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Das grüne Gesicht: Ein Roman cover

Das grüne Gesicht: Ein Roman

Chapter 16: Schluß
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About This Book

Set in an uncanny Amsterdam quarter, the narrative follows a disoriented foreigner whose encounters with a bizarre curiosity shop, its performers, and a parade of odd figures trigger a drift into occult visions, dream logic, and inner turmoil. Episodes blend urban realism, grotesque humor, and supernatural suggestion as the protagonist confronts shifting identities, symbolic objects, and cultlike spectacles; the work interweaves satirical portrayals of city life with mystical speculation and psychological unrest, unfolding through episodic scenes that blur waking experience and visionary states.

Vierzehntes Kapitel

Ein eisiger, lichtloser Winter war über Holland hingegangen, hatte sein weißes Sterbeleilach auf die Ebenen gebreitet und langsam, langsam wieder weggezogen, — aber der Frühling blieb aus.

Als ob die Erde nie mehr erwachen könnte.

Fahlgelbe Maitage kamen und verschwanden: — noch immer sproßten die Wiesen nicht.

Die Bäume standen kahl und dürr — ohne Knospen, in den Wurzeln erfroren. Überall schwarze, tote Äcker, das Gras braun und welk; eine schreckhafte Windstille; das Meer unbeweglich wie aus Glas; seit Monaten kein Tropfen Regen, eine trübe Sonne hinter staubigen Schleiern, — die Nächte schwül und ohne Tau.

Der Kreislauf der Natur schien stillstehen zu wollen.

Eine beklemmende Angst vor drohenden Ereignissen, geschürt von wahnwitzigen Bußpredigern, die unter Psalmengeheul die Straßen der Städte durchzogen, hatte die Bevölkerung ergriffen wie zu den furchtbaren Zeiten der Wiedertäufer.

Man sprach von unabwendbarer Hungersnot und dem Ende der Welt. — — — —

Hauberrisser war aus seiner Wohnung in der Hooigracht hinaus in das Flachland im Südosten vor Amsterdam übersiedelt und lebte einsam in einem uralten alleinstehenden Haus, von dem die Sage ging, es sei ursprünglich ein sogenannter Druidenstein gewesen. Es war mit dem Rücken dicht an einen niedrigen Hügel angelehnt und lag inmitten des von Wasserstraßen durchzogenen Slotermeer-Polders.

Er hatte es auf seiner Heimkehr von dem Begräbnis Evas erblickt, — da es seit langem leer stand, kurz entschlossen gemietet, noch am selben Tag bezogen und im Laufe des Winters wohnlicher herrichten lassen: — er wollte allein mit sich selbst sein und fern vom Gewühl der Menschen, die ihm wie wesenlose Schatten erschienen.

Von seinem Fenster aus konnte er die Stadt mit ihren düstern Bauten und den Wald von Schiffsmasten im Hintergrund wie ein dunsthauchendes, stachliges Ungeheuer vor sich liegen sehen.

Wenn er in solchen Momenten das Fernglas zur Hand nahm und den Anblick der beiden Spitzen der Nikolaskirche und der andern zahllosen Türme und Giebel nahe an sein Auge rückte, wurde ihm jedesmal ganz unbeschreiblich sonderbar zu Mute —: so, als stünden nicht Dinge vor ihm, sondern zu Formen erstarrte, quälende Erinnerungen, die mit grausamen Armen nach ihm greifen wollten. — — Gleich darauf waren sie wieder zerronnen und mit den Bildern der Häuser und Dächer in neblige Ferne versunken.

Anfangs hatte er zuweilen das Grab Evas auf dem unweit liegenden Friedhof besucht, aber es war immer nur ein mechanischer, gedankenloser Spaziergang gewesen.

Wenn er sich vorstellen wollte, sie läge da unten in der Erde, und er müßte Schmerz darüber empfinden, erschien ihm der Gedanke so widersinnig, daß er oft vergaß, die Blumen, die er mitgebracht hatte, auf dem Hügel niederzulegen, und sie wieder mit nach Hause nahm.

Der Begriff, „seelischer Schmerz“ war für ihn ein leeres Wort geworden und hatte die Macht über sein Gefühlsleben verloren. —

Manchmal, wenn er über diese seltsame Wandlung seines Innern nachdachte, beschlich es ihn fast wie Grauen vor sich selbst. —

— — — — — — — —

In einer solchen Stimmung saß er eines Abends an seinem Fenster und sah in die untergehende Sonne hinein.

Vor dem Hause ragte eine hohe verdorrte Pappel aus einer Wüste braunen, trocknen Rasens, — nur in einem kleinen, grünen Wiesenfleck weit drüben wuchs wie in einer Oase ein blütenübersäter Apfelbaum — das einzige Zeichen von Leben weit und breit — zu dem bisweilen die Bauern wallfahrten kamen wie zu einem Marienwunder. — — —

„Die Menschheit, der ewige Phönix, hat sich im Lauf der Jahrhunderte zu Asche verbrannt,“ fühlte er, wie er so die Augen über die trostlose Gegend schweifen ließ, „ob sie je wohl neu auferstehen wird?“ — —

Er dachte an die Erscheinung Chidher Grüns, und seine Worte, daß er auf Erden geblieben sei, um zu „geben“, fielen ihm ein.

„Und was tue ich?“ fragte er sich: „Ich bin eine wandelnde Leiche geworden — ein dürrer Baum wie die Pappel da draußen! — Daß es ein zweites geheimnisvolles Leben gibt, wer weiß es außer mir? — Swammerdam hat mich auf den Weg gewiesen und ein Unbekannter hat ihn mir durch sein Tagebuch erschlossen, — nur ich geize mit den Früchten, die mir das Schicksal in den Schoß geworfen hat! — Nicht einmal meine besten Freunde, Pfeill und Sephardi, ahnen, was mit mir vorgeht; sie glauben, ich sei in die Einsamkeit gegangen und trauere um Eva. — Weil mir die Menschen wie Gespenster erscheinen, die blind durchs Dasein irren, — weil sie mir wie Raupen vorkommen, die über den Boden kriechen und nicht wissen, daß sie keimende Schmetterlinge sind, habe ich deswegen ein Recht, mich von ihnen fernzuhalten?“

Ein heißer Trieb, noch in derselben Stunde in die Stadt zu gehen, sich an einer Straßenecke aufzustellen wie einer der vielen Wanderpropheten, die das Hereinbrechen des jüngsten Tages verkündeten, und in die Menge hineinzuschreien, daß es eine Brücke gebe, die zwei Leben — das Diesseits und das Jenseits — miteinander verbindet, ließ ihn in jähem Entschluß auffahren.

