»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen –«
Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut einer schönen, heiligen Glocke.
Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute, ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas, wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!«
»Was?«
»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte: »Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel: »So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet. Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und inbrünstiger tönte:
»Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnaden.
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schaden.
Er ist allein der rechte Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen.«
Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert gebeugten Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer bettelte mit erloschener Stimme: »Ich kann nit fahren, so lang ich die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang ein Aichtl Sonnlicht über dem Ländl hängt. Wenn's finsteret, will ich fahren von Herzen gern.« Das Wort lief hin über die lange Reihe der Karren, und hundert Stimmen riefen: »Wie's der Älteste haben will, so muß man es machen.« Für jeden war's eine tröstende Freude, daß er die Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen mußte, wenn die Nacht sie umschleierte.
Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle bedrückten, müdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für die Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie blaue Bäume zum Himmel hinauf.
Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings geschah ein Ding, daß alle Leute verwundert die Köpfe streckten. Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, daß die schwarzweißen Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er auf der mit Karren vollgepfropften Straße nicht flink genug vorwärts kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die Straße frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schöner als zwischen den galoppierenden Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe der Talstraße, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges, hurtig Zappelndes, mit einem weißen Federbusch auf dem spanischen Hut. Über dem Koffer lag der grüne Mantel, schön gefaltet, weiß überpulvert vom Straßenstaub.
Leupolt schrie den Namen seines Glückes, daß von allen Wäldern ein Echo kam.
Sie hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.
Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die wie Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm hinauf. »Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich. Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da muß er auch wissen, wie du bist.«
Er stammelte: »Jesus!« Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über ihn.
Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr beträchtliche Weile später konnte Luisa sagen: »Evangelisch kann ich nit werden. Daß ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir das verstatten?«
»Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein.« Droben auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. »Die brauchen mich. Komm, Bräutl!« Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen, richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: »Dein Vater, Luisli? Kann er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?«
Sie sagte gläubig: »Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen und ist eingeschrieben.«
Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mußte noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man keine Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief, blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mußte. Nun ein heiteres Auflachen. Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren nieder, nahm den grünen Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon und faßte die Hand seines Glückes. »Komm! Ich such dir ein feines Plätzl.« Zwischen den Stauden fand er eines. »Schau nur, wie alles blüht um dich herum! Da mußt du warten ein Vaterunser lang.« Er sprang davon, und der Karren mußte sausen, obwohl es aufwärts ging.
Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte, kam er wieder. »Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?«
Sie schüttelte den Kopf. »Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.«
»Aber den Grenzmusketieren nit!« Er konnte nicht ernst werden, immer mußte er lachen in seiner Freude. »Sie täten dich ohne Loskauf, Paß und Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer anders, ich muß dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber deine Füßlen sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud, so muß ich auch die Schuld haben.« Er ließ sich niederfallen auf die Knie und flüsterte selig: »Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf die Krax! Da hast du es linder.«
Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen.
Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie nur die Jäger sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwalde verschwand er.
Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem Rücken.
Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter – wie Sterne, die auf die Erde gefallen – waren ausgestreut über die ganze Länge des Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von den Jungbuben getragen wurden.
Das Paßgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht, als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Außerhalb der Grenze ordnete Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte, sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstörten Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der Straße. Nicht allein.
Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel.
»Luisli? Siehst du den schönen Stern da draußen? Das ist der Nordstern. Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers.«
Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er sich ein bißchen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren Augen, ohne die Tränen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der Finsternis; die Frauen und Mädchen, die auf den Karren saßen; und alle Mütter, auf deren Schoß und an deren Brüsten die müden Kinder schliefen oder die furchtsamen wachten.
Ein Rauschen in der Nacht. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferne, bald wieder nah.
Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das Stablied der Evangelischen, von dem man erzählte: daß es der gadnische Bergmann Josef Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren aus der Heimat trieb.
Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen,
Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt!
Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.
Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen,
Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand,
Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!
Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beuget!
Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für,
Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir.
Mein Blick ist naß und sucht und kann sie nit finden.
Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand,
Wo Du bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!«
Fußnoten
[A] Polizeispion.
