sei Lob und Dank!« Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren, krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. »Hörst es, Preißerl!«

»Wat war 'n det?«

»Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!«

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm. »Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, daß er 'n janz famoser Patron is.« Ein feines, herzliches Auflachen. »Die Haut scheint bei uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muß hinter 's Leder kieken. Geb er mich seine Hand!« Der Hiesel rührte seine Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken mußte. »Du, da!« sagte er scheu und leise. »Lus!« Er deutete gegen die Höhe, über der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, daß es nimmer von ihm zu scheiden war.

»Wat is 'n det?«

»Ich hab als Evangelikaner noch ein bißl junge Ohrwascheln. Aber täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die Unsichtbaren.« Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging, wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In einer Erregung, die ihn schüttelte wie einen Fieberkranken, riß er den Dreispitz herunter, preßte ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in die Nacht:

»Nehmen sie den Leib,

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren hin,

Sie haben's kein Gewinn,

Das Reich muß uns doch bleiben.«

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine, farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln. Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch, mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder. Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte, als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern begann. »Der ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites. Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was ist das?«

»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme: »Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.«

Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich hinüber zu dir?«

»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.«

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe hinunter.

Kapitel XXIV

Unter dem Gewimmel der Sterne, die groß und glanzvoll am schwarzblauen Himmel funkelten, erreichten die vier Männer einen steinigen Grat, von dem die Frühlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte. Wie eine große Muschel wölbte sich die Felsmauer, auf deren Höhe sie standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bäume finster emporstachen aus einer grauweißen, absonderlich gewellten Fläche. Man hörte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten Glutschein, der übriggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht spähte. »Schauet, gnädiger Herr, da ist die heilige Fürsagung.«

»Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?«

»Grad vor uns. Mehr als tausend müssen es sein.«

Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten. »Eenen seh ick,« sagte der junge Offizier, »nee, viele seind es, viele!« Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen knieten, standen oder saßen, eng aneinander gedrängt, mit ihren weißen Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem Gewirre mehlgrauer Maulwurfshügel, die mit schwachen Schimmerlinien gesäumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das ergreifend und geheimnisvoll berührte, aber auch befremdend war, so sehr, daß es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen, hämmerte mit der Faust aufs Knie und ließ ein halbverschlucktes Lachen vernehmen: »Ho ho hohohooo!« Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: »Wat hat er? Ick finde an diesen Menschen nichts Lächerlichs.«

»Gotts Not und Elend,« stotterte Hiesel erschrocken, »ich versteh's halt nit, verstehst?«

Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den Mantel um die Schultern. »Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf den Morgen zugeht. Die Herren müssen sich gut einwickeln. Ich steig derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen.« Lautlos verschwand er hinter den Schrofen in der Finsternis. Während er über das Felsgezack hinunterstieg, hörte er immer deutlicher die Stimme des Fürsagers von Unterstein: »Die Törigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit Öl mit sich. Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen. Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!« Die sanfte Stimme des Alten wurde unterbrochen durch einen verzückten Knabenschrei: »Da steigt einer aus dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!«

Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weißen Gestalten zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte den Jäger und rief: »Der Leupi!« Von Mund zu Mund ging es, wie ein frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: »Der Leupi Raurisser ist kommen!« Viele drängten ihm entgegen. Er stand wie eine graue Säule im Schnee und rief über das Gewühl der ihm entgegendrängenden Weißgestalten hin: »Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer Geduld noch, ihr guten Leut! Erst muß ich reden mit den Alten.« Das Gedräng der Weißgestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hörte seltsames Aufkichern, hörte leise, fast krankhaft klingende Schreie, hörte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt war, und hörte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoßen, die lachen möchten und näher dem Weinen sind.

Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum gehorchen wollte: »Danckelmann, das ist erschütternd! Was müssen diese Menschen gelitten haben!«

Auf der weißen Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille. Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob, sprangen elf Weißverhüllte auf Leupolt zu, die Fürsager der neun berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preußischen. Alle streckten die Hände nach dem Jäger, alle stammelten die gleiche Frage: »Ist er kommen?« Leupolt deutete gegen die Höhe. Etwas wundersam Frohes war in seiner Stimme: »Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller Not!« Einer von den Alten schrie wie ein Entrückter: »Holz in die Glut! Leut, es taget über unseren Seelen!« Viele sprangen gegen den Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schön und lodernd stieg die wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbäume schienen funkelnde Blüten zu tragen, der Schneegrund war überwoben von blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswände begannen zu glimmen, und die tausend Weißgestalten standen angestrahlt, als wären ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewänder. »Zündet die Kienbränd!« rief der Alte von Unterstein. »Wir Fürsager, alle neun, wir steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!«