„Ich würde nur Perlen vor die Säue werfen,“ überlegte er im nächsten Augenblick; „die große Masse könnte mich nicht verstehen, — sie winselt danach, daß ein Gott vom Himmel steigt, den sie verkaufen und kreuzigen darf. — Und die wenigen Wertvollen, die nach einem Weg suchen, um sich selbst zu erlösen, würden die auf mich hören? Nein. — Die Wahrheitverschenker sind in Mißkredit gekommen“; er mußte an Pfeill denken, der in Hilversum den Ausspruch getan hatte, man müsse ihn erst fragen, ob er willens sei, sich etwas schenken zu lassen. —

„Nein, so geht es nicht,“ sagte er sich und sann nach. „Merkwürdig, je reicher man wird an innern Erlebnissen, desto weniger kann man andern davon geben; ich wandere immer weiter weg von den Menschen, bis plötzlich die Stunde da sein wird, wo sie meine Stimme nicht mehr werden hören können.“

Er sah ein, daß er fast schon an dieser Grenze angekommen war. — — — —

Das Tagebuch und die merkwürdigen Umstände, unter denen es in seinen Besitz gelangt war, fielen ihm wieder ein; „ich werde es fortsetzen mit der Beschreibung meines eignen Lebens,“ beschloß er, — „und es dem Schicksal überlassen, was daraus werden soll; Er, der mir gesagt hat, ‚ich bin geblieben, um zu geben: jedem das, wonach er begehrt‘ — soll es in seine Obhut nehmen wie ein Testament von mir und es Menschen in die Hände spielen, für die es heilsam sein kann und die nach dem innern Erwachen dürsten. — Wenn nur ein einziger dadurch zur Unsterblichkeit erweckt wird, hat mein Dasein einen Sinn gehabt.“

Mit der Absicht, die Lehren der Tagebuchrolle durch die Erfahrungen, die er an sich selbst gemacht, zu erhärten, — sie dann in seine ehemalige Wohnung zu tragen und wieder in die Mauernische zu legen, aus der sie ihm in jener Nacht auf’s Gesicht gefallen war, setzte er sich hin und schrieb:

An den Unbekannten, der nach mir kommt!

„Wenn du diese Blätter liest, ist die Hand, die sie geschrieben hat, vielleicht längst schon vermodert.

Ein sicheres Gefühl sagt mir, daß sie dir zu einem Zeitpunkt vor Augen kommen werden, wo sie dir nottun, wie der Anker einem mit zerrissenen Segeln auf Klippen zusteuernden Schiff.

Du wirst in dem Tagebuch, das dem meinigen beigeschlossen ist, eine Lehre niedergelegt finden, die alles enthält, dessen der Mensch bedarf, um wie auf einer Brücke in eine neue Welt voll von Wundern hinüberzuschreiten. —

Ich habe ihm nichts hinzuzufügen als eine Schilderung meines Lebenslaufs und der geistigen Zustände, die ich mit Hilfe der Lehre erklommen habe.

Wenn meine Zeilen auch nur dazu beitragen sollten, dich in der Zuversicht zu bestärken, daß es wirklich und wahrhaftig einen geheimen Weg gibt, der über sterbliches Menschentum hinausführt, so hätten sie damit schon voll und ganz ihren Zweck erfüllt.

Die Nacht, in der ich diese Zeilen für dich niederschreibe, ist erfüllt mit dem Hauch kommender Schrecknisse — Schrecknisse nicht für mich, aber für die Zahllosen, die am Baum des Lebens nicht reif geworden sind; — ich weiß nicht, ob ich die „erste Stunde“ der neuen Zeit, die du in der Tagebuchrolle meines Vorgängers erwähnt findest, mit leiblichen Augen schauen werde, — vielleicht ist diese Nacht meine letzte, — aber: ob ich morgen von der Erde gehe oder erst Jahre später: ich strecke tastend meine Hand in die Zukunft hinein nach der deinen. Fasse sie, — so wie ich die Hand meines Vorgängers erfaßt habe — damit die Kette der ‚Lehre vom Wachsein‘ nicht abreißt, und vererbe auch du deinerseits das Vermächtnis weiter!“

— — — — — — — —

Die Uhr zeigte bereits spät nach Mitternacht, als er in der Erzählung seines Lebenslaufes bis zu dem Punkte gelangt war, wo Chidher Grün ihn vor dem Selbstmord bewahrt hatte.

In Gedanken versunken schritt er auf und ab.

Er fühlte, daß hier die große Kluft begann, die das Fassungsvermögen eines normalen Menschen, selbst wenn er noch so phantasiereich und glaubenswillig war, von dem eines geistig Erweckten trennte.

Gab es überhaupt Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, was er von jenem Zeitabschnitt an fast ununterbrochen erlebt hatte?

Er schwankte lange, ob er seine Niederschrift nicht mit dem Begräbnis Evas schließen sollte, dann ging er in das anstoßende Zimmer, um aus dem Koffer die silberne Hülse zu holen, die er gelegentlich für die Rolle hatte anfertigen lassen; beim Suchen darnach fiel ihm auch der papierne Totenkopf, den er vor einem Jahr in dem Vexiersalon gekauft hatte, in die Hände.

Sinnend betrachtete er ihn beim Schein der Lampe, und dieselben Gedanken, die damals sein Hirn durchkreuzt, fielen ihm wieder ein:

„Schwerer ist es, das ewige Lächeln zu erringen, als den Totenschädel zu finden, den man in einem früheren Dasein auf den Schultern getragen hat.“

Es klang ihm wie Verheißung, in einer frohen Zukunft das Lächeln zu lernen.

So unfaßbar fremd und fern erschien ihm sein verflossenes Leben mit all dem leidvollen Wünschen und Wollen, als hätte es sich wirklich in diesem albernen und doch so prophetischen Ding aus Pappendeckel abgespielt und nicht in seinem eignen Kopf; er mußte unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken, daß er hier stand und — seinen Schädel in der Hand hielt.

Wie ein Zauberladen mit wertlosem Plunder lag die Welt hinter ihm. — — — — — — —

Er griff wieder zur Feder und schrieb:

„Als Chidher Grün von mir gegangen war und mit ihm auf unbegreifliche Weise auch jeglicher Schmerz um Eva, wollte ich zum Bette treten und ihre Hände küssen, da sah ich, daß ein Mann davor kniete, den Kopf auf ihren Arm gelegt, und erkannte voll Staunen in ihm meinen eignen Körper; ich selbst konnte mich nicht mehr sehen. Wenn ich an mir herunterblickte, war es leere Luft, — aber gleichzeitig war der Mann vor dem Bette aufgestanden und schaute auf seine Füße herab, — so wie ich es an mir zu tun glaubte. — Es war, als sei er mein Schatten, der jede Bewegung machen mußte, die ich ihm befahl.

Ich beugte mich über die Tote, da tat er es; ich vermute, er hat dabei gelitten und Schmerz empfunden, — es kann sein, aber ich weiß es nicht. Für mich war die, die da regungslos, mit starrem Lächeln auf den Zügen, vor mir lag, die Leiche eines fremden, engelschönen Mädchens — ein Bild wie aus Wachs, an dem mein Herz kein Teil hatte, — eine Statue, die Eva auf’s Haar glich, aber doch nur ihre Maske war.

Ich fühlte mich so unendlich glücklich, daß nicht Eva, sondern eine Fremde gestorben war, daß ich vor Freude kein Wort hervorbringen konnte.

Dann traten drei Gestalten ins Zimmer: — ich erkannte meine Freunde in ihnen und sah, daß sie zu meinem Körper hingingen und ihn trösten wollten, aber er war ja nur mein ‚Schatten‘, lächelte und gab keine Antwort.

Wie wäre er es auch imstande gewesen, wo er doch den Mund nicht öffnen konnte — unfähig etwas anderes zu tun, als was ich ihm befahl.

