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Das große Jagen

Chapter 5: Kapitel IV
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About This Book

Set in an eighteenth-century alpine market town, the narrative follows intertwined local lives as private grief, religious devotion and communal mistrust simmer behind closed doors. Close, atmospheric scenes introduce a converted physician haunted by past violence, an aging yet lively priest and a devout young woman, whose interactions expose class tensions, hypocrisy and uneasy solidarities. The work alternates intimate domestic drama with vivid winter landscapes and municipal detail, using episodic episodes to examine how fear, compassion and secrecy shape daily existence and local power relations.

In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen. »Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste ist noch munter.«

Simeon schwieg.

Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: »Hast du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße Mitternachtsfährten! Und der Allergnädigste trägt die Unkosten. Maîtresse en titre heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet, der allen Lebensdreck in eine höfische Fineß verwandelt. Wer's von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen, die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei, den ganzen Jägerschwindel à la mode und das ‚Große Jagen‘ auf die haufenweis zusammengehetzte Kreatur – Mensch oder Vieh!« Der Pfarrer verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte. »Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfaß voll Heuchelei und Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem deutschen Acker?«

Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere Schritte.

Ein bißchen lachend, zürnte der Pfarrer: »Allweil bist du wie eine Maus. So scheu, so flink, so lautlos.«

Simeons Stimme war wie ein Hauch. »Der Schnee verschärft jeden Laut. Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.«

»Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat.«

Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Häuserzeile entlang, die im schwarzen Mondschatten lag. Außerhalb des Dunkels funkelte der Schnee im bleichen Licht, und die weißen Mauern der anderen Häuserseite sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich schieden, reichten sie einander die Hände. Jeder flüsterte die zwei gleichen Worte: »Mensch bleiben!« Dann der Pfarrer: »Das wird mich nit schlafen lassen heut.«

»Die Sorg um den Niklaus?«

»Auch. Und was du uns fürgelesen hast.«

Nun lächelte Lewitter. »Du hast doch gesagt, dich rührt's nit an.«

»Ob das allweil so ist? Bei den neuen, tiefen Gedanken? Es ist wie ein Funken, den man nit fallen spürt in sich. Und gählings wärmt er und wird ein Feuer, das leuchtet! – Ich will mir's heut in der Nacht noch aufschreiben. Guten Morgen, mein Simmi!« Lautlos ging der Pfarrer durch den funkelnden Schnee davon. Lewitter zappelte in die enge Gasse hinein, in der nur die Giebel noch Mondschein hatten. Nun schrak das Männchen heftig zusammen, weil es auf der Steinschwelle seiner Haustür ein zusammengekrümmtes Mannsbild sitzen sah. »Wer bist du? Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!«

Der junge Bauer antwortete, vor Frost mit den Zähnen schnatternd: »Von nun an bis in Ewigkeit, Amen! Der Christl Haynacher bin ich.«

Lewitter schien aufzuatmen. »Kommst du wegen deines Weibes?«

»Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim Feldscheer gewesen. Der hat nit raus mögen aus dem warmen Bett. Aber das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen.«

»Ich komme gleich.« Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff er leis, und die Tür öffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur, in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerüchen einer Apotheke und eines Gewürzlagers. Hinter ihm wurde die Tür verriegelt. »Eil dich, Lena,« flüsterte Simeon in das Dunkel, »hol mir die braune Tasch!« Während er über eine steile Stiege hinaufhastete, glänzte ein matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Türe schob Lewitter die Füße in zwei große Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war.

Ein großer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken Innenläden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten Glastulpe umhüllt war. Zierliche Stühlchen und ein Tisch, an dem die eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengerät, Haubenstöcke und Kochgeschirr, ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel, ein kleiner Webstuhl und ein Gewürzmörser. An den Wänden waren hohe Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angeräumt, daß die Stube fast aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude.

Während Lewitter in dem roten Lampenlichte huschend umherging und alles Nahe mit zärtlicher Hand berührte, brannte in seinen Augen eine dürstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Glätte verloren und war durchwühlt von einer schmerzenden Erschütterung. So oft er diese Stube betrat, seit fünfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde das Glück in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer mußte er jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorübergetaumelt war und unter den Fäusten wahnwitziger Menschen geschrien hatte: »Ich glaube, ich glaube, ich laß mich taufen!«

Müd und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Stühlchen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen, saß unbeweglich und fuhr erschrocken auf, wie geweckt und gerüttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend ließ er die Augen hingleiten über das verstaubte Spielzeug, hatte wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lächeln, murmelte ein Segenswort seines unverlorenen Väterglaubens und verließ die Stube. Als er die Treppe hinunterstieg, erlosch das Licht im Flur. »Hast du die braune Tasch?« Er fühlte sie vor seinen Händen und trat in den Schnee hinaus. »Komm, Christl!«

»Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!«

Simeon lächelte. »Heut sagst du: ‚Guter Herr!‘ Am Weihnachtsabend, wie ich auf vereistem Weg an dich angestoßen bin, da hast du ‚Saujud‘ gesagt.«

