Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Föhn über die Berge hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehängen den Schnee zusammengebissen zu einer dünnen Kruste. Gegen den vierten Morgen begann man den lauen Südwind auch im frostigen Tal zu fühlen.
Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten kleinzerstückelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie endlose Züge kleiner Weißgestalten, die von Süden emporstiegen und da droben hinwanderten über blaublühende Leinfelder.
Dieser Gedanke kam dem Meister Niklaus, als er durch das große, schwervergitterte Fenster seiner Werkstätte zum Himmel hinaufsah. Er mußte an die Tausendscharen der Salzburgischen Exulanten denken, die aus der Heimat nach dem Norden gezogen waren. Der Freiheit, dem ungehinderten Glauben entgegen? Oder zu neuer Not, zu noch tieferem Elend? War den Stimmen zu trauen, die aus dem Pflegeramt herauskamen und sich überall im Lande lautmachten, so hatten die Salzburger ein hartes Los gefunden. Zu Hunderten waren sie auf ihren Wanderwegen siech geworden und gestorben, und jene, die den Frost und die Not des Hungers überstanden, bekamen Spott und Schimpf zu erdulden, Unrecht und Mißhandlung. Man hatte den Emigranten ihre Kühe und Pferde weggenommen, hatte ihre Wagen und Karren zerschlagen, ihre Schiffe mit Steinen versenkt, hatte die Dörfer und Städte vor ihnen versperrt und die um Erbarmen Flehenden mit Steinhagel und Flintenschüssen davongetrieben. Den Wenigen, so hieß es, die zu einem Ziel gekommen, hätte man ungesundes Sumpfgeländ oder dürren Sandboden zugewiesen, ohne Gerät und Bauholz, ohne Vieh und Zehrpfennig, ohne Beistand und Hilfe.
Jene von den Unsichtbaren, die im Berchtesgadener Lande schon ans Wandern dachten, waren vor solchen Warnerstimmen so stutzig geworden, daß sie das müde Dulden in der Heimat dem härteren Elend in der Fremde vorzogen. Dann war in der letzten Neumondnacht ein heimlicher Botschaftsträger der Salzburger zum Toten Mann gekommen, hatte das üble Gerede vom Schicksal der Exulanten widerlegt, hatte alles Schwarze in schönes Weiß verwandelt und die gelästerte Wanderschaftshölle geschildert als einen freundlichen Himmel brüderlichen Erbarmens. Was war da Lüge, was Wahrheit? Die Widersprüche waren so schwer, daß auch die Vertrauensvollsten zur Vorsicht rieten. Man durfte, sei es im Guten oder Bösen, nicht jeder umlaufenden Botschaft glauben, mußte die eigenen Augen auftun. Zwei von den Verläßlichsten hatten sich zur verbotenen Wanderschaft gemeldet, der Mann der Hasenknopfin von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies: sie wollten ihr Leben dransetzen, um die Wahrheit zu erfragen. An der Grenze hatte man die beiden nicht gefaßt; sonst wären sie auf offenem Markt schon längst am Schandbalken gehangen. Nun waren sie schon in die dritte Woche auf der Wanderschaft, auf dem Wege zur Wahrheit. Was werden sie bringen? Den Trost einer neuen Hoffnung? Oder das hoffnungslose Sichbeugenmüssen? Diese Frage brannte in den Gedanken des Mannes mit der hölzernen Hand, während er hinaufsah zu den im Blau des Himmels wandernden Weißgestalten. Fröstelnd zog er den mit Pelz besetzten Hauskittel enger um die Brust und wollte die Arbeit beginnen. Weil er die Tür gehen hörte, drehte er das Gesicht über die Schulter.
Die Sus brachte zwischen den Armen einen festen Pack Buchenscheite und ging zum Ofen.
Der Meister lächelte. »Als hättst du erraten, daß mir kalt ist! Allweil spür ich deine treue Fürsorg.«
Schweigend kniete das schlanke Mädchen beim Ofen nieder und schob ein Scheit ums andere in die rote Glut. Leuchtende Schimmerlinien säumten ihre Wange, das weißblonde Haar, die Schulter, den runden Arm und die Hüfte.