»Ihr müßt den Umweg machen über den Karrensteig!« sagte Leupolt. »Unser Helfer tät auch herkommen über das Wändl. Der zwingt jeden Weg. Aber es ist ein Müder bei ihm. Der muß ein linderes Sträßl haben. Und eh wir den Helfer holen, müssen wir sicher sein, daß sich kein Unbeschaffener nit eingeschlichen hat durch die Wächterzeil.« Er hob die Arme: »Die Gnotschaftsmeister! Zu mir!« Neun Männer kamen gesprungen, von verschiedenen Stellen her. Zu ihnen sagte Leupolt: »Das Feuer ist hell. Jeder zu seiner Gnotschaft! Schauet jedem unter die Kapp, jedem in die Augen! Wär einer dabei, dem ihr nit trauet auf Stein und Bein, so müßt ihr ihn ausweisen aus der Wächterzeil.« Er ließ einen Kienbrand aufflammen am Feuerstoß. »Kommet, Fürsager, ich führ euch.« Während im Ring der rotbestrahlten Weißgestalten die Gnotschaften sich voneinander sonderten, ging der Zug der Kienbrandträger gegen den dichteren Wald hinüber. Hinter den Bäumen verschwanden die Lichter halb und gaukelten mit rauchigem Schein. Bei den Gnotschaftsplätzen, wo einer um den andern sich gegen das Feuer wenden und die Kapuze heben mußte, schrie plötzlich eine Knabenstimme: »Wir Bischofswiesener sind hundertfünfe, da sind zwei Überzählige.« Ein zorniges Hindrängen. Aus den Reihen der Männer wühlten sich zwei Weißverhüllte mit schlagenden Armen heraus und sprangen in wilden Sätzen hinunter gegen den tieferen Wald der Ramsauer Talseite. Die Verfolger jagten sie über die Wächterzeile hinaus. Ein flinker Bub vermochte den einen noch zu haschen, riß ihm die Kapuze herunter, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte über den Schnee und behielt zwischen seinen Fingern die schwarzen Zotten eines falschen Bartes.

»Ich bin nit schuld, Leut!« sagte der Gnotschaftsmeister. »Jeder von den Meinen hat mir die heilige Losung sagen müssen. Daß bei uns die Polizeischnufler umschliefen wie die Mäus in der Mehlkammer, das spüren wir lang.« Aus der Unruh der anderen rief der Hasenknopf heraus: »Wie härter die Prüfung, so fester unsere Seelen. Bloß um den Leupi muß ich mich sorgen. Der ist sichtbar gewesen. Da blüht es ihm morgen, daß er Sonn und Mond nimmer sieht.«

»Dem Leupi wird einer beistehen, der stark in ihm gewesen ist am Bekennertag. Sell droben – schauet, Leut! – da bringen die Fürsager den Morgen unserer Not vom sternscheinigen Himmel her! Machet die Augen sichtbar! Alle! Vor dem Helfer dürfen wir uns nit verstecken.« Der Gnotschaftsmeister streifte die weiße Kapuze in den Nacken zurück. Bei der Feuerhelle sah man ein hageres Gesicht, in dem zwei sehnsüchtige Augen brannten. Wie dieser eine, so taten alle. Tausend Gesichter enthüllten sich, junge und graubärtige, und alle waren einander ähnlich, hatten den gleichen dürstenden Hoffnungsglanz in den Augen, das gleiche stumme Leiden, das sie standhaft ertragen hatten um ihres Glaubens willen. Alle diese heißfunkelnden deutschen Bauernaugen waren emporgerichtet zur Höhe der Felsmauer, über deren Saum die von rotem Licht umzitterten Kienbrandträger mit den zwei fremden Herren herunterkamen.

