WeRead Powered by ReaderPub
Das Heim und die Welt cover

Das Heim und die Welt

Chapter 65: XIX
Open in WeRead

About This Book

Through the first-person account of a married woman in a traditional household, the narrative traces her gradual encounter with modern political ideas introduced by a charismatic outsider, and the resulting tension between domestic loyalties and public causes. Intimate domestic scenes and reflective passages contrast with passionate public rhetoric, prompting questions about duty, personal freedom, and moral responsibility. The story examines how ideological fervor reshapes relationships, challenges gender roles, and forces painful choices between home and the wider social world.

Fußnoten:

[35] Bruder von Rama, dem Helden des Ramajana, dessen Treue gegen seinen Bruder und dessen Gattin Sita sprichwörtlich geworden ist.

[36] Die erste Strophe aus dem Gedicht Christina (Dramatic Lyrics).


ZEHNTES KAPITEL

NIKHILS ERZÄHLUNG

XII

Ich hörte von meinem Lehrer, daß Sandip mit Harisch Kundu gemeinsame Sache gemacht hätte und daß eine große Feier stattfinden sollte zu Ehren der dämonenvernichtenden Göttin. Harisch Kundu erpreßte die Mittel dazu von seinen Pächtern. Die gelehrten Brahmanen Kaviratna und Vidjavagisch waren beauftragt, eine kunstvolle doppelsinnige Hymne zu verfassen.

Mein Lehrer hatte eben mit Sandip ein Wortgefecht darüber. »Auch bei den Göttern gibt es eine Entwicklung«, sagte Sandip. »Der Enkel muß die Götter, die sein Großvater schuf, nach seinem eignen Geschmack ummodeln, sonst bleibt er ein Atheist. Meine Sendung ist es, die alten Gottheiten der neuen Zeit anzupassen. Ich bin zum Erlöser der Götter geboren, der sie von der Knechtschaft der Vergangenheit frei macht.«

Ich habe von unsrer Kindheit an gesehen, welch ein Ideengaukler Sandip ist. Er hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu entdecken, aber es erfreut sein Herz, wenn er an ihr seinen Witz üben kann. Wenn er unter den Wilden Afrikas geboren wäre, so hätte er eine schöne Zeit damit zugebracht, ein Argument nach dem andern zu erfinden, um zu beweisen, daß der Kannibalismus das beste Mittel ist, eine wahre Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch herzustellen. Aber die, die sich mit Betrug abgeben, betrügen schließlich sich selbst, und ich bin fest überzeugt, daß Sandip, jedesmal, wenn er sich einen neuen Trugschluß ausgedacht hat, sich einredet, er habe die Wahrheit gefunden, wie widerspruchsvoll auch seine Schlüsse unter sich sein mögen.

Doch ich werde mich jedenfalls nicht dazu hergeben, die Fabrikation solcher Rauschmittel in meinem Lande zu fördern. Die jungen Leute, die bereit sind, sich in den Dienst ihres Vaterlandes zu stellen, dürfen sich nicht an den Rausch gewöhnen. Wer andre durch Rauschmittel zur Vollbringung eines Werkes treibt, sündigt an ihrer Seele.

Ich sah mich genötigt, Sandip in Bimalas Gegenwart zu sagen, daß er fort müsse. Vielleicht werden beide mir falsche Beweggründe unterschieben. Aber ich muß mich frei machen, auch von der Furcht mißverstanden zu werden. Mag selbst Bimala mich mißverstehen...

Es kommen immer mehr mohammedanische Priester von Dacca herüber. Die Muselmänner auf unserm Gebiet hatten mit der Zeit eine fast ebenso große Abneigung gegen das Töten von Kühen bekommen wie die Hindus. Aber jetzt tauchen hier und da Fälle auf, wo sie Kühe schlachten. Ich hörte zuerst davon durch ein paar von meinen mohammedanischen Pächtern, die ihrem Abscheu darüber Ausdruck gaben. Ich sah, daß wir hier in eine schwierige Lage gerieten. Bisher waren ihre religiösen Gründe nur ein Vorwand, aber dieser Vorwand wird zu wirklichem Fanatismus werden, sobald sie Widerstand finden. Darin zeigt sich gerade der Scharfsinn dieser Maßregel.

Ich ließ einige von meinen Hauptpächtern, die Hindus waren, rufen und versuchte, ihnen die Sache im rechten Lichte darzustellen. »Wir können selbst unerschütterlich an unsern Überzeugungen festhalten,« sagte ich, »aber wir haben keine Macht über die Überzeugungen anderer. Wenn auch viele unter uns der Wischnu-Religion angehören, so bringen doch die Schakti-Gläubigen unter uns nichtsdestoweniger ihre Tieropfer dar. Dagegen läßt sich nichts tun. Und ebenso müssen wir nun auch die Mohammedaner gewähren lassen. Daher bitte ich euch, haltet euch von allen Gewalttätigkeiten zurück!«

»Maharadscha,« erwiderten sie, »es ist so lange her, seit man von solchem Frevel gehört hat.«

»Das kommt daher,« sagte ich, »weil sie sich aus eignem Antrieb dessen enthielten. Laßt uns jetzt so verhalten, daß sie es von selbst wieder tun. Aber wenn wir den Frieden brechen, bringen wir sie nicht dazu.«

