Kapitel XXVII
Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern bei noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und einen goldgeschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit Würde das Kreditiv:
»Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen, wasmaßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren bewegliche oder allda verbleibende Vermögen in Sicherheit zu erheben. Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen, besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen zu lassen, was desfalls dem Westphälischen Friedens-Schluß und anderen Reichs-Constitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben.
Berlin, den 22. März 1733.
Friedrich Wilhelm.
An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.«
Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht; doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grusdorf heiter zu: »Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten.« Dann begann er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend zum Fürsten: »Für unsere Majestät eine persona gratissima.«
Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: »Der freundliche Geheimrat übertreibt. Will man gratia mit Gnade übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen.«
»Mit Recht!« sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. »Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?«
»Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers.«
»Insubordination?« lachte der Fürst. »Unter dem preußischen Drill?«
»Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare Soldat der preußischen Armee.«
»Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem Geheimrat zu. Höflich den Ärger darüber verschleiernd, daß man einem Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung, die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tage müsse er seine Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und den Grafen Saur zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um den goldgeschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel, ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst. Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht. Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.
Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge. Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt – Höhe der Ablösung für die Leibeigenschaft – noch immer nicht erledigt. Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld, tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bißchen irritiert erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb: »Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. – 2) Für alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt; neue Verurteilungen werden nicht ausgesprochen. – 3) Der erste Zug der Exulanten verläßt die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage post datum; die weiteren Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. – 4) Bei Verkauf des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die Berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. – 5) Die Leibeigenschaft wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür haftet der preußische Staatsschatz. – 6) Geheimrat von Danckelmann und seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen; diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf.«
Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter den weißen Locken die Stirn ein bißchen heiß. Er gab das Blatt nach kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines blauen Soldatenrockes und erhob sich. »Bewilligen mir die Herren ein paar Worte?« Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: »Ist Herr Oberst von Berg berechtigt –« Danckelmann sagte rasch: »Herr von Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben – als Offizier.« Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte der Oberst: »Die Herren werden rascher zu einem Entschluß gelangen, wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde.« Auch der Geheimrat nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert: »Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser Wünsche hätte?« Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: »Würde das etwa gar den – den – den Krieg bedeuten?« Da fand der junge Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: »Ich bin so begeistert von den Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, daß ich jedem preußischen Grenadier den Genuß so erhabener Schönheit vergönnen würde.« Schritt um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche Verneigungen, daß Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht. Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergnügt und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens war es nicht lebhafter zugegangen.
Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte bei diesem sanften Geschaukel ein bißchen ein. Im Leuthaus war für die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai wurde höflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde Soldat mußte bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: »Hab ich Ihm die diplomatische Laune verdorben?«
»Das nicht, aber – was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit eine Abfuhr erleidet?«
Ein heiteres Lachen. »Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, von denen ich voraussetze, daß sie nicht eintreffen. Die Herren haben nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch die Mauer fahren.« Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. »Nur einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes, hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele.«
»Glauben Sie, daß er –«
Gleich verstand der junge Oberst. »Ein heimlicher Protestant? Der? Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen. Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser.« Nach kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. »Ich ertappe mich manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken. Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bißchen raucht.« Die schmalen Lippen lächelten malitiös. »Vor zwei Jahren, als ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:
Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik,
Da frißt der Teufel den Segen, das Glück.
Ein guter Katholik, ein guter Protestant,
Und driefach wächst die Ernte im Land.
