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Das große Jagen

Chapter 32: Kapitel XXXI
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About This Book

Set in an eighteenth-century alpine market town, the narrative follows intertwined local lives as private grief, religious devotion and communal mistrust simmer behind closed doors. Close, atmospheric scenes introduce a converted physician haunted by past violence, an aging yet lively priest and a devout young woman, whose interactions expose class tensions, hypocrisy and uneasy solidarities. The work alternates intimate domestic drama with vivid winter landscapes and municipal detail, using episodic episodes to examine how fear, compassion and secrecy shape daily existence and local power relations.

»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles gut. Und das kann ich glauben.«

In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen, die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen Köpfe hagelt.«

Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd, trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die Wasserjagd.

In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte, um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer, daß er ein großer Flegel ist. Adieu!«

Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert Schritte; sie schienen der Allergnädigsten en titre wachsende Atembeschwerden zu verursachen.

Kapitel XXIX

Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt, daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig, was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck. So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter, die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung, wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen.

Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen, frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde. Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.

Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche, flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.«

Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »Mon cher monsieur Cheneque! Ick habe selber Oogen.«

»Was hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte, den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so schieß doch einmal!«

»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen. »Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken, guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam – eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer nicht gewürdigt – unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer, schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und klagte: »Da fehlt's weit!«

Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen, und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen, sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen, noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke, wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!«

»Da legst dich nieder!« murrte der Hiesel trostlos und wälzte in verstörter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden würde, wenn alle Preißen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so namenlos ärgern mußte, daß ihm schließlich vor Gift und Zorn die weidmännische Galle verläßlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: »Herr? Sind im luthrischen Sand da drunt die Jäger alle so wie Ös?«

»Wie wer?«

Im Hiesel begann es zu kochen. »Kreuzikruzi –« Der Himmelhund, der nur ein bißchen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren. »Verstehst denn nit? Der Ös bist du! Und wissen muß ich, ob im Preißischen alle Jäger so sind wie du?«

Der junge Oberst lachte erheitert. »Neee! Da bin ick der Eenzichste. De anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier zuland.«

»So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin.« Hiesel Schneck tat einen Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit dem da einzulassen, der einer war, daß Gott erbarm'! Bei dieser schlauen Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der gewissenhafte Jäger in ihm. »Psssst! Obacht!« Der Klang der Hörner in der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen Haupt das prächtig verästelte Zwölfergeweih. Leis kicherte Hiesel: »Gelt, Preißerl, da schaust!« Verwundert sah der junge Offizier den langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: »Werfen denn hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?«

»Jöises!« klagte der Hiesel. »Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt ein Gschnittener ist! Verstehst?«

»Wat?«

»Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen.«

»Ach, det arme Luder!« Mit einer harten Furche zwischen den Brauen griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange. Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte mit leiser Stimme: »Délivré des bienfaits de la providence humaine!«

Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, daß dieser barmherzige Erlösungsschuß für seinen Jagdherrn alles andere, nur keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm, der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der Hörner, die »Schluß des Jagens« bliesen, klangen die jauchzenden Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man dem wundgeschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald in der Tiefe sang ein Jagdhorn den »Sautod«, den »Hirschtod«, den »Gemstod«, den »Fuchstod«; und dieser ganze, noch immer wachsende Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens.

Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam ans Wasser, war das herrliche spectaculum Dianä bereits in Gang. Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der fürstpröpstlichen Försterei emporspitzte, glitt das mit falschen Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte. Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt – nicht Herr Anton Cajetan – nur der fürstliche Wildmeister à la place du maître adoré. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig atmende, ein bißchen blaß gewordene Diana mit hellenischer Lanze und einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der anschließenden, grüngeländerten Plattform hatten sich rings um den Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern, von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein dröhnender Böllerschuß mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen Triumphpforte – wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse – schnellte sich eine braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende Wasser: das in der »Seekammer« angesammelte Wildgewühl, hinter dem die Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und nieder, daß es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grün umwickelte Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: »Fui Deibel!« Den Hiesel Schneck seinen langgeschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.

Eine Stunde später, als schon der Streckenruf, der Fürstengruß und die Dianenweise geblasen waren, mußten viele Jäger durch den Wald springen und den Namen des Obersten von Berg zwischen die Bäume schreien. Er ließ sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, über das Ramsauer Tal und gegen den Toten Mann hinauf, lächelte schmal und sagte: »Det war schöner!« Die Freude über dieses Wort schoß dem Leupolt Raurisser mit heißer Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum Zeichen für die suchenden Jäger, ein klingendes Hojoh in den Wald. Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Preiß war – aber was für ein Schütz! »Kreuzikruziundsikerafaxhöllementshündl, hat der dem Hirsch dös preißische Kügerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl! Verstehst?« Das wurde – wie für den verewigten Christl Haynacher das Wunder der Armeseelenkammer – für das Kindergehirn des Hiesel Schneck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Während ihr schweigsamer Held zwischen den heiterschwatzenden Grünröcken der Försterei am See entgegenwanderte, klang das beginnende Tafelkonzert der fürstpröpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwüle des heißgewordenen Frühlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzüge zerrten die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weißwolken schwammen in auseinanderstrebenden Reihen über die wildzerrissenen Schneegrate der Mühlsturzhörner empor.