[B]
Ich bot ihr ehrfurchtsvolle Grüße
Mit meinen Weidmannsdüften hin –
»Dank Euch,« so sprach zu mir die Süße,
»Von dem ich sehr befriedigt bin!«
Bücher von Ludwig Ganghofer:
Das Schweigen im Walde. Roman. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.
Die Trutze von Trutzberg. Eine Geschichte aus anno Domini 1445. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Das große Jagen. Roman aus dem 18. Jahrhundert. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M.
Fliegender Sommer. Novellen. Neue Ausgabe. Der Reihe nach 21. Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 3,50 M., geb. 5 M.
Doppelte Wahrheit. Neue Novellen. 8°. 6. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Das Kaser-Mandl. Eine Erzählung. Neue Ausgabe mit Illustrationen von Carl Röhling. 12°. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M.
Ob es die Deutschen genügend wissen, was sie an diesem Dichter für eine Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, daß seine Schriften, so harmlos und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine Stählung des Volksherzens für diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat.
Peter Rosegger.
G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin
Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller
Charitas Bischoff, Amalie Dietrich. Ein Leben. Mit 8 Bildnissen. Achtundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.
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Ludwig Ganghofer, Doppelte Wahrheit. Neue Novellen. Sechstes Tausend. Geb. 5,50 M.
– –, Fliegender Sommer. Novellen. Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 5 M.
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– –, Das große Jagen. Roman aus dem 18. Jahrh. Geb. 7,50 M.
Hans Ferdinand Gerhard, In der Jodutenstraße. Roman. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.
Ola Hansson, Der Schutzengel. Roman. Geb. 4 M.
Hermann Heiberg, Reiche Leute von einst. Roman. Geb. 4 M.
Hans Hopfen, Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glück. Roman. Geb. 5,50 M.
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Johannes Jegerlehner, Marignans. Eine Erzählung. Fünftes Tausend. Geb. 4,50 M.
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Hermann Lingg, Schlußsteine. Neue Gedichte. Geb. 4 M.
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– –, Im alten Eisen. Eine Erzählung. Siebente Auflage. Geb. 4 M.
– –, Nach dem großen Kriege. Eine Geschichte in zwölf Briefen. Fünfte Auflage. Geb. 3,50 M.
– –, Die Kinder von Finkenrode. Achte Auflage. Geb. 4 M.
– –, Halb Mär, halb mehr. Erzählungen, Skizzen, Reime. Zweite Auflage. Geb. 4 M.
Otto Rodehorst, Und wenn die Welt voll Teufel wär! Eine Erzählung. Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.
Erich Scheurmann, Ein Weg. Roman. Geb. 5 M.
– –, Abseits. Sechs Erzählungen. Geb. 3 M.
Gustav Schröer, Die Flucht von der Murmanbahn. Eine Erzählung. Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.
– –, Der Heiland vom Binsenhof. Roman. Geb. 5,50 M.
Ernst Schudert, Ruhm. Ein Novellenkranz um Friedrich den Großen. Fünfzehn Novellen. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.
– –, Der Sturmwind Gottes. Zwei Erzählungen. Geb. 5 M.
Heinrich Wolfgang Seidel, Der Vogel Tolidan. Neun Erzählungen. Geb. 4,50 M.
– –, Die Varnholzer. Ein Buch der Heimat. Geb. 5,50 M.
Heinrich Steinhausen, Heinrich Zwiesels Ängste. Eine Spießhagener Geschichte. Geb. 5,50 M.
Konrad Telmann, Bohémiens. Roman. Geb. 6,50 M.
Johannes Trojan, Auf der anderen Seite. Streifzüge am Ontario-See. Geb. 3 M.
– –, Berliner Bilder. Hundert Momentaufnahmen. Zweite Auflage. Geb. 4 M.
Ernst von Wildenbruch, Das schwarze Holz. Roman. Sechzehntes Tauend. Geb. 5.50 M.
– –, Lukrezia. Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 6,50 M.
Julius Wolff, Till Eulenspiegel redivivus. Ein Schelmenlied. Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 4,80 M.
– –, Der Rattenfänger von Hameln. Eine Aventiure. Siebenundsiebzigstes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.
– –, Der wilde Jäger. Eine Weidmannsmär. Hundertundachtes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.