Glauben Sie, Danckelmann, daß jemals einer von unseren Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines katholischen Prinzen schreiben würde?«
»So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muß als Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige mit Ruhe überlegen zu können.«
»Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste Eigenschaft der Menschen.« Ein lächelndes Sinnen. »Zeit lassen? Beim Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut, als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein Hirsch, bewies er, daß das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muß Sturm wehen. Komm ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen, worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen.« Sich erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische Art mit der Hand. »Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich nach meinem Nachtgebet. Das will ich piano erledigen, damit es Ihm den Schlummer nicht davonpfeift.«
Ein paar Minuten später, als der junge Oberst in ‚Himmat‘ und Reithose auf dem Bett saß, und der Soldat ihm die von der Schneenässe enggewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hörte man zwei Stimmen im Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Türe herein: »Der Bote war da. Alles bewilligt.«
»Na also!« Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen Stimme. Dazu in flinkem Französisch: »Hat man 120000 wohldressierte Kerle hinter sich, so kann man sich vernünftige Worte erlauben. Umwege und geduldige Schwäche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene Gradheit bleibt immer die beste Politik.« Und wieder deutsch: »Na, Hänne, nu zieh mal feste! Spuck in die la main! Denn wird's schon jehen.«
Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemüt zu Bett. Er hatte schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-österreichische Koalition in der Luft hängen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er in den Kissen, da hörte er durch zwei Mauern sanft gedämpft das ‚Nachtgebet‘ des jungen Obersten herüberklingen: pedantische Flötenläufe, erst langsam und immer schneller, Töne wie Soldaten, die nach dem Paradeschritt den Sturmlauf üben. Dann ein innig träumendes Adagio, das einer Klavierübung von Bach entnommen und für die Flöte zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zärtlichen Klänge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um von Muckenfüßl den überraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen: daß der impertinalimentische Patron, der sich in loco hujus vor den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt hätte, gar kein prussianischer Offizier sein könnte, sondern probabilitätisch ein verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wäre. Graf Tige hatte also mit seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie die Dinge lagen, war nichts mehr zu ändern. Man konnte nur bei den bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstände und die Tischordnung eo modo dirigieren, daß dieser zweifelhafte Kumpan aus der allergnädigsten Nähe Seiner Liebden removiert wurde.
Eine dunkle Nacht verging. In den Bürgerhäusern der Marktgasse war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem Versöhnungsschießen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr Schlafzimmer standen selbstredend außerhalb des Wirkungskreises der mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlößchen gewordenen Villa blinzelte durch die herzförmigen Ausschnitte der geschlossenen Fensterläden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Sänfte sich schon vor Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwächtern diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergnädigsten nicht erklärlich; sie rieten auf Gespensterfurcht; unmöglich konnten sie vermuten, daß Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel, sah sie den Strapazen des Großen Jagens, das sie als parisische Diana verschönen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte die drei folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen Ausrede von allen zärtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut für ihre Zukunft benützen. Kurz vor Anbruch des Tages verließen zwei schwerbepackte Saumtiere, von Aurorens verläßlichem Hausknecht geleitet, das in der Frühlingswärme still erblühende Freudengärtlein in der Richtung gegen Reichenhall.
Unter dem gleichen Frühgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch verschlossene Tür des Leuthauses. Eine Stunde später, während die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu überschütten begann, ritten die zwei preußischen Herren gegen Unterstein hinaus, begleitet von dem steifzopfigen Soldaten und von Leupolt, der ernst und blaß war, doch so ruhig, daß die Herren, wenn sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorüberkamen, grüßte Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom Zauntor seines Gehöftes gegen das Sudhaus hinüberspähte. Lange stand er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. »Da kommt er!« Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundürrer Bauer entgegen, in dessen schmunzelndem Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten. Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.«
»In Ewigkeit Amen!« sagte Christl und scheuerte den weißen Haarfleck hinter dem Ohr.
Der kleine Bauer stieß den Stecken auf den Boden. »Daß wir gleich alles ausreden: den Hausrat, 's Vieh und 's Futter mußt du mir aufweisen. Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst du für alles?«
»Die Nachbarsleut schätzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert Gulden.«
»Ich hab dich ausrufen hören: du gibst es um den halben Preis?«
»Was ich sag, ist Stein und Eisen.« Christls tiefliegende Augen begannen zu funkeln. »Daß man der Martle ihr Gerstenfeld nit ackern und misten darf, das müssen wir protokollarisch machen. Was mein Bübl braucht an Wäsch und Zuig, und was –« Dem Christl kam ein Schwanken in die Stimme. »Was noch übrig ist von meiner Martle, das nimm ich mit. Alles andre ist dein.«
»Schauen wir's an.« Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stück Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen; jede Ziege hob er auf seinen Schoß, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe, das Euter, und jedem Kälbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz. Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. »Gut! Vierhundert kriegst du bei der Unterschrift, dreihundert bei der Übergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?«
»Gleich.«
Der kleine Bauer lachte. »Pressiert's dir denn gar so?«
»Wohl.« Christl Haynacher trug sein Bübl zur Nachbarin hinüber und wanderte mit dem Käufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument mit dem Paragraph über das Gerstenfeld: nit ackern und nit misten – verursachte den vier überflüssigen Buchstaben eine muntere Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der Landrichter lachend: »Wann will er denn exulieren?«
»Morgen.« Der Haynacher hob die brennenden Augen. »Am liebsten tät ich's noch heut.«
»Heute? Nein. Heut nachmittag wird er schön daheim bleiben. Da wird noch etwas zu erledigen sein.«
Christl lächelte sonderbar. »Was wär denn das?«
»Seine Neugier wird sich gedulden können.« Eine entlassende Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem philosophischen Erguß über die in Bauernköpfen generaliter grassierende Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. »Oh? Reverende? Was führt Euch zu mir?«
Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. »Um ehrlich zu sein: ein Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich in medias res zu hupfen: ich will –« Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch weiter: »Ich will meine schwerbedrückte Seele entlasten und ehrlich zu Protokoll geben, daß ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche Zwillingspärl verschwinden ließ.«
Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet. Zwischen Lachen und Lachen sagte er: »Unglaublich! Dieser Lewitter! So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf.« Es dauerte ein Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen zu können. Die Feder schrieb nicht. »Seht doch,« sagte der muntere Willibald, »wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser barmherzigen Torheit mitzuagieren.« Er griff nach einem anderen Kiel. Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfaß. »Also?« Dabei lachte er schon wieder. »Was soll ich protokollieren?«
»Daß ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet habe.« Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. »Was ich bekenne, Euer Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der Diffusion des Blutes, et cetera. Da muß doch vom getauften Blut was übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur leblos scheinenden Körperchens erfolgt sein. Nit?«
»Aaaaah! Glänzend debattiert!« staunte der hocherfreute Richter, der nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. »Warum habt Ihr denn diese hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?«
»Weil sie mir erst post festum eingefallen ist. Daß ich also bis zu gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß ich. Und bekennen muß ich es, weil ich nicht will, daß ein halbwegs Schuldloser leiden soll um meinetwillen.«
»Ssssso!« sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten Schnörkel machte. »Und wirklich, Reverende, dieses Bekenntnis wollt Ihr unterschreiben?« Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: »Reicht mir Eure hilfreiche Christenhand! Ich muß sie drücken. Es ist mir doch bekannt, daß Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es von Euch, daß Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören.«
»Herr Richter!« Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. »Ich hab keinen Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.«
Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der Gerechtigkeit. »Die reinste Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden. Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen. Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richter früge: ‚Wo ist dieser Schlüssel?‘ Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will es Euch sagen.« Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. »Nicht wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?«
»Stimmt!«
»Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem Stubenofen?«
»Stimmt!«
»Aber! Reverende!« Der Landrichter lachte, daß von den heftigen Schüttelbewegungen die Roßhaarwuckeln seiner Perücke weißlich zu qualmen begannen. »Euch, der die herrliche Sache mit der diffundierenden Taufe zu finden wußte, sollte doch auch hier etwas Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch einleuchtend zu demonstrieren, wie laienhaft in juridischem Sinn Eure barmherzige fabula ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche crimen verübt zu haben? Ihr wollt doch wohl nicht sagen: ‚In der ersten‘? Nämlich in der Nacht, in der es durch einen mir bekannten Täter wirklich geschah! Da ist doch zu beweisen, daß Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?«
»In der anderen Nacht.«
»Aber Hochwürden!« Die justiziarischen Mausaugen blitzten von überlegenem Humor. »Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte, ein schwerleidender Patient.«
»Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können.«
»Ausgezeichnet!« Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand auf den geduldigen Tisch der Justitia. »Ich will Euch sogar gestehen, daß eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich der Gegenbeweis ergab. Daß man vor dem Scharfblick eines Richters mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu. Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber –« Erst mußte der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des Vorganges aus den Molchaugen beizte. »So geschickt hat noch niemals einer von meinen Inkulpaten simuliert, daß ich von seiner fingierten Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte. Eure simulatio hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?«
Der Pfarrer schwieg. Seine große Warze begann zu hüpfen, und dann brach er in ein Gelächter aus, daß er mit beiden Händen die Mitte seiner Länge umklammern mußte. Eine völlig gegensätzliche Wandlung vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier überflüssigen Lettern. »Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen? Aber gestattet nun, daß ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen, vortrefflichen Lewitter!«
Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: »Du lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches muß man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann.« Lachend ging er zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine Augen wurden ernst, fast traurig. »Und so was richtet über Schicksal und Ehr, über Leben und Tod der Menschen.«
Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. »Gestreng?« fragte Herr Ludwig. »Was noch?« Die Sauermilch der vier Überflüssigen wurde geistreich. »Der gemäschelte Herrenmantel,« Willibald zog das Protokoll aus dem Busen, »soll verdiente Gesellschaft erhalten.« Ging auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: »Das muß ich mißbilligen. Wenn Jesunder das Prozeßverfahren gegen mich fordert?«
»Er wird es unterlassen.« Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum Ohr des langen Pfarrers hinauf. »Um eine gelinde, politisch notwendig gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab ich beim Chorkaplan gebeichtet. Es war die einzige Methode, die ihn zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren.« Seiner siegreichen Klugheit vollbewußt, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. »Als ich mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr, bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, daß er preußische Zwillinge gebären müßte. Eben, da ich kam, wollte er seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.«
Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: »Alles Wissen und Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muß dem Leben dienen, damit der Mensch teilhaftig werde des ihm möglichen Glückes!« Dann fort, zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte vom preußischen Kapitelsieg. »Die wissen, wie man's zu machen hat. Einen feindseligen Hammel muß man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm freundlich die Ohren, so stoßt er.« Während der Pfarrer schwatzte, huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer herzzerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine Silbe und atmete schwer. »Ja,« sagte der Pfarrer, »gestern im Kapitel hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt du denn schon, daß der Leupi wieder daheim ist?«
Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch. »Kind?« fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. »Und da sagst du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch? Du bist seit gestern, daß ich dich schier nimmer kenn.« Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: »Ja, Nick, da hab ich wieder einmal sehen können, wieviel Wunderliches in Menschenköpfen umeinanderhupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim, und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub, heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren.«
Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein ‚Jesus Maria!‘, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen, aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.
»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht. ‚Was ist denn?‘ frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber – und du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige, lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr, reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und Tränen: ‚Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das Schiechste vor Gottes Blick!‘ Ich sag dir, Nicki –« Pfarrer Ludwig verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli? Ist dir nit gut?«
Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben. Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.«
»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?«
»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes. »Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.«
»Pfarrer?« stammelte Niklaus.
»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die hungrige Lieb einen treiben kann?«
Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.
Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne weiteres Wort die Stube.
Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen, als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!«
»Und wie!« Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. »Jetzt ist alles wieder in der schönsten Ordnung!«
Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete: »Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?«
»Was?«
»Daß ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als evangelikanische Exulantin.«
Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärtsstrebende Schnauzer sonderbar zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwänzige Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche Klage: »Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz! Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein bißl Verstand unterm Kuferdeckel!« Weil die Schneckin bitterlich zu heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. »Weibl, so geht's nit! So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi –« Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. »Verstehst du denn nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent! Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der Gottsfreudigkeit ein bißl zruckhalten kann. Verstehst?«
Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich, daß dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. »Geh, deswegen mußt du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt.«
Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer. »Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?«
»Ausstreichen? Was? Du Roß ohne Schweif! Da müßt sich der Kommissar was Nobels denken von dir. Der tät doch sagen: du bist ja wie 's Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häusl, bald wieder draußen. Ah na! So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen halt wieder auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische, vertragt's.«
Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig gelöckelter Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei. Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon wieder da. »So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz. Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?« Trotz aller Ruhe, mit der sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen an seiner Seele zu nagen. Jählings erblassend zog er sein Weibl mit sich fort, so flink, daß die Schneckin das Aussehen einer schiefen Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.
Kapitel XXVIII
Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt. Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.
In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke; sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein Gutkatholischer!«
»Wohl! Und was für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.«
»Du Narr! Warum denn?«
Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?« Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können. Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht. Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die Soldaten Gottes kommen.«
»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin. Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja, Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer gern. Gelt, ja?«
Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen, seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen, aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.
»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.«
»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen. Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde, der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche. Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du Rhinoceratissimus? Du selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt in loco hujus.«
Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl.
»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde, »wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden pro anno.«
»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig, schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil –« Er verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht.
Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus! Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit in loco hujus deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!«
Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes: »Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.«
»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!«
Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker, während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der erschrockenen Nachbarsleute zeterte.
Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.« Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke. Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er zurück, und das Leben entrann ihm.
Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern, als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war, und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit, daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker des Christl Haynacher herüberscholl.
Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei, drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an. Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte, mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.
Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelächter um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bißchen rotgetüpfelte Fähnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhärigen Schnauze umhertragen sahen. Und während Muckenfüßl und die Musketiere rasch den klagenden Herrn davonführten, der eine purpurne Träufelspur seines amtlichen Waltens hinter sich zurückließ, rief ein junger Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlöst hatte: »Gucket, Leut! Jetzt hat er einen von seinen vier überflüssigen Buchstaben eingebüßt! Gott soll's geben zum Wohl der Menschen, daß man ihm die drei anderen auch noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben, so könnt man hoffen, daß sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.«
Bevor die Sonne noch über den Toten Mann hinuntertauchte, kamen viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher marschiert, um die in staatsgefährlichem Grad gestörte Bürgerruhe wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder, Vater und Bübl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet. Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder benützte diese Gelegenheit, um unauffällig den durch ein schwarzes Heidenkind entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige Handlung so nachdrücklich, daß er mit einiger Berechtigung hoffen durfte: die Weihe würde sogar bis zur Außenseite der Friedhofsmauer penetrieren.
Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu – am unruhigsten im Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die hätten gerne noch erfahren, was die zwei preußischen Herren mit ihrem Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen Mütter und Väter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug, ohne daß die Harrenden eine Nachricht hörten; sie mußten heim in ihre Stuben, mußten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine lange Sorgennacht.
Früh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfüßl begleitete sie nicht. An seiner Stelle mußte ein anderes Polizeiorgan der lauschenden Population verkünden: daß, zum ersten, die exulierenden Väter und Mütter das unbedrängte Verfügungsrecht über Verbleib oder Mitreise ihrer Kinder hätten. Und zum anderen: daß der allergnädigste Fürst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unüberlegtheit vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben hätte.
Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton Cajetan diesen Entschluß von der fürstlichen Seele gerungen hatte. Den Feldwebel Muckenfüßl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer geworden; nach unten hin verdünnen sich die Regierungsverpflichtungen. Doch gerne hätte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit für mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden Möglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mußte hinuntertauchen in das Nichts, weniger aus Ursache der »folgenschweren Unüberlegtheit«, als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstäbchens dem Fluch einer Lächerlichkeit überliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gnädigen Ruhegehaltes überbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nähenden Stiftsphysikus auf der sehenden Seite liegen mußte.
Zum kummervollen Nikodemus Muckenfüßl hatte man keinen Stiftsherrn geschickt, nur einen fürstpröpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel, obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspöstchen im Stiftskeller hoffen durfte, gab durch längere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes von sich. »So, du Rindviech,« sagte seine tapfere, unverdrossene Frau zu ihm, »jetzt red lateinisch!«
Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel und an die These denken ließ: daß alles Geschehen unter der Sonne, so hart und übel es auch wäre, sich doch immer wieder verwandle zu einer aufwärts führenden Staffel des Lebens, zu einer Glückshilfe für die Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlösung für hundert bedrückte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mütter, die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum Friedhof und legten Sträuße und kleine Kränze von Frühlingsblumen auf das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, daß seit Menschengedenken ein Friedhofshügel so reichen Schmuck empfangen hätte, als die Ruhestätte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen eine nutzbringende Tätigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende Feld mit dem Spaten umgraben – das wäre nicht ‚geackert‘ – und wollte schaffweis die Jauche ausgießen – das wäre nicht ‚gemistet‘ in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was schwarz auf weiß geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des Haynacherlehens nicht an. Sie verprügelten neben dem Grab der Martle den wifen Protokollisten so fürchterlich, daß er das Misten und Ackern sogar auf den eigenen Feldern für längere Zeit versäumte.
Außer dem sühnenden Schwertstreich, der auf die Amtsperücken des Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat die Regierung auch sonst noch unter den vier preußischen Augen ihr Möglichstes, um die Stimmung der Population nach Kräften zu besänftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenfüßlschen Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so daß sich die vier Bogen des Exulationsediktes aller würdigen Sozietät entblößt sahen. Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermüdet hatte, so fatiguierte ihn jetzt das Erlauben.