»Nein, Maharadscha,« drängten sie, »jene guten alten Zeiten sind vorbei. Dieser Frevel wird nicht aufhören, wenn Sie ihn nicht mit starker Hand unterdrücken.«

»Unterdrückung«, erwiderte ich, »wird nicht nur das Küheschlachten nicht verhindern können; sie kann dahin führen, daß auch Menschen hingeschlachtet werden.«

Einer von ihnen hatte eine englische Schule besucht. Er hatte gelernt, die Schlagworte des Tages nachzusprechen. »Es ist nicht nur eine Frage der Strenggläubigkeit«, wandte er ein. »Unser Land ist im wesentlichen ein ackerbautreibendes, und die Kühe sind...«

»Die Büffel in diesem Lande«, unterbrach ich ihn, »geben auch Milch und werden zum Pflügen gebraucht. Und solange wir, ihre abgehauenen Köpfe auf den Schultern und mit ihrem Blut befleckt, in unsern Tempeln rasende Tänze aufführen, wird die Religion nur unserer spotten, wenn wir mit den Mohammedanern in ihrem Namen streiten, und bei dem Streit um die Wahrheit bleibt der Streit die einzige Wahrheit. Wenn nur die Kuh und nicht der Büffel dem Schlachtmesser heilig sein soll, so ist dies Buchstabendienst, aber nicht Religion.«

»Aber merken Sie denn nicht, Maharadscha, was die Ursache von allem ist?« fuhr der englisch geschulte Pächter fort. »Dies ist alles nur dadurch möglich geworden, daß der Mohammedaner sich sicher fühlt, selbst wenn er das Gesetz bricht. Haben Sie nicht von dem Fall Patschurs gehört?«

»Warum ist es möglich,« fragte ich, »die Mohammedaner so als Werkzeuge gegen uns zu gebrauchen? Haben wir sie nicht durch unsere eigne Unduldsamkeit dazu gemacht? Auf diese Weise straft uns jetzt die Vorsehung, denn das Maß unsrer Sünde ist voll, und sie wird nun an uns heimgesucht.«

»Nun gut, wenn dem so ist, so mag sie an uns heimgesucht werden. Aber die Rache wird kommen. Wir sehen das untergraben, was die größte Stärke unsrer Obrigkeit ausmachte, ihre Treue gegen ihre eignen Gesetze. Einst waren sie wirkliche Könige, die des Rechtes walteten; jetzt werden sie selbst Gesetzbrüchige und also nicht besser als Räuber. Die Geschichte mag anders urteilen; aber unser Herz wird sie immer so richten...«

Die Verleumdungen gegen mich, die sich durch die Zeitungen verbreiten, machen mich berüchtigt. Ich höre, daß man auf dem Verbrennungsplatz der Tschakravartis unten am Fluß mein Bild mit aller Feierlichkeit und großer Begeisterung verbrannt hat, und daß man andre Beschimpfungen plant. Der Anlaß war, daß sie mich aufgefordert hatten, mich als Aktionär bei der Gründung einer Baumwollspinnerei zu beteiligen. Ich mußte ihnen sagen, daß ich nicht so sehr den Verlust meines eigenen Geldes fürchtete, als mich mitschuldig zu machen am Verlust so vieler armer Aktionäre.

»Sollen wir annehmen, Maharadscha,« sagten meine Besucher, »daß das Wohl des Landes Ihnen gleichgültig ist?«

»Industrie kann das Wohl des Landes fördern,« versetzte ich, »aber der bloße Wunsch, daß das Wohl des Landes gefördert werde, garantiert der Industrie noch keinen Erfolg. Selbst als wir mit kühlem Kopf daran gingen, wollte unsere Industrie nicht blühen. Haben wir irgend welchen Grund, zu glauben, daß sie es jetzt tun würde, nur weil wir toll geworden sind?«

»Warum sagen Sie nicht einfach, daß Sie Ihr Geld nicht wagen wollen?«

»Ich will mein Geld hineinstecken, wenn ich sehe, daß es Ihnen um die Industrie selbst zu tun ist. Aber wenn Sie ein Feuer angezündet haben, so ist damit noch nicht gesagt, daß Sie nun auch die Speise haben, die damit gekocht werden soll.«

XIII

Was ist das? Unser Unterschatzamt in Tschakna ist geplündert! Eine Geldsendung von 7500 Rupien sollte nach dem Hauptamt geschickt werden. Der dortige Schatzmeister hatte die Barschaft beim Staatsschatzamt in kleine Bankscheine eingewechselt, um sie bequemer tragen zu können, und hielt sie in Paketen bereit. Mitten in der Nacht brach eine bewaffnete Bande ins Zimmer ein und verwundete Kasim, den Wächter. Das merkwürdige bei der Sache ist, daß sie nur 6000 Rupien genommen und das übrige auf dem Boden ausgestreut haben, obgleich sie das ebenso leicht hätten mitnehmen können. Jedenfalls ist der Beutezug der Banditen zu Ende, und die Polizei beginnt ihren Beutezug. An Frieden ist jetzt nicht mehr zu denken.

Als ich nach Hause kam, war die Nachricht mir schon vorausgeeilt. »Das ist ja schrecklich, Bruder«, rief die Bara Rani. »Was sollen wir nur tun?«

Ich nahm die Sache leicht, um sie zu beruhigen.

