Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit frohen Augen.
Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen. Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige, reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe, gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte. Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze: »Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«, »Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser, seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.«
Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«, wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich – helfe, was helfen kann – die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen: »Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der Menschheit dienen könnt.«
Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen, altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen. An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen, auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder. Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi! Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen, mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte sich verändert. Sehr.
Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden. Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus, richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.
Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten, sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen. Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne Resultat bliebe, stellte der Landrichter in miraculi sororum geminarum causa an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau, als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt aus der Höh –«
»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner Kanzlei!« Das geschah. Und wie es geschah, in einem so gottsheiligen Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben hatte, leuchtete deutlich durch:
»Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,
Tust du als fleißiger Seelenschmecker
Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?
Oder mußt du dich tiefer bucken?«
In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja, wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?«
»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische Christen bis zur erlösenden Sterbstund.«
Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als katholisch nominiert und will es ad notam nehmen.« Dieses Deutsch verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht, mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre, sich vom Sitzfleisch zu erheben?«
»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.«
»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.«
»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.
Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem Kinde, was den Leuten zu erzählen ihm verboten ist?«
»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu allweil gehorsamen, Herr!«
»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?«
»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen kann, ein Liedl singen.«
»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.«
Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt, wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich, schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter, nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte er sich demütig und sprach ein paar leise Worte – nicht: »Gelobt sei Jesus Christus!« – er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in der Torhalle des Stiftes.
Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen. Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes Deshabillé, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt, als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein: von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin en titre zur gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren maître adoré in eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur Verfügung stünde.
Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ. Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle, isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie à tel point, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings, diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht. Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten, ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die berchtesgadnische Grenze. Just dieser Grenze trabten die zwei Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile, als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein: »Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr denn nit?«
Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad, ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt. Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer.
Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel: »Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?«
Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die Dragoner kommen.« Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon. Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!«
Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr Leut?«
»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.«
»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten, sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht. »Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren, trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden. Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott, was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da, Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung, wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt, Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch. Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst, Alte?«
»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf. Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen, verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!«
Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer. Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen, als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre, der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden, begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger, der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern, bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut, in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist der Mensch, den ich erschuf!«
Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger, riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die es kein Hinüber gab. »Ne bougez pas! Gredins!« Seine Augen blitzten. In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »Hé! Vous! Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à cet homme! Wollt ihr? Hein? Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte. »Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.«
