Pfarrer Ludwig mußte im Korridor vor dem Fürstenzimmer noch immer auf seine Vorlassung warten, weil der Haarkräusler beim Allergnädigsten war. Die hundert Locken einer fürstlichen Perücke verlangen ihre Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte der Hochwürdige ein ruhiges Gesicht. Je heißer in ihm die Sorge wühlte, um so gleichmütiger sah er über die Wände hin, an denen zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, großen Jagdgemälden und pröpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophäen hingen: die Eisenhüte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schärpen zweier schwedischer Kürassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreißigjährige Krieg aus dem verwüsteten Deutschen Reich hereingespült hatte in die Stille des Berchtesgadnischen Landes.
Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung; die Hälfte der Deutschen erschlagen, versunken und verfault; Handel und Wohlstand vernichtet; alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt; eine Kluft des Mißtrauens und des Hasses zwischen Nord und Süd; ein für ewige Zeiten unlösbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem Katholizismus und deutschem Lutheranertum; ein entzweigekeiltes, an Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk, das seine nationale Erneuerung wieder beginnen mußte, wie ein Kind nach dem Windelschmutze seine Menschwerdung anfängt in den ersten Schuhen – und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen Geschehens hingen im Fürstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische Kürasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschält.
Nur ein einzigesmal in jenen dreißig Jahren hatte Berchtesgaden für wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Während die deutsche Welt in Jammer und Elend sank, hätte das ‚Ländl‘ in seiner Abgeschlossenheit gedeihen können, wenn ihm, angesteckt durch Seuchenkeime der Zeit, die Zermürbung nicht im kleinen erwachsen wäre, wie draußen dem Volk der Deutschen im großen.
Aus dem Fürstenzimmer huschte ein spitznäsiges Männchen heraus, der Perückenmeister, den man aus Paris verschrieben hatte. Ein deutscher Bartscheer brachte doch so was Himmlisches nicht fertig, wie es jetzt die Herren auf ihren Köpfen trugen. Pfarrer Ludwig tat einen tiefen Atemzug und ging zur Tür. Bevor er sie erreichte, vollzog sich ein Ereignis, das störend in den Gang der Berchtesgadnischen Regierung eingriff. Am Pfarrer rannte einer vorüber und ihm voraus, der auf der Schwelle des Fürstenzimmers den Vortritt sogar vor den fremden Gesandten hatte. Der Wildmeister. Er brachte die aufregende Nachricht, daß die Stiftsjägerei bei den Untersteiner Sümpfen drei kapitale hauende Schweine bestätigt hatte. Die Keiler lagen unentrinnbar fest, und die Netze waren schon gezogen, nicht zu einem ‚Großen Jagen‘, nur zu einem kleinen ‚Eingestellten Treiben‘, das flink zu erledigen war. Bei solcher Sachlage hatten die Wildschweine den Vorrang vor dem Landswohl und der Fürsorge für den unverfälschten Glauben. In den Korridoren sprangen Lakaien und Jägerknechte hin und her, im Stiftshofe wurden vier zierliche Schlitten aus den Remisen gezogen, und zwei buntgekleidete Läufer, mit weißen Straußenfedern auf den grünen Samtkappen, surrten unter dem Brausen des Föhnwindes durch die Marktgasse, um die edle Aurore de Neuenstein und den Kanzler von Grusdorf zum Eingestellten Treiben zu laden. Der Onkel Kanzler mußte zur Wahrung der guten Sitte immer den Regierungstisch verlassen, wenn die allergnädigste Nichte sich beteiligte an den winterlichen Weidmannsfreuden ihres maître adoré.
Pfarrer Ludwig, der sonst auf das neumodische Jagdgepränge nicht gut zu sprechen war, segnete an diesem Tag zum erstenmal den ‚französischen Schwindel‘. Aufatmend um des Zeitgewinnes willen, eilte er heim und brüllte der Schwester ins Ohr: »Kommt der Niklaus, so sag ihm, daß ich vorausgegangen bin zu seinem Haus!« Dann schoß er davon, um zwei nötige Dinge zu erledigen. Er mußte das fromme Klostervögelchen zum Singen bereden, mußte zu erfragen suchen, was Luisa dem Chorkaplan Jesunder gesagt hatte. Und mit Lewitter, den er seit dem gestörten Schachspielabend nicht mehr gesehen, mußte er das gemeinsame Verhalten vor dem Fürsten bereden. Ungeduldig trommelte er mit dem Klöppel an Lewitters Haustür. In dem dunklen Flur, in dem die Gewürze dufteten, kam für den Pfarrer eine schwierige Unterhaltung mit der alten Lena, deren Zeichensprache er nur halb verstand. »Gut sind wir aufgerichtet, der Simmi und ich! Die meine hört nit, und die seine kann nit reden!« Dem wahren Gott zuliebe hatte man der Magd vor fünfzehn Jahren in Salzburg die Zunge kürzer gemacht, weil sie die Obrigkeit belogen hatte, um Weib und Kinder ihres Herrn zu retten. Nur mit den Händen konnte sie noch reden.
Ungefähr verstand der Pfarrer, daß Simeon nicht daheim wäre; man hätte ihn am verwichenen Abend wieder zu einem kranken Weib geholt, das seit drei Tagen in den Wehen läge und nicht gebären könne; Lewitter wäre wieder die ganze Nacht außer Haus gewesen und auch am Morgen nicht heimgekommen. »Ach, das Leben! Könnt ein Gärtl des lieben Gottes sein und wird ein Saustall des Teufels! Und da plagt sich jetzt der hilfreiche Simmi, um einem neuen Leidgesellen der Menschheit den Eintritt ins Leben zu erleichtern!« Den Kopf gegen den Südwind bohrend, eilte Pfarrer Ludwig dem Haus des Freundes entgegen, immer grübelnd: »Wie muß ich es machen, daß ich das Mädel zu Verstand bring? Zu einem Herzschlag, der menschlich ist?«
Ein Weiberschrei voll Sorge machte ihn aufblicken. Vom Zauntor kaum die Sus gelaufen: »Wo bleibt der Meister? Ist was geschehen?«
»Nichts, gute Sus! Wo ist das Luisichen?«
»Die Haustochter hab ich nimmer gesehen, seit sie heimgekommen ist von der Frühmeß. Der Meister ist ganz von Sinnen gewesen. Und da bin ich allweil beim Zaun gestanden, hab gewartet und bin nur ein paarmal hineingesprungen zum Herd, daß mir das Fleisch nit aus dem Sieden kommt.«
»Recht so, liebe Sus! Dein Herr und dein Herd!« Der Pfarrer sagte scherzend: »Gelt, Mädel? Dich plagen keine Seelenzweifel und Glaubenskämpf?«
»Mich nit!« antwortete sie ehrlich. »Ob des lieben Herrgotts Kittel grün oder rot ist, das ist mir eins. Kittel her oder hin, der Herrgott ist drin. Mir ist das Leben recht, so lang der Meister seine Ruh hat und schaffen kann. Und weil man schon nimmer weiß, wie man beten muß, drum bet ich am Morgen katholisch, am Abend evangelisch. Eins muß dem Meister allweil nutzen.«
»Betest du nit auch für dich?«
Sus schüttelte den Kopf und trat in den Flur. »Ich zähl doch nit.« Als sie dem Pfarrer den Mantel abnahm, sagte sie: »Eh der Meister fort hat müssen, ist die Haustochter bei ihm gewesen.« Sie öffnete die Tür der Werkstatt. »Kindl? Bist du noch da?« Auch der Pfarrer war über die Schwelle getreten. Nun sahen die beiden im gleichen Augenblick die Holzplatte mit dem formlos auseinandergequetschten Wachs. Die Sus bekam ein Gesicht, so weiß wie Kalk. Und der Pfarrer stammelte: »Gotts Not! Das hat doch der Meister nit selber getan! Mädel? Ist ein Chorkaplan im Haus gewesen?« Sus hörte nicht. Immer sah sie die Reste des vernichteten Werkes an, als wäre das der Untergang einer kostbaren Welt. Den Mund von Tränen überkollert, lispelte sie: »Wie heilig und schön ist das gewesen!« Unbeweglich blieb sie vor dem Gewirr des roten Wachses stehen, als Pfarrer Ludwig hinaussprang in den Flur.
