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Das grüne Gesicht: Ein Roman cover

Das grüne Gesicht: Ein Roman

Chapter 9: Achtes Kapitel
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About This Book

Set in an uncanny Amsterdam quarter, the narrative follows a disoriented foreigner whose encounters with a bizarre curiosity shop, its performers, and a parade of odd figures trigger a drift into occult visions, dream logic, and inner turmoil. Episodes blend urban realism, grotesque humor, and supernatural suggestion as the protagonist confronts shifting identities, symbolic objects, and cultlike spectacles; the work interweaves satirical portrayals of city life with mystical speculation and psychological unrest, unfolding through episodic scenes that blur waking experience and visionary states.

Als sie in der verflossenen Nacht vom Geländer der Gracht des Zee Dyk in die dunklen Wasser hinabgestarrt hatte, war der Mut über sie gekommen, dem Rat des alten Mannes zu folgen und mit Gott zu reden.

Was sie jetzt erlebte — war es bereits die Folge davon? — Eine bange Angst, daß es so sein müsse, erschreckte sie. — Das Bild der finstern Nikolaskirche, das eingesunkene Haus mit der eisernen Kette und der Mann in dem Boot, der sich so scheu vor ihr zu verbergen getrachtet hatte, huschte schreckhaft wie die Erinnerung an einen bösen Traum durch ihr Bewußtsein.

Hauberrisser stand am Tisch und ließ wortlos und erregt die Blätter eines Buches durch die Finger laufen.

Eva fühlte, daß es an ihr war, die peinliche Stille zu brechen.

Sie ging zu ihm, sah ihm fest in die Augen und sagte ruhig:

„Die Worte Doktor Sephardi’s sollen nicht der Anlaß sein, daß eine befangene Stimmung zwischen uns Platz greift, Herr Hauberrisser; sie sind aus dem Mund eines Freundes gekommen. Was das Schicksal mit uns vorhat, können wir beide nicht wissen. Heute sind wir noch frei, ich wenigstens bin es; will uns das Leben zusammenführen, werden wir es weder ändern können, noch wollen. — Ich sehe nichts Unnatürliches und nichts Beschämendes darin, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen. — Morgen früh fahre ich nach Antwerpen zurück; ich könnte die Reise verschieben, aber es ist besser, wir kommen jetzt für längere Zeit nicht zusammen. Ich möchte nicht die Unsicherheit mit mir herumtragen, Sie oder ich hätten unter dem Eindruck einer kurzen Stunde voreilig ein Band geknüpft, das sich später nicht mehr ohne Schmerz lösen ließe. — Wie ich aus der Erzählung Baron Pfeills erfahren habe, sind Sie einsam — wie ich; lassen Sie mich das Gefühl mitnehmen, daß ich es von jetzt an nicht mehr bin und jemand Freund nennen darf, mit dem mich gemeinsam die Hoffnung verbindet, einen Weg zu suchen und zu finden, der jenseits der Alltäglichkeit liegt. — Und zwischen uns“ — sie lächelte zu Sephardi hinüber, — „bleibt die alte, treue Freundschaft bestehen, nicht wahr?“

Hauberrisser ergriff die dargebotene Hand und küßte sie.

„Ich bitte Sie nicht einmal, Eva, — seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie mit dem Vornamen nenne, — Sie möchten in Amsterdam bleiben und nicht reisen. Es wird das erste Opfer sein, das ich bringe, daß ich Sie am selben Tage noch verliere, wo ich Sie — — —“

„Wollen Sie mir den ersten Beweis Ihrer Freundschaft geben?“ unterbrach Eva schnell; „dann reden Sie jetzt nicht mehr von mir. Ich weiß, daß es weder Höflichkeit noch leere Form ist, die Ihnen die Worte, die Sie sagen wollen, eingibt, — aber, bitte, beenden Sie den Satz nicht. Ich möchte, daß — die Zeit uns belehren soll, ob wir einander mehr sein werden als Freunde.“ — —

Baron Pfeill war aufgestanden, als Hauberrisser zu sprechen begonnen hatte, und wollte unauffällig, um die beiden nicht zu stören, das Zimmer verlassen. Da er sah, daß ihm Sephardi nicht folgen konnte, ohne dicht an ihnen vorüber zu gehen, trat er an das runde Ecktischchen neben der Tür und griff nach dem Zeitungsblatt.

Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihm, nachdem er die ersten Zeilen durchflogen hatte:

„Am Zee Dyk ist heute nacht ein Mord geschehen!“ —

Laut und die nebensächlichen Stellen eilig überspringend, las er den andern, die erschreckt aufhorchten, vor:

Der Täter bereits entdeckt.

Wir bringen zu unserm Bericht in der Mittagsausgabe nachträglich folgendes:

Als der am Zee Dyk wohnhafte Privatgelehrte Jan Swammerdam noch vor Tagesanbruch die von ihm aus bisher unaufgeklärten Gründen von außen abgeschlossene Dachkammer Klinkherbogks aufsperren wollte, fand er sie halb offen stehen und erblickte beim Betreten des Zimmers die blutüberströmte Leiche der ermordeten kleinen Katje. Der Schuster Anselm Klinkherbogk war verschwunden, ebenso eine größere Summe Geldes, die er nach Aussage Swammerdams noch am Abend besessen hatte.

Der Verdacht der Polizei richtete sich sofort auf einen im Hause bediensteten Kommis, den eine Frau gesehen haben will, wie er sich mit einem Schlüssel in der Dunkelheit an der Tür der Dachkammer zu schaffen machte. Er wurde sofort in Haft genommen, aber bereits wieder in Freiheit gesetzt, da sich inzwischen der wirkliche Täter selbst gestellt hat.

Man vermutet, daß der greise Schuhmacher zuerst und hierauf sein Enkelkind, das vermutlich über dem Lärm erwacht war, ermordet worden ist. — Seine Leiche wurde offenbar aus dem Fenster hinab in die Gracht geschleudert. — Ein Abschleppen des Wassers führte bisher zu keinem Resultat, da der Grund an dieser Stelle mehrere Meter tief aus weichem Morast besteht.

Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch wenig wahrscheinlich, daß der Täter den Mord in einem Dämmerzustand begangen haben könnte, wenigstens sind seine Angaben vor dem Kommissär äußerst verworren. — Das Geld geraubt zu haben, gibt er zu. Es handelt sich also um einen Raubmord. Das Geld, man spricht von mehreren tausend Gulden, soll dem Schuster Klinkherbogk von einem stadtbekannten Verschwender geschenkt worden sein. — Eine Warnung, wie übel angebracht derartige Wohltäterlaunen oft sein können.“ — — —

Pfeill ließ das Blatt sinken und nickte traurig vor sich hin.

„Und der Täter?“ fragte Fräulein van Druysen hastig. „Natürlich der grauenhafte Neger?“

„Der Täter?“ — Pfeill schlug die Seite um, „der Täter ist — — — dahier steht’s: Als Täter bekannte sich ein alter russischer Jude, namens Eidotter, der ein Spirituosengeschäft im selben Hause betreibt. Es ist höchste Zeit, daß endlich am Zee Dyk usw., usw.“

„Simon, der Kreuzträger?“ rief Eva erschüttert. „Ich glaube nun und nimmer, daß er ein so scheußliches Verbrechen mit Vorbedacht hat begehen können!“

„Auch nicht in einem Dämmerzustand,“ murmelte Doktor Sephardi.

„Sie meinen also, es war der Kommis Hesekiel?“

„Der ebensowenig. Schlimmstenfalls wollte er mittels eines Nachschlüssels die Dachkammer aufsperren, um das Geld zu stehlen, und wurde im letzten Moment daran verhindert. — Der Neger war der Mörder; es liegt auf der Hand.“

„Was kann aber um Himmelswillen den alten Lazarus Eidotter veranlaßt haben, sich für den Täter auszugeben?“

Doktor Sephardi zuckte die Achseln. — „Vielleicht glaubte er im ersten Schrecken, als die Polizei kam, Swammerdam habe den Schuster umgebracht, und wollte sich für ihn opfern. In einem Anfall von Hysterie. — Daß er nicht normal ist, habe ich auf den ersten Blick gesehen. Erinnern Sie sich, Fräulein Eva, was der alte Schmetterlingssammler über die Kraft gesagt hat, die im Namen verborgen liegt? — Eidotter braucht seinen Geistesnamen Simon nur eine genügend lange Zeit ‚geübt‘ zu haben und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß sich in ihm folgedessen die Idee eingewurzelt hat, ein Opfer für andere zu bringen, wann immer sich die Gelegenheit ergeben würde. Ich bin sogar der Ansicht, daß der Schuster Klinkherbogk, bevor er selbst ermordet wurde, das kleine Mädchen im Religionswahnsinn getötet hat. — Er hat viele Jahre hindurch den Namen Abram geübt, das ist erwiesen, — hätte er statt dessen das Wort Abraham innerlich wiederholt, wäre die Katastrophe der Schlachtung Isaak’s kaum eingetreten.“

„Was Sie da sagen, ist mir ein vollkommenes Rätsel,“ fiel Hauberrisser ein; „ein Wort beständig in sich hineinsprechen sollte das Schicksal eines Menschen bestimmen oder ändern können?“

