WeRead Powered by ReaderPub
Das grüne Gesicht: Ein Roman cover

Das grüne Gesicht: Ein Roman

Chapter 5: Viertes Kapitel
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Set in an uncanny Amsterdam quarter, the narrative follows a disoriented foreigner whose encounters with a bizarre curiosity shop, its performers, and a parade of odd figures trigger a drift into occult visions, dream logic, and inner turmoil. Episodes blend urban realism, grotesque humor, and supernatural suggestion as the protagonist confronts shifting identities, symbolic objects, and cultlike spectacles; the work interweaves satirical portrayals of city life with mystical speculation and psychological unrest, unfolding through episodic scenes that blur waking experience and visionary states.

Drittes Kapitel

Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, über deren Ursache er sich keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die Straßen.

Als er an dem Zirkus vorüberkam, in dem die Zulutruppe Usibepu’s auftrat — Zitter Arpád konnte nur sie gemeint haben — überlegte er einen Augenblick, ob er sich die Vorstellung ansehen solle, ließ aber gleich darauf seinen Entschluß wieder fallen. Was kümmerte es ihn, ob ein Neger zaubern konnte; Neugierde nach Ungewöhnlichem war es nicht, das ihn umhertrieb und ruhelos machte. Etwas Unwägbares, Gestaltloses, das in der Luft lag, peitschte seine Nerven auf, — derselbe rätselhafte Gifthauch, der ihn zuweilen, noch ehe er nach Holland gereist war, so heftig gewürgt hatte, daß er in solchen Fällen unwillkürlich mit Selbstmordideen spielte.

Er überlegte, woher es diesmal wieder gekommen sein mochte. Ob es von den jüdischen Auswanderern, die er gesehen hatte, wie eine Ansteckung auf ihn übergegangen war?

„Es muß der gleiche unbegreifliche Einfluß sein, der diese religiösen Fanatiker über die Erde jagt und mich aus meiner Heimat vertrieben hat,“ fühlte er; „bloß unsere Motive sind verschieden.“

Schon lange vor dem Kriege hatte er diesen unheimlichen seelischen Druck an sich erfahren, nur war es damals noch möglich gewesen, ihn durch Arbeit oder Vergnügen zeitweilig zu unterdrücken; er hatte ihn als Reisefieber, als nervöse Launenhaftigkeit, als Begleiterscheinung falscher Lebensführung gedeutet, dann später, als die Blutfahne über Europa zu flattern begann: als Vorahnung der Ereignisse. Aber warum steigerte sich jetzt nach dem Kriege dieses Gefühl noch von Tag zu Tag fast bis zur Verzweiflung? Und nicht nur bei ihm — fast jeder, mit dem er darüber gesprochen hatte, wußte von sich selbst Ähnliches zu berichten.

Sie alle, wie er, hatten sich damit getröstet, wenn der Krieg beendet sei, werde der Frieden auch in den Herzen der Einzelnen wiederkehren. Statt dessen war genau das Gegenteil eingetreten.

Die banale Weisheit der gewissen Hohlköpfe, die gewohnheitsgemäß bei allem und jedem die billigste Erklärung zur Hand haben und die Fieberschauer der Menschheit auf gestörte Behaglichkeit zurückführten, — konnte sie das Rätsel lösen? Die Ursache lag tiefer.

Gespenster, riesenhafte, formlos und nur erkennbar an den entsetzlichen Verheerungen, die sie angerichtet, bei den heimlichen Sitzungen kaltherziger, ehrgeiziger Greise um den grünen Tisch herum entstandene Gespenster hatten sich Millionen von Opfern geholt und sich dann scheinbar wieder für einige Zeit schlafen gelegt; aber jetzt erhob das grauenhafteste aller Phantome, längst schon zu lauerndem Leben erweckt durch den Fäulnishauch einer verwesenden Scheinkultur, sein Medusenhaupt vollends aus dem Abgrund und höhnte der Menschheit ins Gesicht, daß es nur ein Rad der Qual gewesen war, das sie im Kreise getrieben hatte im Wahn, dadurch für kommende Geschlechter die Freiheit zu gewinnen, — und weiter treiben würde trotz Wissen und Erkenntnis für alle Zeiten.

In den letzten Wochen war es Hauberrisser scheinbar gelungen, sich über seinen Lebensüberdruß hinwegzutäuschen; er hatte sich die sonderbare Idee zurechtgelegt, mitten in einer Stadt, die sozusagen über Nacht infolge der Zeitläufte aus einem Weltmarkt mit gezügelter Leidenschaft zu einem internationalen Tummelplatz hirnverwirrender, wilder Instinkte geworden war, als Einsiedler, als innerlich Unbeteiligter, zu leben, und hatte seinen Plan auch bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, doch jetzt brach die alte Müdigkeit, durch irgendeinen winzigen Anlaß wieder erweckt, abermals hervor, stärker als je, verzehnfacht durch den Anblick der plan- und sinnlos um ihn her durchs Dasein taumelnden Menge.

Als sei er bisher blind gewesen, erschreckte ihn plötzlich auf’s tiefste der Ausdruck in den Gesichtern, die ihn umwimmelten.

Das waren nicht mehr die Mienen von Menschen, die, vergnügungssüchtig oder, um die Sorgen des Tages zu verschütten, zu einer Schaustellung eilten, wie sie von früher her in seiner Erinnerung lebten! Die beginnenden Anzeichen eines unheilbaren Entwurzeltseins sprachen aus ihnen.

Der bloße Kampf ums Dasein gräbt andere Furchen und Linien in die Haut.

Er mußte an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tänze des Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwärme, die, das Kommen eines Erdbebens spürend, lautlos und in dumpfer Angst über der Erde kreisen. — —

Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervösen Hast, als ginge es um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenübersät, mit fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene französische Baronessen, vornehme, schlanke Engländerinnen, noch vor kurzem zur besten Gesellschaft gehörig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines über Nacht reich gewordenen Börsenhalunken mit Rattenaugen und Hyänenschnauze, — russische Fürstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor Übernächtigkeit und Überreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer Gelassenheit — alles hinweggespült von den Wellen einer geistigen Sintflut.

Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder plötzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhängen, das langgezogene heisere Gebrüll von wilden Bestien, und ein beißender Geruch nach Raubtieratem, Parfüm, rohem Fleisch und Pferdeschweiß wehte auf die Straße heraus.

Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung vor Hauberrissers Blick: ein Bär hinter den Käfigstäben einer wandernden Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkörperung grenzenloser Verzweiflung, von einem Bein auf’s andere trat — unablässig, tagelang, monatelang, noch Jahre später, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte begegnete.

„Warum hast du ihn damals nicht losgekauft!“ schrie ein Gedanke Hauberrisser ins Hirn hinein, — ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang, immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine Stunde kam, — ewig jung und unversöhnlich wie am ersten Tage, als er entstanden war, — ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenüber den riesengroßen Versäumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, über den die Zeit keine Macht besaß.

„Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns verflucht und ihr Blut brüllt nach Rache“, ballte sich eine wirre Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; „wehe uns Menschen, wenn beim jüngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen Pferdes im Rate der Ankläger sitzt. — Warum habe ich ihn damals nicht losgekauft!“ — — Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwürfe deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, daß die Befreiung des Bären belangloser gewesen wäre als das Umdrehen eines Sandkorns in der Wüste. Aber — er überflog im Geiste sein Leben — hatte er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wäre? Er hatte studiert und die Sonne versäumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen gebaut, die längst verrostet waren, und darüber versäumt, andern zu helfen, daß sie sich hätten der Sonne erfreuen können, — hatte nur sein Teil beigetragen zur großen Zwecklosigkeit.

Er erkämpfte sich mühsam einen Weg durch die andrängende Menge zu einem freien Platz, rief eine Droschke an und ließ sich hinaus vor die Stadt fahren.

Ein Heißhunger nach versäumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal überfallen. — —

Die Räder rumpelten mit quälender Langsamkeit über das Pflaster, und die Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu kommen, wurde er nur noch gereizter.

Als er endlich das fette Grün des Landes, bis in die unendlich scheinende Ferne von einem Gitter aus braunen regelmäßigen Wasserstraßen zerschnitten, vor sich sah, mitten in den Inseln abertausende gefleckter Rinder, die alle eine Matratze auf dem Rücken trugen als Schutz gegen die abendliche Kühle, und dazwischen die holländischen Bäuerinnen mit den weißen Hauben, den messingnen Krulletjes an den Schläfen und den saubern Melkeimern, — wie das Bild auf einer großen blaßblauen Seifenblase stand es vor ihm, in der die Windmühlen mit ihren Flügeln als die ersten schwarzen Kreuzeszeichen einer kommenden ewigen Nacht erschienen.

Es war ihm wie das Traumgesicht eines Landes, in das er den Fuß nicht mehr setzen dürfe, wie er so an schmalen Wegen die Weideplätze entlang fuhr, immer durch einen, von den letzten Sonnenstrahlen roten Flußstreifen von ihnen getrennt.

Der Geruch nach Wasser und Wiesen, der zu ihm herüber zog, löste seine Unruhe nur in ein Gefühl der Schwermut und Verlassenheit auf.

Dann, als das Gras dunkel wurde und aus der Erde ein silbriger Nebel stieg, bis die Herden in Rauch zu stehen schienen, kam es ihm vor, als wäre sein Kopf ein Kerker, und er selbst säße darin und blickte durch seine Augen hindurch wie durch langsam erblindende Fenster in eine Welt der Freiheit hinein, die für immer Abschied nimmt.

— — — — — — — —

Die Stadt lag in tiefer Dämmerung, und das hallende Dröhnen von den zahllosen seltsam geformten Türmen und ihre Glockenspiele zitterten durch den Dunst, als die ersten Häuserreihen ihn aufnahmen.

Er entließ den Wagen und ging der Richtung zu, in der seine Wohnung lag, durch winklige Gassen, Grachten entlang, in denen regungslos schwarze plumpe Kähne schwammen, eingetaucht in eine Flut fauler Äpfel und verwesenden Unrats, unter Giebeln mit eisernen Hebearmen hinweg, die aus vornübergeneigten Mauern sich im Wasser spiegelten.

An den Türen saßen gruppenweise auf Stühlen, die sie aus ihren Stuben geholt hatten, Männer in blauen weiten Hosen und roten Kitteln, Weiber flickten schwätzend an Netzen, und Scharen von Kindern spielten auf der Straße.

Rasch schritt er hindurch an den offenen Hausfluren vorbei, die ihn anhauchten mit ihrem Atem von Fischgeruch, Arbeitsschweiß und ärmlichem Alltag, über Plätze hin, wo an den Ecken die Waffelbäcker ihre Stände aufgeschlagen hatten und ein Brodem von brenzlichem Schmalzdampf bis in die schmalen Gassen zog.

Die ganze Trostlosigkeit der holländischen Hafenstadt mit dem sauber gewaschenen Pflaster und den unsagbar schmutzigen Kanälen, den wortkargen Menschen, dem fahlweißen Netzwerk der Schiebefenster an den engbrüstigen Häuserfassaden, den engen Käse- und Heringsläden mit ihren schwelenden Petroleumlichtern und den giebligen rotschwärzlichen Dächern, legte sich ihm auf die Brust.

Einen Augenblick sehnte er sich fast aus diesem Amsterdam mit seiner finsteren Abkehr von Heiterkeit zurück in die lichteren Städte, die er von früher kannte und in denen er gelebt hatte. Das Dasein in ihnen schien ihm mit einemmal wieder begehrenswert, — wie alles, was in der Vergangenheit liegt, schöner und besser erscheint als die Gegenwart, — doch die letzten, häßlichen Erinnerungen, die er von ihnen mitgebracht hatte, die Eindrücke äußern und innern Verfalls und des unaufhaltsamen Hinwelkens erstickten sofort das leise erwachende Heimweh.

Um seinen Weg abzukürzen, passierte er eine eiserne Brücke, die über eine Gracht in die feinen Stadtviertel führte, und durchquerte eine in Licht getauchte, dicht belebte Straße mit prunkvollen Schaufenstern, um ein paar Schritte später, als habe die Stadt blitzschnell ihr Antlitz verändert, wieder in einer stockfinstern Gasse zu stehen: Die alte Amsterdamer „Neß“, die berüchtigte Dirnen- und Zuhälterstraße, vor Jahren niedergerissen, war hier wie eine scheußliche Krankheit, die plötzlich von neuem hervorbricht, in einem andern Stadtteil wieder auferstanden mit einem ähnlichen, nicht mehr so wilden und rohen, aber weit furchtbareren Gesicht.

Was Paris, London, die Städte Belgiens und Rußlands an Existenzen ausspieen, die, auf kopfloser Flucht vor den losbrechenden Revolutionen ihre Heimat mit dem erstbesten Zug verlassen hatten, traf hier in diesen „vornehmen“ Lokalen zusammen.

Portiers mit langen blauen Röcken, Dreispitze auf dem Kopf und Stäbe mit Messingknäufen in der Hand, rissen stumm wie Automaten die gepolsterten Eingangstüren auf und schlugen sie wieder zu, als Hauberrisser vorüberschritt, sodaß jedesmal ein greller, blendender Schein auf die Gasse fiel und eine Sekunde lang wie aus einer unterirdischen Kehle heraus ein wüster Schrei von Negermusik, Cymbalbrausen, oder wahnwitzig aufheulenden Zigeunergeigen die Luft zerriß.

Oben, in den ersten und zweiten Stockwerken einzelner Häuser, herrschte eine andere Art Leben — ein lautloses, flüsterndes, katzenhaft lauerndes hinter roten Gardinen. Kurzes, schnelles Fingertrommeln an den Scheiben, da und dort gedämpfte Rufe, hastig abgerissen, in allen Sprachen der Welt und dennoch nicht mißzuverstehen, — ein Oberleib in weißer Nachtjacke, der Kopf unsichtbar in der Finsternis, wie abgehauen von einem Rumpf mit winkenden Armen, — dann wieder: offene, pechschwarze Fenster, leichenhaft still, als wohne in den Zimmern dahinter der Tod.

Das Eckhaus, das die lange Gasse abschloß, schien verhältnismäßig harmlosen Charakters zu sein; — ein Gemisch aus Tingeltangel und Restaurant, nach den Zetteln zu schließen, die an den Mauern klebten.

Hauberrisser trat ein.

Ein menschenüberfüllter Saal mit runden, gelbgedeckten Tischen, an denen gegessen und getrunken wurde.

Im Hintergrund ein erhöhtes Podium mit einem Halbkreis von etwa zwölf Chansonetten und Komikern, die auf Stühlen saßen und warteten, bis ihre Nummer daran kam.

Ein alter Mann mit kugelförmigem Bauch, aufgeklebten Glotzaugen, weißem Kehlbart, die unglaublich dünnen Beine in grünen Froschtrikots mit Schwimmhäuten, saß zehenwippend neben einer französischen Coupletsängerin im Incroyablekostüm und unterhielt sich flüsternd mit ihr über anscheinend sehr wichtige Dinge, während das Publikum verständnislos den in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag eines als polnischer Jude verkleideten Charakterdarstellers in Kaftan und hohen Stiefeln über sich ergehen ließ, der, eine kleine Glasspritze, wie sie in Bandagistenläden feil sind — für Ohrenleidende — in der Hand hielt und dazu, nach jeder Strophe einen grotesken „Deigestanz“ einschaltend, durch die Nase sang:

„Jach ordiniier

vün draj bis vier

und wohn’ im zweinten Stock;

als Spezialist

berihmt sehr ist

der Doktor Feiglstock.“

— — — — — — — —

Hauberrisser sah sich nach einem noch freien Platz um; überall war die Menge — anscheinend zumeist Einheimische bürgerlichen Mittelstandes, — dicht gedrängt; nur an einem Tisch in der Mitte lehnten auffallenderweise noch ein paar leere Stühle. Drei wohlbeleibte, gereifte Frauen und eine alte, strengblickende mit Adlernase und Hornbrille saßen, emsig Strümpfe strickend, um eine mit buntwollener Gockelhaube bedeckte Kaffeekanne herum wie in einer Insel häuslichen Friedens.

Ein freundliches Nicken der vier Damen gestattete ihm, sich zu setzen.

Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, es sei eine Mutter mit ihren verwitweten Töchtern, aber, wie er jetzt sah, konnten sie kaum verwandt sein. Dem Typus nach waren die drei jüngern, wenn auch einander gänzlich unähnlich — alle blond, fett, etwa fünfundvierzig Jahre alt und von kuhartiger Behäbigkeit — Holländerinnen, während die weißhaarige Matrone offenbar aus dem Süden stammte.

Schmunzelnd brachte ihm der Kellner das Beefsteak; ringsum die Leute an den Tischen grinsten, sahen herüber, tauschten halblaute Bemerkungen, was hatte das alles zu bedeuten? Hauberrisser konnte nicht klug daraus werden; er musterte heimlich die vier Frauen, nein, unmöglich, — sie waren die Spießbürgerlichkeit selbst.

Schon das gesetzte Alter verbürgte ihre Ehrbarkeit.

Oben auf dem Podium hatte soeben ein sehniger Rotbart mit sternenbannergeschmücktem Zylinderhut, enganliegenden, blauweißgestreiften Hosen, an der grüngelb karrierten Weste eine Weckeruhr und in der Tasche eine erwürgte Ente — seinem Kollegen, dem greisen Frosch, unter den gellenden Klängen des Yankeedoodle den Schädel gespalten, und ein Rotterdamer Lumpensammlerehepaar sang „met pianobegeleiding“ das alte schwermütige Lied von der gestorbenen „Zandstraat“:

„Zeg Rooie, wat zal jij verschrikken

Als jij’s thuis gevaren ben:

Dan zal je zien en ondervinden

Dat jij de Polder nie meer ken.

De heele keet wordt afgebroken,

De heeren krijgen nou d’r zin.

De meides motten uit d’r zaakies

De burgemeester trekt er in.“

Ergriffen, als handle es sich um einen protestantischen Choral, — die Augen der drei fetten Holländerinnen glänzten tränenfeucht, — brummte das Publikum mit:

„Ze gaan de Zandstraat netjes maken

’t Wordt ’n kermenadebuurt

De huisies en de stille knippies

Die zijn al an de Raad verhuurt.

Bij Nielsen ken je nie meer dansen

Bij Charley zijn geen meisies meer.

En moeke Bet draag al’n hoedje

Die wordt nu zuster in den Heer.“

— — — — — — — —

Grell, wie die Arabesken in einem Kaleidoskop, lösten die Nummern des Programms einander ab, ohne Pause, kunterbunt zusammengestellt: pudellockige englische Babygirls von schreckenerregender Unschuld, Apachen mit rotwollenen Shawls, eine syrische Bauchtänzerin, gefüllt mit wild wogenden Eingeweiden, Glockenimitatoren und bayrische melodisch rülpsende Schnadahüpfler.

Eine fast narkotische Nervenberuhigung ging von diesem Mischmasch von Sinnlosigkeiten aus, als hafte ihnen etwas an von der seltsamen Zauberkraft, die einem kindischen Spielzeug innewohnt und oft ein besseres Heilmittel ist für ein vom Leben zermürbtes Herz, als das erhabenste Kunstwerk.

Hauberrisser verging die Zeit, er merkte es kaum, und als eine Schlußapotheose die Vorstellung krönte und die Artistentruppe mit entfalteten Bannern aller Völker der Erde — vermutlich ein Symbol für den glücklich wiederhergestellten Weltfrieden — abzog, voran ein kakewalktanzender Neger mit dem üblichen:

Oh Susy Anna

Oh don’t cry for me

I’m goin’ to Loosiana

My true love for to see — — —

konnte er sich nicht genug wundern, daß er das Verschwinden der zahlreichen Zuschauer nicht gemerkt hatte; der Saal war beinahe leer.

Auch seine vier Tischnachbarinnen hatten sich lautlos empfohlen.

Statt dessen lag als zartes Angebinde auf seinem Weinglas: eine rosa Visitenkarte mit zwei schnäbelnden Tauben und der Aufschrift

MADAME GITEL SCHLAMP
die ganze Nacht geöffnet

Waterloo Plein Nr. 21

15 Damen

Im eignen Palais

Also doch! — — — —

„Wünscht der Herr ein verlängertes Eintrittsbillet?“ fragte der Kellner leise, vertauschte flink das gelbe Tischtuch mit einer weißen Damastdecke, stellte einen Strauß Tulpen in die Mitte und legte silberne Bestecke auf.

Ein ungeheurer Ventilator fing an zu surren und saugte die plebejische Luft empor.

Livrierte Diener zerstäubten Parfüms, ein roter Sammetläufer rollte seine Zunge auf über dem Boden bis über das Podium, Klubsessel aus grauem Leder wurden hereingeschoben.

Man hörte das Vorfahren von Wagen und Automobilen auf der Straße.

Damen in Abendtoiletten von ausgesuchter Eleganz, Herren im Frack strömten herein: dieselbe internationale, scheinbar feinste Gesellschaft, die Hauberrisser abends sich in den Zirkus hatte drängen sehen.

In wenigen Minuten waren die Räume voll bis zum letzten Platz.

Leises Klirren von Lorgnonketten, halblautes Lachen, Knistern seidner Röcke, Duft von Damenhandschuhen und Tuberosen, blitzende Perlenrivièren und Brillanttropfen, Zischen von Champagnerflaschen, das spröde Rascheln der Eisstücke in den silbernen Kühlern, wütendes Kläffen eines Schoßhündchens, weiße, diskret gepuderte Frauenschultern, Schaumwellen von Spitzen, süßlich scharfer Geruch von kaukasischen Zigaretten; — das Bild, das der Saal soeben noch geboten, war nicht mehr zu erkennen.

Wieder saßen an Hauberrissers Tisch vier Damen, — eine ältere mit goldner Lorgnette und drei jüngere, — eine schöner als die andere: Russinnen mit schmalen, nervösen Händen, blondem Haar und dunklen Augen, die niemals zwinkerten, den Blicken der Herren nicht auswichen und sie dennoch nicht zu sehen schienen.

Ein junger Engländer, dessen Frack von weitem den ersten Schneider verriet, kam vorüber, blieb eine Weile stehen, wechselte ein paar verbindliche Worte mit ihnen — ein feines, vornehmes, todmüdes Gesicht; der linke Ärmel, leer bis zur Achsel, baumelte schlaff herab und ließ seine schmächtige hohe Gestalt noch schmaler erscheinen; das Monokel wie festgewachsen in der tiefen Knochenhöhle unter der Braue.

Lauter Menschen ringsum, die der Spießer aller Völker instinktiv haßt wie der krummbeinige Dorfköter den hochgezogenen Rassehund, — Geschöpfe, die den breiten Massen immer ein Rätsel bleiben, ihr ein Gegenstand der Verachtung und des Neides zugleich sind, — Wesen, die in Blut waten können, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohnmächtig werden, wenn eine Gabel auf dem Teller kreischt, — die wegen eines schiefen Blickes zur Pistole greifen und ruhig lächeln, wenn man sie beim Falschspielen ertappt, — die ein Laster alltäglich finden, vor dem der „Bürger“ sich bekreuzigt, und lieber drei Tage dursten, als aus einem Glas trinken, das ein anderer benutzt hat, — die an den lieben Gott glauben wie an etwas Selbstverständliches, aber sich von ihm absondern, weil sie ihn für uninteressant halten, — die für hohl gelten bei solchen, die voll Plumpheit als Lack und Tünche zu durchschauen glauben, was in Wirklichkeit seit Geschlechtern zum wahren Wesenskern geworden ist, und doch weder hohl sind, noch das Gegenteil, — Geschöpfe, die keine Seele mehr haben und deshalb der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen sind für die Menge, die nie eine Seele haben wird, — Aristokraten, die lieber sterben als kriechen und mit unfehlbarem Spürsinn den Proleten in einem Menschen wittern, ihn tiefer stellen als ein Tier und unbegreiflicherweise vor ihm zusammenknicken, wenn er zufällig auf dem Thron sitzt, — Mächtige, die hilfloser werden können als ein Kind, wenn das Schicksal nur die Stirne runzelt, — — Werkzeuge des Teufels und sein Spielball zugleich. — — — —

Ein unsichtbares Orchester hatte den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin beendet.

Eine Glocke schrillte.

Der Saal wurde still.

An der Wand über der Bühne leuchteten in winzigen Glühbirnen Buchstaben auf:

! La Force d’Imagination !

und ein französisch friseurhaft aussehender Herr in Smoking und weißen Handschuhen, mit schütterem Haar und Spitzbart, schlaffen, gelben Hängebacken, eine kleine rote Rosette im Knopfloch und tiefe Schatten um die Augen, trat aus dem Vorhang heraus, verbeugte sich und setzte sich stumm auf einen Sessel inmitten des Podiums.

Hauberrisser nahm an, es werde irgendein mehr oder weniger zweideutiger Vortrag, wie man sie in Kabaretts zu hören bekommt, folgen, und blickte ärgerlich weg, als der Darsteller — ob aus Verlegenheit, oder sollte ein ordinärer Witz daraus werden? — an seiner Toilette zu nesteln begann.

Eine Minute verging, und noch immer herrschte lautlose Stille im Saal und auf der Bühne.

Dann setzten gedämpft zwei Geigen im Orchester ein, und wie aus weiter Ferne blies schmachtend ein Waldhorn: „Behüt’ dich Gott, es wär zu schön gewesen, behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein.“

Erstaunt nahm Hauberrisser seinen Operngucker und schaute auf die Bühne.

Vor Entsetzen fiel ihm beinahe das Glas aus der Hand. Was war das! War er plötzlich wahnsinnig geworden? Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne — kein Zweifel, ja, er war wahnsinnig geworden! Unmöglich konnte das, was er sah, in Wirklichkeit auf dem Podium — hier vor hunderten von Zuschauern, Damen und Herren der noch vor Monaten vornehmsten Kreise — stattfinden.

Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe Dyk oder als medizinisches Kuriosum in einem Hörsaal, aber hier?!

Oder träumte er? War ein Wunder geschehen und der Zeiger der Zeit in die Epoche Ludwigs XV. zurückgesprungen? — — —

Der Darsteller hielt beide Hände fest auf die Augen gepreßt wie jemand, der sich innerlich mit Aufgebot seiner ganzen Phantasie irgend etwas so lebhaft wie möglich vorzustellen wünscht — — —, erhob sich dann nach einigen Minuten. Verbeugte sich hastig. Und verschwand.

Hauberrisser warf einen schnellen Blick auf die Damen an seinem Tisch und die Gesellschaft in der Nähe. Niemand verzog auch nur eine Miene.

Nur eine russische Fürstin leistete sich die Ungeniertheit, zu applaudieren.

Als sei überhaupt nichts geschehen, ging man heiter plaudernd zur Tagesordnung über.

Hauberrisser hatte die Empfindung, als säßen mit einemmal lauter Gespenster um ihn herum; er fuhr mit den Fingern über das Tischtuch und sog den mit Moschus durchtränkten Blütenduft ein: — das Gefühl der Unwirklichkeit steigerte sich in ihm nur noch bis zum tiefsten Grauen.

Abermals schrillte die Glocke und der Saal wurde dunkel.

Hauberrisser benützte die Gelegenheit und ging.

Draußen auf der Gasse schämte er sich beinah seiner Gemütsbewegung.

Was war, im Grunde genommen, eigentlich so Schreckliches geschehen?, fragte er sich. Nichts, was nicht weit schlimmer in ähnlicher Art nach längeren Zeitläufen in der Geschichte der Menschheit immer wiedergekehrt wäre: das Wegwerfen einer Maske, die nie etwas anderes bedeckt hatte als bewußte oder unbewußte Heuchelei, sich als Tugend gebärdende Temperamentlosigkeit oder in Mönchsgehirnen ausgebrütete asketische Ungeheuerlichkeiten! — Ein krankhaftes Gebilde, so kolossal, daß es schließlich einem zum Himmel ragenden Tempel geglichen, hatte ein paar Jahrhunderte lang Kultur vorgetäuscht; jetzt fiel es zusammen und legte den Moder bloß. War das Aufbrechen eines Geschwüres denn gräßlicher und nicht weit weniger furchtbar als sein beständiges Wachsen? Nur Kinder und Narren, die nicht wissen, daß die bunten Farben des Herbstes die Farben der Verwesung sind, jammern, wenn statt des erwarteten Frühlings der tödliche November kommt.

So sehr sich Hauberrisser auch bemühte, sein Gleichgewicht wiederzufinden, indem er kühles Erwägen an Stelle des vorschnellen Gefühlsurteils setzte: das Grauen wich den Argumenten nicht — blieb hartnäckig bestehen, so, wie der Stein, weil sein innerstes Leben die Schwere ist, sich nicht durch Worte verrücken läßt.

Ganz allmählich, als flüstere es ihm eine Stimme in zögernden Sätzen silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verständlich, daß dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte — ein plötzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die Verderbnis.

Daß heute einem Publikum als selbstverständliches Schauspiel erscheinen konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmöglichkeit gegolten hätte, war das Atembeklemmende dabei, — dieses: „in rasenden Galopp verfallen“ und „wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen“ der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht hinein.

Hauberrisser fühlte, daß er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflösen, je krasser sie sind.

Er betrat eins der beiden schmalen Seitengäßchen, die links und rechts das Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus Glas vorüber, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden Chidher Grün’s; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rückwärtige Teil des sonderbaren, turmähnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er blickte empor zu den beiden trüben Fenstern, — auch hier wieder der befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebäude glich täuschend in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schädel, der mit den Zähnen des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.

Unwillkürlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische Durcheinander im Innern dieses Schädels aus Mauerwerk mit den vielerlei krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaßungen, als könnten hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rätsel schlafen, von denen Amsterdam sich nichts träumen ließ, verdichteten sich in seiner Brust zu einem beklemmenden Vorgefühl gefährlicher, an der Schwelle des Geschickes lauernder Ereignisse.

War die Vision des Gesichtes aus grünem Erz im Laden des Vexiersalons wirklich nur ein Traum gewesen?, überlegte er.

Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm plötzlich in seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, — schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.

Hatte der Mann tatsächlich mit den Füßen auf dem Boden gestanden? Je schärfer er sich das Bild zu vergegenwärtigen suchte, um so mehr zweifelte er, daß es der Fall gewesen war.

Er wußte mit einemmal haargenau, daß er die Schubladen des Pultes durch den Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.

Ein jähes Mißtrauen gegenüber seinen Sinnen und der anscheinend so fest begründeten Stofflichkeit der Außenwelt flammte, tief aus der Seele hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und gleichsam als Schlüssel zu den Geheimnissen derartiger unerklärlicher Vorgänge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: daß das Licht gewisser, unfaßbar weit entfernter Sterne in der Milchstraße am Himmel siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gäbe es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkörper dicht vor’s Auge zu rücken) dort oben nur Begebenheiten schauen könnte, so wirklich und wahrhaftig, als vollzögen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mußte also — ein Gedanke von erschütternder Furchtbarkeit! — in der unendlichen Ausdehnung des Weltenraumes jedes Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild, aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. „So gibt es also — wenn auch außerhalb des Bereiches menschlicher Macht — eine Möglichkeit,“ schloß er, „Vergangenes zurückzubringen?“

Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie plötzlich für ihn ein schreckhaftes Leben.

Er fühlte das Phantom gleichsam in Armesnähe neben sich hergehen, unsichtbar für die äußern Augen und doch weit gegenwärtiger als jener leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstraße, den alle Menschen sehen konnten Nacht für Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend Jahren am Himmel erloschen sein konnte — —

Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertümlichen Hause mit einem Vorgärtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.

So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, daß er sich unwillkürlich umblickte, bevor er eintrat.

Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen holländischen Häusern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein Schlafzimmer.

Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getäfelt, nur ein Tisch und vier Stühle in der Mitte; alles andere: Schränke, Kommoden, Waschtisch, sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wände.

Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.

Beim Auslöschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort einen würfelförmigen grünen Karton stehen.

„Aha, das Delphische Orakel aus Papiermaché, das man mir aus dem Vexiersalon geschickt hat“, legte er sich mit bereits entschwindendem Bewußtsein zurecht.

Eine Weile später fuhr er halb aus dem Schlummer auf; er glaubte ein merkwürdiges Geräusch gehört zu haben, als schlüge eine Hand mit kleinen Stäben auf den Fußboden.

Es mußte jemand im Zimmer sein!

Aber er hatte doch die Haustür fest zugeschlossen! Er erinnerte sich genau.

Vorsichtig tastete er an der Wand hin nach dem Drücker des elektrischen Lichtes, da berührte ihn etwas, das sich anfühlte wie ein kleines Brett, mit leisem, schnellem Schlag am Arm. Gleichzeitig hörte er ein Klappen in der Mauer, und ein leichter Gegenstand rollte über sein Gesicht.

Im nächsten Augenblick blendete ihn die aufleuchtende Glühbirne.

Wieder ertönte das Geräusch der klopfenden Stäbe.

Es kam aus dem Innern der grünen Schachtel auf dem Tisch.

„Der Mechanismus in dem albernen pappendeckelnen Totenkopf wird losgegangen sein; das ist alles,“ brummte Hauberrisser ärgerlich. Dann griff er nach dem Ding, das ihm übers Gesicht gekollert war und auf seiner Brust lag.

Es war eine zusammengebundene Rolle Schreibpapier, mit engen, verwischten Schriftzeichen bedeckt, wie er mit halbwachen Augen erkannte.

Er warf sie aus dem Bett hinaus, drehte das Licht ab und schlief wieder ein.

„Sie muß von irgendwo herabgefallen sein, oder bin ich an ein Klappfach in der Wand angekommen, in dem sie gelegen hat“, raffte er seine letzten klaren Gedanken zusammen, dann formten sie sich immer dichter und dichter zu konfusen Phantasiegebilden, und schließlich stand als Traumgestalt, wahllos aufgebaut aus den Eindrücken des Tages, ein Zulukaffer vor ihm, auf dem Kopf eine rotwollene Gockelhaube, die Füße geschmückt mit grünen Froschzehen, hielt in der Hand die Visitenkarte des Grafen Ciechoñski, und das schädelhafte Haus in der Jodenbreestraat stand grinsend dabei und kniff zwinkernd bald das eine, bald das andere Auge zu.

Das ferne bange Heulen einer Schiffssirene im Hafen war das letzte Überbleibsel aus der Sinnenwelt, das Hauberrisser noch eine kleine Strecke hinabbegleitete in die Abgründe des Tiefschlafs.

Viertes Kapitel

Baron Pfeill hatte in der Absicht, den Spätnachmittagszug nach Hilversum noch zu erreichen, wo sein Landhaus „Buitenzorg“ lag, die Richtung nach der Central Spoorweg-Station eingeschlagen und war bereits durch ein Gewimmel von Zelten und Buden hindurch dem beginnenden abendlichen Kirmesgetriebe entronnen und in der Nähe der Hafenbrücke angelangt, da verriet ihm der wie auf ein Zeichen eines Orchesterdirigenten hereinbrechende, ohrenbetäubende Lärm der hundert Glockenspiele auf den Kirchtürmen, daß es sechs Uhr war und er die Bahn nicht mehr erreichen konnte.

Rasch entschlossen ging er wieder in die Altstadt zurück.

Es war ihm fast eine Erleichterung, daß er den Zug versäumt hatte und ihm noch ein paar Stunden Zeit blieben, um eine Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die ihm unablässig im Kopf herumging, seit er Hauberrisser verlassen hatte.

Vor einem wundervollen, altertümlichen Barockbau aus rötlichen, weißumrahmten Ziegeln in der düstern Ulmenallee der Heerengracht blieb er stehen, sah einen Augenblick hinauf zu dem ungeheuren Schiebefenster, das fast die ganze Höhe und Breite des ersten Stockes einnahm, und zog dann an dem schweren, bronzenen Türdrücker inmitten des Portals, der zugleich die Hausglocke bildete.

Es verging eine Ewigkeit, bis ein alter livrierter Diener mit weißen Strümpfen und maulbeerfarbenen seidenen Kniehosen öffnen kam.

„Ist Herr Doktor Sephardi zu Hause? — Sie kennen mich doch noch, Jan, wie?“ Baron Pfeill suchte nach einer Visitenkarte. „Bringen Sie, bitte, diese Karte hinauf und fragen Sie ob —“

„Der gnädige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf?“ — Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so steil war, daß er sich an dem gewundenen Messinggeländer halten mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein stumpfer, betäubender Geruch nach Sandelholz erfüllte das ganze Haus.

„Erwartet mich? Wieso?“ fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine Erinnerung an das Bild des „Ewigen Juden“ mit dem olivgrünen Gesicht in gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedächtnis einander seltsam widersprachen und merkwürdigerweise nicht übereinstimmen wollten mit dem, was er Hauberrisser im Café erzählt hatte.

„Der gnädige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.“

„Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist lediglich ein Zufall, daß ich heute hergekommen bin.“

„Ich werde den gnädigen Herrn sofort verständigen, daß Sie hier sind, Mynheer.“

Baron Pfeill setzte sich und wartete.

Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten Stühle schillernde Samarkandseidenüberwürfe, die beiden überdachten südniederländischen Sessel neben dem prachtvollen, säulengeschmückten Kamin mit den goldeingelegten moosgrünen Nephritkacheln, in buntleuchtenden Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweißen Steinquadern des Fußbodens, die blaßrosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der Täfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wänden Rembrandtsche und andere Meister-Porträts von den Vorfahren Ismael Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im siebzehnten Jahrhundert von dem berühmten Hendrik de Keyser bauen ließen, darin gelebt hatten und gestorben waren.

Pfeill verglich die Ähnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im Geiste mit den Zügen Doktor Ismael Sephardis.

Es waren dieselben schmalen Schädel, dieselben großen, dunkeln, mandelförmigen Augen, die gleichen dünnen Lippen und leicht gebogenen scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmütig verächtlich blickende Typus der Spaniolen mit den unnatürlich schmalen Füßen und weißen Händen, der mit den gewöhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.

Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden Gesichtsschnitte.

Eine Minute später wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi begrüßt und einer jungen, blonden, auffallend schönen Dame von etwa sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.

„Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor?“ fragte Pfeill, „Jan, sagte mir —“

„Baron Pfeill hat so feinfühlige Nerven,“ erklärte Sephardi lächelnd der jungen Dame, „daß es genügt, einen Wunsch zu denken, und schon erfüllt er ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. — Fräulein van Druysen ist nämlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines Vaters,“ er wandte sich an Pfeill, „und von Antwerpen hergereist, um mich in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid wissen. Es betrifft ein Bild, — oder besser gesagt, könnte damit zusammenhängen, — von dem Sie mir einmal erzählten, Sie hätten es in Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.“

Pfeill sah erstaunt auf. „Haben Sie mir deshalb telegraphiert?“

„Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren jedoch, daß niemals ein ähnliches Gemälde in der Sammlung existiert habe. Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen überhaupt keine Bilder dort, da das Museum nur ägyptische Altertümer und — — —“

„Erlauben Sie, daß ich dem Herrn erzähle, warum mich die Sache so interessiert?“ mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gespräch. „Ich möchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhältnisse langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch, oder — es klingt vielleicht sonderbar — eine ‚Erscheinung‘ hinein, die oft monatelang sein ganzes Denken erfüllte.

Ich war damals noch zu jung — vielleicht auch zu lebenslustig — um das Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot) aber jetzt ist plötzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und eine beständige Unruhe quält mich, Dingen nachzugehen, die ich längst hätte verstehen lernen sollen.

Sie werden denken, ich sei überspannt, wenn ich Ihnen sage, ich möchte lieber heute als morgen aufhören zu leben. — Der blasierteste Genußmensch kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht näher sein als ich;“ — sie war mit einemmal ganz verwirrt geworden und faßte sich erst, als sie sah, daß Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhörte und die Stimmung, in der sie sich befand, sehr rasch zu verstehen schien. — „Ja, und das mit dem Bild, oder der ‚Erscheinung‘: welche Bewandtnis es damit hatte? Ich weiß so gut wie nichts darüber. Ich weiß nur, mein Vater sagte oft, wenn ich — damals noch ein Kind — ihn über Religion oder über den lieben Gott fragte, daß eine Zeit nahe bevorstünde, wo der Menschheit die letzten Stützen fortgerissen würden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen würde, was jemals Hände aufgebaut hätten.

Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die — das waren genau seine Worte — die das erzgrüne Antlitz des Vorläufers, des Urmenschen, der den Tod nicht schmecken wird, in sich schauen können.

Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser Vorläufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen könne, wenn ich ihm auf dem Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig, mein Kind, und grüble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so fürchte dich nicht, er ist der einzige Mensch auf Erden, der kein Gespenst ist. Auf der Stirne trägt er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens verborgen, denn wer das Zeichen des Lebens offen trägt und nicht tief innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wäre ein Gespenst und ein Raub der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du würdest’s nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm überall, am wahrscheinlichsten dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mußt du dazu sein. Auch Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getümmel der Jagd erblickt, und als er ihn mit der Armbrust töten wollte. —“

„Als dann viele Jahre später“ — fuhr Fräulein van Druysen nach einer Pause fort — „der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar blamierte —“

„Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil,“ unterbrach Baron Pfeill lächelnd.

„Ja, natürlich. Das meine ich: die Christenheit; — da dachte ich, mein Vater hätte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das große Blutbad angespielt —“

„Sicher hat er den Krieg nicht gemeint,“ fiel Sephardi ruhig ein, „äußere Geschehnisse wie ein Krieg, und mögen sie noch so entsetzlich sein, verhallen wie harmloser Donner an den Ohren aller derer, die den Blitz nicht gesehen haben, und vor deren Füßen es nicht eingeschlagen hat; sie fühlen bloß das ‚Gott sei Dank, mich hat’s nicht getroffen‘.

Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr verstehen können, — die einen haben in die Hölle geblickt und tragen das Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum mehr als Druckerschwärze. Zu diesen gehöre auch ich.

Ich habe mich genau geprüft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir abgeglitten. Warum lügen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie sprechen die Wahrheit, will ich gern und demütig vor ihnen den Hut ziehen; aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmöglich zu denken, daß ich so viel tausendmal verworfener bin als sie. — Aber entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, ich habe Sie unterbrochen.“

„Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Blöße seines Herzens nicht schämt,“ dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude in das dunkelhäutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.

„Da glaubte ich, mein Vater hätte auf den Krieg angespielt,“ nahm die junge Dame ihre Erzählung wieder auf, „aber allmählich fühlte ich, was heute jeder spürt, der nicht von Stein ist, — daß eine würgende Schwüle aus dem Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwüle, dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Können, wird mein Vater, denke ich, mit den Worten gemeint haben: Die letzten Stützen werden der Menschheit fortgerissen.

Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrünen Gesicht des Urmenschen, wie ihn mein Vater nannte, erzählte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten ein großer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken könne als eine Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehört zu haben, Sie kennten ein Porträt — — —“

„das leider nicht existiert,“ ergänzte Pfeill. „Ich habe Doktor Sephardi von diesem Bild erzählt, alles das stimmt; auch daß ich — allerdings seit ungefähr einer Stunde nicht mehr — fest überzeugt war, das Bild vor Jahren, — wie ich annahm, in Leyden, — gesehen zu haben, stimmt.

Jetzt stimmt für mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.

Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund über das Bild, sah es in der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hängen; dann, als ich zum Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich plötzlich, daß dieser Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrünen Gesichtes in meinem Gedächtnis umgab, und ich ging sofort in die Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu überzeugen, ob ich ihm damals vor Jahren wirklich von dem Porträt erzählte, oder auch das am Ende nur geträumt hätte.

Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlösbares Rätsel. Es hat mich früher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch geträumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die Erinnerung an diesen Traum dann für ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten habe?

Noch verwickelter wird die Sache für mich dadurch, daß, während Sie, gnädiges Fräulein, vorhin von Ihrem Vater erzählten, mir das Gesicht wieder mit geradezu betäubender Deutlichkeit erschien, — nur anders, lebendig, beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und starr wie ein Gemälde — —.“

Er brach plötzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als ob das Bild ihm etwas zuflüstere.

Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.

Von der Heerengracht herauf ertönte klangvoll das Spiel einer der großen Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen langsam durch die Straßen fahren.

„Ich kann nur annehmen,“ begann Sephardi nach einer Weile, „daß es sich in diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, — daß Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewußte Wahrnehmung, irgend etwas erlebt haben, das sich dann später unter der Maske eines Porträts in die Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer Wirklichkeit verwuchs. — Sie müssen nicht fürchten, daß so etwas krankhaft oder abnormal wäre,“ fügte er hinzu, als er sah, daß Pfeill eine abwehrende Handbewegung machte, „solche Dinge kommen weit häufiger vor, als man glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken könnte: — ich bin überzeugt, wie Schuppen würde es uns von den Augen fallen und wir wären mit einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf führen, ohne es zu wissen, weil es jenseits unseres körperlichen Daseins liegt und während unseres Zurückwanderns über die Brücke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet, vergessen wird. — Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der ‚Wiedergeburt‘ schreiben, ohne die es unmöglich sei, ‚das Reich Gottes zu schauen‘, scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhängig von den äußeren Sinnen existiert, — im ‚Paradies‘, kurz und gut.“ — Er holte ein Buch aus einem Spind und deutete auf ein Bild darin. „Der Sinn des Märchens vom Dornröschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wüßte nicht, was diese alte, alchemistische illustrierte Darstellung der ‚Wiedergeburt‘ hier: ein nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschädel mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? — Übrigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Fräulein van Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrüne Gesicht.“

„Am Zee Dyk?“ jubelte Pfeill, „das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat man Ihnen denn da wieder aufgebunden?“

„Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, höre ich, nur eine einzige, allerdings sehr üble Matrosenschenke ‚Zum Prins van Oranje‘ ist noch vorhanden; sonst leben nur harmlose, arme Handwerker in der Gegend.“

„Auch ein greiser Sonderling mit seiner Schwester, ein verrückter Schmetterlingssammler namens Swammerdam, der sich in freien Stunden einbildet, der König Salomo zu sein. Wir sind bei ihm zu Gast geladen,“ fiel die junge Dame fröhlich ein; „meine Tante, ein Fräulein de Bourignon, verkehrt täglich dort. — Nun — was sagen Sie jetzt, was für vornehme Beziehungen ich habe? — Um Irrtümern vorzubeugen: sie ist nämlich eine ehrwürdige Stiftsdame aus dem Béginenkloster und von überschäumender Frömmigkeit.“

„Was?! Der alte Jan Swammerdam lebt noch?“ rief Baron Pfeill lachend, „der muß doch schon neunzig Jahre alt sein? Hat er immer noch seine zweifingerdicken Gummisohlen?“

„Sie kennen ihn? Was ist das eigentlich für ein Mensch?“ fragte Fräulein van Druysen lustig erstaunt. „Ist er wirklich ein Prophet, wie meine Tante behauptet? Bitte, erzählen Sie mir doch von ihm.“

„Mit Vergnügen, wenn’s Ihnen Spaß macht, mein Fräulein. Nur muß ich mich ein wenig eilen und quasi jetzt schon Abschied von Ihnen nehmen, sonst versäume ich abermals meinen Zug. Jedenfalls Adieu im Voraus. Aber Sie dürfen nichts Unheimliches oder dergleichen erwarten — die Sache ist lediglich komisch.“

„Umso besser.“

„Also: Ich kenne Swammerdam seit meinem vierzehnten Jahr, — später verlor ich ihn natürlich aus den Augen.

Ich war damals ein fürchterlicher Lausbub und betrieb alles, das Lernen selbstverständlich ausgenommen, wie ein Besessener. Unter anderem den Terrariensport und das Insektensammeln.

Wenn’s wo einen Ochsenfrosch oder eine asiatische Kröte von Handkoffergröße in einem Naturaliengeschäft gab, schon daß ich sie besaß und in großen heizbaren Glaskästen bändigte.

Nachts war ein Gequake, daß in den Nachbarhäusern die Fenster klirrten.

Und was das Viehzeug an Ungeziefer zum Fressen brauchte! Säckeweis mußte ich es herbeischaffen.

Daß es heute in Holland so wenig Fliegen mehr gibt, ist ausschließlich meiner damaligen Gründlichkeit beim Futtersammeln zu verdanken.

Zum Beispiel die Schwaben — die habe ich ausgerottet.

Die Frösche selbst bekam ich nie zu Gesicht; bei Tage waren sie unter den Steinen verkrochen, und nachts bestanden meine Eltern hartnäckigerweise darauf, daß ich schliefe.

Schließlich riet mir meine Mutter, ich solle die Biester freilassen und bloß die Steine behalten — es käme auf dasselbe heraus und sei einfacher — aber ich wies solche verständnislosen Vorschläge natürlich entrüstet zurück.

Meine Emsigkeit im Insektenfangen wurde allmählich Stadtgespräch und zog mir eines Tages das Wohlwollen des entomologischen Vereins zu, der damals aus einem ixbeinigen Barbier, einem Pelzhändler, drei pensionierten Lokomotivführern und einem Präparator am naturwissenschaftlichen Museum bestand, der jedoch an den Sammelausflügen nicht mitmachen durfte, da seine Frau es nicht erlaubte. Es waren lauter gebrechliche alte Herren, die teils Käfer, teils Schmetterlinge sammelten und eine seidene Fahne verehrten, auf der die Worte eingestickt waren: Osiris, Verein für biologische Forschung.

Trotz meiner Jugend wurde ich als Mitglied aufgenommen. Noch heute besitze ich das Diplom, das mit den Worten schließt: ‚Wir entbieten Ihnen unsern besten biologischen Gruß‘.

Warum man auf meinen Eintritt in den Klub so versessen war, wurde mir bald klar. Sämtliche biologische Greise waren nämlich entweder halb blind und infolgedessen außerstande, die in Baumritzen versteckten Nachtfalter zu erspähen, oder es machte sich ihnen das Vorhandensein von Krampfadern bei dem zur Käferjagd nicht zu missenden Dünensandwaten störend bemerkbar. Andere wieder wurden regelmäßig — wahrscheinlich infolge der Aufregung — beim Schwingen des Netzes nach dem hurtigen Pfauenauge im entscheidenden Augenblick von einem rasselnden Hustenausbruch befallen, der sie der erhofften Beute jedesmal verlustig gehen ließ.

Von allen diesen Bresthaftigkeiten besaß ich keine einzige, und eine Raupe mehrere Kilometer weit auf einem Blatt zu entdecken, war mir eine Kleinigkeit; kein Wunder daher, daß die findigen Greise auf den Gedanken gekommen waren, sich meiner und noch eines Schulkameraden von mir als Spür- und Jagdhund zu bedienen.

Nur einer von ihnen, eben jener Jan Swammerdam, der damals bestimmt schon fünfundsechzig Jahre zählte, übertraf mich weit, was das Auffinden von Insekten anbelangte. Er brauchte nur einen Stein umzudrehen, und schon lag eine Käferlarve oder sonst etwas Ersehnenswertes darunter.

Er stand im Geruch, die Gabe des Hellsehens auf diesem Gebiete als Folge eines mustergiltigen Lebenswandels in sich erweckt zu haben. — Sie wissen ja, Holland hält viel von Tugend!

Ich habe ihn nie anders gesehen als in einem schwarzen Gehrock, den kreisförmigen Abdruck eines unter die Weste geschobenen Schmetterlingsnetzes zwischen den Schulterblättern und unter den Schößen, ein kurzes Stück herausragend, den grünen Stiel davon.

Weshalb er nie einen Hemdkragen trug, sondern statt dessen um den Hals die zusammengefaltete Borte einer alten Leinwandlandkarte, erfuhr ich, als ich ihn einmal in seiner Dachkammer besuchte. Ich kann nicht hinein, erklärte er mir und deutete auf einen Schrank, der seine Wäsche enthielt: Hybocampa Milhauseri — das ist nämlich eine seltene Raupe — hat sich dicht neben dem Scharnier verpuppt und braucht drei Jahre, bis sie auskriecht.

Bei unsern Exkursionen benutzten wir alle die Eisenbahn; nur Swammerdam ging hin und her zu Fuß, denn er war zu arm, um die Kosten zu erschwingen, und damit er sich die Schuhsohlen nicht durchlief, bestrich er sie mit einer geheimnisvollen Kautschuklösung, die im Laufe der Zeit zu einer mehrere Finger dicken Lavaschicht erhärtete. Ich sehe sie heut noch vor mir.

Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seltener Schmetterlingsbastarde, die zu züchten ihm bisweilen gelang, doch reichte der Erlös nicht, um zu verhindern, daß seine Gattin, die stets nur ein liebevolles Lächeln für seine Marotten hatte und geduldig die Armut mit ihm trug, eines Tages an Entkräftung starb. —

Seit jener Zeit vernachlässigte Swammerdam die finanzielle Seite des Daseins ganz und gar und lebte nur noch seinem Ideal, nämlich: einen gewissen grünen Mistkäfer zu finden, von dem die Wissenschaft behauptet, er kapriziere sich darauf, genau siebenunddreißig Zentimeter unter der Erde vorzukommen, und auch da nur an Orten, deren Oberfläche mit Schafdünger bedeckt sei.

Mein Schulkamerad und ich bezweifelten dieses Gerücht aufs lebhafteste, waren aber in der Verworfenheit unserer jugendlichen Herzen ruchlos genug, von Zeit zu Zeit Schafmist, den wir zu diesem Behuf immer in der Tasche zu tragen pflegten, an besonders harten Stellen der Dorfstraßen heimlich auszustreuen und uns indianerhaft zu freuen, wenn Swammerdam bei seinem Anblick wie ein irrsinnig gewordener Maulwurf sofort zu graben anfing.

Eines Morgens jedoch begab sich buchstäblich ein Wunder, das uns aufs tiefste erschütterte.

Wir machten einmal wieder einen Ausflug; voran trabten die Greise und meckerten das Vereinslied: