Hast du diesen Zustand erlangt, naht das Reich der Gespenster, von dem ich dir bereits gesprochen habe.
Gestalten, schreckhafte und solche in Strahlenglanz werden dir erscheinen und dich glauben machen wollen, sie seien Wesen aus einer andern Welt. — Es sind nur Gedanken in sichtbarer Form, über die du noch nicht völlig Macht besitzt!
Je erhabener sie sich gebärden, desto verderblicher sind sie, das merke dir!
So mancher Irrglaube hat sich auf solchen Erscheinungen aufgebaut und die Menschheit in die Finsternis zurückgerissen. Trotzdem steckt hinter jedem dieser Phantome ein tiefer Sinn; sie sind nicht bloß Bilder, sie sind für dich — gleichgültig ob du ihre symbolische Sprache verstehst oder nicht — die Merkmale der geistigen Entwicklungsstufen, auf denen du dich befindest.
Die Verwandlung deiner Mitmenschen in Gespenster, von der ich dir sagte, daß sie auf diesen Zustand folgen wird, birgt, wie alles auf geistigem Gebiet, zugleich ein Gift und eine Heilkraft in sich.
Bleibst du dabei stehen, die Menschen nur für Gespenster zu halten, so trinkst du bloß das Gift und wirst wie jener, von dem es heißt: ‚hat er die Liebe nicht, bleibt er leer wie tönendes Erz‘. Findest du aber den ‚tieferen Sinn‘ der in jedem dieser Menschenschemen verborgen liegt, so siehst du mit dem Auge des Geistes nicht nur ihren lebendigen Kern, sondern auch den deinen. Dann wird dir alles, was dir genommen worden, tausendfach zurückgegeben wie dem Hiob; dann bist du — wieder da, wo du warst, wie die Törichten so gerne höhnen; — sie wissen nicht, daß es ein anderes ist, wieder heimzukehren, wenn man lang in der Fremde war, als immer zu Hause geblieben zu sein.
Ob dir, wenn du so weit vorgedrungen bist, jene Wunderkräfte, die die Propheten des Altertums besessen haben, zuteil werden, oder du statt dessen in den ewigen Frieden eingehen darfst, das weiß niemand.
Solche Kräfte sind ein freies Geschenk derer, die die Schlüssel dieser Geheimnisse bewahren.
Wenn du sie bekommst, um sie zu handhaben, geschieht es nur der Menschheit wegen, die solcher Zeichen bedarf.
Unser Weg führt bloß bis zur Stufe der Reife, — bist du zu ihr gelangt, so bist du auch würdig, jenes Geschenk zu erhalten; ob man es dir gibt? Ich weiß es nicht.
Ein Phönix aber wirst du geworden sein — so oder so; dies zu erzwingen, steht in deiner Hand.
Ehe ich jetzt von dir Abschied nehme, sollst du noch erfahren, aus welchem Zeichen du erkennen kannst, ob du einst in der Zeit der ‚großen Tag- und Nachtgleiche‘ berufen sein wirst, die Gabe der Wunderkräfte zu bekommen. Höre:
Einer von denen, die die Schlüssel der Geheimnisse der Magie bewahren, ist auf der Erde zurückgeblieben und sucht und sammelt die Berufenen.
So, wie er nicht sterben kann, so kann auch die Sage, die über ihn in Umlauf ist, nicht sterben. —
Die einen munkeln, er sei der ‚Ewige Jude‘; die andern nennen ihn Elias; die Gnostiker behaupten, er wäre Johannes der Evangelist; — aber jeder, der ihn gesehen haben will, schildert sein Aussehen anders. Laß dich dadurch nicht beirren, falls du Menschen in der sprießenden Zeit der Zukunft begegnen solltest, die auf solche Art von ihm erzählen.
Es ist nur natürlich, daß jeder ihn anders sieht: — ein Wesen wie er, das seinen Leib in Geist verwandelt hat, kann an keine starre Form mehr gebunden sein.
Ein Beispiel wird dir erklären, daß auch seine Gestalt und sein Gesicht nur Bilder sein können — gespenstischer Schein, sozusagen, für das, was er in Wahrheit ist:
Nimm an, er erschiene dir als ein Wesen von grüner Farbe. Grün ist an sich keine wirkliche Farbe, trotzdem du sie sehen kannst, — sie ist aus einer Mischung von Blau und Gelb entstanden. — Wenn du Blau und Gelb miteinander innig vermengst, erhältst du Grün.
Jeder Maler weiß das, — daß aber die Welt, die man um sich sieht, gleicherweise im Zeichen der ‚grünen‘ Farbe steht und in Wahrheit nicht das ist, was sie zu sein scheint, nämlich: gelb und blau, — das wissen die wenigsten.
Erkenne du aus diesem Beispiel, daß er, wenn er dir als ein Mann mit grünem Antlitz begegnen sollte, sein wahres Gesicht dir trotzdem noch immer nicht offenbar ist.
Wenn du ihn siehst als den, der er in Wirklichkeit ist: als ein geometrisches Zeichen — als ein Sigill am Himmel, das kein anderer schauen kann als du allein, — dann wisse: du bist berufen zum Wundertäter.
Mir ist er begegnet als leibhaftiger Mensch, und ich habe meine Hand in seine Seite legen dürfen.
Sein Name war — — — — — — — — —“
Hauberrisser erriet den Namen; er stand auf dem Blatt, das er beständig bei sich trug, — es war der Name, der ihm immer wieder entgegensprang:
Chidher Grün.
Zwölftes Kapitel
Hauch der Verwesung in der Luft. Brutwarme sterbende Tage und neblige Nächte. Das faulende Gras der Wiesen frühmorgens bedeckt mit den schimmelweißen Flecken der Spinnengewebe. Zwischen den braunvioletten Schollen kalte, blinde Wasserpfützen, die der Sonne nicht mehr trauen; — strohgelbe Blumen, denen die Kraft fehlt, das Gesicht zum glasklaren Himmel zu erheben, — taumelnde Schmetterlinge mit zerfetzten, entstaubten Flügeln, — in den Alleen der Stadt: die Blätter der Bäume raschlig an mürben Stielen.
Wie eine welkende Frau, die sich nicht genug tun kann an grellen Farben, um ihr Alter zu verbergen, begann die Natur mit der bunten Schminke des Herbstes zu prahlen.
— — — — — — — —
Der Name Eva van Druysen war längst vergessen in Amsterdam. Auch Baron Pfeill zählte sie zu den Toten und Sephardi trauerte um sie; nur in Hauberrissers Brust konnte ihr Bild nicht sterben.
Aber er sprach nicht von ihr, wenn ihn bisweilen seine Freunde oder der alte Swammerdam besuchen kamen.
Er war wortkarg und verschlossen geworden und unterhielt sich mit ihnen nur mehr über gleichgültige Dinge.
Mit keiner Silbe verriet er, daß er sich in eine stille Hoffnung, Eva trotzdem wiederzufinden, versponnen hatte, die von Tag zu Tag im Verborgenen in ihm wuchs, — denn er fürchtete sich, es auszusprechen, als zerrisse er damit ein feines Netz.
Nur Swammerdam gegenüber ließ er, wenn auch nicht in Worten, durchblicken, wie es um ihn stand.
Seit jener Stunde, in der er die Tagebuchrolle zu Ende gelesen, war eine Wandlung in ihm vorgegangen, die er selbst kaum begriff. Anfangs hatte er die Übung des Stillsitzens gemacht, wann sie ihm gerade einfiel, eine Stunde, oder länger oder kürzer, und war daran gegangen teils neugierig, teils mit der innerlich ungläubigen Miene eines Menschen, der im Grunde seiner Seele das beständige, nüchterne: „Es führt ja doch zu nichts“ wie einen Wahlspruch der Erfolglosigkeit mit sich herum schleppt.
Eine Woche später hatte er die Übung zwar auf eine Viertelstunde am Morgen beschränkt, aber er machte sie mit Aufgebot aller Kraft und um ihrer selbst willen und nicht mehr in der ermüdenden und jedesmal enttäuschten Erwartung, es müsse sich irgend etwas wunderbares begeben. —
Bald wurde sie ihm unentbehrlich wie ein erfrischendes Bad, auf das er sich schon freute, wenn er sich abends niederlegte.