»Luisichen!« rief er, während er hinaufhastete über die Treppe. »Luisichen!« Er stieß die Wohnstube vor sich auf. »Luisichen! Luisichen!« Er rüttelte an des Mädels verschlossener Kammertür. »Aber Kind! So tu doch reden! Bist du da drin?« Er vernahm einen Laut. War's ein lallendes Beten? Ein Stöhnen in Schmerz? Mit aller Kraft seiner Sorge warf sich der Greis gegen die Tür. Der Riegel klirrte in die Stube hinein, Pfarrer Ludwig taumelte über die Schwelle und tat im ersten Schreck einen heiseren Schrei. Erstarrt hing Luisa vor ihm an der weißen Mauer, wie eine Gekreuzigte, umwoben von der Sonne. Ihre Arme, von denen die leinenen Ärmel zurückgefallen waren, hatten eine gedunsene Form und waren so rot wie das Mieder, unter dem die junge Mädchenbrust in heftigen Stößen atmete. Oberhalb der schnürenden Tuchschlingen waren die Hände dunkelblau, mit gespreizten, leblosen Fingern. Und der Kopf mit den schweren Haarflechten hing entkräftet vornüber. Ein paar lallende Laute noch. Dann schien eine Ohnmacht die Sinne der Büßerin zu umschatten.
Pfarrer Ludwig schrie den Namen der Sus, sprang auf Luisa zu, riß das Messer heraus, das er wie ein Bauer an der Hüfte trug, umklammerte die Bewußtlose mit dem linken Arm und schnitt die gestrafften Tuchschlingen von den Holzzapfen. »Da möcht man doch verzweifeln an der Menschheit!« keuchte er und trug die Ohnmächtige hinüber zum Bett. Als er die Sus kommen hörte, befahl er: »Lauf, was du laufen kannst, und bring einen Becher Kirschwasser!« Er zerrte die Tuchschlingen von Luisas Handgelenken, begann ihre starren Arme zu kneten und rieb ihre Hände, bis die blaue Färbung verschwand und der Blutlauf wieder in Gang geriet. Nun brachte die Sus den Becher und stammelte: »Was ist denn geschehen?«
»Nit viel!« Er konnte lachen. »Ein bißl Dummheit geht um in den Menschenköpfen. Wer weiß, wozu es gut ist! Ein Holländer hat mir neulich gesagt: ‚Kein Ding, das dem Leben nit dienen könnt, auf daß die Menschenkinder teilhaftig werden des Glückes!‘« Mit dem Becher beugte der Pfarrer sich über das Bett und flößte einen festen Guß des Kirschwassers in Luisas Mund. Sie schluckte. »Soooo, Kindl! Gelt, das ist gut!« Er stellte den Becher fort und rückte den Fußteil des Bettes von der Mauer weg. »Flink, Sus! Auf die ander Seit hinüber! Mach dem Mädel das Mieder und den Rockbund auf. Wir müssen schauen, daß wir sie unter die Deck bringen.« Hurtig rieb er die Hand der Ohnmächtigen. »Dann nimm ihren anderen Arm und tu mir alles nachmachen, fest und flink!«
»Was ist denn, Hochwürden?«
»Ach, so dumme Mädelgeschichten! Da ist sie ein bißl krämpfig worden.«
Während Sus das rote Miederchen der Haustochter aufnestelte, klagte sie vor sich hin: »Um Gottes willen!«
»Nein, gute Sus! Gott ist da nit dabei. Nur Überfluß an jungem Blut und ein bißl Mangel an gesundem Verstand.«
Unter den vier kräftigen Fäusten wurden die zwei starren Mädchenarme heiß und beweglich. Auch das verschluckte Kirschwasser wirkte mit, um das junge Blut seinen vernünftigen Weg wieder finden zu lassen. Luisa öffnete die Lider wie eine Schlaftrunkene. In schwimmendem Glanze glitten unter den langen Wimpern die langsamen Augen. »Guck!« Der Pfarrer ließ auf seiner Wange die große Warze tanzen. »Wie munter das liebe Kindl schon wieder ins Leben blinzelt! Lauf, gute Sus! Und spring hinüber zu mir! Da wartest du auf den Meister. Kommt er, so bring ihn heim und sag ihm: das Kindl hätt einen Purzelbaum gemacht. Aber sag's nit so, daß der Meister erschrecken muß. Sag's lieber so, daß er lachen kann.« Die Sus, aufatmend, surrte in den Flur hinaus. Aller Schreck der verwichenen Minuten erlosch ihr in dem Gedanken, daß sie hinlaufen durfte, wo der Meister war. »So, Luisichen, komm, jetzt nimm zur Aufmunterung noch ein kleines Schlückl!« Pfarrer Ludwig schob den Arm unter Luisas Nacken und führte den Becher an ihren Mund.
Gehorsam, wenn auch noch immer ein bißchen duselig, öffnete sie die Lippen und trank. Nach dem ersten Schluck erweiterten sich ihre Augen wie in Entsetzen. Mit beiden Händen versuchte sie sich zu wehren und lallte: »Jesu mein, Ihr gießet mir ja die Höll ins Leben!«
»Umgekehrt! Ich lösch in dir die unsinnige Höll mit einem nötigen Lebenstrunk! Tu schlucken! Fest!« Er hob und goß, bis der Becher leer war. Weil sie nicht schlucken wollte, preßte er die linke Hand auf ihren Mund, faßte mit der rechten den feinen Mädchenhals und rüttelte die widerspenstige Kehle. »Schluck, mein Luisichen! Schluck!« Ob Luisa wollte oder nicht, sie mußte schlucken. Die brennende Kirschwasserhölle war drunten. Daraus ergab sich eine sehr sonderbare Wirkung. Obwohl von Zorn und Ekel die Tränen in Luisas Augen traten, konnte sie die kühlen Greisenfinger an ihrem Halse nicht ertragen, mußte aufkreischen, mußte lachen wider Willen. »Ooooh, Luisichen?« Der Pfarrer wurde lustig. »Muß man dich kitzeln, damit du das menschliche Lachen lernst? Das kann ich besorgen. Lach, mein Luisichen, lach! Wie mehr, so gesünder ist es!« In der Art, in der man schäkert mit einem zappelnden Buben, begann er sie am Hals zu kitzeln, am Kinn, an den Ohren, an den Ellbogen und unter den Armen.