Verlegen stammelte der junge Bauer: »Ein Mensch im Ärger ist dumm. Mein armes Weibl wird's nit entgelten müssen. Selbigsmal, am heiligen Abend, hab ich einen schiechen Verdruß hinunterschlucken müssen. Ein Mensch, der Unrecht leidet, wird allweil ein Lümmel.«

Die beiden überschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach entgegen. Die beiden mußten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften. Der junge Bauer, ärgerlich über den Aufenthalt, knirschte zornig vor sich hin: »Gescheiter, er tät den Unsichtbaren nachspringen, eh daß er einem Gutgläubigen den Weg verstellt. Wie ich heraufgelaufen bin, ist überall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch allweil blinde Augen.«

»Die brauchst du ihnen nit zu öffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist mit deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, daß sie gesegnet ist. Wär's an der Zeit mit ihr? Hat dich die Hebmutter geschickt?«

Der junge Bauer schüttelte den Kopf. »Ich bin selber gelaufen, aber ich weiß nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin –«

Lewitter wiederholte rasch: »Die Hasenknopfin?«

Zögernd sagte der junge Bauer: »Wohl! Die Hebmutter von Unterstein.«

»Dein Lehen gehört zum Markt. Warum mußt du die Hebmutter von Unterstein haben?«

»Die vom Markt,« erwiderte Christl scheu, »die mag mein Weib nit. Es ist ein Kreuz, Herr!«

Mehr brauchte Simeon nicht zu hören. Nun wußte er, daß die Haynacherin eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter nicht berühren ließ. »Dein Weib muß leiden?«

»Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist wie unsinnig gewesen.«

»Ein natürlich Ding, Christl!«

Wieder schüttelte der junge Haynacher den Kopf. »Vor anderthalb Jahren hat mir meine Martle ein Bübl geboren. Sie sagt, da wär's anders gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wär schon drei Wochen über die Zeit. In mir ist eine Angst –«

»Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?«

»Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt.«

»So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, daß du kochendes Wasser hast, bis ich komme.«

Der Bauer fing zu rennen an, daß ihm der schnellste Läufer des Fürstpropstes nicht nachgekommen wäre. Diese straffe, gesunde Gestalt, die noch was Jünglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Halse weg, und das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt. So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der gutgläubige Christl Haynacher mußte seine Martle, obwohl sie eine Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die Dampfwolken, die das Frauenreuther Salinenhaus umdunsteten. Über eine Holzbrücke hinüber, durch ein kleines Gärtl und in das niedere Haus. »Tu dich getrösten, Martle!« rief er atemlos in die Schlafkammer, in der das stöhnende Weib die Hände nach ihm streckte. »Gleich kommt der Jud. Der ist geschickter als der Feldscheer. Jetzt muß ich zum Herd. Der Jud will haben, daß ich Wasser sied.« Er sprang zur Küche.

Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, daß der Mann eine falsche Pfanne nehmen könnte. Angstvoll schrie sie ihm nach: »Nit das neue Kupferpfändl. Das müssen wir aufheben fürs Kind. Nimm den alten Blechhafen!«

Christl dachte: ‚Sie sieht nit, was ich nimm.‘ Er haßte das kommende Kind, das sein Weib so schreien machte in Schmerzen, und für seine Martle war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wär' eine silberne im Haus gewesen, der Christl hätte sie genommen. Eine Minute, und das Feuer züngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing darüber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes springen. Am Türpfosten zwischen den beiden Wohnräumen hing eine qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das Bübchen schlief; es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart des Vaters als Perücke zu tragen. Christl warf einen zärtlichen Blick auf das kleine Bürschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses neue kommende Leidwesen, das er haßte. Als er hineinsprang in die kleine Kammer, die nicht viel größer war als das plumpe Doppelbett, kam er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die verkrampften Hände zu lösen. Seine Nähe schien sie ruhiger zu machen. Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeißend, umklammerte seine braunen Fäuste. Ihr hübsches Gesicht war entstellt, und das wirre Blondhaar hing um die von Schweiß überglitzerten Wangen. Kaum verständlich stöhnte sie: »Mann, ach Mann, ich tu nit gebären, ich glaub, daß ich sterben muß.«

Er bettelte: »Herzweibl, magst du nit ein bißl christliche Besinnung haben? Magst du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen Helfern?«

Heftig wehrte das Weib: »Sterben, wenn's sein muß. Nit lügen! Täten die Soldaten Gottes kommen, jetzt tät ich es sagen, daß ich eine Unsichtbare bin.«

Er klagte in Gram und Zorn: »Der Himmel tut dich büßen. Not und Elend will kommen über uns, weil du weit bist von meinem Herrgott und dich versündigst am rechten Glauben.«

»Elend und Not kommt über mich, weil du fern bist von meiner Seligkeit. Du bist so weit von mir – schier sehen dich meine Augen nimmer.« Nach diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual.

Nicht dieser Schrei erschütterte ihn. Was ihm das Herz bedrückte, war der Blick der Liebe, der nach ihm dürstete aus ihren verstörten Augen. Wie ein Wahnwitziger keuchte er: »Schick mich den Höllenweg! Ich tu's, Martle, nur daß ich dich nimmer leiden seh! Soll ich dir einen holen von den Deinigen? Daß er dich tröstet?«

Sie zog seine Hände an ihren Hals. »Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, haben mich verstoßen. Von den anderen, die meine Geschwister sind in Gott, därf ich keinen beim Namen nennen. Magst du mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradiesgärtl und tu mir's unter das Kissen legen. Dann ist mir leichter.«

Christl sagte wie ein Gefesselter: »Ich tu mich versündigen für alle Ewigkeit. Wo hast du das Büchl?«

Sie spähte gegen die Stubentür und lauschte. Dann zog sie ihn an sich und flüsterte an seinem Ohr: »In der Milchkammer steht die Kleienkist. Tief mußt du unter die Klei hinuntergreifen. Ganz unten ist das Mehlsäckel versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben Lodenfleck sind drumgewickelt.« Ihre Augen begannen zu glänzen. »Da drinnen ist das heilige Büchl.«

»Martle, ich muß es bringen.« Er sah ihr in die glücklichen Augen. So hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rotgesattelten Brautschimmel. Und während er hinaustaumelte durch die Stube, raunte er wie ein Verzweifelter: »Im Mehlsäckl! Jetzt hat sie's im Mehlsäckl. Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem gottverfluchten Teufelsgut!«

Als er das Buch – das evangelische Paradiesgärtlein des Johann Arndt – gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, mußte er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und sein Weib in Freude die Hände strecken sah, das quälende Gefühl: daß er nicht hätte beschimpfen sollen, was seinem Weibe heilig war. Sie selber schob das Buch unter das vom Schweiß ihrer Schmerzen durchnäßte Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hände und sprach mit lächelnder Innigkeit die leisen Worte: »Vergeltsgott, du Lieber! So viel wohl ist mir jetzt. Gott verlaßt die Seinen nit, die zu ihm stehen in Treu und Redlichkeit.« Während Christl stumm sein lächelndes Weib betrachtete, als geschähe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: »Martle! Die Hilf ist da!« Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschälen und auf dem Herd die Hände in heißem Wasser zu waschen.

Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zündete, während er freundlich zu der Leidenden redete, eine hellbrennende Kerze an. Dann schloß er die Türe. Christl mußte in der Stube bleiben. In qualvoller Erwartung saß er auf der Ofenbank. Um einen Trost für sein hämmerndes Herz zu haben, nahm er sein Büberl aus der Wiege und sang mit erwürgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem festen Kinderschlafe gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des Liedes stammelte er seine Stoßgebete, immer eines, mit dem er die Heiligen um Hilfe anbettelte für sein leidendes Weib, dann eines, mit dem er Gott um Verzeihung bat für die Todsünde, die er durch Förderung der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da öffnete Lewitter die Kammertür. Er schien erregt zu sein. »Ich hab deinem Weib was geben können, was die Schmerzen lindert. Aber man muß die Hasenknopfin holen. Allein möcht ich auch nit bleiben. Kannst du nit einen Nachbar drum anreden, daß er zur Wehmutter geht?«

»Wohl!« Christl preßte die Wange an das schlafheiße Gesicht seines Bübchens und legte das Kind in die Wiege. »Ich spring, was ich springen kann.« Durch den Schnee und über den Zaun hinüber. In dem Haus, an dem er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das auch solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? Über die Straße zum nächsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte in der Fensterluke: »Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus.«

»Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin.«

»So mußt du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.« Der alte Bauer schloß das Fenster und sagte in der Stube zu seinem Weib: »Jetzt muß der Haynacher auch nimmer rechtgläubig sein. Er hat den Fegfeuergruß versagt.« Christl hatte der gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und während er sich besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte Christl den Jäger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem Radmantel. »Jesus, Christbruder, was hast du für einen Weg?«

»Zum Königssee.«

»Gott sei Lob und Dank. Da mußt du durch Unterstein. Magst du nit der Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst du es tun?«

»Gern, Bauer!«

»Vergeltsgott tausendmal!« Das sagte Christl, während er schon davonsprang. Dann fiel ihm ein, daß er den Ablaßgruß vergessen hatte. Im Springen schrie er über die Schulter: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er durch den Mondschein, aufwärts an der Ache. Der Schnee knirschte unter seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Sümpfen kam, an ihm vorüber und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder zu offenem Feld, kam zu den ersten Häusern von Unterstein. Das Haus der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Straße. Leupolt pochte. Es rührte sich was in der Stube, das Fenster wurde geöffnet, und eine leise Mädchenstimme fragte: »Was willst du?«

»Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen.«

Ein mißtrauische Zögern. »Die Mutter ist auswärts.«

»Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?«

Das Mädel schwieg, weil es den Jäger im dunklen Mondschatten nicht erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flüsterte: »Es ist ein heilig Ding. Ist deins und meins. Tu reden, Schwester!«

»Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen müssen.«

Leupolt sprang über die Straße, hastete den verschneiten Wiesenhang hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bäumen nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weißes Leinenbündel heraus, schlüpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte den Sack, das Hütl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bäumen vernahm er das Schnalzen eines Eichhörnchens – das Wächterzeichen. Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in dieser weißen Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. Überall wanderten die Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hören.