»Wie fein das ist, wenn dich die Glut so anstrahlt! Könnt ich nur auch das Holz so schneiden, wie das Feuer den lebigen Körper nachzeichnet!« Er rückte einen hohen, dreibeinigen Stuhl, der etwas Verhülltes trug, in das Fensterlicht. »Ist das Kind noch droben?«
Das Mädel, schon bei der Türe, schüttelte den Kopf. »Ums Tagwerden ist sie zur Frühmeß fort.«
Es zuckte um den bärtigen Mund des Meisters. »Statt besser, wird's allweil ärger. So blaß und seltsam, wie in den letzten Tagen, ist sie noch nie herumgegangen.«
Sus nickte. »Es muß was geschehen sein in ihr. Die halben Nächt lang hör ich sie beten. Oft ruft sie mich in der Finsternis, weil sie fürchtet, es täten böse Gespenster umgehen.«
»Gespenster? Freilich, die gehen um. Bei Tag und bei Nacht. In allen Köpfen. Kein Wunder, daß jeder Mensch nach Trost und Beistand dürstet. Ich verdenk dem Kind den ruhlosen Kirchweg nit. Es sieht so aus, als könnt sie den Schreck nit vergessen, den uns der Muckenfüßl ins Haus geschmissen. Da wird sie von ihrer Seel den Zorn über den schlechten Nachbar wegbeten wollen, der uns im Pflegeramt vernadert hat.« Wieder das müde Lächeln. »Ist sie im richtigen Beten, so haben wir ein Stündl Zeit. Seit dem Sonntag ist's mit meinem Figürl nimmer aufwärts gegangen. Ich brauch dich wieder. Magst du das Wollkleid antun und kommen?«
Mit einem Aufleuchten in den Augen ging das Mädel davon. Der Meister hob das grüne Tuch von seiner Arbeit und betrachtete das fast vollendete Werk. Auf ovaler Holzplatte war in doppelter Spannenlänge aus rotem Wachs ein Hochrelief herausgebildet: die Verkündigung, die Gottes Engel der Maria bringt. Aus den Lüften niederschwebend, reicht er der Auflauschenden die Rose über die Schulter herab. Zwischen den Flügeln, die straff gespreitet sind – so, wie Falken die Flügel stellen, wenn sie nach steilem Stoßflug sich niederlassen auf einen Baumwipfel – neigt sich der von Locken umfallene Engelskopf heraus, an dessen Antlitz der Meister die strenge Schönheit seines Kindes nachgebildet hatte, mit einem keuschen Zug ins Knabenhafte. Nur der Kopf, die Arme und Schultern des Engels mit den Schwingen wachsen plastisch aus der Holzplatte; von den Flügeln nach abwärts wird die Gestalt immer unkörperlicher und verschwindet unter dem Faltengewoge des Gewandes, das im Sturme zu flattern scheint und überrollt ist an allen Säumen. Im Gegensatz zu diesem Auslöschen alles Körperlichen hebt sich der schlanke, schwellende Mädchenleib der auflauschenden Jungfrau um so irdischer aus dem Bilde. Neben dem Webstuhl, von ihm abgewendet, sitzt Maria auf einem Schemel, die linke Hand noch am Weberschifflein, die rechte in Ergebung ausgestreckt zu einer innigen Geste des Empfangens. Dieser Körper lebte, hatte Atem, hatte Blut und Fleisch. Die schmiegsamen Falten des zarten Gewandes verrieten ihn mehr, als sie ihn verhüllten. Dazu ein fremdartig berührendes, kühl stilisierte Köpfchen, wie herausgenommen aus einem anderen Bilde und auf diesen Hals gesetzt, zu dem es nicht gehörte. Beim Beginn der Arbeit hatte Niklaus im Antlitz der Maria die Erinnerung an die Züge seines Weibes nachzubilden versucht, das vor Jahren aus Schreck über den verstümmelten Arm ihres Mannes gestorben war. Als Luisa das neue Werk des Vaters zum erstenmal betrachtete, sagte sie in ihrer strengen Weise: »Vater, das Gesichtl der Gottesmutter schaut nit himmlisch genug.«
»So ist der Blick und das gute Lächeln deiner Mutter gewesen.«
»Wie das gewesen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, das Gesichtl der Gottesmutter ist unheilig. Das darfst du nit dreinschauen lassen wie beim Heimgart im Ofenwinkel. Du mußt es schauen lassen wie in seliger Gottesnäh.«
Dem Kind zuliebe hatte der Meister geändert und verhimmelt, bis das Köpfchen verdorben war. Der strengen Prüferin gefiel es jetzt, für den Meister war es ein Makel, der ihm die Freude an seinem Werk verbitterte. Er war in die unzufriedene Musterung so versunken, daß er die Tür nicht gehen hörte. Die Schritte der Sus waren lautlos, ihre Füße nackt. Anstelle ihres Magdgewandes trug sie ein langes, lind gegürtetes Kuttenkleid von weißblauem Wollstoff, der sich ihrem Körper anschmiegte wie ein Schleier. Erst als sie den Schemel auf den Antritt stellte, sah der Meister auf. »Ich dank dir, gute Sus! Versuchen wir halt, ob's besser wird!«
Das Mädel ließ sich wortlos auf den Schemel nieder und ordnete das linde Gewand. Von jedem Fältchen schien sie zu wissen, wie es liegen mußte. Schweigend begann der Meister die Arbeit, bei der seine Linke sich bewegte, als wäre sie fast so geschickt geworden, wie seine Rechte gewesen, die man ihm abgeschlagen hatte. Damals, wenn auch schon berührt von den Seelenkeimen der Zeit, war er doch immer noch gewesen, was man einen Katholiken hätte nennen können. Erst der Niklaus mit der hölzernen Hand war ein Unsichtbarer geworden.