Sie wollte sich wehren und wurde hilflos, wand sich und kreischte, schüttelte die sich lösenden Zöpfe von ihrer Stirn herunter und schrie und lachte. Immer wollte sie betteln: »Hör auf, hör auf!« Und konnte nicht reden, weil sie lachen mußte, immer lachen und lachen.
»Brav, mein Kindl! Netter bist du noch nie gewesen, als jetzt in deinem zappligen Übermut! Gelt, ich hab recht? Bloß ein Lachender merkt, wie munter und kostbar das irdische Leben ist!«
Es gelang ihr, sich seinen Händen zu entwinden. Halb noch lachend, halb von Jähzorn befallen, faßte sie eines von den zwei weißen Kissen ihres Bettes und warf es dem Pfarrer Ludwig an den Kopf.
Er haschte das linde Geschoß, umschlang es an seiner Brust und sagte fröhlich: »Gott sei Dank! Eine menschliche Regung! Kindl, jetzt kann man bei dir auf Genesung hoffen!«
Zitternd fiel sie zurück und preßte den Arm über die Augen. Der Pfarrer setzte sich auf den Bettrand hin, behielt das weiße Kissen auf seinem schwarzen Schoß und betrachtete unter freundlichem Lächeln das stumme, glühende, um Atem ringende Menschenkind, das die Augen vor ihm versteckte. Einmal versuchte Luisa den Arm zu heben, ließ ihn wieder auf die Augen fallen und lispelte: »Ich weiß nit, was das ist – alles tut sich drehen um mich herum.«
»Kindl,« sagte der Pfarrer vergnügt, »da hast du einen Schwips. Vom Kirschwasser. Ja, Luisichen, wer anderthalb Jahrzehnt das kühle Brunnenwasser im Kloster genossen hat, vertragt was Wärmeres nit aufs erstemal.« Er lächelte. »Lernen brauchst du das nit: daß du Kirschwasser vertragen kannst wie Geißmilch. Heut ist's nötig gewesen. Sorgen brauchst du dir wegen des kleinen Räuschls nit zu machen. Das verschlafst du wieder!« Seine Stimme bekam einen zärtlichen Klang. »Auch ist das so: daß alles Schönste im Leben mit einem Räuschl anfangt, sei es im Hirnkästl oder sei es im jungen Blut.« Luisa blieb stumm. Während die Morgensonne herglänzte über das weiße Bett, ging ein schmerzvolles Zucken um den heißroten Mädchenmund. Manchmal überrieselte noch ein Nachschauer des Lachens den zierlichen Körper, und unter dem Arm, der die Augen verhüllte, quollen die Tränen hervor, kollerten über die glühenden Wangen und versanken im braunblonden Schimmerkissen der gelösten Zöpfe. Sich vorbeugend, sagte der Pfarrer langsam: »Kindl, wie bist du lieb und schön! Was tät der Leupolt geben drum, wenn er an meinem Plätzl sitzen dürft. Und morgen oder übermorgen muß er am Schandpfahl hängen. Der redliche Bub!« Ein knirschender Laut; Luisa warf sich herum und vergrub das Gesicht in die Fülle ihres Haares. So lag sie lautlos, während ein heftiges Schüttern ihren Nacken und ihre Schultern befiel. Als sie ruhiger wurde, gab sie Antwort auf jede Frage. Alles sagte sie, ehrlich und ohne Rückhalt.
Der Pfarrer fröstelte ein bißchen. Obwohl die Sonne durchs Fenster hereinfiel und draußen der laue Föhnsturm brauste, war es mehr als kühl in der ungeheizten Stube. Und Pfarrer Ludwig hatte schwitzen müssen. Als er vom Garten herauf die Stimme des Meisters hörte, erhob er sich, legte das Kissen über Luisas Füße und zog ihr die wollene Decke bis an das Kinn. »Versuch zu schlafen! Die heilige Mutter Marie, an der wir hängen in treuem Glauben, du und ich, die soll dich erwachen lassen zu einem wärmeren Leben! Von dem kindischen Narrenstückl, das ich sehen hab müssen, soll dein Vater nichts erfahren. Der tät das nit so gut verstehen, wie ich alter Pfarrer.« Er strich mit der Hand über den Scheitel der lautlos Zuckenden. »Was ich erfahren hab müssen, das ist gebeichtet, gelt? Ich, Kindl, ich schweig in heiliger Pflicht. Wärst du am Morgen in deiner Herzensnot zu mir gekommen, so hätt die Mutter Jesunder dich nit umtragen müssen im Tratschkörbl, und der Pfleger hätt nichts erfahren vom Leupolt.« Er hob die zwei zerschnittenen Tüchelchen von den Dielen auf, löste die Schlingen, die noch am Zapfenbrette hingen, und schob sie schmunzelnd in die Tasche. Forschend guckte er über die Schulter nach dem Bett, verließ die Stube und schloß hinter sich die verbogene Tür, so gut sich das noch erledigen ließ.
Da kam der Meister über die Stiege heraufgehastet, Sorge in den Augen. »Was ist denn mit dem Kind?«
»Nichts, lieber Nick! Oder doch nichts Böses. Im Gegenteil. Dein Kind hat einen Sprung aus dem Kalten ins Warme getan. Das geht nit ab ohne festen Beutler. Jetzt müssen wir dem kleinen Weibl ein bißl Ruh vergönnen und müssen sie schlafen lassen.«
In den Augen des Meisters wollte die Sorge nicht erlöschen. »Schlafen?«
»Aufs erste Kirschwasser schlaft man allweil. In späteren Jahren mindert sich die gute Wirkung. Komm! Wir gehen hinunter in die Werkstatt!« Er wurde ernst. »Da hab ich gesehen, was mir arg mißfallen hat. Mensch bleiben, heißt bauen und schaffen, nit in Scherben schlagen.«
Drunten im Flur stand die Sus mit seitwärts gespreiteten Armen an der Mauer, zitternd, im Blick den Ausdruck einer qualvollen Angst. Etwas Tierisches und dennoch etwas Schönes war in ihren Augen. Der Pfarrer ging an der Magd vorüber, ohne sie zu gewahren. Meister Niklaus blieb stehen und sah sie an, verwundert, als sähe er etwas an ihr, was er noch nie gesehen hatte. »Sus!« Sie neigte vor seinem Blick die Stirn: »Jetzt muß ich zum Herd. Das Wasser wird eingesotten sein und das Fleisch wird schlecht.« Ein müdes Lächeln. Dann ging sie davon. Er sah ihr nach und blieb noch immer stehen, obwohl die Sus in der Küche schon verschwunden war.
Der Pfarrer stand in der Werkstätte vor dem roten zerquetschten Wachsklumpen. »Herzbruder Nick? Was hast du denn da getan?«
»Fast weiß ich es selber nit.« Meister Niklaus faßte erregt ein breites Messer und schnitt die formlose Wachsmasse von der hölzernen Platte. »Es ist mir, als hätt ich's im Zorn getan.« Mit der Linken knüllte er das Wachs zu einem Ballen. »Oft ist's wie ein Fremdes, was man tut. Kann sein, ich hab Platz machen müssen für ein Ding, das besser ist.« Er wurde ruhig. Und während er mit dem Pfarrer sprach – von Luisas Heimkehr am Morgen, von seinem jähzornigen Hammerstreich, von der Mutter Agnes, vom Eis auf dem Königssee und von dem süßen Krapfen – preßte er eine Wachsflocke um die andere auf das Holz, schnitt mit dem Daumennagel und formte mit den Fingern. Und plötzlich, die Arbeit unterbrechend, sah er den Pfarrer an. »So sag mir doch die Wahrheit! Was ist mit dem Kind?«
»Das ist schnell gesagt. Sie hat den Leupolt gern und weiß es noch nit. Da rumort das Neue ein bißl hitzig in ihrem kühlen Klosterstübl.«
Aufatmend flüsterte Niklaus: »Das wär ein Glück! Da tät's wieder heller werden in meinem Haus.«
Ein Summen an den Fensterscheiben. Man hörte rasch nacheinander aus weiter Ferne her den Hall und das Echo von fünf Gewehrschüssen. »Hörst du?« lachte der Pfarrer ingrimmig. »Derweil die Herzensnot der Menschen umlauft im ganzen Ländl, erlustigt sich die Allergnädigste an den Untersteiner Wildsauen. Ein Gutes hat auch das. Die Sorg um den Leupolt ist aufgeschoben. ‚Tod ist Tod,‘ sagt meine Schwester allweil, ‚aber besser morgen als heut.‘ Dein Mädel tu schlafen lassen, bis es von selber aufwacht. Nach dem Quantum Kirschwasser, das ich dem blinden Klosterspatzen eingegossen hab, wird's lang dauern, bis er wieder piepsen kann. Und du bleib bei der Arbeit, Nick! Sie ist von allem Lebenstrost der beste.«
Kapitel VIII
Im Wehen des Föhns, bei blitzendem Tropfenfall und in Sonne, schmetterten vier Hifthörner die Sautodweise durch den Untersteiner Wald. Auf rotfleckigem Schnee, zwischen der grünmaskierten Fürstenkanzel und dem mannshohen Stellnetz, lagen die drei zur Strecke gebrachten hauenden Schweine, festlich aufgeheitert, mit Fichtengrün bekränzt, mit kirschroten Seidenmaschen an den Lusern und an den zottigen Schwänzen. Die graulivrierte Stiftsjägerei war in Reihe gestellt, und rings um die erlegten Keiler gaben die weiß und braun getigerten Saurüden in ihren dick unterfütterten Barchentpanzern Standlaut. Nach einer vierstimmigen Fermate schwiegen die Hörner, um gleich darauf die sanfte Dianenweise zu beginnen, die zu Ehren der edlen Aurore de Neuenstein geblasen wurde. Mit Grazie kam der Hofzug durch den Schnee geschritten, voraus der Fürstpropst Anton Cajetan mit der Allergnädigsten en titre. Nach französischer Vorschrift für ein Eingestelltes Treiben auf Wildschweine trug er ein hechtgraues, reich mit Silber besticktes Jägerkleid, an dem zwei kleine Bäffchen den Priester unvordringlich andeuteten, und darüber einen offenen, kostbaren Pelz, der durch den degenförmigen Hirschfänger vom Körper abgespreitet wurde. Unter dem silberbetreßten Dreispitz quoll ein geschnörkelter Lockenbau hervor. Zwischen den Haarschnecken spitzte sich ein weißes, tadellos rasiertes, schon greisenhaftes Schmalgesicht heraus, launig lächelnd, ein bißchen spöttisch und nicht ohne Energie.
Ehe Herr Anton Cajetan im vergangenen Jahr von den sieben Stiftsherren zum Fürstpropst gewählt wurde, war er durch zwei Jahrzehnte als Dekan des Stiftes ein geschäftiger Vorkämpfer der Kapitularen um ihre Selbständigkeit gewesen, um ihre Loslösung von der mönchischen Regel, um ihre Verwandlung in freie Chorherren mit allen weltlichen Vorrechten edler Geburt. Da hatte er scharfe Worte, nicht nur gegen die begründeten Ansprüche des wohlmeinenden Churfürsten von Bayern, auch gegen den Papst geredet und geschrieben. Im Streite gegen die ‚evangelischen Rebellen‘ hatte er eine aus Vorsicht und Konsequenz gebildete Faust erwiesen. Während aus dem Salzburgischen die ‚gottsfeindlichen Landsverräter‘ zu vielen Tausendscharen ausgewiesen wurden, statuierte Herr Anton Cajetan als Dekan und Propst nur ein paar abschreckende Exempel und hatte, wie er noch immer glaubte, seine Stiftslande frei erhalten von einem staatsgefährlichen Anwachsen des Schwarmgeistes. Seit Beginn des evangelischen Aufruhrs im Salzburgischen hatte der Fürst, um alle aufreizenden Nachrichten von außen abzusperren, jede Straße durch einen Grenzriegel von Musketieren verschlossen. Daß dadurch der Wohlstand im Lande sank, aller Handel unterbunden war und die Steuerkraft der Bauern, Handwerker und Kaufleute vermindert wurde, das zählte nicht. Wenn nur die Landsruh und der reine Glaube erhalten blieb! Bis wieder bessere Zeiten kamen, konnte man borgen. Aber wo? Die Schulddokumente des Stiftes füllten schon viele Schränke, erschreckend wuchsen von Jahr zu Jahr die Kosten der höfischen, aus Standesrücksichten unerläßlichen Pariserei, und immer bedrohlicher begannen die hilfreichen Brunnen zu versiegen, um so mehr, je übler es der Berchtesgadnische Hof mit dem Churfürsten von Bayern verschüttet hatte, der früher dem Berchtesgadnischen Land ein hilfsbereiter Schutzfreund gewesen war. Die Frage, wo neue goldene Hilfsquellen zu erschließen wären, verursachte Herrn Anton Cajetan schlummerlose Nächte. Das Bauerngerede, daß der Allergnädigste nicht schlafen könne, weil ihm der allzuviele Wein den Magen versäuere, war eine Verleumdung. Im Gegenteil: Herr Anton Cajetan bedurfte reichlich der spiritualen Beruhigung, weil ihm die gähnende Kassensorge den Schlummer verwehrte.
Diesen Regierungsgram hatte er nicht zur Wildschweinhetze mitgenommen. Er blickte heiter in die Sonne, und das leise Spottzucken seiner Mundwinkel war feingalantes Vergnügen an der Tatsache, daß seine hübsche Freundin en titre sich gläubig einen weidmännischen Erfolg hatte aufschwatzen lassen, den sie nur dem korrigierenden Beistand der Domizellaren verdankte. Die zerschmetterte Wirbelsäule des einen Keilers war einwandfrei ein Werk ihrer kleinen Dianenhände. Die Blattschüsse der beiden anderen Keiler waren höfische Nachhilfe, die von allen Schützen mit den heiligsten Eiden verleugnet wurde. Aurore de Neuenstein war so geartet, daß sie an Männerschwüren niemals zweifelte. Bei der grünen Fürstenkanzel hatte sich nach den fünf Flintenschüssen ein galantes weidmännisches Gerichtsverfahren abgespielt, das den Glauben der Allergnädigsten an die Unfehlbarkeit ihrer Geschosse befestigt und Herrn Anton Cajetan sarkastisch erheitert hatte. Da er seiner standesgemäßen Freundin gegenüber in anderer Weise nicht ganz auf seine hohen Kosten kommen konnte, hielt er sich zuweilen dadurch schadlos, daß er sich innerlich um so mehr über sie lustig machte, je liebenswürdiger er sie äußerlich behandelte.
Unter den Klängen der Dianenweise führte er sie an hoch erhobener Hand zur Strecke. Der Wind zauste ihre hechtgraue Pelzglocke und blies den Puder aus ihren Locken. Glücklich und stolz, den geschminkten Kreuzermund mit dem Schönheitspflästerchen vorgeschoben, stelzte sie durch den zerwühlten, mit roten Flecken übersprenkelten Schnee, in der Rechten das buntgebänderte Jagdspießchen führend, das einer für Kinderhände berechneten Schäferschippe ähnlicher sah als einer Saufeder. Dem hohen Paare folgte der Kapitular Graf Saur mit dem Kanzler von Grusdorf, der die Regierungssorgen nicht zu Hause gelassen hatte und zwischen den Lockenschnörkeln gallig in die Sonne blinzelte. Seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Allergnädigsten verdankte er die bevorzugte Stellung am Hofe; doch weil er an Podagra litt, verurteilte er weniger aus moralischen, als aus sanitären Gründen diese häufigen Elefantenfahrten, die ihm kalte Füße verursachten. Den Zug beschlossen die Domizellaren in hechtgrauer Junkertracht: die drei Barone von Hausen, Stutzing und Kulmer, und der bildhübsche, zwanzigjährige Graf Tige, der seit dem Weihnachtsspiel, in dem er als Partner der Allergnädigsten den heilbringenden Engel dargestellt hatte, ihr bevorzugter Günstling war.
Die Hörner schwiegen, der Wildmeister sagte in einer Sprache, die er nicht verstand, seinen gereimten Spruch auf – französische, sehr galante Verse, die Graf Tige verfaßt und dem Wildmeister eingelernt hatte wie einem Papagei. Dann nahm Herr Anton Cajetan die drei grünen Brüche, die ihm der Wildmeister auf dem Dreispitz hinbot, und befestigte sie am Busen der holdselig lächelnden Diana. Das vollzog sich auf eine Weise, daß es auch bei einer Chasse royale im Parke zu Fontainebleau nicht graziöser hätte geschehen können. Unter dem schmachtenden Rondo der Dianenweise schloß sich an dieses stilgemäße Jagddrama noch ein improvisiertes Satyrspiel. Einer der erlegten Keiler hatte im Verenden unter Todesqual noch eine letzte irdische Verrichtung vollzogen. Was dabei aus dem Leib des Tieres umfangreich in die Sonne getreten war, faßte Graf Tige lachend auf eine Fichtenborke, beugte elegant das Knie, hob die nach dem Weidmannsgeschmacke der Zeit mehr bewundernswerte als anrüchige Sache bis vor das zarte Näschen der etwas erschrockenen Diana und zitierte aus dem »Livre de la chasse du Grand Seneschal« die berühmten Verse:
»En la saluant humblement
Mes fumées lui presentay.
Elle me respond doulcement:
Et à vous! dont me contentay.«[B]
Der Doppelsinn dieser Reime im Zusammenhang mit den galanten Beziehungen, die zwischen Graf Tige und der Allergnädigsten en titre bestanden, weckte heiteres Gelächter. Auch Herr Anton Cajetan schmunzelte. Ein bißchen boshaft. Und Aurore de Neuenstein, halb verlegen, halb geärgert, schmollte mit ihrem Zwitscherstimmchen: »Ingrat! Vous parlez trop par métaphores!«
Scherzend senkte sie die Klinge des von Bändern flatternden Jagdspießchens gegen die Herzstelle des knieenden Junkers und mimte den Todesstoß einer zürnenden Göttin. Lächelnd erhob Herr Anton Cajetan die wehrende Hand: »Ma chérie! Vous changez les rôles contrairement à la nature des vos enfantillages.«
Neues Gelächter. Unter den Klängen des Herrengrußes kamen die Schlitten vorgefahren. Die Heimreise begann in munterer Laune und mit schicklicher Platzverteilung: der Fürstpropst nahm den Grafen Saur zu sich in den Schlitten, und Aurore de Neuenstein schmiegte sich wieder an ihren frierenden Elefanten. Weil Herr von Grusdorf das Französische nur mangelhaft beherrschte, mußte die Allergnädigste bei dieser Klingelfahrt sich ihrer heimatlichen Sprache bedienen. Geboren in der Gegend von Dillingen, schwäbelte sie ein bißchen. Das klang sehr niedlich. Doch plötzlich verstummte ihr Gezwitscher, und verwundert sah sie die alte Bäuerin an, die aus kleinem Gehöft einen plumpen, mit rauchendem Kuhmist beladenen Hörnerschlitten herauszog. Kindlich fragte Aurore: »Warum schaut denn dees Weible so bös?«
Herr von Grusdorf erwachte aus seinen Regierungssorgen. »So schauen sie hier alle. Die Untersteiner sind von unseren Subjekten die Obstinatesten. Ich besorge, daß sich da wieder ein evangelischer Provokativus remarkabel macht. Wir haben Suspizien auf einen vulgo Hasenknopf.« Das edle Fräulein lachte über den sonderbaren Namen und zirpte: »Laß ihne doch alle die Köpf runterschlage! Da habe mer Rueh, und der Glaube bleibt rein erhalte.«
Bei den letzten Häusern von Unterstein stockte die Schlittenzeile. Herr Anton Cajetan sprach mit einem Musketier, der aufgeregt dem Fürsten entgegengelaufen war. Auch der Landesherr schien in Erregung zu geraten. »Grusdorf! Da bringt man uns eine höchst mirakulöse Nachricht. Die Bäuerin im Haynacherlehen soll ein Mißgeschöpf geboren haben, das zur Hälfte weiß ist und zur Hälfte schwarz.« Aurore de Neuenstein in ihrer holden Unschuld erfaßte sofort den Humor der sonderbaren Sache und erklärte eine solche Farbenmischung für complètement incroyable, da doch kein Neger im Lande wäre.
Flink begannen die vier Klingelkisten zu jagen. Man unterhielt sich lustig und rief graziöse Späße von Schlitten zu Schlitten, ohne zu ahnen, daß man Scherz trieb mit dem Schicksal eines Menschen, dessen junges Hausglück sich verwandelt hatte in etwas Grauenhaftes.
Ehe die Hofschlitten das Haynacherlehen erreichten, hatten in Christls Gehöft schon viele Menschen sich angesammelt. Die Bauern, Weiber und Kinder der Nachbarlehen standen in Gruppen beisammen, und vom Sudhaus waren die Pfannenknechte herübergesprungen. Was in dem kleinen Haus geschehen war – an sich eine natürliche Sache, nur mißraten unter einem seltenen Irrtum der Natur – verwandelte sich für die schwer erschrockenen Leute zu einem ungeheuerlichen Ding, das die Gehirne verwirrte und die Gemüter verstörte. Weil die Haustür verriegelt war, drängten die Leute sich klumpenweis um die drei kleinen Fenster. In der Stube sahen sie die Wiege mit dem weinenden Bübchen, sahen auf dem Tisch was liegen, bedeckt mit einem rotfleckigen Leilach, und sahen die blasse Hasenknopfin hin und her laufen, immer mit einer irdenen Wasserschüssel zwischen den Händen. Am Kammerfenster war nichts zu erspähen. Man hatte innen das rote Vorhängelchen zugezogen. Nur vier Stimmen waren zu hören: das Gestammel der Hasenknopfin, die ängstliche Stimme Lewitters, die Klagelaute des jungen Bauern und eine ruhige Frauenstimme, die mit gläubiger Inbrunst zu beten schien. Leute, die am Fenster lauschten, verstanden einzelne Worte der Haynacherin. Einer fragte: »Was betet denn die?« Andere erkannten die Worte, die sie heimlich schon oft gelesen hatten – im verbotenen Paradiesgärtl – und diese anderen schwiegen, Ergriffenheit in den harten Gesichtern. Sie wußten: daß die unsichtbare Haynacherin in ihrer Todesstunde eine Sichtbare wurde.
Ein klobiges Mannsbild, einer von den fürstpröpstlichen Pfannenknechten, schrie: »Der Tod bringt's an den Tag. Die Haynacherin ist irr im Glauben. Der Christl hat's geduldet in seiner verruckten Lieb. Jetzt hat ihn der Herrgott gestraft.« Und ein aufgeregtes Mädel kreischte: »Die Hälft am Kindl hat christliche Unschuldsfarb! Der Haynacherin ihren Halbteil hat die Höll verschwärzt.« Ein alter Bauer mit grauem Bart – der Fürsager aus dem Stall der Unsichtbaren von Unterstein – sah die beiden Schreier mit zornfunkelnden Augen an: »Ihr zwei? Ihr tut euch Christen schimpfen? Ja? Und hundertmal sagen im Tag: von nun an bis in Ewigkeit? Ja?« Der Pfannenknecht brüllte: »Bist du auch einer, du?« Er sprang auf den Alten zu und packte ihn an der Schulter. Gleich drängten sich Fünfe, Sechse zwischen die beiden und deckten den alten Mann. Auch der Knecht fand Kameraden, und es wäre zu einem üblen Handel gekommen, wenn nicht am Stubenfenster ein Kinderstimmchen gerufen hätte: »Jetzt kommt der Jud!« Die Leute guckten.
Simeon Lewitter, mit der Ledertasche in der Linken, eingehüllt in seinen dicken Fuchspelz, trat aus der Haustür, die hinter ihm von der Hasenknopfin wieder verriegelt wurde. In seinem erschöpften, kreidebleichen Gesichte mischte sich scheue Ängstlichkeit mit Zorn und Trauer. »Seid doch verständig, Leut, und geht zu euren Dächern. In des braven Christls Haus ist das Unglück eingekehrt. Vergönnt ihm aus Erbarmen den Frieden, den er nötig hat!« Zwanzig, dreißig Stimmen redeten durcheinander und verstummten plötzlich. Ein Peitschenknall, ein heitertönendes Schellengeklingel. In der rotwerdenden Nachmittagssonne kamen die vier Hofschlitten angefahren. Der Vorreiter sprengte durch das Zauntor: »Platz für den allergnädigsten Herrn!« Das Gehöft war leer. Die Leute rannten hinter den Schuppen, kletterten über den Zaun, wateten durch den schlammigen Ackerschnee und verschwanden hinter den Hecken.
Simeon Lewitter blieb. Nicht gerne. Er nahm das Käppchen von seinem weißen Haar und täppelte zögernd dem ersten Schlitten entgegen. Sorge wühlte in ihm. Was er in dem kleinen Haus getan, das hatte er tun müssen aus Barmherzigkeit für den verstörten, von Grauen und Verzweiflung zerbrochenen Christl. Aber er fühlte: was er tun hatte müssen, konnte sich für ihn selbst in eine Gefahr verwandeln. »Wär ich nur schon daheim in meiner Kinderstub!« Da hielt der Schlitten des Fürsten. Der zweite Schlitten fuhr dicht an den ersten heran, weil Aurore de Neuenstein hören wollte und der Kanzler von Amtswegen hören mußte. Aus den zwei andern Schlitten sprangen die Domizellaren heraus und wateten lachend durch den Schnee. Lewitter verbeugte sich tief.
»Simeon? Du?« Der Fürstbischof schmunzelte ein bißchen. »Ist das wahr? Daß die Haynacherin ein Kind geboren hat, halb weiß, halb schwarz?«
Der kleine Mann schüttelte kummervoll den Kopf. »Es ist noch ärger, gnädigster Herr! Nur mit den Farben stimmt es. Das eine Kind ist weiß wie ein Rösl. Das andere ist schwarz – vom Brand.«
Das letzte Wort überhörend, fragte der Fürst verwundert. »Zwei Kinder?«
Lewitter nickte. Dann sagte er's in kurzen Worten: daß es mit der Haynacherin drei Wochen über die Zeit gewesen wäre. Seit vier Nächten hatte sie unter furchtbaren Wehen gelitten. Und vor einer Stunde gebar sie zwei Mädelchen, ganz natürlich entwickelt, mit allen Gliedmaßen, doch von der Schulter bis zur Hüfte aneinander gewachsen – das eine tot, schon erloschen unter dem Herzen der Mutter, während das andere nach der Geburt noch Spuren von Leben gezeigt, noch offene Augen und ein schlagendes Herz besessen hatte – Leben, unlösbar mit dem Tod verwachsen.
»Quelle chose effroyable!« lispelte Aurore de Neuenstein erblassend und vergaß ihrer pariserischen Bildung. »Dees ischt ja doch nit zum glaube!« Und der Fürstpropst fragte erschrocken: »Gibt es das?«
»Ein seltenes Ding!« sagte Lewitter mit schwankender Stimme. »Ich weiß nur noch von einem einzigen Fall. Er hat sich zu Regensburg ereignet, vor vierhundert Jahren. Ganz der gleiche Vorgang war es. Auch damals mußten Kinder und Mutter sterben.«
Der Fürstpropst beugte sich vor. »Sterben? Auch die Mutter?«
»Als ich das Haus verließ, begann sie zu erlöschen. Keine Hilfe mehr. Ich habe den Schmerz des Mannes nimmer sehen können. Drum bin ich gegangen. Der Mensch, wenn er hilflos ist, hat feige Stunden. Und was ich getan habe, das hat den Mann nicht getröstet.« Lewitters Blick war ängstlich. »Ich meinte, daß es ihn aufrichten würde in seinem Schmerz, wenn sein weißes Kindlein christlich würde, solange noch Leben in ihm war. Drum hab ich ihm die Nottaufe gegeben.«
»Lewitter!« murrte Herr von Grusdorf erschrocken. »Wie konnte er sich verleiten lassen zu einer solchen Inkompetenz? Die causa des Leupolt Raurisser hätte ihn vorsichtiger machen sollen.« Auch der Fürstpropst schien unbehaglich berührt: »Simeon! Das hättest du besser unterlassen!«
»Herr!« Immer ruhiger wurde Lewitter. »Das Erbarmen kann ein Riese werden, der uns zwingt.«
»Mag sein! Aber –« Herr Anton Cajetan stieg aus dem Schlitten, und der Kanzler tat rasch das gleiche. »Warum hat nicht der Kindsvater das Kind getauft?«
»Weil er die schwarzweiße Mißform seiner verlorenen Kinder nicht mehr ansehen konnte, ohne daß ihn der Kummer halb erwürgte. Und weil er immer wieder in die Kammer sprang zu seinem erlöschenden Weib.« Der Körper des kleinen Mannes streckte sich, und etwas Schönes war in seinem Blick. »Schon vielen Menschen hab ich beigestanden in ihrer letzten Stunde. Aber nie noch hab ich ein Menschenkind so voll Gottvertrauen versinken sehen, wie dieses arme, leidende Weib.«
»Mais donc –« Herr Anton Cajetan wurde ungeduldig. »Warum hat nicht die Hebmutter die Nottaufe an der noch lebenden Hälfte exekutiert?«
Den Grund – daß Christl sein Kind durch eine Unsichtbare nicht taufen ließ – wollte Lewitter nicht bekennen. Er sagte: »Die Frau war um das sterbende Weib beschäftigt.«
Im Kanzler erwachte ein Verdacht. »War es, um methodisch vorzugehen, die Hebmutter des Marktes?«
Jetzt gab es kein Verschweigen mehr. »Es war die Hasenknopfin von Unterstein.«
Der Fürst und Herr von Grusdorf tauschten einen Blick. Anton Cajetan machte einen Schritt gegen das Haus hin, wandte das ernste Gesicht und sagte zu dem hübschen hechtgrauen Junker: »Mon cher Tigue! La Neuenstein désire fort d'être chez soi!« Bei der Vermutung, daß seine Freundin en titre sich einem nervenquälenden Anblick zu entziehen wünsche, hatte er nicht mit der Gruselsucht der holden Dame gerechnet. »Non, non, non,« sie schlüpfte hastig aus dem Schlitten, »je veux voir ça, moi! So ebbes Seltsames versäumt me doch nit.« Die Schultern zuckend, ging der Fürst auf die Haustür zu. Die anderen hinter ihm her. Simeon Lewitter blieb bei den leeren Schlitten stehen. Weil sich niemand um ihn kümmerte, wurde ihm die Entscheidung leicht. Nur erst daheim sein! Keuchend zappelte er durch den Schnee davon.
Der Kanzler mußte mehrmals an der Haustür des Christl Haynacher pochen. Aus dem Innern des Hauses klang ein verzweiflungsvoller Laut, nicht wie menschliche Stimme, wie der Schrei eines Tieres. Den hatte der junge Bauer ausgestoßen, als er im Gesicht seiner Martle das blasse Sterben erkannte. Immer ungeduldiger pochte Herr von Grusdorf, und mehrmals beteuerte Aurore de Neuenstein, daß jeder Nerv in ihr vor Spannung und Erbarmen fiebere. Endlich öffnete die Hasenknopfin. Zitternd stand sie im Dunkel des Flurs. »Gelobt sei –« Weiter kam sie nicht, weil die hechtgraue Diana gleich die Frage zwitscherte: wo die unglaubliche Sache zu sehen wäre? Schweigend wies die Hasenknopfin zur Stube, neben deren Ofen das kleine Bübchen in seiner Wiege weinte, und deutete auf den Tisch, auf das weiße, dunkelgefleckte Leilach, das den neugeborenen Jammer des Christl Haynacher barmherzig verhüllte.
In der kleinen Stube begann es grau zu werden. Draußen flimmerte wohl die Sonne noch auf dem schwindenden Schnee, doch über den Fenstern lag schon der Schatten des vorspringenden Daches.
Mit beiden Händchen die steife Glocke ihres Dianenkleides zusammenpressend, schmiegte sich Aurore de Neuenstein durch die schmale Stubentür, den ovalen Rocktrichter flink voranschiebend. Das weinende Bübchen, als es diese seltsame Glocke mit den zwei weißen Spitzenschwengeln erscheinen sah, wurde stumm vor Schreck. Und während aus der Kammer das erwürgte Schluchzen des jungen Bauern zu hören war, trippelte die Neuenstein in der schaukelnden Kleidglocke dem Tisch entgegen, faßte mit den Fingerspitzen zu und hob einen Zipfel des Leilachs. Jähes Grauen rüttelte ihre feinen Schultern. »Mon dieu! Quelle chose affreuse!« Als hätte sie sich die behandschuhten Finger verbrannt, so hastig ließ sie den Leilachzipfel fallen, stieß einen zarten Schrei aus und bot den Anblick einer Dame, die in Ohnmacht zu fallen wünscht. »Eh bien, la voilà!« sagte Herr Anton Cajetan halb nachsichtig, halb ärgerlich. Er deutete auf die mit beiden Händchen Rudernde, die das Niederfallen auf den grauen Bretterboden noch verzögerte, und sagte zum Grafen Tige: »Remplissez donc votre devoir d'un bon camarade!« Der hübsche Junker mit den winzigen Bäffchen umschlang die pelzverbrämte Diana, wobei sie die Augen schloß und schlaffe Arme bekam.
Unter Mithilfe des Domizellaren von Stutzing, der im Türschacht die Kleidglocke ovalisieren mußte, beförderte Graf Tige das edle Fräulein auf seinen Armen aus der Stube, aus dem Haus und über das Gehöft zum Schlitten. Eine zornscharfe Mädchenstimme – jene gleiche Stimme, die im Stall der Unsichtbaren geschrien hatte: »Schauet mein junges Brüstl an, so haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet!« – diese zornscharfe Mädchenstimme schrillte hinter einer nahen Hecke: »Leut! Das bablische Laster zappelt drieköpfig in der Sonn umeinander! Tät's ein Wunder sein, wenn der Ewige dreinschlagt mit Zeichen und Ruten!« Stutzing und Tige waren so fürsorglich um die in der frischen Luft sehr rasch erwachende Diana beschäftigt, daß sie anderer Dinge nicht zu achten vermochten. Sie überhörten die schrillende Mädchenstimme. Und als sie das zierliche Persönchen im Schlitten und die winzigen Füßchen im Fußsack hatten, schwang Graf Tige sich opferfreudig an die Seite der Neuenstein und befahl dem Kutscher: »Schnell! Nach Haus!«
Munter tingelten die Schlittenschellen, und die zwei guten Kameraden rutschten über den knirschenden Straßengrund. Noch ein bißchen zitternd vom überstandenen Grauen, klammerte Aurore de Neuenstein sich an ihren Ritter, schlug die unschuldsvollen Augen auf und lispelte: »Alles, Liebster! Alles – –« Nein! Deutsch konnte sie das nicht sagen. Sie mußte sich der Feinheit ihrer Bildung besinnen und hauchte dem Junker flehend ins Ohr: »Tout, mon ami! Tout ce que vouz voulez! Mais jamais un enfant!«
Der Domizellar von Stutzing kehrte in das Haus des Christl Haynacher zurück. Als er die Stube betrat, war schon wieder mit dem Leilach bedeckt, was auf dem Tische lag. Auch das Verhör der Hasenknopfin war beendet. Bleich, einen harten Zug um die farblosen Lippen, stand das Weib vor dem Kanzler. Während der Fürstpropst und Graf Saur in französischer Sprache diesen schwerbegreiflichen Irrtum der Natur erörterten, sah Herr von Grusdorf immer die Hasenknopfin an und sagte schließlich: »Man wird ihr befehlen, wann sie sich für weiteres Zeugnis vor der Obrigkeit zu präsentieren hat. Dann wird sie sich der Wahrheit besinnen. Wird auch wissen, wo ihr Mann sich befindet. Heute wird sie recte erfüllen, was ihres Amtes ist. Um rebellische Rumore und den Zulauf kuriöser Leute zu verhindern, wird sie die Haustür verschlossen halten bis zur Dunkelheit. Was tot auf dem Tische liegt, das bringt sie nach Anbruch der Nacht in notwendiger Heimlichkeit dort hin, wohin es gehört. Man wird das in der Finsternis bestatten. Über alles hat sie strengstes Stillschweigen zu observieren. Befehl der Obrigkeit: ein totgeborenes Kind, nicht weiß und nicht schwarz, ein Kind, wie Kinder zu sein pflegen. Weiteres ist ihr nicht bekannt. Für jedes böswillige Leutgerede ist sie haftbar. Versteht sie?« Er machte mit dem Stock eine Bewegung, als möchte er das Weib von sich fortschieben, und wandte sich gegen die Kammer, aus der kein Laut mehr zu hören war. Die Hasenknopfin tat mit entstelltem Gesicht einen schweren Atemzug, nahm das schlucksende Bübchen aus der Wiege und rettete sich mit ihm in den dämmerigen Ofenwinkel. Während sie das Kind an ihrem Herzen schaukelte, spuckte sie immer aus, als könnte sie die Lügen, die sie aus Angst geredet hatte, wieder fortspeien von ihrer Zunge.
Herr von Grusdorf hatte die Kammertür vor sich aufgeschoben. Im gleichen Augenblick machte er eine abwehrende Bewegung, wie in Sorge, daß sein gnädigster Herr ihm folgen könnte. Was er sehen mußte, war kein Anblick für fürstliche Augen. Die kleine Kammer war erfüllt von einem rötlichen Schein. Ihr Fensterchen lag gegen Westen, und die untergehende Sonne verwandelte den kleinen Lichtwinkel in ein glühendes Viereck. Das Ehebett des Christl Haynacher und seiner seliggewordenen Martle glich dem rotfleckigen und zerwühlten Schnee, in dem die hauenden Schweine mit den kirschfarbenen Seidenmaschen gelegen hatten. Nur lagen hier, in diesem Rotschimmer, zwei andere Dinge: der ruhige, schöne Tod und der besinnungslose Jammer, ein unbeweglicher und ein noch zuckender Rest zweier Menschen, in denen die Liebe war und mit der Liebe zugleich das Mißtrauen, der Zorn und die Glaubensfeindschaft. Lebendig war nur die Liebe noch. Was Feindschaft, Zorn und Mißtrauen gewesen, war erlegt von einem Schützen, der so sicher traf, daß man ihm Jagderfolge nicht aufzulügen brauchte, war zur Strecke gebracht ohne Hifthörner, ohne hechtgraue Jägergala, ohne französische Verse und galante Reimsprüche.
In dem engen Gängelchen neben dem Bett auf den Dielen kniend, lag Christl mit gestreckten Armen hingeworfen über den Schoß seines Weibes, lautlos, zitternd am ganzen Leibe, einem Menschen gleich, der durchschüttert wird von jähem Frostschauer. Mit den braunen, groben Händen machte er suchende Bewegungen, wie um sein Weib bei den Händen zu fassen, die ineinandergeklammert waren nach Art einer Betenden. Diese Hände lagen im Schatten von Christls Schulter und waren weiß. Das Gesicht, das wie Wachs geworden war, bekam von der Sonnenfarbe zur Hälfte ein leuchtendes Rosenrot, zur Hälfte einen violetten Schatten. Ein schmuckes Mädel und Weib war die Martle immer gewesen, aber in keiner Stunde ihres Lebens so schön, wie jetzt im Tode. Eine heilige Ruhe war ausgegossen über das schmale Schimmergesicht. Den stillen Mund, der keinen Zug des Leidens mehr erkennen ließ, umgab ein träumendes Lächeln. Und unter den vom Lichte in poliertes Gold verwandelten Flechten hatten die noch offenen Augen einen unbeweglichen, fast überirdischen Glanz.
Erschrocken, in wachsendem Staunen, betrachtete Herr von Grusdorf das tote Weib. Wo waren an dieser Abtrünnigen die Spuren ihres Seelenkampfes mit dem Teufel? Hatten die Gerüchte gelogen, die seit dem Herbste über die Haynacherin umherliefen? Hatte die Hasenknopfin die Wahrheit gesprochen, als sie sagte: daß die Martle unter den obrigkeitlich vorgeschriebenen Gebeten wie eine rechte Christin gestorben wäre? Wider Willen fühlte der Kanzler eine Regung des Erbarmens. Aus den früheren Jahren seiner Richterzeit war er gewöhnt an die Bilder der Folterstube. Was er in dieser Kammer sah, zerbrach ihm den Panzer der Gewohnheit und faßte ihn an einem Muskel seines Menschentums. Er legte die Hand auf die Schulter des zuckenden Bauern und sagte freundlich: »Ermanne er sich, Haynacher! Gott hat gegeben –« Da verstummte er in Zorn und Empörung. Er sah nicht den zerbrochenen Menschen, der sich mühsam aufzurichten versuchte; sah nicht diese irrenden Verzweiflungsaugen und dieses entstellte Gesicht. Er sah nur das abgegriffene Buch, das neben den Fäusten, mit denen Christl vom Bett sich aufstemmte, unter dem Kopfkissen der entseelten Haynacherin hervorglitt. Gleich erkannte er's. Von diesem Buche hatte er an die zwanzig konfiszierte Exemplare in seinem Aktenschrank. Wie ein Falk den Vogel faßt, so griff er über den Kopf des Bauern hinüber, packte das Paradiesgärtl des Johann Arndt und rief entsetzt: »Das crimen ist notifiziert.«
Christl, wie jäh belebt, war an der Mauer in die Höhe gefahren, tappte mit den Händen und schrie: »Das Büchl tust du ihr lassen, du! Das Büchl ist ihre Seligkeit gewesen und ihr heiliger Tod!«
Der Kanzler war schon bei der Tür und kreischte in die Stube hinaus: »Reverendissime! Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament für allergnädigste Sohlen.« Man hörte französische Worte, hörte den flinken Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: »Er verlorener Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsünde?« Der Bauer schüttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Händen. »Um seiner Seligkeit willen hoffe ich, daß seine Deklarazion sich als Wahrheit erweist.« Der Kanzler deutete mit dem Krückstock gegen das Bett. »Was mit dem Kadaver zu geschehen hat, das weiß die Hasenknopfin.« Er wollte gehen.
»Herr!« keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hände. »Alles! Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man muß doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gnädiger Herr – mein Weibl ist so fromm und heilig gestorben – schöner könnt auch der Papst nit sterben!«
Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten Mitleids mit dem Amtsgewissen. »Bene! Um seinetwillen! Wir wissen, daß er immer ein verläßlicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf seinem eigenen Acker zu verscharren.« Nach diesen Worten menschlicher Barmherzigkeit verließ der Kanzler die rote Kammer.