„Warum nicht? Die Fäden, die die Taten eines Menschen lenken, sind gar fein. Was im ersten Buch Mosis über die Umänderung der Namen Abram in Abraham und Sarai in Sarah steht, hat mit der Kabbala — oder eher noch mit andern, weit tieferen Mysterien zu tun. — Ich habe gewisse Anhaltspunkte, daß es falsch ist, die geheimen Namen auszusprechen, wie der Kreis Klinkherbogks es tut. — Wie Sie vielleicht wissen, bedeutet jeder Buchstabe im Hebräischen gleichzeitig eine Zahl, zum Beispiel: S = 21, M = 13, N = 14. Wir sind also imstande, einen Namen in Ziffern zu verwandeln und aus diesen Verhältniszahlen in der Vorstellung geometrische Körper zu konstruieren: einen Würfel, eine Pyramide und so weiter. Diese geometrischen Formen sind es, die sozusagen das Achsensystem unseres bis dahin gestaltlosen Innersten werden können, wenn wir es in der richtigen Weise und mit der nötigen Gedankenwucht imaginieren. Wir machen dadurch unsere ‚Seele‘ — ich habe keinen andern Ausdruck dafür — zu einem Krystallgebilde und schaffen ihr die darauf bezüglichen ewigen Gesetze. — Die Ägypter haben sich die Seele in ihrer Vollendung als Kugel gedacht.“

„Worin könnte nach Ihrer Ansicht, falls der bedauernswerte Schuster wirklich seine Enkelin getötet haben sollte,“ fragte Baron Pfeill sinnend, „der Fehler in der ‚Übung‘ gelegen haben? Ist der Name Abram so grundverschieden von Abra—ham?“

„Klinkherbogk hat sich selbst den Namen Abram gegeben; er wuchs aus seinem eignen Unterbewußtsein hervor, daher das Verhängnis! Es fehlte das von Oben-Herabkommen der Neschamah, wie wir Juden es nennen — des geistigen Hauches der Gottheit — hier in diesem Falle der Silbe ‚ha‘. In der Bibel wurde dem Abra—ham das Opfer des Isaak erlassen. Der Abram hätte zum Mörder werden müssen, so wie Klinkherbogk es geworden ist. — Klinkherbogk hat in seinem Durst, das Ewige Leben zu suchen, selber den Tod gerufen. — Ich sagte vorhin, wer schwach ist, soll nicht den Weg der Kraft gehen. Klinkherbogk ist von dem Pfade der Schwäche — des Wartens —, der für ihn bestimmt war, abgewichen.“

„Aber irgend etwas muß doch für den armen Eidotter geschehen!“ rief Eva. „Sollen wir denn untätig zusehen, wie er verurteilt wird?“

„So rasch geht das Verurteilen nicht,“ beruhigte sie Sephardi. „Morgen früh will ich zu dem Gerichtspsychiater Debrouwer — ich kenne ihn von der Universität her — gehen und mit ihm sprechen.“

„Nicht wahr, Sie nehmen sich auch des armen alten Schmetterlingssammlers an und schreiben mir nach Antwerpen, wie es ihm geht?“ bat Eva, stand auf und reichte nur Pfeill und Sephardi zum Abschied die Hand. „Und auf Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit.“

Hauberrisser verstand sofort, daß sie von ihm begleitet zu sein wünschte, und half ihr in den Mantel, den der Diener hereingebracht hatte.

— — — — — — — —

Die Kühle der Abenddämmerung lag feucht um die duftenden Linden, wie sie durch den Park schritten. Steinerne griechische Statuen schimmerten weiß aus dem Dunkel belaubter Bogengänge und träumten beim Plätschern der in den verirrten Lichtern der Bogenlampen vom Schlosse her silbrig glitzernden Fontänen.

„Darf ich Sie nicht zuweilen in Antwerpen besuchen kommen, Eva?“ fragte Hauberrisser gepreßt und fast schüchtern. „Sie verlangen von mir, ich soll warten bis die Zeit uns zusammenbringt. Glauben Sie, daß es durch Briefe besser geschieht, als wenn wir uns sehen? Wir fassen doch beide das Leben anders auf als es die Menge tut, warum eine Wand zwischen uns schieben, die uns nur trennen kann?“

Eva wandte den Kopf ab. „Wissen Sie denn wirklich genau, daß wir für einander bestimmt sind? — Das Zusammenleben zweier Menschen mag etwas sehr Schönes sein, — warum geschieht es dann so häufig, ja, beinah immer, daß es nach kurzer Zeit in Abneigung und Bitternis endet? — Ich habe mir schon oft gesagt, daß etwas Unnatürliches darin liegen muß, wenn ein Mann sich an eine Frau kettet. Es kommt mir so vor, als brächen ihm dadurch die Flügel. — — Bitte, lassen Sie mich zu Ende sprechen, ich kann mir denken, was Sie sagen wollen — —“

„Nein, Eva,“ unterbrach Hauberrisser rasch, „Sie irren; ich weiß, was Sie fürchten, das ich sagen könnte; Sie wollen nicht hören, was ich für Sie empfinde, und darum schweige ich auch darüber. — Die Worte Sephardi’s, so ehrlich sie gemeint waren und so sehr ich aus tiefstem Herzen hoffe, daß ihr Sinn in Erfüllung gehen möge, haben doch — ich fühle das immer schmerzlicher — eine fast unübersteigbare Schranke zwischen uns gesetzt. Wenn wir uns nicht mit aller Kraft bemühen, sie niederzureißen, wird sie dauernd zwischen uns stehen. Und doch bin ich eigentlich innerlich froh, daß es nicht anders gekommen ist. — Daß eine Ehe aus Nüchternheit zwischen uns geschlossen werden könnte, haben wir beide nicht zu befürchten; — was uns gedroht hat, — verzeihen Sie, Eva, daß ich die Worte ‚wir‘ und ‚uns‘ gebrauche, — war, daß uns die Liebe und der Trieb allein zusammengeführt hätten. — Doktor Sephardi hat recht gehabt, als er sagte, der Sinn der Ehe sei den Menschen verloren gegangen.“

„Das ist es doch, was mich quält,“ rief Eva. „Ich stehe ratlos und hilflos vor dem Leben wie vor einem gefräßigen, scheußlichen Ungeheuer. Alles ist schal und abgenützt. Jedes Wort, das man gebraucht, ist staubig geworden. Ich komme mir vor wie ein Kind, das sich auf eine Märchenwelt freut — und ins Theater geht und schminkebeklexte Komödianten sieht. — Die Ehe ist zu einer häßlichen Einrichtung herabgesunken, die der Liebe den Glanz raubt und Mann und Frau zur bloßen Zweckmäßigkeit erniedrigt. Es ist ein langsames, trostloses Versinken im Wüstensand. — Warum ist es bei uns Menschen nicht wie bei den Eintagsfliegen?“ — sie blieb stehen und blickte sehnsüchtig zu einem lichtbeglänzten Brunnen hin, den goldene Wolken schwärmender Falter wie ein wogender Feenschleier umgaben, — „Jahre kriechen sie als Würmer über die Erde, bereiten sie sich vor auf die Hochzeit, wie auf etwas Heiliges, — um einen einzigen kurzen Tag der Liebe zu feiern und dann zu sterben.“ — Sie hielt plötzlich inne und schauderte.

Hauberrisser sah an ihren dunkel gewordenen Augen, daß ein Gefühl tiefster Ergriffenheit über sie gekommen war. Er zog ihre Hand an seine Lippen.

Eine Weile stand sie regungslos, dann schlang sie langsam, wie in halbem Schlaf, beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn. — — — —

„Wann wirst du mein Weib werden? Das Leben ist so kurz, Eva.“

Sie gab keine Antwort, und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie nebeneinander her dem offenen Gittertor zu, vor dem der Wagen Baron Pfeill’s wartete, um Eva nach Hause zu bringen.

Hauberrisser wollte seine Frage wiederholen, ehe sie von ihm Abschied nahm; sie kam ihm zuvor, blieb stehen und schmiegte sich an ihn.

„Ich sehne mich nach dir,“ sagte sie leise, „wie nach dem Tod. Ich werde deine Geliebte sein, ich weiß es gewiß, — aber das, was die Menschen Ehe nennen, wird uns erspart bleiben.“

Er erfaßte die Bedeutung ihrer Worte kaum; er war wie betäubt von dem Glück, sie in seinen Armen zu halten, — dann teilte sich ihm der Schauer mit, der noch in ihr lag, und er fühlte, daß sich ihm das Haar sträubte und sie beide von einem eisigen Hauch umfangen wurden, als nähme der Engel des Todes sie unter seine Schwingen und trüge sie beide weit weg von der Erde in die Blütengefilde einer ewigen Wonne.

Als er aus dem Zustand der Starrheit erwachte, wich das fremdartige, beseeligende Verzücktsein des Sterbens, das er empfunden hatte wie einen alle Sinne verzehrenden Rausch, langsam von ihm und an dessen Stelle trat, wie er dem Wagen nachblickte, der ihm Eva entführte, das Nagen einer unbestimmten, qualvollen Angst, sie nie mehr wiederzusehen.

Achtes Kapitel

Eva wollte früh morgens ihre Tante Bourignon, um sie zu trösten, im Béginenstift aufsuchen und dann den Vormittagsexpreß nach Antwerpen benutzen.

Ein Brief, eilig hingekritzelt und von Tränenspuren benetzt, den sie im Hotel vorfand, ließ sie ihren Entschluß ändern.

Das alte Fräulein war unter der Wucht der Katastrophe am Zee Dyk anscheinend völlig zusammengebrochen und schrieb, sie sei fest entschlossen, keinen Schritt mehr aus dem Stift zu tun, ehe nicht der erste heiße Schmerz verharscht wäre und sie sich wiederum so weit wohl fühlen würde, dem Getriebe der Welt, wie sie es nannte, ein neues Interesse entgegen zu bringen. Der Schlußsatz, der in der Klage gipfelte, eine unleidliche Migräne mache es ihr unmöglich, Besuche von wem immer zu empfangen, verriet, daß ernste Besorgnisse um das innere Gleichgewicht der alten Dame zur Zeit wenig angebracht waren. — —

Eva ließ kurz entschlossen ihr Gepäck auf die Bahn schaffen. Um Mitternacht ging ein Zug nach Belgien, den ihr der Portier zu benützen empfahl, da er weit weniger überfüllt zu sein pflege.

Sie gab sich alle Mühe, das peinliche Gefühl abzuschütteln, das der Brief in ihr erweckt hatte.

So also sah es in weiblichen Herzen aus? — Sie hatte gefürchtet, „Gabriele“ werde den Schlag nie verwinden können. Statt dessen? — Kopfweh!

„Der Sinn für alles Große ist uns Frauen abhanden gekommen,“ sagte sich Eva voll Bitterkeit, — „wir haben es in den süßlichen Großmutterzeiten hineingehäkelt in verächtliche Handarbeit.“

In mädchenhafter Angst preßte sie den Kopf zwischen ihre Hände. „Soll ich auch einmal so werden? Es ist eine erbärmliche Schmach, ein Weib zu sein.“ —

Gedanken der Zärtlichkeit, wie sie sie die ganze Fahrt hindurch von Hilversum bis in die Stadt umfangen hatten, wollten wieder aufwachen; — das ganze Zimmer schien ihr erfüllt von dem schwülen Duft der blühenden Linden.

Sie riß sich gewaltsam los, setzte sich auf den Balkon und blickte hinauf in den sternenübersäeten nächtlichen Himmel.

Früher, in ihren Kinderjahren hatte es ihr zuweilen einen Trost gewährt, zu denken, dort oben throne ein Schöpfer, der sich ihrer Winzigkeit erbarme, — jetzt drückte es sie wie eine Schande, so klein zu sein.

Sie verabscheute aus dem Grunde ihres Herzens alle Bestrebungen der Frauen, es den Männern auf den Gebieten des äußern Lebens gleich zu tun, aber dem, den sie liebte, nichts anderes schenken zu können als ihre Schönheit, erschien ihr armselig und gering, — als eine Selbstverständlichkeit, von der viel Wesens zu machen, erbärmlich sei.

Die Worte Sephardi’s, es gäbe einen königlichen, verborgenen Pfad, auf dem ein Weib dem Gatten mehr sein könne als bloße irdische Freude, leuchtete ihr wie ein ferner Hoffnungsstrahl, aber wo den Eingang suchen?

Zaghaft und furchtsam nahm sie einen kleinen Anlauf, durch Denken zu erkennen, was sie wohl tun müsse, um einen solchen Weg zu finden, — aber es blieb, wie sie bald fühlte, nur ein vergebliches, schwächliches Betteln um Licht an die Mächte dort oben über den Sternen, statt das kraftvolle Ringen um Erleuchtung zu sein, dessen ein Mann fähig gewesen wäre.

Das zarteste und doch tiefste Leid, das ein junges Frauenherz verzehren kann: mit leeren Händen vor dem Geliebten zu stehen und doch übervoll zu sein von der Sehnsucht, ihm eine Welt an Glück zu geben, machte sie traurig und elend.

Kein Opfer wäre so schwer gewesen, daß sie es nicht jauchzend um seinetwillen gebracht hätte. — Sie begriff mit den feinen Instinkten des Weibes, daß das Höchste, was eine Frau zu tun vermöchte, nur die Aufopferung ihrer selbst sein konnte, aber, was sie auch ersann, — es war, gemessen an der Größe ihrer Liebe, nichtig, vergänglich und kindisch.

Sich ihm unterzuordnen in allen Stücken, ihm die Sorgen abzunehmen, jeden Wunsch an den Augen abzulesen — wie leicht mußte es sein. — Würde sie ihn aber damit auch glücklich machen? — Es ging nicht über das Menschentum hinaus, und das, was sie zu schenken begehrte, sollte mehr sein als alles, was sich erdenken ließ.

Was sie früher nur dunkel begriffen hatte: den bittern Kummer einer Seele, reich zu sein wie ein König am Gebenwollen und bettelarm im Gebenkönnen, jetzt stand es riesengroß vor ihr und erfaßte sie mit den gewaltigen Schauern, die einst den Heiligen der Erde durch den Hohn und das Grinsen der Menge hindurch den Weg des Martyriums gewiesen hatten.

Im Übermaß ihrer Pein legte sie die Stirn an das Geländer und schrie mit verkrampften Lippen ein Gebet in sich hinein: nur der Geringste aus der Schar derer, die um der Liebe willen den Strom des Todes durchquert haben, möge ihr erscheinen und ihr den Pfad zur geheimnisvollen Krone des Lebens entdecken, damit sie sie nehmen und verschenken könne.

Als habe eine Hand ihren Scheitel berührt, blickte sie auf und sah, daß sich der Himmel plötzlich verändert hatte.

Querüber ging ein Riß aus fahlem Licht und die Sterne stürzten hinein wie eine vom Sturmwind gejagte Wolke schimmernder Eintagsfliegen. Dann tat sich eine Halle auf und an einem langen Tisch saßen uralte Männer in faltigen Gewändern, die Augen starr auf sie gerichtet, als seien sie bereit, ihre Rede zu vernehmen. Der Oberste von ihnen hatte den Gesichtsschnitt einer fremden Rasse, zwischen den Brauen ein leuchtendes Mal, und von seinen Schläfen gingen zwei blendende Strahlen aus wie die Hörner des Moses.

Eva erriet, daß sie ein Gelöbnis tun solle, aber sie konnte die Worte nicht finden. Sie wollte flehen, daß die Alten ihre Bitte erhören möchten, aber das Gebet konnte nicht aufsteigen; — es blieb ihr in der Kehle stecken und ballte sich in ihrem Munde.

Langsam begann sich der Riß wieder zu schließen und die Milchstraße legte sich, als die Halle und der Tisch immer undeutlicher wurden und verschwammen, wie eine leuchtende Narbe am Himmel darüber.

Nur der Mann mit dem lodernden Mal auf der Stirn war noch sichtbar.

In stummer Verzweiflung streckte Eva die Arme nach ihm aus, daß er warten möge und sie anhören, aber schon wollte er das Gesicht abwenden.

Da sah sie, daß ein Mensch auf einem weißen Pferd in rasender Eile von der Erde durch die Luft empor zum Himmel schoß, und erkannte, daß es Swammerdam war.

Er sprang ab, trat zu dem Mann, schrie auf ihn ein und faßte ihn voll Zorn an der Brust.

Dann deutete er herrisch hinab auf Eva.

Sie wußte, was er wollte.

Ihr Herz erdröhnte unter dem Wort der Bibel, daß das Himmelreich mit Gewalt genommen werden müsse, — das Flehen wich von ihr wie ein Schatten und sie befahl, wie Swammerdam es sie gelehrt, im Siegesbewußtsein ihres ewigen Rechts der Selbstbestimmung: der Lenker des Schicksals solle sie vorwärts jagen dem höchsten Ziel zu, das ein Weib erringen könne, — erbarmungslos, taub für ihre Bitten, wenn sie schwach würde, vorwärts, schneller als die Zeit, — an Freuden und Glück vorbei und hindurch, ohne ihr Rast zu gönnen, ohne einen Atemzug zu versäumen, und koste es sie tausendfach das Leben.

Sie verstand, daß sie sterben müsse, denn das Zeichen auf der Stirne des Mannes strahlte unverhüllt, und es war bei ihrem Befehl so blendend geworden, daß es ihr Denken verbrannte, — ihr Herz jauchzte dagegen an: sie würde leben, da sie zugleich das Antlitz des Mannes gesehen hatte; — sie zitterte unter der ungeheuren Kraft, die in ihr frei wurde und den Riegel an der Kerkerpforte des Knechttums zerbrach, sie fühlte den Boden unter den Füßen wanken und ihr Bewußtsein schwinden, aber ihre Lippen murmelten ohne aufzuhören immer noch denselben Befehl — wieder und wieder, als das Gesicht am Himmel bereits längst verschwunden war.

Nur allmählich fand sie sich in ihre Umgebung zurück.

Sie wußte, daß sie zum Bahnhof gehen wollte, erinnerte sich, daß sie ihre Koffer vorausgeschickt hatte, sah den Brief ihrer Tante auf dem Tisch liegen, nahm ihn und zerriß ihn in kleine Stücke; alles, was sie tat, geschah mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher, und doch kam es ihr neu und ungewohnt vor, — so, als seien ihre Hände, ihre Augen und ihr ganzer Körper nur noch Werkzeuge und nicht mehr mit ihrem Ich untrennbar verbunden. Sie hatte die Empfindung, als lebe sie gleichzeitig an einem fernen Ort irgendwo im Weltall ein zweites, dumpfes, noch nicht völlig erwachtes Leben wie ein Kind, das eben erst geboren worden.

Die Dinge im Zimmer hatten von ihren eigenen Organen nichts wesentlich Verschiedenes mehr für sie, — waren beides Gebrauchsgegenstände für den Willen, nichts weiter.

An den Abend im Park von Hilversum dachte sie wie an eine liebe Erinnerung aus der Kinderzeit, von der eine lange Reihe von Jahren sie trenne, zurück voll Freude und Zärtlichkeit, aber doch mit einem Gefühl, als sei das alles verschwindend und winzig gegenüber der unsagbaren Seligkeit, die eine kommende Zeit bringen werde. — Es war ihr zumute wie einer Blinden, die bisher nichts als finstere Nacht gekannt hat und in deren Herzen alle erlebten Freuden angesichts der neuen Gewißheit verblassen, daß eine Stunde schlagen wird, — wenn auch vielleicht spät und nach langen qualvollen Leiden, — die ihr das Augenlicht schenkt.

Sie versuchte sich darüber klar zu werden, ob es allein der Abstand zwischen dem soeben Erlebten und den irdischen Dingen war, der ihr die Außenwelt plötzlich so nebensächlich erscheinen ließ, und fand, daß alles, was sie jetzt mit den Sinnen wahrnahm, fast wie ein Traum an ihr vorüberglitt, der, ob leid- oder freudvoll, immer nur ein Schauspiel ohne tiefer einschneidende Bedeutung blieb für das erwachte Ich.

Sogar ihre Gesichtszüge, als sie in den Spiegel blickte und ihren Reisemantel anzog, hatten etwas leise Fremdartiges für sie, — so, als müsse sie sich erst zögernd erinnern, daß sie es sei, die da umherging.

Hinter allem, was sie tat, stand eine beinah totenhafte Ruhe; sie sah in die Zukunft hinein wie in undurchdringliche Finsternis und doch voll Gleichmut, wie jemand, der weiß, daß das Schiff seines Lebens Anker gefaßt hat, und den kommenden Morgen gelassen erwartet, unbesorgt, welche Stürme die Nacht noch bringen wird. — —

Sie dachte daran, daß es Zeit sein müsse, zur Bahn zu gehen; — ein Vorgefühl, daß sie Antwerpen nie mehr sehen werde, hielt sie ab, aufzubrechen.

Sie griff nach Papier und Tinte, um an ihren Geliebten einen Brief zu schreiben, — kam nicht über die erste Zeile hinaus; die innere Gewißheit, alles, was sie jetzt aus eignem Willen begänne, sei vergeblich, und daß es eher möglich wäre, eine abgeschossene Kugel im Laufe aufzuhalten, als der geheimnisvollen Macht, in deren Hände sie ihr Schicksal gelegt, in die Zügel zu fahren, lähmte jeden Entschluß in ihr. — —

— — — — — — — —

Das Murmeln einer Stimme, das durch die Wände des Nebenzimmers zu ihr herübergedrungen war, ohne daß sie ihm irgendwelche Beachtung geschenkt hatte, erstarb mit einem Ruck und ließ eine Stille zurück, die in ihr die Empfindung weckte, als sei sie plötzlich taub für äußere Geräusche geworden.

Statt dessen glaubte sie nach einer Weile tief im Ohr, wie aus einem andern Lande kommend, ein beharrliches Flüstern zu hören, das allmählich zu dumpfen Kehllauten einer fremden, wilden Sprache anschwoll.

Sie verstand die Worte nicht — begriff nur aus dem übermächtigen Zwang, der sie nötigte aufzuspringen und zur Tür zu gehen, daß der Sinn der Mitteilung ein Befehl war, dem sie gehorchen mußte, ohne sich dagegen wehren zu können.

Auf der Treppe erinnerte sie sich, ihre Handschuhe vergessen zu haben, aber ihr Versuch, umzukehren, wurde von einer Kraft, die ihr fremd und bösartig und dennoch in den tiefsten Wurzeln als die eigene erschien, im selben Augenblick beiseite geschoben, als sie kaum den Gedanken gefaßt hatte.

Rasch und dennoch frei von Eile oder Hast schritt sie durch die Straßen, nicht wissend, ob sie an der nächsten Ecke geradeaus gehen solle oder nicht, und trotzdem sicher, daß sie im letzten Moment nicht zweifeln werde, welchen Weg sie zu nehmen habe.

Sie zitterte an allen Gliedern und wußte, daß es aus Todesangst entsprang, aber ihr Herz hatte keinen Anteil daran; sie war nicht imstande, die Furcht ihres Körpers in sich aufzunehmen — stand abseits davon, als seien ihre Nerven die einer andern.

Als sie auf einen freien Platz gelangte, in dessen Hintergrund der dunkle massige Würfel der Börse auftauchte, glaubte sie einen Augenblick, sie ginge zur Bahn und alles sei nur Täuschung gewesen, dann riß es sie plötzlich nach rechts durch enge, winklige Straßen.

Die wenigen Leute, die ihr entgegenkamen, blieben stehen und sie fühlte, daß sie ihr nachsahen.

Mit einem neuen Ahnungsvermögen, das sie früher nie an sich gekannt hatte, war sie plötzlich fähig zu erraten, was jeden einzelnen tief innerlich bewegte. — Aus manchen fühlte sie eine Besorgnis hervorbrechen wie einen Gedankenstrom voll heißen Mitleids, das ihr galt, und doch wußte sie, daß die Betreffenden selbst nicht die leiseste Ahnung hatten von dem, was in ihnen vorging, — daß sie mit keiner Faser begriffen, weshalb sie sich nach ihr umblickten, und gesagt haben würden, sie täten es aus Neugierde oder ähnlichen Motiven, wenn sie darüber Rechenschaft hätten geben müssen.

Mit Staunen wurde sie gewahr, daß ein geheimes, unsichtbares Band die Menschen umschloß, — daß ihre Seelen einander erkannten über die Körper hinweg und mitsammen sprechen konnten in unwägbaren Schwingungen und Gefühlen, die nur zu fein waren, um von den äußern Sinnen erfaßt zu werden. — Wie Raubtiere, scheelsüchtig, gierig und mordbereit, machten sie sich das Leben streitig, und doch bedurfte es vielleicht bloß eines winzigen Risses in dem Vorhang, der über ihren Augen lag, um aus den erbittertsten Feinden die treusten Freunde zu machen.

Immer einsamer und unheimlicher wurden die Gassen, in die sie geriet; sie zweifelte nicht länger, daß die nächsten Stunden ihr etwas Gräßliches, — sie glaubte, den Tod durch die Hand eines Mörders — bringen würden, wenn es ihr nicht gelänge, den Bann zu brechen, der sie vorwärts zog, — und doch machte sie nicht einmal den Versuch, dagegen anzukämpfen. Sie duldete ohne Widerstand den fremden Willen, der ihr den Weg in die Finsternis aufzwang, in ruhevoller Zuversicht, daß alles, was ihr zustoßen würde, nur einen Schritt weiter dem Ziele entgegen bedeutete.

Durch eine Lücke zwischen Häusergiebeln, als sie einen schmalen eisernen Steg über eine Gracht passierte, sah sie einen Augenblick die Silhouette der Nikolaskirche mit ihren beiden Türmen sich vom Horizont abheben wie eine warnend erhobene dunkle Hand und atmete unwillkürlich erleichtert auf bei dem Gedanken, es könne vielleicht nur Swammerdam sein, der in seinem Leid um Klinkherbogk mit dem Herzen nach ihr riefe.

Die Feindseligkeit, die sie um sich her lauern spürte, belehrte sie, daß sie sich irrte. Es ging ein finsterer Haß von der Erde aus, der sich gegen sie richtete, — der kalte, unbarmherzige Grimm, den die Natur auf den Menschen wirft, wenn er es wagt, an den Fesseln seiner Knechtschaft zu rütteln.

Es war das erstemal, daß sie sich fürchtete, seit sie ihr Zimmer verlassen hatte; — das Bewußtsein äußerster Hilflosigkeit ließ sie fast zusammenbrechen.

Sie versuchte stehen zu bleiben, aber die Füße trugen sie weiter, als habe sie jede Gewalt über sie verloren.

In ihrer Verzweiflung blickte sie zum Himmel auf und eine erschütternde Fülle von Trost ergoß sich über sie, als sie das Heer der Sterne mit tausend wachsamen Augen wie allmächtige Helfer, die nicht dulden würden, daß man ihr auch nur ein Haar krümme, drohend auf die Erde herabfunkeln sah. — Sie gedachte der alten Männer in der Halle, in deren Hände sie ihr Schicksal gelegt hatte, wie einer Versammlung von Unsterblichen, die nur mit der Wimper zu zucken brauchten und der Erdball zerfiel in Staub.

Abermals hörte sie im Ohr die fremden, befehlenden Kehllaute, — rauh und eindringlich, wie dicht in ihrer Nähe und sie zur Eile anspornend; dann erkannte sie plötzlich in der Dunkelheit das schiefe Haus wieder, in dem Klinkherbogk ermordet worden war.

Auf dem Geländer über den zusammenfließenden Grachten saß ein Mann, regungslos vorgebeugt, als horche er gespannt auf ihre herankommenden Schritte.

Sie fühlte, daß von ihm die dämonische Kraft ausging, die sie gezwungen hatte, an den Zee Dyk zu gehen.

Ehe sie noch sein Gesicht unterscheiden konnte, wußte sie bereits aus dem lähmenden Todesschrecken, der ihr Blut erstarren machte, daß es der grauenhafte Neger war, den sie in der Kammer des Schusters gesehen hatte.

In ihrem Entsetzen wollte sie einen Schrei um Hilfe ausstoßen, aber die Verbindung zwischen Wollen und Handeln war in ihr wie abgeschnitten; ihr Körper stand unter einer andern Macht. Als sei sie gestorben und getrennt von ihrem Leib, sah sie sich auf den Mann zutaumeln und dicht vor ihm stehen bleiben.

Er hob den Kopf und schien sie anzublicken, aber seine Augäpfel waren nach oben gedreht wie die eines Menschen, der mit offnen Lidern schläft.

Eva begriff, daß er starr war wie eine Leiche und daß sie ihm nur einen Stoß vor die Brust zu versetzen brauchte, um ihn rücklings hinab in das Wasser zu stürzen; — trotzdem war sie völlig unter seinem Bann und nicht imstande es auszuführen.

Sie sah sich als wehrloses Opfer in seine Hand gegeben, wenn er erwacht sein würde, — konnte die Minuten berechnen, die sie noch von dem Verhängnis trennten; über sein Gesicht lief von Zeit zu Zeit ein Zucken als erstes Vorzeichen, daß sein Bewußtsein allmählich zurückkehrte.

Oft hatte sie von Frauen gehört und gelesen, besonders von blonden, die trotz heftigsten Abscheu’s vor Negern ihnen zu willen sein müßten, — daß das wilde afrikanische Blut einen magischen Zwang auf sie ausübe, gegen den jeder Widerstand vergebens sei; sie hatte es nie geglaubt und solche Geschöpfe als niedrig und tierisch verachtet, jetzt erkannte sie an sich selbst mit kaltem Grauen, daß eine finstere Macht dieser Art existierte. — Die scheinbar unüberbrückbare Kluft, die Entsetzen und Sinnenrausch auseinanderhielt, war in Wirklichkeit nur eine dünne, durchsichtige Scheidewand, die, wenn sie brach, die Seele einer Frau rettungslos zum Tummelplatz bestialischer Instinkte werden lassen mußte.

Was konnte diesem Wilden, halb Raubtier, halb Mensch, indem er innerlich nach ihr rief, die unerklärliche Gewalt verleihen, daß es sie wie eine Mondsüchtige durch fremde Gassen zu ihm zog, wenn nicht Saiten in ihr unbewußt unter dem Schrei seiner Brunst miterklangen, von deren Vorhandensein sie sich stolz frei geglaubt?

Besaß dieser Neger eine teuflische Macht über jede weiße Frau, fragte sie sich, bebend vor Angst, oder stand sie selbst so viel tiefer als die vielen andern, die seinen magischen Lockruf nicht einmal gehört, viel weniger ihm Folge geleistet hätten?

Sie sah keine Rettung mehr vor sich. Alles, was sie für ihren Geliebten und für sich ersehnt hatte an Glück, ging mit ihrem Leibe zugrunde. Was sie über die Schwelle des Todes hinüber zu retten vermochte, war gestaltlos und konnte ihr das nicht geben, wonach sie begehrte. — Sie hatte sich von der Erde abwenden wollen, aber der Erdgeist hielt fest mit eisernem Griff, was ihm gehörte. — Wie eine Verkörperung seiner Allgewalt stand der Neger riesenhaft vor ihr.

Sie sah, daß er aufsprang und seine Betäubung abschüttelte. Dann packte er sie an den Armen und riß sie an sich.

Sie schrie auf, und ihr Hilferuf gellte von den Mauern der Häuser wider, aber er preßte ihr die Hand auf den Mund, daß sie fast erstickte.

Um den entblößten Hals hing ihm, wie einem Fleischerhund, ein dunkelroter lederner Strick, — sie faßte darnach und hielt sich krampfhaft daran fest, um nicht zu Boden gedrückt zu werden.

Einen Augenblick bekam sie den Kopf frei. Mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft schrie sie nochmals um Hilfe.

Man mußte sie gehört haben, denn eine Glastür klirrte, Gewirr von Stimmen schlug an ihr Ohr und ein breiter Lichtschein fiel grell über die Gasse.

Dann fühlte sie, daß der Neger mit ihr in wilden Sätzen dem Schatten der Nikolaskirche zujagte; zwei chilenische Matrosen mit orangegelben Schärpen um die Hüften waren ihnen bereits dicht auf den Fersen, — sie sah die offenen Messer in ihren Händen blitzen und ihre bronzenen, mutigen Gesichter immer näher kommen.

Instinktiv hielt sie die Halsschnur des Negers fest und streckte die Beine, um ihn, so gut sie vermochte, am Laufen zu hindern, aber er schien ihre Last kaum zu spüren; mit einem Ruck hob er sie hoch vom Boden auf und raste mit ihr die Mauer des Kirchengartens entlang.

Sie sah die wulstigen Lippen um die gefletschten Zähne wie den Rachen eines Raubtiers dicht vor sich, und der Ausdruck lodernder Wildheit in seinen weißen Augen fraß sich in ihre Sinne ein, daß sie wie hypnotisiert erstarrte, unfähig, auch nur den geringsten Widerstand mehr zu leisten.

Der eine der beiden Matrosen hatte den Neger überholt, warf sich, zusammengeduckt wie eine Katze vor seine Füße, um ihn zu Fall zu bringen, und stach mit dem Messer von unten nach ihm; das Knie des Zulus, der blitzschnell in die Höhe gesprungen war, traf ihn vor die Stirn, daß er sich lautlos überschlug und mit zerschmettertem Schädel liegen blieb.

Dann fühlte sich Eva plötzlich über das Gittertor des Kirchengartens geworfen, daß sie glaubte, alle Knochen im Leibe seien ihr zerbrochen, und sah, mit den Kleidern in den eisernen Spitzen verfangen, durch die Stäbe, wie der Neger mit seinem zweiten Gegner rang. —

Der Kampf dauerte nur wenige Sekunden, — wie ein Ball geschleudert, flog der Matrose die Wand des gegenüberliegenden Hauses empor an ein Fenster, dessen Scheiben und Kreuze unter der Wucht mit lautem Knall zerbarsten.

Eva hatte sich, zitternd vor Todesschwäche, von dem Gitter befreit und suchte zu entfliehen, aber der schmale Garten bot keinen Ausweg; — wie ein gehetztes Tier verkroch sie sich unter einer Bank; sie begriff, daß sie trotzdem verloren war, denn ihr helles Kleid leuchtete aus der Dunkelheit und mußte sie im nächsten Augenblick verraten.

Mit bebenden Fingern, kaum mehr fähig zu denken, suchte sie an ihrem Halse nach einer Nadel, um sie sich ins Herz zu stoßen, denn schon hatte sich der Neger über die Mauer geschwungen, und sie wollte ihm nicht lebend in die Hände fallen.

Ein stummer, verzweifelter Schrei zu Gott, etwas zu finden, womit sie sich den Tod geben könnte, ehe ihr Peiniger sie entdeckte, drängte sich ihr auf die Lippen.

Es war das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, dann bildete sie sich einen Moment lang ein, wahnsinnig geworden zu sein, denn sie sah plötzlich ihr Spiegelbild ruhig und lächelnd mitten im Garten stehen.

Auch der Neger schien es erblickt zu haben, er stutzte und ging überrascht darauf zu.

Sie glaubte zu hören, daß er mit der Erscheinung sprach, — sie konnte die Worte nicht verstehen, aber seine Stimme klang mit einemmal wie die eines Menschen, der von Entsetzen gelähmt, kaum zu stammeln vermag.

Überzeugt, daß sie sich irren müsse — vielleicht längst das Opfer des Wilden geworden sei und den Verstand darüber verloren habe — konnte sie den Blick von den beiden nicht wenden.

Dann wieder hatte sie die deutliche Gewißheit, sie selbst sei jenes Spiegelbild und der Neger stünde auf unbegreifliche Weise in ihrer Macht, — um im nächsten Augenblick abermals voll Verzweiflung nach einer Nadel an ihrem Halse zu tasten.

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, — wollte sich klar werden, ob sie wahnsinnig sei oder nicht, und starrte das Phantom unverwandt an, da sah sie, daß es wie aufgesogen von ihrer Aufmerksamkeit jedesmal verschwand und in ihren Körper zurückkehrte wie ein magischer Teil ihrer selbst, wenn sie sich anstrengte, es mit den Augen in der Finsternis zu unterscheiden.

Sie konnte es an sich ziehen und wieder aussenden wie den Atem, aber immer sträubte sich ihr unter eisigen Kälteschauern das Haar, als trete der Tod sie an, sooft es von ihr wich.

Auf den Neger machte das jeweilige Verschwinden des Spiegelbildes keinen Eindruck. Ob es kam oder ging, — beständig sprach er halblaut vor sich hin, als rede er im Schlaf mit sich selbst. —

Eva ahnte, daß er wieder in den seltsamen Zustand von Bewußtlosigkeit verfallen war, in dem sie ihn auf dem Geländer der Gracht hatte sitzen sehen.

Immer noch zitternd vor Angst faßte sie endlich den Mut, ihr Versteck zu verlassen.

Sie hörte Rufe und Stimmen die Gasse heraufkommen; — in den Fenstern der Häuser hinter der Gartenmauer glänzte der Widerschein von laufenden Laternen und verwandelte die Schatten der Bäume an der Kirchenwand in eine tanzende Geisterschar.

Sie zählte die Schläge ihres Herzens: — jetzt, jetzt mußte die Menge, die nach dem Neger suchte, in nächster Nähe sein! — dann lief sie mit brechenden Knien dicht an dem Zulu vorbei an das Gittertor und schrie gellend um Hilfe.

Mit erlöschendem Bewußtsein begriff sie, daß ein Frauenzimmer mit rotem, kurzem Rock mitleidig neben ihr kniete und ihre Stirn mit Wasser benetzte.

Bunte, halbnackte Gestalten kletterten, Fackeln schwingend, über die Mauer, blitzende Messer zwischen den Zähnen, — ein Heer phantastischer, behender Teufel, die aus dem Boden zu wachsen schienen, um ihr Hilfe zu bringen; — Feuerschein lohte durch den Garten und machte die Heiligenbilder an den Glasfenstern der Kirche lebendig; wilde, spanische Flüche schrillten durcheinander: dort steht der Nigger, reißt ihm die Gedärme heraus!

Sie sah, daß die Matrosen sich heulend vor Wut auf den Zulu warfen, — daß sie von den furchtbaren Schlägen seiner Fäuste getroffen, niederstürzten, — hörte seinen markerschütternden Siegesschrei die Luft zerreißen, wie er sich einem losgelassenen Tiger gleich, Bahn durch die Meute brach, sich auf einen Baum schwang und mit gewaltigen Sätzen von Nische zu Nische, von Giebel zu Giebel auf das Kirchendach schnellte.

— — — — — — — —

Sekundenlang, als sie aus tiefer Ohnmacht erwachte, träumte sie, ein alter Mann mit einer Binde um die Stirn habe sich über sie gebeugt und sie beim Namen gerufen. — Sie glaubte, es sei Lazarus Eidotter, dann trat durch seine Züge hindurch, wie hinter einer gläsernen Maske hervor, wiederum das Gesicht des Negers mit den weißen Augen und den wulstigen Lippen um die gefletschten Zähne, wie es sich unauslöschlich in ihr Bewußtsein eingegraben hatte, als er sie in seinen Armen getragen, — und die hexenhaften Ausgeburten des Fieberreichs zerpeitschten ihr von neuem die Besinnung.

Neuntes Kapitel

Einsilbig und zerstreut saß Hauberrisser noch eine Stunde nach dem Souper mit Dr. Sephardi und Baron Pfeill beisammen.

Seine Gedanken weilten beständig bei Eva, so daß er manchmal fast erschrak, wenn das Wort an ihn gerichtet wurde.

Seine Einsamkeit in Amsterdam, die ihm so wohlgetan, schien ihm mit einemmal unaushaltbar, wenn er an die kommende Zeit dachte.

Außer Pfeill und Sephardi, zu dem er sich vom ersten Augenblick an, als er ihn kennen gelernt, stark hingezogen fühlte, besaß er weder Freunde noch Bekannte, und die Beziehungen mit seiner Heimat waren längst abgebrochen. — Würde er das einsiedlerhafte Leben, das er bisher geführt, jetzt, wo er Eva gefunden hatte, ertragen können?

Er überlegte, ob er seinen Wohnsitz nicht nach Antwerpen verlegen solle, um mit ihr wenigstens dieselbe Luft zu atmen, wenn sie schon nicht wünschte, daß sie beisammen seien; vielleicht ergab sich dann doch bisweilen eine Gelegenheit, sie zu sehen.

Es schmerzte ihn, wenn er sich ins Gedächtnis zurückrief, wie kühl sie ihren Entschluß ausgesprochen hatte, es der Zeit und mehr oder weniger dem Zufall zu überlassen, ob sich ein dauerndes Band zwischen ihnen anknüpfen werde, dann wieder dachte er, Minuten lang berauscht von Glück, an ihre Küsse und daß sie sich ja bereits für immer gefunden hätten.

Nur an ihm lag es, sagte er sich, wenn sich die Trennung länger als ein paar Tage hinauszog.

Was hinderte ihn, sie schon in der kommenden Woche zu besuchen und sie zu bitten, im Verkehr mit ihm zu bleiben? — Sie war, so viel er wußte, vollkommen unabhängig und brauchte niemand zu fragen, wenn sie ihre Wahl treffen wollte.

So überaus klar und geebnet ihm der Weg zu ihr auch erschien, wie er alle Umstände in Betracht zog, — immer wieder drängte sich vor seine Hoffnungen dasselbe unabweisbare Gefühl einer unbestimmten Angst um Eva, das er zum erstenmal so deutlich empfunden, als sie Abschied voneinander genommen hatten.

Er wollte sich die Zukunft in rosigen Farben ausmalen, kam aber nicht über die Anfänge hinaus: sein krampfhaftes Bemühen, das eiserne „Nein“ wegzuleugnen, das jedesmal in seiner Brust wie eine Antwort auf seine Frage an das Schicksal ertönte, wenn er sich ein befriedigendes Ende vorzustellen zwang, brachte ihn fast zur Verzweiflung.

Er wußte aus langer Erfahrung, daß es nichts half, die hartnäckigen Stimmen jener seltsamen, scheinbar auf nichts begründeten inneren Gewißheit eines drohenden Unheils zu überschreien, wenn sie einmal wach geworden waren, — und so suchte er sie zu beschwichtigen, indem er sich vorhielt, seine Besorgnis sei die natürliche Folge der Verliebtheit; trotzdem glaubte er jetzt schon die Stunde kaum erwarten zu können, wo er erfahren würde, Eva sei wohlbehalten in Antwerpen angekommen.

In der Station Weesperpoort, die der Mitte der Stadt näher liegt als der Zentralbahnhof, stieg er gemeinsam mit Sephardi aus, begleitete ihn ein Stück nach der Heerengracht und eilte dann zum Amstelhotel, um einen Strauß Rosen, den ihm Pfeill lächelnd mitgegeben, als hätte er seine Gedanken erraten, beim Portier für Eva zu hinterlegen.

Fräulein van Druysen sei soeben abgereist, hieß es; aber, wenn er einen Wagen nähme, könne er den Zug möglicherweise noch vor Abgang erreichen.

Ein Automobil brachte ihn in schneller Fahrt zum Bahnhof.

Er wartete.

Minute um Minute verstrich, Eva kam nicht.

Er telephonierte an das Hotel — — sie war auch nicht nach Hause zurückgekehrt. — Er solle in der Gepäckhalle fragen. —

Die Koffer waren nicht abgeholt worden. Er glaubte, der Boden wanke unter seinen Füßen.

Jetzt, wo er sich in Angst um Eva verzehrte, begriff er erst, wie heiß er sie liebte und daß er ohne sie nicht mehr leben könnte.

Die letzte Schranke zwischen ihr und ihm, — das leise Gefühl des Sich-noch-fremd-seins, entstanden durch die ungewöhnliche Art, wie sie einander näher gebracht worden waren, — fiel in nichts zusammen unter dem Übermaß seiner Sorge um sie, und er wußte, wenn sie jetzt vor ihm stünde, würde er sie in die Arme schließen und mit Küssen bedecken und nie wieder von sich lassen.

Es blieb ihm kaum eine Hoffnung, daß sie in letzter Minute noch kommen könne, dennoch wartete er, bis sich der Zug in Bewegung setzte.

Daß ihr ein Unglück zugestoßen sein mußte, lag auf der Hand. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.

Welchen Weg konnte sie genommen haben? Keine Minute durfte mehr verloren gehen. Hier konnte nur noch, wenn nicht bereits das Schlimmste geschehen war, das kalte, hellsichtige Durchschauen und Abwägen der Sachlage helfen, das er schon in seinem ehemaligen Beruf als Ingenieur und Erfinder als eine fast nie versiegende Quelle rettender Einfälle erkannt hatte.

Seine Vorstellungskraft bis aufs Äußerste anspannend, mühte er sich ab, einen Blick in das geheime Räderwerk der Geschehnisse zu werfen, die sich um Eva, bevor sie das Hotel verlassen hatte, möglicherweise abgespielt haben konnten. — Er versuchte, sich in die Stimmung des Wartens hineinzuversetzen, in der sie sich vermutlich befunden, bevor sie aufgebrochen war.

Der Umstand, daß sie ihr Gepäck zur Bahn vorausgeschickt hatte, statt den Hotelwagen zu benutzen, brachte ihn auf den Gedanken, sie müsse einen Besuch bei irgend jemand geplant haben.

Aber bei wem — und in so später Stunde noch?

Plötzlich fiel ihm ein, daß sie Sephardi ans Herz gelegt hatte, er möge ja nicht vergessen, nach Swammerdam zu sehen.

Der alte Schmetterlingssammler wohnte am Zee Dyk — einem Verbrecherviertel, wie aus dem Zeitungsbericht über den Mord deutlich hervorging. — Ja! Nur dorthin konnte sie sich gewandt haben.

Ein kalter Schauer überlief Hauberrisser, als ihm all die gräßlichen Möglichkeiten durch den Kopf schossen, die ihr unter dem Hafengelichter dieser verrufenen Gegend drohten.

Er hatte von Spelunken gehört, in denen Fremde ausgeraubt, ermordet und durch Falltüren in die Grachten geworfen worden waren; — das Haar sträubte sich ihm, wenn er daran dachte, Eva könne es vielleicht ähnlich ergangen sein.

Im nächsten Augenblick sauste das Automobil über die Openhavenbrücke zur Nikolaskirche und hielt.

Man könne in die engen Gassen des Zee Dyk nicht hineinfahren, erklärte der Chauffeur, — der Herr möge sich in die Schenke „Zum Prins van Oranje“ bemühen — er deutete auf einen Lichtschein — und sich beim Wirt nach der gewünschten Adresse erkundigen.

— — — — — — — —

Die Tür der Spelunke stand weit offen, Hauberrisser stürzte hinein; das Lokal war leer bis auf einen Mann, der hinter dem Schanktisch stand und ihn heimtückisch musterte.

In der Ferne erscholl wüstes Geheul wie von einer Rauferei.

Herr Swammerdam wohne im vierten Stock, bequemte sich der Wirt zu verraten, nachdem er ein Trinkgeld bekommen hatte, und leuchtete widerwillig die halsbrecherische Stiege hinauf.

„Nein, Fräulein van Druysen ist seitdem nicht mehr bei uns gewesen,“ sagte der alte Schmetterlingssammler kopfschüttelnd, als ihm Hauberrisser in fliegender Eile seine Besorgnisse vortrug; er war noch nicht schlafen gegangen und vollkommen angezogen.

Eine einzige, fast schon herabgebrannte Talgkerze auf dem leeren Tisch und sein gramerfülltes Gesicht verrieten, daß er stundenlang im Zimmer gesessen und über das furchtbare Ende seines Freundes Klinkherbogk nachgesonnen haben mochte.

Hauberrisser faßte seine Hand: „Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, daß ich Sie mitten in der Nacht überfalle und — und so gar keine Rücksicht auf Ihren Schmerz nehme; — ja, ich weiß, welcher Verlust Sie betroffen hat“ — brach er ab, als er die erstaunte Miene des Alten bemerkte — „ich kenne sogar die näheren Umstände; Doktor Sephardi hat sie mir heute erzählt. Wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir später ausführlich darüber; jetzt bin ich halb wahnsinnig vor Angst um Eva. Was, wenn sie wirklich zu Ihnen gehen wollte und unterwegs überfallen wurde und — und — um Gotteswillen, es ist ja nicht auszudenken!“

Er sprang, außer sich vor Unruhe aus dem Sessel auf und lief im Zimmer hin und her.

Swammerdam dachte eine Weile angestrengt nach, dann sagte er zuversichtlich:

„Bitte, fassen Sie meine Worte nicht als leeren Trost auf, Mynheer; — Fräulein van Druysen ist nicht tot!“

Hauberrisser fuhr herum. „Wieso wissen Sie das?“ Der ruhige, feste Ton des alten Mannes nahm ihm — er wurde sich nicht klar, warum — einen Stein vom Herzen.

Swammerdam zögerte einen Moment mit der Antwort.

„Weil ich sie sehen würde,“ sagte er endlich halblaut.

Hauberrisser griff nach seinem Arm. „Ich beschwöre Sie, helfen Sie mir, wenn Sie können! Ich weiß, Ihr ganzes Leben ist ein Weg des Glaubens gewesen; vielleicht dringt Ihr Blick tiefer als der meine. Ein Unbeteiligter sieht oft — — —“

„Ich bin nicht so unbeteiligt, wie Sie glauben, Mynheer,“ unterbrach Swammerdam. „Ich habe das Fräulein nur einmal im Leben gesehen, aber, wenn ich sage, ich liebe sie so innig, als ob sie meine Tochter wäre, so ist es nicht zu viel gesagt;“ — er wehrte mit der Hand ab, — „danken Sie mir nicht, es ist da nichts zu danken. Es ist mehr als selbstverständlich, daß ich alles, was in meinen schwachen Kräften steht, tun werde, um ihr und Ihnen zu helfen, und wenn ich mein altes wertloses Blut darum vergießen müßte. — Hören Sie mir jetzt, bitte, ruhig zu: — Sie haben bestimmt recht gehabt mit Ihrer Ahnung, daß Fräulein Eva irgendein Unglück widerfahren ist. — Bei ihrer Tante ist sie nicht gewesen, ich hätte es von meiner Schwester, die soeben noch im Béginenstift war, erfahren. — Ob wir ihr heute noch beistehen können, — das heißt, sie auffinden, — bin ich außerstande zu sagen, aber jedenfalls werden wir kein Mittel unversucht lassen. — Trotzdem seien Sie, bitte, unbesorgt, auch wenn wir sie nicht finden sollten; ich weiß so bestimmt, wie ich hier stehe, daß ein — Anderer, gegen den wir beide ein Nichts sind, die Hand über ihr hält. Ich möchte nicht in Ausdrücken reden, die Ihnen ein Rätsel sein müssen, — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich Ihnen sagen kann, was mich so fest überzeugt sein läßt, daß Fräulein Eva einen Rat, den ich ihr gab, befolgt hat. — — — — — — — — Wahrscheinlich ist das, was ihr heute geschehen ist, bereits die erste Wirkung davon.

Mein Freund Klinkherbogk hat einst einen ähnlichen Weg eingeschlagen, wie jetzt Fräulein Eva; ich habe längst tief innerlich das Ende vorausgesehen, wenn ich mich auch stets an die Hoffnung klammerte, es ließe sich vielleicht doch noch durch heiße Gebete abwenden. Die verflossene Nacht hat mir bewiesen, was ich immer schon wußte, — bloß war ich zu schwach, darnach zu handeln —: daß Gebete nur ein Mittel sind, um Kräfte, die in uns schlummern, gewaltsam zu erwecken. Zu glauben, daß Gebete den Willen eines Gottes zu ändern vermöchten, ist Torheit. — Die Menschen, die ihr Schicksal dem Geiste in sich überantwortet haben, stehen unter geistigem Gesetz. Sie sind mündig gesprochen von der Vormundschaft der Erde, über die sie dereinst Herren werden sollen. Was ihnen im Äußern noch zustößt, bekommt einen vorwärts treibenden Sinn: alles, was mit ihnen geschieht, geschieht so, daß es keinen Augenblick besser geschehen könnte.

Halten Sie daran fest, Mynheer, daß dies auch bei Fräulein Eva der Fall ist.

Das Schwere ist die Anrufung des Geistes, der unser Schicksal lenken soll; — nur wer reif ist, dessen Stimme hört Er, und der Ruf muß aus Liebe geschehen und um eines andern Menschen willen, sonst machen wir die Kräfte der Finsternis in uns lebendig.

Die Juden der Kabbala drücken es aus: „es gibt Wesen aus dem lichtlosen Reiche Ob — sie fangen die Gebete ab, die keine Flügel haben;“ — sie meinen damit nicht Dämonen außer uns, denn gegen solche sind wir durch die Mauer unseres Körpers geschützt, — sondern magische Gifte in uns, die, wachgerufen, unser Ich zerspalten.“

„Aber kann nicht Eva,“ fiel Hauberrisser erregt ein, „ebenso dem Verderben entgegen gegangen sein wie Ihr Freund Klinkherbogk?“

„Nein! Bitte lassen Sie mich zu Ende sprechen. — Ich hätte nie den Mut gehabt, ihr einen so gefährlichen Rat zu geben, wenn in jenem Augenblick nicht Der um mich gewesen wäre, von dem ich vorhin gesagt habe: wir beide sind gegen ihn wie ein Nichts. Ich habe in einem langen, langen Leben und durch unsägliches Leid gelernt, mit Ihm zu reden und Seine Stimme von den Einflüsterungen menschlicher Wünsche zu unterscheiden. — Die Gefahr war nur, daß Fräulein Eva in einem unrichtigen Moment die Anrufung hätte vornehmen können; dieser Moment der Gefahr — der einzigen — ist, Gott sei Dank, vorüber. Sie ist gehört worden“ — Swammerdam lächelte freudig — — „erst vor wenigen Stunden! — Vielleicht — ich will mich nicht damit brüsten, denn solche Vorgänge spielen sich bei mir in Augenblicken höchster Entrückung ab, — vielleicht war ich so glücklich, ihr bereits helfen zu können;“ — er ging zur Tür und öffnete sie für seinen Gast, „aber jetzt wollen wir das tun, was uns der nüchterne Verstand gebietet. Erst, wenn von unserer Seite alles geschehen ist, was in irdischer Macht liegt, haben wir ein Recht, die Hilfe geistiger Einflüsse zu erwarten. — — Gehen wir hinunter in die Schenke, geben Sie den Matrosen Geld, damit sie nach dem Fräulein suchen, und versprechen Sie dem, der sie findet und wohlbehalten bringt, einen Preis und Sie werden sehen, daß sie das Leben für sie in die Schanze schlagen, wenn es darauf ankommt. — Diese Menschen sind in Wirklichkeit weit besser als man glaubt; sie haben sich nur verirrt in die Urwälder ihrer Seelen und gleichen in ihrem Zustand reißenden Tieren. In jedem von ihnen steckt ein Stück Heroismus, der so manchen gesitteten Bürgern fehlt; er offenbart sich bloß in ihnen als Wildheit, weil sie nicht erkennen, was es für eine Kraft ist, die sie treibt. — Sie fürchten den Tod nicht und kein mutiger Mensch ist ein wahrhaft schlechter Mensch. Das sicherste Zeichen, daß jemand die Unsterblichkeit in sich trägt, ist, daß er den Tod verachtet.“ — —

Sie betraten die Spelunke.

Das Schenkzimmer war vollgepfropft von Menschen und in der Mitte auf dem Boden lag mit zerschmettertem Schädel die Leiche des chilenischen Matrosen, den der Zulu auf seiner Flucht mit dem Knie vor die Stirn getroffen hatte.

Es sei nur eine Rauferei gewesen, wie sie fast täglich am Hafen stattfände, erklärte der Wirt ausweichend, als sich Swammerdam nach den näheren Umständen erkundigte.

„Der verdammte Nigger, der gestern — —“ fiel die Kellnerin Antje ein, aber sie kam nicht zu Ende: der Wirt versetzte ihr einen so heftigen Stoß in die Rippen, daß sie die Worte verschluckte, und schrie dazwischen: „Halt’s Maul, Drecksau! Ein schwarzer Heizer war’s von einem Brasilienfahrer, verstanden!“

Hauberrisser nahm einen der Strolche beiseite, drückte ihm ein Geldstück in die Hand und begann, ihn auszuforschen.

Bald umstand ihn eine ganze Rotte wilder Gestalten, die einander in gestenreichen Schilderungen überboten, wie sie den Neger zugerichtet haben wollten; — nur in einem Punkte waren sie vollständig einig, nämlich, daß es ein fremder Heizer gewesen sei. — Die warnende Miene des Wirtes hielt sie in Schach und sein lautes Räuspern ließ sie erraten, daß sie unter keinen Umständen Näheres aussagen dürften, was auf die Spur des Zulus hätte führen können. Sie wußten, daß der Wirt nicht den Finger gerührt haben würde, wenn es ihnen eingefallen wäre, einen noch so wertvollen Stammgast niederzustechen, — sie wußten aber auch, daß es das heiligste Gesetz der Hafenschenke war, sofort zum Feinde zu halten, wenn Gefahr von außen her drohte.

Ungeduldig hörte Hauberrisser den Prahlereien zu, bis plötzlich ein Wort fiel, das ihm alles Blut zum Herzen trieb: Antje erwähnte, der fremde Neger habe eine vornehme, junge Dame überfallen.

Er mußte sich einen Augenblick an Swammerdam halten, um nicht zusammenzubrechen, — dann leerte er seine Börse in die Hand der Kellnerin aus und forderte sie, unfähig einen Laut hervorzubringen, durch ein Zeichen auf, ihm den Hergang des Begebnisses zu schildern.

Man hätte Schreie einer Frauenstimme gehört und sei hinausgelaufen, riefen alle durcheinander; — „ich hab sie auf dem Schoß gehalten, sie war ohnmächtig,“ gellte Antje dazwischen.

„Aber wo ist sie, wo ist sie?“ schrie Hauberrisser auf.

Die Matrosen verstummten und sahen einander verblüfft an, als kämen sie jetzt erst zur Besinnung.

Keiner wußte, wo Eva geblieben war.

„Ich hab sie auf dem Schoß gehalten,“ beteuerte Antje immer wieder; man sah ihr an, daß sie selbst nicht die leiseste Ahnung hatte, wohin Eva verschwunden sein könnte.

Dann liefen sie alle hinaus, Hauberrisser und Swammerdam mitten unter ihnen, durchsuchten die Gassen, brüllten den Namen Eva, beleuchteten jeden Winkel im Kirchengarten.

„Dort hinauf ist er, der Nigger,“ erklärte die Kellnerin und deutete auf das grün glitzernde Dach, „und hier auf’m Pflaster hab ich sie liegen lassen, wie ich ihm auch hab nachwollen, und dann haben wir den Toten ins Haus gebracht und ich hab auf sie vergessen.“

Man weckte die Bewohner der umliegenden Häuser, ob Eva sich vielleicht in eins von ihnen geflüchtet habe; — Fenster rollten in die Höhe, Stimmen riefen herab, was geschehen sei. — Nirgends eine Spur der Vermißten.

Gebrochen an Leib und Seele versprach Hauberrisser jedem, der in seine Nähe kam, alles, was er sich nur wünsche, wenn man ihm eine einzige Nachricht über den Verbleib Eva’s brächte.

Vergebens suchte ihn Swammerdam zu beruhigen; der Gedanke, Eva könne aus Verzweiflung über das Geschehene — vielleicht in Geistesverwirrung ihrer nicht mehr mächtig — Selbstmord begangen und sich ins Wasser gestürzt haben, raubte ihm den letzten Rest klarer Besinnung.

Die Matrosen zerstreuten sich bis über die Prins Hendrik Kade die ganze Nieuwe Vaart entlang, — kehrten unverrichteter Dinge zurück.

Bald war das gesamte Hafenviertel auf den Beinen; Fischer, halbnackt noch, fuhren mit Bootslichtern umher, suchten die Quaimauern ab und versprachen, bei Tagesgrauen ihre Schleppnetze durch sämtliche Grachtmündungen zu ziehen.

Jeden Augenblick fürchtete Hauberrisser von der Kellnerin, die ihm unablässig in tausend Variationen erzählte, wie alles gekommen sei, zu erfahren, daß der Neger Eva vergewaltigt habe. Die Frage versengte ihm die Brust, und doch konnte er sich lange nicht entschließen, sie zu stellen.

Endlich überwand er sich und deutete stockend an, was er meinte.

Die Strolche, die ihn umstanden und mit gräßlichen Schwüren, sie würden den Nigger, sobald sie ihn erwischten, lebendig in Streifen schneiden, zu trösten versuchten, schwiegen sogleich — vermieden mitleidig seinen Blick, oder spuckten wortlos aus.

Antje schluchzte leise in sich hinein.

Sie war trotz eines Lebens in grauenhaftestem Schmutz immer noch Weib genug, um zu begreifen, was ihm das Herz zerriß.

Nur Swammerdam war gelassen und ruhig geblieben.

Der Ausdruck unerschütterlicher Zuversicht in seinen Mienen und die freundliche Geduld, mit der er immer wieder mild lächelnd den Kopf schüttelte, wenn Mutmaßungen laut wurden, Eva könne sich ertränkt haben, gaben Hauberrisser allmählich eine neue Hoffnung, und schließlich folgte er seinem Rat und ging, von ihm begleitet, zögernd nach Hause.

„Legen Sie sich jetzt zur Ruhe,“ redete ihm Swammerdam zu, als sie vor der Wohnung angelangt waren, „und nehmen Sie Ihre Sorgen nicht mit in den Schlaf hinüber. Wir können mehr tun mit unserer Seele, wenn der Körper sie mit seinem Kummer nicht mehr stört, als die Menschen ahnen. — Überlassen Sie mir, was noch im Äußern zu geschehen hat; ich werde die Polizei verständigen, damit sie nach Ihrer Braut sucht. — Trotzdem ich mir nichts davon verspreche, soll alles geschehen, was der nüchterne Verstand gebietet.“

Er hatte bereits unterwegs Hauberrisser behutsam auf andere Gedanken zu bringen getrachtet, und mit kurzen Worten war der junge Mann unter anderem auf die Tagebuchrolle und die damit verknüpften Pläne eines neuen Studiums zu sprechen gekommen, das jetzt wohl für lange Zeit, wenn nicht für immer, unterbrochen sei.

Swammerdam griff auf das Thema zurück, als er in Hauberrissers Gesicht die alte Verzweiflung wieder aufwachen sah. Er faßte seine Hand und ließ sie lange nicht los. — „Ich wünschte, ich könnte Ihnen von der Sicherheit geben, die ich Fräulein Eva’s wegen empfinde. Wenn Sie nur einen kleinen Teil davon hätten, würden Sie selbst wissen, was das Schicksal von Ihnen will, das Sie tun sollen, — so aber kann ich Ihnen nur raten. Ob Sie meinen Rat befolgen werden?“

„Verlassen Sie sich darauf,“ versprach Hauberrisser unwillkürlich erschüttert, denn Evas Worte in Hilversum fielen ihm ein, daß Swammerdam in seinem lebendigen Glauben auch das Höchste zu finden imstande sei; — „verlassen Sie sich darauf. Es geht von Ihnen eine Kraft aus, daß mir bisweilen zumute wird, als schütze mich ein tausendjähriger Baum vor dem Sturm. Jedes Wort, das Sie mir sagen, ist mir wie eine Hilfe.“

„Ich will Ihnen ein kleines Begebnis erzählen,“ fing Swammerdam wieder an, „das mir einst, so scheinbar unbedeutend es aussah, als Wegweiser im Leben gedient hat. — Ich war damals noch ziemlich jung und hatte eine bittere, grausame Enttäuschung erlitten, so daß mir die Erde lange dunkel und wie eine Hölle erschien. In dieser Stimmung und fast verbittert, daß das Schicksal wie ein erbarmungsloser Henker mit mir verfuhr und, wie ich glaubte, ohne Sinn und Zweck auf mich losschlug, begab es sich, daß ich eines Tages Zeuge wurde, wie man ein Pferd abrichtete.

Man hatte es an einen langen Riemen befestigt und trieb es, ohne ihm nur eine Sekunde Ruhe zu gönnen, im Kreise umher. — So oft es an eine Hürde kam, über die es springen sollte, brach es aus oder bockte. Hageldicht und stundenlang sausten die Peitschenhiebe auf seinen Rücken nieder, aber immer weigerte es sich zu springen. Dabei war der Mann, der es quälte, keineswegs ein roher Mensch und litt selber sichtlich unter der grausamen Arbeit, die er verrichten mußte. — Er hatte ein gutes, freundliches Gesicht und sagte mir, als ich ihm Vorstellungen machte: ‚ich würde ja gern dem Gaul für meinen ganzen Tagelohn Zucker kaufen, wenn er dann nur begriffe, was ich von ihm will. Ich hab dergleichen oft genug versucht, aber es hilft nichts. Es ist rein, als ob in so einem Tier der Teufel steckt, der ihm den Verstand verblendet. Und dabei ist’s doch so wenig, was es tun soll‘. — Ich sah die Todesangst in den wahnsinnigen Augen des Pferdes, wenn es an die Hürde kam, jedesmal von neuem aufleuchten, und las in ihnen die Furcht: ‚jetzt, jetzt wird die Peitsche auf mich niederfallen‘. — — Ich zerbrach mir den Kopf, ob es denn kein anderes Mittel gäbe, einen Weg der Verständigung mit dem armen Tier anzubahnen. Und wie ich vergeblich versuchte, ihm im Geiste und später in Worten zuzurufen, es solle springen, dann sei sofort alles vorüber, — und zu meinem Leide einsehen mußte, daß doch nur der grimmige Schmerz es war, der als Lehrer schließlich zum Ziele kam, da blitzte in mir die Erkenntnis auf, daß ich selber es auch nicht anders machte als das Pferd: das Schicksal hieb auf mich ein, und ich wußte nur, daß ich litt, — ich haßte die unsichtbare Macht, die mich folterte, aber, daß alles nur geschah, damit ich irgend etwas vollbringen sollte — vielleicht eine geistige Hürde überspringen, die vor mir lag, — das hatte ich bis dahin nicht begriffen.

Jenes kleine Erlebnis wurde von nun an ein Markstein auf meinem Weg: ich lernte die Unsichtbaren, die mich vorwärts peitschten, lieben, denn ich fühlte, sie gäben mir auch lieber ‚Zucker‘, wenn es auf diese Art ginge, mich über die niedrige Stufe sterblichen Menschentums in einen neuen Stand zu erheben. — —

Das Beispiel, das ich bekommen habe, hinkt natürlich,“ fuhr Swammerdam humoristisch fort, „denn es ist ja die Frage, ob das Pferd dadurch, daß es springen lernte, wirklich einen Fortschritt gemacht hat, und ob es nicht besser gewesen wäre, es in seiner Wildheit zu belassen. Doch das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. — Wichtig für mich war vor allem das eine: ich hatte bis dahin in dem Wahne gelebt, was mir an Leid geschähe, sei eine Strafe, und mich mit Grübeln zerquält, womit ich mir sie wohl verdient haben könnte, — dann mit einemmal kam für mich Sinn in die Härten des Schicksals, und wenn ich auch sehr oft nicht zu ergründen vermochte, was für eine Hürde ich überspringen sollte, so war ich doch von da an nach bestem Willen ein gelehriges Pferd.

Ich erlebte damals in einer Sekunde an mir den Satz der Bibel von der Vergebung der Sünden in der seltsam verborgenen Bedeutung, die ihm zugrunde liegt: — mit dem Begriff der Strafe fiel auch von selbst die Schuld weg und aus dem Zerrbild eines rächenden Gottes wurde im veredelten, von Form losgelösten Sinn eine wohltätige Kraft, die mich nur belehren wollte — so, wie der Mann das Pferd.