Immer rascher ging ihm die Arbeit vonstatten. An seinen glänzenden Augen war es zu merken, daß beim Schaffen die Freude wieder in ihm erwachte, der Glaube an sein Werk. Der Wahrheit des Lebens gegenüber wurde der junge Frauenkörper, den er formte, immer wärmer und wahrhafter. Einmal murrte der Meister im Eifer der Arbeit vor sich hin: »Ach Gott, mein Pfötl, mein dummes! Ich seh, wie ich's machen muß! Aber die unschickigen Finger erzwingen es nit!«
Der unbeweglichen Sus rollten zwei große Tränen über den Mund. Sie schwieg. Weil sie wußte, daß es ihm die Arbeit entzweiriß, wenn sie sprach. Und immer müder wurde sie, immer schwerer ging ihr Atem.
Als er Bild und Leben wieder einmal mit prüfendem Blick verglich, ging er plötzlich auf das Mädel zu und sagte: »Der Gürtel ist ein bißl gerutscht.« Er schob ihn um eine Fingerbreite höher gegen ihre Brust.
Sie bekam ein glühendes Gesicht und fing zu zittern an.
Eine Furche grub sich zwischen seine Brauen. »Geh, Mädel!« Das Wort hatte einen herzlich mahnenden Klang. »Tu verständig sein!« Nach einer Weile, als er wieder bei der Arbeit stand, sagte er zögernd: »Man muß sich gedulden.« Er sah die Sus nimmer an, und seine Hand war nimmer so flink wie zuvor. »Das wird nit ausbleiben, daß mein Kind sein Glück findet. Und daß ich wieder ein Einschichtiger bin, der auf niemand zu achten braucht.«
Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. »Sie kommt.« Hastig schob sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tür hinausgehuscht, bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Draußen im weißen Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen, eingehüllt in einen dunkelgrünen Mantel. Als wäre sie die Bringerin einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der Frühkälte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. Über den Zöpfen trug sie ein mit weißem Federtuff bestecktes spanisches Hütl, das noch aus der Mädchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrüne, an den Schultern aufgepuffte Radmantel verhüllte strahlig die schlanke Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsäumen die Spitzen der Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch mit schöner Silberschließe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«
»Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Der Meister lächelte ein bißchen, nicht heiter. »Kind, du sagst den Ablaßgruß so oft, daß du aus dem Fegfeuer schon herauskommen mußt, noch eh' du drin bist.«
Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede mißbilligte. Schweigend nahm sie das Hütl ab und trat an die Seite des Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu steigern. »Du hast das noch allweil nit geändert? Daß ihr der Engl ein Rösl bringt. Das geht nit, Vater! Es müssen die unschuldigen Lilgen sein.«
Der Meister sagte geduldig: »Ich muß das wächserne Fürbild formen für das Holz. Aus dem spleißigen Holz ist ein Lilgenstengel nit herauszuschneiden, ohne daß er nit ausschaut, als wär's ein Besen. So eine Staud? Die tät mir doch jedes Verhältnis stören. Es ist ein Gesetz in aller Kunst –«
»Die Kunst muß sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen hätt die Gottesmutter bei der Verkündigung nit genommen.«
»So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, daß es sein muß. Ich schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind! So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein.« Immer schärfer klang die Stimme des Meisters. »Obwohl ich als Vater verlangen könnt, daß mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnäh, für mich ein menschliches Wörtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.«
Luisa schien nicht zu hören, was der Vater sprach. Während sie sein Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: »Vater! Gott verzeih dir die Sünd, was hast du denn da getan?«
»Getan? Und Sünd? Ich weiß nit, was du meinst?«
Ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. »Es muß so sein, daß die Höll mit ihren bösen Mächten durch unser gutgläubige Haus gegangen ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sündhaften Geist erlegen. Er hat den Segen von deiner Hand genommen, so daß du dein frommes Werk entheiligt und verdorben hast.«
Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glänzenden Augen seines Kindes. »Mädel, mein liebes? Bist du krank?«
»Vater? Siehst du es nit?« Mit der zitternden Hand, um deren Finger die Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote Wachsfigürchen der Maria. »Das ist die reine, züchtige Gottesmutter nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig gewesen, hast du verwandelt in ein sündhaftes Weib. Tät es über den Marktplatz laufen, so wär gleich einer da, der sagen möcht: ‚Du tust mir gefallen!‘« Aus ihren Augen fielen die Tränen. »Du mußt das wieder auslöschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr an ihm, als nur das fromme Köpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist schlecht.«
In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Hätte er dem ersten Zorngedanken nachgegeben, so hätte er das leblos himmelnde Köpfchen der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: »Das ist das einzig Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut.« Ein Blick in die angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer fort. »Komm, liebes Mädel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bänkl setzen.«
Sie entzog sich seinen Händen. »Tust du mir versprechen, daß du die Gottesmutter wieder heilig machen willst?«
Er sagte unter klagendem Lächeln: »Ja, Kind! So heilig, als ich es fertig bring mit meiner hölzernen Hand.« Da duldete sie, daß er ihr das Mäntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die Handschuhe von ihren Händen zog. Während er alles beiseite legte, ging sie schweigend zu dem braunen Bänkl, das neben dem wärmestrahlenden Ofen an der weißen Mauer stand und überglänzt war von einem Lichtband der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kämpfenden Bitterkeit, die ihn erfüllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild. Sie trug das Mädchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die französische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrängt hatte. Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen Röckls, und zwischen den abstehenden Schoßzacken des Leibchens lugte der rote Miedersaum hervor. Gleich einer großen weißen Blume lag die gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschülerin. Sie hielt im Schoß die schlanken weißen Hände übereinander gelegt und sah mit den dunklen Augen, die einen heißen Schimmer hatten und voll Sorge waren, in Erwartung zum Vater auf.
»Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen!« sagte er herzlich. »Und wie viel Vaterfreuden könntest du mir schenken unter meinem Dach!« Er nahm ihre Hand und ließ sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre Schultern legen wollte, rückte sie von ihm fort. Da war auf seinen Lippen wieder das bittere Lächeln, in seinen Augen die Trauer. »Wir wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stündl baut an der Mauer zwischen uns.«
»Das ist nit meine Schuld.«
»Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit heimgebracht.«
»Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!«
»Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das Denken an deine Mutter hat man in dir erlöschen lassen.«
»So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit dreimal für dich gebetet, nit fünfmal zu meiner seligen Mutter gerufen hab um ihren Beistand.« Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. »Ich muß ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in der wir leiden.«
Meister Niklaus verlor seine Ruhe. »Himmel! Und allweil Himmel! Nie ein Bröselein Welt! Das ist Elend! Man hat dir im Kloster mehr vom Himmel gesagt, als gut ist, und weniger von der Welt, als nötig wär. Wir alle, Kind, sind Menschen und müssen Wärm und Sonn, einen Trost und Freuden haben, wenn wir schnaufen sollen und nit ersticken.« Die Stimme zerbrach ihm fast. »Bist du denn nit mein Blut? Spürst du denn nit, daß ich dein Vater bin? Schau mich an! Bin ich nit schon ein halb Erwürgter? Willst du mir nit das bißl Sonnschein geben, das ich zum Schaffen brauch? Tu mich anlachen, nur ein einzigesmal! Oder ich muß verhungern, muß verfaulen bei lebendigem Leib!«
Erschrocken sah sie ihn an und erhob sich. Heiße Glut übergoß ihre Wangen, um sich wieder zu verwandeln in wächserne Blässe. »Warum tust du nie so inbrünstig hinaufschreien zu Gott? Warum tust du ihm nit dein Herz hinbieten auf frommen Händen? Warum tust du nit abschütteln von dir, was dich wegzieht aus seiner Näh? Tät ich's machen wie du, ich wär verloren gewesen in einer sündhaften Nacht. Mein Gebet hat mich erlöst. Höll und Menschen haben nimmer Gewalt über mich.« Sie hob die Hände, und ein träumendes Lächeln irrte um ihren Mund – ein Lächeln, das sich ansah wie die Verzückung einer gequälten Seele.
Mühsam atmend ließ Meister Niklaus seine Fäuste auf die Bank fallen – die Holzhand schlug wie ein Hammer auf. Ohne die Morgensonne zu spüren, die ihn umleuchtete, sah er stumm seine Tochter an. Nun stand er auf. »Streng bist du allweil gewesen, seit deiner Heimkehr in mein Haus.« Er zwang sich zu ruhigen Worten. »Seit drei, vier Tagen ist was Neues in dir. Das macht dich reden, daß ich es nimmer versteh.« Da mußte er an die Soldaten Gottes denken, und fast heiter konnte er fragen: »Kind? Bist du denn neulich in der Nacht so arg erschrocken –«
Unter seinem Worte zuckend wie unter einem Nadelstich, drehte sie das erglühende Gesicht zu ihm und stammelte: »Ich wüßt nit, über was ich erschrecken müßt.«
»Ich hab's doch selber gesehen, daß du um alle Ruh gekommen bist, wie uns der Muckenfüßl die Haustür eingeschlagen hat!«
»Deswegen bin ich nit erschrocken.« Ihre Stimme hatte wieder den strengen Klang. »Daß die Soldaten einmal kommen, hab ich lang geforchten. Du hast Menschen lieb, die deinem kranken Glauben zum Schaden sind. Allweil hat mich mein Herz vor ihnen gewarnt. Ich hab auch Warnungen hören müssen, wo ich Rat gesucht hab in meiner Seelenangst.«
Ein Erblassen ging über das Gesicht des Meisters. Dann fuhr ihm wieder das dunkle Blut in die Stirn. Seinen Augen war's anzusehen, daß martervolle Gedanken sich unter seiner Stirne jagten. Mit rauhem Auflachen trat er auf das sonnige Fenster zu und streckte die Arme, als möchte er hinausgreifen durch die leuchtenden Scheiben. »Nachbarsleut! Ihr guten, schuldlosen Nachbarsleut! Verzeiht mir die schlechten Gedanken! Es ist mein Kind gewesen! Mein eigenes Kind!« Eine Sorge, die ihn ganz verstörte, riß ihn vom Fenster weg. Die Schulter des Mädchens mit der Faust umklammernd, keuchte er: »Hast du auch heut wieder solchen Rat gesucht?«
»Wie es sein hat müssen. Ich bin seit der bösen Nacht des Trostes bedürftig gewesen an Leib und Seel.«
»Und da hast du ihm alles gesagt, deinem Tröster? Alles?«
»Ich tu nit lügen, Vater! Ich hab gesagt, was ich sagen hab müssen.«
»Und da hast du auch – Gott soll's verhüten, daß es wahr ist – –« Er konnte nicht weitersprechen, mußte um Atem ringen. »Kind! Du hast doch ums Himmelswillen nit den Namen des guten Buben verraten, der mich gewarnt hat?«
Sie schwieg, erschüttert durch die Sorge, die heiß aus ihm herausbrannte.
Er las die Antwort in ihren Augen und sagte mit schwerer Trauer: »Armseliger Star! Wüßt ich nit, daß du in deiner weltfremden Jugend törig bist ohne Maß, so müßt ich sagen: du bist so schlecht, wie nur der Zwist um Himmel und Glauben die Menschen machen kann!« Immer mit der Holzhand an seinem Halse, ging er durch die Werkstatt hin und her, und während Erregung und Sorge in ihm wühlten, stieß er mit heiserer Stimme vor sich hin: »Ein guter und redlicher Bub! Und bietet dir auf ehrlicher Hand sein Glück und Herz! Und wirft um deinetwegen sein junges Leben vor meine Haustür hin! Und du in deinem gutgläubigen Seelengezappel verklamperst den Buben! Und lieferst ihn an den Schandpfahl! Und da droben in den Lüften da ist niemand, der's verhindert, kein Engel mit dem Lilgenstengl und keine hilfreiche Mutter in Züchtigkeit!« Ein zorniges Auflachen. »Wahr ist's, Mädel! So was Heiliges darf man nit irdisch formen! Das muß man himmlisch machen, grausam und ohne Erbarmen!« Wieder lachend, faßte er einen schweren Hammer und hob ihn zum Schlag. Aufschreiend versuchte Luisa den Arm des Vaters zu fangen. Da fuhr der zornige Streich schon auf das Bildwerk nieder. In Strahlen spritzte unter dem Hammerschlag das rote Wachs auseinander, und was auf der Holzplatte noch verblieb, war eine formlose Masse. Schweigend warf der Meister Niklaus den Hammer fort und umklammerte die Stirne mit der linken Hand. So stand er ein paar Sekunden. Dann sprang er zur Tür der Werkstätte. Draußen seine schreiende Stimme: »Sus! Den Hut! Den Mantel!«
Luisa stand in der Sonne wie eine steinerne Säule, die langsam zu menschlichem Atem erwacht und beim ersten Blick ins Leben geschüttelt wird von Angst und Grauen. Die Arme streckend, trat sie auf das vernichtete Werk ihres Vaters zu, beugte das Gesicht und küßte die rote Masse des zerquetschten Wachses. Ihre Stimme, die verwandelt war zu den dünnen Lauten eines verängsteten Kindes, bettelte ins Leere: »Tu ihm verzeihen, hilfreiche Mutter! Ich – will büßen – für seine Sünd –« Mit den Bewegungen einer Schlafwandlerin ging sie umher, fand ihr Mäntelchen, den Hut, das blaue Gebetbuch und den Rosenkranz, wickelte die Perlenschnur um ihre zitternden Finger und verließ die Werkstatt.
Während sie mit irrendem Blick zu ihrer Kammer hinaufstieg, klang aus dem verschneiten Garten die angstvolle Stimme der Sus durch die offene, wieder geflickte Haustür in den Flur herein: »Um Gottes Barmherzigkeit! Meister! Was ist denn geschehen?« Luisa hörte keinen Laut dieser von Sorge zerrissenen Mädchenstimme. Sie lauschte nur in die eigene Seele. Was sie da klagen hörte, entstellte ihr Gesicht.
Als sie in ihrer Kammer die Tür verriegelt hatte, stand sie unbeweglich. Immer sah sie das weißverhüllte Bett an, und immer sah sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: diese stahlblauen, dürstenden Jünglingsaugen, die von hundert silberweißen Mücken umflogen waren – und sah das zerquetschte Wachs, sah die Martergestalt einer heiligen Frau, die rot war und zu bluten schien aus tausend Wunden.
Langsam, immer wieder die Augen schließend, hängte sie das Mäntelchen in den Kasten, verwahrte das Gebetbuch, den Rosenkranz, die Handschuhe und das Hütl. Sie schnürte die gelben Stiefelchen von den Füßen, nestelte den Spenser herunter und legte ihn gefaltet in die Lade. »Büßen – büßen –« lispelte sie mit entfärbten Lippen vor sich hin. »Für den Vater büßen – alle erlösen, die schuldig sind.« Welche von den Sündenstrafen, die sie im Kloster gesehen hatte, war die härteste? Hungern müssen am Mittagstische? Zehn Vaterunser lang auf einem scharfkantigen Holzscheit knien? Sieben Rosenkränze beten, mit den nackten Füßen im Schnee? Sie sann und sann. Und da erwachte in ihr die Erinnerung an ein Bild, vor dem sie zitternd gestanden, als sie es zu warnender Abschreckung im Kloster hatte betrachten müssen. Wie man jene junge, sündhafte Schülerin bestrafte, die in der Messe ein verstecktes Spiegelchen aus dem Ärmel herausgezogen hatte – das war von allen Klosterstrafen die quälendste gewesen.
Ihre Augen glitten über die Mauer hin. Höher, als sie mit den Händen reichen konnte, war an der weißen Wand ein festes Zapfenbrett, aus den Jahren, in denen Meister Niklaus diese Kammer bewohnt hatte – bei der Heimkehr seines Kindes hatte er die Stube geräumt, weil sie in seinem Haus die sonnigste war. Wie eine Träumende, verriegelte Luisa auch die andere Tür, die hinausführte in die Kammer der Sus. Aus der Truhe nahm sie zwei weiße Tüchelchen, knüpfte aus jedem eine Schlinge und schob sie über das Handgelenk. Sich bekreuzend, ging sie zum Bette, tauchte die Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte das Gesicht. Ihre Bewegungen wurden rascher, etwas Frohes schien in ihren irrenden Gedanken zu erwachen. Sie rückte unter dem Zapfenbrett einen Schemel an die Wand und stieg hinauf. Mit dem Rücken sich gegen die Mauer pressend, schob sie die Schlingen, die an ihren Handgelenken waren, über die zwei äußersten Holzzapfen des Brettes und stieß den Schemel fort. Mit den Fußspitzen eine Spannenbreite über dem Boden, hing sie an den ausgereckten Armen und begann mit einer Stimme, die bei aller Innigkeit wie das Stammeln einer Betrunkenen klang, die Litanei zur heiligen Jungfrau Maria zu beten – nur daß sie nicht betete: »Bitt für mich!«, sondern immer betete: »Bitt für ihn!«
Solange sie noch bei Kräften war, hielt sie den Kopf an die Mauer gepreßt und sah mit heißglänzenden Augen zur Höhe. Bald sank ihr die Wange gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter hin. Als sie in beginnender Pein das Gesicht zu drehen versuchte, sah sie an ihrem Arm, von dem der weiße Ärmel zurückgefallen war, die vier gelblich gewordenen Male, die vom Griff jener stählernen Jägerfaust geblieben waren. Zusammenzuckend, schloß die Büßende die Augen, ließ das Gesicht vornüberfallen, und ihre betende Stimme wurde zu einem versunkenen Schreien. In Schmerzen begann der stammelnde Mädchenmund zu lächeln, und auf dem glühenden Gesicht erschien ein Ausdruck der Entrückung. Nicht die härteste der Klosterstrafen hatte sie ausgesucht, sondern die süßeste und heiligste – eine fromme Marter, die durchzittert war von dem Seligkeitsgefühl: zu leiden, wie der Heiland gelitten hatte für die Menschen, die er liebte. Während sie lächelte in Qual, begann ihre Stimme sich zu verwirren, verlor die frommen Anrufungen der Litanei und behielt nur noch die drei innigen Flüsterworte: »Bitt für ihn – bitt für ihn – bitt für ihn –«
Gleich einer goldenen, immer breiter wachsenden Säule schob sich das leuchtende Band der Morgensonne über die Mauer hin und umschimmerte die in Süßigkeit und Schmerzen Betende, die für Andacht und Buße hielt, was ein noch Unsichtbares in ihrem Herzen war, ein Unbewußtes in ihrem Blut.
Kapitel VI
Der Föhn brauste über die Schornsteine von Berchtesgaden und verbündete sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdächer fielen Tropfen, die wie Goldkörner funkelten. In der Gasse war kein allzu emsiges Leben. Die Frauen, die aus den Kaufläden kamen, huschten flink an den Häusern hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft lenkte einer plötzlich schräg über die Gasse hinüber. Immer war's wie der Wunsch, einem andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und grüßte der andere spöttisch: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!« – dann guckte der Ausweichende über die Schulter und antwortete noch viel lauter: »Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Man konnte, bevor man in der Marktgasse vom Pflegeramte bis zum Brunnen kam, ein paar Jährchen Fegfeuer von seiner Seele ablösen.
Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwühlte, vergaß ein paarmal des vorgeschriebenen Grußes. Er wollte schon in das Gässelchen hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine heiter schwatzende Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen Domizellaren, in weltlicher Tracht, umflattert von den pelzverbrämten Seidenmänteln, mit dreispitzigen Hütchen über den gepuderten Frisuren, begleiteten unter französischem Scherzgeplänkel eine junge Dame, die zwischen den behandschuhten Händen ein winziges Gebetbuch hielt. Auf hochgestöckelten Schuhen trippelte sie zierlich durch den Schnee. Der Föhnwind blähte den himmelblauen Samtmantel auseinander und bewegte den reichgebänderten Steifrock wie eine Glocke. Mit einem Busch von Reiherfedern saß ein Pelzkäppl schief über dem großen Lockenbau, von dem der Puder davonstäubte. Das reizvolle Grübchengesicht hatte ein rosiges Kreuzermäulchen, hatte schwarzgezeichnete Brauenbogen über den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte Schönheitspflästerchen, das eine neben dem linken Mundwinkel, das andere hoch auf der rechten Wange. Vor dieser Dame salutierten die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten. Das fröhliche Fräulein, dem sie diese fürstliche Ehre erwiesen, war die Nichte des Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war Aurore de Neuenstein, die »Allergnädigste«, des Fürstpropstes standesgemäße Freundin en titre.
Neben der französisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die Bürgersleute in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die sich verspätet hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergnädigste achtete bei ihrem heiteren Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder Vorübergehende mit genügender Ehrerbietung grüßte und jede Bürgersfrau und jedes Mädchen bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste. Meister Niklaus weckte bei der jungen Dame ein munteres Verwundern. Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit ihrem Kinderstimmchen in französischer Sprache: »Schon wieder von den Rebellen einer, die ohne Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!«
Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in die weiße Stube des Pfarrers trat, saß der Hochwürdige beim Frühstück und tunkte die gerösteten Weißbrotschnitten in die Milch. »Herzbruder? Sturm unter dem Haardach?«
Niklaus sah die Türen an. »Hört uns niemand?«
»Bei mir kannst du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist feinhöriger als meine Schwester.«
»Weißt du, wer uns den Muckenfüßl ins Haus geladen hat?«
»Das merkst du erst heut?« Der Pfarrer lachte. »Die übermäßig Frommen sind im Leben wie ein Pulverfäßl. Nie weiß man, wann die Bescherung in die Luft geht.«
Kummervoll nickte der Meister. »Mein töriges Mädel hat heut den Namen des Leupolt ausgeschwatzt.«
Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. »Das ist hart.« Dann fragte er, als wäre das eine Hoffnung: »Meinst du, sie war im Beichtstuhl?«
»Das weiß ich nit.«
Pfarrer Ludwig riß eine Tür auf und brüllte: »Franziskaaa!« Er kam zurück. »Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie beichten. Um mich unverdächtiger vor Gott und den Chorkaplänen zu machen. Bei Gott gelingt es ihr, bei den Kaplänen nit.«
Eine sechzigjährige Frau, halb Bäuerin, halb bürgerlich, kam in die Stube. Ein bißchen mißtrauisch grüßte sie den Meister und sah erwartungsvoll ihren hochwürdigen Bruder an. Durch die Muschel der Hände fragte der Pfarrer, ob das Luisichen heut wieder gebeichtet hätte? Franziska schüttelte den Kopf. »Heut nit. Heut nach der Frühmeß ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesunders alte Mutter hat am Fenster genäht. Gählings ist sie vom Fenster weg. Und wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flink einen Weg gemacht. Zum Pfleger.« Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus, so laut, daß es auch die Schwester Franziska hörte. Erst guckte sie flink in der Stube herum, ob da nicht irgend was Verdächtiges läge, dann ging sie, um die Flurtür zu öffnen.
»Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslaßt mit der Allwissenheit,« sagte der Pfarrer, »da braucht er nur meine Schwester fragen.«
In Unruh stammelte der Meister: »Man muß dem Buben ein Wörtl schicken, daß er sich fürsieht.«
»Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor Wasser und Feuer nit ausweichen. Sonst könnt man ihm beibringen: er soll sich ausreden auf sein Wohlgefallen an deinem Mädel, soll sagen, er hätt die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisichen zu finden. Aber der Bub wird das Eisenköpfl schütteln und die Wahrheit sagen. Verschweigt er was, so tut er es nur, um dich nit auch noch einzutunken. So oder so, man muß versuchen, ihm beizuspringen.«
Da kam Franziska. »Der Hochwürdige soll zum Fürsten hinüber, gleich!«
Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. »Herzbruder, die Kanon ist geladen.« Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte er: »Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!«
»Das ist doch eine gut Katholische?«
»Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann such mich wieder auf!« Der Pfarrer umfaßte mit festem Druck die Hand des Freundes. »Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel! Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs. Laß uns den rechten suchen!«
Mit hämmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«
»In Ewigkeit Amen!« antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken. Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde Türchen zu. Auch alles andere Metall an den Wänden funkelte. Dieser Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem Häubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. »Soooo!« sagte sie und wandte sich. »Ooh, der Meister Niklaus!« Ein leises Lächeln. »Durchs Hintertürl?«
»Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muß ich dir als unguten Dank eine Sorg bringen.«
Ganz ruhig blieb sie. »Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden.«
»Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?«
»Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der Leupi ist am Königssee, in Barthelmä.«
Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost das Eis wieder härtete. »Gott sei Dank!« Er zog die Gartentüre zu, schloß auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.