Aber auch meine Freunde und alle die vielen Menschen, die ich dann später in der Kirche und beim Begräbnis sah, waren Schemen für mich geworden wie mein eigner Körper; — der Leichenwagen, die Pferde, die Fackelträger, die Kränze, — die Häuser an denen wir vorüber kamen, — der Friedhof, der Himmel, die Erde und die Sonne: alles war Bildwerk ohne inneres Leben, farbig wie ein Traumland, in das ich hineinblickte — froh und glücklich, daß es mich nichts mehr anging.

Seitdem ist meine Freiheit immer größer geworden, und ich weiß, daß ich über die Schwelle des Todes hinausgewachsen bin; ich sehe bisweilen meinen Körper des nachts schlafen liegen, höre seine gleichmäßigen Atemzüge — und bin doch dabei wach; er hat die Augen geschlossen und dennoch kann ich umherschauen und überall sein, wo ich will. Wenn er wandert, kann ich ruhen und — wenn er ruht, kann ich wandern. — Aber ich kann auch mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören, wenn es mir beliebt, nur ist dann alles ringsum trüb und freudearm und ich bin dann wieder wie die andern Menschen: ein Gespenst im Reich der Gespenster.

Mein Zustand, wenn ich vom Leibe losgelöst bin und ihn wahrnehme wie einen automatisch meinem Geheiß gehorchenden Schatten, der am Scheinleben der Welt teilnimmt, ist so unbeschreiblich seltsam, daß ich nicht weiß, wie ich ihn dir schildern soll.

Nimm an, du säßest in einem Kinematographen-Theater, — Glück im Herzen, weil dir kurz vorher eine große Freude begegnet ist, — und sähest auf einem Film deiner eignen Gestalt zu, wie sie von Leid zu Leid eilt, am Sterbebette einer geliebten Frau zusammenbricht, von der du weißt, daß sie nicht tot ist, sondern zu Hause auf dich wartet, — hörtest dein Bild auf der Leinwand mit deiner eignen Stimme, hervorgerufen durch eine Sprechmaschine, Schreie des Schmerzes und der Verzweiflung ausstoßen, — — würde dich dieses Schauspiel ergreifen? —

Es ist nur ein schwaches Gleichnis, das ich dir damit geben kann; ich wünsche dir, daß du es erlebst.

Dann wirst du auch wissen, so wie ich es jetzt weiß, daß es eine Möglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen.

Die Stufe, die zu erklimmen mir geglückt ist, ist die große Einsamkeit, von der das Tagebuch meines Vorgängers spricht; sie würde für mich vielleicht noch grausamer sein als das irdische Leben, wenn die Leiter, die aufwärts führt, damit zu Ende wäre, aber die jubelnde Gewißheit, daß Eva nicht gestorben ist, hebt mich darüber hinaus.

Wenn ich Eva auch jetzt noch nicht sehen kann, so weiß ich doch: es bedarf für mich nur mehr eines kleinen Schrittes auf dem Wege des Erwachens und ich bin bei ihr — viel wirklicher, als es jemals früher hätte sein können. — Nur eine dünne Wand, durch die hindurch wir unsere Nähe bereits spüren können, trennt uns noch.

Wie unvergleichlich viel tiefer und ruhiger ist jetzt meine Hoffnung, sie zu finden, als in der Zeit, da ich stündlich nach ihr rief.

Damals war es ein verzehrendes Warten: — jetzt ist es eine freudige Zuversicht.

Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt; eine Gewißheit sagt mir: Eva lebt in ihr wie in einer verborgenen Wohnung und wartet auf mich.

Sollte dein Schicksal ähnlich dem meinen sein und du hast einen geliebten Menschen auf Erden verloren, so glaube nicht, daß du ihn auf andere Weise wiederfinden kannst, als dadurch, daß du den ‚Weg des Erwachens‘ gehst.

Denke daran, was mir Chidher gesagt hat: ‚Wer nicht auf der Erde das Sehen lernt, drüben lernt er’s gewiß nicht‘. —

Hüte dich vor der Lehre der Spiritisten wie vor Gift, — sie ist die furchtbarste Pest, die jemals die Menschen befallen hat; auch die Spiritisten behaupten, mit den Toten verkehren zu können, — sie glauben, die Toten kämen zu ihnen; — es ist eine Täuschung. — Es ist gut, daß sie nicht wissen, wer die sind, die da kommen. Wenn sie’s wüßten, würden sie sich entsetzen.

Erst mußt du selbst unsichtbar werden können, ehe du den Weg findest, zu den Unsichtbaren zu gehen und hier und drüben zugleich zu leben, — so, wie ich unsichtbar geworden bin — sogar für die Augen meines eigenen Körpers.

Ich bin selber noch nicht so weit, als daß mir der Blick für die jenseitige Welt erschlossen wäre, dennoch weiß ich: die, die blind von der Erde gegangen sind, sind nicht drüben; sie sind wie in der Luft verklungene Melodien, die durch den Weltraum wandern, bis sie wieder auf Saiten treffen, auf denen sie von neuem ertönen können; — das, wo sie zu sein glauben, ist kein Ort: es ist eine raumlose Trauminsel von Schemen, weit weniger wirklich noch als die Erde.

In Wahrheit unsterblich ist nur der erwachte Mensch; Sonnen und Götter vergehen, — er allein bleibt und kann alles vollbringen, was er will. Über ihm ist kein Gott.

Nicht umsonst heißt unser Weg: ein heidnischer Weg. Was der Fromme für Gott hält, ist nur ein Zustand, den er erreichen könnte, wenn er fähig wäre, an sich selbst zu glauben, — so aber zieht er sich in unheilbarer Blindheit eine Schranke, die er nicht zu überspringen wagt, — er schafft sich ein Bild, um es anzubeten, anstatt sich darein zu verwandeln.

Willst du beten, so bete zu deinem unsichtbaren Selbst; es ist der einzige Gott, der Gebete erhört: die andern Götter reichen dir Steine statt Brot.

Unglücklich die, die zu einem Götzen beten und ihr Flehen wird erhört: sie verlieren dadurch ihr Selbst, da sie nie wieder zu glauben vermögen, daß nur sie selber es waren, die sich erhört haben.

Wenn dein unsichtbares Selbst als Wesenheit in dir erscheint, so kannst du es daran erkennen, daß es einen Schatten wirft: ich wußte auch nicht früher, wer ich bin, bis ich meinen eignen Körper als Schatten sah.

Eine Zeit, in der die Menschheit leuchtende Schatten werfen wird und nicht mehr schwarze Schandflecken auf die Erde wie bisher, will dämmern, und neue Sterne ziehen herauf. Trag du auch dazu bei, daß Licht wird!“ — — —

— — — — — — — —

Hastig stand Hauberrisser auf, rollte die Blätter zusammen und steckte sie in die silberne Hülse.

Er hatte die deutliche Empfindung, als sporne ihn jemand zu äußerster Eile an.

Am Himmel lag bereits der erste Schein des anbrechenden Morgens; die Luft war bleifarben und ließ die verdorrte Steppe vor dem Fenster wie einen riesigen wollenen Teppich mit den grauen Wasserstraßen als hellen Streifen darin erscheinen.

Er trat vor’s Haus und wollte den Weg nach Amsterdam einschlagen. Schon nach den ersten Schritten ließ er seinen Plan, das Dokument in seine alte Wohnung in der Hooigracht zu tragen, fallen, kehrte um und holte einen Spaten: er erriet, daß er es irgend in der Nähe vergraben solle.