»Etwas ist uns geblieben«, sagte ich lächelnd. »Wir werden schon irgendwie durchkommen.«

»Scherze nicht darüber, lieber Bruder. Warum sind sie alle so böse auf dich? Kannst du ihnen denn nicht den Willen tun? Warum bringst du einen jeden gegen dich auf?«

»Ich kann das Land nicht zugrunde gehen lassen, um sie zufrieden zu stellen.«

»Wie entsetzlich war doch die Sache, die sie da auf dem Verbrennungsplatz angestellt haben! Es ist eine Schande, daß man dich so behandelt. Die Tschota Rani ist dank ihrer englischen Bildung über alle Furcht erhaben, aber ich hatte nicht eher Ruhe, als bis ich nach dem Priester geschickt hatte, daß er das Unheil abwendete. Tu's mir zuliebe und reise nach Kalkutta, mein Liebling. Ich zittere, wenn ich denke, was sie dir antun können, wenn du noch länger hier bleibst.«

Die aufrichtige Besorgtheit meiner Schwägerin rührte mich tief.

»Und Bruder,« fuhr sie fort, »habe ich dich nicht gewarnt, du solltest lieber nicht soviel Geld in deinem Zimmer aufbewahren? Sie können jeden Tag Wind davon bekommen. Es ist nicht wegen des Geldes — aber wer weiß...«

Um sie zu beruhigen, versprach ich, das Geld sofort nach dem Schatzamt zu bringen und es dann mit der nächsten Gelegenheit nach Kalkutta zu schicken. Wir gingen zusammen nach meinem Schlafzimmer. Die Tür zum Ankleidezimmer war geschlossen. Als ich klopfte, rief Bimala drinnen: »Ich ziehe mich an.«

»Nun, wie kommt es denn, daß die Tschota Rani sich so früh am Tage anzieht?« rief meine Schwägerin. »Da ist wohl wieder eine ihrer Bande Mataram-Versammlungen. Räuberkönigin,« rief sie Bimala scherzend zu, »zählst du da drinnen deine Beute?«

»Ich sehe nachher nach dem Geld«, sagte ich und ging hinaus nach meinem Geschäftszimmer.

Ich fand den Polizeiinspektor auf mich warten. »Haben Sie irgendeine Spur von den Banditen?« fragte ich.

»Ich habe einen Verdacht.«

»Auf wen?«

»Auf Kasim, den Wächter.«

»Kasim? Aber wurde der nicht verwundet?«

»Nicht der Rede wert. Eine Fleischwunde am Bein, die er sich wahrscheinlich selbst beigebracht hat.«

»Aber ich kann mich nicht entschließen, das von ihm zu glauben. Er ist ein so treuer Diener.«

»Sie mögen ihn für treu gehalten haben, aber das hindert nicht, daß er ein Dieb ist. Habe ich nicht erlebt, wie Menschen, denen man zwanzig Jahre lang getraut hatte, plötzlich...«

»Selbst wenn es so wäre, so könnte ich ihn doch nicht ins Gefängnis schicken. Aber warum sollte er den übrigen Teil des Geldes haben umherliegen lassen?«

»Um den Verdacht von sich abzulenken. Was Sie auch sagen mögen, Maharadscha, er ist ein alter Praktikus in solchen Schlichen. Er ist zwar zu seiner Dienstzeit immer am Platz, aber ich bin sicher, daß er bei allen Räubereien in der Nachbarschaft die Hand im Spiele hat.«

Und nun zählte mir der Inspektor die verschiedenen Methoden auf, wodurch es möglich sei, an einem Raubanfall zwanzig bis dreißig Meilen weit fort teilzunehmen und doch zur rechten Zeit wieder im Dienst zu sein.

»Haben Sie Kasim mitgebracht?« fragte ich.

»Nein,« war die Antwort, »er ist in Untersuchungshaft. Die Polizei ist jetzt verpflichtet, die Untersuchung einzuleiten.«

»Ich möchte ihn sehen«, sagte ich.

Als ich in seine Zelle kam, fiel er mir weinend zu Füßen.

»Ich schwöre Ihnen bei Gott,« rief er, »daß ich es nicht getan habe.«

»Ich zweifle nicht an dir, Kasim«, beruhigte ich ihn. »Fürchte nichts. Man kann dir nichts tun, wenn du unschuldig bist.«

Kasim war jedoch nicht imstande, einen zusammenhängenden Bericht von dem Vorfall zu geben. Er übertrieb augenscheinlich. Vier- bis fünfhundert Mann, große Gewehre, zahllose Schwerter spielten eine Rolle in seiner Erzählung. Daran war entweder sein aufgeregter Zustand schuld, oder der Wunsch, sich zu rechtfertigen, weil er sich so leicht hatte besiegen lassen. Er behauptete, daß Harisch Kundu dahinterstecke; er war sogar sicher, die Stimme Ekrams, seines Hauptpächters gehört zu haben.