Wohl schüttelten ihn tagsüber noch lange nach wie vor die Anfälle wildester Verzweiflung, wenn ihm plötzlich einfiel, daß er Eva verloren habe, und er wies die Zumutung, gegen solche Gedanken des Schmerzes auf magische Art anzukämpfen — und gewissermaßen davon zu laufen vor der brennenden Erinnerung an Eva, — wie Egoismus, Lieblosigkeit und Selbstbelügung zugleich jedesmal empört von sich, aber eines Tages versuchte er es doch, als das Leid so übermächtig geworden war, daß er glaubte, Selbstmord begehen zu müssen.
Er hatte sich der Vorschrift gemäß aufrecht hingesetzt und einen Zustand höheren Wachseins zu erzwingen getrachtet, um der unerträglichen Folter der Gramgedanken wenigstens für Augenblicke zu entrinnen, — und wider Erwarten war es ihm gleich beim erstenmal merkwürdig gut gelungen. — Ehe er noch in den Zustand eintrat, hatte er geglaubt, er werde aus ihm mit Reue im Herzen zurückkehren, um sich einem verdoppelten Schmerz freiwillig in die Arme zu werfen, aber nichts von alledem geschah. — Im Gegenteil: ein unbegreifliches Gefühl der Sicherheit, an dem jeder noch so künstlich hochgeschraubte Zweifel abprallte, erfüllte ihn von da an, daß Eva lebe und in keinerlei Gefahr schwebe.
Wenn ihn die Gedanken an sie während des Tages wohl hundertmal überfallen hatten, war es wie Schläge mit glühenden Peitschen gewesen, — jetzt empfand er sie, wenn sie kamen, wie jubelnde Botschaft, daß Eva in der Ferne an ihn denke und ihm Grüße schicke. Was früher Schmerz gewesen, hatte sich urplötzlich in eine Quelle der Freude verwandelt.
So hatte er durch die Übung eine Zufluchtsstätte in seinem Innern geschaffen, in die er sich jederzeit zurückziehen konnte, um immer neue Zuversicht und jenes geheimnisvolle Wachstum zu finden, das denen, die es nicht aus Erfahrung kennen lernen, das ganze Leben hindurch, so oft sie auch davon hören, ein totes, leeres Wort bleiben wird.
Bevor er den neuen Zustand gekannt, hatte er geglaubt, wenn er dem Schmerz um Eva entfliehe, werde es nur ein rascheres Vernarben der Wunden seiner Seele sein — ein Beschleunigen des gewissen Heilungsprozesses, mit dem die Zeit allen Menschen das Leid lindert, — und er hatte sich mit allen Fasern gegen ein solches Genesen gesträubt, wie jeder es tut, der klar voraussieht, daß ein Verklingen des Kummers um den Verlust einer geliebten Person auch das Verblassen ihres Bildes, von dem er nicht lassen möchte, in sich schließt.
Aber ein schmaler, blumenbestreuter Fußpfad zwischen diesen beiden Klippen, von dessen Möglichkeit er früher nichts geahnt, hatte sich ihm ganz wie von selbst erschlossen: das Bild Eva’s war nicht in den Staub der Vergangenheit hinabgesunken, wie er gefürchtet hatte, — nein, nur der Schmerz allein war verschwunden; Eva selbst, statt ihres von seinen Tränen umflort gewesenen Bildes, war auferstanden, und er konnte in Minuten ruhevollen innern Verweilens ihre Nähe so deutlich spüren, als stünde sie leibhaftig bei ihm.
Es kamen, je mehr er sich von der Außenwelt zurückzog, mitunter Stunden eines so tiefen Glückes über ihn, wie er es niemals für möglich gehalten hätte, in denen sich Erkenntnis an Erkenntnis reihte und er immer klarer und klarer begriff, daß es wirkliche Wunder innerer Erlebnisse gab, gegen die sich die Vorgänge des äußern Daseins nicht nur scheinbar, wie er früher stets gedacht, sondern tatsächlich wie Schatten zu Licht verhielten.
Das Gleichnis vom Phönix als dem Adler der ewigen Verjüngung wurde ihm täglich eindrucksvoller — erschloß ihm immer neue Bedeutung — ließ ihn den merkwürdigen Unterschied zwischen lebendigen und toten Symbolen in ungeahnter Fülle erfassen.
Alles was er suchte, schien in diesem unerschöpflichen Sinnbild enthalten zu sein.
Es löste ihm Rätsel wie ein allwissendes Wesen, das er nur zu befragen brauchte, um die Wahrheit zu erfahren.
So hatte er zum Beispiel bei seinen Bemühungen, Herr über das Kommen und Gehen seiner Gedanken zu werden, bemerkt, daß es ihm manchmal vortrefflich gelang, aber wenn er dann glaubte, die Art und Weise, wie er es zuwege gebracht, genau zu wissen, fand er am nächsten Tage keine Spur mehr von Erinnerung daran in seinem Gedächtnis vor. Es war wie ausgewischt in seinem Hirn und er mußte scheinbar wieder von vorne anfangen, um eine neue Methode zu ersinnen. —
„Der Schlummer des Körpers hat mich der gepflückten Frucht beraubt,“ hatte er sich in solchen Fällen gesagt und um dem vorzubeugen, beschlossen, sich nicht mehr schlafen zu legen, so lange es irgend ginge, bis er eines Morgens von dem Einfall erhellt wurde, daß dieses sonderbare Verschwinden aus seiner Erinnerung nichts anderes war als die „Verbrennung zu Asche“, aus der der Phönix immer wieder verjüngt erstehen müsse, — daß es irdisch und vergänglich sei, sich Methoden zu schaffen und merken zu wollen — daß nicht ein zustande gebrachtes Gemälde das Wertvolle ist, wie Pfeill es in Hilversum ausgedrückt hatte, sondern das Malenkönnen.
Seit er diesen Einblick gewonnen hatte, war ihm die Bewältigung der Gedanken ein beständiger Genuß geworden, statt ein erschöpfendes Ringen zu sein, und er klomm von Stufe zu Stufe, ohne es zu bemerken, bis er plötzlich zu seinem Erstaunen wahrnahm, daß er bereits den Schlüssel zu einer Herrschaft besaß, von deren bloßer Möglichkeit er sich nicht einmal hatte träumen lassen. — „Es ist, als wäre ich bisher von Gedanken umschwärmt gewesen wie von Bienen, die sich von mir Futter holten“ — hatte er es Swammerdam erklärt, mit dem er sich damals noch über derlei innere Erlebnisse auszusprechen pflegte — „jetzt kann ich sie aussenden mit meinem Willen und sie kommen mit Einfällen wie mit Honig beladen zu mir zurück. Früher haben sie mich beraubt, — jetzt bereichern sie mich.“
Fast in denselben Worten las er zufällig eine Woche später einen ähnlichen geistigen Vorgang in der Tagebuchrolle geschildert und erkannte daraus zu seiner Freude, daß er, ohne belehrt worden zu sein, den richtigen Weg zur Entwicklung eingeschlagen hatte.
Die Seiten, auf denen es gestanden hatte, waren vorher durch Schimmel und Feuchtigkeit zusammen geklebt gewesen; — unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen am Fenster, vor dem sie lagen, hatten sie sich voneinander gelöst.
Auch in seinem Denken, fühlte er, war etwas ähnliches geschehen.
Er hatte in den letzten Jahren vor und während des Krieges mancherlei über sogenannte Mystik gehört und gelesen und alles, was damit zusammenhing, unwillkürlich mehr oder weniger mit dem Begriff „Unklarheit“ vereinigt, denn was er darüber erfahren konnte, trug immer den Stempel des Verschwommenen und glich den Ekstasen eines Opiumrausches. — Er hatte sich zwar in seinem Urteil nicht geirrt, da das, was unter dem Namen Mystik in aller Mund war, wirklich nichts anderes bedeutete als ein Umhertappen im Nebel, aber jetzt sah er ein, daß es auch einen wahren mystischen Zustand gab, — schwer zu finden und noch schwerer zu erringen — der nicht nur hinter der Wirklichkeit der täglichen Daseinserfahrung nicht zurückblieb, sondern sie an Lebendigkeit weit übertraf. —
Da war nichts mehr, was an die verdächtigen Wonnen der „mystisch“ Verzückten gemahnte, — kein demütiges Gewinsel mehr um eine selbstsüchtige „Erlösung“, die, um an Glanz zu gewinnen, als blutigen Hintergrund den Anblick der zu ewigen Höllenstrafen verdammten Frevler benötigt, — aber auch die sattgefressene schmatzende Zufriedenheit einer viehischen Menge, die auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen vermeint, wenn sie rülpsend verdaut, war verschwunden wie ein widerwärtiger Traum.
