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Das grüne Gesicht: Ein Roman

Chapter 11: Zehntes Kapitel
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About This Book

Set in an uncanny Amsterdam quarter, the narrative follows a disoriented foreigner whose encounters with a bizarre curiosity shop, its performers, and a parade of odd figures trigger a drift into occult visions, dream logic, and inner turmoil. Episodes blend urban realism, grotesque humor, and supernatural suggestion as the protagonist confronts shifting identities, symbolic objects, and cultlike spectacles; the work interweaves satirical portrayals of city life with mystical speculation and psychological unrest, unfolding through episodic scenes that blur waking experience and visionary states.

Oft, sehr oft habe ich Andern dieses unscheinbare Begebnis erzählt, aber es fiel fast nie auf fruchtbaren Boden. — Die Leute glaubten, wenn sie meinen Rat anwandten, immer leicht erraten zu können, was der unsichtbare ‚Dresseur‘ von ihnen verlangte, und hörten die Schläge des Schicksals dann nicht sogleich auf, so gerieten sie wieder in ihr altes Geleise und schleppen murrend oder — ‚ergeben‘, wenn sie zur Selbstbelügung der sogenannten Demut ihre Zuflucht nahmen — ihr Kreuz weiter. Ich sage: wer schon so weit ist, daß er nur zuweilen erraten kann, was die drüben, — oder besser: ‚Der große Innerliche‘ — von ihm will, das er tue, der hat schon mehr als die Hälfte der Arbeit hinter sich. Das Erratenwollen bedeutet allein schon eine vollkommene Umwälzung der Lebensauffassung; das Erratenkönnen ist bereits die Frucht dieser Saat. —

Es ist ein schweres Ding, dieses Erratenlernen, was wir tun sollen!

Im Anfang, wenn wir die ersten Versuche wagen, ist es wie ein unvernünftiges Tappen, und wir begehen da zuweilen Handlungen, die denen eines Verrückten gleichen und lange keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Erst nach und nach bildet sich aus dem Chaos ein Gesicht, aus dessen Mienen wir den Willen des Schicksals lesen lernen können; im Beginn schneidet es Grimassen.

Aber es ist mit allen großen Dingen so; — jede neue Erfindung, jeder neue Gedanke, der in die Welt hereinfällt, hat im Entstehen etwas Fratzenhaftes. Das erste Modell einer Flugmaschine war auch lange Zeit eine drachenähnliche Grimasse, bevor ein wirkliches Gesicht daraus wurde.“

„Sie wollten mir sagen, was Sie glauben, das ich tun solle,“ bat Hauberrisser fast schüchtern. Er erriet, daß der alte Mann nur deshalb so weit abschweifte und vorbereitete, weil er fürchtete, sein Rat, dem er offenbar den größten Wert beimaß, könne, wenn zu schnell vorgebracht, nicht entsprechend gewürdigt werden und verloren gehen.

„Gewiß will ich das, Mynheer; ich mußte nur zuerst das Fundament legen, damit es Ihnen weniger befremdlich vorkomme, wenn ich Ihnen etwas zu tun empfehle, was wie ein Abbrechen und nicht wie ein Fortführen dessen, wozu es Sie jetzt treibt, aussieht. — Ich weiß, — und es ist sehr begreiflich und menschlich, — daß Sie augenblicklich nur der Wunsch erfüllt, Eva zu suchen; aber dennoch ist das, was Sie tun sollen: diejenige magische Kraft zu suchen, die es für die Zukunft ausschließt, daß Ihrer Braut jemals wieder ein Unheil zustoßen kann; sonst möchte es vielleicht geschehen, daß Sie sie finden, um sie immer wieder zu verlieren. So, wie sich die Menschen auf der Erde finden, um vom Tod auseinander gerissen zu werden.

Sie müssen sie finden, nicht wie man einen verlorenen Gegenstand findet, sondern auf eine neue doppelte Art. — Sie haben mir auf dem Weg hierher selbst gesagt, Ihr Leben sei nach und nach wie ein Strom geworden, der sich im Sande zu verlieren droht. Jeder Mensch kommt einmal zu diesem Punkt, wenn auch nicht in einem einzigen Dasein. Ich kenne das. — Es ist wie ein Sterben, das nur das Innere betrifft und den Körper verschont. Aber gerade dieser Moment ist der kostbarste und kann zum Sieg über den Tod führen. — Der Geist der Erde fühlt gar wohl, daß ihm in diesem Augenblick die Gefahr droht, vom Menschen überwunden zu werden, und deshalb stellt er uns gerade da die tückischsten Fallen. — Fragen Sie sich einmal selbst: was würde geschehen, wenn Sie in diesem Moment Eva fänden? — Wenn Sie Kraft genug haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, müssen Sie sich sagen: der Strom Ihres Lebens und des Lebens Ihrer Braut würde wohl ein Stück weiter rinnen, dann aber im Sande des Alltags unrettbar versiegen. Erzählten Sie mir nicht, daß Eva sich vor der Ehe fürchte? — Gerade, weil das Schicksal sie davor bewahren will, hat es Sie beide so rasch zusammengeführt und gleich darauf wieder auseinander gerissen. — Zu jeder andern Zeit als der jetzigen, in der fast die gesamte Menschheit vor einer ungeheuern Leere steht, könnte es vielleicht sein, daß das, was Ihnen geschehen ist, nur eine Grimasse des Lebens wäre, — heute scheint es mir ausgeschlossen.

Ich kann nicht wissen, was in der Rolle steht, die Ihnen auf so seltsame Weise zugekommen ist, — trotzdem rate ich Ihnen heiß und dringend, lassen Sie alles Äußere seiner Wege treiben und suchen Sie in den Lehren, die jener Unbekannte niedergelegt hat, das, was Ihnen nottut. Alles übrige wird sich von selber einstellen. — Auch wenn es wider Erwarten nur eine irreführende Fratze wäre, die Ihnen daraus entgegen grinst, und wenn diese Lehren an sich noch falsch sein sollten, so würden Sie dennoch das für Sie Richtige in ihnen finden.

Wer richtig sucht, der kann nicht angelogen werden. Es gibt keine Lüge, in der nicht die Wahrheit stäke: es muß nur der Punkt der richtige sein, auf dem der Suchende steht,“ — Swammerdam drückte Hauberrisser rasch die Hand zum Abschied — „und eben heute stehen Sie auf dem richtigen Punkte: Sie können ohne Gefahr nach den furchtbaren Kräften greifen, die sonst unrettbar den Wahnsinn bringen, — denn Sie tun es jetzt um der Liebe willen.“

Zehntes Kapitel

Sephardi’s erster Weg am Morgen nach dem Besuch in Hilversum war zu dem Gerichtspsychiater Dr. Debrouwer gewesen, um Näheres über den Fall Lazarus Eidotter zu erfahren.

Daß der alte Jude der Mörder nicht sein konnte, stand für ihn zu fest, als daß er es nicht für seine Pflicht gehalten hätte, als Glaubensgenossen ein Wort für ihn einzulegen, zumal Dr. Debrouwer als ein selbst unter Irrenärzten ungewöhnlich talentloser und vorschneller Beobachter galt.

Obwohl Sephardi Eidotter nur einmal im Leben gesehen hatte, war dennoch seine Teilnahme an ihm sehr rege. —

Schon der Umstand, daß er als russischer Jude einem geistigen Kreis ausgesprochen christlicher Mystiker angehörte, ließ vermuten, daß er ein kabbalistischer Chassid sein mußte, — und alles, was diese sonderbare jüdische Sekte betraf, nahm Sephardis Interesse in hohem Grade in Anspruch.

— — — — — — — —

Er hatte sich in seiner Annahme, der Gerichtspsychiater werde den Fall falsch beurteilen, nicht geirrt, denn kaum gab er seiner Überzeugung, Eidotter sei unschuldig und sein Geständnis auf Hysterie zurückzuführen, Ausdruck, als Dr. Debrouwer, der schon äußerlich durch den blonden Vollbart und den „gütigen, aber durchdringenden“ Blick den wissenschaftlichen Poseur und Hohlkopf verriet, mit sonorer Stimme einfiel: „Ein abnormer Befund hat sich keineswegs ergeben. Ich habe den Fall zwar erst seit gestern unter Beobachtung, aber so viel steht fest, daß jegliches Krankheitssymptom fehlt.“

„Sie halten also den alten Mann für einen bewußten Raubmörder und sein Geständnis für einwandfrei?“ fragte Sephardi trocken.

Die Augen des Arztes nahmen den Ausdruck übermenschlicher Schläue an; er setzte sich geschickt gegen das Licht, damit das Blitzen seiner kleinen ovalen Brillengläser das Imposante seines Denkerantlitzes womöglich noch erhöhe, und sagte, eingedenk des Sprüchwortes, daß auch die Wände Ohren haben, mit plötzlich geheimnisvoll gedämpfter Stimme:

„Als Mörder kommt dieser Eidotter nicht in Betracht, aber es handelt sich um ein Komplott, dessen Mitwisser er ist!“

„Ah. — Und woraus schließen Sie das?“

Dr. Debrouwer beugte sich vor und flüsterte: „Sein Geständnis deckt sich in gewissen Punkten mit den Tatsachen; folglich kennt er sie! Er hat es lediglich aus dem Grunde abgelegt und sich selbst als Täter bezeichnet, um den immerhin möglichen Verdacht der Hehlerschaft von sich abzulenken und zugleich Zeit zur Flucht für seinen Spießgesellen zu gewinnen.“

„Kennt man denn die näheren Umstände des Mordes bereits?“

„Gewiß. Einer unserer fähigsten Kriminalisten hat sie aus dem Befund festgestellt. — Der Schuhmacher Klinkherbogk hat in einem Anfall von — von dementia praecox“ (Sephardi horchte auf und unterdrückte ein Lächeln) „seine Enkelin unter Zuhilfenahme einer Schusterahle erstochen, wurde gleich darauf, als er das Zimmer verlassen wollte, von dem eindringenden Mörder getötet und durchs Fenster hinab in die Gracht geworfen. Eine ihm gehörige Krone aus Goldpapier hat man auf dem Wasser schwimmen gefunden.“

„Und das alles hat Eidotter genau so angegeben?“

„Das ist’s ja eben!“ — Dr. Debrouwer lachte breit. — „Als der Mord im Hause ruchbar wurde, wollten Zeugen den Eidotter in seiner Wohnung wecken, fanden ihn aber vollkommen bewußtlos. Er simulierte natürlich. Wäre er in Wirklichkeit an der Tat unbeteiligt gewesen, hätte er doch unmöglich wissen können, daß der Tod des kleinen Mädchens infolge Erstechens durch eine Schusterahle eintrat. Trotzdem hat er es in seinem Geständnis ausdrücklich erwähnt. Daß er sich selbst auch als Mörder des Kindes ausgab, — nun, das ist sehr durchsichtig: es geschah, um die Behörden zu verwirren.“

„Und auf welche Weise will er den Schuster überfallen haben?“

„Er behauptet, an einer Kette, die vom Giebel des Hauses ins Wasser herabhängt, emporgeklettert zu sein und dem Klinkherbogk, der ihm mit freudig ausgebreiteten Armen entgegengetreten sein soll, das Genick gebrochen zu haben. — Alles Unsinn natürlich.“

„Das mit der Ahle, sagen Sie, könne er unmöglich gewußt haben? — Ist es wirklich ganz ausgeschlossen, daß er es von irgend jemand erfahren hat, ehe er sich selbst bei der Polizei stellte?“

„Ausgeschlossen.“

Sephardi wurde immer nachdenklicher. Seine anfängliche Vermutung, Eidotter habe sich als Täter bezeichnet, um einer eingebildeten Mission als „Simon der Kreuzträger“ gerecht zu werden, hielt nicht Stich. Vorausgesetzt, daß der Irrenarzt nicht log, — woher konnte Eidotter die näheren Umstände mit der Ahle gewußt haben? Eine Ahnung beschlich Sephardi, als müsse ein schwer erklärlicher Fall unbewußten Hellsehens bei dem Alten mit hereinspielen.

Er öffnete den Mund, um den Verdacht, der Zulu sei vielleicht der Mörder, auszusprechen, aber ehe er es noch über die Lippen bringen konnte, fühlte er von innen heraus einen heftigen Ruck, der ihn sofort schweigen machte.

Es war fast wie eine körperliche Berührung gewesen. Trotzdem maß er der Sache keine weitere Bedeutung bei und fragte nur, ob es erlaubt sei, mit Eidotter zu sprechen.

„Eigentlich dürfte ich es nicht zugeben,“ meinte Dr. Debrouwer, — „gar wo Sie, wie man ja bei Gericht weiß, mit ihm noch kurz vor dem Geschehnis bei Swammerdam beisammen waren, aber, wenn Ihnen so viel daran liegt — und da Ihr Ruf als Gelehrter in Amsterdam ja unantastbar ist“ — setzte er mit einem Anflug von Neid hinzu, „so will ich gern meine Machtbefugnis überschreiten.“ —

Er klingelte und ließ Sephardi durch einen Wärter in die Zelle führen. — — —

— — — — — — — —

Der alte Jude saß, wie man durch die Beobachtungsluke in der Mauer sehen konnte, vor dem vergitterten Fenster und blickte in den sonnendurchfluteten Himmel.

Als er die Tür öffnen hörte, stand er gleichmütig auf.

Sephardi ging rasch auf ihn zu und drückte ihm die Hand.

„Ich bin gekommen, Herr Eidotter, erstens, weil ich mich dazu verpflichtet fühle als Ihr Glaubensgenosse — —“

„Gloobensgenosse,“ murmelte Eidotter ehrerbietig und machte einen Kratzfuß.

„— und dann, weil ich überzeugt bin, daß Sie unschuldig sind.“

„Unschuldig sind,“ echote der Alte.

„Ich fürchte, Sie mißtrauen mir,“ fuhr Sephardi nach einer Pause fort, da der andere stumm blieb, — „seien Sie unbesorgt, ich komme als Freund.“

„Als Freund,“ wiederholte Eidotter mechanisch.

„Oder glauben Sie mir nicht? Das täte mir leid.“

Der alte Jude fuhr sich langsam über die Stirn, als erwachte er erst jetzt.

Dann legte er die Hand auf’s Herz und sagte stockend, Wort für Wort bemüht, sich so dialektfrei wie möglich auszudrücken: „Ich — hab — keinen Feind. — Auf was herauf? — Und ibber den, als Sie mir sagen, Sie kümmen als Freund, woher soll ich nehmen die Chuzpe, an Ihren Worten zu zweifeln?“

„Schön. Das freut mich; ich werde infolgedessen ganz offen mit Ihnen reden können, Herr Eidotter;“ — Sephardi nahm den angebotenen Stuhl und setzte sich so, daß er das Mienenspiel des Alten genau studieren konnte — „wenn ich Sie jetzt Verschiedenes fragen werde, geschieht es nicht aus Neugierde, sondern vor allem, um Ihnen aus der verhängnisvollen Lage, in die Sie geraten sind, zu helfen.“

„Zu helfen,“ brummte Eidotter in sich hinein.

Sephardi schwieg absichtlich eine Weile und betrachtete aufmerksam das greisenhafte Gesicht, das fest und unbeweglich und ohne eine Spur von Erregung auf ihn gerichtet war.

Er erkannte auf den ersten Blick an den tief eingemeißelten Leidensfurchen, daß der Mann Furchtbares im Leben mitgemacht haben mußte, — dennoch lag, als seltsamer Kontrast dazu, in den weit offenen tiefschwarzen Augen ein Glanz von Kindlichkeit, wie er ihn noch nie an einem russischen Juden wahrgenommen hatte.

In dem spärlich beleuchteten Zimmer Swammerdams war ihm all das nicht aufgefallen. Er hatte in dem Alten einen Sektierer vermutet, der unter der Wirkung eines übertriebenen Frömmigkeitsgefühls zwischen Fanatismus und Selbstqual hin und her geworfen wurde; — der Mensch, der jetzt vor ihm saß, schien ein völlig anderer zu sein.

Seine Züge waren weder breit, noch hatten sie das Listige oder Abstoßende, das der Typus der russischen Juden aufzuweisen pflegt. Sie verrieten in jeder Linie eine ungewöhnliche Ideenkraft; trotzdem war ein geradezu erschreckender Ausdruck von Gedankenleere darüber gebreitet.

Sephardi konnte sich nicht zusammenreimen, wie dieses sonderbare Gemisch aus kindlicher Harmlosigkeit und greisenhaftem Verfall überhaupt fähig war, ein Branntweingeschäft in einem Verbrecherviertel zu betreiben.

„Sagen Sie mir,“ begann er sein Verhör in freundlichem Tone, — „wie sind Sie nur auf den Einfall geraten, sich als Mörder an Klinkherbogk und seiner Enkelin auszugeben? Wollten Sie jemand damit helfen?“

Eidotter schüttelte den Kopf. — „Wem hätt ich denn helfen sollen? Ich hab doch die beiden umgebracht.“

Sephardi ging scheinbar darauf ein:

„Und warum haben Sie sie umgebracht?“

„Nu. Vün wegen die Tausend Gülden.“

„Und wo haben Sie das Geld?“

„Das haben mich doch die Gaônen“ — Eidotter deutete mit dem Daumen auf die Tür — „auch schon gefragt. Ich weiß nicht.“

„Bereuen Sie Ihre Tat denn gar nicht?“

„Bereuen?“ — der Alte dachte nach. „Warum soll ich sie bereuen? Ich kann doch nix dafür.“

Sephardi stutzte. Das war nicht die Antwort eines Wahnsinnigen. Er sagte leichthin:

„Gewiß können Sie nichts dafür. Sie haben die Tat eben gar nicht begangen. Sie haben im Bett gelegen und geschlafen und sich alles nur eingebildet. Sie sind auch gar nicht die Kette hinaufgeklettert, — das hat ein anderer getan; Sie wären zu so etwas in Ihren Jahren nie imstande gewesen.“

Eidotter zögerte. „Sie meinen also, Herr Doktor, ich bin gar nicht der Mörder?“

„Natürlich sind Sie’s nicht! Das ist doch sonnenklar.“

Wieder dachte der Alte eine Minute nach, dann brummte er gelassen:

„Nu. Das ist gescheit.“ — Keine Spur von Freude oder Erleichterung war in seinem Gesicht zu lesen. Nicht einmal Erstaunen.

Die Sache wurde Sephardi immer rätselhafter. Hätte eine Bewußtseinsverschiebung in Eidotter stattgefunden, würde es der Ausdruck der Augen, die nach wie vor gleich kindlich dreinschauten, oder ein Mienenspiel verraten haben. An absichtliche Verstellung war nicht zu denken: der Greis hatte die Erkenntnis der Tatsache, daß er unschuldig war, hingenommen wie etwas kaum Erwähnenswertes.

„Und wissen Sie auch, was mit Ihnen geschehen wäre,“ fragte Sephardi eindringlich, „wenn Sie die Tat wirklich begangen hätten? — Sie wären hingerichtet worden!“

„Hm. Hingerichtet worden.“

„Jawohl. Erschreckt Sie das nicht?“ —

Offenbar wirkte die Frage nicht auf das Gemüt des alten Mannes. Nur sein Gesicht wurde ein wenig nachdenklicher — so wie von einer Erinnerung erhellt. Dann zuckte er die Achseln und sagte: — „Mir is im Leben schon Schrecklicheres passiert, Herr Doktor.“

Sephardi wartete, was weiter kommen würde, aber Eidotter war bereits wieder in seine totenhafte Ruhe versunken und schwieg.

„Waren Sie von jeher Branntweinhändler?“

Kopfschütteln.

„Geht Ihr Geschäft gut?“

„Ich weiß nicht.“

„Hören Sie, wenn Sie so gleichgültig in Ihrem Beruf sind, kann’s Ihnen eines Tages geschehen, daß Sie um alles kommen.“

„Freilich. Wann mer nicht acht gibt,“ war die naive Antwort.

„Wer gibt acht? Sie? Oder haben Sie eine Frau? Oder Kinder, die acht geben?“

„Meine Frau is schon lang tot. — Und — und die Kinderlich aach.“

Sephardi glaubte einen Weg zum Herzen des alten Mannes vor sich zu sehen: — „Denken Sie nicht zuweilen in Liebe an Ihre Familie zurück? Ich weiß ja nicht, ob es schon lange her ist, daß Sie sie verloren haben, aber glücklich können Sie sich doch unmöglich fühlen in Ihrer Einsamkeit! — Sehen Sie, ich habe auch niemand, der um mich wäre, und kann mich daher um so leichter in Ihre Lage versetzen. Wirklich, ich frage jetzt nicht nur aus Wißbegierde, um mir das Rätsel zu lösen, das Sie für mich sind,“ — unwillkürlich vergaß er, weshalb er gekommen war — „ich frage Sie aus reiner Menschlichkeit und —“

„und weil Ihnen nebbich so zu mut is und Sie nicht anders können,“ ergänzte zu seinem größten Erstaunen Eidotter, einen Augenblick ganz verändert; — in dem bisher leblosen Gesicht war etwas aufgeblitzt wie Mitgefühl und tiefes Verständnis. Eine Sekunde später erschien es wieder als das unbeschriebene Blatt, das es von Anfang an gewesen war, — „Rabbi Jochanan hat gesagt: ‚Ein passendes Ehepaar unter den Menschen zusammenzubringen ist schwerer als das Wunder Mosis im roten Meer,‘“ — hörte Sephardi ihn geistesabwesend murmeln. Mit einem Schlag begriff er, daß der Alte seinen Schmerz um den Verlust Evas, der ihm selbst momentan nicht klar zum Bewußtsein gekommen war, wenn auch vorübergehend mitempfunden hatte.

Er erinnerte sich, daß unter den Chassiden die Legende ging, es gäbe in ihrer Gemeinschaft Menschen, die den Eindruck von Wahnsinnigen machten und es trotzdem nicht wären, — die zu Zeiten ihres Ichs entkleidet, die Leiden und Freuden der Mitwelt so deutlich am eigenen Herzen erführen, als wären sie selber die davon Betroffenen. — Er hatte es für eine Fabel gehalten; — sollte wirklich dieser sinnverwirrte Greis ein lebendiger Zeuge für die Wahrheit jener Behauptung sein? — Sein Benehmen, die Einbildung, Klinkherbogk ermordet zu haben, seine bisherige Handlungsweise, kurz alles bekam einen neuen Zusammenhang, wenn es sich tatsächlich so verhielt.

„Können Sie sich nicht entsinnen, Herr Eidotter,“ fragte er im höchsten Grade interessiert, „ob es Ihnen schon einmal passiert ist, daß Sie glaubten, irgendeine Handlung begangen zu haben, die sich später als die Tat eines andern herausstellte?“

„Ich hab mich nix drum gekümmert.“

„Aber, daß Sie in Ihrem Denken und Fühlen nicht so beschaffen sind wie Ihre Mitmenschen — wie ich zum Beispiel, oder wie Ihr Freund Swammerdam, werden Sie vielleicht wissen? Neulich, als wir uns bei ihm kennen lernten, waren Sie nicht so einsilbig und viel lebhafter. Hat Sie der Tod Klinkherbogks so angegriffen?“ — Sephardi faßte voll Teilnahme die Hand des Alten. — „Wenn Sie Sorgen haben oder Erholung brauchen, so vertrauen Sie sich mir an, ich will alles tun, um Ihnen beizustehen. Ich glaube auch nicht, daß Ihr Geschäft am Zee Dyk das Richtige für Sie ist. Vielleicht ist es mir möglich, Ihnen einen andern und — würdigeren Beruf zu verschaffen. — Warum wollen Sie eine Freundschaft, die Ihnen angeboten wird, zurückweisen?“

Es war deutlich zu sehen, daß die warmen Worte dem Alten wohl taten.

Er lächelte glückselig wie ein Kind, das man belobt, aber ein Verständnis für das, was ihm in Aussicht gestellt wurde, schien er nicht zu haben.

Ein paarmal öffnete er den Mund, als wolle er sich bedanken, aber er fand offenbar die Worte nicht.

„Bin — bin ich damals anders gewest?“ — fragte er endlich stockend.

„Gewiß. Sie sprachen ausführlich mit mir und der übrigen Gesellschaft. Sie waren menschlicher, sozusagen; Sie disputierten sogar mit Herrn Swammerdam über Kabbala. — Ich entnahm daraus, daß Sie sich viel mit Fragen über Religion und Gott befaßt haben.“ — Sephardi brach schnell ab, denn er bemerkte, daß eine Veränderung im Gesicht des Greises vor sich ging.

„Kabbala — — Kabbala,“ murmelte Eidotter. „Ja, freilich, Kabbala, die hab ich studiert. Lang. Und Babli auch. Und — und Jeruschalmi.“ — Seine Gedanken fingen an, in eine ferne Vergangenheit zurückzuwandern; er sprach sie aus, als stünden sie abseits von ihm, — wie jemand, der auf Bilder zeigt und sie einem andern erklären will, bald langsam, bald schnell, je nachdem sie an seinem Gedächtnis vorüberzogen. — „Aber was drin steht in der Kabbala — über Gott — is falsch. Es is ganz anderst in der Lebendigkeit. Damals — in Odessa — da hab ich’s noch nicht gewußt. — Im Vatikan in Rom hab ich müssen übersetzen aus dem Talmud.“ —

„Sie waren im Vatikan?“ rief Sephardi erstaunt.

Der Alte hörte nicht darauf.

„und dann is mir verdorrt die Hand.“ — Er hob den rechten Arm, an dem die Finger wie Wurzeln verkrümmt waren von Gichtknoten. — „In Odessa hat mer geglaubt bei die Griechisch-Orthodoxen, ich bin ä Spion, daß ich verkehr mit die römischen Gojim, — — und auf emol hat’s gebrennt in ünserm Haus, aber Elias, sein Nam’ sei gepriesen, hat’s abgewendet, daß mir sind blos auf der Gass’ gesessen: — meine Frau Berurje und ich und die Kinderlich. — Dann später is gekommen Elias und hat an unserm Tisch gegessen nach dem Lauberhüttenfest. Ich hab’ gewußt, daß es is Elias, wenn Berurje auch hat gemeint, daß er heißt: Chidher Grün.“ — Sephardi zuckte zusammen. Derselbe Name war gestern in Hilversum gefallen, als Baron Pfeill für Hauberrisser das Wort geführt und dessen Erlebnisse erzählt hatte! —

„In der Gemeinde hat mer gelacht ibber mir und wenn sie von mir gesprochen haben, hat’s immer geheißen: Eidotter? Eidotter is ä Nebbochant; er lauft ohne Verstand herüm. — Sie haben nicht gewußt, daß mich Elias unterweist in dem dopelten Gesetz, das Moses dem Josua überliefert hat von Mund zu Ohr,“ — ein Glanz von Verklärung belebte seine Züge — „und daß Er die zwei verhüllenden Lichter der Makifim in mir umgestellt hat. — Dann war ä Judenverfolgung in Odessa. Ich hab mein Kopp hingehalten, aber es hat die Berurje getroffen, daß ihr Blut is über den Boden hingeflossen, wie sie hat wollen die Kinderlich beschützen, als eins nach dem andern is erschlagen geworden.“ —

Sephardi sprang auf, hielt sich die Ohren zu und starrte entsetzt Eidotter an, in dessen lächelndem Gesicht keine Spur von Erregung zu bemerken war. —

„Ribke, meine älteste Tochter, die hat geschrien zu mir um Hilfe, wie sie sich haben ibber ihr gestürzt, aber mer hat mich festgehalten. — Dann haben sie mei Kind mit Petroleum begossen — und angezündt.“

Eidotter schwieg, blickte sinnend an seinem Kaftan herunter und zupfte kleine Fäden aus den zerschlissenen Nähten. Er schien vollkommen bei Sinnen zu sein und trotzdem keinen Schmerz zu empfinden, denn nach einer Weile fuhr er mit klarer Stimme fort: „Wie ich dann später hab’ wieder wollen die Kabbala studieren, hab ich nicht mehr können, denn die Lichter der Makifim waren in mir umgestellt.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Sephardi bebend. „Hat das furchtbare Leid Ihren Geist umnachtet?“

„Das Leid nicht. Und auch bin ich nicht umnachtet. Es is so, wie man sagt von die Ägypter, daß sie haben än Trank gehabt, der wo vergessen macht. — Wie hätt ich’s denn sonst überleben können! — Ich hab’ damals lang nicht gewußt, wer ich bin, und wie ich’s dann doch wieder gewußt hab’, hat mir gefehlt, was der Mensch zum Weinen braucht, aber auch so manches, was mer zum Denken braucht. — Die Makifim sind umgestellt. — Von da an hab’ ich, ich möcht sagen: das Herz im Kopf und das Gehirn in der Brust. Besonders manchmal.“

„Können Sie mir das näher erklären?“ fragte Sephardi leise. „Aber, bitte, nur wenn Sie es gerne tun. Ich möchte nicht, daß Sie glauben, ich forschte aus Neugier.“

Eidotter faßte ihn am Ärmel. „Schauen Sie, Herr Dokter, wenn ich jetzt in das Tuch zwick’, haben Sie doch kan Schmerz? — Ob’s dem Ärmel weht tut, wer kann wissen? — So is es bei mir. Ich seh, es is einmal was geschehen, was eigentlich hätt schmerzen müssen; ich weiß es genau, aber ich spür’s nicht. Weil mein Gefühl im Kopf is. — Ich kann aber auch nicht mehr zweifeln, wenn mir jemand irgend was sagt, so wie ich’s in meiner Jugend in Odessa noch gekonnt hab’. Ich muß es glauben, weil mein Denken jetzt im Herzen is. — Ich kann mir auch nichts mehr ausgrübeln wie früher. Entweder es fallt mir was ein, oder es fallt mir nix ein; fallt mir was ein, dann is es auch in Wirklichkeit so und ich erleb’s so deutlich, daß ich nicht unterscheiden könnt’: war ich dabei oder nicht. Deshalb probier ich’s gar nicht erst, drieber nach zu denken.“

Sephardi begriff jetzt halb und halb, wie es zu dem Geständnis vor Gericht gekommen war.

„Und Ihre tägliche Beschäftigung? Wie sind Sie imstande, ihr nachzugehen?“

Eidotter deutete wieder auf den Ärmel. — „Das Kleid schützt Sie vor der Näss’, wenn’s regnet, und vor der Hitz, wenn die Sonn’ scheint. Ob Sie sich darum sorgen oder nicht: — das Kleid macht’s von selber. — Mein Körper kümmert sich um das Geschäft, nur weiß ich nichts mehr davon wie früher. Hat doch schon Rabbi Simon ben Eleasar gesagt: ‚Hast du je einen Vogel ein Handwerk treiben gesehen? — und doch ernährt er sich ohne Müh’ — und ich sollt mich nicht ohne Müh’ ernähren?‘ — — Natürlich, wenn die Makifim nicht in mir umgestellt wären, könnt ich mein Körper nicht allein lassen und wär an ihn angenagelt.“

Sephardi, durch die klare Rede aufmerksam gemacht, warf einen prüfenden Blick auf den alten Mann und sah, daß er sich anscheinend in nichts mehr von einem normalen russischen Juden unterschied: er gestikulierte beim Sprechen mit den Händen, und seine Stimme hatte etwas Eindringliches bekommen. Die so überaus verschiedenen Geisteszustände waren lückenlos ineinander übergegangen.

„Freilich, aus eigner Kraft kann der Mensch so was nicht vollbringen,“ — fuhr Eidotter versonnen fort, — „da hilft alles studieren nix und ka Gebet und auch die Mikwaôth — die Tauchbäder — sind umsonst. Wenn nicht einer von drüben die Lichter in einem umstellt — wir können’s nicht.“

„Und Sie glauben, es ist einer von ‚drüben‘ gewesen, der es in Ihnen vollbracht hat?“

„Nu ja: Elias, der Prophet, wie ich Ihnen schon gesagt hab. Wie er eines Tags is in unser Zimmer gekommen, da hab’ ich schon vorher an seinem Schritt gehört: Er is es. — Früher, wenn ich mir gedenkt hab’, es könnte sein, daß er einmal unser Gast is, — Sie wissen doch, Herr Dokter, wir Chassidim hoffen beständig auf ihm — da hab’ ich immer gemeint, ich müßt zittern an allen Gliedern, wenn er vor mir steht. Aber es war ganz natürlich; so, als wenn ä ganz gewöhnlicher Jud zur Tür herein tritt. Nicht emol das Herz hat mir schneller geschlagen. Blos zweifeln hab ich nicht daran können, daß er’s is, so viel ich mir auch angestrengt hab. — Wie ich ihn dann nicht mehr aus den Augen gelassen hab’, is mir sei’ Gesicht immer bekännter und bekännter vorgekommen und ich hab’ plötzlich gewußt, daß nicht ä einzige Nacht in meinem Leben gewesen is, wo ich ihn nicht im Traum gesehen hätt’. Und wie ich weiter und weiter in meinem Gedächtnis zurückgegangen bin (denn ich hätt’ doch gern herausgebracht, wann ich ihm zum allererstenmal begegnet bin), — da is meine ganze Jugend an mir vorüber gezogen: ich hab’ mich als kleines Kind gesehen und dann noch viel früher, in äm frieheren Leben, als ä erwachsener Mensch, von dem ich vorher gar nicht geahnt hab’, daß ich’s gewest bin, und dann wieder als Kind und so fort und so fort, — aber jedesmal war Er bei mir und immer war er gleich alt und hat genau so ausgesehen, wie der fremde Gast am Tisch. — Ich hab’ natierlich scharf aufgepaßt auf jede von seine Bewegungen und auf alles, was er machen wird; — wenn ich nicht gewußt hätt’, es is Elias, wär mir auch dran nichts besonders aufgefallen, aber so hab’ ich gespürt, daß alles, was er getan hat, ä tiefe Bedeutung gekriegt hat. Dann, wie er im Gespräch die zwei Leuchter am Tisch miteinander vertauscht hat, is es mir ganz deutlich geworden und ich hab’ gefühlt, daß er in mir die Lichter umstellt, und ich bin von da an ä anderer Mensch gewest, — meschugge, wie mer in der Gemeinde gesagt hat. — Zu was für än Zweck Er die Lichter in mir umgestellt hat, das habe ich später gewußt, als meine Familie is geschlachtet geworden. — Auf was herauf Berurje geglaubt hat, daß er Chidher Grün heißt, wollen Sie wissen, Herr Dokter? — Sie hat behauptet, er hätt’s ihr gesagt.“

„Ist er Ihnen später nie mehr begegnet? Sie erwähnten doch, er hätte Sie in der Mercaba unterrichtet,“ — fragte Sephardi — „ich meine damit: in dem geheimen zweiten Gesetz Mosis?“

„Begegnet?“ wiederholte Eidotter und strich sich über die Stirn, als müsse er sich erst langsam klar werden, was man von ihm wolle. „Begegnet? — Wo er einmal bei mir war, wie hätt’ er denn wieder fortgehen sollen? Er is doch immer bei mir.“

„Und Sie sehen ihn beständig?“

„Ich seh’ ihn überhaupt nicht.“

„Aber Sie sagen, er sei immerwährend bei Ihnen. — Wie soll ich das verstehen?“

Eidotter zuckte die Achseln. „Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen, Herr Dokter.“

„Können Sie es mir nicht an einem Beispiel erklären? Redet Elias zu Ihnen, wenn er Sie unterweist, oder wie ist das?“

Eidotter lächelte. — „Wenn Sie sich freuen, ist da die Freude bei Ihnen? Ja. Natierlich. Aber Sie können die Freude doch nicht anschauen und nicht hören. — So is es.“

Sephardi schwieg. Er sah ein, daß sich eine geistige Kluft des Verständnisses zwischen ihm und dem Alten auftat, die sich nicht überbrücken ließ. Wohl deckte sich, wenn er es ausspann, vieles, was er soeben von Eidotter gehört hatte, mit seinen eignen Theorien über die innere Weiterentwicklung der menschlichen Rasse; — er selber hatte immer der Ansicht zugeneigt und es auch ausgesprochen, — gestern erst in Hilversum — daß der Weg dazu in den Religionen und im Glauben an sie läge, aber jetzt, wo er an dem Greis ein lebendiges Beispiel vor sich sah, fühlte er sich durch die Wirklichkeit überrascht und enttäuscht zugleich. Er mußte sich eingestehen, daß Eidotter dadurch, daß er dem Schmerz nicht mehr unterlag, unendlich viel reicher war als alle seine Mitgeschöpfe, — er beneidete ihn um seine Fähigkeit und dennoch hätte er nicht mit ihm tauschen mögen.

Ein Zweifel wandelte ihn an, ob das, was er gestern in Hilversum in bezug auf den Weg der Schwäche und des Wartens auf eine Erlösung verfochten, letzten Endes auch richtig sei.

Er hatte sein Leben, umgeben mit einem Luxus, von dem er keinen Gebrauch gemacht, einsam, abgeschlossen von den Menschen und in Studien aller Art zugebracht, — jetzt schien es ihm, als hätte er dabei so manches übersehen und das Wichtigste versäumt.

Hatte er sich in Wahrheit nach Elias und seinem Kommen gesehnt, so wie dieser arme, russische Jude? Nein; er hatte sich nur eingebildet, er sehne sich, und war sich durch Lesen darüber klar geworden, daß es für die Erweckung eines inneren Lebens nötig sei, sich zu sehnen. Jetzt stand einer leibhaftig vor ihm, der die Erfüllung seiner Sehnsucht erlebt hatte, und er, der große Bücherweise, Sephardi, mußte sich sagen: ich möchte nicht mit ihm tauschen.

Tief beschämt, nahm er sich vor, bei der nächsten Gelegenheit Hauberrisser, Eva und Baron Pfeill zu erklären, daß er in Wirklichkeit so gut wie nichts wisse — daß er unterschreiben müsse, was ein jüdischer Schnapshändler, der seiner Sinne nicht mächtig war, über geistige Erlebnisse gesagt hatte: „Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen.“

„Es is wie ä Hiniebergehen ins Reich der Fülle“ — fuhr Eidotter nach einer Pause fort, während der er selig vor sich hingelächelt hatte, — „es is kei’ Herieberkommen, wie ich früher immer geglaubt hab’. Aber es is ja alles falsch, was ä Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, — so grundfalsch, daß mer’s gar nicht erfassen kann. Mer hofft, daß Elias kommt, und dann, wenn er kommt und er is da, sieht mer, daß er gar nicht gekommen is, sondern: daß mer zu ihm gegangen is. Mer glaubt, mer nimmt, statt dessen gibt man. Man glaubt, mer bleibt stehn und wartet, statt dessen geht mer und sucht. Der Mensch wandert und Gott bleibt stehen. — Elias is in unser Haus gekommen — hat ihn Berurje erkannt? Sie is nicht zu ihm gekommen, also is auch er nicht zu ihr gekommen und sie hat gemeint, es is ä fremder Jud, der Chidher Grün heißt.“

Sephardi blickte bewegt in die strahlenden Kinderaugen des Alten. „Ich verstehe jetzt sehr wohl, wie Sie es meinen, wenn ich’s auch mit dem Gefühl nicht mitzuerleben vermag, — und ich danke Ihnen. — Ich wollte, ich könnte etwas für Sie tun. — Sie frei zu bekommen, kann ich Ihnen bestimmt versprechen; es wird nicht schwer sein, Doktor Debrouwer zu überzeugen, daß Ihr Geständnis mit dem Morde nichts zu tun hat. — Allerdings,“ — setzte er mehr für sich hinzu — „weiß ich augenblicklich noch nicht, wie ich ihm den Fall erklären soll.“

„Darf ich Ihnen um ä Gefälligkeit bitten, Herr Dokter?“ — unterbrach Eidotter.

„Selbstverständlich. Natürlich.“

„Dann sagen Sie dem da draußen gar nix. Soll er glauben, ich war’s; so wie ich es selbst geglaubt hab’. Ich möcht’ nicht schuld sein, daß mer den Mörder findt. Ich weiß jetzt auch, wer’s is. Ihnen gesagt: es war ä Schwarzer.“

„Ein Neger? Woher wissen Sie das mit einemmal?“ rief Sephardi verblüfft und einen Augenblick von Mißtrauen erfüllt.

„Das is so,“ erklärte Eidotter gelassen: „Wenn ich im traumlosen Schlaf ganz mit Elias vereinigt war und komm zurück so halb in’s Leben in mein Spiritusladen, und es is inzwischen was passiert, so glaub’ ich oft, ich bin dabei gewest und hab’ mitgemacht. Wenn zum Beispiel jemand ä Kind geschlagen hat, glaub ich, daß ich’s geschlagen hab’, und muß hingehen und es trösten; wenn jemand vergessen hat, sein’ Hund zu füttern, glaub ich, ich hab’s vergessen und muß ihm sei’ Fressen bringen. Nachher, wenn ich zufällig erfahr’, daß ich mich geirrt hab’, brauch ich bloß für än Augenblick wieder ganz zu Elias zu gehen und gleich wieder zurück zu kümmen, dann weiß ich sofort, wie’s in Wirklichkeit gewest is. Ich mach sowas selten, weil’s kan Zweck hat und schon das halbete Weggehen von Elias so is, als ob mer blind wird, aber vorhin, wie Sie ä so lang nachgedenkt haben, Herr Dokter, hab’ ich’s doch gemacht und da hab’ ich gesehen, daß es ä Schwarzer war, der wo mein Freund Klinkherbogk umgebracht hat.“

„Wie — wie haben Sie gesehen, daß es ein Neger war?“

„Nu, ich bin wieder im Geist auf der Kette ’eraufgeklettert, blos hab’ ich mich diesmal angeschaut und da hab’ ich schon äußerlich gesehen: ich bin ä Schwarzer mit än roten Lederstrick um en Hals, kane Stiebeln an und en blauen Leinwandanzug. Und wie ich mich innerlich angeschaut hab’, hab’ ich schon gar gewußt, ich bin ä Wilder.“

„Das sollte man aber wirklich Dr. Debrouwer melden,“ rief Sephardi und stand auf.

Eidotter hielt ihn am Ärmel fest: „Sie haben mir versprochen, zu schweigen, Herr Dokter! Um Elias willen darf ka Blut nicht fließen. Die Rache is mein. Und dann —“ — das freundliche Greisengesicht bekam plötzlich etwas drohend Fanatisches, Prophetenhaftes — „und dann is der Mörder aner von ünsere Leut! — Nicht ä Jud, wie Sie jetzt wieder meinen —“ erklärte er, als er Sephardis verdutzte Miene bemerkte, — „aber doch aner von unsere Leut! Ich hab’s erkannt, wie ich ihn soeben innerlich angeschaut hab. — Daß er ä Mörder is?! — Wer soll richten? Wir? Sie und ich? Die Rache is mein. Er is ä Wilder und hat sein Glauben; Gott soll hüten, daß viele so än gräßlichen Glauben haben wie er, aber sei Glauben is echt und lebendig. Das sind unsere Leut’, die wo än Glauben haben, der im Feuer Gottes nicht schmilzt, — der Swammerdam, der Klinkherbogk und der Schwarze auch. Was is Jud, was is Christ, was is ä Heide? Ä Name für die, wo ä Religion haben statt än Glauben. Und darum — verbiet’ ich Ihnen, daß Sie sagen, was Sie jetzt über den Schwarzen wissen! — Wann es sein soll, daß ich für ihm den Tod erleid’, dürfen Sie mir so ä Geschenk wegnehmen?“

— — — — — — — —

Erschüttert trat Sephardi seinen Heimweg an.

Es ging ihm nicht aus dem Kopf, wie seltsam es war, daß Dr. Debrouwer im Grunde genommen von seinem Standpunkt aus gar nicht so unrecht gehabt hatte, als er läppischer Weise sagte, Eidotter sei im Komplott und wolle durch sein Geständnis Zeit für den wirklichen Mörder gewinnen. Jede einzelne Behauptung stimmte, und es war der nackte Sachverhalt, und dennoch hätte Debrouwer nichts Unrichtigeres annehmen und mehr im Irrtum sein können.

Jetzt erst begriff Sephardi in voller Klarheit die Worte Eidotters: „Alles, was ein Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, ist falsch und wenn’s noch so richtig ist — es ist so grundfalsch, daß man es gar nicht erfassen kann. Man glaubt, man nimmt, statt dessen gibt man; man glaubt man bleibt stehen und wartet, statt dessen geht man und sucht.“

Elftes Kapitel

Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr. Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder Straßenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall Tagesgespräch geworden unter Einheimischen und Fremden.

In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute drängten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Türklinke in die Hand und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich vermuten ließ, er gehöre der Vermißten, denn schon auf die kleinste Nachricht über Eva stand eine hohe Belohnung.

Wie Lauffeuer tauchten Gerüchte auf, man hätte sie da oder dort gesehen; anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrückten oder Böswilligen geschrieben, verdächtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu haben oder gefangen zu halten; Kartenschlägerinnen boten sich zu Dutzenden an; „Hellsehende“, von denen früher kein Mensch je etwas gehört, tauchten auf und prahlten mit Fähigkeiten, die sie nicht besaßen: — die Massenseele einer Stadtbevölkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei und verleumderischer Hinterlist.

Bisweilen trugen Schilderungen derart das Gepräge der Wahrhaftigkeit, daß Hauberrisser oft stundenlang, begleitet von einem Polizisten, auf den Beinen war, um in fremde Wohnungen einzudringen, von denen man ihm gesagt hatte, Eva hielte sich darin auf.

Hoffen und Enttäuschung warfen ihn hin und her wie einen Spielball.

Bald gab es keine kleine oder große Straße und keinen Platz mehr, in denen er nicht ein oder mehrere Häuser nach Eva, irregeleitet durch Hiobsbotschaften, von oben bis unten durchsucht hatte.

Es war, als räche sich die Stadt an ihm für seine frühere Gleichgültigkeit.

Des Nachts im Traum schrien hundert Gesichter von Menschen auf ihn ein, mit denen er tagsüber gesprochen hatte, und jedes wollte ihm etwas Neues berichten, bis sie in eine einzige molluskenhafte Grimasse verschwammen, als hätte sich ein Stoß durchsichtiger photographischer Porträts aufeinander gehäuft.

Wie Labsal in dieser Zeit der Trostlosigkeit berührte es ihn, daß jeden Morgen in aller Frühe Swammerdam bei ihm erschien. Wenn er auch stets mit leeren Händen kam und, gefragt, ob er über Eva etwas erfahren habe, den Kopf schütteln mußte, so gab doch seine unerschütterlich zuversichtliche Miene Hauberrisser jedesmal neue Kraft, den Wirrnissen des Tages entgegenzusehen.

Das Tagebuch wurde mit keinem Worte mehr erwähnt, und doch fühlte Hauberrisser, daß ihn der alte Schmetterlingssammler hauptsächlich in dieser Angelegenheit besuchte.

Eines Morgens aber konnte sich Swammerdam nicht länger zurückhalten.

„Erraten Sie noch immer nicht,“ fragte er mit abgewandtem Gesicht, „daß eine Rotte fremder Gedanken feindselig auf Sie einstürmt und Ihnen jede Besinnung rauben will? — Wenn es wild gewordene Wespen wären, die ihr Nest gegen Sie verteidigen wollten, wüßten Sie doch sofort, um was es sich handelt! — Warum sind Sie gegenüber den Fliegenschwärmen des Schicksals nicht ebenso auf der Hut, wie Sie es bei wirklichen Wespen wären?“

Dann brach er schnell ab und ging hinaus.

Beschämt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts, er sei verreist und man möge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und ließ ihn von seiner Wirtschafterin an das Haustor kleben.

Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurück; wohl zehnmal in der Stunde ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder abzureißen.

Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flüsterten sie ihm zu, es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.

Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er plötzlich und so deutlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht überlistet worden zu sein, daß er einen Augenblick innehielt und nachsann. Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.

„Was ist das für eine seltsame unheimliche Kraft,“ fragte er sich, „die da so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als mein eigenstes Ich gebärdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem mißbraucht, was ich mir kaum eine Minute früher fest vorgenommen habe? Ich will lesen und darf nicht?“ — Er blätterte in den Seiten und bei jedem Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen, entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: „laß es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit.“ — Aber er stand Wache vor der Türe seines Willens und ließ sie nicht hinein. Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in ihre Rechte zu treten.

„Wenn ich nur den Anfang fände!“, stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

„Der Anfang“ — las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein, — „ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden, — nur die Einbildung, ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? — Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.

Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag an, dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.

Das Korallenriff, das sie sich mit infusorienhaftem Fleiß im Lauf der Jahrtausende aufgebaut haben, und das wir „unsern Körper“ nennen, ist ihr Werk und ihre Brut- und Heimstätte; wir müssen in dieses Riff aus Kalk und Leim zuerst eine Bresche legen und es dann wiederum in den Geist auflösen, der es von Anbeginn war, wenn wir freies Meer gewinnen wollen. — — Ich will dich späterhin lehren, wie du dir aus den Trümmern dieses Riffs ein neues Haus erbauen kannst.“

Hauberrisser legte das Tagebuch einen Augenblick aus der Hand und dachte nach. Ob, wie es schien, diese Seite die Abschrift oder der Entwurf eines Briefes war, den der Verfasser an irgend jemand gerichtet hatte, interessierte ihn weiter nicht; das „Du“ hatte ihn gepackt, als gelte es ihm allein, und in diesem Sinne wollte er es von jetzt an auch auffassen.

Eines fiel ihm besonders auf: Was hier geschrieben stand, klang zuweilen beinah wie eine Rede, bald aus dem Munde Pfeills oder Sephardis, bald aus dem Swammerdams. Er verstand jetzt, daß sie alle drei von demselben Geist gefärbt waren, der aus dieser Tagebuchrolle wehte, — daß der Strom der Zeit, um ihn den jetzt so hilflosen, weltmüden, kleinen Herrn Hauberrisser, zu einem wahren Menschen zu erziehen, fast Doppelfiguren aus ihnen machte. —

„Jetzt aber höre, was ich dir zu sagen habe:

Rüste dich für eine kommende Zeit!

Bald schlägt die Uhr der Welt die zwölfte Stunde; ihre Zahl auf dem Zifferblatt ist rot und in Blut getaucht. Daran kannst du sie erkennen.

Der neuen ersten Stunde geht ein Sturmwind voraus.

Sei wach, damit er dich nicht schlafend finde, denn die mit geschlossenen Augen hinübergehen in den heranbrechenden Tag, werden die Tiere bleiben, die sie waren, und nicht mehr zu erwecken sein.

Es gibt auch eine geistige Tag- und Nachtgleiche. Die neue erste Stunde, von der ich spreche, ist der Wendepunkt. In ihr gewinnt das Licht das Gleichgewicht gegenüber der Dunkelheit.

Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den Sinn dieser Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern dasselbe wie das des Äußern ist nur um eine Oktave höher: sie sind zur Ernte berufen, — die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde gebeugt.

Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt: — — Wachsein.

Wachsein ist alles.

Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei; dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos.

Die Träumenden unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt, — sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines gewaltigen Ganzen sind. Diese „Träumer“ sind nicht, wie du vielleicht glaubst, die Phantasten und Dichter — es sind die Regsamen, die Fleißigen, Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun’s Zerfressenen; sie gleichen emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben — hineinzufallen.

Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in Wahrheit nur Traum, — genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und unbeeinflußbar von ihrem Willen.

Einige unter den Menschen hat’s gegeben und gibt es noch, die wußten gar wohl, daß sie träumen, — Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, — Seher wie Goethe, Schopenhauer und Kant, aber sie besaßen die Waffen nicht, um die Festung zu erstürmen und ihr Kampfruf hat die Schläfer nicht erweckt.

Wach sein ist alles.

Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er die Krücken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.

Wach sein ist alles.

Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du’s schon bist. Nein, du schläfst und träumst.

Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: ‚jetzt bin ich wach!‘

Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint.

Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zu Allmacht.

Auf diese Art geh’ vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.

Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. —

Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.

Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger Buddha’s und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen, — sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten: Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens gestanden.

Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: durch alle zieht sich wie ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein; — es ist die Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze „Nacht“ gerungen hat, bis es „Tag“ wurde und er den Sieg gewann.

Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur andern mußt du steigen, wenn du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug: Schlaf, Traum und Betäubung sind.

Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie; wie erst sollen wir die höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und werden für Legenden gehalten. — Auch die Geschichte von Troja galt jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand — und grub selber nach.

Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir entgegenstellt, dein eigner Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird er mit dir kämpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der dich fernrückt von den Nachtwandlern, die da glauben, die seien Menschen, und nicht wissen, daß sie schlafende Götter sind, dann verschwindet für dich auch der Schlaf des Körpers und das Weltall ist dir untertan.

Dann kannst du Wunder tun, wenn du willst, und mußt nicht wie ein wimmernder Sklave demütig harren, bis es einem grausamen Götzen gefällig ist, dich zu beschenken oder — dir den Kopf abzuschlagen.

Freilich, das Glück des treuen, wedelnden Hundes: einen Herrn über sich zu kennen, dem er dienen darf — dieses Glück wird für dich zerschellen, — aber frag’ dich selbst, würdest du als der Mensch, der du jetzt noch bist, mit deinem Hunde tauschen?

Laß dich nicht abschrecken durch die Angst, das Ziel in diesem Leben vielleicht nicht erreichen zu können! — Wer unsern Weg einmal betreten hat, der kommt immer wieder auf die Welt in einer innern Reife, die ihm die Fortsetzung seiner Arbeit ermöglicht, — er wird als „Genie“ geboren.

Der Pfad, den ich dir weise, ist besät mit wundersamen Erlebnissen: Tote, die du im Leben gekannt hast, werden vor dir aufstehen und mit dir reden! — Es sind nur Bilder! — Lichtgestalten, glanzumflossen und beseligend, werden dir erscheinen und dich segnen. — Es sind nur Bilder — Hauchformen, von deinem Körper ausgesendet, der unter dem Einfluß deines verwandelnden Willens den magischen Tod stirbt und aus Stoff zu Geist wird, gleich wie starres Eis, vom Feuer getroffen, sich in formenballenden Dunst auflöst.

Erst wenn du alles Kadaverhafte von ihm abgestreift hast, kannst du sagen: jetzt ist der Schlaf für immer von mir gewichen.

Dann aber ist das Wunder vollbracht, das die Menschen nicht glauben können, — weil sie, durch ihre Sinne betrogen, nicht begreifen, daß Stoff und Kraft dasselbe ist, — jenes Wunder: daß, wenn man dich auch begräbt, keine Leiche im Sarge liegt.

Dann erst, nicht früher, wirst du Wesenhaftes vom Schein trennen können; wem du dann begegnest, kann nur einer sein, der vor dir den Weg gegangen ist. — Alle andern sind Schatten.

Bis dahin bleibt es ungewiß auf Schritt und Tritt, ob du das glücklichste oder das unglücklichste der Wesen wirst. — Aber fürchte dich nicht —: noch ist keiner, der den Pfad des Wachseins betreten hat, auch wenn er in der Irre ging, von den Führern verlassen worden.

Ein Merkmal will ich dir sagen, an dem du erkennen kannst, ob eine Erscheinung, die du hast, wesenhaft ist oder ein Trugbild: Wenn sie vor dich tritt und dein Bewußtsein ist getrübt, und die Dinge der Außenwelt sind für dich verschwommen oder verschwunden, dann traue nicht! Sei auf der Hut! Es ist ein Stück von dir. Wenn du das Gleichnis nicht errätst, das es in sich birgt, ist es nur ein Gespenst ohne Bestand — ein Schemen, ein Dieb, der von deinem Leben zehrt.

Die Diebe, die die Kraft der Seele stehlen, sind schlimmer als die Diebe der Erde. Sie locken dich wie Irrlichter in die Moräste einer trügerischen Hoffnung, um dich in der Finsternis allein zu lassen und für immer zu verschwinden.

Laß dich durch kein Wunder blenden, das sie scheinbar für dich tun, durch keinen heiligen Namen, den sie annehmen, durch keine Prophezeiung, die sie aussprechen, auch nicht, wenn sie in Erfüllung geht, — sie sind deine Todfeinde, von der Hölle deines eignen Körpers ausgespien, mit dem du um die Herrschaft ringst.

Wisse, daß die wunderbaren Kräfte, die sie besitzen, deine eignen sind, — von ihnen entwendet, um dich in Sklaverei zu erhalten; — sie können nicht leben, außer von deinem Leben, aber wenn du sie überwindest, sinken sie zu stummen, gehorsamen Werkzeugen herab, die du nach deinem Willen handhaben kannst.

Unzählig sind die Opfer, die sie unter den Menschen gefordert haben; lies die Geschichte der Visionäre und Sektierer und du wirst erkennen, daß der Pfad der Beherrschung, den du wandelst, mit Totenschädeln bedeckt ist.

Die Menschheit hat sich unbewußt eine Mauer gegen sie gebaut: — den Materialismus. Diese Mauer ist ein unfehlbarer Schutz, — sie ist ein Sinnbild des Körpers, aber sie ist zugleich auch eine Kerkermauer, die den Ausblick hemmt.

Heute, wo sie langsam zerbröckelt und der Phönix des innern Lebens aus seiner Asche, in der er lange Zeit wie tot gelegen, mit neuen Schwingen wieder aufersteht, regen auch die Aasgeier einer andern Welt die Flügel. Darum hüte dich. Die Wagschale, in die du dein Bewußtsein legst, zeigt dir allein an, wann du Erscheinungen trauen darfst; je wacher es ist, desto tiefer neigt sie sich zu deinen Gunsten.

Will dir ein Führer, ein Helfer, oder ein Bruder aus einer geistigen Welt erscheinen, so muß er es können, auch ohne dein Bewußtsein zu plündern; du darfst, wie der ungläubige Thomas, deine Hand in seine Seite legen.

Es wäre ein Leichtes, den Erscheinungen und ihren Gefahren auszuweichen: — du brauchst nur zu sein wie ein gewöhnlicher Mensch. — Aber was ist damit gewonnen? Du bleibst ein Gefangener im Kerker deines Leibes, bis der Henker „Tod“ dich zum Richtblock schleppt.

Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der Überirdischen zu schauen, ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche Sehnsucht nicht rein ist — weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie „nehmen“ will in irgendeiner Form, statt zu schreien, um das „geben“ zu lernen.

Jeder, der die Erde als ein Gefängnis empfindet, jeder Fromme, der nach Erlösung ruft, — sie alle beschwören unbewußt die Welt der Gespenster.

Tu du es auch. Aber: bewußt!

Ob es für Jene, die es unbewußt tun, eine unsichtbare Hand gibt, die die Sümpfe, in die sie geraten müssen, in Eilande verzaubern kann? Ich weiß es nicht. Ich will nicht streiten, — — aber ich glaub’s nicht.

Wenn du auf dem Wege des Erwachens das Reich der Gespenster durchquerst, wirst du allmählich erkennen, daß es nur Gedanken sind, die du plötzlich mit den Augen sehen kannst. Das ist der Grund, weshalb sie dir fremd und wie Wesen erscheinen; denn die Sprache der Formen ist anders als die Sprache des Gehirns.

Dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die seltsamste Wandlung vollzieht, die dir geschehen kann: aus den Menschen, die dich umgeben, werden — Gespenster werden. Alle, die dir lieb gewesen, werden plötzlich Larven sein. Auch dein eigner Leib.

Es ist die furchtbarste Einsamkeit, die sich ausdenken läßt, — ein Pilgern durch die Wüste, und wer die Quelle des Lebens in ihr nicht findet, verdurstet.

Alles, was ich dir hier gesagt habe, steht auch in den Büchern der Frommen jedes Volkes: das Kommen eines neuen Reiches, das Wachen, die Überwindung des Körpers und die Einsamkeit, — und doch trennt uns von diesen Frommen eine unüberbrückbare Kluft: sie glauben, daß ein Tag naht, an dem die Guten in das Paradies eingehen und die Bösen in den Höllenpfuhl geworfen werden, — wir wissen, daß eine Zeit kommt, wo Viele erwachen werden und von den Schlafenden getrennt sein wie die Herren von den Sklaven, weil die Schlafenden die Wachen nicht begreifen können, — wir wissen, daß es kein Böse und kein Gut gibt, sondern nur ein ‚Falsch‘ und ein ‚Richtig‘; — sie glauben, daß „wachen“ ein Offenhalten der Sinne und Augen und ein Aufbleiben des Körpers während der Nacht sei, damit der Mensch Gebete verrichten könne, — wir wissen, daß das „Wachen“ ein Aufwachen des unsterblichen Ich’s bedeutet und die Schlummerlosigkeit des Leibes eine natürliche Folge davon ist; — sie glauben, der Körper müsse vernachlässigt werden und verachtet, weil er sündig sei; wir wissen: es gibt keine Sünde, der Körper ist der Anfang, mit dem wir zu beginnen haben, und wir sind auf die Erde herabgestiegen, um ihn in Geist zu verwandeln; — sie glauben, man solle mit dem Leib in die Einsamkeit gehen, um den Geist zu läutern; wir wissen, daß zuerst unser Geist in die Einsamkeit gehen muß, um den Leib zu verklären.

Bei dir allein steht es, deinen Weg zu wählen — ob unsern oder jenen. Es soll dein freier Wille sein.

Ich darf dir nicht raten; es ist heilsamer, aus eigenem Entschluß eine bittere Frucht zu pflücken, als auf fremden Rat eine süße auf dem Baume — hängen zu sehen.

Nur mach’s nicht wie die vielen, die da wohl wissen, es steht geschrieben: ‚Prüfet alles und das Beste behaltet‘ — aber hingehen, nichts prüfen und das — Erstbeste behalten.“

— — — — — — — —

Die Seite war zu Ende und das Thema brach ab.

Hauberrisser glaubte nach einigem Suchen, den anschließenden Teil gefunden zu haben. Der Unbekannte, an den das Schriftstück gerichtet war, schien sich zu dem „heidnischen Wege der Gedankenbeherrschung“ entschlossen zu haben, denn der Verfasser der Rolle fuhr auf einem neuen Blatt, das die Überschrift trug:

Der Phönix

folgendermaßen fort:

„Mit dem heutigen Tage bist du aufgenommen in unsere Gemeinschaft und ein neuer Ring in der Kette, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht.

Damit erlischt mein Amt und geht in die Hände eines Andern über, den du nicht sehen kannst, solange deine Augen noch der Erde gehören.

Er ist unendlich fern von dir und dennoch dicht in deiner Nähe; er ist nicht räumlich von dir getrennt und dennoch weiter weg als die äußersten Grenzen des Weltalls; du bist von ihm umgeben, wie ein Mensch, der im Ozean schwimmt, von Wasser, aber du nimmst ihn nicht wahr, — so wie der Schwimmer das Salz nicht schmeckt, das das Meer durchdringt, wenn die Nerven seiner Zunge tot sind.

Unser Sinnbild ist der Phönix, das Symbol der Verjüngung — der sagenhafte ägyptische Adler des Himmels mit rotem und goldenem Gefieder, der sich in seinem Nest aus Myrrhen verbrennt und immer neu aus der Asche ersteht.

Ich habe dir gesagt, der Anfang des Weges ist der eigene Körper; wer das weiß, kann jeden Augenblick die Wanderung beginnen.

Ich will dich jetzt die ersten Schritte lehren:

Du mußt dich vom Leibe trennen, aber nicht, als wolltest du ihn verlassen: — du mußt dich von ihm lösen, wie jemand, der Licht von Wärme scheidet.

Schon hier lauert der erste Feind.

Wer sich vom Körper losreißt, um durch den Raum zu fliegen, der geht den Weg der Hexen, die nur einen gespenstischen Leib aus dem groben, irdischen herausgezogen haben und auf ihm wie auf einem Besen zur Walpurgisnacht reiten.

Die Menschheit hat sich aus richtigem Instinkt eine Brustwehr gegen diese Gefahr errichtet, indem sie ein Lächeln über die Möglichkeit solcher Künste bereit hält. — Du brauchst als Schutz den Zweifel nicht mehr — du hast in dem, was ich dir gegeben habe, ein besseres Schwert. Die Hexen glauben, auf dem Sabbat des Teufels zu sein, und in Wirklichkeit liegt ihr Körper bewußtlos und starr in der Kammer. Sie vertauschen bloß die irdische Wahrnehmung gegen eine geistige — sie verlieren das Bessere, um das Schlechtere zu gewinnen; — es ist ein Ärmerwerden statt ein Reichersein.

Schon daraus siehst du, daß es nicht der Weg des Erwachens sein kann. — Um zu begreifen, daß du nicht dein Körper bist, — wie die Menschen von sich wähnen, — mußt du erkennen, mit welchen Waffen er kämpft, um die Herrschaft über dich zu behaupten. — Jetzt stehst du freilich noch so tief in seiner Gewalt, daß dein Leben erlischt, wenn sein Herz aufhört zu schlagen, und du in Nacht versinkst, sobald er die Augen schließt. Du glaubst, du könntest ihn bewegen, — es ist eine Täuschung: nein, er bewegt sich und nimmt nur deinen Willen zu Hilfe. Du glaubst, du schaffst Gedanken: nein, er schickt sie dir, damit du meinst, sie kämen von dir, und alles tust, was er will.

Setz’ dich aufrecht hin und nimm dir vor, kein Glied zu rühren, mit keiner Wimper zu zucken und regungslos zu bleiben wie eine Bildsäule, und du wirst sehen, daß er haßentbrannt augenblicklich über dich herfällt und dich zwingen will, ihm wieder untertan zu sein. — Mit tausend Waffen wird er auf dich losstürzen, bis du ihm wieder erlaubst, sich zu bewegen. — An seiner grimmigen Wut und der überstürzten Kampfesweise, mit der er Pfeil auf Pfeil auf dich abschießt, kannst du ersehen, wenn du schlau bist, wie bange ihm um seine Herrschaft sein muß und wie groß deine Macht, daß er sich so vor dir fürchtet.

Aber es steckt dabei noch eine List von ihm dahinter: er will dich glauben machen, daß hier, im äußern Willen, die Entscheidungsschlacht um das Szepter geschlagen wird; nein, es sind nur Scharmützel, die er dich, wenn’s sein muß, gewinnen läßt, um dich dann um so tiefer unter’s Joch zu beugen.

Diejenigen, die solches Geplänkel gewinnen, werden die ärmsten Sklaven — sie dünken sich Sieger und tragen auf der Stirn das Schandmal: ‚Charakter‘.

Deinen Körper zu bändigen, ist nicht der Zweck, den du verfolgst. Wenn du ihm verbietest, sich zu bewegen, so sollst du es nur deshalb tun, damit du die Kräfte kennen lernst, über die er gebietet. Es sind Heerscharen, fast unüberwindlich durch ihre Zahl. Er wird sie gegen dich in den Kampf schicken, eine nach der andern, wenn du nicht nachläßt, mit dem so einfach scheinenden Mittel des Stillsitzens: zuerst die rohe Gewalt der Muskeln, die beben und zittern wollen, — das Sieden des Blutes, das dir den Schweiß ins Gesicht treibt, — das Hämmern des Herzens, — das Frösteln der Haut, bis dein Haar sich sträubt, — das Schwanken des Leibes, das dich durchfährt, — als habe die Schwerkraft die Achse verändert, — sie alle kannst du besiegen, — scheinbar durch den Willen — dennoch ist es nicht der Wille allein: es ist in Wahrheit bereits ein höheres Wachsein, das unsichtbar hinter ihm steht in der Tarnkappe.

Auch dieser Sieg ist wertlos; selbst, wenn du Herr würdest über Atmung und Herzschlag, wärest du nur ein Fakir — ein ‚Armer‘ auf deutsch.

Ein ‚Armer‘! — das sagt genug. — — —

Die nächsten Kämpfer, die dir dein Körper stellt, sind die ungreifbaren Fliegenschwärme der Gedanken.

Gegen sie hilft das Schwert des Willens nichts mehr. Je wilder du nach ihnen schlägst, desto wütender umschwirren sie dich, und glückt es dir nur einen Augenblick, sie zu verscheuchen, so fällst du in Schlummer und bist in anderer Form der Besiegte.

Ihnen Stillhalten zu gebieten ist vergebens; nur ein einziges Mittel gibt es, ihnen zu entrinnen: die Flucht in ein höheres Wachsein.

Wie du das zu beginnen hast, mußt du allein lernen.

Es ist ein vorsichtiges, immerwährendes Tasten mit dem Gefühl und ein eiserner Entschluß zugleich.

Das ist alles, was ich dir darüber sagen kann. Jeder Rat, den dir für dieses qualvolle Ringen irgend jemand gibt, ist Gift. Hier liegt eine Klippe, über die dir kein anderer hinweghelfen kann als du selbst.

Es braucht dir nicht zu gelingen, die Gedanken für immer zu bannen, — der Kampf mit ihnen dient nur dem einen Zweck: den Zustand höheren Wachseins zu erklimmen.