– –, Tannhäuser. Ein Minnesang. Zwei Bände. Vierundvierzigstes Tausend. Geb. 8 M.
– –, Lurici. Eine Romanze. Einundsiebzigstes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Die Pappenheimer. Ein Reiterlied. Fünfundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Renata. Eine Dichtung. Dreiunddreißigstes Taus. Geb. 6 M.
– –, Der fliegende Holländer. Eine Seemannssage. Siebenunddreißigstes Tausend. Geb. 5 M.
– –, Assalide. Dichtung aus der Zeit der provençalischen Troubadours. Siebzehntes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Der Landsknecht von Cochem. Ein Sang von der Mosel. Dreiundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Der fahrende Schüler. Eine Dichtung. Vierzehntes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Der Sülfmeister. Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände. Vierundsechzigstes Tausend. Geb. 8 M.
– –, Der Raubgraf. Eine Geschichte aus dem Harzgau. Dreiundsiebzigstes Tausend. Geb. 7 M.
– –, Das Recht der Hagestolze. Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal. Vierundvierzigstes Tausend. Geb. 7 M.
– –, Das schwarze Weib. Roman aus dem Bauernkriege. Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 7 M.
– –, Die Hohkönigsburg. Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau. Vierunddreißigstes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Zweifel der Liebe. Roman aus der Gegenwart. Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Das Wildfangrecht. Eine pfälzische Geschichte. Neunzehntes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Der Sachsenspiegel. Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit. Achtzehntes Tausend. Geb. 6 M.
– –, Singuf. Rattenfängerlieder. Siebzehntes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.
– – Aus dem Felde. Gedichte. Vierte, vermehrte Auflage. Geb. 2 M. 50 Pf.
Heinrich Federer, Das Mätteliseppi. Eine Erzählung. 25. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6.50 M.
Vor zwölf Jahren habe ich diese unvergeßliche Figur in einer Novelle behandeln wollen, und damals entstanden die Kapitel in der Webstube und im Pfarrexamen in einem mehr humoristischen Fadenschlag. Ich legte jedoch den unbefriedigenden Entwurf in die Schublade. Aber im Herbst 1915, im Süden und im Heimweh nach den Buchen und Äpfeln und Herzlichkeiten meines lieben Nordens, nahm ich die Papiere wieder vor und arbeitete sie nun zu einem ... ach freilich so dicken! ... Romane aus ... In die Schicksale des Ländleins und besonders der Spichtigerfamilie ist nun das Mätteliseppi so verstrickt und hält den Faden so stramm in der Faust, daß ich statt des ersten Titels »Die Spichtiger« lieber seinen klassischen Namen »Das Mätteliseppi« setzte. Es stört die Einheit der Erzählung keineswegs, stärkt sie eher und gleicht in seiner rauhen und massiven Gewalt einem Berge, in dessen wechselndem Schatten sich eine kleine Menschheit und Menschheitsgeschichte entwickelt und bald behindert, bald gehoben ans ordentliche Ziel gelangt.
So hat es denn wirklich ein solches Mättelisepi gegeben? Seinen Webstuhl und harten Flachsscheitel, seinen langen Stecken, sein Unterrichtsgenie und seinen mörderlichen Kleiderkasten als Arrest? Seine Helgen und Mären? wie? ... Ich antworte: all das auf den letzten Tupf! Viele hundert Obwaldner werden euch das mit einem aus Respekt und Schalkheit gemischten Lächeln bestätigen und noch reichlich glossieren können. Und auf dem Friedhof von Sachseln findest du die Horat und Molin und Herri und Tonoli, indessen der damalige Helfer Ludowig noch heute, im Silber von fünfundsiebzig Jahren, als geistliche Spitze des Kantons tapfer seines Amtes waltet ... Von all den vielen Knaben und Mädchen, dem seltsamen Josef Tonoli zum Beispiel, der kalten, eitlen Orla, dem kühnen, wilden Herri und dem glücklichern von Aar bis zum Trunzibub hinauf und zur Botin Trunz selber und den Spichtigerleuten als den Hauptpersonen des Romanes, von all dem ist keine Faser eitle Phantasie dabei. Sie alle sind genau so in Fleisch und Blut und starken Knochen an mir vorbeigegangen. Ich habe nur Namen geändert und Örtlichkeiten verschoben. Viele leben noch, die meisten ruhen.