Aber wo?

Vielleicht auf dem Friedhof?

Er wandte sich der Richtung zu:

Nein, auch dort nicht.

Sein Blick fiel auf den blühenden Apfelbaum; er ging hin, schaufelte ein Loch und legte die Hülse mit den Schriftstücken hinein.

Dann eilte er, so schnell er konnte, durch das Zwielicht über die Wiesen und Brückenstege der Stadt entgegen.

Eine tiefe Besorgnis um seine Freunde, als drohe ihnen eine Gefahr, vor der er sie warnen müsse, hatte ihn plötzlich befallen.

Trotz der frühen Stunde war die Luft heiß und trocken wie vor einem Gewitter.

Eine atembeklemmende Windstille verlieh der ganzen Gegend etwas unheimlich Leichenhaftes; die Sonne hing wie eine Scheibe aus blindem, gelbem Metall hinter dichten Dunstschleiern, und weit im Westen über der Zuidersee brannten Wolkenmauern, als sei es Abend statt Morgen.

In ungewisser Angst, zu spät zu kommen, kürzte er den Weg ab, wann es nur irgend ging, schritt bald querfeldein, bald auf den menschenleeren Straßen dahin, aber es schien, als wolle die Stadt nicht näher rücken.

Allmählich mit dem wachsenden Tag veränderte sich das Bild des Himmels; hakenförmige, weißliche Wolken krümmten sich wie gigantische Wurmleiber auf dem fahlen Hintergrund, von unsichtbaren Wirbeln gepeitscht, hin und her, — immer an derselben Stelle bleibend: — kämpfende Luftungeheuer, die der Weltenraum herabgesandt.

Kreisende Trichter, die Spitzen nach oben, wie umgestürzte, riesenhafte Becher, hingen frei in der Höhe — Tiergesichter fielen mit aufgerissenen Rachen übereinander her und ballten sich zu brodelndem Knäuel; nur auf der Erde herrschte immer dieselbe totengleiche, lauernde Windstille nach wie vor.

Ein schwarzes, langgestrecktes Dreieck kam mit Sturmesschnelle von Süden her, zog unter der Sonne weg, ihr Licht verfinsternd, daß das Land minutenlang in Nacht getaucht lag, und senkte sich mit schrägem Flug in weiter Ferne zu Boden: ein Heuschreckenschwarm von den Küsten Afrika’s herübergeweht.

Die ganze Zeit während seines Marsches war Hauberrisser nicht einem einzigen lebenden Wesen begegnet, da erblickte er plötzlich bei einer Krümmung des Weges, wie hinter knorrigen Weidenstämmen hervorkommend, eine seltsame dunkle Gestalt, den Nacken gebeugt, übermenschlich groß und in einen Talar gehüllt.

Er konnte ihre Gesichtszüge in der Entfernung nicht unterscheiden, erkannte aber sofort an der Haltung, an den Kleidern und den Umrissen des Kopfes mit den langen, herabhängenden Schläfenlocken, daß es ein alter Jude war, der auf ihn zuschritt.

Je näher der Mann herankam, desto unwirklicher schien er zu werden; er war mindestens sieben Schuh hoch, bewegte beim Gehen die Füße nicht, und seine Konturen hatten etwas Lockeres, Schleierndes; — Hauberrisser glaubte sogar zu bemerken, daß sich bisweilen ein Teil des Körpers — der Arm, oder die Schulter — ablöste, um sich sofort wieder anzusetzen.

Wenige Minuten später war der Jude fast durchsichtig geworden, als bestünde er nur aus einem schütteren Gebilde zahlloser schwarzer Punkte und nicht aus einer festen Masse.

Gleich darauf sah Hauberrisser, als die Gestalt in unmittelbarster Nähe lautlos an ihm vorbei schwebte, daß es eine Wolke fliegender Ameisen war, die merkwürdigerweise die Form eines Menschen angenommen hatte und beibehielt, — ein unbegreifliches Naturspiel, ähnlich dem Bienenschwarm, den er einst in dem Amsterdamer Klostergarten gesehen.

Lange blickte er kopfschüttelnd dem Phänomen nach, das mit zunehmender Geschwindigkeit nach Südwesten, dem Meere zu, wanderte, bis es wie ein Rauch am Horizont verschwand.

Er wußte nicht, wie er die Erscheinung deuten sollte. War es ein rätselhaftes Vorzeichen, oder nur eine belanglose Grimasse, die die Natur schnitt?

Daß Chidher Grün, um sich ihm sichtbar zu machen, eine so phantastische Form gewählt haben könnte, schien ihm wenig glaubhaft.

Den Kopf noch voll grüblerischer Gedanken betrat er den Wester Park und schlug, um so rasch wie möglich zu Sephardi’s Haus zu gelangen, die Richtung nach dem Damrak ein, da verriet ihm schon von weitem ein wilder Tumult, daß irgend etwas Aufregendes geschehen sein mußte.

Bald war ein Vordringen durch die breiten Straßen infolge der dichten Menschenmenge, die Schulter an Schulter gepreßt, in wilder Aufregung durcheinander wogte, ein Ding der Unmöglichkeit, und er beschloß daher, die Jodenbuurt als Verbindungsgasse zu benützen.

Scharenweise zogen die Gläubigen der Heilsarmee, laut betend oder den Psalm brüllend: „Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein“ über die Plätze, — Männer und Weiber, verzückt in religiösem Wahnwitz, rissen einander die Kleider vom Leib — sanken, Geifer vor dem Mund, in die Knie, — schrien Hallelujas und Zoten zugleich zum Himmel empor, — fanatische Sektierermönche mit entblößtem Oberkörper geißelten sich unter grausigen hysterischen Lachkrämpfen die Rücken blutig, — da und dort brachen Fallsüchtige mit schrillem Schrei zusammen und wälzten sich zuckend auf dem Pflaster; andere wieder — Anhänger irgendeines hirnverbrannten Glaubensbekenntnisses — „demütigten sich vor dem Herrn“, indem sie sich zusammen kauerten und, von einer barhäuptigen, ergriffen zuschauenden Menge umstanden, wie Frösche umherhüpften und dazu quakten: „O du mein herzallerliebstes Jesulein, erbarme dich unser!“

— — — — — — — —

Von Schauder und Ekel ergriffen irrte Hauberrisser durch alle möglichen winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung vertrieben, bis er schließlich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und sich, wie eingekeilt, vor das schädelartige Haus in der Jodenbreestraat gedrängt sah.

Der Vexiersalon war mit Rolläden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht davor stand ein vergoldetes Holzgerüst und oben drauf, auf einem Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, saß der „Professor“ Zitter Arpád, warf Kupfermünzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzückte Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen Hosiannageschreies kaum verständliche Ansprache, in der sich beständig wie ein blutdürstiger Hetzruf die Worte wiederholten: „Werft die Huren ins Feuer und bringt mir ihr sündiges Gold!“

Mit größter Mühe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer Häuserecke durchzuarbeiten.

Er wollte sich eben orientieren, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn in einen Tordurchlaß. Er erkannte Pfeill.

Sie waren beide mit ähnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus ihren gegenseitigen Zurufen über die Köpfe des Gedränges hinweg, das sie gleich darauf wieder auseinander gerissen hatte, entnahmen.