Verdrossen murrte einer von den Dragonern: »So ein luthrischer Siach ist er.«
»Wat?« Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: »Est-ce que vous avez compris? Moi pas.«
Danckelmann verdolmetschte: »Il prétend que le chasseur est un de ces infâmes luthériens.«
»Oh?« Der junge Oberst lächelte. »Sonst hat er nischt verschuldet?«
»Nit um ein Härlhaar!« sagte der Fürstpröpstliche. »Ist allweil der Beste von unserer Jägerei gewesen.«
Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: »Er! Vom Gaul herunter!« Weil der Dragoner zögerte, wurde die Stimme schärfer. »Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom Strick!« Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; während er den Strick vom Gaul und von Leupolts Händen nestelte, brummte er immer vor sich hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. »Na, Kerl, er kann sich seinem Herrgott rekompensieren, daß er keen Preuße nich is. Sonst säß er morgen im verdienten Loch.«
Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. »Vergeltsgott, Herr! Man spürt, daß der Helfer kommen ist.«
»Zeig er mich seine Hände!« Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst neugierig die weißen Narbenbänder, die sich um Leupolts Handgelenke zogen. Man sah nur die eingewürgten Striemen, kein Blut. Wieder ein heiteres Lachen: »Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite.« Der junge Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der Oberst mit dem Geheimrat. Plötzlich wandte er das fröhliche Gesicht dem Jäger zu: »Wie lange hat er so springen jemußt?«
»Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!«
»Parbleu!« Ein drolliges Staunen war in den großen Stahlaugen. »Mir jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprünge mache. Wat muß er Luft in die Lungen haben und Schmalz in die Beene.« Französisch zu Danckelmann: »Das wird ein Preuße, um den der Ritt sich gelohnt hat.« Der Lachende verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Göhl sich hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen Meer. Und ihr zu Füßen der keimende Frühling. »Wie schön ist das!« In enthusiastischem Entzücken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schüttete der Begeisterte alle Freude einer andächtigen Knabenseele aus sich heraus. Und griff hinüber zum Arm des Jägers, mit einem Ton, der etwas Beleidigendes hatte: »Kerl, sonne Heimat verläßt er?«
Leupolts Stirne wurde heiß. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte ruhig: »Man tut's nur um Gottes wegen.«
Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, saß gebeugt im Sattel und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick auf den Geheimrat. »Danckelmann!« Nach diesem deutschen Namen die französischen Worte: »Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen, die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel muß ein Fürst sein, der solche Untertanen über die Grenze jagt. Von diesen Christen soll Preußen noch Gewinn haben. Und ich will sorgen dafür, daß sie Gewinn haben von Preußen.« Sie hatten die ersten Häuser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandstätten, die geplünderten Ställe. Der schweigsam gewordene Offizier, mit vorgeschobenem Gesicht, ließ immer die Augen gleiten. Er schien nur das Bild der Verwüstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der Straße salutierten, nicht die Männer und Burschen, die zu den Zäunen gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die überstreut war mit zertrümmertem Hausgerät, und sagte französisch zu Danckelmann: »Trab! Dieser Lieblichkeit muß man entrinnen. Wir Deutsche mögen viel Gutes haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur ihre Sprache konnte das aktuelle Wortspiel ersinnen: chrétien, crétinisme.« Er ritt, mit gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war das verwüstete Dorf hinter grünenden Hügeln verschwunden, als Leupolt sagte: »Da kommen die berchtesgadnischen Herren.«
Der Oberst straffte ruckartig den Körper, ließ den Geheimrat vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung, war liebenswürdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, während Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den zwei Kapitelherren vorstellte, so graziöse Komplimente, als hätte die erfahrenste Dame der großen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige begann über dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flüsterte dem Domizellaren von Stutzing in die Perücke: »Der? Ein Soldat? Ach nein! Das ist ein markierter Tanzmeister.« Besser schien der junge preußische Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand während des Weiterrittes Vergnügen an dem eleganten Französisch, das gespickt war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die Schönheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder wurde der junge Oberst ernst: »Cher comte! Eine Angelegenheit, die mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in brutaler Weise wie ein Verbrecher mißhandelt, nur weil er Protestant ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle die Bitte, daß mir dieser Landkundige für die Dauer meines Aufenthaltes zugeteilt werde zu meinem persönlichen Dienst.«
»Ich glaube das zusagen zu können, auch ohne Rücksprache mit meinem Allergnädigsten. Wer ist der Mann?«
»Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.«
Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berührt zu sein; doch höflich sagte er: »Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine Liebden der Fürstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.«
Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preußischen Offizier gefunden hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gespräch fast nur an Danckelmann.
Lächelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge Oberst neben den beiden her.
Kapitel XXVI
Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum Imbiß gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert, und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte, hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte die Frühlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der ganze Hof des Leuthauses – ausgenommen eine von den Polizeisoldaten freigehaltene Gasse – war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge. Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht. Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte. »Die Sach ist perplexierend!« sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache. »Wir von der Polizei, wir haben doch in loco hujus nit ausgeratscht, wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muß jeder evangelische Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel sticht die Freud wie Schneckenhörndln per oculos heraus!« Diese Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung heimgetragen hatten vom Toten Mann.
Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl heranarbeiten und bettelte immer: »Lasset mich doch hinaus, ich muß zum Meister heim!« Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie, daß ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür preßte sie die Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte sie das machen: daß der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner schönen Arbeit, und daß Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der ‚heiligen Menschheit‘. Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen. Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: »Was ist los im Markt?«
»Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert.«
Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, daß die Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging. Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa. »Kind?« fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. »Wohin?«
»Ich muß die Sus was fragen.«
Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, daß Luisa immer bei ihm blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad nicht schnurren hörte. »Kommst du wieder?«
»Gleich, Vater!« Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon wartete. »Sus?« Das war keine Stimme, nur ein Hauch. »Was Ungutes?«
Sus faßte die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang den Arm um ihre Schultern und flüsterte: »Mit den Herren ist der Leupolt eingeritten.«
Ein Erblassen rann über Luisas Stirn: »Gefangen?«
»Frei und wie von den Herren einer ist er auf gesatteltem Gaul gesessen. Das tät nit sein können, wenn ihn der Fürst nit begnadigt hätt.«
Luisa stand mit geschlossenen Augen. »Begnadigt?«
»Er wird halt reumütig geworden sein, eurem Glück zulieb!« Ein heißes Drängen kam in die Stimme der Sus. »Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mußt. Denk nit an Höll oder Himmel, denk an dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und Freud das Heiligste in der Menschenseel.«
Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen war. »Begnadigt? Das muß man der Mutter Agnes zu wissen tun.« Sie riß sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen, das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wußten die es auch schon, daß der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfedern so zufriedene Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende, sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in das Glück dieser Stunde verloren, daß sie eine Frau nicht erkannte, an der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen war.
Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: »Gib mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!« Unter kaltem Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen Idiom: »Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie sind.« Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: »Du hast sie, gib sie mir wieder! Ich weiß, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das schwarze und weiße Lämmlein!« Etwas Ähnliches hatte er selbst schon in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet, wenn er auch angenommen hatte, daß das unzertrennliche Pärchen nur in seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib. Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb, sondern so laut wurde, daß man sie vernehmen konnte im ganzen Haus: »So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich muß es dulden in christlicher Ergebung!« Das war der Moment gewesen, in dem die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen war. Zitternd und unter Tränen hatte der wachgewordene Sohn am Hals der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend, hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer Anwandlung von Gemütsroheit, sprach von vaporibus obstinatis und empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wußte sie schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher Vorwürfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter.
Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in entgegengesetzter Richtung das schattige Häusergewinkel hinter der nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der verläßlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war! Hinter dem weißgescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus der Hand.
»Mutter!« War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? »Mutter! Mutter! Unser Leupi ist da!« Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche, befehlende Silbe: »Tu's! – Tu's! – Tu's! –« Die Mälzmeisterin fand zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. »So red doch, Kind! Um Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?«
»Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom gütigen Fürsten.«
Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. »Siehst du, Kind! Hab ich's nit allweil gesagt!« Lächelnd hob sie die nassen Augen zu dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. »Auf den da droben ist Verlaß! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim.« Sie fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. »Komm, liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von uns? Da muß er doch kommen? Bald!« Nun fuhr der Mälzmeisterin eine Hausfrauensorge durch das Mutterglück. »O du heiliger Schnee, jetzt kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl, und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, daß er in seinem Nest ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!« Sie lachte aus fröhlichem Herzen. »Ach, Mädel, da brauchst du nit so sorgenvoll dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf. Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!«
Schlüssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentüren flogen auf und zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang. Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben? Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim Haus des Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und da muß er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen. Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit die dümmste: daß sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als Mutter Agnes zu diesem Schlußgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei, daß auch Luisa immer froher und gläubiger wurde. In Leupis kleinem Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte Luisa mit glühendem Gesicht: »Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen finden?«
»Freilich, liebs Weible, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel Sonn gewesen, da blüht schon was!« Während Luisa durch die Küche davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen. Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. »Er tät's nit haben wollen. So darf ich's nit tun.« Den Kopf beugend, preßte sie das Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster, und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt. Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen; aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder, daß sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine Sekunde – Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil er keinen hatte, riß die Mutter an sich und hielt sie umschlungen. Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: »Darfst du jetzt bleiben? Daheim?«
»Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muß ich bei meinem neuen Herrn zum Dienst antreten.«
»Bei –« Die Sprache versagte ihr. »Dein neuer Herr? Wer ist das?«
»Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.«
Sie wollte was sagen, mußte aber immer ihren Buben ansehen. So aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem Wunder das Beste? Oder wußte der Leupi schon, daß sein Luisli im Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. »Bub, da ist wer!« stammelte Frau Agnes. »Tu dich gedulden einen Schnaufer lang!« Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen hielt Luisa einen rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mußte der Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: »Komm, du Everl du liebs, deine paradeisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen, für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat.« Zärtlich schob sie das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: »Finden und hergeben! Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt.« Von der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach ihrem Gebot, drehte leis im Schloß der Stubentüre den Schlüssel um, zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. »So!« Jetzt sollten ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen, Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mußten sie aushalten, bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen Frühlingsknospen.
Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden Herzen hatten kürzeren Prozeß gemacht, als ihn der Landrichter Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen Schnabel an Schnabel.
So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen, welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen, prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da draußen war die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei ihnen und übergoß für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen. Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen, flackerte beim Zittern ihrer Hände der rote Aurikelbuschen. Aber schöner und feiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige Bluthauch und die blaßblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: daß er sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig, mahnte immer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Er überwand es. Luisa war ihm viel zu lieb und zu kostbar, als daß er sie hätte berühren mögen mit seinen verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst überbrücken mußte; doch er fühlte, daß das Glück der gegenwärtigen Stunde diese Brücke bauen würde. »Deine Blumen, Luisli?« sagte er und deutete nur ein bißchen mit der Hand. »Sind die für mich?«
In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie: »Für dich ist alles.«
Da nahm er die roten Blumen. »Vergeltsgott, du Meine! Daß ich nit lüg, das weißt du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm! Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht und Treu bereden.« Sie mußte sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte. Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die Tischplatte zu ihr hinüber. »Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten Wörtl: Gehst du mit mir?«
Sie erschrak, daß ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr Sorge als Angst: »Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?«
»Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und auf Ostpreußen zu.«
Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.
Leupolt sah, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: »Gehst du mit mir? Ich mein', dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb. Kann sein, daß er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mußt du nit haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter hab ich ein bißl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich trau mir's zu, daß ich dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie eine eiserne Mauer. – Luisli? Kommst du mit?«
Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: »Es geht nit, geht nit, Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, daß du da drüben bist. Aber hinüber zu dir?« Den Mut, ihn anzusehen, hatte sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. »Das wär' wider Gott und die Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.«
»Das müßt nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück miteinander leben. Mußt du nit schelten, was ich glaub, so will ich allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein bißl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden.« Er legte seine Hand auf die ihre. »Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und Glück. Mußt du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit müssen. Bloß allweil dürsten nach dir. Und im Dürsten muß ich mich ausstrecken, geh meinen graden Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders. – Luisli!« Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah, wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern und zu lösen begann. »Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein gutes Fürbild sein? Daß man nit hadern und streiten muß um Himmel und Herrgott? Und daß man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben Herz.«
Zitternd faßte sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen. Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer, hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr. Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut, dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende Augen sah, um so heißer fühlte sie, daß sie das grausame Nein nimmer sagen konnte.
Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte die Uhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Aber der alte Räderkasten kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! »Schau, Luisli,« sagte er an ihrem Ohr, »ich spür doch, wie sich alles in dir zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mußt dich geben, frei und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?«
Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache – auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei schönem Orgelrauschen hinausgestoßen hatte aus dem Gotteshaus.
Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker, dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt: »Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten.« Aus solchem Gedanken hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren Mechanismus – wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet – war das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts, so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit winkendem Palmzweig ein weißbeschwingter Engel hervor. Sah es nach links, so war es zornig, und ein schwarzgeflügelter Teufel fischte mit dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.
Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit: »Luisli? Gehst du mit mir?«
Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der Höllische kicherte boshaft: »Tu's!«
Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: »Ich kann's nit sagen. Das muß ich erst mit Gott bereden in der Kirch.«
Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße Engel mahnte: »Tu's!«
»Mein alles bist du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja, du bleibst die Meine?«
Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riß sich Luisa mit erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und preßte zitternd das Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: »Tu's!« Und Luisa wußte nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt, bleich und bestürzt, dem Mädel nachgesprungen kam, stieß ihn Luisa mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riß und rüttelte an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte im Schloß, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.
»Bub? Herr Jesus, was ist denn da?«
»Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und Leben und alles ist in Scherben!«
Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: »Tu's!« Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der Kirche zu.
Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach gründlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustände des Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei. Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. »Was ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige Zwillingskinder im Gehirn.« Seufzend täppelte er seiner heiligen Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das Gerichtsgebäude.
Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen sich zu einer mißtrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte: »Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen.« Er mußte erst noch beifügen, daß es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seine Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete Konversation.
»Also?«
Lewitter faßte sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde er sich ein –
»Mir schon bekannt!« unterbrach der Allwissende unter der mehligen Roßhaarperücke. »Zuerst die sinnlose Annahme, daß Pfarrer Ludwig der Schuldige wäre – eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als verfehlt in nuce erwies – und nun dieser neue beklagenswerte Wahn! Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?«
»Es gibt nur ein einziges. Man muß dem Jesunder über den Verbleib des Pärleins die Wahrheit mitteilen.«
»Ausgeschlossen!« sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das Thema erledigenden Handbewegung.
Lewitter schmunzelte, kaum merklich. »Ist denn die Wahrheit Euer Gestreng bekannt?«
Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag. »Vermutet Ihr, daß es jemals eine Wahrheit gab, die ich nicht erforschte?«
»Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig, Herr!«
»Unmöglich.«
»Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, daß es zu neuem Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng, wird es nit zu verübeln sein, daß ich mich dem Fürsten gegenüber salvieren muß, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit gefunden hat.«
Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, daß seine niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen. Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete: er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und hätte deutlich gesehen, daß ein junger schlanker Mensch in einem hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe; dabei hätte der Zeuge sich nur gedacht, daß wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder einmal einen übermütigen Streich verüben möchte; mehr wisse er nicht. Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles wußte Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte den geheimnisvollen Totengräber verläßlich ausgeforscht: den Grafen Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, daß – nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen – daß der leichtsinnige und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine res sacra verwandelt, vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mußte. Und drum hatte das ‚getreue Justizkamel‘ den für die Herzensruhe des Landesfürsten gefährlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder, der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate Wahrheit anvertrauen dürfen? »Unmöglich!« Aber diese neue Gefahr nun! Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rückhalt zu eröffnen.
»Freilich,« nickte Simmi unter leisem Lächeln, »das kann man dem armen Jesunder nit preisgeben!«
»Was aber soll man tun?«
»Man wird – die Wahrheit in allen Ehren – zur Rettung des beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen müssen.«
»Glaubt Ihr damit zu reüssieren?«
»Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?«
»Mit Freuden!« Die weißen Perückenschnecken des Landrichters machten, weil die vier Überflüssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus sich herausbliesen, eine sonderbare Nickbewegung. »Seid meines Dankes gewiß für alle Fälle. Und weil wir schon von getrübten Gehirnen reden – habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung als Arzt gewidmet?«
»Warum?« fragte Lewitter ernst.
»Der gute Mann scheint völlig schwachsinnig geworden zu sein. Wir sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfüßl ist der Meinung, daß man da einschreiten müßte. Bald.«
»Euer Gestreng!« Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. »Da muß ich auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, laßt diesen Mann in Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand –«
Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. »Diesmal irrt Ihr Euch, mein guter Lewitter!« Und lächelnd trug Herr Willibald seinen weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten Schreiber herbeizurufen für weitere Mißhandlung der irdischen Gerechtigkeit.
Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu Berchtesgaden in Scherben gehen soll?«
Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen. Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen, bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.