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Hauberrisser hatte das Licht abgedreht, saß vor seinem Tisch und wartete. Wartete in die Finsternis hinein.
Vor dem Fenster hing die Nacht als schweres, dunkles Tuch.
Er fühlte, daß Eva bei ihm stand, aber er konnte sie nicht sehen. —
Wenn er die Augen schloß, wogten Farben wie Wolken hinter seinen Lidern, lösten sich auf und ballten sich wieder zusammen; er wußte aus den Erfahrungen, die er gesammelt, daß sie der Stoff waren, aus dem er sich Bilder schaffen konnte, wenn er wollte, — Bilder, die anfangs starr und leblos schienen, dann aber, wie von einer rätselhaften Kraft beseelt, ein selbständiges Leben bekamen, als seien sie Wesen gleich ihm.
Vor wenigen Tagen war es ihm zum erstenmal geglückt, auch Evas Gesicht in dieser Weise zu formen und lebendig zu machen, und er hatte geglaubt, auf dem richtigen Wege zu sein, auf eine neue geistige Art mit ihr zusammenzukommen, bis er sich an die Stelle in der Tagebuchrolle über die Halluzinationen der Hexen erinnerte und begriff, daß hier das uferlose Reich der Gespenster begann, in das er nur einzutreten brauchte, um nie wieder zurückzufinden.
Je mehr seine Kraft, die verborgenen unerkannten Wünsche seines Innern in Bilder umzugestalten, wuchs, desto größer, fühlte er, mußte auch die Gefahr für ihn werden, auf einen Pfad abzuirren, von dem es keine Heimkehr mehr gab.
Mit einem Gefühl des Grauens und brennender Sehnsucht zugleich dachte er an die Minuten zurück, wo es ihm gelungen war, Evas Phantom heraufzubeschwören. — Anfangs war es grau und schattenhaft gewesen, dann hatte es langsam Farbe und Leben bekommen, bis es vor ihm gestanden — so deutlich wie aus Fleisch und Blut.
Jetzt noch fühlte er die Eiseskälte, die seinen Körper damals ergriffen, als er von magischem Instinkt getrieben, den Versuch gewagt hatte, auch seine übrigen Sinne — Gehör und Gefühl — an der Vision teilnehmen zu lassen.
Oft und oft hatte er sich seitdem auf dem Wunsch ertappt, das Bild nochmals vor seinen Blick zu zaubern, und immer seine ganze Kraft aufbieten müssen, um der Lockung zu widerstehen.
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Die Nacht schritt vor, aber er konnte sich nicht entschließen, schlafen zu gehen; beständig umkreiste ihn das dumpfe Ahnungsgefühl, es müßte auch ein magisches Mittel geben, Eva zu rufen, daß sie zu ihm käme — nicht wie damals als vampyrhafter Schemen, belebt von dem Hauch seiner eignen Seele, nein: leibhaftig und wirklich.
Er sandte seine Gedanken aus, damit sie mit neuen Eingebungen, wie er es anzufangen hätte, beladen zu ihm zurückkehren möchten; er wußte aus seinen Fortschritten in den letzten Wochen, daß diese Methode des Aussendens von Fragen und beharrlichen Wartens auf Antwort — dieses klarbewußte Wechseln von aktivem und passivem Zustand — selbst dann nicht zu versagen brauchte, wenn es sich um Dinge handelte, die durch logischen Denkprozeß herauszufinden unmöglich war.
Einfall auf Einfall schoß ihm durch den Kopf, einer krauser und phantastischer als der andere; er prüfte sie mit der Wage seines Gefühls: jeder wurde zu leicht befunden.
Wieder war es der Schlüssel des „Wachseins“, der das verborgene Schloß aufsperren half.
Nur mußte diesmal — erriet er instinktiv — sein Körper und nicht das Bewußtsein allein zu höherer Lebendigkeit erregt werden; im Körper lagen die magischen Kräfte schlafend, sie mußte er erwecken, wenn er auf die stoffliche Welt einwirken wollte.
Wie ein belehrendes Beispiel fiel ihm ein, daß die Wirbeltänze der arabischen Derwische im Grunde wohl auch nichts anderes bezweckten, als den Körper zu einem höheren „Wachsein“ aufzupeitschen.
Er legte — wie unter einer Eingebung — die Hände auf die Knie und setzte sich aufrecht hin in der Stellung der ägyptischen Götterstatuen, die mit dem unbeweglichen Ausdruck ihrer Gesichter ihm plötzlich als die Sinnbilder magischer Gewalt erschienen, — zwang seinen Körper zu totenhafter Ruhe und schickte zugleich einen erregenden Feuerstrom von Willenskraft durch jede Faser des Leibes.
Schon nach wenigen Minuten durchtobte ihn ein Sturm von beispielloser Wut.
Wahnwitziges Durcheinanderschreien von menschen- und tierähnlichen Stimmen, wütendes Gebell von Hunden und das schrille Krähen zahlloser Hähne gellte durch sein Hirn; im Zimmer brach ein Tumult los, als berste das Haus; — metallenes Dröhnen von Gongschlägen, als läute die Hölle den Jüngsten Tag ein, vibrierte durch seine Knochen, daß er glaubte, er müsse in Staub zerfallen, die Haut brannte ihn wie ein Nessosgewand, — aber er biß die Zähne zusammen und gestattete seinem Körper nicht die geringste Bewegung.
Unablässig, mit jedem Herzschlag, rief er dabei nach Eva.
Eine Stimme, leise, kaum geflüstert und doch den Lärm durchdringend wie eine spitzige Nadel, warnte ihn, nicht mit Kräften zu spielen, deren Gewalt er nicht kenne — die zu beherrschen er noch nicht reif sei — die ihn jeden Augenblick in unheilbares Irresein stürzen könnten, — er hörte nicht darauf. —
Immer lauter und lauter wurde die Stimme, so laut, daß es schien, als sei ringsum das Getöse in weite Ferne gerückt, — sie schrie ihn an, er solle umkehren, — wohl müsse Eva kommen, wenn er nicht aufhöre, mit den entfesselten lichtlosen Kräften der Unterwelt nach ihr zu rufen, aber daß ihr Leben, wenn sie käme, ehe die Zeit ihrer geistigen Entwicklung um sei, noch in derselben Stunde verlöschen werde wie das Licht einer Kerze, und er selbst sich damit eine Bürde des Schmerzes auflüde, die er nicht werde tragen können, — — er biß die Zähne zusammen und hörte nicht hin. — Die Stimme suchte ihn mit Vernunftgründen zu überzeugen, daß Eva doch längst zu ihm gekommen wäre oder ihm eine Nachricht geschickt hätte, wo sie sei, wenn es hätte sein dürfen, — er habe doch den Beweis, daß sie lebe und ihm stündlich Gedanken voll heißer Liebe sende, aus dem untrüglichen Gefühl ihrer Nähe, das er Tag für Tag empfinde, — — er hörte nicht darauf und rief und rief.
Die verzehrende Sehnsucht, Eva in seine Arme zu schließen, und wäre es nur für einen kurzen Augenblick, hatte ihm jede Besinnung geraubt.
Plötzlich verstummte der Tumult und er sah, daß das Zimmer taghell erleuchtet war.
Mitten darin, wie aus den Dielen gewachsen, ragte — fast bis zur Decke empor und einen Querbalken am oberen Ende — aus dem Boden ein modriger hölzerner Pfosten wie ein enthauptetes Kreuz.
Mit dem Kopf von dem Querbalken herabhängend, war eine armdicke, hellgrünschillernde Schlange herumgewunden und blickte ihn mit lidlosen Augen an.
Ihr Gesicht — die Stirn mit einem schwarzen Fetzen umwickelt — glich dem einer menschlichen Mumie; die Haut der Lippen, eingetrocknet und dünn wie Pergament, war straff über die morschen gelblichen Zähne gespannt.
Trotz der leichenhaften Verzerrung der Züge erkannte Hauberrisser in ihnen eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Antlitz Chidher Grüns, wie es einst in dem Laden der Jodenbreestraat vor ihm gestanden hatte.
Das Haar vor Entsetzen gesträubt und mit stockendem Puls horchte er auf die Worte, die langsam und silbenweise in pfeifenden, halblauten, seltsam halbierten Tönen aus dem verwesten Munde hervorbröckelten:
„W—as wil—lst du von mir?“
Einen Augenblick lähmte ihn ein furchtbares Grauen, — er fühlte das Lauern des Todes hinter sich — glaubte, eine schwarze, scheußliche Spinne über den Glanz der Tischplatte huschen zu sehen, — — dann schrie sein Herz den Namen Eva.
Im Nu lag das Zimmer wieder in Finsternis und, als er sich schweißgebadet zur Tür tastete und das elektrische Licht aufdrehte, war das geköpfte Holzkreuz mit der Schlange daran verschwunden.
Er hatte das Gefühl, als sei die Luft vergiftet, — er konnte kaum mehr atmen — die Gegenstände drehten sich vor seinen Augen. — —
„Es muß, es muß, es muß eine Fiebervision gewesen sein!“ suchte er sich vergebens zu beruhigen, aber die drosselnde Angst: alles, was er soeben gesehen, habe sich buchstäblich und greifbar hier im Zimmer abgespielt, ließ ihn nicht los.
Eisige Schauer liefen ihm über den Rücken, wenn er sich an die warnende Stimme erinnerte; — schon der bloße Gedanke an die Möglichkeit, sie könne wieder aufwachen und ihm zuschreien, er hätte durch seine wahnwitzigen magischen Experimente Eva wirklich gerufen und damit in Lebensgefahr gestürzt, verbrannte ihm das Gehirn.
Er glaubte ersticken zu müssen, biß sich in die Hand, hielt sich die Ohren zu, rüttelte an den Sesseln, um wieder zu sich zu kommen, riß das Fenster auf und sog die kalte Nachtluft ein — — es half nichts: die innere Gewißheit, in der geistigen Welt der Ursachen etwas angerichtet zu haben, was sich nicht mehr gut machen ließ, blieb bestehen.
Wie toll gewordene Bestien fielen die Gedanken, deren er für immer Herr geworden zu sein, hochmütig geglaubt hatte, über ihn her, — da nützte kein „Stillsitzenwollen“ mehr.
Auch die Methode des „Erwachens“ versagte.
„Es ist Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn“, wiederholte er krampfhaft vor sich hin mit zusammengebissenen Zähnen und raste dabei im Zimmer auf und ab: „nichts ist geschehen! Es war eine Vision! — nichts weiter! Ich bin ja verrückt! Einbildung! Einbildung! Die Stimme hat mich belogen und auch die Erscheinung war nicht wirklich! Wo hätte denn das Holz mit der Schlange herkommen sollen, — und — und die Spinne!“ —
Er zwang sich — mit verzerrtem Mund laut aufzulachen. — — — „Die Spinne!! — Warum ist sie denn jetzt nicht mehr da?“ versuchte er sich selbst zu verhöhnen; er zündete ein Streichholz an, um unter den Tisch zu leuchten, — fand in der unbestimmten Furcht, die Spinne könnte als Überbleibsel des spukhaften Erlebnisses wirklich noch vorhanden sein, den Mut nicht, hinzusehen. — — — — —
Wie befreit atmete er auf, als er von den Türmen drei Uhr schlagen hörte, — — „Gott sei Dank, die Nacht geht vorüber.“
Er trat ans Fenster, beugte sich hinaus und blickte lange in die neblige Finsternis, um, wie er glaubte, nach den ersten Zeichen des nahenden Morgens zu spähen, — — dann wurde ihm plötzlich der wahre Grund klar, weshalb er es tat: er hatte sich dabei ertappt, daß er mit angespannten Sinnen lauschte, ob Eva denn noch immer nicht käme!
„Meine Sehnsucht nach ihr ist so übermächtig geworden, daß mir die Phantasie bei wachem Bewußtsein die Truggestalten eines Albtraumes vorgegaukelt hat,“ suchte er sich zu beschwichtigen, als er wieder im Zimmer auf und nieder schritt und sich abermals die Hand der Qual nach ihm ausstrecken wollte, — da blieb sein Blick auf einem dunkeln Fleck im Fußboden haften, den er sich nicht entsinnen konnte, jemals früher bemerkt zu haben.
Er bückte sich und sah, daß an der Stelle, wo seiner Erinnerung nach das enthauptete Kreuz mit der Schlange gestanden hatte, das Holz der Dielen verfault war.
Sein Atem stockte. Undenkbar, daß der Fleck immer schon hier gewesen sein sollte! — — —
Ein lauter Schlag, wie einmaliges Klopfen riß ihn aus seiner Betäubung.
Eva?
Da! Wieder!
Nein, unmöglich konnte es Eva sein: eine wuchtige Faust hämmerte ungestüm gegen die Haustür.
Er lief zum Fenster und rief in die Dunkelheit hinab, wer da sei.
Keine Antwort.
Dann wieder, nach einer Weile, dasselbe hastige, ungeduldige Klopfen.
Er griff nach der rotsammtnen Quaste des Strickes, der durch die Zimmerwand hindurch über die steile Treppe hinunter zum Tordrücker führte, und zog daran.
Dann Totenstille.
Er lauschte. — — Niemand.
Nicht das leiseste Geräusch im Stiegenhaus.
Endlich: knisterndes, kaum hörbares Rascheln, als taste draußen eine Hand nach der Klinke.
Gleich darauf öffnete sich die Stubentür und der Neger Usibepu, barfuß und das schüsselförmig in die Höhe gebürstete Haar feucht von der Nässe des Nebels, kam schweigend herein.
Unwillkürlich suchte Hauberrisser nach einer Waffe, aber der Zulu nahm nicht die geringste Notiz von ihm — schien ihn nicht einmal zu sehen — ging mit leisen zögernden Schritten, den Blick starr auf den Boden geheftet, die Nüstern weit offen und in steter zitternder Bewegung, wie ein schnuppernder Hund um den Tisch herum. —
„Was wollen Sie hier?“ schrie ihn Hauberrisser an — er gab keine Antwort — wandte kaum den Kopf.
Seine tiefen röchelnden Atemzüge verrieten, daß er wie ein Nachtwandler vollkommen bewußtlos war.
Plötzlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, denn er änderte seine Richtung, — ging, das Gesicht tief herabgeneigt, auf die verfaulte Stelle zu und blieb vor ihr stehen.
Dann wanderte sein Blick wie an einer unsichtbaren Linie langsam nach oben und blieb in der Luft hängen. — Die Geste war so lebendig und überzeugend gewesen, daß auch Hauberrisser einen Moment lang glaubte, das enthauptete Kreuz wieder aus dem Boden wachsen zu sehen.
Er konnte nicht länger daran zweifeln, daß es die Schlange war, die der Neger wahrnahm, denn seine Augen blieben emporgerichtet, fest auf einen Punkt gebannt, und die wulstigen Lippen bewegten sich murmelnd, als rede er mit ihr. Der Ausdruck seiner Miene wechselte ununterbrochen von brennender Begierde zu leichenhafter Erschöpfung, von wilder Freude zu lodernder Eifersucht und unbezähmbarer Wut.
Das unhörbare Gespräch schien zu Ende zu sein: er wandte den Kopf der Tür zu und kauerte sich auf den Boden nieder. —
Hauberrisser sah, daß er, wie von einem Krampf ergriffen, den Mund aufriß, die Zunge weit hervorstieß, sie mit einem Ruck wieder zurückzog und mit einem gurgelnden Laut — nach dem Würgen der Kehlmuskeln zu schließen, verschluckte. —
Seine Augäpfel drehten sich zitternd allmählich aufwärts unter die offenen Lider und aschgraue Totenfarbe überzog sein Gesicht.
Hauberrisser wollte auf ihn zueilen und ihn wachrütteln, aber eine bleierne, unerklärliche Müdigkeit hielt ihn gelähmt im Sessel fest; er konnte kaum den Arm heben. — Die Starrsucht des Negers hatte ihn angesteckt.
Wie ein quälendes Traumbild, das aus der Zeit herausgefallen ist und unverrückbar bestehen bleibt, lag das Zimmer mit der regungslosen dunkeln Gestalt darin vor seinem Blick; das eintönige Pendel seines Herzens war das einzige, das er noch als Leben empfand — selbst die Angst um Eva war verschwunden.
Wiederholt hörte er die Uhren von den Türmen dröhnen, aber er war nicht imstande, die einzelnen Schläge zu zählen: — der betäubende Halbschlaf schob jedesmal die Dauer einer Ewigkeit zwischen sie.
Stunden mochten vergangen sein, da begann sich der Zulu endlich zu regen.