Die geschulte Jägerei des Stiftes zählte in ihren Bezirken jedes hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. Doch unter den fürstpröpstlichen Jägern wußte nur Leupolt Raurisser, wie viele Eichhörnchen in den Berchtesgadnischen Wäldern schnalzten.

Kapitel IV

Auf der Waldlichtung lag ein Bauerngehöfte, still, mit schwarzen Balkenmauern unter dem weißen Schnee. Kein Laut, keine Spur von Leben. Viele Schrittfährten waren durch den frischgefallenen Schnee getreten, gegen das Gehöfte hin. Leupolt klopfte an der Haustür, dreimal und einmal. Die Tür wurde lautlos aufgetan; eine Hand faßte im finstern Flur den Jäger am Arm und zog ihn durch ein enges Gängelchen. Warmer Stallgeruch quoll ihm entgegen, und als er die feuchte Holztür öffnete, war ihm ein Dunst vor den Augen, als träte er in eine Waschküche mit dampfendem Kessel. Das matte Licht einer trüben Laterne. Damit auch von dieser schwachen Helle kein Schimmer hinausfiele ins Freie, waren die zwei kleinen Fenster dick angestopft mit Heu. Die Hennen glucksten leise in ihrer Steige, zwei Ferkelchen quieksten in einer Bretterkiste, und drei Kühe und zwei Kälber, die enggedrängt an der Futterkrippe standen, rasselten mit ihren Ketten, drehten die Köpfe hin und her und schnaubten. Aller übrige Raum des Stalles war Schulter an Schulter angefüllt mit Leuten, die entlang der Mauer standen oder auf Strohgarben saßen. Alle waren in das gleiche weiße Schneekleid eingehüllt, wie es Leupolt trug, alle hatten die Kapuzen mit den dunklen Augenlöchern über den Köpfen. Inmitten des heiß atmenden Menschenknäuels saß auf dem Melkschemel eine gebeugte Mannsgestalt, unter deren Kapuze ein weißgrauer Bart herausquoll. Das war der Fürsager, der Älteste der versammelten Gemeinde, die noch nie einen Prediger ihres Glaubens gehört hatte. Auf den Knien hielt der Alte das heilige Buch, das der Erwecker ihrer Seelen war, die Quelle ihrer Sehnsucht und die Stillung ihres Zweifels.

Bei Leupolts Eintritt war Schweigen im Stall. Nur die Raschelgeräusche der Tiere. Und alle dunklen Augenlöcher der weißen Kapuzen drehten sich gegen den Jäger hin. »'s Gotts Willkommen!« grüßte der Fürsager, als die Tür wieder geschlossen war. »Bringst du Botschaft, Bruder?«

Leupolt erhob die Hand. »Ist eine unter euch, die man nötig hat zwischen Wehbett und Wieg? Sie muß zur Schwester Martle kommen, gleich.«

Von den weißen Gestalten erhob sich eine, küßte fromm das heilige Buch, das der Fürsager auf den Knien liegen hatte, und verließ den Stall. Wieder das Schweigen, bis die Tür sich geschlossen hatte. Dann sagte der Alte mit seiner sanften Stimme: »Ein Kindl will eintreten ins Elend der Zeit. Lasset uns hoffen, daß ihm der Heiland den rechten Lebenstrost hineinhaucht ins auflebende Herzl.« Alle Köpfe senkten sich, jedes Händepaar klammerte sich vor der Brust ineinander. »Jetzt redet weiter, Leut! Wer ein Unrecht erfahren hat, soll's fürbringen vor dem heiligen Buch. Wissen, daß wir alle leiden müssen ums Himmelreich, das kräftet die Wehleider und die Schwachmütigen!«

Einer, mit heißer Erbitterung in der Stimme, rief aus dem Kreis heraus: »Weil ich verdächtig bin und bei einer gutkatholischen Näherin ein Hemmed hab nähen lassen, bin ich gestraft worden um vier Gulden, därf kein Hemmed mehr am Leib haben und muß nackig unter dem Kittel gehen.«

Ein Weib knirschte zwischen den Zähnen: »Ich bin ums Betläuten in der Kuch gesessen und hab Butter gerührt. Da braucht man zwei Händ dazu. Ein Musketier ist gekommen: ‚Weibsbild, warum hast du nit den Rosenkranz in der Hand?‘ Ich sag: ‚Weil ich bloß zwei Händ hab, nit drei.‘ Da hat er mich viermal ins Gesicht geschlagen. Der Unchrist!«