Daß die Sonne sich ein bißchen verschleierte, das war ein Glück für die Strecke, die auf einer Wiese der Försterei in langen Linien ausgerichtet lag, bewacht von den schweißleckenden Bracken. Den reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Göttin dieses Tages sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute noch allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese rotgezierten, wie mit Mohnsträußen geschmückten Wildstücke sumste die größte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhände hatten, bis die Lanze ins Leben ging, sehr häufig zustechen müssen. Diese vielen allergnädigsten Wunden besaßen für das Fliegengesums einen anziehenden Reiz. Schweißgeruch und säuerliche Düfte umwitterten das Leichenfeld französischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes hinüber bis zur offnen Mahlstätte, von der die Tafelmusik und der fröhliche Becherlärm der grünen Herren hinausklang in die Waldstille. An die Försterei war ein großer Holzsöller angebaut, ganz eingewickelt in Fichtengrün, die Zwischenräume der das Dach tragenden Balken durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frühlings. Durch die Lücken leuchtete das Farbengepräng der Mahlgesellschaft heraus, und überall sah man weiße Köche, gelbe Schüsselträger, blaue Läufer und weinrotfarbene Küfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen, zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit dem Lachen eines Erlösten: »Endlich? Kommt er?« Ungeduldig schritt er dem Erwarteten entgegen und überbrachte ihm die Kunde eines diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren placiert. Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den Verspäteten der Platz an der Herzseite der Allergnädigsten.

»Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch an allen rosigen Nuditäten. Die Sorte hab ich satt.« Danckelmann war ratlos. Eine Änderung erschien ihm völlig unmöglich. »Alles ist möglich. Man muß nur wollen!« Und der junge Oberst, höflich nach allen Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle gerades Weges zum unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige die Hand auf die Schulter und sagte liebenswürdig: »Verzeihen Sie, Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben.« Der Domizellar erhob sich verdutzt, errötete mit zartem Farbenspiel und hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich auf dem eroberten Sessel saß. Nach dem leeren Platz an der Herzseite der Allergnädigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war wütend und ließ für sich, um in Gefechtsnähe zu bleiben, dem jungen Oberst gegenüber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und Kulmer schieben. Dabei hörte man von der allergnädigsten tête der Tafel ein so auffällig Dianenlachen, daß die Annahme, der Geheimrat hätte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war.

»Hochwürden!« sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik zum Pfarrer. »Im Walde hab ich nachgedacht über alles, was wir sprachen auf dem Wege durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach verständnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten. Mir ist da – Dichter sind immer Propheten und Erzieher – eine alte deutsche Fabel eingefallen. Die muß ich Ihnen erzählen. Vielleicht auf dem Heimweg.«

Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter Fehdelust über den Tisch herüber fragte: »Verzeihen Sie meine Neugier, Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preußischer Beamtenadel?«

»Jawohl, lieber Graf!« Ein graziöses Kompliment begleitete diese Worte. »Die Männer meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt, die treuesten Diener des Staates zu sein.«

»Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?«

Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier: »Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen.«

»Bei Ihrer Jugend kann diese Übung noch nicht lange gedauert haben.« Graf Tige lachte. »In Preußen scheint Mangel an gereiften Männern zu herrschen, weil man die Zwanzigjährigen zu Obristen macht. In welcher Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?«

Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. »In einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.«

Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. »War denn Preußen zu Ihren Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische Sandbüchse liegt so entfernt von uns, daß man es nicht immer gewahren kann, wenn sich der Sand da unten ein bißchen bewegt.«

Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. »Denken Sie nicht übel von uns, Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.«

Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich. Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor, glühten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern, und unter der schönen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach dann mit heiterklingender Stimme über den Tisch hinüber: »Der Sand da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, daß ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden. Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen geworden ist. Ich hoffe: viel!« Nun fand er ein Lächeln, auch für den Grafen Tige. »Setzen Sie gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im übrigen weiß ich sehr wohl, daß ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen habe.«

Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf großen, braunglänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung, daß viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken, und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller, das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gespräch zusammen. Nach ihren Augen und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: »Werden denn auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in dem kleinen Berlin?«

»Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken.« Der junge Oberst wandte sich wieder an den Pfarrer: »Ich bin Ihrer Meinung, liebste Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens, ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann gibt sich alles von selbst. Daß die Hölle mit ihren gewichtlosen Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, daß die Erde in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle Jerichotrompeten überleben sich.«

Graf Tige schmunzelte. »Sie? Als bibelfester Protestant? Sie bezweifeln, daß die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.«

Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. »Da glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler haben doch bewiesen, daß die Sonne immer stillsteht. Da dürfte sie vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.«

Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige unternahm geärgert einen neuen Ausfall. »Das Gewicht des Erdkernes wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele leichter ein?«

»Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen.«

»Oh? Was für Seelen können Sie meinen?«

»Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben nur die eine Entschuldigung, daß sie ihren Beruf nicht von anderen lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn erziehen mußten in sich selbst. Der Fürstenpädagog à la mode, dieser Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde. Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern führt aller Aufruhr, den fürstliche Mißwirtschaft erzeugte, über die Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königtum so unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem deutschen Fürsten und Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt.«

Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: »Dieser junge Mensch ist vorlaut und unerquicklich, aber – er fesselt mich wider Willen.« Und der andere sagte: »Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als möchte er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen.«

Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig die Hand des jungen Offiziers: »Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie wären ein deutscher Fürstensohn.« Dieses Wort verwandelte sich für den Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: »Äußere Anflüge sind vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, daß Sie einige Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?«

»Wahrhaftig?« In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzählenden Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. »Sie sind der erste, der mir eine so überraschende Mitteilung macht.«

Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in Blick und Ton. »Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter Mißachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.«

Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner Stimme: »Da haben Sie eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht völlig zu Affen werden, so muß ein Erlöser kommen, der uns wieder zu selbstbewußten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit! Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen. Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind, mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, daß fernerhin an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch häßlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mußte.«

Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der salzburgische Hauptmann mißbilligend ein: »So sollte ein Offizier nicht sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen Religion heißt Loyalität und muß nach obenhin so blind sein, wie die Justitia.«

»Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers muß eine andere sein. Sie muß hellsehende Augen haben nach oben und nach unten. Ihr einziges Dogma muß lauten: die Arbeit zu tun, die von einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen, als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein deutsches Herz zu haben.«

Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: »Herr Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.«

»Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes, das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde kommen. Man haut sie auf die Köpfe.«

»Oh, wie gewalttätig!« warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing ein. »Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden als Frieden bezeichnet?«

»Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene nicht auf.« In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden seine Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie Grimassen. »Es gibt gewiß viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind – und sie werden immer so bleiben – so lange ist jenes Volk auf Erden am sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht. Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der Selbsterziehung des Volkes.«

»Und Sie meinen,« spottete Graf Tige, »eine Armee von solch fabulöser Beschaffenheit wäre die preußische?«

»Ja.«

»Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.«

»Dieser Klotz wird sich bewegen.«

»Wann?«

»Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf, als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne Kinder bleiben.« Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem Neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der junge Oberst mit jagenden Worten weiter: »Aber Brüder oder Schwestern haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an den deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes. Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur, wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt sein, daß uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das junge, erstarkende Preußen der Zukunft.«

Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: »Wie kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müßte man nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren, der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren wird.«

Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: »Wie reizend, Hochwürden! Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!«

Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: »Die Kindermärchen der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie. Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu erzwingen.«

»Herr Oberst!« Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein bißchen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. »Das stimmt nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewußtsein in allen Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären, sich von Preußen an den Roßschwanz nehmen zu lassen?«

Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich dem Pfarrer zu und sagte: »Man muß die Deutschen selig machen gegen ihren Willen. Oder sie werden es nicht.«

Kapitel XXX

An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war, daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte. Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten Girlandenbogen.

Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein und sollte – entre la coupe et les lèvres – den jauchzenden Zuruf »Vive la reine divine de la chasse!« nicht mehr erwarten können. Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele waren – sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte zu vergleichen war. Gewaltsam die contenance bewahrend, schloß sie die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung. Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.

Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach, Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten Hoffnung.«

Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen, stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren? So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals ereignet. Ich bin nicht die erste.«

Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.«

Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend, sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden, schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen Tige einer besonderen célébration des adieux zu würdigen, und nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke getan hatte.

Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem accroissement der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte.

Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl nötig sein, daß man reitet auf der Stell.«

Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan, der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es, beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.

Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens: »Euer Liebden! Ich bin trostlos –«

Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis, daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden war.

Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen hofften.

Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten, schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren, das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei. Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur- und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana – das alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher. Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?«

Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend, in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme, verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose gewesen wäre.

Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche, schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven, bald wie dröhnende Kanonenschläge – sah er aus wie ein junger Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes, sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden machte.

Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten: »Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen. Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen. Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern, was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!« Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.«

Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen. Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte: »Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen, stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen. Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!«

Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot, und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich, mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.

Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte, war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf, weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten. »Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört auch der helfende Mann dazu.«

Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren! Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie führende Laternen.

Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten.

Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes, von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone, die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus! Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige Seel. Die leuchtet so.«

Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv Seiner Liebden vorlas:

»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger Herr! – Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions- und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen, Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten, Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew. Königliche Majestät diese ultra viniculum instrumenti pacis demselben begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu mögen, und damit verbleiben

Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr zu Berchtesgaden

Ew. Königlichen Majestät
allzeit Dienst-geflißnister
Cajetan Antoni.«

Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee, Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister, dienstgeflißnister, dienstgeflißnister –« Ein munteres Aufkichern. »Na also! Et jeht en avant mit's Deutsche.«

Kapitel XXXI