‚Eu—prep—ia
pudica (das ist nämlich der lateinische Name eines sehr schönen Bärenspinners)
sind leider keine da,
doch wären welche hier,
steckt’ ich sie gleich zu mir‘
und den Zug schloß, baumlang, hager, schwarz gekleidet wie immer, und den Handspaten gezückt: Jan Swammerdam. Auf seinem lieben, alten Gesicht lag der Ausdruck geradezu biblischer Verklärung, und als man ihn nach der Ursache fragte, sagte er nur geheimnistief, er hätte in der Nacht einen verheißungsvollen Traum gehabt.
Gleich darauf ließen wir unauffällig eine Prise Schafmist fallen.
Swammerdam erspähte sie, blieb stehen, entblößte sein Haupt, tat einen tiefen Atemzug und blickte, von Hoffnung und Glauben durchschauert, lange zur Sonne auf, bis seine Pupillen ganz klein wie Nadelköpfe waren; dann beugte er sich nieder und fing an zu scharren, daß die Steine nur so flogen.
Mein Schulkamerad und ich standen dabei, und in unsern Herzen frohlockte der Satan.
Plötzlich wurde Swammerdam totenblaß, ließ den Spaten fallen und starrte, die Hände verkrampft und an den Mund gedrückt, in das Loch, das er gewühlt hatte.
Gleich darauf holte er mit zitternden Fingern einen grünschillernden Mistkäfer aus der Tiefe hervor.
Er war so ergriffen, daß er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke Tränen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns: heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getröstet und mir verheißen, daß ich den Käfer finden werde. —
Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.
Mein Schulkamerad sagte mir später, er habe sich noch lange vor seiner eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer Heiligen gewesen sei.“
— — — — — — — —
Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Fräulein van Druysen zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenfluß zweier Grachten in unmittelbarer Nähe der düstern Nicolas Kerk hinzog.
Über den Häusergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rötliche Schein der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die Luft, vermischt mit dem weißen Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des Vollmonds auf den Dächern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch, in dem die Schlagschatten der Kirchtürme als lange spitzige Dreiecke aus schwarzem Schleier schwebten.
Wie das Pochen eines großen Herzens tönte das Schlapfen der Motore herüber, die die zahlreichen Karussels drehten.
Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus den Schießbuden, vibrierten durch die dunkeln Straßen und ließen ein von Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge Bretterstände voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnüssen, umdrängte; im Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende Schaukeln, nickende Mohrenköpfe mit weißen Gipspfeifen als Zielscheiben, ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit Ringen darnach zu werfen, fettglänzende Seehunde in hölzernen Bassins voll schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler Häuser wie eine Schar stumm zuschauender schwärzlicher Riesen mit weißen, viereckig vergitterten Augen. — —
Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe des lärmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebäude, in dessen Keller sich die berüchtigte Matrosenschenke „Prins van Oranje“ befand.
Ein mürber Staubgeruch nach Kräutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen Drogenmagazin neben dem Eingang entströmend, erfüllte das Innere des Hauses bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: „Hier verkoopt men sterke dranken“ verriet, daß außerdem noch ein gewisser Lazarus Eidotter tagsüber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk betrieb.
Doktor Sephardi und Fräulein van Druysen kletterten die hühnersteigartige Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweißen Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Fräulein van Druysens, voll Herzlichkeit mit den Worten empfangen: „Willkommen, Eva, und willkommen auch du, König Balthasar, im neuen Jerusalem!“ —
Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andächtig um einen Tisch herum gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und wurden von Fräulein de Bourignon vorgestellt:
„Hier Jan Swammerdam und seine Schwester,“ — ein altes verhutzeltes Weiblein mit holländischer Haube und „Krulletjes“ an den Ohren knixte unaufhörlich, — „dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm geistigen Kreis gehört, aber er ist ‚Simon der Kreuzträger‘,“ — („und im selben Hoose wohn’ jach ooch, mit Verloob,“ ergänzte stolz der Angeredete, ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), — „ferner Fräulein Mary Faatz von der Heilsarmee — sie hat den Geistesnamen Magdalena — und unser lieber Bruder Hesekiel“ — sie wies auf einen jungen Menschen mit blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wäre es aus Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzündeten Augen, „er ist Angestellter unten in dem Drogengeschäft und trägt den Geistesnamen Hesekiel, weil er, wenn die Zeit erfüllt ist, die Geschlechter richten wird.“
Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Fräulein van Druysen.
Ihre Tante, die es bemerkte, erklärte: „Wir tragen alle Geistesnamen; zum Beispiel Jan Swammerdam ist der König Salomo, seine Schwester heißt Sulamith und ich bin ‚Gabriele‘, das ist die weibliche Form des Erzengels Gabriel, aber gewöhnlich nennt man mich die Hüterin der Schwelle, denn mir liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies zurückzuführen. Doch das werden Sie später alles besser verstehen, Herr Doktor, denn Sie gehören zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr Geistesname ist König Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen gehabt?“
Sephardi wurde immer verwirrter.
„Schwester Gabriele geht, fürchte ich, ein wenig zu stürmisch vor,“ nahm Jan Swammerdam lächelnd das Wort. „Vor vielen Jahren ist nämlich hier im Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er wohnt über uns.
Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer; fast, möchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. — Jedem Namen nun liegt eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen in unser Herz hineinsprechen, unablässig, bis er für Tag und Nacht beständig unser Wesen erfüllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Körper verändert.
Diese allmähliche Wandlung unseres Leibes, — denn nur er allein muß verändert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn, — gibt sich in allerlei Gefühlen kund, die die Vorboten des Zustandes sind, der ‚geistige Wiedergeburt‘ heißt.
Ein solches Gefühl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne daß wir erkennen können warum, anfangs nur im Fleische wühlt, dann aber die Knochen ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der ‚ersten Taufe‘, das ist die ‚Taufe mit Wasser‘, die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist, das heißt: Wundmale an den Händen auf unbegreifliche Weise sich öffnen und Wasser daraus hervortritt,“ — er und die übrigen, mit Ausnahme Lazarus Eidotters, hoben die Hände in die Höhe, und man sah tiefe, runde Narben darin wie von Nägelwunden.
„Aber das ist ja Hysterie!“ rief Fräulein van Druysen entsetzt.
„Nennen Sie es ruhig Hysterie, Mejufrouw; die ‚Hysterie‘, unter der wir stehen, ist nichts Krankhaftes. Zwischen Hysterie und Hysterie ist ein großer Unterschied. Nur diejenige Hysterie, die Hand in Hand geht mit Ekstase und Geistesverwirrung, ist einer Krankheit gleichzustellen und führt nach abwärts, die andere Art jedoch ist die Geistesentwirrung — das ‚Kommen zur Klarheit‘, und ist der Weg nach aufwärts, der über das Erfassen der Erkenntnisse durch das Denken hinaus den Menschen zum Wissen durch direktes ‚Schauen‘ führt.
In der Schrift heißt dieses Ziel das ‚innere Wort‘, und, wie der Mensch der heutigen Zeit denkt, indem er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Worte im Gehirn lispelt, so spricht im geistig wiedergeborenen Menschen eine andere geheimnisvolle Sprache mit neuen Worten, in denen es kein ‚Mutmaßen‘ und keinen Irrtum mehr gibt. Dann ist das Denken ein neues Denken geworden — ist Magie und nicht mehr ein armseliges Verständigungsmittel, — ist ein Offenbarwerden der Wahrheit, in deren Licht der Irrtum verschwindet, weil die Zauberringe der Gedanken sodann ineinander greifen und nicht mehr nebeneinander liegen.“
„Und sind Sie so weit, Herr Swammerdam?“
„Wenn ich so weit wäre, säße ich nicht hier, Mejufrouw.“
„Sie sagten, der gewöhnliche Mensch denke, indem er im Gehirn Worte bilde; wie ist es nun,“ fragte Sephardi interessiert, „bei jemand, der taubstumm geboren ist und keine Sprache kennt?“
„Dann denkt er teils in Bildern, teils in der Ursprache.“
„Lassen Se mir aach ämol reden, Swammerdamleben!“ rief Lazarus Eidotter streitlustig dazwischen: „Gut, Sie haben Kabbala, ich hab’ aber auch Kabbala. ‚Im Anfang war das Wort‘ ist falsch übersetzt. ‚Bereschith‘ heißt auf deitsch das ‚Koppwesen‘, Ihnen gesagt, und nicht: ‚im Anfang‘. Auf was herauf: ‚im Anfang‘??“
„Das Kopfwesen!“ murmelte Swammerdam und versank eine Weile in tiefes Grübeln; „ich weiß. Aber der Sinn bleibt derselbe.“
Die andern hatten schweigend zugehört und sahen einander bedeutungsvoll an.
Eva van Druysen fühlte instinktiv, daß sie bei dem Wort „Kopfwesen“ an das „olivgrüne Gesicht“ gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi hinüber, der ihr unmerklich zunickte.
„Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie zuteil geworden und wie äußert sie sich?“ brach er endlich das Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.
Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: „Klinkherbogk? Ja;“ — er sammelte sich: — „Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es sein ganzes Denken verzehrte und er vor beständiger Sehnsucht viele Jahre nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts saß er wie gewöhnlich vor seiner Schusterkugel, — Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser sehen zu können, — da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht: der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: „Nimm hin und verschling’s und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird’s süß sein wie Honig.“ Das Gesicht der Erscheinung war verhüllt, nur ihre Stirne war frei, und ein grünleuchtendes Kreuz glühte darauf.“
Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters über die Gespenster ein, die das Zeichen des Lebens offen trügen, und einen Augenblick faßte es sie an wie kalte Furcht.
„Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das ‚innere Wort‘,“ kam Swammerdam wieder auf seine Rede zurück, — „und es sagte ihm und durch seinen Mund auch mir — denn ich war damals sein einziger Schüler — wie wir leben sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist. Es wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller Jammer des irdischen Daseins würde von uns weichen und wir sollten wie Hiob tausendfältig wiedererhalten, was das Leben uns nähme.“
Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefährlich und trügerisch es sei, solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewußtsein Glauben zu schenken, aber er erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzählung von dem grünen Käfer. Überdies sah er ein, daß jede Warnung hier wohl zu spät käme.
Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu haben, denn er fuhr fort: „Es sind jetzt schon fünfzig Jahre her, daß uns diese Verheißung gegeben wurde, aber man muß sich in Geduld fassen und, was auch kommen möge, an der Übung festhalten, die darin besteht, den Geistesnamen ohne Unterlaß in unser Herz hineinzumurmeln, bis die Wiedergeburt vollendet ist.“ — Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschüttern.
„Fünfzig Jahre schon machen Sie diese Übung!? Es ist furchtbar!“ fuhr es Doktor Sephardi unwillkürlich heraus.
„Ach, es ist ja so himmlisch schön, zu sehen, wie alles in Erfüllung geht,“ säuselte Fräulein de Bourignon verzückt, „und wie sie aus dem Weltenraum hier zusammenströmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen — das ist nämlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater — und hier im ärmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war früher eine Prostituierte und jetzt ist sie die fromme Schwester Magdalena),“ flüsterte sie hinter der Hand ihrer Nichte zu, „ist gekommen und — und Lazarus ist vom Tode auferweckt worden — — aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem Brief, den ich dir kürzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwähnt. Denk nur: Lazarus ist durch Abram vom Tode auferweckt worden!“ — Jan Swammerdam stand auf, trat ans Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. — „Ja, ja, leibhaftig vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.“
Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flüsterton erklärte, es sei allerdings etwas an der Sache, — „bewußtlos, freilich, bin ich gewest; vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt’ Sie, ä alter Mann wie ich!“
„Und darum beschwöre ich dich, Eva,“ richtete Fräulein de Bourignon ihre Rede mit größter Eindringlichkeit an ihre Nichte, „tritt ein in unsern Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die ersten sein.“
Der Kommis aus dem Drogengeschäft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen gehalten hatte, erhob sich plötzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, die entzündeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:
„Jo, jo, jo — — d—d—die Ersten w—w—werden die Leleletzten sein, und eher geht ein Ka—Ka— — —“
„Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm,“ rief die Hüterin der Schwelle, „Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!“
„— — Ka—Kamel durch ein N—N—N—N—“
Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische Striche über Stirn und Mund.
„Es ist nur der ‚Gegensatz‘, wie wir es nennen, Mejufrouw,“ redete Schwester Sulamith, die alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen zu, die ängstlich zur Tür geflohen war. „Bruder Hesekiel leidet manchmal darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand über die höhere. Aber es geht schon vorüber;“ — der Kommis hatte sich auf alle Viere niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, während das Mädchen aus der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zärtlich die Haare streichelte — „denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Sünder, und Bruder Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht — Sie verzeihen, daß ich es so offen sage, Mejufrouw — wie Erbitterung über ihn und umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen nehmen, um sie zu tragen!“
Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die Abgründe des Daseins und, was sie früher in Büchern gelesen, stand jetzt in furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.
Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte, die Finsternis einiger Schluchten zu zerreißen.
„Wie viel und weit Schrecklicheres,“ sagte sie sich, „muß erst in der Tiefe schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begünstigten zu schauen vermag.“
Wie durch eine geistige Explosion von den Hüllen mühsam anerzogener menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in häßlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz sein Leben ließ.
Das Bewußtsein einer riesengroßen Mitschuld, begangen durch weiter nichts, als durch bloße Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und dem so selbstverständlich scheinenden Mangel an Interesse gegenüber dem Leid des Nächsten — eine Unterlassungssünde, winzig wie ein Sandkorn in der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung — erfüllte Eva mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und plötzlich gewahrt, daß er eine Giftschlange in Händen hält.
Als Sulamith von der Armut des Kommis erzählte, hatte Eva in der ersten Aufwallung nach der Börse gegriffen, — es war die gewisse Reflexbewegung, mit der das Herz den Verstand überrumpeln zu können wähnt, — dann schien ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewählt, und der feste Vorsatz, das Versäumte später besser und gründlicher nachzuholen, trat an die Stelle der Tat.
Die altbewährte Kriegslist des Vaters der Lüge, Zeit zu gewinnen, bis die Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.
Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still vor sich hin.
Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrückbar an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, benützte die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes Räucherfäßchen aus und überreichte es Swammerdam.
„Gold, Weihrauch und Myrrhen — die heiligen drei Könige aus dem Morgenland!“, flüsterte die „Hüterin der Schwelle“ mit vor Rührung erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. „Als es gestern hieß, Sie kämen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch gebracht! König Melchior, — er heißt im Leben Baron Pfeill, ich weiß es von der kleinen Katje, — ist heute auch schon geistig erschienen“ — sie wandte sich geheimnisvoll zu den Übrigen, die erstaunt aufhorchten, — „und hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar, der König aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne;“ — sie zwinkerte Mary Faatz, die ihren Blick verständnisvoll erwiderte, selig zu: — „ja, mit Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende —“
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:
„Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Großvater hat die zweite Geburt.“
Fünftes Kapitel
Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurück, ehe sie mit ihm den Übrigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogk’s hinaufstiegen.
„Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich möchte Ihnen nur kurz eine Frage stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen hätte. — Was Sie vorhin über Hysterie gesagt haben und über die Kraft, die in den Namen verborgen liegt, hat mich tief berührt, — aber andrerseits —“
„Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw?“ — Swammerdam blieb stehen und sah ihr ernst in die Augen. — „Ich begreife sehr wohl, daß das, was Sie vorhin mit angehört haben, Sie nur verwirren muß. Dennoch können Sie großen Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit und für sie sind wir reif. Für die Offenbarungen an andern müssen Sie taub und blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schärfe eines Messers; Sie können andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch dürfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das Gleichgewicht und stürzt ab. Hier gibt’s kein gemeinsames Vorwärtsschreiten wie in der Welt, und so unbedingt nötig auch ein Führer ist: er muß aus dem Reich des Geistes zu Ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch Ihnen als Führer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und wir wollen zu keinem andern Gott beten, als zu dem, der sich in unsrer eignen Seele offenbart.“
„Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart?“ fragte Eva verzweifelt.
„Dann müssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller Sehnsucht, deren Sie fähig sind.“
„Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wäre das!“
„Er wird kommen! Aber — entsetzen Sie sich nicht: — zuerst als Rächer Ihrer früheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testamentes, der gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in plötzlichen Veränderungen Ihres äußern Lebens. Alles müssen Sie zuerst verlieren, sogar —“ Swammerdam sagte es leise, als fürchte er sich, sie könne es hören — „sogar Gott, wenn sie ihn immer von neuem finden wollen. — Erst, wenn Ihre Vorstellung von Ihm — gereinigt von Gestalt und Form und jeglichem Begriff von Außen und Innen, Schöpfer und Geschöpf, Geist und Stoff, ist, werden Sie Ihn —“
„Sehen?“
„Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie sich sehen. Dann sind Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seines eingegangen und Ihr Bewußtsein ist nicht mehr vom Leibe abhängig, der wie ein wesenloser Schatten dem Grab entgegen geht.“
„Welchen Zweck haben aber dann die Schläge des äußeren Lebens, von denen Sie sprechen? Sind sie eine Prüfung oder eine Strafe?“
„Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozeß, für den einen mehr, für den andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner Erkenntnis.“
„Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein Schicksal verändern?“
„Sofort! Nur wird es sich nicht „verändern“, es wird werden wie ein galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.“
„Ist Ihr Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage, aber nach dem, was ich über Sie gehört habe —“
„Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw,“ ergänzte Swammerdam lächelnd. „Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?: ‚Blicken Sie nie auf andere.‘ — Der eine erlebt eine Welt, und dem andern erscheint’s eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, daß Ihr Schicksal galoppiert, müssen Sie — ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich, denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das schwerste Opfer, das er bringen kann! — müssen Sie Ihren innersten Wesenskern, den Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar nicht einmal das), anrufen und Ihm — befehlen, daß Er Sie den kürzesten Weg zu dem großen Ziel führt, — dem einzigen, das des Erstrebens wert ist, so wenig Sie es jetzt auch erkennen, — erbarmungslos, ohne Rast, durch Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muß sein wie ein Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!“
„Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und — will umkehren?“
„Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, — nein, nicht einmal umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsäule werden, — der kein Gelöbnis abgelegt hat! Ein Gelöbnis in geistigen Dingen ist wie ein Befehl, und Gott ist der — Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn auszuführen. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lästerung! Im Gegenteil! — Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich weiß, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es könnte Ihnen sonst gehen wie dem Schächer, dem am Kreuze die Knochen gebrochen wurden!“
Swammerdams Gesicht war weiß geworden vor innerer Erregung.
Eva faßte seine Hand. „Ich danke Ihnen, Meister, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.“
Der alte Mann zog sie an sich und küßte sie ergriffen auf die Stirn. „Der Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!“
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Sie gingen die Stiege hinauf.
Wie unter einem jähen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer stehen. „Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen, die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelöbnis getan; wozu war all der unendliche Jammer gut?“
„Wissen Sie denn, daß sie kein Gelöbnis getan haben? Kann es nicht in einem früheren Leben geschehen sein,“ fragte Swammerdam ruhig, „oder im Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten weiß, was ihr frommt?“
Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr mehr über die Bestimmung der Wesen enthüllt, als sämtliche Religionssysteme der Welt imstande gewesen wären. Jede Klage über vermeintliche Ungerechtigkeit des Schicksals mußte verstummen angesichts des Gedankens, daß keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewählten.
„Wenn Sie keinen Sinn in dem zu finden vermögen, was in unserm Kreis vor sich geht, Mejufrouw, so lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Oft führt ein Weg abwärts und ist doch die kürzeste Brücke zum nächsten Anstieg. Das Fieber der geistigen Genesung sieht sich zuweilen an wie teuflische Fäulnis. Ich bin nicht der ‚König Salomo‘ und Lazarus Eidotter ist nicht ‚Simon der Kreuzträger‘, — wie Fräulein de Bourignon es zu äußerlich auffaßt, weil er Klinkherbogk einmal Geld in der Not geborgt hat, — aber an sich ist dieses Durcheinandermischen von Altem und Neuem Testament deshalb noch kein Unsinn. — Wir erblicken in der Bibel nicht nur die Aufzeichnung von Geschehnissen einer verflossenen Zeit, sondern einen Weg von Adam zu Christus, den wir an uns durchzumachen haben auf die magische Art eines inneren Wachstums von ‚Name‘ zu ‚Name‘, das ist: von Kraftentfaltung zu Kraftentfaltung,“ sagte Swammerdam und half Eva die letzten Treppenstufen hinauf, „von der Vertreibung aus dem Paradies zur Auferstehung. Es kann für so manchen ein Weg voll Schrecknissen werden und —“, er murmelte gepreßt wieder den Satz von dem Schächer, dem am Kreuz die Knochen gebrochen worden waren, vor sich hin.
Fräulein de Bourignon hatte mit den Übrigen vor der Dachstube auf das Kommen der beiden gewartet (nur Lazarus Eidotter war hinunter in seine Wohnung gegangen) und überschüttete ihre Nichte mit einem Schwall von Worten, ehe sie eintraten, um sie gebührend vorzubereiten:
„Denk nur, Eva, etwas unbeschreiblich Großes ist geschehen. Und gerade heute am Kalendertage des Sonnwendfestes — ach es ist ja so namenlos tiefsinnig — ja, was wollte ich nur sagen — ja richtig, das große Längstersehnte ist geschehen: in Vater Abram ist heute der Geistmensch als Kindlein geboren worden, und er hat es in sich schreien hören, als er gerade einen Absatz auf einen Stiefel festnagelte, was bekanntlich die ‚zweite Geburt‘ ist, denn die ‚erste‘, das ist das Bauchgrimmen, wie schon in der Schrift steht, wenn man sie nur richtig deutet, und dann werden die heiligen drei Könige vollzählig sein, denn Mary Faatz hat mir kürzlich erzählt, sie kenne, wenn auch nur ganz flüchtig, einen schwarzen Wilden, der in Amsterdam lebt, und vor einer Stunde hat sie ihn unten in der Schenke durchs Fenster sitzen sehen, und ich habe sofort eine Fügung der himmlischen Mächte darin erkannt, denn es kann natürlich nur der König Kaspar aus Mohrenland sein; ach, es ist ja eine unsagbare Gnade, daß gerade mir die Mission zuteil wurde, den dritten heiligen König ausfindig zu machen, und ich kann es in meiner Seligkeit gar nicht mehr erwarten, bis die Minute kommt und ich Mary hinunterschicken darf, um ihn heraufzuholen.“ Dabei öffnete sie die Tür und ließ alle der Reihe nach eintreten.
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Der Schuhmacher Klinkherbogk saß steif und regungslos am Kopfende eines langen, mit Sohlen und Werkzeugen bedeckten Tisches, die eine Seite seines abgezehrten Gesichtes vom Fenster her in grellem Mondlicht, daß die weißen Haare seines schüttern, holländischen Seemannsbartes wie metallene Fäden glänzten, die andere in tiefer Finsternis.
Auf dem kahlen Schädel trug er eine Krone, zackig aus Goldpapier geschnitten.
In der Kammer roch es sauer nach Leder.
Wie das haßerfüllte Zyklopenauge eines mit dem Leib in der Dunkelheit verborgenen Ungeheuers glomm die gläserne Schusterkugel im Raum und warf ihren Schein auf einen Haufen Zehnguldenstücke, die vor dem Propheten lagen.
Eva, Sephardi und die Angehörigen des geistigen Kreises waren an der Wand stehen geblieben und warteten.
Keiner wagte sich zu rühren; ein Bann hatte sich auf alle gelegt.
Die Blicke des Kommis hingen stier an dem Glanz der Münzen.
Zögernd krochen die Minuten in lautloser Stille, als wollten sie sich zu Stunden dehnen, — eine Motte schwirrte aus der Finsternis, kreiste als weißer Funken um das Licht der Kerze und verbrannte knisternd in der Flamme.
Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, starrte der Prophet in die gläserne Kugel, den Mund offen, die Finger über den Goldstücken verkrampft, und schien auf Worte zu lauschen, die aus weiter Ferne zu ihm kamen.
Ein dumpfer Lärm, der von der Hafenschenke auf der Gasse plötzlich heraufdrang und sogleich erstarb, als habe jemand das Haustor unten geöffnet und wieder zugeschlagen, glitt durchs Zimmer und erstickte in der Luft.
Wieder Totenstille.
Eva wollte zu Swammerdam hinsehen, aber eine ungewisse Furcht, sie könne in seinem Gesicht die gleiche bange Ahnung eines nahenden Unheils lesen, die ihr selbst fast den Atem raubte, hielt sie davon ab. Einen Pulsschlag lang glaubte sie sich zu erinnern, eine leise, kaum vernehmliche Stimme am Tische hätte gesagt: „Herr, laß diesen Kelch an mir vorübergehen,“ dann zerbröckelte der Eindruck unter den verlorenen Klängen des fernen Kirmestrubels, die ein Lufthauch am Fenster vorbeitrug.
Sie blickte auf und sah, daß die Spannung in den Zügen Klinkherbogks nachließ und in Verwirrung überging.
„Es ist ein groß Getöse in der Stadt,“ hörte sie ihn murmeln, „und ihre Sünde ist schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben, das vor mich kommen ist, oder ob’s nicht also sei, daß ich’s wisse.“
„So waren die Worte Jehovas nach dem ersten Buch Mosis,“ sagte Schwester Sulamith mit bebenden Lippen und bekreuzigte sich, „bevor Er Feuer und Schwefel regnen ließ. — — Zürne nicht, Herr, daß ich rede: man möchte vielleicht zehn Gerechte in der Stadt finden!“
Sofort sprang das Motiv auf Klinkherbogk über und weckte in ihm die Vision eines kommenden Weltuntergangs. Mit eintöniger Stimme, als läse er geistesabwesend etwas vor, sprach er zur Wand hin:
„Ich sehe einen Sturmwind herbrausen über die Erde, der da machet, daß alles, was aufrecht steht, ein Wagrechtes wird unter seiner Wut und eine Wolke fliegender Pfeile. Er reißet die Gräber auf, und die Leichensteine und Schädel der Toten sind gleich einem Hagelschauer, der in der Luft fegt. Bläst das Wasser aus den Flüssen und Deichen, pfützet es von seinem Munde weg wie Sprühregen und legt die Pappeln an den Straßen und hohen Bäume als wehende Schöpfe am Boden hin. Und das um der Gerechten willen, die die lebendige Taufe haben;“ — seine Worte wurden wieder klanglos — „der aber, auf den ihr wartet, wird nicht kommen als ein König, ehe die Zeit nicht vollendet ist; erst muß der Vorbote in euch sein, als ein neuer Mensch, um das Reich zu bereiten. Dennoch werden ihrer viele sein mit neuen Augen und Ohren, auf daß es nicht abermalen heiße von den Menschen: sie haben Ohren und hören nicht, sie haben Augen und sehen nicht; aber“ — Schatten einer tiefen Traurigkeit legten sich auf sein Gesicht — „aber auch unter ihnen sehe ich Abram nicht! Denn jeglichem wird zugemessen nach seinem Maß, und er hat, ehe die Geburt des Geistes reif worden, den Schild der Armut von sich getan und seiner Seele ein gülden Kalb gegossen, den Sinnen ein Tanzfest zu bereiten. Noch eine kleine Weile, und ihr habet ihn nicht mehr. — Der König aus dem Mohrenland wird ihm die Myrrhen des andern Lebens bringen und seinen Leib den Fischen der trüben Wässer zum Fraße vorwerfen, denn das Gold Melchiors ist eingekommen, bevor das Kind in der Krippe lag und hätte den Fluch wegnehmen können, der auf jeglichem Golde ist. Also ist es zum Unheil erboren, noch ehe die Nacht weicht. — Und der Weihrauch Balthasars ist zu spät gekommen.
Aber du, Gabriel, höre: strecke die Hand nicht nach der Ernte, die nicht weiß ist zum schneiden, daß die Sichel den Knecht nicht verwunde und dem Weizen den Schnitter nehme.“
Fräulein de Bourignon, die während seiner Rede des öftern verzückt geseufzt hatte, ohne sich auch nur zu bemühen, ihren dunkeln Sinn zu erfassen, unterdrückte einen Freudenschrei, als ihr Geistesname „Gabriel“ genannt wurde, und wisperte Mary Faatz, die daraufhin eiligst die Stube verließ, hastig ein paar Worte zu.
Swammerdam, der es bemerkte, wollte sie daran hindern, aber er kam zu spät, — das Mädchen lief bereits die Treppe hinab.
Müde ließ er die Hand sinken und schüttelte nur resigniert den Kopf, als ihn die „Hüterin der Schwelle“ verwundert anblickte.
Der Schuster war einen Augenblick zu sich gekommen und rief ängstlich nach seiner Enkelin, versank aber gleich darauf wieder in seine Ekstase.
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In der Matrosenschenke „Prins van Oranje“ hatte fast die ganze Zeit über eine wüste Gesellschaft von fünf Leuten beisammen gesessen und anfangs Karten gespielt; später, als die Nacht weiter vorrückte und das Lokal sich mit allerhand Gesindel vom Zee Dyk füllte, daß bald kaum mehr Platz war, um die Ellenbogen ausstrecken zu können, zogen sich die Herren in das Nebenzimmer zurück, in dem tagsüber die Kellnerin Antje wohnte, ein unförmliches, geschminktes Weibsbild in rotseidenem Rock bis zum Knie, mit fettem Hals, einem flachsgelben Zopf, Hängebusen und zerfressenen Nasenflügeln, — „die Hafensau“, wie sie von den Stammgästen genannt wurde.
Es waren: der Wirt der Spelunke — ehemals Steuermann auf einem brasilianischen Farbholzschiff, ein untersetzter, stiernackiger Kerl in Hemdsärmeln, die Pratzen blautätowiert und in den Ohrläppchen, von denen das eine halb abgebissen war, kleine goldene Ringe, — dann der Zulu Usibepu in dunkelblauem Leinenanzug, wie ihn die Heizer auf den Dampfern tragen, — ein buckliger Varietéagent mit langen, scheußlichen Spinnenfingern, — der Professor Zitter Arpád, der erstaunlicherweise wieder seinen Schnurrbart besaß und auch seine übrige Toilette der neuen Umgebung angepaßt hatte, — und als fünfter ein sonnengebräunter, sogenannter „Inder“ im weißen Smoking der Tropen, einer jener jungen Plantagenbesitzerssöhne, die zuweilen aus Batavia oder andern niederländischen Kolonien nach Europa kommen, um das holländische Vaterland kennen zu lernen, und dann in wenigen Nächten auf die sinnloseste Art ihr Geld in Verbrecherkneipen vertun.
Seit einer Woche schon „wohnte“ der junge Herr im „Prins van Oranje“ und hatte seitdem auch nicht ein einziges Mal das Tageslicht gesehen, außer gegen Morgen einen Streifen Dämmerung hinter dem grünverhängten Fenster, ehe ihm vor Trunkenheit die Augen zufielen und er sich unausgezogen und ungewaschen auf den Divan warf, um bis spät in den nächsten Abend hinein zu schlafen. Und dann ging es eilig von neuem an bei Würfeln und Karten, Bier, schlechtem Wein und Fusel, mit Freihalten von Hafengelichter, chilenischen Matrosen und belgischen Dirnen, bis der letzte Scheck von der Bank zurückgewiesen wurde und die Reihe an Uhrkette, Ringe und Manschettenknöpfe kam.
Zu diesem Schlußfeste hatte der Wirt seinen Freund Zitter Arpád einzuladen sich verpflichtet gefühlt, und der Herr Professor war denn auch pünktlich erschienen und hatte gewissermaßen als Picknickbeitrag den Zulukaffern, der als hervorragender Artist stets bares Geld besaß, mitgebracht.
Einige Stunden lang hatten die Herren bereits dem Macao gehuldigt, ohne daß es einem von ihnen gelungen wäre, die Glücksgöttin dauernd an seine Seite zu fesseln, denn so oft der Professor versuchte, mit den Karten die Volte zu schlagen, jedesmal grinste der Varietéagent und Herr Zitter fühlte sich bemüßigt, mit seiner Kunstfertigkeit noch ein Weilchen inne zu halten, da es ihm natürlich nicht passen konnte, seinen schwarzen Schützling mit dem Buckligen zu teilen.
Umgekehrt verhielt es sich ebenso hinsichtlich des „Inders“, und daher sahen sich die beiden rivalisierenden Ehrenmänner zu ihrem Leidwesen genötigt, das erstemal im Leben ehrlich zu spielen, — eine Beschäftigung, die, nach dem melancholischen Ausdruck ihrer Gesichter zu schließen, sie an verflossene Kinderzeiten, als es noch um Knackmandeln und Nüsse ging, erinnern mochte.
Der Wirt selbst spielte aus freien Stücken ehrlich — zur Feier des Tages. Er empfand es seinen Gästen gegenüber als Kavalierspflicht, — nur, daß ihm diese für den Fall eines Verlustes den Schaden nachher wieder vergüten mußten, war selbstverständlich und bedurfte keiner weiteren Vereinbarung, — der „Inder“ war viel zu harmlos, um auch nur den Gedanken des Mogelns zu erfassen, und der Zulu in die Geheimnisse der weißen Magie noch viel zu wenig eingeweiht, als daß er es hätte wagen dürfen, vermittelst Zuhülfenahme eines fünften Asses Zaubereien zu seinen Gunsten einzuleiten.
Erst gegen Mitternacht, als die lockenden Banjomelodien im Gassenlokal anfingen, immer stürmischer die Anwesenheit des jungen Mäcens zu heischen, die schnapsdurstige Menge ihre Ungeduld nicht länger zu meistern vermochte und schließlich sogar eine à la Pony frisierte Dirne ins Zimmer trat, um besorgt nach dem Verbleib ihres „Bräutigams“ zu sehen, vollzog sich eine Umgruppierung der Streitkräfte, die zur Folge hatte, daß der „Inder“ und der Zulu im Handumdrehen von Herrn Zitter und dem Varietéagenten auf gemeinsame Rechnung S. E. & O. ausgeplündert waren. —
Des Herrn Professors hervorstechendste Charaktereigenschaft war Freigebigkeit, und daher ließ er es sich nicht nehmen, Fräulein Antje in das nunmehr geleerte Spielzimmer zu einem gemeinsamen Souper mit seinem Freunde Usibepu zu bitten, dessen Vorliebe für auserlesene Gerichte und ein Getränkegemisch aus denaturiertem Spiritus und salpetersäurehaltigen Essenzen, namens „Mogador“, er genau kannte.
Die Unterhaltung bei Tisch bewegte sich fast ausschließlich in einem Kauderwelsch von Negerenglisch, Kapjargon und Basutodialekt, welche Sprachen die beiden Herren meisterhaft beherrschten; nur die Kellnerin mußte sich zumeist auf Glutblicke, Zungeherausstrecken und sonstige international verständliche Gesten beschränken, um ihren Teil zur Anregung des Gastes beizutragen.
Gesellschaftsmensch durch und durch, verstand es der Professor nicht nur aufs trefflichste, das Gespräch keine Sekunde ins Stocken geraten zu lassen, — er behielt auch sein Hauptziel, dem Zulu das Geheimnis abzuknöpfen, wie man mit bloßen Füßen auf glühenden Steinen wandeln könne, ohne sich zu verbrennen, unentwegt im Auge und ersann tausend Listen, um seinen Zweck zu erreichen.
Der geschickteste Beobachter hätte ihm nicht angesehen, daß ihn nebenbei noch ein Gedanke unablässig quälte, der mit einer vertraulichen Botschaft Antje’s: — der Schuster Klinkherbogk oben unter dem Dach habe nachmittags in der Schenke einen Tausendguldenschein gegen Gold umwechseln lassen, — in enger Beziehung stand.
Unter dem Einfluß des feurigen Mogadors, des leckeren Mahles und der Sirenenkünste der jungen Dame geriet der Zulukaffer bald in einen Zustand wachsender Raserei, der es geraten erscheinen ließ, alle spitzigen oder zerbrechlichen Gegenstände aus dem Zimmer zu entfernen, und vor allem ihn selbst vor der Berührung mit den rauflustigen Matrosen im Gassenlokal, die, Antjes wegen eifersüchtig, nur darauf lauerten, mit ihren Messern über „den Nigger“ herzufallen, fernzuhalten.
Eine listig hingeworfene, hämische Bemerkung des Professors, das Zauberkunststück mit den heißen Steinen sei ein plumper Schwindel, brachte den Zulu schließlich derart außer Rand und Band, daß er alles kurz und klein zu schlagen drohte, wenn man ihm nicht auf der Stelle ein Becken mit glühenden Kohlen reiche.
Zitter Arpád, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, ließ den längst bereitstehenden Kübel hereintragen und die glühenden Kohlen auf dem Zementboden des Zimmers ausschütten.
Sofort kauerte sich Usibepu nieder und atmete den erstickenden Dunst mit offenen Nüstern ein. Seine Augen bekamen allmählich einen gläsernen Ausdruck.
Er schien etwas zu sehen, und seine Lippen zuckten wie im Zwiegespräch mit einem Phantom.
Dann sprang er plötzlich auf, stieß einen markerschütternden Schrei aus, — so schrill und furchtbar, daß das Gejohle der Menge in der Gassenschenke jäh verstummte, und sie sich Kopf an Kopf mit totenblassen Gesichtern lautlos an die Tür des Zimmers drängte, um hereinzuspähen.
Eine Sekunde später hatte er sich die Kleider vom Leib gerissen und vollführte splitternackt, muskelstrotzend wie ein schwarzer Panther, Schaum vor dem Mund und den Kopf in wahnwitziger Geschwindigkeit vor- und rückwärts schleudernd, einen Tanz um die Glut herum.
Der Anblick war derart grausig und erregend, daß es selbst den wilden chilenischen Matrosen den Atem verschlug vor panischem Schrecken und sie sich an der Wand halten mußten, um nicht von den Bänken herunterzufallen, auf die sie gestiegen waren.
Der Tanz endete mit einem Ruck wie unter einem unhörbaren Befehl; der Zulu schien mit einemmal wieder ganz bei Bewußtsein, — nur sein Gesicht war aschgrau geworden, — trat langsam und gemessen mit bloßen Füßen auf die glühenden Kohlen und blieb mehrere Minuten lang unbeweglich darauf stehen.
Keine Spur von Brandgeruch, der verraten hätte, daß seine Haut versengt worden wäre. Als er von dem Gluthaufen herabstieg, fand der Professor seine Sohlen völlig unversehrt und nicht einmal heiß.
Ein junges Mädchen in der schwarzblauen Tracht der Heilsarmee, die mittlerweile leise von der Gasse hereingekommen war, hatte den letzten Teil der Vorstellung mit angesehen und nickte dem Zulu, den sie zu kennen schien, freundlich einen Gruß zu.
„Ja, wo kommst denn du her, Mary?“ rief die Hafensau erstaunt, umarmte sie und küßte sie zärtlich auf beide Wangen.
„Ich habe Mister Usibepu heute abend durchs Fenster hier sitzen sehen, — ich kenne ihn vom Café Flora her, wo ich ihm mal die Bibel hab’ auslegen wollen, aber er kann ja leider nur wenig Holländisch —“ erklärte Mary Faatz, — „und eine feine alte Dame aus dem Béginenstift schickt mich, ich soll ihn hinaufbringen, und noch zwei vornehme Herrschaften sind auch oben.“
„No, halt bei dem Schuster Klinkherbogk.“
Zitter Arpád fuhr herum, als er den Namen hörte, tat aber gleich darauf so, als kümmere es ihn weiter nicht, und fing an, den Zulu, der in seinem Triumph für Fragen zugänglicher war als sonst, geschickt in seinem afrikanischen Kauderwelsch auszuholen.
„Ich beglückwünsche meinen Freund und Gönner, den Mister Usibepu aus Ngomeland und bin stolz zu sehen, daß er ein großer Quimboiseur ist und in den Zauber Obeah T’changa eingeweiht.“
„Obeah T’changa?“ rief der Neger; „Obeah T’changa das da!“ — er schnippte verächtlich mit den Fingern. — „Ich Usibepu große Medizin, ich Vidû T’changa. Ich grüne Gift-Vidû-Schlange.“
Mit Gedankenschnelle reimte sich der Professor ein paar Ideen zusammen. Er glaubte eine Spur gefunden zu haben. Gelegentlich hatte er im Verkehr mit indischen Artisten gehört, der Biß gewisser Schlangen rufe bei Individuen, die sich an das Gift zu gewöhnen imstande seien, abnormale Zustände erstaunlichster Art, wie Fernsehen, Nachtwandeln, Unverwundbarkeit und dergleichen hervor. — Warum sollte, was in Asien möglich war, nicht bei den afrikanischen Wilden ebenfalls vorkommen?!
„Ich bin auch von der großen Zauberschlange gebissen,“ renommierte er und deutete auf eine ixbeliebige Narbe an seiner Hand.
Der Zulu spuckte geringschätzig aus. — „Vidû nicht wirkliche Schlange. Wirkliche Schlange dreckiger Wurm. Vidû-Schlange grüne Geisterschlange mit Menschengesicht. Vidû-Schlange ist ein Souquiant. Ihr Name ist Zombi.“
Zitter Arpád verlor die Fassung. Was waren das für Worte? Er hatte sie noch nie gehört: Souquiant? Es schien französischen Ursprungs zu sein. Und was bedeutete: Zombi?! — Er war unklug genug, seine Unkenntnis offen einzugestehen, und gab sein Ansehen dem Neger gegenüber damit ein für allemal preis.
Usibepu reckte sich hochmütig auf und erklärte: „Ein Mensch, der Haut wechseln kann, ist ein Souquiant. Lebt ewig. Ein Geist. Unsichtbar. Kann alles zaubern. Der Vater der schwarzen Menschen war Zombi. Die Zulus seine Lieblingskinder. Sie gingen aus seiner linken Seite hervor.“ — Er schlug sich auf den mächtigen Brustkasten, daß es dröhnte. — „Jeder Königszulu weiß geheimen Namen von Zombi. Wenn ihn ruft, so Zombi erscheint als große Gift-Vidû-Schlange mit grünes Menschengesicht und heiliges Fetischzeichen auf Stirne. Wenn Zulu erstesmal sieht Zombi und Zombi hat Gesicht verhüllt, so Zulu muß sterben. Wenn aber Zombi erscheint mit verdecktes Stirnzeichen und grünes Gesicht offen, so Zulu lebt und ist Vidû T’changa, große Medizin und Herr über Feuer. Ich, Usibepu, bin Vidû T’changa.“
Zitter Arpád biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er sah ein, daß sich mit dem Rezept nichts anfangen ließ.
Umso eifriger bot er sich Mary Faatz als Dolmetscher an, die den inzwischen wieder angekleideten Zulu durch Gebärden und Worte zu überreden suchte, ihr zu folgen.
„Die Herrschaften werden sich ohne mich mit ihm nicht verständigen können,“ redete er auf sie ein, aber sie ließ sich nicht überzeugen.
Endlich begriff Usibepu, was Mary von ihm wollte, und ging mit ihr die Treppe hinauf in Klinkherbogks Wohnung.
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Der Schuster saß noch immer, die Papierkrone auf dem Kopf, vor dem Tisch.
Die kleine Katje war zu ihm geeilt, und er hatte die Arme erhoben, als wollte er das Kind an seine Brust ziehen, sie aber gleich darauf sinken lassen und wieder in die Kugel gestarrt, als der somnambule Zustand abermals Besitz von ihm ergriff.
Auf den Zehenspitzen schlich die Kleine an die Wand zurück neben Eva und Sephardi.
Die Stille im Zimmer war noch tiefer und quälender geworden als vordem, — konnte von Geräuschen nicht mehr durchbrochen werden, fühlte Eva —, wurde nur dichter und lauernder, wenn ein leises Rascheln der Kleider oder ein Knacken in den Dielen sich bisweilen hervorwagte, — war zur bleibenden Gegenwart geronnen, unberührbar von den Schwingungen der Töne, — glich einem schwarzsammetnen Teppich, auf dem Reflexe von Farben schwimmen, ohne in die Tiefe dringen zu können.
Unsicher suchende Schritte kamen die Treppe im Hause herauf und näherten sich der Dachkammer. —
Eva empfand es, als taste sich ein Würgengel aus der Erde empor.
Entsetzt zuckte sie zusammen, als unvermutet die Tür hinter ihr leise knarrte und der Neger wie ein riesenhafter Schatten im Halbdunkel auftauchte.
Auch die anderen waren heftig erschrocken, aber niemand getraute sich, seine Stellung zu verändern, — als sei der Tod über die Schwelle getreten und blicke suchend von einem zum andern.
Das Gesicht Usibepu’s zeigte keinerlei Verwunderung über die seltsame Umgebung und die Stille, die im Zimmer herrschte.
Er war unbeweglich stehen geblieben und verschlang Eva mit glühenden Blicken, ohne den Kopf zu wenden, bis Mary ihr zu Hilfe kam und sich stumm vor sie stellte.
Das Weiße seiner Augen und die blitzenden Zähne hingen in der Finsternis wie gespenstische Lichtflecke.
Eva kämpfte ihr Grauen nieder und zwang sich, unverwandt zum Fenster zu schauen, vor dem, im Mondschein glitzernd, aus einem Kran im Dachfirst eine armdicke eiserne Kette starr hinab in die Tiefe hing.
Leises, kaum hörbares Plätschern spielte in der Luft, wenn, vom Nachthauch bewegt, das Wasser der beiden gabelförmig zusammenfließenden Grachten unten an das Gemäuer des Hauses schlug. —
Ein Schrei am Tisch ließ alle auffahren. —
Klinkherbogk hatte sich halb erhoben und deutete mit steifem Finger auf den leuchtenden Punkt in der Kugel.
„Da ist er wieder“ — hörte man ihn röcheln, — „der Furchtbare mit der grünen Maske vor dem Gesicht, der mir den Namen Abram gegeben hat und das Buch zu verschlingen.“ Wie von einem Glanz geblendet, schloß er die Augen und sank schwer zurück.
Alle standen regungslos mit angehaltenem Atem; nur der Zulu hatte sich vorgebeugt, starrte auf eine Stelle über dem Kopf Klinkherbogks in die Dunkelheit und sagte halblaut:
„Der Souquiant ist hinter ihm.“
Niemand verstand, was er meinte. Dann abermals Totenstille eine lange, kaum endenwollende Zeit, in der keiner ein Wort zu sprechen vermochte.
Eva fühlte ihre Knie zittern vor unerklärlicher Aufregung.
Sie hatte die Empfindung, als durchdringe ein unsichtbares Wesen in grauenvoller Langsamkeit allmählich den Raum mit seiner Gegenwart.
Sie griff nach der Hand der kleinen Katje, die neben ihr stand. — — — — — — — — — —
Da flatterte plötzlich irgend etwas mit schreckhaftem Laut in der Finsternis auf und eine Stimme rief hastig:
„Abraham! Abraham!“
Eva stand das Herz still vor Entsetzen und sie sah, daß auch die andern zusammenzuckten.
„Hie bin ich,“ antwortete der Schuhmacher, ohne sich zu rühren, wie aus dem Schlaf.
Eva wollte aufschreien, aber die Todesangst schnürte ihr die Kehle zu.
Wiederum lähmte einen Augenblick gräßliche Stille jeden Pulsschlag, dann flog ein schwarzer Vogel mit weißgefleckten Fittichen irr durchs Zimmer, schlug mit dem Kopf an die Fensterscheibe und fiel flügelschlagend zu Boden. — —
„Es ist Jakob, unsere Elster,“ flüsterte die kleine Katje Eva zu; „sie ist aufgewacht.“
Eva hörte es wie durch eine Wand hindurch; die Worte brachten ihr keine Beruhigung und verstärkten nur noch das drosselnde Gefühl der Nähe eines dämonischen Wesens.
Unerwartet wie vorhin der Ruf des Vogels, schlug jetzt abermals eine Stimme an ihr Ohr; sie kam von den Lippen des Schusters, und es klang wie ein zerbissener Schrei:
— Seine Miene hatte sich plötzlich verwandelt und trug den Ausdruck lodernden Wahnsinns. —
„Isaak! Isaak!“
„Hie bin ich,“ antwortete die kleine Katje — genau wie vorhin ihr Großvater auf den Ruf des Vogels; so, als schliefe sie.
Eva fühlte, daß die Hand des Kindes eiskalt war.
Die Elster unter dem Fensterbrett schackerte laut. —
Es hörte sich an, wie das Lachen eines teuflischen Kobolds.
Silbe für Silbe, Ton für Ton hatte die Stille die Worte und das hämische Gelächter eingeschluckt mit gierigem, gespenstischem Mund. — Sie waren entstanden und verstummt wie das Herüberklingen eines Geschehnisses aus biblischer Vorzeit, das in der Kammer eines armseligen Handwerkers spukhaft wieder auferstand. — — — —
Ein hallender Glockenschlag von der Nicolaskerk dröhnte durchs Zimmer und zerriß mit seinem Vibrieren einen Augenblick den Bann.
„Ich möchte gehen, es greift mich zu sehr an,“ wandte sich Eva flüsternd zu Sephardi und ging zur Tür.
Sie wunderte sich, daß sie die Turmuhr die ganze Zeit über nicht gehört hatte, wo doch erst wenige Stunden vorüber waren, daß es Mitternacht geläutet haben mußte.
„Kann man den alten Mann so ohne Hilfe allein lassen?“ — fragte sie Swammerdam, der die Übrigen stumm zur Eile antrieb, und blickte zu Klinkherbogk hin. „Er scheint noch immer in Trance zu sein? Und auch das Kind schläft.“
„Er wird bald erwachen, wenn wir fort sind,“ beruhigte sie der Schmetterlingssammler, aber durch seine Worte klang ein leiser Unterton verhaltner Angst, — „ich will später nach ihm sehen.“
Man mußte den Neger fast mit Gewalt hinausdrängen, — seine Blicke hingen fiebrig an den Goldmünzen auf der Tischplatte; Eva sah, daß Swammerdam ihn nicht aus den Augen ließ und, als alle die Treppe hinuntergingen, rasch umkehrte, die Dachkammer des Schuhmachers absperrte und den Schlüssel einsteckte. — — —
Mary Faatz war vorausgelaufen, um den Gästen Mäntel und Hüte aus dem Zimmer im vierten Stock zu bringen und dann einen Wagen zu holen.
„Wenn nur der König aus Mohrenland wiederkommt; wir haben ihn ohne Abschied ziehen lassen; oh Gott, warum ist das Fest der Wiedergeburt so traurig verlaufen!“ jammerte Fräulein de Bourignon, als sie mit Swammerdam, der ihnen das Geleite gegeben hatte und wortkarg mit verstörtem Gesicht neben ihnen stand, vor dem Haustor auf die Droschke warteten, die sie in das Béginenstift, Eva in ihr Hotel und Doktor Sephardi nach Hause bringen sollte; — aber das Gespräch stockte bald und wollte nicht wieder in Fluß kommen.
Die Geräusche des Volksfestes in der Warmoesstraat waren erstorben, nur hinter den verhängten Fenstern der Schenke am Zee Dyk spielte noch ein Banjo wilde Tänze.
Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem Schatten, — die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch über der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte naß und weiß in grellem Mondlicht.
Eva trat an das Geländer, das die Gasse gegen die Gracht abschloß, und blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.
Wenige Meter von ihr entfernt berührte die eiserne Kette, die vom Dachkran, am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen schmalen, kaum fußbreiten Mauervorsprung.
Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als er die helle Frauengestalt erblickte, bückte er sich rasch nieder und wandte den Kopf weg.
Eva hörte den Wagen um die Ecke kommen und eilte fröstelnd zu Sephardi zurück; — einen Herzschlag lang, sie wußte nicht warum und wieso, war die Erinnerung an die weißen Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. — — — — — — — — — — — —
Der Schuster Klinkherbogk träumte, er ritte auf einem Esel durch die Wüste, an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Führer der Mann mit der Hülle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.
Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein Land, üppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab, und der Mann sagte ihm, es hieße Morija.
Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzstoß und legte Katje oben darauf.
Dann reckte er seine Hand aus und faßte das Messer, daß er das Kind schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wußte nach der Schrift, daß er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt. Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hülle vom Gesicht, das glühende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:
„Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf daß du von nun an das Ewige Leben habest. Das Zeichen des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne, damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist in Wahrheit die „zweite Geburt“: daß du eins bist mit mir und erkennest, daß ich, dein Führer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. —
Viele sind, die mein Gesicht gesehen haben, aber sie wissen nicht, daß es die zweite Geburt bedeutet, darum mag es sein, daß sie das ewige Leben jetzt nicht finden.
Noch einmal wird der Tod zu dir kommen, ehe du durch die schmale Pforte schreitest, — und vorher die Taufe mit Feuer als brennendes Bad des Schmerzes und der Verzweiflung.
Du hast es selbst so gewollt.
Dann aber wird deine Seele in das Reich, das ich dir bereitet habe, eingehen, so wie ein Vogel aus seinem Kerker fliegt ins ewige Morgenrot.“ —
Klinkherbogk sah, daß das Antlitz des Mannes aus grünem Golde war und den ganzen Himmel erfüllte, und er erinnerte sich einer Zeit, da er als junger Mensch, um denen den Pfad ebnen zu helfen, die nach ihm kämen, im Gebet ein Gelübde getan hatte, er wolle keinen Schritt mehr vorwärts gehen auf dem geistigen Wege, es sei denn, daß der Herr des Schicksals die Bürde einer ganzen Welt auf ihn lege.
Der Mann verschwand.
Klinkherbogk stand in tiefer Finsternis und hörte ein donnerndes Rollen, das langsam verblaßte, bis es nur mehr klang, als rassele in weiter Ferne ein Wagen über holpriges Pflaster. Allmählich kam er zu sich, das Traumbild in seinem Gedächtnis verblich und er sah, daß er in seiner Dachkammer war und — eine blutige Ahle in der Hand hielt.
Der Docht der herabgebrannten Kerze kämpfte mit dem Verlöschen und der flackernde Schein ließ das Gesicht der kleinen Katje, die erstochen auf dem zerschlissenen Divan lag, fahl aus der Dunkelheit aufzucken.
Der Wahnwitz einer grenzenlosen Verzweiflung fiel über Klinkherbogk her.
Er wollte sich die Ahle in die Brust stoßen, — die Hand gehorchte ihm nicht. Er wollte aufbrüllen wie ein Tier, — ein Krampf hatte seine Kinnlade gepackt und er konnte den Mund nicht öffnen, — er wollte sich den Schädel an der Wand zerschmettern, — seine Füße taumelten, als wären sie in den Gelenken zerbrochen.
Der Gott, zu dem er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, wachte in seinem Herzen auf, zur grinsenden Teufelsfratze verwandelt.
Er wankte zur Tür um Hilfe zu holen, rüttelte daran, bis er zusammenfiel, — die Tür war verschlossen.
Dann schleppte er sich zum Fenster, riß es empor und wollte nach Swammerdam schreien, — da hing zwischen Himmel und Erde ein schwarzes Gesicht und starrte ihn an.
Der Neger, der an der Kette heraufgeklettert war, schwang sich ins Zimmer.
Einen Augenblick sah Klinkherbogk einen schmalen, roten Streifen unter den Wolken im Osten; — wie ein Blitz kam ihm die Erinnerung wieder an seinen Traum, und er breitete sehnsüchtig die Arme nach Usibepu aus wie nach dem Erlöser.
Der Neger prallte entsetzt zurück, als er das verklärte Lächeln in Klinkherbogks Zügen bemerkte, dann sprang er auf ihn zu, faßte ihn am Hals und brach ihm das Genick.
Eine Minute später hatte er sich die Taschen mit dem Gold vollgestopft und schleuderte die Leiche des Schusters aus dem Fenster.
Klatschend fiel sie in die trüben, stinkenden Gewässer der Gracht, und über den Kopf des Mörders hinweg flog die Elster in die Morgendämmerung mit dem jauchzenden Jubelruf: „Abraham! Abraham!“