Der Hallturmer Grenzjäger war nicht bei ihnen. Der war in der Finsternis zurückgeblieben. Was er sah, dieses Wunderliche, zum Lachen Reizende und doch Ergreifende, bedrängte ihm hart das langsame Kindergehirn und machte ihn völlig hilflos. Mit dem Kopf zwischen den Fäusten, stand er wie ein Holzklotz, guckte dem Gaukelzug der Kienbrände nach, getraute sich nimmer zu lachen und klagte in das Nachtschweigen: »Herr Jesu mein, ich versteh's nit! Und ich versteh's halt nit!«

Die Kienbrände qualmten im schwarzen Wald. Nun kamen sie auf die Rodung. Deutlich sahen die Tausend beim Feuerschein den alten würdigen Herrn im braunen Mantelkragen; er ging entblößten Hauptes, und seine weiße Perücke war im Flammenschein wie ein aus Kupfer gebuckelter Helm. An seiner Seite schritt ein anderer, klein, mager, gebeugt; das eckig vorgeschobene Jünglingsgesicht zwischen den losen Haarwischen ging immer hin und her; immer spähten seine Augen; der dunkle Soldatenmantel war von roten Feuerlinien umzeichnet, und die Tressen glitzerten an seinem Dreispitz wie die Juwelen eines Diadems. Das stumme Schauen der Tausend verwandelte sich in unruhiges Stimmengesumm: »Ein Soldat! Da kommt ein Soldat!« Schreck und Sorge klangen aus diesen Lauten. Die Leiden der vergangenen Wochen wirkten nach in den Seelen der Evangelischen. Manchen durchfieberte noch das zornvolle Grauen, das er davongetragen hatte vom Versöhnungsschießen, und alle waren sie eingedenk der Mißhandlungen, die sie erlitten hatten von den Musketieren und Dragonern. »Ein Soldat! Da kommt nichts Gutes. Ein Soldat hat allweil den Teufel am Bändel.«

Der Hasenknopf versuchte die Aufgeregten zu beschwichtigen. »Ohne Sorg, Leut! Bei den Preußen ist's allweil so: ob was Irdisches oder Heiliges, überall ist ein Soldat dabei. Das sind nit solche Landschäden wie die unseren. Ein Soldat des Königs von Preußen ist voll rechtschaffener Zucht, ist allweil eine Landshilf und ein Leutfreund.« Das klang so unwahrscheinlich, daß es nicht beruhigend wirkte. Die Hände erhebend, mahnte der Hasenknopf: »Aber Brüder! Ich bin doch gewesen im Preußischen, hab's doch selber gesehen, wie da auf jedem Bodenfleck der Menschenfleiß und das Recht hausen. Was ich euch erzählt hab von des Königs Güt und vom Hilfswillen der evangelischen Leut? Ist das alles gählings verschwitzt? Bloß weil an einem Soldatenhütl die Litzen glanzen? Was geht der Soldat euch an? Der ist halt mitgeritten zur Sicherheit für den Herrn. Für uns ist der die Hauptsach. Als Fürstand des evangelischen Korpus von Regensburg ist er für die Salzburger Exulanten ein Baum und Schild gewesen.« Das Mißtrauen der Leute schien nicht völlig zu schwinden, aber sie wurden ruhiger und sahen dem Zug der Kienbrandträger mit schweratmender Erwartung entgegen.

Eine Stille, in der nur das Rauschen der großen Flamme noch zu hören war, das Fauchen des Morgenwindes, der immer schärfer blies, und das hurtige Summen der fernen Talbäche. Die Fürsager kamen mit den beiden Herren zum Feuerstoß und warfen auf eine schweigsame, festliche Art die Kienbrände in die Flamme. Danckelmann trat gegen den Halbkreis hin und schwenkte freundlich und dennoch würdevoll die Reisemütze gegen die tausend Männer: »Grüß Gott, ihr lieben Leute! Ihr habt um Hilfe nachgesucht, ich bringe sie im Namen meines allergnädigsten Herrn, des Königs von Preußen, des Treuesten und Väterlichsten aller Evangelischen.« Schüchtern antworteten viele Stimmen: »Grüß Gott! Grüß Gott!« Und alle Augen hingen an dem würdigen alten Herrn, zu dem man Vertrauen haben konnte. Nur ein einziger, Leupolt Raurisser, sah in erregter Erwartung immer den anderen an. Der war bescheiden hinter dem Geheimrat zurückgeblieben, hatte ein bißchen geschmunzelt, als Danckelmann vom Väterlichsten aller Evangelischen sprach, war auf das Feuer zugeschritten und hielt nun, während seine Augen neugierig über die vielen Gesichter huschten, die kleinen Hände wie ein Frierender nah an die Flamme. Im Schatten der Helle war seine zierliche Gestalt eine schwarze Fläche, in der sich nichts unterscheiden ließ, und war nicht wie der Umriß eines Jünglings, sondern wie die Silhouette eines müden Greises. Rote Glutlinien umschimmerten den schwarzen Riß und drängten ihn noch dünner zusammen.