Hauberrisser sah wie durch einen Schleier hindurch, daß er aufstand und, noch immer in tiefer Trance, das Zimmer verließ; — mit Aufgebot aller seiner Kräfte sprengte er den lethargischen Zustand und lief ihm nach die Treppe hinunter. Aber der Neger war bereits verschwunden — das Haustor stand weit offen — der dichte, undurchdringliche Nebel hatte jede Spur von ihm eingeschluckt. —
Schon wollte er wieder umkehren, da hörte er plötzlich einen leichten Schritt und im nächsten Augenblick — — trat Eva aus dem weißlichen Dunst auf ihn zu.
Mit einem Aufschrei des Entzückens schloß er sie in die Arme, aber sie schien völlig erschöpft zu sein und kam erst wieder zu sich, nachdem er sie ins Haus getragen und behutsam in einen Sessel gebettet hatte. — — — —
Dann hielten sie sich lange, lange mit klopfenden Herzen umschlungen, — unfähig, das Übermaß ihres Glückes zu fassen.
Er lag vor ihr auf den Knien, stumm, keines Wortes mächtig, und sie hielt sein Gesicht in heißer Zärtlichkeit zwischen ihren Händen und bedeckte es wieder und wieder mit glühenden Küssen.
Die Vergangenheit war ihm ein vergessener Traum; jede Frage, wo sie die ganze lange Zeit über gewesen und wie alles gekommen sei, erschien ihm als Raub an der Gegenwart.
Ein Strom von Tönen flutete ins Zimmer: die Glockenspiele der Kirchen waren erwacht — sie hörten es nicht; das fahle Zwielicht des Herbstmorgens stahl sich durch die Scheiben — sie sahen es nicht — — sahen nur sich. Er streichelte ihre Wangen, küßte ihr die Hände, die Augen, den Mund, atmete den Duft ihres Haares — wollte noch immer nicht glauben, daß es Wirklichkeit war und er ihr Herz an seinem schlagen fühlte. — — —
„Eva! Eva! Geh nie wieder von mir!“ — seine Worte erstickten in einer Flut von Küssen.
„Sag, daß du nie wieder von mir gehen willst, Eva!“
Sie legte die Arme um seinen Hals, schmiegte ihre Wange an seine — —: „Nein, nein, ich bleibe für immer bei dir. Auch im Tod. — Ich bin so glücklich, so unsagbar glücklich, daß ich zu dir gehen durfte.“
„Eva, Eva, sprich nicht vom Tod!“ schrie er auf — ihre Hände waren plötzlich kalt geworden.
„Eva!“
„Fürchte dich nicht, — ich kann nicht mehr von dir gehen, Geliebter. — Die Liebe ist stärker als der Tod — Er hat es gesagt — Er lügt nicht! — Ich bin tot gelegen und Er hat mich lebendig gemacht. — Er wird mich immer wieder lebendig machen, auch wenn ich sterben sollte“ — sie redete wie im Fieber, er hob sie auf, trug sie auf sein Bett. — „Er hat mich gepflegt, als ich krank lag; wochenlang war ich wahnsinnig und hab mit den Händen an dem roten Riemen, den der Tod um den Hals trägt, in der Luft zwischen Himmel und Erde gehangen; — Er hat ihm das Halsband zerrissen! — Seitdem bin ich frei. — Hast du nicht gefühlt, daß ich stündlich bei dir war? — — Warum — warum — rasen die Stunden so?“ — die Stimme versagte ihr — — — „Laß mich — laß mich dein Weib werden! — Ich will Mutter sein, wenn ich wieder zu dir komme.“ — — —
Sie umschlangen sich in wilder, grenzenloser Liebe — versanken mit schwindenden Sinnen in einem Meer von Glück.
„Eva!“
„Eva!“
Kein Laut.
„Eva! Hörst du mich nicht?“ — er riß die Vorhänge des Bettes auseinander, — — — „Eva! — — — Eva!“ — — faßte ihre Hand: sie fiel leblos zurück. Er fühlte nach ihrem Herzen: es schlug nicht mehr. Ihre Augen waren gebrochen.
„Eva, Eva, Eva!“ — mit einem gräßlichen Schrei fuhr er empor, taumelte zum Tisch — „Wasser! — Wasser holen!“ — stürzte zusammen wie von einer Faust vor die Stirn getroffen, — „Eva!“ — das Glas zerbrach, zerschnitt ihm die Finger, er sprang wieder auf, raufte sich das Haar, lief zum Bett, — „Eva!“ — wollte sie an sich reißen, sah das Lächeln des Todes in ihrem erstarrten Gesicht und sank wimmernd mit dem Kopf auf ihre Schulter nieder. — — — —
„Unten auf der Straße klappert jemand mit blechernen Eimern. — Die Milchfrau! — Ja, ja, natürlich. — Klappert. Die Milchfrau. — Klappert“ — er fühlte, daß plötzlich sein Denken erloschen war, — hörte ein Herz klopfen dicht in seiner Nähe — zählte die ruhigen, regelmäßigen Schläge — wußte nicht, daß es sein eignes war. — Mechanisch liebkoste er die langen, blonden, seidenen Strähnen, die vor seinen Augen auf den weißen Kissen lagen. — — „Wie schön sie sind!“ — „Warum tickt eigentlich die Uhr nicht?“ — Er hob den Blick. — „Die Zeit steht still.“ — „Natürlich. Es ist ja noch nicht Tag.“ — „Und da drüben auf dem Schreibtisch liegt eine Schere — und — und die zwei Leuchter daneben brennen.“ — „Warum habe ich sie denn angezündet?“ — „Ich hab’ vergessen, sie auszulöschen, als der Neger fortging.“ — „Freilich.“ — „Und dann war keine Zeit mehr dazu, — weil Eva — kam“ — „Eva??“ — — „Sie ist — sie ist doch tot! Tot!“ winselte es in seiner Brust auf. — Die Flammen fürchterlichsten, unerträglichen Schmerzes schlugen über ihm zusammen. —
„Ein Ende machen! Ein — Ende — machen! — Eva!“ — „Ich muß ihr nach.“ — „Eva! Eva! Warte auf mich!“ — „Eva, ich muß dir nach!“ — keuchend stürzte er auf den Schreibtisch los, packte die Schere, wollte sie sich ins Herz stoßen — hielt inne: — „nein, der Tod ist zu wenig! Blind will ich aus dieser verfluchten Welt gehen!“ er spreizte die Spitzen auseinander, um sie sich, wahnsinnig vor Verzweiflung, in die Augen zu rennen, da schlug eine Hand so heftig auf seinen Arm, daß die Schere klirrend zu Boden fiel.
„Willst du ins Reich der Toten gehen, um die Lebendigen zu suchen?“ — Chidher Grün stand vor ihm, wie einst im Laden in der Jodenbuurt: mit schwarzem Talar und weißen Schläfenlocken. — „Glaubst du, ‚drüben‘ ist die Wirklichkeit? Es ist nur das Land vergänglicher Wonnen für blinde Gespenster, so wie die Erde das Land vergänglicher Schmerzen für die blinden Träumer ist! Wer nicht auf der Erde das ‚Sehen‘ lernt, drüben lernt er’s gewiß nicht. — Meinst du, weil ihr Körper wie tot liegt,“ — er deutete auf Eva, — „könne sie nicht mehr auferstehen? Sie ist lebendig, nur du bist noch tot. Wer einmal lebendig geworden ist wie sie, kann nicht mehr sterben, — wohl aber kann einer, der tot ist wie du, lebendig werden.“ — Er griff nach den beiden Lichtern und stellte sie um: das linke nach rechts und das rechte nach links, und Hauberrisser fühlte sein Herz nicht mehr schlagen, als sei es plötzlich aus der Brust verschwunden. — „So, wirklich, wie du jetzt deine Hand in meine Seite legen kannst, so wirklich wirst du mit Eva vereint sein, wenn du erst das neue geistige Leben hast. — — Daß die Menschen glauben werden, sie sei gestorben, — was braucht’s dich zu kümmern? — Man kann von den Schlafenden nicht verlangen, daß sie die Erwachten sehen.
Du hast nach der vergänglichen Liebe gerufen“ — er wies nach der Stelle, wo das enthauptete Kreuz gestanden hatte, fuhr mit dem Fuß über den vermoderten Fleck im Boden und der Fleck verschwand — „ich habe dir die vergängliche Liebe gebracht, denn ich bin nicht auf der Erde geblieben, um zu nehmen: ich bin geblieben, um zu geben — jedem das, wonach er sich sehnt. Nur wissen die Menschen nicht, wonach ihre Seele sich sehnt; wüßten sie’s, so wären sie sehend.
Du hast im Zauberladen der Welt nach neuen Augen begehrt, um die Dinge der Erde in einem neuen Licht zu sehen — erinnere dich: habe ich dir nicht gesagt, du müßtest dir erst die alten Augen aus dem Kopfe weinen, ehe du neue bekommen könntest?
Du hast nach Wissen begehrt: ich habe dir das Tagebuch eines der Meinigen gegeben, der hier in diesem Hause gelebt hat, als sein Körper noch verweslich war.
Eva hat sich nach unvergänglicher Liebe gesehnt: ich habe sie ihr gegeben — und werde sie um ihretwillen auch dir geben. Die vergängliche Liebe ist eine gespenstische Liebe.
Wo ich auf Erden eine Liebe keimen sehe, die über die Liebe zwischen Gespenstern hinauswächst, da halte ich meine Hände wie schirmende Äste über sie zum Schutz gegen den früchtepflückenden Tod, denn ich bin nicht nur das Phantom mit dem grünen Gesicht — ich bin auch Chidher, der Ewig Grünende Baum.“
— — — — — — — —
Als die Haushälterin, Frau Ohms, am Morgen mit dem Frühstück das Zimmer betrat, sah sie zu ihrem Schrecken die Leiche eines schönen jungen Mädchens im Bette liegen und Hauberrisser kniend davor, die Hand der Toten an sein Gesicht gedrückt.
Sie schickte einen Boten zu seinen Freunden, und als Pfeill und Sephardi kamen und ihn, im Glauben, er sei bewußtlos, aufheben wollten, fuhren sie entsetzt zurück vor dem lächelnden Ausdruck seines Gesichts und dem Glanz in seinen Augen.
Dreizehntes Kapitel
Dr. Sephardi hatte Baron Pfeill und Swammerdam gebeten, in seine Wohnung zu kommen.
Über eine Stunde schon saßen sie im Bibliothekzimmer beisammen.
Es war bereits tiefe Nacht geworden, — sie sprachen über Mystik und Philosophie, über Kabbala, über den seltsamen Lazarus Eidotter, der schon vor längerer Zeit aus der ärztlichen Beobachtungszelle entlassen worden war und sein Spirituosengeschäft weiterführte, — aber immer wieder kehrte das Thema auf Hauberrisser zurück.
Morgen sollte Eva begraben werden.
„Es ist schrecklich! Der arme, arme Mensch!“ rief Pfeill, erhob sich und ging unruhig auf und ab; — „mir wird heiß und kalt, wenn ich mich in seine Lage hinein denke.“ — Er blieb stehen und blickte Sephardi an: „sollten wir nicht doch noch zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten? Was meinen Sie, Swammerdam? — Halten Sie es wirklich für vollkommen ausgeschlossen, daß er aus der unbegreiflichen Ruhe, in die er versunken ist, wieder aufwacht? Wenn er plötzlich zu sich kommt und in seinem Schmerz und seiner Verlassenheit — — — —“
Swammerdam schüttelte den Kopf: — „Seien Sie ohne Sorge um ihn, Herr Baron! — Die Verzweiflung kann nicht mehr an ihn heran; Eidotter würde sagen: die Lichter in ihm sind umgestellt.“
„Ihr Glaube hat etwas Furchtbares;“ murmelte Sephardi, „wenn ich Sie so reden höre, packt es mich jedesmal wie — wie Angst!“ — er zögerte eine Weile, unsicher, ob er nicht eine Wunde berühre, — „Damals als Ihr Freund Klinkherbogk ermordet wurde, waren wir alle in großer Sorge um Sie. Wir meinten, Sie würden darüber zusammenbrechen. Eva legte mir noch ganz besonders ans Herz, ich sollte Sie aufsuchen und zu beruhigen trachten.
Woher schöpften Sie nur die Kraft, das entsetzliche Begebnis, das Ihren Glauben doch in seinen Grundvesten erschüttern mußte, so mutig zu tragen?“
Swammerdam unterbrach ihn. — „Erinnern Sie sich noch der Worte Klinkherbogks vor seinem Tode?“
„Ja. Satz für Satz. Später wurde mir auch ihre Bedeutung klar. Es kann kein Zweifel bestehen, daß er sein Ende genau vorausgesehen hat, noch ehe der Neger ins Zimmer trat. Allein schon sein Ausspruch: ‚der König aus Mohrenland würde ihm die Myrrhen eines andern Lebens bringen‘ — beweist es.“
„Und daß seine Prophezeiung in Erfüllung ging, — sehen Sie, Herr Doktor, gerade das hat meinen Schmerz geheilt. Zuerst war ich freilich wie zerschmettert, dann aber, als ich die Größe des Geschehnisses erfaßte, fragte ich mich: was ist wertvoller, daß ein im Zustand geistiger Entrückung ausgesprochenes Wort zur Wahrheit wird, oder: daß ein krankes, schwindsüchtiges Mädchen und ein alter hinfälliger Schuhmacher noch eine Weile am Leben bleiben? Wäre es besser gewesen, die Zungen des Geistes hätten gelogen?
Seitdem ist mir die Erinnerung an jene Nacht zu einer Quelle ungetrübter, reinster Freude geworden.
Daß die Beiden sterben mußten? Was liegt daran! Glauben Sie mir: jetzt ist ihnen wohler.“
„Sie sind also fest überzeugt, daß es ein Leben nach dem Tode gibt?“ fragte Pfeill. — — „Allerdings, ich glaube ja selbst daran“ — setzte er leise hinzu.
„Gewiß bin ich davon überzeugt. Natürlich ist das Paradies kein Ort, sondern ein Zustand; das Leben auf Erden ist doch auch nur ein Zustand.“
„Und — und sehnen Sie sich danach?“
„N — Nein.“ Swammerdam zögerte, als rede er ungern über dieses Thema.
Der alte Diener mit der maulbeerfarbenen Livree meldete, der gnädige Herr werde ans Telephon gebeten. — Sephardi stand auf und verließ das Zimmer.
Sofort fuhr Swammerdam in seiner Rede fort — Pfeill begriff, daß sie nicht für die Ohren Sephardis bestimmt war:
„Die Frage mit dem Paradies ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann damit so manchen unheilbar verwunden, wenn man ihm sagt, daß drüben nur Bilder sind.“
„Bilder? Wie meinen Sie das?“
„Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären. Meine Frau — Sie wissen, sie ist vor vielen Jahren gestorben — hat mich unendlich lieb gehabt — und ich sie; — jetzt ist sie ‚drüben‘ und träumt, ich sei bei ihr.
Daß ich nicht wirklich bei ihr bin, sondern nur mein Bild, weiß sie nicht; wenn sie’s wüßte, wäre ihr das Paradies eine Hölle.
Jeder Sterbende, der hinübergeht, findet drüben die Bilder derer vor, nach denen er sich gesehnt hat, und hält sie für Wirklichkeit — auch die Bilder der Dinge, an denen sein Herz gehangen hat,“ — er deutet auf die Bücherreihen in der Bibliothek. — „Meine Frau hat an die Muttergottes geglaubt, — jetzt träumt sie ‚drüben‘ in ihren Armen. —
Die Aufklärer, die die Menge von der Religion losreißen wollen, wissen nicht, was sie tun. Die Wahrheit ist nur für wenige Auserlesene und sollte für die große Masse geheim bleiben; wer sie nur halb erkannt hat, wenn er stirbt, der geht in ein farbloses Paradies ein.
Klinkherbogks Sehnsucht auf Erden war: Gott zu schauen; jetzt ist er drüben und schaut — ‚Gott‘.
Er war ein Mensch ohne Wissen und Bildung, dennoch kamen aus seinem Munde Worte der Wahrheit, erzeugt durch das Verzehrtsein im Durste nach Gott, — nur hat ihm ein barmherziges Schicksal ihren innern Sinn nie enthüllt.
Lange habe ich nicht verstanden, warum das so war; heute weiß ich den Grund: er hätte die Wahrheit nur zur Hälfte begriffen und sein Wunsch, Gott zu schauen, hätte nicht in Erfüllung gehen können — weder in den Träumen des Jenseits noch in Wirklichkeit.“ — schnell brach er die Rede ab, als er Sephardi wieder hereinkommen hörte.
Pfeill erriet instinktiv, weshalb er es tat: er wußte offenbar um die Liebe Sephardis zu der toten Eva — wußte auch, daß Sephardi trotz seines Gelehrtentums tief innerlich religiös und fromm war, — und wollte ihm das „Paradies“ und den künftigen Wahn des Jenseits, mit Eva vereint zu sein, nicht zerstören.
Swammerdam fuhr fort:
„Ich sagte vorhin: die Erkenntnis, daß das Wahrwerden der Prophezeiung Klinkherbogks seinen gräßlichen Tod weit in den Schatten stellte, habe meinen Gram in Freude verwandelt. Es gibt auch ein solches ‚Umstellen der Lichter‘ — es ist ein Verwandeln aus Bitter in Süß, wie es allein die Kraft der Wahrheit zustande bringen kann.“
„Trotzdem bleibt es mir ein unlösbares Rätsel,“ mischte sich Sephardi wieder ins Gespräch, „was Ihnen die Kraft gibt, durch bloße Erkenntnis Herr über den Schmerz zu werden. Ich kann ja auch mit philosophischem Denken gegen das Leid, daß Eva gestorben ist, anzukämpfen versuchen, dennoch ist mir, als könnte ich nie mehr froh werden.“
Swammerdam nickte sinnend. — „Freilich, freilich. Es kommt daher, — weil Ihre Erkenntnisse aus dem Denken entstehen und nicht aus dem ‚Inneren Wort‘. Den eignen Erkenntnissen mißtrauen wir heimlich, ohne es zu wissen, deshalb sind sie grau und tot, — die Eingebungen durch das Innere Wort dagegen sind lebendige Geschenke der Wahrheit, die uns unsäglich erfreuen — immer wieder, so oft wir uns an sie erinnern.
Seit ich den ‚Weg‘ gehe, hat das Innere Wort nur wenigemal zu mir gesprochen; — aber es hat dadurch mein ganzes Dasein erhellt.“
„Und ist immer alles eingetroffen, was es Ihnen gesagt hat,“ fragte Sephardi mit unterdrücktem Zweifel in der Stimme, — „oder waren es überhaupt keine Prophezeiungen?“
„Ja. Drei Prophezeiungen waren darunter, die die ferne Zukunft betrafen. Die erste hieß: durch mein Dazutun würde einem jungen Menschenpaar ein geistiger Weg erschlossen werden, der seit Jahrtausenden auf Erden verschüttet lag und in der neuen Zeit, die bevorsteht, vielen Menschen offenbar werden wird. — Es ist der Weg, der dem Leben erst wahren Wert verleiht und dem Dasein einen Sinn gibt. Diese Verheißung ist der Inhalt meines Lebens geworden.
Über die zweite möchte ich nicht reden, — Sie müßten glauben, ich sei wahnsinnig, wenn ich sie Ihnen sagte, und — — —“
Pfeill horchte auf: „Betrifft sie Eva?“
Swammerdam gab keine Antwort darauf und lächelte — „und die dritte scheint belanglos — obwohl das nicht sein kann — und würde Sie nicht interessieren.“
„Haben Sie Anzeichen, daß wenigstens eine der drei Voraussagen eintreffen wird?“ fragte Sephardi.
„Ja. Das Gefühl unabwendbarer Gewißheit. Es ist mir gleichgültig, ob ich ihre Erfüllung jemals sehen werde; es genügt mir zu wissen, daß ich nicht imstande bin, daran zu zweifeln.
Sie können eben nicht begreifen, was es heißt: die Nähe der Wahrheit zu spüren, die niemals irren kann. — Das sind Dinge, die man an sich selbst erleben muß.
Ich habe niemals eine sogenannte ‚überirdische‘ Erscheinung gehabt — nur einmal im Schlaf: das Bild meiner Frau, als ich einen grünen Käfer suchte. — Ich habe niemals begehrt ‚Gott zu schauen‘, niemals ist ein Engel zu mir gekommen, wie zu Klinkherbogk — ich bin nie dem Propheten Elias begegnet wie Lazarus Eidotter, — aber tausendfach hat mir alles das die Lebendigkeit des Bibelwortes ersetzt: ‚Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!‘ — Es ist an mir zur Wahrheit geworden.
Ich habe geglaubt, wo nichts zu glauben war, und habe gelernt, Dinge für möglich zu halten, die unmöglich sind.
Manchmal fühle ich: es steht Einer neben mir, riesengroß und allmächtig, — oder ich weiß: er hält seine Hand über Den oder Jenen; ich sehe und höre Ihn nicht, aber ich weiß: Er ist da.
Ich hoffe nicht, daß ich ihn jemals sehen werde — aber ich hoffe auf ihn.
Ich weiß, daß eine furchtbare, erschütternde Zeit kommt, der ein Sturm vorangehen wird, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, — es ist mir gleichgültig, ob ich diese Zeit erleben werde, aber ich bin froh, daß sie kommt!“ — ein Frösteln überlief Pfeill und Sephardi bei den Worten, die Swammerdam kalt und gelassen aussprach. — „Sie haben mich heute morgen gefragt, wo ich glaubte, daß Eva so lange verborgen gewesen sein konnte, — woher hätte ich es wissen sollen? — Gewußt habe ich, daß sie kommen wird: und sie ist gekommen!
So genau, wie ich weiß, daß ich hier stehe, so genau weiß ich auch, daß sie nicht — tot — ist! Er hält die Hand über sie.“
„Aber sie ist doch in der Kirche aufgebahrt! — Sie wird doch morgen begraben!“ riefen Sephardi und Pfeill entsetzt durcheinander.
„Und wenn man sie tausendmal begrübe — und wenn ich ihren Totenschädel in der Hand hielte: ich weiß, daß sie nicht gestorben ist.“
— — — — — — — —
„Er ist ein Wahnsinniger,“ sagte Pfeill zu Sephardi, als Swammerdam gegangen war.
— — — — — — — —
Die farbigen hohen Bogenfenster der Nikolaskerk schimmerten matt erhellt, als schimmere im Innern der Kirche ein Licht, in den nächtlichen Nebel hinein.
Mit dem Rücken an die Mauer des Gartens gepreßt und im Schatten verborgen, wartete der Neger Usibepu regungslos, bis der Schutzmann, der seit den Unglücksfällen am Zee Dyk die verrufenen Gassen des Hafenviertels zu bewachen hatte, mit schwerem, müdem Schritt an ihm vorbei gekommen war, dann kletterte er über das Gitter, schwang sich von einem Baum aus auf den kapellenartigen Vorbau der Sakristei, öffnete vorsichtig die runde, gläserne Dachluke und ließ sich leise wie eine Katze zu Boden fallen.
Inmitten des Kirchenschiffs auf silbernem Katafalk aufgebahrt lag Eva in einem Hügel von weißen Rosen, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen geschlossen, mit starrem, lächelndem Gesicht.
Ihr zu Häupten und an den Seiten des Sarges hielten armdicke, rot und goldene mannshohe Kerzen mit unbeweglichen Flammen die Totenwacht.
In einer Wandnische hing das Bild einer schwarzen Muttergottes mit dem Kind auf dem Arm und davor, von der Decke herab an glitzerndem Draht, das rubingläserne Herz eines Ewigen Lichts als blutiger Funken.
Bleiche wächserne Hände und Füße hinter gebauschten Gittern — Krücken daneben mit Zetteln: „Maria hat geholfen“ — holzgeschnitzte, bemalte Statuen von Päpsten, weiße Tiaren auf den Häuptern, die Hand zum Gelöbnis erhoben, auf steinernen Postamenten — kannelierte, ragende Marmorsäulen, — — — geräuschlos huschte der Neger von einem Pfeilerschatten zum andern, erstaunt die ihm fremden, seltsamen Dinge betrachtend, — nickte, als er die Wachsglieder erblickte, grimmig vor sich hin, im Glauben, sie stammten von erschlagenen Feinden, spähte durch die Ritzen der Beichtstühle und betastete mißtrauisch die großen Figuren der Heiligen, ob sie nicht lebendig seien.
Als er sich überzeugt hatte, daß er allein war, schlich er auf den Zehenspitzen zu der Toten und blieb lange und traurig vor ihr stehen.
Er war betäubt von ihrer Schönheit, berührte scheu ihr blondes, weiches Haar und zuckte wieder zurück, als fürchte er, sie im Schlaf zu stören.
Warum hatte sie sich so vor ihm entsetzt — damals in jener Sommernacht am Zee Dyk?
Er konnte es nicht begreifen.
Noch jedes Weib, nach dem er begehrt, — Kaffernmädchen und Weiße — waren stolz gewesen, ihm gehören zu dürfen.
Sogar Antje, die Kellnerin in der Hafenschenke; und die war doch auch eine Weiße und hatte gelbes Haar!
Bei keiner hatte er den Vidûzauber anwenden müssen: — alle waren sie von selbst gekommen und ihm um den Hals gefallen! — Nur sie nicht! Nur sie nicht!
Und wie gerne würde er um ihren Besitz das ganze viele Geld gegeben haben, dessentwegen er den alten Mann mit der Papierkrone erwürgt hatte!
Nacht für Nacht seit seiner Flucht vor den Matrosen war er vergebens durch die Straßen gewandert, um sie zu finden: keine von den zahllosen Frauen, die in der Dunkelheit nach Männern suchen gingen, hatte ihm sagen können, wo sie sei.
Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Wie ein wirrer Traum rauschten Erinnerungen an ihm vorbei: die glutheißen Steppen seiner Heimat — der englische Händler, der ihn nach Kapstadt gelockt und versprochen hatte, ihn zum König von Zululand zu machen — das schwimmende Haus, das ihn nach Amsterdam gebracht — die Zirkustruppe verächtlicher, nubischer Sklaven, mit denen er jeden Abend Kriegstänze aufführen mußte für Geld, das man ihm immer wieder wegnahm, — die steinerne Stadt, in der sein Herz vor Heimweh verdorrte; — niemand, der seine Sprache verstand.
Er strich zärtlich mit der Hand über den Arm der Toten, und der Ausdruck grenzenloser Verlassenheit trat in sein Gesicht: sie wußte nicht, daß er ihretwegen seinen Gott verloren hatte! Damit sie zu ihm käme, hatte er den furchtbaren Souquiant, die Abgottschlange mit dem Menschengesicht, gerufen, und dadurch die Macht, über die glühenden Steine zu schreiten, auf’s Spiel gesetzt und — eingebüßt.
Aus dem Zirkus davongejagt und ohne Geld hätte er zurück nach Afrika geschickt werden sollen — als Bettler statt als König: — er war vom Schiff ins Wasser gesprungen und ans Land geschwommen — hatte sich tagsüber in Obstkähnen verborgen gehalten und nachts den Zee Dyk durchstreift, um sie zu suchen, die er sehnsüchtiger liebte als seine Steppe, seine schwarzen Frauen, als die Sonne am Himmel, — als alles.
Ein einzigesmal noch seitdem war ihm der zornige Schlangengott erschienen — im Schlaf und mit dem grausamen Befehl, Eva in das Haus eines Nebenbuhlers zu rufen. Als Tote, hier in der Kirche, durfte er sie erst wiedersehen.
In tiefem Gram ließ er seine Blicke durch den düstern Raum schweifen: Ein Gekreuzigter mit Dornenkrone und eisernen Nägeln durch die Hände und Füße? — eine Taube mit grünen Zweigen im Schnabel — ein alter Mann, in der Hand eine große goldene Kugel — ein Jüngling von Pfeilen durchbohrt? — Lauter fremde weiße Götter, deren geheime Namen er nicht kannte, um sie zu rufen. — — Und dennoch mußten sie zaubern und die Tote wieder lebendig machen können! — Von wem sonst hätte Mister Zitter Arpád die Macht bekommen, sich Dolche durch die Gurgel zu stoßen, Hühnereier zu verschlucken und wieder erscheinen zu lassen?!
Eine letzte Hoffnung durchzuckte ihn, als er die Madonna in der Nische erspähte; sie mußte eine Göttin sein, denn sie trug ein goldenes Diadem auf dem Kopf; sie war eine Schwarze, vielleicht verstand sie seine Sprache?
Er hockte sich vor dem Bilde nieder, hielt den Atem an, bis er den Jammerschrei der geopferten Feinde, die am Tor des Jenseits als Sklaven auf sein Kommen warten mußten, im Ohre hörte, — verschluckte röchelnd seine Zunge, um in das Reich hinüber zu gehen, in dem der Mensch mit den Unsichtbaren reden kann —: Nichts.
Tiefe, tiefe Finsternis statt des fahlen grünlichen Scheins, den er zu sehen gewohnt war; er konnte den Weg zu der fremden Göttin nicht finden.
Langsam und traurig ging er zu der Bahre zurück, kauerte sich am Fußende des Katafalks zusammen und stimmte den Grabgesang der Zulus an — eine wilde, grausige Liturgie: bald in barbarischen, stöhnenden Kehllauten, bald als Antwort darauf ein atemloses Gemurmel wie das Trappeln flüchtiger Antilopen — geller Habichtsschrei dazwischen — heiseres, verzweifeltes Aufbrüllen und weiche, melancholische Klagerufe, die wie in fernen Wäldern erstickten, schluchzend wieder aufwachten und ausklangen in das dumpfe, langgezogene Geheul eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat. —
— — — — — — — —
Dann stand er auf, griff in seine Brust, holte eine kleine weiße Kette, aneinander gereiht aus den Halswirbeln erdrosselter Königsfrauen, hervor: das Zeichen seiner Würde als Oberhaupt der Zulus — ein heiliger Fetisch, der jedem, der ihn ins Grab mitnimmt, die Unsterblichkeit verleiht, — — und wand sie, als gräßlichen Rosenkranz, um die betend gefalteten Hände der Toten.
Es war sein Teuerstes gewesen, das er auf Erden besessen.
Was sollte ihm noch die Unsterblichkeit; er war heimatlos — hier wie drüben: Eva konnte nicht in den Himmel der schwarzen Menschen kommen und er nicht in das Paradies der Weißen!
— — — — — — — —
Ein leises Geräusch schreckte ihn auf.
Er lauerte wie ein Raubtier auf dem Sprung.
Nichts.
Es war nur ein Knistern in den welkenden Kränzen gewesen.
Da fiel sein Blick auf die Kerze am Kopfende des Katafalks und er sah, daß die Flamme sich zitternd bewegte und dann schräg zur Seite bog, wie von einem Luftstrom getroffen:
Irgend jemand mußte die Kirche betreten haben!
Mit einem Satz war er hinter der Säule — starrte zur Sakristei hinüber, ob sich die Türe öffnen würde:
Niemand.
Als er den Kopf wieder zu der Leiche wandte, ragte dort an Stelle der flackernden Kerze ein hoher, steinerner Thron empor. Darauf saß, schmal, von übermenschlicher Größe, die Federkrone des Totenrichters auf dem Haupt, unbeweglich, nackt, nur um die Lenden ein rotblaues Tuch und in den Händen Krummstab und Geißel: ein ägyptischer Gott.
Um den Hals hing ihm an einer Kette eine goldene Tafel. Ihm gegenüber zu Füßen des Sarges standen: ein brauner Mann mit dem Kopf eines Ibis, in der Rechten das grüne Ankh — das gehenkelte Kreuz der Ägypter, das Sinnbild des Ewigen Lebens — und zu beiden Seiten der Bahre, mit Sperberkopf und Schakalkopf — noch zwei Gestalten.
Der Zulu erriet, daß sie gekommen waren, um Gericht über die Verstorbene zu halten.
Die Göttin der Wahrheit, mit enganliegendem Gewand und Geierhaube, kam durch den Mittelgang heran, schritt zu der Toten, die sich starr aufrichtete, — nahm ihr das Herz aus der Brust und legte es auf eine Wage.
Der Mann mit dem Schakalkopf trat hinzu und warf eine kleine bronzene Statuette in die Schale.
Der Sperber prüfte das Gewicht.
Die Schale mit dem Herzen Evas sank tief herab.
Der Mann mit dem Ibiskopf schrieb es schweigend mit einem Schilfrohr in eine wächserne Tafel.
Dann sagte der Totenrichter:
„Sie wurde für fromm befunden auf Erden und hatte Sorge vor dem Herrn der Götter, darum hat sie erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung.
Sie erwacht als ein lebender Gott und strahlt im Chor der Götter, die im Himmel wohnen, denn sie ist von unserm Stamm.
So steht es geschrieben im Buch von der verborgenen Wohnung.“
Er versank im Boden.
Eva, die Augen geschlossen, stieg von der Bahre herab.
Die beiden Götter nahmen sie in die Mitte, schritten — der Mann mit dem Sperberkopf voran — stumm durch die Mauern der Kirche und verschwanden.
Dann verwandelten sich die Kerzen in braune Gestalten mit lohenden Flammen über den Häuptern und hoben den Deckel auf den leeren Sarg. — — —
Ein Knirschen lief durch den Raum, wie sich die Schrauben in das Holz bohrten.