„Komm zu Swammerdam!“ schrie Pfeill.

An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Höfe und Winkelgäßchen waren überflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde zuweilen ein paar Schritt weit eine Lücke in dem Gewimmel erblickten, die ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, mußten sie eiligst die Gelegenheit benützen, um vorwärts zu laufen, so daß sie sich nur mit hastigen Worten verständigen konnten.

„Ein grauenhaftes Scheusal — dieser Zitter!“ — erzählte Pfeill in Absätzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch Menschenmauern von ihm getrennt. „Die Polizei funktioniert nicht mehr und kann ihm das Handwerk nicht legen. — Und die Miliz schon lange nicht. — Er gibt sich für den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und beten ihn an. — — Neulich hat er im Zirkus Carré ein entsetzliches Blutbad angerichtet. — — Sie haben den Zirkus gestürmt — und fremde, vornehme Damen — Halbweltlerinnen natürlich — hineingeschleppt und die Tiger auf sie losgelassen. — — Er hat den Zäsarenwahnsinn. — — Wie Nero. — — — Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die Ärmste, um zu ihrem Geld zu kommen, ver — — —“

„Vergiftet“ — verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf singender, vermummter Gestalten, weiße, spitzige Kapuzen über den Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Händen, hatte Pfeill von ihm abgedrängt und ihr murmelnder, eintöniger Choral: „o sanctissima, o pi — issima, dulcis virgo Maaa — riii — aaah“ hatte die letzten Worte zur Hälfte verschlungen.

Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwärzt von Fackelrauch: — „Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. — — Dann war er monatelang spiritistisches Geistermedium. — — Hat einen Riesenzulauf gehabt. — — Ganz Amsterdam war bei ihm.“

„Was macht Sephardi?“ rief Hauberrisser hinüber.

„Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm grüßen. — — — Er war gänzlich verändert, schon ehe er abreiste. — — Ich weiß nicht allzuviel über ihn. — — Ich weiß nur: Der Mann mit dem grünen Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jüdischen Staat in Brasilien gründen, und: daß die Juden als einziges internationales Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen Völkern der Erde als gemeinsames Verständigungsmittel dienen und sie dadurch einander näherbringen solle, — — — ein modernes Hebräisch, vermute ich — ich weiß nicht. — — Sephardi war seitdem wie über Nacht verwandelt. — — — Er hätte jetzt eine Mission, hat er gesagt. — — — Er scheint übrigens mit seinem zionistischen Staat drüben das Richtige getroffen zu haben. — — Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist, und jetzt noch kommen zahllose aus allen möglichen Ländern, um nach dem Westen auszuwandern. — — Es ist das reinste Ameisengewimmel — —“

Eine Truppe gesangbuchplärrender Weiber trennte sie für eine Weile. — Hauberrisser hatte unwillkürlich, als Pfeill den Ausdruck „Ameisengewimmel“ gebraucht, an das sonderbare Phänomen denken müssen, das er draußen vor der Stadt gesehen hatte. — —

„In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den ich inzwischen kennen gelernt habe, beisammen“; fuhr Pfeill fort — „es ist ein alter Jude, eine Art Prophet, — — er ist jetzt fast beständig in einem Zustand von Entrückung — — alles, was er prophezeit, stimmt übrigens jedesmal. — — Neulich wieder hat er vorausgesagt, es käme eine schreckliche Katastrophe über Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet werde. — — — Er freut sich, sagt er, daß er dabei mit zu Grunde gehen darf, denn dann würde es ihm vergönnt sein, die vielen Toten, die hinübergehen, ins Reich der Fülle zu führen. — — Mit der Katastrophe hat er vielleicht nicht so unrecht. — — — Du siehst ja, wie es hier zugeht. — — — Amsterdam erwartet die Sintflut. — — — Die ganze Menschheit ist toll geworden. — — Die Eisenbahnen sind längst eingestellt, sonst wäre ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinaus gekommen. — Heute scheint der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. — — Ach, ich hätte dir ja so unendlich viel zu erzählen — — Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewühl um uns herum wäre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen — — — mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert — — —“

„Und Swammerdam? Wie geht es ihm?“ überschrie Hauberrisser das Geheul einer Rotte auf den Knien rutschender Geißelbrüder.

„Er hat einen Boten zu mir geschickt,“ rief Pfeill zurück, „ich solle augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. — — Gut, daß wir uns auf dem Wege getroffen haben. — — — Er zittert um uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nähe wären wir sicher. — — — Er behauptet, sein inneres Wort hätte ihm einmal drei Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die Nikolaskirche überleben. — — — Daraus schließt er vermutlich, daß er gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, daß wir bei ihm sind, um uns ebenfalls für die kommende neue Zeit zu erretten.“

Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: ein plötzlich losbrechendes, ohrenbetäubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend, dem sie zusteuerten, erschütterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter und lauter anschwellend, in gellen Rufen: „Das neue Jerusalem ist am Himmel erschienen“ — „ein Wunder, ein Wunder!“ — „Gott sei uns gnädig“ — von Dachfenster zu Dachfenster über die Giebel hin fort bis in die entferntesten Winkel der Vorstädte.

Er konnte nur noch erkennen, daß Pfeill hastig den Mund bewegte, als brülle er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fühlte er sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben, unwiderstehlich fortgerissen und in den Börseplatz hineingestoßen.

Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, daß er, die Arme an den Leib gedrückt, kaum die Hände bewegen konnte. — Aller Augen waren starr emporgekehrt.

Hoch oben am Himmel kreisten noch immer kämpfend die seltsamen Dunstgebilde wie geflügelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrönte Wolkenberge aufgetürmt und mitten darin in einem Tal lag, von schrägen Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, südlichen Stadt mit weißen flachen Dächern und maurischen Bogentoren.

Männer mit wallenden Burnussen und dunkeln stolzen Gesichtern schritten langsam durch die lehmfarbenen Straßen — so nah und schreckhaft deutlich, daß man das Rollen ihrer Augen sehen konnte, wenn sie den Kopf wandten, um, wie es schien, auf das entsetzte Getümmel Amsterdams gleichmütig herabzublicken. — — Draußen vor den Wällen der Stadt breitete sich eine rötliche Wüste, deren Ränder in den Wolken verschwammen, und eine Kamelkarawane zog schemenhaft in die flimmernde Luft hinein.

Wohl eine Stunde lang blieb die Fata Morgana in zauberischer Farbenpracht am Himmel stehen, dann verblaßte sie allmählich, bis nur mehr ein hohes, schlankes Minarett, blendend weiß wie aus glitzerigem Zucker, übrig war, das eine Weile später plötzlich im Wolkennebel verschwand.

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Erst spät nachmittags hatte Hauberrisser — Zoll für Zoll von dem Menschenmeer an den Häusermauern entlang gespült — Gelegenheit, über eine Grachtbrücke dem Getümmel zu entrinnen.

Zu Swammerdams Wohnung zu gelangen war gänzlich unausführbar, denn er hätte viele Straßen und abermals den Börseplatz überqueren müssen, und so beschloß er, in seine Einsiedelei zurückzukehren und einen günstigeren Tag abzuwarten. — — —

Bald nahmen ihn die totenstillen Wiesen des Polders wieder auf.

Der Raum unter dem Himmel war eine undurchdringliche, staubige Masse geworden.

Hauberrisser hörte das welke Gras unter seinen Füßen zischen, als er eilends dahinschritt, wie Rauschen des Blutes im Ohr, so tief war die Einsamkeit.

Hinter ihm lag das schwarze Amsterdam in der roten sinkenden Sonne wie ein ungeheurer brennender Pechklumpen.

Kein Hauch ringsum, die Deiche durchzogen von glühenden Streifen, nur hie und da ein tröpfelndes Plätschern, wenn ein Fisch aufsprang.

Als die Dämmerung herabsank, tauchten große, trübgraue Flächen aus der Erde und krochen über die Steppe wie ausgebreitete, wandelnde Tücher, — er sah, daß es zahllose Scharen von Mäusen waren, die, aus ihren Löchern geschlüpft, pfeifend und aufgeregt durcheinander huschten.

Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto unruhiger schien die Natur zu werden, trotzdem kein Halm sich regte.

Die moorbraun gewordenen Wasser bekamen zuweilen kleine kreisrunde Krater, ohne daß auch nur ein Lufthauch sie getroffen hätte, oder schlugen, wie unter unsichtbaren Steinwürfen, vereinzelte, spitzige Wellenkegel, die gleich darauf wieder spurlos verschwanden.

Schon konnte Hauberrisser von weitem die kahle Pappel vor seinem Haus unterscheiden, da wuchsen plötzlich, bis zum Himmel ragend, weißliche säulenartige Gebilde aus dem Boden und stellten sich zwischen die Silhouette des Baumes und seinen Blick.

Geisterhaft und lautlos kamen sie auf ihn zu, schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenen Gras hinterlassend, wo sie gegangen waren: Windhosen, die der Stadt zu wanderten.

Ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, zogen sie an ihm vorbei: stumme, tückische, totbringende Gespenster der Atmosphäre.

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Schweißgebadet betrat Hauberrisser das Haus.

Die Gärtnersfrau des nahen Friedhofs, die ihn bediente, hatte ihm sein Essen auf den Tisch gestellt; er konnte vor Aufregung keinen Bissen anrühren.

Voll Unruhe warf er sich angezogen aufs Bett und wartete schlaflos auf den kommenden Tag.

Schluß

Mit unerträglicher Langsamkeit schlichen die Stunden, und die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen.

Endlich ging die Sonne auf, trotzdem blieb der Himmel tiefschwarz, nur ringsum am Horizont glomm ein greller, schwefelgelber Streifen, als habe sich eine dunkle Halbkugel mit glühendem Rand auf die Erde herabgesenkt.

Ein glanzloses Zwielicht irrte durch den Raum; die Pappel vor dem Fenster, die Sträucher in der Ferne und die Türme Amsterdams waren wie von trüben Scheinwerfern matt erhellt. Darunter lag die Ebene mit ihren Wiesen gleich einem großen erblindeten Spiegel.

Hauberrisser blickte mit seinem Feldstecher hinüber auf die Stadt, die sich — ein in Angst erstarrtes Bild — fahlbeleuchtet von dem schattenhaften Hintergrund abhob und jeden Augenblick den Todesstreich zu erwarten schien.

Banges, atemloses Glockenläuten zitterte in Wellen bis weit ins Land hinein, — plötzlich verstummte es jäh: ein dumpfes Brausen ging durch die Luft und die Pappel beugte sich ächzend zur Erde nieder.

Windstöße fegten mit Peitschenhieben über den Boden hin, das welke Gras kämmend, und rissen die spärlichen, niedrigen Sträucher aus den Wurzeln.

Nach wenigen Minuten war die Landschaft in einer ungeheuern Staubwolke verschwunden, — dann tauchte sie wieder auf, kaum mehr zu erkennen: die Deiche weißer Gischt; Windmühlenflügel — abgerissen von ihren Leibern, die, in stumpfe Rümpfe verwandelt, in der braunen Erde hockten — quirlten hoch in den Lüften.

In immer kürzern und kürzern Pausen heulte der Sturm über die Steppe, bis bald nur mehr ein ununterbrochenes Gebrüll zu hören war.

Von Sekunde zu Sekunde verdoppelte sich seine Wut; die zähe Pappel war wenige Fuß hoch über dem Boden fast rechtwinklig abgebogen, — ohne Äste, kaum mehr als ein glatter Stamm, und blieb, niedergehalten von der Wucht der über sie hinwegrasenden Luftmassen, unbeweglich in dieser Stellung.

Nur der Apfelbaum stand regungslos wie in einer von unsichtbarer Hand vor dem Winde beschirmten Insel, und nicht eine einzige seiner Blüten rührte sich.

Balken und Steine, Häusertrümmer und ganze Mauern, Sparrenwerk und Erdklumpen flogen unablässig — ein nicht endenwollender Schauer von Wurfgeschossen — am Fenster vorüber.

Dann wurde der Himmel plötzlich hellgrau und die Finsternis löste sich in kaltes, silbriges Glitzern auf.

Hauberrisser glaubte schon, die Wut des Orkans wolle nachlassen, da sah er mit Grauen, daß die Rinde der Pappel sich abschälte und, zu fasrigen Fetzen geworden, spurlos verschwand. — Gleich darauf, noch ehe er recht erfassen konnte, was geschah, brachen die hohen, ragenden Fabrikschornsteine im Südwesten des Hafens glatt an der Wurzel ab und verwandelten sich in dünne, fliehende Lanzen aus weißem Staub, die der Sturm mit Blitzesschnelle davontrug.

Kirchturm auf Kirchturm folgte, — Sekundenlang noch schwärzliche Klumpen, von Taifunwirbeln hoch emporgerissen, dann zu jagenden Streifen am Horizont geworden — dann Punkte — und nichts mehr.

Bald war die ganze Gegend nur noch ein mit wagrechten Linien schraffiertes Bild vor dem Fenster, so rasend geschwind und für den Blick nicht mehr zu unterscheiden folgten die vom Sturm losgerissenen Grasbüschel einander.

Sogar der Friedhof mußte bereits unterwühlt und bloßgelegt worden sein, denn Leichensteine, Bretter von Särgen, Kreuze und eiserne Grablaternen flogen am Hause vorüber, — ohne die Richtung zu ändern, ohne sich zu heben oder zu senken, immer gleich wagrecht, als hätten sie kein Gewicht.

Hauberrisser hörte das Gebälk im Dachstuhl stöhnen — jeden Moment erwartete er, es werde in Trümmer gehen; er wollte hinunterlaufen, um das Haustor zu verriegeln, damit es nicht aus den Angeln gehoben würde, — an der Stubentür kehrte er um: von einer innern Stimme gewarnt, begriff er, daß, wenn er jetzt die Klinke niederdrückte, die entstehende Zugluft die Fensterscheiben zertrümmern, die an den Mauern entlang fegenden Sturmgewalten einlassen und in einem Augenblick das ganze Haus in einen Schuttwirbel verwandeln mußte.

Nur solange es der Hügel vor dem Anprall des Orkans schützte und die Stuben durch die verschlossenen Türen wie in Bienenzellen abgeteilt blieben, konnte es der Vernichtung trotzen.

Die Luft im Zimmer war eiskalt und dünn geworden wie unter einem Vakuum; ein Blatt Papier flatterte vom Schreibtisch, preßte sich ans Schlüsselloch und blieb angesaugt daran haften.

Hauberrisser trat wieder zum Fenster und blickte hinaus: Der Sturm war zu einem reißenden Strom angeschwollen und blies das Wasser aus den Deichen, daß es wie ein Sprühregen in der Luft zerstäubte; die Wiesen glichen glattgewalztem, grauglänzendem Samt und da, wo die Pappel gestanden hatte, stak nur mehr ein Stumpf mit wehendem, faserigem Schopf.

Das Brausen war so gleichförmig und betäubend, daß Hauberrisser allmählich zu glauben anfing, alles ringsum sei in Totenstille gehüllt.

Erst, als er einen Hammer nahm, um mit Nägeln den zitternden Fensterladen zu befestigen, damit er nicht eingedrückt würde, merkte er an der Lautlosigkeit seiner Schläge, wie furchtbar draußen das Getöse sein mußte.

Lange wagte er nicht, den Blick nach der Stadt zu wenden, aus Furcht, die Nikolaskirche mitsamt dem dicht daneben befindlichen Haus am Zee Dyk, in dem sich Swammerdam und Pfeill befanden, könnte weggeweht sein, — dann, als er zögernd und voll Angst hinschaute, sah er, daß sie wohl noch unversehrt zum Himmel ragte, aber aus einer Insel von Schutt: — fast das ganze übrige Giebelmeer war ein einziger flacher Trümmerhaufen.

„Wieviel Städte mögen heute wohl noch in Europa stehen?“ fragte er sich schaudernd. „Ganz Amsterdam ist abgeschliffen wie ein mürber Stein. Eine morschgewordene Kultur ist in stiebenden Kehricht aufgegangen.“

Mit einemmal packte ihn die Furchtbarkeit des Geschehnisses in ihrer ganzen Größe.

Die Eindrücke des gestrigen Tages, die darauf folgende Erschöpfung und das plötzliche Hereinbrechen der Katastrophe hatten ihn in einer ununterbrochenen Betäubung erhalten, die jetzt erst von ihm wich und ihn wieder zu klarem Bewußtsein kommen ließ.

Er griff sich an die Stirne. — „Habe ich denn geschlafen?“

Sein Blick fiel auf den Apfelbaum, der, wie durch ein unbegreifliches Wunder, in vollem unversehrtem Blütenschmuck prangte.

An seiner Wurzel hatte er gestern die Rolle vergraben, erinnerte er sich, und es kam ihm vor, als wäre in der kurzen Spanne Zeit inzwischen eine Ewigkeit verflossen.

Hatte er nicht selbst geschrieben, er besäße die Fähigkeit, sich von seinem Körper loszulösen?

Warum hatte er es denn nicht getan? Gestern, die Nacht über, heute morgen, als der Sturm losbrach?

Warum tat er es jetzt nicht?

Einen Augenblick lang glückte es ihm wieder: er sah seinen Körper als schattenhaftes, fremdes Geschöpf am Fenster lehnen, aber die Welt draußen, trotz ihrer Verwüstung, war nicht mehr ein gespenstisches, totes Bild wie früher in solchen Zuständen: eine neue Erde, durchzittert von Lebendigkeit, breitete sich vor ihm aus — ein Frühling voll Herrlichkeit, wie sichtbar gewordene Zukunft, schwebte darüber — das Vorgefühl eines namenlosen Entzückens durchbebte seine Brust; alles ringsum schien sich in einer Vision zu bleibender Deutlichkeit verwandeln zu wollen; — — der blühende Apfelbaum, war er nicht Chidher, der ewig „grünende“ Baum?!

Im nächsten Moment war Hauberrisser wieder mit seinem Körper vereinigt und sah in den heulenden Sturm hinein, aber er wußte, daß sich hinter dem Bild der Zerstörung das neue verheißungsvolle Land verbarg, das er soeben mit den Augen seiner Seele geschaut hatte.

Das Herz klopfte ihm vor wilder, freudiger Erwartung: er fühlte, daß er auf der Schwelle zum letzten, höchsten Erwachen stand — daß der Phönix in ihm die Schwingen hob zum Flug in den Äther. Er fühlte die Nähe eines weit über alle irdische Erfahrung hinausreichenden Geschehnisses so deutlich, daß er vor innerer Ergriffenheit kaum zu atmen wagte, — es war fast wie damals im Park von Hilversum, als er Eva geküßt hatte: dasselbe eisige Fittichwehen des Todesengels, aber jetzt zog sich gleich einem Blütenhauch die Vorahnung eines kommenden unzerstörbaren Lebens hindurch; — die Worte Chidhers: „Ich werde dir um Evas willen die nimmerendende Liebe geben“ drangen an sein Ohr, als riefe sie der blühende Apfelbaum herüber.

Er gedachte der zahllosen Toten, die unter den Trümmern der verwehten Stadt dort drüben verschüttet lagen: er konnte keine Trauer empfinden; — „sie werden wieder auferstehen, wenn auch in veränderter Form, bis sie die letzte und höchste Form, die Form des ‚erwachten Menschen‘ gefunden haben, der nicht mehr stirbt. — Auch die Natur wird immer wieder jung wie der Phönix.“

Eine plötzliche Erregung ergriff ihn so gewaltig, daß er glaubte, ersticken zu müssen: stand nicht Eva dicht neben ihm?

Ein Atemhauch hatte sein Gesicht gestreift.

Wessen Herz schlug so nahe bei seinem, wenn nicht das ihre!?

Neue Sinne, fühlte er, wollten in ihm aufbrechen und ihm die unsichtbare Welt, die die irdische durchdringt, erschließen. Jede Sekunde konnte die letzte Binde, die sie ihm noch verhüllte, von seinen Augen fallen.

„Gib mir ein Zeichen, daß du bei mir bist, Eva!“ — flehte er leise. „Laß meinen Glauben, daß du zu mir kommst, nicht zu Schanden werden.“

„Was wäre das für eine armselige Liebe, die nicht Raum und Zeit überwinden könnte,“ — hörte er ihre Stimme flüstern, und das Haar sträubte sich ihm im Übermaß seelischer Erschütterung. „Hier in diesem Zimmer bin ich genesen von den Schrecknissen der Erde und hier warte ich bei dir, bis die Stunde deiner Erweckung gekommen ist.“

Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich über ihn; er blickte umher: auch in der Stube dasselbe freudige, geduldige Warten wie verhaltener Frühlingsruf, — alle Gegenstände dicht vor dem Wunder einer unbegreiflichen Verwandlung.

Sein Herz schlug laut.

Der Raum, die Wände und Dinge, die ihn umgaben, waren nur äußere, täuschende Formen für seine irdischen Augen, fühlte er, — sie ragten herein in die Welt der Körper wie Schatten aus einem unsichtbaren Reich, — jede Minute konnte sich ihm die Pforte auftun, hinter der das Land der Unsterblichen lag.

Er versuchte, sich auszumalen, wie es sein müßte, wenn seine innern Sinne erwacht sein würden. — „Wird Eva bei mir sein, werde ich zu ihr gehen und sie sehen und mit ihr sprechen — so, wie die Wesen dieser Erde einander begegnen? — Oder werden wir zu Farben, zu Tönen, — ohne Gestalt — die sich vermischen? Umgeben uns dann Dinge wie hier, — schweben wir als Lichtstrahlen durch den unendlichen Weltenraum, oder verwandelt sich das Reich des Stoffes mit uns und wir verwandeln uns in ihm?“ — Er erriet, daß es ein ähnlicher, ganz natürlicher und doch vollkommen neuer, ihm jetzt noch unfaßbarer Vorgang sein würde, wie vielleicht das Entstehen der Windhosen, die er gestern aus dem Nichts — aus der Luft heraus zu greifbaren, mit allen Sinnen des Leibes wahrnehmbaren Formen sich hatte bilden sehen, — aber dennoch konnte er sich keine klare Vorstellung davon machen.

Das Vorgefühl eines so unsagbaren Entzückens durchzitterte ihn, daß er genau wußte: die Wirklichkeit des wunderbaren Erlebnisses, das ihm bevorstand, mußte alles, was er sich auszumalen imstande sei, weit übertreffen.

— — — — — — — —

Die Zeit verrann.

Es schien Mittag zu sein: — hoch am Himmel schwebte ein leuchtender Kreis im Dunst.

Tobte der Sturm noch immer?

Hauberrisser lauschte:

Nichts, woran er es hätte erkennen können. Die Deiche waren leer. Ausgeblasen. Kein Wasser, keine Spur von Bewegung mehr darin. Kein Strauch, soweit der Blick reichte. — Das Gras flach. Nicht eine einzige ziehende Wolke — regungsloser Luftraum.

Er nahm den Hammer und ließ ihn fallen — hörte ihn laut auf dem Boden aufschlagen: „es ist still draußen geworden,“ begriff er.

Nur Zyklone rasten noch in der Stadt, wie er durch das Fernglas erkannte; Steinblöcke wirbelten empor in die Luft, — aus dem Hafen tauchten Wassersäulen, brachen auseinander, türmten sich wieder auf und tanzten dem Meere zu.

Da! — War es eine Täuschung? Schwankten nicht die beiden Türme der Nikolaskirche?

Der eine stürzte plötzlich in sich zusammen; — der andere flog wirbelnd hoch in die Luft, zerbarst wie eine Rakete, — die ungeheure Glocke schwebte einen Augenblick frei zwischen Himmel und Erde.

Dann sauste sie lautlos herab.

Hauberrisser stockte das Blut:

Swammerdam! Pfeill!

Nein, nein, nein, — es konnte ihnen nichts geschehen sein: „Chidher, der Ewige Baum der Menschheit beschirmt sie mit seinen Ästen!“ Hatte Swammerdam nicht vorausgesagt, er werde die Kirche überleben?

Und gab es nicht Inseln, so wie dort der blühende Apfelbaum inmitten des grünen Rasenflecks, in denen das Leben gegen Vernichtung gefeit war und aufbewahrt wurde für die kommende Zeit? — —

Jetzt erst erreichte der Schall der zerschmetterten Glocke das Haus.

Die Mauern erdröhnten unter dem Anprall der Luftwellen: ein einziger, furchtbarer, erschütternder Ton, daß Hauberrisser glaubte, die Knochen im Leibe seien ihm wie Glas zersplittert, und einen Moment sein Bewußtsein schwinden fühlte.

„Die Mauern von Jericho sind gefallen,“ hörte er die bebende Stimme Chidher Grüns laut im Raume sagen. — „Er ist aufgewacht von den Toten.“

Atemlose Stille. — —

Dann schrie ein Kind. — — —

Hauberrisser blickte verstört umher.

Endlich kam er zu sich.

Er erkannte deutlich die kahlen, schmucklosen Wände seines Zimmers, und doch waren es zugleich die Wände eines Tempels mit Fresken ägyptischer Göttergestalten bemalt; er stand mitten darin — beides war Wirklichkeit; er sah die hölzernen Dielen des Bodens und zugleich waren es steinerne Tempelfliesen, — zwei Welten durchdrangen einander — in eine verschmolzen und doch voneinander getrennt — vor seinem Blick, als sei er wach und träume in ein und derselben Sekunde; er fuhr mit der Hand über den Kalk der Wand, fühlte die rauhe Fläche und hatte dennoch die untrügliche Gewißheit, daß seine Finger eine hohe goldene Statue berührten, die er als die Göttin Isis, auf einem Throne sitzend, zu erkennen glaubte.

Ein neues Bewußtsein war zu seinem gewohnten, menschlichen, das er bisher besessen, dazu getreten — hatte ihn mit der Wahrnehmung einer neuen Welt bereichert, die die alte in sich schlang, berührte, verwandelte und dennoch auf wunderbare Weise fortbestehen ließ.

Sinn für Sinn wachte doppelt in ihm auf — wie Blüten, die aus Knospen hervorbrechen.

Schuppen fielen ihm von den Augen; wie jemand, der ein ganzes Leben hindurch alles nur in Flächen wahrgenommen hat und dann mit einem Schlage eine räumliche Gestaltung sich daraus bilden sieht, konnte er lange nicht fassen, was sich begeben hatte.

Allmählich begriff er, daß er das Ziel des Weges, den zu Ende zu gehen der verborgene Daseinszweck jedes Menschen ist, erreicht hatte: ein Bürger zweier Welten zu sein. — — — —

Wieder schrie ein Kind.

— — — — — — — —

Hatte Eva nicht gesagt, sie wolle Mutter sein, wenn sie wieder zu ihm käme? — Wie Schrecken durchfuhr es ihn.

Hielt die Göttin Isis nicht ein nacktes, lebendiges Kind im Arm?

Er hob den Blick zu ihr und sah sie lächeln. —

Sie bewegte sich.

Immer schärfer, farbiger und klarer wurden die Fresken, — heilige Geräte standen umher. So deutlich war alles, daß Hauberrisser den Anblick des Zimmers darüber vergaß und nur mehr den Tempel und die rot und goldene Malerei ringsum erkannte.

Geistesabwesend starrte er in das Antlitz der Göttin und langsam, langsam kam es wie eine dumpfe Erinnerung über ihn: Eva! — Das war doch Eva und nicht die Statue der ägyptischen Göttin, der Mutter der Welt!

Er preßte die Hände an die Schläfen — konnte es nicht fassen.

„Eva! Eva!“ schrie er laut auf.

Wieder traten die kahlen Mauern der Stube durch die Tempelwände hindurch, die Göttin thronte noch immer lächelnd darin, aber dicht vor ihm, seinem Schauen leibhaftig und wirklich, stand als irdisches Ebenbild die Erscheinung eines jungen, blühenden Weibes. — —

„Eva! Eva!“ — mit einem jauchzenden Schrei grenzenlosen Entzückens riß er sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen — „Eva!“ — — — —

Dann standen sie lang, eng umschlungen vor dem Fenster und sahen zu der toten Stadt hinüber.

„Helft, wie ich, den kommenden Geschlechtern ein neues Reich aus den Trümmern des alten wieder aufzubauen,“ fühlte er einen Gedanken, als sei es die Stimme Chidhers, sagen, „damit die Zeit anbricht, in der auch ich lächeln darf.“

Das Zimmer und der Tempel waren gleich deutlich geworden.

Wie ein Januskopf konnte Hauberrisser in die jenseitige Welt und zugleich in die irdische Welt hineinblicken und ihre Einzelheiten und Dinge klar unterscheiden: