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Das Heim und die Welt cover

Das Heim und die Welt

Chapter 43: IX
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About This Book

Through the first-person account of a married woman in a traditional household, the narrative traces her gradual encounter with modern political ideas introduced by a charismatic outsider, and the resulting tension between domestic loyalties and public causes. Intimate domestic scenes and reflective passages contrast with passionate public rhetoric, prompting questions about duty, personal freedom, and moral responsibility. The story examines how ideological fervor reshapes relationships, challenges gender roles, and forces painful choices between home and the wider social world.

Fußnoten:

[25] Silbermünze von ungefähr 2 Mk. Wert.


SECHSTES KAPITEL

NIKHILS ERZÄHLUNG

VIII

Ein paar Tage später brachte mein Lehrer Pantschu zu mir. Sein Zemindar hatte ihm eine Geldstrafe von hundert Rupien auferlegt und drohte, ihn von seinem Hof zu jagen. »Was hat er denn getan?« fragte ich. »Man hat ihn dabei ertappt, daß er ausländische Stoffe verkaufte«, war die Antwort. Er bat und flehte Harisch Kundu, seinen Zemindar, an, er möge ihm erlauben, seinen Vorrat, den er sich mit geliehenem Gelde gekauft habe, abzusetzen, er wolle nie wieder mit fremden Waren handeln; aber der Zemindar wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß der ausländische Stoff auf der Stelle verbrannt werde, wenn er freigelassen werden wolle. Pantschu brach in seiner Verzweiflung trotzig los: »Das kann ich nicht, dazu habe ich nicht die Mittel! Sie sind reich, warum kaufen Sie es denn nicht auf und verbrennen es?«

Aber dies diente nur dazu, Harisch Kundu in Wut zu bringen, und er rief: »Man muß dem Kerl Manieren beibringen, man gebe ihm eine Tracht Prügel!« So bekam der arme Pantschu zu seiner Geldstrafe noch eine Prügelstrafe.

»Was wurde aus dem Stoff?«

»Der ganze Ballen wurde verbrannt.«

»Wer war sonst noch dabei?«

»Eine Menge Leute, die alle Bande Mataram schrieen. Sandip war auch da. Er nahm etwas von der Asche und rief: ›Brüder! Dies ist der erste Scheiterhaufen, den euer Dorf zur Totenfeier des ausländischen Handels errichtet. Dies ist heilige Asche. Bestreut euch damit zum Zeichen eures Swadeschi-Gelübdes.‹«

»Pantschu,« sagte ich, mich zu ihm wendend, »du mußt eine Klage einreichen.«

»Niemand wird für mich zeugen«, erwiderte er.

»Niemand wird zeugen? — Sandip! Sandip!«

Sandip kam auf meinen Ruf aus seinem Zimmer.

»Was ist los?« fragte er.

»Willst du nicht bezeugen, daß man diesem Mann seinen Stoff verbrannt hat?«

Sandip lächelte. »Natürlich werde ich in dem Fall zeugen«, sagte er. »Aber auf der Gegenseite.«

»Was verstehst du darunter,« rief ich aus, »auf dieser oder jener Seite zeugen? Willst du nicht für die Wahrheit Zeugnis ablegen?«

»Ist das, was geschieht, die einzige Wahrheit?«

»Welch andre Wahrheit kann es denn noch geben?«

»Das, was geschehen sollte! Um die Wahrheit aufbauen zu können, brauchen wir eine ganze Menge Lügen. Die, welche in dieser Welt vorwärtsgekommen sind, haben die Wahrheit geschaffen, aber sie sind ihr nicht blind gefolgt.«

»Und nun -?«

»Und nun will ich das tun, was ihr andern ›falsch Zeugnis reden‹ zu nennen beliebt und was die getan haben, die Weltreiche geschaffen, neue Gesellschaftsordnungen aufgebaut und religiöse Organisationen gegründet haben. Die, welche herrschen wollen, scheuen die Lüge nicht; die Ketten der Wahrheit sind für die, die unter ihre Herrschaft fallen werden. Hast du denn keine Geschichte gelesen? Weißt du denn nicht, daß in den ungeheuren Kesseln, in denen die großen politischen Entwicklungen brodeln, Lügen die Hauptbestandteile sind?«

»Politik wird ohne Zweifel im großen ganzen in dieser Weise gebraut, aber...«

»Ach, ich weiß! Du willst natürlich bei solchem Brauen nicht mittun. Du willst lieber einer von denen sein, die den Mischmasch nachher mit Gewalt hinunterwürgen müssen. Sie werden Bengalen teilen und sagen, daß es zu eurem Besten ist. Sie werden der Erziehung einen Riegel vorschieben, und das nennen sie das Niveau heben. Aber ihr werdet immer als artige Jungen greinend in eurer Ecke sitzen bleiben. Wir bösen Buben jedoch müssen sehen, ob wir nicht aus der Lüge eine Festung zu unsrer Verteidigung errichten können.«

»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen, einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte anzuhäufen?«

Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern, aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken, zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«

»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.

»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.

Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er, »ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«

»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat und es vielleicht noch mehr tun wird.«

»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«

»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem ›Verlorenen Paradies‹ zu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein Wortspiel aufnehmend.

»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.

»Sie sagen, daß Harisch Kundu ihn von seinem Hof weisen will. Wie wäre es, wenn ich den Hof kaufte und ihn dann an Pantschu verpachtete?«

»Und seine Geldstrafe?«

»Wie kann der Zemindar die einziehen, wenn er mein Pächter wird?«

»Und der verbrannte Stoff?«

»Ich werde ihm andern verschaffen. Ich möchte sehen, ob irgend jemand es wagt, meinem Pächter zu wehren, Handel zu treiben, wie es ihm gefällt.«

»Ich fürchte, Herr,« warf Pantschu mutlos ein, »daß, solange ihr reichen Leute miteinander kämpft, die Geier der Polizei und des Gesetzes sich fröhlich um euch ansammeln und die Menge ihren Spaß daran hat, aber wenn es ans Töten geht, da wird der arme Pantschu allein an der Reihe sein.«

»Wieso? Was könnte dir geschehen?«

»Sie werden mir mein Haus niederbrennen, mit Kindern und allem.«

»Nun, für deine Kinder will ich sorgen«, sagte mein Lehrer. »Du kannst darum Handel treiben, womit du willst. Sie sollen dir nichts anhaben.«

Noch am selben Tage kaufte ich Pantschus Hof, und er ging in aller Form in meinen Besitz über. Dann kam gleich eine neue Störung.

Pantschu hatte den Pachthof als alleiniger Erbe von seinem Großvater übernommen. Jeder wußte dies. Aber nun tauchte von irgendwoher eine Tante auf, mit ihren Koffern und Bündeln, ihrem Rosenkranz und einer verwitweten Nichte. Sie setzte sich in Pantschus Hause fest und erhob Anspruch auf eine Leibrente.

Pantschu war wie vom Donner gerührt. »Meine Tante ist schon lange tot«, wehrte er ab.

Ihm wurde erwidert, daß er an seines Onkels erste Frau dächte, aber dieser Onkel hätte bald darauf eine zweite genommen.

»Aber mein Onkel starb vor meiner Tante«, rief Pantschu, der die Sache immer weniger begriff. »Wie hatte er da noch Zeit, sich zum zweitenmal zu verheiraten?«

Das war schon richtig. Aber Pantschu sollte bedenken, daß niemand behauptet hätte, die zweite Ehe sei erst nach dem Tode der ersten Frau geschlossen; sondern sein Onkel hätte noch zu ihren Lebzeiten eine zweite Frau genommen. Da ihr aber der Gedanke, mit einer Nebengattin zusammen zu leben, nicht angenehm war, so wäre sie bis zum Tode ihres Gatten im Hause ihres Vaters geblieben, worauf sie fromm geworden wäre und sich nach dem heiligen Brindaban zurückgezogen hätte, von wo sie jetzt kam. Diese Tatsachen wären sowohl den Beamten Harisch Kundus wie einigen seiner Pächter bekannt. Und wenn der Zemindar es nur energisch genug verlangte, so würden sich sogar Zeugen finden, die an dem Hochzeitsfest teilgenommen hatten.

IX

Eines Nachmittags, als ich gerade sehr beschäftigt war, kam Bescheid in mein Geschäftszimmer, daß Bimala mich rufen ließe. Ich war überrascht.

»Wer, sagtest du, läßt mich rufen?« fragte ich den Boten.

»Die Maharani.«

»Die Bara Rani?«

»Nein, Herr, die Tschota Rani.«

Die Tschota Rani! Es schien mir eine Ewigkeit, daß sie mich nicht hatte rufen lassen. Ich ließ alle warten und ging in die inneren Gemächer. Als ich unser Zimmer betrat, wartete meiner eine neue Überraschung, denn als ich Bimala dort fand, sah ich deutlich, daß sie sich für mich geputzt hatte. Das Zimmer, das in letzter Zeit durch die beständige Vernachlässigung ein etwas geistesabwesendes Aussehen bekommen hatte, hatte an diesem Nachmittag etwas von seiner alten Ordnung wieder erlangt. Ich stand schweigend da und sah Bimala fragend an.

Sie errötete leicht, und die Finger ihrer rechten Hand spielten eine Zeitlang mit den Spangen auf ihrem linken Arm. Dann brach sie plötzlich das Schweigen.

»Sag einmal, ist es recht, daß unser Markt der einzige in ganz Bengalen ist, der ausländische Waren zuläßt?«

»Was wäre denn das Richtige, was man tun sollte?« fragte ich.

»Laß sie wegschaffen!«

»Aber die Waren gehören nicht mir.«

»Gehört nicht der Markt dir?«

»Er gehört vielmehr denen, die ihn zum Handel brauchen.«

»So laß sie mit indischen Waren handeln!«

»Nichts wäre mir lieber. Aber wenn sie es nun nicht tun?«

»Unsinn! Wie können sie so unverschämt sein? Bist du denn nicht...«

»Ich habe heute nachmittag sehr viel zu tun und kann mich mit Auseinandersetzungen nicht aufhalten. Aber ich muß mich weigern, jemanden zu tyrannisieren.«

»Du tust es ja nicht in deinem Interesse, sondern für das Vaterland.«

»Tyrannei für das Vaterland heißt Tyrannei gegen das Vaterland. Aber das ist etwas, fürchte ich, was du nie verstehen wirst.« Und damit ging ich fort.

Plötzlich leuchtete mir die Welt in neuer Klarheit. Es war mir, als fühlte ich in meinem Blut, daß die Erde das Gewicht ihrer Körperlichkeit verloren hatte, und daß ihre tägliche Aufgabe, das Leben auf sich zu erhalten, keine Last mehr für sie war, sondern daß sie in wundervollem Schwung durch den Raum wirbelte und den Rosenkranz ihrer Tage und Nächte abbetete. Welch endlose Arbeit, und dabei welch unerschöpflich quellende Kraft! Niemand wird sie aufhalten, o nein, niemand kann sie je aufhalten! Aus der Tiefe meiner Seele sprang die Freude hoch auf wie ein Wasserstrahl, als wollte sie den Himmel stürmen.

Ich habe hernach oft darüber nachgedacht, was es war, das mein Gefühl damals so aufwallen machte. Zuerst fand ich keine Erklärung dafür. Aber dann wurde mir klar, daß die Fessel, an der ich mich Tag und Nacht innerlich wund gerieben hatte, zerbrochen war. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß der trübe Schleier, der meinen Geist umdunkelt hatte, geschwunden war. Ich konnte alles, was sich auf Bimala bezog, wahrheitsgetreu vor mir sehn, wie auf einer photographischen Platte. Es war offenbar, daß sie sich besonders geputzt hatte, um mir jenen Befehl abzuschmeicheln. Bis dahin hatte ich Bimalas Schmuck nie als etwas von ihr Unterschiedenes angesehen. Aber an jenem Tage erschien mir die Art, in der sie sich nach englischer Mode frisiert hatte, als bloßer äußerlicher Aufputz. Das, was vorher das Geheimnis ihrer Persönlichkeit in sich trug und mir von unschätzbarem Wert gewesen war, war jetzt darauf aus, sich wegzuwerfen.

Als ich aus dem Schlafzimmer, diesem zerbrochenen Käfig, hinaustrat in das goldene Sonnenlicht draußen, fiel mein Blick auf die beiden Reihen von Bauhinien neben dem Kiesweg vor meiner Veranda, die den Himmel mit einer zarten Röte zu übergießen schienen. Eine Gruppe von Staren schwatzte und lärmte nach Herzenslust unter den Bäumen. Hinten auf der Wiese stand ein leerer Ochsenkarren, vornübergekippt, mit der Nase auf dem Boden und den Schwanz hoch in der Luft, — der eine von den losgeschirrten Ochsen weidete im Grase, der andre hatte sich niedergelegt und schloß behaglich die Augen, während eine Krähe auf seinem Rücken saß und ihm die Insekten abpickte.

Es war mir, als wäre ich dem Herzschlag der großen Erde näher gekommen, als ich sie so in der Schlichtheit ihres täglichen Lebens sah; ich spürte ihren warmen Atem in dem Duft der Bauhinienblüten, und ein Lobgesang von unsagbarem Wohllaut schien von dieser Welt aufzusteigen, wo alle Wesen sich einer Freiheit erfreuen, an der auch ich teilhabe.

Wir Menschen sind fahrende Ritter, auf der Suche nach der Freiheit, zu der uns unsre Ideale rufen. Sie, die uns das Banner webt, unter dem wir ausziehen, ist das wahre Weib für uns. Wir müssen der, die uns in ihrem Zaubernetz zu Hause zu halten sucht, die Maske abreißen und sie als das erkennen, was sie ist. Wir müssen uns hüten, daß wir sie nicht in die Reize unsrer eigenen Träume und Sehnsüchte kleiden und uns durch sie so von unserm wahren Ziel abziehen lassen.

Heute weiß ich, daß ich obsiegen werde. Ich bin an das Tor der Einfalt gekommen, ich sehe jetzt die Dinge wie sie sind. Ich selbst habe meine Freiheit gewonnen, ich werde andern die Freiheit lassen. In meiner Arbeit werde ich mein Heil finden.

Ich weiß, daß hin und wieder mein Herz mir weh tun wird, aber jetzt, da ich seinen Schmerz in seiner ganzen Wahrheit verstehe, kann ich ihn unbeachtet lassen. Jetzt, da ich weiß, daß er nur mich angeht, was hat er da noch zu bedeuten? Das Leid, das der ganzen Menschheit gehört, soll meine Krone sein.

Rette mich, Wahrheit! Laß mich nie wieder nach dem falschen Paradiese der Illusion trachten! Wenn ich allein wandern muß, laß mich wenigstens deinen Pfad gehen! Laß deine Trommelschläge mich zum Siege führen!


SANDIPS ERZÄHLUNG

VII

Bimala ließ mich an jenem Tage rufen; aber sie konnte zuerst kein Wort hervorbringen und kämpfte eine Zeitlang mit den Tränen. Ich sah gleich, daß sie bei Nikhil keinen Erfolg gehabt hatte. Sie war so voll stolzer Zuversicht gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzen würde, — aber ich hatte diese Zuversicht durchaus nicht teilen können. Die Frau kennt den Mann sehr gut von der Seite, wo er schwach ist, aber sie ist ganz unfähig, seine Stärke zu ermessen. Der Mann bleibt der Frau ebenso ein Geheimnis wie die Frau dem Manne. Wenn dem nicht so wäre, so wäre die Verschiedenheit der Geschlechter ja überflüssig und eine Kraftvergeudung der Natur.

Ach, was ist es doch um den Stolz! Es schmerzte sie nicht, daß eine notwendige Sache nicht zustande gekommen war, sondern daß eine Bitte, die sie so viel Überwindung gekostet hatte, ihr abgeschlagen war. Welch ein Reichtum an Farbe und Bewegung, Suggestion und Täuschung legt sich doch um dieses »Ich« und »Mein« in der Frau! Darin liegt gerade ihre Schönheit, — sie ist so viel persönlicher als der Mann. Als der Schöpfer den Mann machte, war er ein Schulmeister und hatte seinen Sack voll von Geboten und Grundsätzen; aber als er an die Frau kam, legte er seine Schulmeisterwürde nieder und wurde zum Künstler, der nur mit Pinsel und Palette arbeitet.

Als Bimala so schweigend dastand in ihrem gebrochenen Stolz, mit heißen Wangen und die Augen voll Tränen, wie eine Gewitterwolke, die mit Regen beladen und mit Blitz gewaffnet am Horizonte droht, sah sie so unwiderstehlich lieblich aus, daß ich nicht anders konnte, als zu ihr gehen und ihre Hand fassen. Ihre Hand zitterte, aber sie entzog sie mir nicht. »Bima,« sagte ich, »wir sind zwei Kameraden, die dasselbe Ziel haben. Wir wollen uns hinsetzen und über die Sache sprechen.«

Ich führte sie widerstandslos zu einem Sessel. Aber wie sonderbar! Gerade in diesem Augenblick fühlte meine ungestüme Leidenschaft eine unerklärliche Hemmung, — gleichwie der mächtige Padmastrom, der in unaufhaltsamem Lauf dahineilt, plötzlich durch irgendein kleines Hemmnis unter der Oberfläche von dem Ufer abgelenkt wird, das er zerbröckelt. Als ich Bimalas Hand drückte, erklangen alle meine Nerven wie Harfensaiten; aber dann verstummte die Symphonie plötzlich.

Was war es, das mich hemmte? Nicht eine bestimmte Sache; es war ein Gewirr von vielen Dingen, — nichts deutlich Greifbares, sondern nur jenes unerklärliche Gefühl der Hemmung. So viel ist mir jedenfalls klar geworden, daß ich nicht schwören kann, was ich in Wahrheit bin. Gerade weil ich mir selber so ein Rätsel bin, fühle ich mich zu mir selbst so hingezogen. Wenn ich einmal dahin kommen sollte, dies mein Ich ganz zu erkennen, so würde ich es von mir werfen, — und Glückseligkeit erlangen!

Als Bimala sich setzte, wurde sie totenbleich. Auch sie mußte wohl fühlen, welcher Gefahr sie entgangen war. Der Komet war schon über sie hinweg, aber die Berührung seines brennenden Schweifes überwältigte sie. Um ihr zu helfen, daß sie sich erholte, sagte ich: »Auf Hindernisse mußten wir uns gefaßt machen, aber wir wollen tapfer weiterkämpfen und uns nicht entmutigen lassen. Nicht wahr, Königin?«

Bimala versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein schwaches »Ja« hervor.

»Lassen Sie uns unsern Feldzugsplan machen!« fuhr ich fort und zog Bleistift und Papier aus der Tasche.

Ich begann eine Liste von den Mitarbeitern aus Kalkutta zu machen und jedem seine Aufgabe zu bestimmen. Bimala unterbrach mich, bevor ich fertig war, und sagte müde: »Lassen Sie das jetzt; ich komme heute abend noch einmal«, und dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie war augenscheinlich nicht imstande, irgendeiner Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie mußte eine Weile mit sich allein sein, — vielleicht sich aufs Bett legen und sich ordentlich ausweinen!

Als sie fort war, flammte meine Leidenschaft heißer auf, gleichwie die Wolke sich tiefer färbt, wenn die Sonne hinabgesunken ist. Ich fühlte, daß ich mir den Augenblick aller Augenblicke hatte entgleiten lassen.

Welch ein erbärmlicher Feigling war ich gewesen! Sie war gewiß aus bloßem Ekel vor meinem schwächlichen Zaudern von mir gegangen, — und sie hatte recht!

Während diese Gedanken mich schmerzhaft durchzuckten, kam ein Diener und meldete Amulja, einen unsrer jungen Leute. Ich hätte ihn am liebsten abgewiesen, aber bevor ich mich dazu entschließen konnte, trat er ein. Dann begannen wir über die Nachrichten zu sprechen, die wir von den verschiedenen Distrikten hatten, und von ihren Kämpfen um ausländische Waren, und bald war die Luft von allen berauschenden Dünsten gereinigt. Mir war, als erwachte ich aus einem Traum. Ich sprang auf, ganz bereit zum Kampf, — Bande Mataram!

Es gab verschiedene Neuigkeiten. Die meisten von den Händlern, welche Pächter von Harisch Kundu waren, waren zu uns übergegangen. Viele von Nikhils Angestellten waren auch heimlich auf unsrer Seite und zogen die Drähte in unserm Interesse. Die Kaufleute von Marwari erboten sich, eine Geldbuße zu zahlen, wenn sie nur mit ihren augenblicklichen Vorräten räumen dürften. Nur einige mohammedanische Händler waren noch hartnäckig.

Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.

Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß durchkämpfen sollen, — woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß machte.

Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen sollen.

»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen niederbrennen! — Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe können wir dich dann nicht brauchen!«

Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.

Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann, Mirdschan, war noch widerspenstig.

»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern hiesigen Verwalter.

»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich nachher zur Verantwortung zieht?«

»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich nehmen.«

Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es sank mitten auf dem Wasser.

Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich hatte unrecht, Herr —« begann er.

»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich höhnisch.

Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er. »Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.

Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen haben.

Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen: »Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld haben.«

»Geld? Wieviel?«

»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es bekommen.«

»Aber wieviel denn?«

»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«

Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen geben?

»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«

»Sie sollen es haben«, sagte sie.

Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus der Kasse Ihres Gatten kommen.«

Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber wie soll ich sein Geld bekommen?«

»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«

»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.

»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«

»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.

»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram, Bienenkönigin!«

»Bande Mataram!«


SIEBENTES KAPITEL

SANDIPS ERZÄHLUNG

VIII

Wir sind Männer, wir sind Könige, und unser Tribut muß uns werden. Solange wir auf der Erde sind, haben wir sie geplündert; und je mehr wir verlangten, je mehr hat sie uns gewährt. Von Urzeiten her haben wir Männer Früchte gepflückt, Bäume abgehauen, den Boden umgegraben, Säugetiere, Vögel und Fische getötet. Vom Meeresboden, aus den Tiefen der Erde, ja aus dem Rachen des Todes haben wir errafft, was wir nur erraffen konnten; keinen Verschluß in der Vorratskammer der Natur haben wir respektiert und unerbrochen gelassen.

Die einzige Lust dieser Erde ist, das Begehren derer zu erfüllen, die Männer sind. Die endlosen Opfer, die sie ihnen gebracht hat, sind es, die sie fruchtbar und schön und vollkommen gemacht haben. Ohne diese Opfer würde sie in der Wildnis verloren sein, sie würde sich selbst nicht kennen, die Türen ihres Herzens würden sich nie geöffnet, ihre Diamanten und Perlen nie das Licht erblickt haben.

So haben die Männer auch, nur dadurch, daß sie immer wieder forderten, alle latenten Möglichkeiten der Frauen erschlossen. In dem Maße, wie sie sich uns hingaben, haben sie immer ihre wahre Größe erlangt. Weil sie alle Diamanten ihres Glücks und alle Perlen ihres Leides in unser königliches Schatzhaus bringen mußten, haben sie ihren wahren Reichtum gefunden. So bedeutet für die Männer »annehmen« in Wahrheit »geben«, und für die Frauen heißt »geben« in Wahrheit »gewinnen«.

Was ich jedoch von Bimala verlangt habe, ist wirklich sehr viel! Zuerst hatte ich Bedenken, denn es ist ja nun einmal eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, in zwecklosem Streit mit sich selbst zu sein. Ich fürchtete, ich hätte ihr eine zu schwere Aufgabe auferlegt. Mein erster Impuls war, sie zurückzurufen und ihr zu sagen, ich wollte lieber nicht ihr Leben elend machen, dadurch, daß ich sie in alle diese Sorgen hineinzöge. Ich vergaß in dem Augenblick, daß der Mann die Frau ja nicht schonen darf, wenn er ihr Dasein fruchtbar machen will, daß es seine Aufgabe ist, die Ruhe und Passivität ihres Wesens zu stören und dadurch, daß er den unermeßlichen Abgrund des Leidens in ihr aufwühlt, der ganzen Welt Segen zu bringen. Darum ist des Mannes Hand so stark und sein Griff so fest.

Bimala hatte sich von ganzem Herzen danach gesehnt, daß ich, Sandip, ein großes Opfer von ihr fordern, sie in den Tod schicken möchte. Welch anderes Glück gab es denn sonst für sie? Hatte sie nicht alle diese öden Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu Tode zu weinen, — so überdrüssig war sie der Eintönigkeit ihres ruhigen Glücks! Und daher wurde, sobald sie mich erblickte, der Horizont ihres Herzens von den Wolken verdunkelt, die ihr Leben mit Angst und Qual bedrohten. Wenn ich Mitleid mit ihr habe und sie vor ihrem Leid zu bewahren suche, wozu bin ich dann als Mann in die Welt gekommen?

Der wahre Grund meiner Bedenken ist, daß es sich bei meiner Bitte um Geld handelt. Das sieht nach Bettelei aus, denn das Geld ist Sache des Mannes, nicht der Frau. Darum mußte ich eine so große Summe nennen. Ein- bis zweitausend hätte nach einem kleinlichen Diebstahl ausgesehen. Fünfzigtausend hat die ganze Größe und Romantik eines kühnen Raubes.

Ach, aber ich hätte wirklich reich sein sollen! So viele von meinen Wünschen haben immer wieder auf ihrem Wege zum Ziel haltmachen müssen, nur weil es mir an Geld fehlte. Dies paßt nicht zu mir! Wäre das Schicksal bloß ungerecht, so könnte ich es verzeihen, — aber solche Stillosigkeit ist unverzeihlich. Es ist nicht nur hart, daß ein Mann wie ich nicht weiß, wie er es anfangen soll, seine Miete zu bezahlen, oder daß er sorgfältig die Groschen für eine Fahrkarte zweiter Klasse zusammensuchen muß, — es ist plebejisch!

Es ist ebenso klar, daß Nikhils väterliches Erbe für ihn einen Überfluß bedeutet. Zu ihm hätte Armut ganz gut gepaßt. Er hätte zusammen mit seinem treuen Lehrer sich ganz fröhlich ins Joch des bedürftigen Mittelstandes gespannt.

Es wäre mir eine Lust, könnte ich nur ein einziges Mal fünfzigtausend Rupien im Dienste meines Vaterlandes und ganz nach meiner eigenen Laune verschleudern. Ich bin ein geborener Nabob, und mein schönster Traum ist, einmal, wenn auch nur für einen Tag, diese Maske der Armut loszuwerden und mich in meiner wahren Gestalt zu sehen.

Ich habe jedoch meine ernsten Zweifel, ob Bimala je zu diesen 50000 Rupien gelangen wird, und wahrscheinlich werden es am Ende nicht mehr als ein paar tausend werden. Meinetwegen. Der Weise nimmt noch lieber ein halbes Brot oder auch nur ein Stückchen, als gar keines.

Ich muß später auf diese persönlichen Betrachtungen zurückkommen. Ich erhalte Nachricht, daß man mich sofort braucht. Irgend etwas ist verkehrt gegangen.

Es scheint, daß die Polizei von dem Manne, der Mirdschans Boot für uns versenkt hat, Wind bekommen hat. Sie sind ihm auf der Spur, aber er ist ein alter Sünder und sollte zu gerieben sein, um sich festzuschwatzen. Doch man kann nie wissen. Nikhil ist aufgebracht, und sein Verwalter ist vielleicht nicht imstande, nach seinem eigenen Kopf zu verfahren.

»Wenn ich Unannehmlichkeiten bekomme,« sagte der Verwalter, als er mich sah, »werde ich Sie hineinziehen müssen.«

»Mit welcher Schlinge wollen Sie mich fangen?« fragte ich.

»Ich habe einen Brief von Ihnen und mehrere von Amulja Babu.«

Ich hatte nicht geahnt, daß der Brief mit der Bezeichnung »dringlich«, den ich eilig beantworten mußte, nur eben dieses Zweckes wegen dringlich gewesen war. Ich lerne allmählich eine ganze Menge Dinge.

Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken, denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?

Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher konnte auch mein Zorn nicht standhalten.

Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde. Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden einen Teil von dem, was die große Sache fordert, — das Pferd muß gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts kommen will.

Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt ihre Begierden opfern müssen!

Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind, aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind, aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26], die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie ersehnen.

Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.

Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.

Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf den Grund zu leeren.

IX

Unsre Arbeit geht schnell vorwärts. Aber obgleich wir uns heiser geschrien haben, indem wir die Muhammedaner für unsre Brüder erklärten, haben wir doch einsehen müssen, daß es uns nie gelingen wird, sie ganz auf unsre Seite zu bringen. Daher müssen wir sie nun ganz unterdrücken und ihnen begreiflich machen, daß wir die Herren sind. Jetzt zeigen sie die Zähne, aber eines Tages werden sie wie zahme Bären nach unsrer Pfeife tanzen.

»Wenn es euch mit dem Gedanken eines vereinigten Indiens ernst ist,« wendet Nikhil ein, »so müßt ihr die Muhammedaner als einen notwendigen Teil desselben gelten lassen.«

»Ganz recht,« sagte ich, »aber wir müssen wissen, wo ihr Platz ist, und dafür sorgen, daß sie da bleiben, sonst werden sie uns beständig beschwerlich fallen.«

»So wollt ihr also Beschwerden verursachen, um Beschwerden zu verhindern?«

»Und was wolltest du tun?«

»Es gibt nur ein bekanntes Mittel, Streit zu vermeiden,« sagte Nikhil mit Betonung.

Ich weiß, daß Nikhils Reden, wie die Erzählungen guter Leute, immer mit einer Moral enden. Das Merkwürdige ist, daß er trotz seiner Vertrautheit mit moralischen Vorschriften noch immer an sie glaubt! Er ist ein unverbesserlicher Schuljunge. Das einzig Gute an ihm ist seine Aufrichtigkeit. Das Schlimme ist, daß seinesgleichen nicht einmal die Endgültigkeit des Todes zugibt, sondern immer den Blick auf ein Hernach richtet.

Ich habe mich lange mit einem Plan getragen, der, wenn ich ihn ausführen könnte, das ganze Land in Flammen setzen würde. Wir werden niemals unsre Landsleute zu wahrem Patriotismus aufrütteln, wenn wir ihnen das Mutterland nicht irgendwie versinnbildlichen können. Wir müssen eine Göttin von ihm machen. Meine Gefährten begriffen die Sache sofort. »Wir müssen ein passendes Götzenbild erfinden,« riefen sie aus. »Erfinden nützt nichts,« belehrte ich sie. »Wir müssen uns eins der anerkannten Götzenbilder aneignen, dem die Verehrung des Volkes in den tief gegrabenen Kanälen der Gewohnheit zuströmt, und es zum Repräsentanten des Landes machen.«

Aber Nikhil muß natürlich auch dagegen seine Einwendungen machen. »Wir dürfen nicht bei einer Sache, die wir für die rechte halten, zu Täuschungen unsre Zuflucht nehmen,« sagte er vor einiger Zeit zu mir.

»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten, denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«

»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen. Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«

»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen, lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren, sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«

»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist, am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer — sei es auch in Gestalt von Fußtritten — zu einer Tat gebracht werden können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir sie alle diese Jahrhunderte hindurch in unsrer Rüstkammer aufbewahrt und in scharfem und gebrauchsfähigem Zustande erhalten haben, jetzt in der Zeit der Not nicht verwenden können, um sie auf diesen Pöbel zu hetzen!«

Aber es ist unmöglich, Nikhil dies alles begreiflich zu machen. Er ist so für die Wahrheit eingenommen, — als ob es überhaupt eine objektive Wahrheit gäbe! Wie oft habe ich versucht, ihm auseinanderzusetzen, daß gerade in der Unwahrheit die eigentliche Wahrheit liegt. Früher erkannte man bei uns diese Tatsache, und man hatte den Mut, zu erklären, daß für die, die beschränkten Geistes sind, Lüge Wahrheit sei.

Denen, die wirklich glauben können, daß ihr Land eine Göttin ist, wird ihr Bild als Ersatz für die Wahrheit dienen. Unsre Natur und unsre Überlieferungen hindern uns, unser Vaterland als das, was es ist, zu erkennen, aber wir können uns leicht dazu bringen, an sein Bild zu glauben. Wer wirklich etwas erreichen will, darf diese Tatsache nicht außer acht lassen.

Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«

»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser Vaterland zum Gott gemacht werden.«

»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«

»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt. »Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt, da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«

»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen? Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild. Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«

»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes, deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich sage die Wahrheit, — ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du über die Wirkung staunen.«

»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«

»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute erstreckt.«

»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«, antwortete Nikhil.

Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete. Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?

Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«

Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt, auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.