»Nun höre einmal, Kasim,« mußte ich ihn warnen, »zieh du nicht mit solchen Geschichten andere Leute in den Handel! Du hast nicht Harisch Kundu oder irgend jemand anders anzuklagen.«

XIV

Als ich nach Hause ging, bat ich meinen Lehrer, mit zu mir herüberzukommen. Er schüttelte ernst den Kopf. »Ich sehe nicht, wie dies gut enden soll«, sagte er. »Die Leute ersticken ihr Gewissen und setzen das Vaterland an seine Stelle. Alle Sünden des Landes werden jetzt in ihrer ganzen nackten Häßlichkeit hervorbrechen.«

»Wer, meinen Sie, könnte...«

»Frage mich nicht! Aber die Sünde nimmt überhand. Schicke sie alle fort, auf jeden Fall fort von hier!«

»Ich habe ihnen noch einen Tag gelassen. Sie werden übermorgen fortgehen.«

»Und noch eins. Bringe Bimala nach Kalkutta! Sie bekommt hier ein zu einseitiges Bild von der Welt draußen, sie kann die Menschen und Dinge nicht in ihren richtigen Verhältnissen sehen. Zeige ihr die Welt — die Menschen und ihre Arbeit, — gib ihr einen weiten Blick!«

»Das eben gedachte ich auch zu tun.«

»Nun, so schiebe es nicht auf! Ich sage dir, Nikhil, alle Rassen der Welt müssen mit vereinten Kräften an der Geschichte der Menschheit bauen, und solange sie noch ihr Gewissen um der Politik willen verkaufen und ihr Vaterland zum Götzenbild machen, haben sie ihr Ziel noch nicht erkannt. Ich weiß, daß Europa dies im Grunde nicht zugibt, aber in diesem Punkte hat es kein Recht, unsern Lehrmeister zu spielen. Die Menschen, die für die Wahrheit sterben, sind unsterblich; und wenn ein ganzes Volk für die Wahrheit stirbt, so wird es auch in der Geschichte der Menschheit Unsterblichkeit erringen. Möge hier in unserm Indien unter dem Hohngelächter der Hölle das Gefühl für diese Wahrheit lebendig werden! Welch furchtbare Sündenseuche ist aus fremden Ländern in unser Land geschleppt...«

Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte, irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben. Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht. Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre. Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging, fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem nackten Boden.

Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es, der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine verzweifelte Schrei!

Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt, überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.

Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn. Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich dachte, ihr Herz würde brechen.


BIMALAS ERZÄHLUNG

XVIII

Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme, aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im Wohnzimmer auf ihn zu warten.

Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns umgeben, mit hinab.

Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, — als ob ein Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als ich dir meinen Segen gab, — ich, die unter der Last ihrer eigenen Schuld zusammenbricht!

Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.

Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, — wie eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in Flammen zu setzen.

Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen? Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.

Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner Schwägerin zu Füßen werfen!

Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war bei ihr.

Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.

»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«

»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge! Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig fort, aber sie rief mich zurück.

»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie! Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall tun!«

O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und versuche es noch einmal mit mir!

Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.

»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.

Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«

Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«, wiederholte ich.

»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich, Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«

»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«

»Warten Sie auf Amulja?«

Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.

»Fort, wohin?«

»Nach Kalkutta?«

»Nein«, frohlockte Sandip.

O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!

Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut, Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun zurücknehmen?«

Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«

»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese Juwelen gehören also mir?«

Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.

»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«

»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.

»Es war mein Koffer!«

Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als frommer Priester sterben.«

Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?« fragte ich.

Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er mir zuvorgekommen.«

»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das macht nichts.«

»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.

»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine Königin mir verliehen hat.«

»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders geben.«

»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«

Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor: »Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten wegzunehmen...«

Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen, Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«

»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte. Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht die Schuld!«

»Amulja,« fuhr er fort, »ich habe deine Koffer und Sachen nach deiner Wohnung bringen lassen. Ich will nichts mehr in meinem Zimmer haben, was dir gehört.« Nach diesem letzten Pfeilschuß eilte Sandip hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

XIX

»Ich habe keine Ruhe gehabt, Amulja,« sagte ich, »seit ich dich wegschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen.«

»Warum, Schwester Rani?«

»Ich fürchtete, du könntest damit in Gefahr geraten, man könnte dich für einen Dieb halten. Ich möchte lieber die 6000 Rupien gar nicht haben. Jetzt mußt du noch etwas anderes mir zuliebe tun, du mußt gleich nach Hause gehen zu deiner Mutter.«

Amulja zog ein kleines Päckchen hervor und sagte: »Aber Schwester, ich habe die 6000.«

»Wo hast du sie her?«

»Ich versuchte alles mögliche, um Gold zu bekommen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »aber es gelang mir nicht. So mußte ich das Geld in Banknoten bringen.«

»Sag' mir aufrichtig, Amulja, schwöre mir, wo hast du das Geld her?«

»Das will ich Ihnen nicht sagen.«

Es wurde mir dunkel vor den Augen. »Was hast du Schreckliches getan?« rief ich. »Ist es denn...«

»Ich weiß, Sie werden sagen, daß ich auf ungerechte Weise zu diesem Gelde kam. Gut, ich gebe es zu. Aber ich habe den vollen Preis für meine Schuld bezahlt. Daher ist das Geld jetzt mein.«

Ich wollte nicht mehr wissen. Das Blut erstarrte mir in den Adern.

»Schaffe es fort, Amulja«, flehte ich. »Bringe es wieder dahin, wo du es hergenommen hast!«

»Das würde in der Tat schwer sein!«

»Es ist nicht schwer, lieber Bruder. Es war ein verhängnisvoller Augenblick, als du mich zuerst sahst. Selbst Sandip hat dir nicht so viel schaden können wie ich.«

Bei Sandips Namen fuhr er auf wie von einer Viper gestochen.