Mühsam erhob sich ein alter Mann: »Mich hat einer angezeigt, ich weiß nit wegen was. Man hat mich ins Loch geschmissen, daß ich nimmer Sonn und Mond gesehen hab. Am neunten Morgen haben sie mich auslassen. Und wie ich gefragt hab, was ich verbrochen hätt, da hat mich der Bußknecht aus dem Stiftshof hinausgestoßen und hat mir nachgebrüllt: Du Schafskopf, bist du neugieriger, als wir sind?«

Mit Tränen in der Stimme sagte eine Frau, die Wittib war: »Am Sonntag hat meine Kuh gekälbert. Drum hab ich die Predigt versäumen müssen. Das hat fünf Gulden gekostet. Sieben Kreuzer sind mir auf Brot für die Kinder geblieben.«

»Mein Nachbar,« sagte einer, »hat dem Pfleger verraten, ich hätt das evangelische Paradiesgärtl bei mir versteckt. Die Soldaten haben umgewühlt in meinem Haus wie die Säu. Einer hat gemeint, ich könnt das Buch unter dem Fußboden haben, und da hat der Schweinkerl in meiner sauberen Stub sein Wasser abgeschlagen, daß es hineingeronnen ist in die Bretterklumsen. Wär das heilige Büchl da versteckt gewesen, so hätt ich dreinschlagen müssen in meinem Zorn und wär ins Eisen gekommen.«

Eine gellende Mädchenstimme, die sich anhörte wie der Aufschrei einer Fieberkranken: »Sie haben in der Weihnächtswoch den Schaitbergischen Sendbrief in meinem Bett gefunden. Bis gestern bin ich im Bußloch gelegen.« Mit zuckenden Händen riß das Mädel am Hals den Latz des Mieders auseinander, daß man die blutunterlaufenen Male der Faustschläge sehen konnte. »Leut! Schauet mein junges Brüstl an! So haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet.«

Unter der zornknirschenden Bewegung, die über die weißverhüllten Köpfe hinging, bedeckte der Fürsager mit dem heiligen Buch die mißhandelte Blöße des Mädchens. »Im hohen Lied des Königs Salomo steht: Wie schön sind deine Brüstlen, sie sind wie Elfenbein! – Tu nit schreien, liebe Schwester! Augen, die aufschauen zum Heiland, müssen sein wie Taubenaugen!« Er ging zurück zu seinem Schemel. »Wer muß noch klagen?«

Schrillend rief eine Stimme. »Wär's noch allweil nit genug? Gibt's keinen Helfer auf Erden? Hilft da der deutsche Kaiser nit?«

Ein hartes Mannslachen. »Die Salzburger haben Hilf gesucht beim Kaiser. Da hat er dem Bischof wider die Evangelischen sechstausend Soldaten als Helfer geschickt.«

Wieder jene gellende Mädchenstimme: »Du Kaiser im Untersberg! Steh auf! Laß deinen Bart nit länger wachsen! Ist lang genug! Steh auf und hilf! Es ist so weit, daß die deutsche Welt verzweifelt.«

»Schwester, tu nit die Ruh verlieren!« mahnte der Fürsager. »Uns helfen die Fürsten nit, uns hilft nit das alte Märlein von der guten Zeit, die im Untersberg versunken ist. Uns hilft nur Einer. Der hat mir ein gutes Sprüchl eingegeben:

Ich trau auf Jesu Huld,

So wird sich's finden.

Stillhalten und Geduld

Kann alls verwinden.«

Da konnte Leupolt nicht länger schweigen. »Fürsager, du redest, wie's den Müden um die Seel ist. Wir Jungen spüren es anders. Geduld ist ein heiligs Wörtl. Aber Stillhalten ist ein unmännliches Ding. Mit Stillhalten findet kein Menschenfuß zu gutem Weg, mit Stillhalten geht der beste Wagen nit fürwärts, mit Stillhalten bringen wir die unsichtbare Kirch der Freiheit nit entgegen. Es muß einmal ein End haben mit dem Ducken und Schweigen, das dem Glauben an Gottes Wahrheit zuwider ist.« Viele Stimmen, mit Beifall oder Abwehr, fuhren ihm in die Rede. Er reckte sich im weißen Schneekleid, und immer wärmer klangen seine Worte: »Leut! Mit unserem mutigen Glauben ist die mutlose Furcht gemenget, wie im Müllersieb das Mehl mit den Kleien. Muß nit bald der Schüttler kommen, daß die Kleien im Sieb bleiben und das Mehl in den Kasten fallt? Hat nit jeder von uns Unsichtbaren schon gespürt in seiner Seel, daß er Unrecht tut? Den Rosenkranz um die Hand wickeln, die Faust in den Weihbrunnkessel tunken, unredlich im Beichtstuhl reden, sich begnügen mit Christi Leib und sein heilig Blut entbehren, niederfallen vor einem hölzernen Bildstöckl, das uns nit heilig ist – alles, was wir tun, um die Seel vor Musketier und Kaplan zu verstecken – ist das ehrlich und evangelisch, Leut? Ich mag da nimmer mittun. Ich bin dafür, daß sich die Unsichtbaren sichtbar machen. Die Wahrheit ist ein grüner Stecken, an dem ein jeder sich aufrichten kann. Und in der letzten Neumondnacht hat uns der Fürsager auf dem Toten Mann das Heilandswort gelesen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.«