Soll ich sagen, ob auch die tiefen Leiden und Zweifel und seelischen Erhebungen im Buche historisch sind? Da erlasset mir das Wort. Das sollet nun ihr sagen, die ihr das Buch leset!
Heinrich Federer (in Grote's Weihnachtsalmanach 1916).
Ludwig Ganghofer, Die Trutze von Trutzberg. Eine Geschichte aus anno Domini 1445. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Ganghofer hat mit seinem neuesten Roman dem deutschen Volke eine prächtige Gabe beschert. Er führt seine Leser um ein paar Jahrhunderte zurück in jene Zeit, da politische Forderungen die schöne Agnes Bernauerin von der Seite des Bayernherzogs rissen. Wie ein düsterer, unheimlicher Ton klingt dieses Ereignis durch die Wirrnisse der Fehde, die die Trutze von Trutzberg mit ihren Burgnachbarn auszufechten haben. Gleichzeitig beleuchtet es die Liebesgeschichte des Romans, die sich zwischen dem Fräulein von Puechstein und dem Schäfer Lienhart abspinnt. Hierbei ist Ganghofer die schwierige Aufgabe restlos zu lösen gelungen, seine Leser für das ungleiche Liebespaar einzunehmen. Von der ersten Bekanntschaft mit dem Schäfer Lienhart an muß man diesem Naturburschen gut sein, so kernfest und treu-deutsch ist der junge Träumer und Held gezeichnet. Deshalb versteht man das junge Edelfräulein, wenn es sein Herz an den verachteten Schäfer verliert und einem verderbten Junker den Laufpaß gibt. In treffenden Gegensätzen entrollt der Dichter ein Bild vom Leben und Treiben in der vom Feinde belagerten Burg. Sein köstlicher, echter Humor kommt dabei in vollem Umfang zur Geltung. – Ganghofers Buch kommt gerade zur rechten Zeit. Es wird vielen, unter der Gegenwart Mühseligen und Beladenen, eine rechte Erquickung sein, denn der Quell, der es genährt hat, heißt Gesundheit.
Dresdner Nachrichten.
Ludwig Ganghofer, Das Schweigen im Walde. Roman. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.
Hinauf auf die Berge und in den Hochwald führt der Dichter seinen im Getriebe der Großstadt flügellahm gewordenen Helden und läßt ihn gesunden am immer frischen Born reiner, hehrer Gottesnatur und inmitten ihrer kernfesten, urwüchsigen Menschen. Charakteristisch und scharf gezeichnet treten sämtliche Gestalten der interessanten, reichbewegten Handlung gleichsam leibhaftig vor uns und erregen unsere warme Sympathie bei allen ihren Leiden und Freuden. Den Mittel- und Glanzpunkt der Dichtung aber bildet die herrliche Gebirgsnatur der Tiroler Alpen, deren äußere Erscheinungen in edler, von poetischem Zauber durchwobener Sprache mit einer plastischen Anschaulichkeit geschildert sind, die Herz und Sinn des Lesers unwiderstehlich gefangen nimmt.
Adam Karrillon, Adams Großvater. Roman. 7. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5.50 M.