»Sandip!« rief er. »Durch Sie habe ich erst erkannt, was für ein Mensch er ist. Wissen Sie, Schwester, daß er keinen Heller von dem Gold, das er Ihnen abnahm, ausgegeben hat? Er schloß sich, nachdem er von Ihnen gegangen war, in seinem Zimmer ein und weidete sich an dem Anblick des Goldes, das er vor sich auf dem Fußboden ausbreitete. ›Dies ist nicht Gold,‹ rief er aus, ›dies sind die Blütenblätter der göttlichen Lotusblume der Macht; es sind Kristall gewordene Melodien aus den Flöten, die im Paradiese des Reichtums erklingen! Ich kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wechseln, denn es ist, als sehnten sie sich, die Erfüllung ihres Daseins zu finden als Schmuck um den Hals der Schönheit. Amulja, mein Junge, blick' sie nicht mit deinem leiblichen Auge an, sie sind das Lächeln Lakschmis, der bezaubernde Strahlenkranz von Indras Gattin. Nein, nein, ich kann sie nicht dem Tölpel von Verwalter überlassen. Ich bin sicher, Amulja, er hat uns belogen. Die Polizei ist dem Manne, der das Boot versenkte, gar nicht auf der Spur. Der Verwalter will nur etwas für sich dabei herausschlagen. Wir müssen versuchen, die verhängnisvollen Briefe von ihm wiederzubekommen.‹«

»Ich fragte ihn, wie wir das anfangen sollten; er gebot mir, Drohungen oder Gewalt anzuwenden. Ich war bereit, wenn er das Geld zurückgeben wollte. Das könnten wir später erwägen war die Antwort. Ich will Ihnen die Einzelheiten ersparen, Schwester, wie ich es endlich fertig brachte, den Menschen so zu ängstigen, daß er die Briefe herausgab, die ich verbrannte, es ist eine lange Geschichte. Am selben Abend noch kam ich zu Sandip und sagte: ›Jetzt sind wir in Sicherheit. Geben Sie mir das Gold, daß ich es morgen meiner Schwester, der Maharani zurückgebe!‹ Er aber rief: ›Was ist das für eine Narrheit von dir? Du wirst bald vor dem Sari deiner geliebten Schwester vom ganzen Vaterlande nichts mehr sehen. Sag' Bande Mataram und banne den bösen Geist!‹«

»Sie kennen die Gewalt von Sandips Zauber, Schwester Rani. Das Gold blieb in seinen Händen. Und ich verbrachte die lange dunkle Nacht auf den Badestufen des Sees und murmelte: Bande Mataram.«

»Als Sie mir dann Ihre Juwelen zum Verkauf übergaben, ging ich noch einmal zu Sandip. Ich konnte merken, daß er böse auf mich war. Aber er versuchte, es nicht zu zeigen. ›Wenn du sie noch in irgendeinem Koffer von mir aufbewahrt findest, magst du sie nehmen‹, sagte er und warf mir die Schlüssel zu. Sie waren nirgends zu sehen. ›Sagen Sie mir, wo sie sind‹, sagte ich. ›Ich werde es tun, wenn du von deiner Narrheit geheilt bist, jetzt nicht‹, erwiderte er.«

»Als ich sah, daß er sich nicht bewegen ließ, mußte ich auf andre Mittel sinnen. Ich versuchte das Gold gegen die 6000 Rupien in Banknoten von ihm einzutauschen. ›Du sollst sie haben‹, sagte er und verschwand in seinem Schlafzimmer, während ich draußen wartete. Dort erbrach er meinen Koffer und ging durch eine andre Tür mit Ihrem Schmuckkasten geradewegs zu Ihnen. Er wollte nicht, daß ich ihn Ihnen brächte, und nun wagt er, ihn seine Gabe zu nennen. Wie kann ich sagen, wieviel er mir geraubt hat! Niemals werde ich ihm verzeihen!«

»Aber eins ist gewiß, Schwester, die Macht, die er über mich hatte, ist gänzlich gebrochen. Und Sie sind es, die sie gebrochen hat!«

»Lieber Bruder,« sagte ich, »wenn das wahr ist, so habe ich nicht umsonst gelebt. Aber es bleibt noch mehr zu tun, Amulja. Es ist nicht genug, daß der Zauber gebrochen ist. Seine häßlichen Spuren müssen getilgt werden. Zögre nicht länger, geh' sogleich und bringe das Geld dahin zurück, wo du es hergenommen hast! Kannst du es nicht tun, mein Liebling?«

»Mit Ihrem Segen ist alles möglich, Schwester Rani!«

»Bedenke, daß es sich nicht um deine, sondern auch um meine Sühne handelt. Ich bin eine Frau; die Außenwelt ist mir verschlossen, sonst ginge ich selbst. Daß ich die Last meiner Sünde auf dich wälzen muß, ist meine härteste Strafe.«

»Sagen Sie das nicht, Schwester! Der Weg, den ich ging, war nicht Ihr Weg. Er lockte mich wegen seiner Gefahren und Schwierigkeiten. Jetzt, da Ihr Weg mich ruft, mag er tausendmal schwieriger und gefährlicher sein, Ihr Segen wird mir zum Ziel helfen. Es ist also Ihr Befehl, daß dies Geld wieder an seinen Platz gebracht werde?«

»Nicht mein Befehl, mein Bruder, sondern ein Befehl von oben.«

»Davon weiß ich nichts. Für mich genügt es, wenn der Befehl von Ihren Lippen kommt. Und, Schwester, ich hatte doch eine Einladung von Ihnen? Um die darf ich nicht kommen. Sie müssen mir, bevor ich gehe, Ihr prasad[37] geben. Dann werde ich, wenn es irgend möglich ist, noch vor Abend meinen Auftrag erfüllen.«

Die Tränen traten mir in die Augen, als ich mit einem Versuch zu lächeln sagte: »So sei es.«

Fußnoten:

[37] Speise, die durch die Berührung eines verehrten Menschen geweiht ist.


ELFTES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

XX

Sobald Amulja hinaus war, sank mir der Mut. Auf welch gefährliches Abenteuer hatte ich diesen einzigen Sohn seiner Mutter ausgesandt? O Gott, warum mußte meine Sühne so weite Kreise ziehen! Konnte ich nicht allein büßen, ohne daß so viel andere meine Strafe teilten? O, laß nicht dies unschuldige Kind deinem Zorn zum Opfer fallen!

Ich rief ihn zurück, — »Amulja!«

Meine Stimme klang so schwach, sie erreichte ihn nicht mehr.

Ich ging zur Tür und rief noch einmal: »Amulja!«

Er war fort.

»Wer ist da?«

»Ja, Maharani?«

»Geh' und sag' Amulja Babu, daß ich ihn zu sprechen wünsche!«

Was nun geschah, konnte ich nicht genau feststellen, — vielleicht war dem Manne Amuljas Name fremd, — er kehrte unmittelbar darauf mit Sandip zurück.

»Im selben Augenblick, als Sie mich fortschickten,« sagte er eintretend, »hatte ich eine Ahnung, daß Sie mich zurückrufen würden. Die Anziehungskraft desselben Mondes bewirkt beides, Ebbe und Flut. Ich war so sicher, daß Sie mich würden rufen lassen, daß ich tatsächlich draußen im Korridor wartete. Sobald ich Ihren Boten von Ihrem Zimmer her kommen sah, sagte ich: ›Ja, ja, ich komme, ich komme sogleich!‹ bevor er nur ein Wort äußern konnte. Das überraschte Gesicht dieses Hinterländers hätten Sie sehen sollen! Er starrte mich mit offnem Munde an, als ob er dächte, ich könne zaubern.«

»Alle Kämpfe in der Welt, Bienenkönigin,« fuhr Sandip in seiner Rede fort, »sind in Wahrheit Kämpfe zwischen hypnotischen Kräften. Zauber gegen Zauber geübt, — geräuschlose Waffen, die auf unsichtbare Schilde stoßen. In Ihnen habe ich endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Ich weiß, Ihr Köcher ist gefüllt, Sie Meisterin im Streite! Sie sind die Einzige in der Welt, die es fertig gebracht hat, Sandip fortzuschicken und zurückzurufen, je nach Ihrem holden Willen. Nun liegt das Wild zu Ihren Füßen. Was wollen Sie jetzt mit ihm tun? Wollen Sie ihm den Gnadenstoß versetzen oder es in Ihrem Käfig gefangen halten? Doch ich muß Sie vorher warnen, Königin, es wird Ihnen ebenso schwer werden, das Tier auf der Stelle zu töten, wie es einzusperren. Jedenfalls sollten Sie keine Zeit verlieren, Ihre Zauberwaffen zu gebrauchen.«

Sandip mußte die kommende Niederlage schon vorausspüren, und so schwatzte er, um Zeit zu gewinnen, in einem fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich glaube, er wußte, daß ich den Boten nach Amulja geschickt, dessen Namen der Mann sicher erwähnt hatte. Trotzdem brauchte er absichtlich diesen Kunstgriff. Er wollte mir nicht Zeit lassen, ihm zu sagen, daß ich Amulja und nicht ihn hätte sprechen wollen. Aber seine Kriegslist war umsonst, denn sie zeigte nur seine Schwäche. Ich durfte keinen Fußbreit von dem Boden weichen, den ich gewonnen hatte.

»Sandip Babu,« sagte ich, »ich bewundere, wie Sie so endlose Reden halten können, ohne steckenzubleiben. Lernen Sie sie vorher auswendig?«

Ihm schoß das Blut ins Gesicht.

»Ich habe gehört,« fuhr ich fort, »daß unsre Redner von Beruf ein Buch mit allen möglichen fertigen Reden haben, die sie sich dann für jede beliebige Gelegenheit zurechtmachen können. Haben Sie auch solch Buch?«

Sandip knirschte seine Antwort zwischen den Zähnen hervor. »Die Natur hat euch Frauen eine Menge Reize als Ausstattung mitgegeben, und darüber hinaus habt ihr noch die Hilfe der Putzmacherin und des Juweliers; aber glauben Sie nur nicht, daß wir Männer ganz ohne Waffen sind...«

»Sie täten besser, Ihr Buch noch einmal anzusehen, Sandip Babu. Sie bringen alles durcheinander. Das kommt davon, wenn man die Dinge auswendig lernt.«

»Sie!« stieß Sandip hervor, der nun alle Herrschaft über sich verlor. »Haben Sie ein Recht, mich zu beschimpfen? Sie, die ich bis in die kleinste Faser ihres Wesens kenne? Was...« Er konnte nicht weitersprechen.