Tiefe Erregung erfaßte die Herzen der anderen. Unter lärmendem Wortgewirre drängten alle Weißverhüllten gegen den einen hin, der so geredet hatte.

»Es ist nit so, daß ich euch was einreden möcht,« sprach Leupolt weiter, »ich sag halt, was ich mir denk. Ich kann's nimmer mitmachen. Jetzt geht es ins vierte Jahr, daß die Unsichtbaren leiden unter der Seelenprob, die der römische Bischof Benedikt erfunden hat. Grüßen muß man: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie! Und sagen muß man drauf: Von nun an bis in Ewigkeit Amen.«

Einer lachte zornig: »Jesus Christus, die Heilandsmutter und das ewige Leben? Sind das nit heilige Wörtlen? Warum soll man söllene Wörtlen nit sagen können?«

»Weil der römische Bischof einen Sündenablaß auf seinen Scheidwassergruß gesetzt hat: daß jeder, der so grüßt, um 30 Wochen früher aus dem Fegfeuer käm! Das geht wider unseren Glauben. Ein Fegfeuer gibt's nit. Jeder von uns, der so grüßt, befleckt seine redliche Seel mit einer gottswidrigen Lug. Und es ist nit das allein. Der Gruß ist ein Grausen worden für jeden Rechtschaffenen. Das ist ein Gruß, der Tag für Tag geschändt und verschumpfen wird. Kommt ein Kartenbruder ins Leuthaus: Gelobt sei Jesus Christus! Jeder Besoffene hebt seinen Krug mit dem Wörtl: Gelobt sei Jesus Christus! Packt ein Schmierfink ein Mädel bei der Kittelfalten, so tut er's mit Gelobt sei Jesus Christus!«

Jene gellende Mädchenstimme: »Jedes Blutmal auf meinem Brüstl ist ein Gelobt sei Jesuchrist gewesen!«

In dem schweratmenden Schweigen, das diesem Zornschrei eines gemarterten Lebens folgte, sprach der Jäger mit ernster Ruhe: »Schon seit dem Sommer hat das Gewissen in mir geredet. Ich kann nimmer lügen. Es geht mir gegen den Herzfrieden. Soll's kommen, wie's mag. Glück oder Elend, von heut an will ich den Gruß nimmer sagen, und grüßt mich einer, so geb ich die Antwort nit.« Leupolt legte die rechte Hand auf das heilige Buch. »Ich tu's geloben.«

Viele weiße Arme streckten sich nach ihm. Ein Verhüllter schrie dazwischen: »Nit, nit, ums Himmels willen, ihr Leut! So haben's vor dritthalb Jahr die Salzburger angehoben. Dreißigtausend hat der Bischof aus seinem Ländl hinausgeschmissen. Das beste Höfl, das drei, vier Tausend wert ist, hat man aufgeschrieben mit fünf, sechs Hundert, eine milchende Kuh mit vierthalb Gulden, ein jähriges Kalb mit 40 Kreuzer. So hat man die evangelischen Wanderleut betrogen um Gut und Blut, hat zwischen Mann und Weib eine Mauer geschoben, hat dem Vater oder der Mutter die Kinder von der Seel gerissen!« Mit beiden Fäusten packte der Aufgeregte seine Brust. »Mein gutes Weibl ist römisch blieben, man tät mir die Kinder nehmen. Die laß ich nit. Mein Haus und Acker ist mir als wie mein Herzfleck. Müßt ich hinunter zum luthrischen Sand und tät keinen Berg mehr sehen, ich wüßt nimmer, wie ich noch schnaufen könnt. Es geht nit, Leut! Fürsichtig bleiben ist besser.«

Leupolt legte ihm die Hand auf die Schulter. »Meinst du, das wär schlechter: sich aufrecken zur Redlichkeit?«

»Tu mich auslassen!« Der Erregte schüttelte in Zorn die Hand des anderen von sich ab. »Hast du Weib und Kind? Hast du Acker und Haus? Wieviel verlierst denn du mit der Redlichkeit? Bist du ein Naderer[A], der die Fürsichtigen verhetzen will?« Manche von den Unsichtbaren hatten den Leupolt Raurisser an der Stimme erkannt. Sie schalten den aufgeregten Widersacher um des bösen Wortes willen. Aber andere, die nicht wußten, daß es der Leupolt war, wurden mißtrauisch: »Was bist denn du für einer? Wer reden will wie du, muß sichtbar sein!«