Adam Karrillon gehört zu den im deutschen Schrifttum nicht seltenen Dichtern, die erst im gereiften Mannesalter aus einem im vollen Leben tätigen Beruf in die Literatur gekommen sind. Im Odenwald, in einem kleinen Waldnest geboren, war er von Jugend an mit Land und Leuten seiner Heimat vertraut, später als Landarzt hatte er in jahrzehntelanger Praxis im näheren und weiteren Bezirk Gelegenheit, Herz und Nieren zu prüfen, seine Menschenkenntnis zu erweitern und zu vertiefen. Als Karrillon als 47jähriger seinen ersten Roman herausgab, merkte man gleich, daß da ein Eigener auftrat, einer, der aus dem vollen schöpfte, der nicht in der Schreibstube nach einer landläufigen Mode oder den Geboten einer »Richtung« einen Roman zusammenbastelte, sondern die Erfahrungen eines Lebens vor uns ausbreitete, mit einem grimmigen Humor, mit innerer Heiterkeit, oft mit Wehmut, knorrig, kraus, sehr deutsch von Leben und Schicksalen seiner Leute erzählte. So gab er in seinem ersten Buche, dem »Michael Hely«, ein Bild des Odenwälder und Schwarzwälder Bauernvolkes, nicht verschönert und verniedlicht, wie weiland Auerbach und Defregger es taten, auch nicht so einseitig verzerrt und verroht, wie viele Moderne, sondern etwa so wie Leibl gemalt hat, so stark, so wahr, so unerbittlich und doch liebevoll. Dann kam die »Mühle zu Husterloh«, ein bei aller Komik tiefernstes Buch, das die Erwürgung eines patriarchalischen ländlichen Mühlenbetriebes durch ein modernes »Etablissement« zum Gegenstand hat, endlich der Roman »O domina mea«, welcher mit einem heiteren, einem nassen Auge das Geschick und die Liebe eines Bauernarztes erzählt. Viel eigenes Leben und Leid des Dichters klingt hier schon auf. Nach zwei kleineren Büchern, der launigen Schilderung einer Afrikafahrt und einem Bande lustiger Bauernhistörchen tritt Karrillon nun wieder mit einem größeren Bauernroman hervor, in dem er sein eigenes Geschlecht, sein eigenes Jugendland darstellt. Ganz unverfälscht ist wieder das Bauernvolk vorgeführt, der echte urwüchsige Bauer, das noch ungebrochene deutsche Volkstum. Gestalten, wie den hartschädeligen, auf seinen ererbten und mühsam vergrößerten Besitz stolzen Großvater, den sie wegen seines Reichtums den »Kurfürsten« nennen, seinen windigen, arbeitsscheuen Sohn, der jeder Schürze nachläuft und das väterliche Erbe in Saus und Braus durchbringt, vergißt man nicht. Wieder leuchtet Karrillons herzhafter Humor mildernd und versöhnend durch Leid und Leidenschaft, wieder erfreut eine markige, in ihrer Bilderpracht oft an Shakespeare gemahnende Sprache.
Gustav Schröer, Der Heiland vom Binsenhofe. Roman. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Ein starkes, gutes und schönes Werk, aus der Tiefe und Fülle menschlicher Empfindung und Erkenntnis geschöpft, edel im Gegenstand, frei und maßvoll in der Gesinnung, geradlinig in der Führung, einheitlich und geschlossen in der Erfindung und Darstellung, ohne bilderreichen Überschwang und doch dichterisch beseelt, lebendige Menschen und wirkende Natur, überzeugend und ergreifend. Es ist nur eine einfache Bauerngeschichte, aber sie umspannt in ihrer kleinen Welt den ganzen ewigen Kampf der Schwachen gegen die Mächtigen, der Vernunft gegen den Aberglauben, der Güte gegen die Gemeinheit, der Selbstlosigkeit gegen die Leidenschaft. Und als symbolischer Vertreter dieses Kampfes erscheint der Schicksalsmensch, dem gerade seine besten Eigenschaften einen tragischen Untergang bereiten und dem, wie seinem göttlichen Vorgänger, im Leben zum Spott, im Tode zum Ruhm der Name des »Heilands« zuteil wird.
Gustav Schröer hat bereits durch die im vorigen Jahre in unserer »Sammlung« erschienene Erzählung »Die Flucht von der Murmanbahn« und andere Werke starke Talentproben abgelegt; durch dies neue Werk, das einen bedeutenden Stoff in bedeutender Weise behandelt und in seinen Folgerungen eine ernste Mahnung für vielleicht bevorstehende Tage ist, hat er Anspruch, in weitesten Kreisen des deutschen Volkes gehört zu werden.
Gustav Schröer, Die Flucht von der Murmanbahn. Nach den Berichten eines Torgauer Husaren. 8. Tausend. Geh. 2 M., in Pappband geb. 2,50 M.
»Dieser Roman eines Torgauer Husaren ist wahrhaftig die beste Abenteuergeschichte, die ich kenne: ganz einfach erzählt und dabei doch fabelhaft eindrucksvoll.«
Fedor v. Zobeltitz.
»Das schöne Buch hat alle Anwartschaft, ein Volksbuch zu werden.«
Carl Busse.
»Am herrlichsten seit langem dünkt mich ‚Die Flucht von der Murmanbahn‘. Wie frisch, wahr, tüchtig! wie ist man dabei und leidet und hofft und bangt mit! Und wie ist einem das Fensterlicht tief unten an der norwegischen Küste dann selbst eine wahre Erlösung! Eine ähnliche Natürlichkeit in Nerv und Seele findet man fast nie in den ähnlichen abenteuerlichen Werken.«
Heinrich Federer.
Heinrich Wolfgang Seidel, Die Varnholzer. Ein Buch der Heimat. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.
Heinrich Wolfgang Seidel, der Sohn des Leberecht Hühnchen-Dichters, der sich durch seine Novellen »Der Vogel Tolidan« und »Ameisenberg« bereits einen anerkannten Namen in der Literatur erworben hat, tritt hiermit mit seinem ersten Roman hervor, einem sehr liebenswürdigen Buche, voll von Reizen der Stimmung und dichterischer Anschauung, voll Witz und Laune und liebevollem Eingehen auf das Seelenleben der betrachteten Menschen.
Die Varnholzer sind der Freundeskreis des Anwaltes Varnholz, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Mittelpunkt dieses Buches steht. Er zieht in den Kampf gegen Rußland, wird gefangen und gewinnt nach abenteuerlicher Irrfahrt die Heimat aufs neue. Dennoch ist die Erzählung weniger eine Darstellung kriegerischer Vorgänge, als der Versuch, in anschaulichen Bildern die Erlebnisse der deutschen Seele widerzuspiegeln. Eine Fülle von Gestalten erlebt Frieden und Krieg, und jede offenbart ein Stück deutschen Wesens. Heitere und tragische Züge sind miteinander ausgeglichen, der Schauplatz wechselt vielfach, und der Leser wird geführt durch Weltstadt und ländliche Gemeinschaft, nach Weimar ebenso wie in die polnische Öde. Das Erleben der Kleinstadtbürger und der Künstler, der dumpfen Masse und des einzelnen Kulturträgers, der Wagemut des Mannes und die betende Geduld der Frau, Kinder-Weihnachten und die Irrwege der in Selbstsucht Strauchelnden, die grenzenlose Liebe zum Vaterland, aber auch die Vision Christi, dessen Erbarmen den Menschen sucht, – alles das vereinigt sich in einem Akkord und läßt doch jeder Erscheinung ihre eigene leidvolle oder triumphierende Stimme.
Heinrich Wolfgang Seidel, Der Vogel Tolidan. Neun Novellen. Geh. 3 M., geb. 4,50 M.
Inhalt: Der Vogel Tolidan – Engelmann – Advent – Die Königsprobe – Arm Wendelin und die schöne Susanne – Die Bibliothek des möblierten Herrn – Ein Ferientag – Herrn Honolts Abenteuer – Die Ballspielerin.
Heinrich Wolfgang Seidel, Ameisenberg. Die spanische Jacht. Zwei Novellen. Kart. 1,80 M., geb. 2 M.
Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere Anmerkungen:
- Der Abschnitt "Bücher von Ludwig Ganghofer:" wurde vom Anfang des Buchs an das Ende verlegt, vor die sonstigen Verlagsanzeigen.
- In "Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf den ersten Blick." stand "Fähnlen" statt Fähnlein.
- In "Ihr wollt doch wohl nicht sagen: ‚In der ersten‘?" fehlte das schließende einfache Anführungszeichen. Dies wurde nach Sinnzusammenhang hinter "ersten" ergänzt.
- Im Abschnitt "Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller" stand im Original, wenn die Liste der Werke eines Schriftstellers über einen Seitenumbruch ging, am Anfang der neuen Seite noch einmal dessen Name. Dies wurde ersetzt durch die Form "– –," welche auch sonst anzeigt, dass das nächste Werk von demselben Autor stammt.