Sandip, dieser gewaltige Zauberer, ist vollständig hilflos, sobald sein Zauber nicht wirken will. Von der Höhe seines stolzen Königtums war er plötzlich auf die Stufe eines rohen Bauern gesunken. O, die Freude, ihn so schwach zu sehen! Je beleidigender er in seiner Roheit wurde, je stärker wallte diese Freude in mir auf. Seine Schlangenwindungen, mit denen er mich umstrickte, versagen den Dienst, — ich bin frei. Ich bin gerettet, gerettet! Beleidige mich, beschimpfe mich, zeige dich in deiner wahren Gestalt; nur verschone mich mit deinen falschen Lobeshymnen!

In diesem Augenblick trat mein Gatte ein. Sandip hatte nicht die Elastizität, sich wie sonst in einem Nu zusammenzuraffen. Mein Gatte sah ihn eine Weile überrascht an. Wäre dies ein paar Tage früher gewesen, so hätte ich mich geschämt. Aber nun war es mir gerade recht, was auch mein Gatte denken mochte. Ich wollte meinem geschwächten Gegner den entscheidenden Schlag versetzen.

Als mein Gatte uns beide in befangenem Schweigen verharren sah, zögerte er erst ein wenig, dann setzte er sich. »Sandip,« sagte er, »ich suchte dich und hörte, daß du hier seiest.«

»Allerdings bin ich hier«, sagte Sandip mit Nachdruck. »Die Bienenkönigin ließ mich heute morgen rufen. Und ich, als ihr gehorsamer Arbeiter im Stock, ließ alles liegen und folgte ihrem Ruf.«

»Ich fahre morgen nach Kalkutta. Du wirst mich begleiten.«

»Und warum, wenn ich fragen darf? Gehöre ich zu deinem Gefolge?«

»Nun gut, sagen wir, du reist nach Kalkutta und ich begleite dich.«

»Ich habe dort nichts zu tun.«

»Um so mehr Grund, daß du reisest. Du hast hier zuviel zu tun.«

»Ich werde mich nicht von der Stelle rühren.«

»So werde ich Gewalt brauchen.«

»Gut, so werde ich gehen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Kalkutta und deinen Besitzungen. Es gibt noch andere Orte auf der Landkarte.«

»Nach deinem bisherigen Verhalten hätte man kaum glauben sollen, daß es außerhalb meiner Besitzungen noch einen Platz in der Welt gäbe.«

Sandip erhob sich. »Es kommt bisweilen vor,« sagte er, »daß ein einziger Ort einem Menschen eine ganze Welt bedeutet. Mir bedeutete dieses Zimmer die Welt, darum war ich hier wie festgewachsen.«

Dann wandte er sich nach mir hin. »Niemand als Sie, Bienenkönigin, wird meine Worte verstehen, — vielleicht nicht einmal Sie. Ich grüße Sie. Mit Anbetung im Herzen verlasse ich Sie. Mein Losungswort ist ein andres geworden, seit ich Sie gesehen. Es lautet nicht mehr Bande Mataram, Heil dir, Mutter, sondern: Heil dir, Geliebte, Heil dir, Zauberin! Die Mutter verleiht uns ihren Schutz, die Geliebte reißt uns zum Untergang, — aber dieser Untergang ist süß. Du rufst den Tod, Geliebte, und er naht mit tanzenden Schritten, und mein Herz jauchzt beim Klirren seiner Fußspangen. Du hast mir, deinem Diener, das Bild gewandelt, das ich von unserm Bengalen hatte, — ›dem Land der sanften Brise, des klaren Wassers und der süßen Früchte‹[38]. Du hast kein Mitleid, meine Geliebte. Du kommst zu mir mit deinem Giftbecher, und ich werde ihn bis auf den letzten Tropfen leeren, um in Todesangst zu vergehen oder über den Tod zu triumphieren.«

»Ja,« fuhr er fort. »Der Tag der Mutter ist vorbei. O Geliebte, meine Geliebte, was gilt mir neben dir Wahrheit und Recht und selbst der Himmel! Alle Pflichten sind zu Schatten geworden, alle Regeln und Gesetze haben ihre Riegel gesprengt. O Geliebte, meine Geliebte, ich könnte die ganze Welt in Flammen setzen bis auf das Stück Land, worauf du deine kleinen Füße setztest, und dann in rasender Lust über die Asche hintanzen... Ach, diese Menschen mit ihrer Sanftmut und Güte! Sie möchten allen Gutes tun, — als ob dies alles Wirklichkeit wäre! Nein, nein! Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt als diese meine Liebe. Ich neige mich vor dir. Meine Hingebung an dich hat mich grausam gemacht, meine glühende Verehrung für dich hat die Flamme der Zerstörung in mir entzündet. Ich bin nicht gerecht. Ich habe keinen Glauben, ich glaube nur an sie, die sich mir allein in der Welt offenbart hat.«

Wunderbar! Noch vor einem Augenblick hatte ich diesen Menschen aus tiefstem Herzen verachtet. Aber was ich für tote Asche gehalten hatte, erwachte jetzt wieder zu lebendiger Glut. Das Feuer in ihm war echt, daran war kein Zweifel. Ach, warum hat Gott den Menschen so zwiespältig geschaffen? Wollte er nur seine göttliche Kunst zeigen? Noch vor wenigen Minuten hatte ich gedacht, daß Sandip, den ich einst für einen Helden gehalten hatte, nur ein armseliger Theaterheld sei. Aber auch darin hatte ich nicht recht. Denn selbst unter dem Flitterkram des Theaters kann sich zuweilen ein wahrer Held verbergen.