»Ist der Mann anwesend,« fragte Danckelmann, »der zu Regensburg im Auftrag der Evangelischen von Berchtesgaden bei mir war?«

»Wohl, Herr!« Der Hasenknopf trat vor und machte, obwohl er keinen Hut hatte, eine Handbewegung, als müßte er den Kopf entblößen.

»Hat er den Leuten alles aufrichtig erzählt, was er auf seiner Reise durchs Preußische wahrgenommen?«

»Wohl, Herr! Von allem Guten hab ich verzählt, vom evangelischen Hilfswillen und von der festen Ordnung im Land. Von der Sicherheit, in der jeder Bürger und Bauer lebt. Und von der Glaubensfreiheit, von den unbedrückten Seelen, von den evangelischen Gotteshäusern, von den Kanzelherren, die so gottfest predigen, und von den Pfarrhöfen, in denen gütige Frauen hausen, mit einem Häufl von lieben Kindern.« Bei dieser Feststellung fiel dem Hasenknopf eine wichtige Sache ein, die er den Leuten noch nicht erzählt hatte. Er wandte sich gegen den Halbkreis der Gnotschaften. »Wahr ist's, Leut, in der Gegend von Jüterbog« – man kicherte ein bißchen bei diesem wunderlichen Namen – »da bin ich in einem winzigen Pfarrhöfl gewesen. Leut, da hat's gewummelt als wie im Immenkorb. Sind erst fufzehn Jährlen verheuert gewesen, das Pfarrle und die Pfarrfrau, und haben siebzehn Kinderlen gehabt, das achtzehnte schon unterwegs.« Im Ring der Leute prasselte ein heiteres Lachen auf, und man hörte eine Bubenstimme: »Sakrawolt, wie gottfest muß das preußische Pfarrmänndle gepredigt haben!« Wieder ein hundertstimmiges Lachen. Das klang so froh, als wär' es für diese bedrückten Herzen ein wohltuende Erlösungswunder: daß sie nach Monaten des Leidens das ausgehungerte Zwerchfell ein bißchen bewegen durften. Während das Gelächter hinknatterte über die vielen Köpfe, rief das magere Schwarzfigürchen vom Feuerstoß französisch zu Danckelmann hinüber: »Das ist die wirksamste Pastorenpredigt, von der ich noch je vernommen habe. Sie hat tausend betrübte Christen im Handumdrehen fröhlich gemacht. Der fähige Gottesmann muß Konsistorialrat werden.«

Es blieb auch in der Stimme des Hasenknopf ein munterer Klang zurück. »Wie von allem Guten, Herr, so hab ich den Leuten auch redlich verzählt von allem Harten. Daß die Steuern nit linder sind, als bei uns. Freilich, die schlupfen wieder fürs Leutwohl ins Land hinein und gehen nit für Schuldzinsen und parisische Kebsföhlen drauf. Muß der Bauer im Preußischen zahlen, so kriegt er auch was. Arg plagen muß er sich. Der Boden ist mühsam. Da muß man tief hinunterackern, muß driefach misten, und schwitzen muß man um Halm und Frucht. Aber die Leut sind riegelsam, und der Wuchs ist überall gut. Die Küh haben Euter wie Metzenkörb, und die Ross' haben Flachsen wie Eisen. Die Arbeit muß einer gern haben im Preußischen. Sonst wär die Freud am Leben ein bißl mager. Die Gegnet schaut aus, als hätt sie der Höllische eben geklopft mit seiner Ofenschaufel. Kein Berg und kein Bergl nit. Alles Wasser lauft sandig und langsam. Nirgends ein lustiger Bach. Der Wind muß die Mühlen treiben, sonst tät die Halbscheid der Preußen kein Mehl nit haben. Aber lebfreudig sind sie doch allweil und lachen gern. Sind standhafte Leut. Wie man sagt bei uns: ‚Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich!‘ – so sagen's die Preußen bei aller Gottslieb von ihrem Land und König. Aber wie die Leut da drunten reden! Man lust und lust und versteht's nit recht. Da müssen wir im Deutschen ein bißl umlernen, wenn wir ins Preußische kommen. Bei uns im Wirtshäusl schafft einer an: ‚Gelt, Marianndl, bist so gut und bringst mir ein paar Schweinshaxln!‘ Im Preußischen muß einer kommandieren: ‚He! 'n Eisbein! Wuppdich!‘« Wieder prasselte ein Lachen über die tausend Köpfe hin. »Wahr ist's, Leut, die Preußischen reden kurzzipflet und flink. Oft tut's unsereinem weh in den Ohrwascheln, ich weiß nit warum. Im Anfang hat's mich schier aus dem Häusl gebracht. Da kommt so ein Preuß und sagt was. Du meinst, daß er beißen möcht. Hörst du aber ein bißl gutwillig hin, so kommt's dir für, als möcht er ganz freundlich Grüßgott sagen. Er kann's halt nit anders. Sein Maulofen hat nit die richtig Wärm. Ist schad drum. Täten die Preußischen mit unsereinem reden, wie sie schaffen und einwendig sind – wahr ist's, Leut, die müßt man gern haben.«

»Jedes Land hat seinen Boden, jedes Volk seine Art,« fiel Danckelmann ein, »man muß das nehmen, wie es ist. Bei euch im Süden ist auch nicht alles, wie es den Preußen zusagt.« Er schien gegenüber den Weisheiten der Hasenknopfischen Preußenforschung die Geduld ein bißchen verloren zu haben. Hinter ihm, beim Feuerstoß, klang ein herzliches Knabenlachen. Dann halblaut das französische Wort: »Dieser ehrliche Mann hat recht, mein lieber Geheimrat! Wir sollten versuchen, etwas Wärme hinter das Klappergebiß zu bringen.« Wieder lachend, drehte der junge Oberst die Brust gegen die Flamme, breitete die mageren Ärmchen und sperrte, ein bißchen in parodistischer Art, die Zähne auseinander, um den heißen Hauch des Feuerstoßes reichlich in seine Brust zu saugen. Da fand auch Danckelmann seine freundliche Ruhe wieder. Er sagte: die Evangelischen dürften aller zureichenden Hilfe gewärtig sein; doch läge es dem König von Preußen fern, dem Lande Berchtesgaden einen Untertan abwendig zu machen; Hilfe hätten nur jene zu erwarten, die als Exulanten eingeschrieben, also von ihrem Fürsten innerlich schon gelöst wären und sich einwandfrei als Protestanten erkennen ließen; deshalb wäre, ehe man von der Hilfe sprechen dürfte, eine Prüfung ihrer Glaubenssätze unerläßlich; man könnte nicht tausend Menschen auf ihren Glauben befragen; so möchten die Evangelischen einen aus ihrer Mitte wählen, der die notwendigen Fragen für sie alle zu beantworten hätte. Gleich riefen Hunderte von Stimmen: »Der Leupi Raurisser.« Danckelmann sagte: »Das scheint die Majorität zu sein. Wer dagegen wäre, daß dieser Mann für eure Seelen Zeugnis gibt, soll die Hand ausstrecken.« Keine Hand erhob sich.

Dem Jäger war eine heiße Verlegenheitsglut über das Gesicht geflogen. Jetzt nahm er im Feuerschein den grünen Hut vor die Brust. »Vergeltsgott, meine Brüder! Das ist mir Ehr, die ich als heilig spür.« Er ging auf den jungen Oberst zu: »Fraget, gütiger Herr! Ich will alles ehrlich sagen, was mir in Herz und Seel ist.« Das feurig angestrahlte Soldätl machte verdutzte Augen und sagte, fast erschrocken: »Vor mich? Nee!« Höflich komplimentierend deutete er auf Danckelmann. Der fragte schon mit würdevollem Ernst: »Was glaubt er von Gott, vom Geiste, von Gottes Sohn und vom Werke der Erlösung?« Ein praktisch erfahrener Katechet schien Danckelmann nicht zu sein; was er fragte, war für den ersten Anhieb reichlich viel. Der junge Oberst, ohne eine Miene zu verziehen, flüsterte dem Geheimrat französisch zu: »Milder! Milder! Ich wäre schon in Verlegenheit!« Auch Leupolt mußte sich eine Weile besinnen, um die vier Antworten verständig zusammenzubinden. Dann sprach er mit der Ruhe eines reifen Menschen, mit der Inbrunst eines gläubigen Herzens und doch mit der Einfalt eines Kindes. Alles sagte er, daß jedes Wort zu erweisen war durch eine Stelle der Bibel. Und als der Geheimrat mit lauter Stimme fragte: »Glaubt ihr das alle so?« – da fuhren die paar tausend weißen Arme in die Höhe, und die tausend Stimmen riefen wie aus einer einzigen, andachtsvollen Seele heraus: »Wir glauben!« Das war im sternfunkelnden Nachtschweigen, beim Rauschen des Feuers und in der Traumstille des zwischen Winter und Frühling kämpfenden Waldes ein so wundervoller Laut, daß der junge Oberst vor tiefer Erschütterung bleich wurde bis in die schmalen, hart aufeinander gepreßten Lippen. Vorgebeugt, das spitz herausgeschobene Gesicht scharf abgehoben von der Feuerhelle, die übereinander gepreßten Hände auf den Degenknauf gestützt wie auf einen Krückstock, sah er mit groß erweiterten Augen den Jäger an und spähte über alle Gesichter hin, über das rötliche Glimmbild der wunderlich gestalteten Felsen und über das Funkelgewölbe des schwarzblauen Himmels, den fern im Osten schon eine matte Lichtahnung des kommenden Morgens überschlich.

Auch Danckelmann schien unter dem Eindruck dieses Augenblicks zu stehen. Seine Stimme klang unsicher, als er fragte: »Was glaubt er von der Taufe, von der Sündenvergebung und vom heiligen Abendmahl?« Da brauchte Leupolt sich nicht zu besinnen. Was er sagte, riß die Tausend wieder zu dem frohen Schrei empor: »Wir glauben!« Dennoch schien der Geheimrat nicht völlig zufriedengestellt. Diese fromme evangelische Seelenmusik erschien ihm nicht völlig frei von Klängen, die ein strenger Protestant als halb katholisch empfinden konnte. Eine Einwendung erhob er nicht, sondern fragte weiter: »Was glaubt er von Himmel und Hölle?«

»Himmel ist überall, wo der Herrgott ist. Und allweil bei Gott und in ewiger Freud ist die Wohnstatt der Guten, wenn sie verschnauft haben als redliche Christen. Zu jeder sauberen Seel in ihrer Todesstund sagt Jesuchrist: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein! – Überall, wo Gott nit weilen mag, ist Höll und ewige Pein. Da hausen die Unverbesserlichen im Bösen.«

»Glaubt ihr das alle so?«

»Wir glauben!«

»So sag er mir –«

Der junge Oberst legte wehrend die Hand auf den Arm des Geheimrats. Der merkte das in seinem Eifer nicht und fragte: »Sag er mir, was glaubt er vom sogenannten Fegefeuer?«

»Ans Fegfeuer glaub ich nit.«

»Warum nicht?«

»Weil Gottes Weisheit das Nutzlose nit erschafft und ein zweckloses Ding zwischen Himmel und Höll nit dulden kann. Die im unsauberen Laster und in der Sünd Verstockten kommen aus dem Feuer nimmer heraus. Da reicht die Höll. Die redlichen Willens sind, die sündigen nit unverzeihlich und kommen nit hinein ins Feuer. Da reicht der Himmel. Ohne Schuld auf Erden ist bloß ein einziger gewesen. Der Menschensohn. Was sonst noch lebt, und tät es der Beste sein, ist alles wie ein Hälml, das sich biegt unter hartem Wind und sich wieder aufrichtet in guter Stund. Wozu ein Fegfeuer? Redliche Reu hebt jede schwachgewordene Seel dem Herrgott entgegen. Da ist siebenfache Freud in der Höh. So steht's geschrieben. So ist es.«

Noch ehe Danckelmann eine Frage an die Tausend richtete, riefen schon alle Stimmen: »Ans Fegfeuer glauben wir nit.«

»Was hält er von jenen, die anderen Glaubens sind als er?«

Leupolt schwieg, seine Brauen zogen sich zusammen.

»Warum unterläßt er es, zu antworten?«

Da wandte der Jäger die trauernden Augen von dem würdigen Manne ab, sah den jungen Oberst an und sagte ruhig: »Herr! Meine Mutter, von allen Müttern die beste, ist eine gutkatholische Frau.«

»Will er damit sagen –« fiel Danckelmann ein. Weiter kam er nicht. Neben ihm klang eine leise, scharfe Stimme: »Assez!« Wieder legte sich die schlanke weiße Jünglingshand auf seinen Arm. Dann ein flinkes Gewirbel französischer Worte, halb ernst, halb mit spöttischem Klang: »Wir wollen da Schluß machen. Wer katechisieren will, soll's besser verstehen als der andere. Jeder von diesen Christen, mein lieber Danckelmann, glaubt hundertmal mehr als Sie. Von mir nicht zu reden. Ich stehe nackt und frierend vor diesen warm umwickelten Seelen.« Er trat erregt auf Leupolt zu, betrachtete ihn mit einem freundlich forschenden Blick und fragte mit leiser Zärtlichkeit, die seine Stimme völlig veränderte: »Hat er ooch 'ne Schwester?«

Der Jäger schüttelte stumm den Kopf.