Aus Rücksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle Vorbereitungen für das Große Jagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen Tüchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkäfigen, Sauzwingern und Fuchskästen, die Küchenwagen und Proviantkarren, alles wurde zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen Neugier des Volkes entrückt zu bleiben. Im alten Tiergarten des Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jägerei zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nächte lang, um die eingegatterten Wildbestände in die Käfigfallen zu treiben, sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das große Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem höfischen Rang der Schützen in die Kammern der zu den Ständen führenden Ausläufe zu verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde – in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen Entbehrung zeigte – war ‚edles Weidwerk‘ im gleichen Sinne, in dem der gestutzte Hofgarten als fürstlicher Park und der verflossene Doktor Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdüfte viel Gesundes auf deutschem Boden permutiert war zu üblem Geruch, so war auch der höfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer französischen Fratze dessen, was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des Königs von Preußen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Großen Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die ihm gebührende Invitation nicht verkürzen. Er nahm sie an, weil sie ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert hatte. »Jetzt schau nur,« sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, »daß du noch ein Fläschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grünen Jagdfrack die verjährten Weintrenzer herauszuputzen!«
Am Vorabend des Großen Jagens konnte der Wildmeister seinem allergnädigsten Fürsten melden, daß für das weidmännische spectaculum alles in bester Bereitschaft wäre, und daß auch der Himmel einen selten schönen Frühlingsmorgen verspräche. Auf die vierte Frühstunde war das Rendezvous in den Stiftshöfen angesagt. Schon um Mitternacht begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und überglänzten die Stiftsmauern mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rückte alles aus, was zur fürstpröpstlichen Jägerei gehörte. Punkt halb vier erschien Graf Saur, der als Oberstjägermeister fungierte. Dann trafen von zwei zu zwei Minuten, je nach ihrem höfischen Rang, die Jagdgäste ein, zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing und Kulmer zur Einholung der Allergnädigsten ausgeschickt wurden, dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgeträppel, daß die Stiftsmauern davon widerhallten. Fünf Minuten vor vier erschienen die zwei preußischen Herren mit den beiden Jägern, die man ihnen attachiert hatte – Geheimrat von Danckelmann mit dem Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als »Auchevangelischer« bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten die Hörner den Dianengruß. Aurore de Neuenstein, in einem grünen, durch goldene Nesteln schürzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien, kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinüber in den schmetternden Herrengruß, und aus dem Stiftsportal, dessen Flügel sich wie durch Zauber öffneten, trat, von Windlichtträgern und Läufern flankiert, der Landesfürst hervor, in grüner, goldstrotzender Prunkjagdgala. Er küßte das Händchen seiner hübschen, etwas reichlich schönbepflasterten Freundin, begrüßte liebenswürdig den Gesandten, merklich gedämpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das Zeichen zum Ausritt. Die Hörner bliesen den »Aufbruch zur Jagd«. Hinter den hopsenden Läufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man außerhalb der letzten Häuser auf der Ramsauer Straße war, wurden die Wachsfackeln ausgelöscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhöhen und in den vollen Genuß des strahlenden Sternzaubers zu gelangen.
Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit beißendem Spott diesen »kleinhöfischen Seifenblasenschwindel« so unbarmherzig persiflierte, daß Danckelmann in verlegene Unruh geriet, wurde plötzlich ein stumm Entzückter, als die Lichter erloschen und diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab. Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe Helle schwarz hineingezeichnet, mit weißen Schneemützen in der Höhe. Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstraße wie ein mit Goldsand überstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand das Sternbild des Orion über dem Toten Mann, und wie eine große Fackel, strahlenschießend, brannte in einer Bergscharte des hohen Göhl die Venus. Neben der Straße brauste die weißquirlende Ramsauer Ache so laut, daß alles Hufgetäppel unhörbar wurde. Wie eine herrlich summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die sternfunkelnde Schönheit der erlöschenden Nacht.
»Danckelmann!« Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. »Das ist eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man fühlt den Atem Gottes, fühlt die Größe seines Werkes, fühlt seinen ewigen Willen zum Schönen.« In dieses enthusiastische Seelenjauchzen zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergnädigsten hinein. Der Oberst, vom Französischen ins Deutsche fallend, stieß mit galligem Ärger vor sich hin: »Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det Schöne mit so 'nem Geschmeiß bedreckte.«
Dieses Gespräch wurde durch ein Wort des Fürsten unterbrochen, der den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den hopsenden Läufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende Evasvögelchen. Die Laune der Allergnädigsten en titre hatte bei aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische Gewürze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hüllende Nachtschleier verleitete sie zu gewagten jeux de mots, die sie bei hellerem Lichte auch in galantester Stunde vermieden hätte, und manchmal, wenn sie so pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften Verkündigungsengels, zu vernehmen war.
Der junge Oberst, immer emporspähend zu dem grauwerdenden Gezack der Berge, ritt einsam vor den beiden Jägern her, die auf dem Rücken die vier aus den fürstpröpstlichen Waffenschränken für die preußischen Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prüfen zu können. »Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der Wind fackelt umeinander, als tät er noch allweil nit wissen, ob er evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir kriegen heut ein Donnerwetter. Und was für eins!«
»Sonn ist allweil!« sagte Leupolt leise.
Während Hiesel grübelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln, die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: »Herr? Was ist denn?« Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst ließ den Kanzler und die Kapitularen an sich vorüberreiten, lenkte sein Pferd neben den steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter französisch an: »Hochwürden? Wollen Sie für mich in dieser Nacht den Dolmetsch Ihrer schönen Heimat machen?«
»Gern, Herr Oberst!« Der Pfarrer lachte. »Ich besorge nur, daß mein wackliges Französisch Ihre verwöhnten Ohren mißhandelt.«
»Für die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschädigen. Den finde ich bei Ihnen. Und Ihr Französisch, liebe Hochwürden, ist immer noch besser, als mein erbärmliches Deutsch.«
Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergnügen beantwortete Pfarrer Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Häuser der Ramsau, und der Oberst verstummte. Er hatte die getröstete Trauer und die neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dächern wohnte, vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn nachdenklich. Plötzlich fragte er: »Was meinen Sie, Hochwürden, wie werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewöhnen – da drunten?«
»Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fügsamer und verläßlicher Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern müssen –« die Stimme des Pfarrers wurde leis, »das sind von den Unseren nicht die Schlechtesten.«
Ein rasches, zustimmendes Nicken. »Raten Sie mir, Hochwürden! Jeden Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedächtnis graben. Wie muß man sie nehmen? Wie muß man sie behandeln?«
»Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie ohne Neid, auch gegenüber dem Besserwissen. Nur muß der Klügere ihnen das vormachen, daß er, was er besser wissen will, auch besser kann. Lacht einer über sie, weil er vermutet, daß sie die Dümmeren wären – oder hält sie einer für minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat sie verloren. Für immer.«
Dem jungen Offizier fuhr es heiß in das aufmerksame Gesicht. »Waren Sie viel auf Reisen, da drunten?« Er deutete mit flinker Handbewegung gegen Norden.
»Ich? Nein.« Der Pfarrer lächelte. »Regensburg war der Nordpol meines Lebens. Über die Donau bin ich nie hinausgekommen.«
»Was veranlaßte Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?«
Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen. »Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in die Knechtschaft ihrer Seelen.«
Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen. Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem Gespräch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: »Ein Glück, daß es in jedem verschweinten Jahrhundert doch überall und immer noch Menschen gibt, die rein, verständig und redlich sind.« Wieder das nachdenkliche Schweigen. Dann unter heiterem Lächeln das italienische Sprichwort: »Chi ha tempo, ha vita.«
Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit der Zeit, wird leben.
Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbügel weit ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. »Sagen Sie mir alles, liebe Hochwürden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen für notwendig hält.« Und während der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden, lauschte der junge Oberst so aufmerksam, daß er keinen Blick mehr auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengruß der Hörner nicht vernahm und kein Auge hatte für den aufleuchtenden Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender. In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kräuselte nicht die leiseste Welle den Spiegel des blaugrünen Wassers. Der See als See war kaum zu erkennen; man sah nur, daß die Schilfbeete nach aufwärts und nach abwärts grünten; daß die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur Höhe strebte und gleichgültig, nur etwas blässer, in die Tiefe wuchs; daß die von der Sonne rosig angeglühten Felsriesen mit den gleißenden Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief hinuntersanken ins Bodenlose; und daß ein leuchtender Himmel da droben war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde verjüngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers. Mit einem fast mädchenhaften Lächeln sagte er vor sich hin: »Wie schön!«
Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes déjeuner à cheval. Weißgekleidete Köche und rotweinfarben kostümierte Küfer mit Hirschlederschürzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompöses, etwas wahrhaft Fürstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den Pfarrer Ludwig an: »Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?«
»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge Oberst heiter und spöttisch auf: »Tout le monde à la façon du roi de Pologne, sauf le grand économe de Berlin!« Das helle Knabenlachen klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar en titre zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte, fand er Widerstand auf der anderen Seite – der junge Oberst machte eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!« sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel Reputation haben.«
»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln.
»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.«
Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was ist das?«
»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.«
Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?«