»Das nit!« wehrte Mutter Agnes. »Die Magd ist in der Tenn beim Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein bißl Lärm machen.« Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer, als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musketenscharmützel ausgefochten. »Da ist ein Bänkl. Tu dich hersetzen! Und red!«
Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. »Mein verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen, den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die Sorg um deinen guten Buben.«
Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte. Sie wußte: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, preßte sie die Hände an ihre Schläfen. »Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen, ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben in die Kindersupp.«
Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. »Weißt du einen Rat?«
Sie trocknete mit den Handballen die Augen. »In der Nacht geht ein Bierschlitten über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel schicken. Den will ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem Kränzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: es ist eine Botschaft drin. Nur daß er weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige, der wissen muß, daß es der Bub nit schlecht gemeint hat. Daß er's tun hat müssen, begreif ich.«
»Weißt du, warum?«
»Ich müßt keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt. Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden.« Mutter Agnes hob die flehenden Augen. »Sag mir's!«
»Was, Mutter?«
»Ist mein Bub –« Ihre Stimme brach. »Ist der Leupi schon ganz da drüben?« Sie wollte sagen: »Auf der falschen Seit!« Weil sie fürchtete, daß es den Meister kränken könnte, sagte sie: »Wo die anderen sind, die man nit sieht.« Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten, fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als hätte sie etwas Glühendes berührt. »Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir.«
»Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüßt, ich dürft es nit sagen.«
Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie rinnendes Blut erschienen. »Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen Händen. Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner Kinderstimm. Ist fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang. Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich weiß nit, wie, und ich weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen Menschen?«
»Wie dort die Funken fliegen auf deinem Herd. Im Schornstein droben verlöschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiterbrennen. Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen kann oder Unrecht leiden muß.« Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen der Mälzmeisterin hin.
»Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat.«
»Ist dir alles recht, was sie tun und predigen?«
»Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich noch nie den richtigen Weg verloren.«
»Die den besseren suchen? Verwirfst du die?«
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Soll ich mein Kind verwerfen? Ich? Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin, so muß ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch. Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und Schwestern gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit halten mit ihnen.«
Der Meister nahm ihre Hand. »Täten alle denken wie du, so wär nit Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen, gelt? Hast du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, derweil du den Teig für den Krapfen rührst.«
»Wahr ist's: helfen ist besser als reden.« Frau Agnes sprang zur Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und Bleifeder. »Kannst du denn schreiben mit deiner Linken?«
»Muß einer, so lernt er's.«
Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer hölzernen Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken: »Ach, du barmherziger –« Sie riß das kupferne Türchen des Backofens auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: »Der erste, der mir verbronnen ist!« Frau Agnes lächelte ein bißchen. »Bin ich jetzt eine schlechte Hausfrau? Jede Nachbarin tät's glauben.« Sie schob das verdorbene Gebäck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. »Man darf die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen lassen.« Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene Backwerk in fliegende Feuerfunken. »So geht's mit einem Backofen! Und jedes Menschenkind hat drei: einen im Blut, einen in der Seel und einen im Hirnkästl. Ach, der liebe Herrgott! Auf wie viel verbronnene Zöpf muß er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die Bäcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verrußen lassen!« Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen die Knie und begann mit beiden Händen hurtig zu rühren.
Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen, die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren. Während er kritzelte, mußte er immer an den Hochwürdigen denken. Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und Sorge. –
Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer bringen mußte, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag. Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mußte Leupolt einen langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen, aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen. Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen im weißen Walde schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten. Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen mußte, war noch keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zähmt die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig sein und der Schwäche den Vortritt lassen.
In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubündel aus der Scheune, füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge. Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm, der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholomä und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der Jäger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlößchen der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte, blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt, und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren, galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrängenden Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen. Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an jedem Wintermorgen. ‚Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muß sie schon wieder daheim sein.‘ Er hat sie noch nie im Haus und bei der Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt, so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren. Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat, war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu einem frohen und zärtlichen Glück.
‚Ob sie nit spüren muß, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!‘ Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: ‚Denkt sie wohl auch an mich?‘ Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müßte für jeden, den sie für einen Irrenden hält? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen? Flüstert sie da nicht manchmal ein leises »Bitt für ihn?« Wie eine Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: »Bitt für ihn – bitt für ihn –« Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein bißchen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände hervorlugen.
Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.