»Schade!« Und langsam, fast schleppend – als wär' es für ihn eine Gedankenarbeit, die reindeutschen Worte zu finden – sprach der kleine, zierliche Offizier zu dem glühenden Gesicht des Jägers hinauf: »Mutter is der Name alles Gütigen uff Erden. Det Treueste und Wärmste heißt Schwester. Er hätte verdient, 'ne Schwester zu haben.« Seine weiße schlanke Hand faßte eine Falte an Leupolts Kittel. Der zärtliche Klang war erloschen, die Stimme verwandelt zu harter Strenge. »Er is so 'n reinlicher Christ, wie 'n wohljeschaffener Mensch. Wird er ooch 'n ebenso beschaffener Bürger werden?« Ein huschendes Lächeln. »Wat hält er von der weltlichen Obrigkeit?«

»Daß sie so nötig ist, wie die hilfreiche Sonn über dem Boden und wie die Feuchtigkeit im Acker. Wenn's die richtige ist, die allweil im Land das Gute und Rechte will, das Leben nit nötet, die Seelen nit zwängt, so muß man ihr gehorsamen auf Schnaufer und Sterben.«

»So? Meint er?« Wieder dieses flinkverschwindende Lächeln. »Und welche is unter solcher Obrigkeit die notwendigste Tugend eines guten Bürgers?«

»Die Treu.«

»Ooch. Es gibt 'ne bessere.«

»Mutige Tapferkeit wider jeden Landsfeind.«

»Ooch. Es gibt 'ne bessere.«

Leupolt schwieg, verwirrt durch den funkelnden Stahlglanz dieser strengen Jünglingsaugen.

»Ick will 's ihm sagen: die Pflicht. Det is der Hammer for alle steinernen Nüsse des Lebens. Un weeß er ooch, wat for'n Unterschied is zwischen Fürst und Bürger? Ick will's ihm sagen. Ein guter Fürst und 'n pflichtvergessener Bürger, da is der Fürst der höhere. Ein guter Bürger und 'n pflichtvergessener Fürst, da is der Bürger der bessere. Ein pflichtgetreuer Fürst und ein pflichtgetreuer Bürger, da is keen Unterschied nich. Jeder ein Diener seines Volkes.« Nun das leise, feinspielende Lächeln wieder. »Nna? Kann er det ooch glauben?«

»Wohl, Herr!« Mit zitternden Fäusten preßte Leupolt den Hut an die Brust. »Jetzt steht das für mich geschrieben. So ist es. Da glaub ich dran.«

»Denn soll 'r seinen Glauben den anderen predigen. So fleißig und gottfest, wie der Paster von Jüterbog das Predigen verstund. Und Preußen wird Wachstum haben. Jeb er mich seine Hand! Will er dans cet esprit der Unsere werden, denn bin ick der Seine. Und nu ruf er die anderen her. Denen will ick sagen, wie der König von Preußen ihnen helfen wird. Besser sollen sie's naturellement nich haben als unsere Preußen. Aber ooch nich schlechter.«

In einem Sturm von Glück und Freude schrie Leupolts klingende Stimme in das schöne kalte Nachtschweigen: »Her zu unserem Herrn, ihr Brüder in Christ! Der Helfer will reden zu euch!« Wie eine große, rauschende, weißgraue Woge strömte neben dem Feuerstoß der Halbkreis der Gnotschaften gegen den Jäger hin und schloß sich um die beiden Herren und die Fürsager zu einem engen Ring. Die Vordersten warfen sich auf die Knie und kauerten sich auf den Boden, damit die hinter ihnen Stehenden sehen und hören könnten. In diesem Ring von vorgestreckten Köpfen, von glanzäugigen, zwischen grellem Feuerschein und schwarzem Schatten wechselnden Gesichtern klang die langsame, nach deutschem Ausdruck ringende, scharfgepreßte und dennoch wohllautende Stimme des Sprechenden. Bei der atemlosen Stille, mit der sie lauschten, vernahmen die Tausend jedes Wort.

Nur ein einziger verstand nicht; der einsame Hiesel Schneck auf der rotglimmenden Felswand droben. Über die Wand hinunterzusteigen und hinüberzuspringen zum Ring der Lauschenden – auf diesen Einfall konnte er nicht kommen. So erfindungsreich und beweglich war sein sechzigjähriges Kindergehirnchen nicht. Gewissenhaft blieb der Hiesel, wo man ihn hatte stehen lassen. Obwohl er sich mit dem halben Leib hinaushängte über den Steinrand und die braunen Tatzen wie Suppenschüsseln um die Ohrmuscheln wölbte, konnte er nur manchmal ein Wort erschnappen. Da drunten wurde alles beredet: die Lösung von der Leibeigenschaft auf Kosten des Königs von Preußen; das Reisegeld für die völlig Unbemittelten, die alles verloren hatten; Führung und Fürsorge, Verpflegung und Unterkunft für die Dauer der weiten Wanderung bis ins Brandenburgische und nach Ostpreußen; die Zuteilung von gutem Ackerboden in fruchtbarer Gegend; zwanzig Morgen Feld für den einzelnen Mann, zwanzig bis dreißig Morgen für kinderreiche Familien; Bauholz, Steine, Kalk und Arbeitshilfe für Errichtung von Wohnstätten; Begabung mit Rindern, Pferden und Ackergerät; unbedrückende, auf viele Jahre verteilte Rückzahlung der empfangenen Werte; zehnjährige Steuerfreiheit für das neue Dach; Einteilung in die Seelsorge; freier Gottesdienst und Freiheit der Seelen.

Daß da drunten beim Feuerstoß der Schnapsgutter oder ein Weinkrug reichlich herumgereicht worden wäre, davon hatte der Hiesel Schneck trotz seiner ruhelos spähenden Luchsaugen nicht das Geringste gewahren können. Drum blieb es ihm auch völlig unverständlich, daß die Tausend beim lodernden Feuerstoß und in ihren grellbeleuchteten Schneekitteln sich zu gebärden begannen wie froh und selig Betrunkene. Alle drängten sie jubelnd gegen die fremden Herren hin, jeder wollte einen Händedruck des Helfers erhaschen, und die freudigen Jauchzer schrillten durcheinander, als würde da drunten nicht eine polizeilich verbotene Trutzversammlung abgehalten, sondern eine heilige, das Blut und die Seelen durchleuchtende Sonnwendfeier. Aus dem freudetrunkenen Gewirbel der tausend Seligkeitslaute hörte der verdutzte Hiesel Schneck eine verzückte Bubenstimme herausschrillen: »Du Kaiser im Untersberg! Schlaf weiter, so lang wie du magst! Da ist ein Lebendiger, der uns auflupft aus aller deutschen Not!« Dann eine Greisenstimme mit trunkenem Schrei und voll junggewordener Kraft: »Du Schneekittel, du mutloser und trauriger! Ich brauch dich nimmer. Gucket, Brüder, wie lustig mein Lugenröckl brennt!« Wie dieser eine tat, so taten hundert, so taten alle. Gleich großen weißen Vögeln flogen die Kittel und Kapuzen der Sichtbargewordenen ins Feuer. Die lodernde Flamme wuchs und schlug noch höher empor, als die Wipfel der höchsten Bäume standen.

Mit großen Augen guckte der Hiesel Schneck hinunter auf diese märchenhafte Sache, die er nicht begriff. Das verrückte Durcheinandergewirr und das jubelnde Geschrei erschien ihm als etwas Lächerliches und stimmte ihn doch so sonderbar traurig, daß er am liebsten wieder heulen hätte mögen wie damals in jener Schneenacht, die ihm die evangelikanischen Heimlichkeiten seines Schneckenweibls verraten hatte. Um sich dieser unbehaglichen Gefühlsbedrückung zu entreißen, rührte er mit den Fäusten in der Luft herum und knurrte gallig hinauf zum sternschönen Himmel: »Mar' und Josef, ich versteh's nit, kreuzikruzisaxundfixige Weltsnoterei und Höllementshund du verteufelter, und ich versteh's halt nit!«

Wie der heilige Georg mit seiner Lanze losgestochen hatte auf den menschenfressenden Giftdrachen, so stieß der Hiesel den Eisenspitz seines Bergsteckens zwischen die Steinrippen der unbegreiflichen Welt und sauste mit wütenden Sprüngen über den steilen Hang hinunter zur Holzerhütte, um in der Herdgrube ein Feuer anzuschüren, wie es Leupolt ihm aufgetragen hatte. Seine Pflicht und Schuldigkeit tat der Hiesel unter allen Umständen, auch wenn er nicht verstand, wozu es nötig war. In dieser Hinsicht konnte man den Schneck mit einem guten Preußen vergleichen, freilich unter dem Risiko, daß der sonst so gutmütige Hiesel mit seinem Bergstecken unbarmherzig auf jeden losdreschen würde, der so was Schauderhaftes über ihn aussprach.

Kapitel XXV