Leupolt streifte die weiße Kapuze über den Scheitel zurück: »Meine Brüder im Heiland! Arg evangelisch habt ihr jetzt nit geredt. Evangelisch sein, heißt glauben und trauen.«

Jetzt schrien ihm alle freudig zu. Und die Jungen, ob Buben oder Mädchen, zerrten die weißen Kappen von ihren Köpfen und zeigten die erhitzten Gesichter mit den blitzenden Augen. Was der Leupolt tat, das konnte man nachmachen ohne Sorge. Auch der Aufgeregte wurde ruhiger. Er enthüllte wohl die Augen nicht, streckte aber dem Jäger die Hand hin und sagte herzlich: »Tust du mir mein fürschnelles Wort verzeihen?«

»Gern.« Leupolt faßte die Hand des anderen. »Jetzt weißt du, wer ich bin. Ich hab nit Haus und Acker, nit Weib und Kind, nit Kälbl und Kuh. Aber Vater, Mutter und Brüder hab ich. Da wird eine Mauer wachsen, die nimmer fallt. Was Berg und Heimat heißt, das ist mir tiefer im Herzen als Blut und Leben.« Der Blick seiner glänzenden Blauaugen irrte ins Leere. »Auch hat ein schönes Glück vor meiner Seel gehangen. Das muß ich verlieren. Um der Wahrheit wegen, an die ich glaub.«

Noch tiefer als der Sinn dieser Worte griff der Klang seiner Stimme in die Herzen der anderen. Ein schweres Schweigen. Dann mahnte der Fürsager: »Was uns der Leupolt hat raten müssen, das reden wir heut nit aus. Da muß man in der Neumondnacht auf dem Toten Mann die Alten hören. Und jetzt zum Heimweg soll Einer reden, der's besser kann als ich.« Er hob das Buch in die trübe Laternenhelle und las in seiner sanften langsamen Art die Worte der Bergpredigt. Alle Köpfe waren geneigt, jede Seele lauschte in dürstender Sehnsucht. Die Hennen glucksten in der Gattersteige, die Kühe schnaubten an der Krippe und rasselten mit den Ketten. Dann fingen die Sichtbaren und die Unsichtbaren mit versunkenen Stimmen zu singen an:

»Ein feste Burg ist unser Gott,

Ein gute Wehr und Waffen –«

Als das Lied zu Ende war, griff der Fürsager in ein Faß, das an der Mauer stand, schöpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es den Schweigenden hin. »Zum Zeichen, daß wir alle eines Herzens und Glaubens sind.« Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten Finger in das Salz und nahm die bitteren Körner zwischen die Lippen. »Bleibet beständig und befehlt euer Leidwesen dem gütigen Heiland! Geht heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch ärger kommen.« Wer das Salz gekostet hatte, verließ den Stall. Eine von den Kühen brüllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die offene Tür.

Als Leupolt vom Waldsaum über das weiße Gehäng hinuntersprang zur Straße, trug er wieder das dunkle Jägerkleid und hatte die Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmäntelchen. Hastig schritt er neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem gefrorenen Königssee.

Das beschneite Eis der Seefläche war von Sprüngen durchzogen, und immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender Ton zu hören, als hätte man an eine große Glocke geschlagen.

Aus dem Dunkel einer Schiffhütte holte Leupolt den Beinschlitten heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorüber an der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal, daß der sausende Schlitten drüber wegsprang wie über eine ungefährliche Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht, hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des Jägers blieb unbeweglich.

Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal gesehen, aber noch nie so zauberschön wie in dieser klaren Mondnacht. Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefühl den Schönheitstraum der Erde ins Überirdische? Während der Fahrt, bei der die scharfe Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren, an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens – und der Gedanke an ein strengschönes, dunkeläugiges Mädchengesicht, um dessen Stirn wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zöpfe lagen. Daß er ein Unsichtbarer war, das wußte sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister Niklaus schwatzte nicht. Da muß es ihr wohl die Sus gesagt haben, die im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die heilige Fürsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen, in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken müssen, die nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig ins Leere glänzten. Noch siebenmal war er an ihr vorübergegangen. Von jeder Begegnung wußte er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder trüb Wetter gewesen. Am Dreikönigstag, als sie mit der Sus von der Kirche kam, hatte er das Hütl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen gesagt: »Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, tätest du zürnen –« Er hatte sagen wollen: Wenn ich werben möcht bei deinem Vater? Das hatte sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz gegangen wie ein Messerstoß.

Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? »Hab ich's mit dem ersten redlichen Wörtl unschickig angestellt?« Oder hat sie – die jeden Morgen zur Messe und oft zu ihrem Beichtiger ging – schon damals gewußt, daß er ein Bruder der Unsichtbaren war? Er herüben und sie da drüben, und zwischen ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tät dem Himmel gehören, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie glauben muß, er wär' verloren auf ewig. Mit harten Fäusten hatte er sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater heimbrachte vom Pflegeramt: »Heut kommt der Muckenfüßl über den Meister Niklaus; Gott soll's verhüten, daß der Meister verbotene Schriften im Haus hat.« Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger Herrgott, was für eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, während der ganzen sausenden Fahrt über die schwarzen Frageln, die wie Glocken läuteten, immer hatte er Luisas Stimme gehört, hatte immer wieder das Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: »Du bist das Licht nit wert, es hilft dir lügen und macht dich anders, als du bist!« Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu hören? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstörte? Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar wird, und Schimpf und Verfolgung, Buß und Schergen kommen über ihn? Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der Königssee. Ob's nicht am besten wär', hinunterzusausen durch eine von den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll über den weißen Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Sünde. »Wer Gottes ist, muß leben und tragen, muß ein fester Stecken sein für die Schwächeren! Es zählen die anderen, Mensch, nit du!« Und da war ihm, als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende Erdenschönheit in die Seele gesprungen.

Er stieg vom Schlitten, stemmte schräg den Stachelstock vor sich hin und staunte stumm hinein in das flimmerweiße, läutende Mondnachtwunder. Der weite Bogen der hohen Berge war durchwürfelt von Schimmerlicht und tiefen Schatten. Fern, am Fuß der gleißenden Wände, lagen drei schwarze Punkte im Weiß, die beschattete Kirche, der Jägerkobel und das Herrenschlößl von St. Bartholomä. Dahinter stieg das leuchtende Märchen empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen gefrorenen Sturzbäche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde, bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Männerköpfe und Frauengestalten. Droben in der höchsten Höhe mußte Föhnsturm wehen. Wie silberne Bänder, wie duftige Schleier, wie weiße Mäntel, gesäumt mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie winzige Nadelspitzen glänzten und fast verschwanden neben dem Vollmond. Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und ein Weib einander küßten mit unersättlicher Inbrunst. Ruhelos tönten und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln, die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrängte Eis entzweirissen – ein klingendes, dröhnendes Andachtsläuten der Natur, die ihren Schöpfer lobte. »Herrgott im Himmel, wie mächtig und groß bist du!« Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fäuste ineinander. Er betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost!« So hatte in der letzten Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in Ostpreußen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzählt: so hätte er den preußischen Königsprinzen Friedrich beten hören, der ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brüdern.

Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Plötzlich quoll ihm ein heißer Laut aus der Kehle. War's ein erwürgtes Schluchzen, oder ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile das leise Wort: »Ach, Mädel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau, überall bist du!«

Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwül, daß er an der Brust seinen Jägerkittel aufreißen mußte. – –

– Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten weißen Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glühten, fror ein Schlafloser, daß ihm beim Schreiben die Zähne schnatterten. Der Pfarrer Ludwig.

Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, daß unter dem schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten. Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder raschelte und spritzte ein bißchen, während sie in lateinischer Sprache ein Buchstäbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebräischen Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, für seine einsamen Stubenstunden festzuhalten versuchte, das hätte in deutscher Sprache gelautet:

»Alles Wissen und Geschehen muß dem Leben dienen, damit der Lebende des ihm möglichen Glückes teilhaftig wird. Als Anfang mußt du erkennen, Mensch, daß alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Körper, immer nennst du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und muß vollkommen sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon hätte, kann er ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fühlst du, Mensch, wie ein Tropfen fühlt, daß er ein Teil des Meeres ist. In jedem Körper ist Geist vom Geiste. Fühle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen, als Körnchen im Berge von Gottes Größe. Weil du als Teil das Ganze nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulängliches. Sei ein Suchender, und du näherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhöht deine Kraft. Wende dich ab vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfüllen. Du bist nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Straße. Vom Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne Hände.«

Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und während ihn immer wieder ein Frostschauer rüttelte, überlas er, was er geschrieben hatte. »Ob ich es richtig verstanden hab?« sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner Augen begann sich aufzuhellen. »Man muß da halt auch wieder glauben!«

Mit einem wunderlich frohen Lächeln, das seinem Warzengesicht einen kindhaften Ausdruck gab, ließ er aus der dicken Platte seines Schreibtisches ein nur fingertiefes Lädchen herausspringen, verwahrte die beschriebenen Blätter und drückte das Geheimfach wieder zu.

Hurtig, immer ein bißchen mit den Zähnen schnatternd, wickelte er den Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon barfüßig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der schöne, fast lebensgroße Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk des Meister Niklaus, an der weißen Mauer hing.

Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrönten, gütig lächelnden Antlitz empor. »Mir scheint, ich weiß ein bißl, was du jetzt denkst von mir!« Er höhlte die Hände um die Füße des Gekreuzigten. »Du Fröhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschüppel, weil er um so sehnsüchtiger ein Mensch sein möcht, je näher ihm das kommt, daß er einer gewesen ist!« Zärtlich küßte er den eisernen Nagel, der durch die Füße des Erlösers getrieben war.

Kapitel V