Es ist sehr viel Roheit, Sinnlichkeit und Lüge in Sandip, und seine Seele ist mit mancher Lage von irdischen Stoffen bedeckt. Dennoch müssen wir zugeben, daß in seiner innersten Tiefe vieles verborgen ist, was wir nicht verstehen und nicht verstehen können, — wie ja auch vieles in uns selbst uns ein Rätsel bleibt. Ein wunderbares Wesen ist doch der Mensch! Welchem großen, geheimnisvollen Zweck er dient, das weiß nur der große Furchtbare[39], während wir unter der Last stöhnen. Schiva wird das Chaos lichten. Er ist eitel Freude. Er wird unsre Bande zerbrechen.

Ich fühle immer wieder, wie zwei Wesen in mir sind. Das eine weicht vor Sandip zurück, wenn er mir wie das Chaos selbst entgegentritt, das andre wird gerade dadurch unwiderstehlich angezogen. Das sinkende Schiff zieht alle, die es umschwimmen, in die Tiefe. Sandip ist solch eine vernichtende Kraft. Seine ungeheure Anziehungskraft ergreift uns, bevor Furcht uns warnt, und in einem Augenblick werden wir widerstandslos hinabgezogen, fort von allem Licht, von allem Guten, von Luft und Freiheit, von allem, was uns lieb und teuer war, — hinab in den Abgrund der Vernichtung.

Sandip ist als Bote gekommen aus einem fernen Reiche des Unheils, und wie er über das Land schreitet und unheilige Zaubersprüche murmelt, scharen sich alle Knaben und Jünglinge um ihn. Die Mutter sitzt im Lotusherzen des Landes und wehklagt laut, denn sie haben ihre Vorratskammer erbrochen, um dort ihr trunkenes Gelage zu halten. Ihre Weinernte für den Trank der Unsterblichen schütten sie in den Staub; ihre altehrwürdigen Geräte zertrümmern sie. Wohl fühle ich ihr Leid, doch zugleich werde auch ich von dem Rausch mit fortgerissen.

Die Wahrheit selbst hat uns diese Versuchung geschickt, um unsre Treue gegen ihre Gebote zu prüfen. Die Trunkenheit verkleidet sich in himmlisches Gewand und tanzt vor den Pilgern her. »Ihr Narren,« ruft sie, »die ihr den unfruchtbaren Weg der Entsagung geht! Er ist lang und die Zeit vergeht euch langsam, wenn ihr ihn wandelt. Daher hat mich der Schleuderer des Donnerkeils zu euch geschickt. Seht her! Ich, die Schönheit, die Leidenschaft, rufe euch zu mir, — in meiner Umarmung sollt ihr Erfüllung finden.«

Nach einer Pause wandte Sandip sich noch einmal an mich. »Göttin, die Zeit ist gekommen, wo ich dich verlassen muß. Es ist gut so. Deine Nähe hat ihre Wirkung getan. Wenn ich noch länger säumte, würde sie allmählich wieder aufgehoben. Wir verlieren alles, wenn wir in unsrer unersättlichen Begierde das gemein machen wollen, was das Höchste auf Erden ist. Was ewig ist im Augenblick, wird schal, wenn wir es in der Zeit ausbreiten. Wir waren im Begriff, unsern unendlichen Augenblick zu verderben, als du deinen Donnerkeil erhobst, der ihm zu Hilfe kam. Du selbst rettetest die Reinheit deines Gottesdienstes und damit zugleich auch deinen Priester. Um deines Gottesdienstes willen scheide ich heute. Ja, Göttin, auch ich gebe dich heute frei. Mein irdischer Tempel konnte dich nicht mehr fassen; er drohte jeden Augenblick zu bersten. Ich scheide heute, um in einem größern Tempel dein größeres Ebenbild anzubeten. Erst wenn ich fern von dir bin, wirst du wahrhaft mein werden. Hier empfing ich nur deine Gunst, dort wird mir deine Gnade zuteil werden.«

Mein Schmuckkasten stand noch auf dem Tisch. Ich hob ihn auf und sagte: »Bringen Sie diese Juwelen der Gottheit, der ich diene, und opfern Sie sie ihr in meinem Namen!«

Mein Gatte verharrte in Schweigen. Sandip verließ das Zimmer.

XXI

Ich hatte eben angefangen, ein paar Kuchen für Amulja zu backen, als die Bara Rani erschien. »O Himmel,« rief sie aus, »ist es dahin gekommen, daß du dir die Kuchen zu deinem Geburtstag selbst backen mußt?«

»Könnte ich sie nicht für jemand anders backen?« fragte ich.

»Aber an solchen Tagen solltest du nicht andre festlich bewirten, sondern wir dich. Ich wollte gerade etwas Leckeres für dich zubereiten[40], als ich die schreckliche Nachricht hörte, die mich ganz aus der Fassung gebracht. Eine Schar von fünf- bis sechshundert Banditen sollen in eins unsrer Schatzhäuser eingebrochen sein und sich mit 6000 Rupien davongemacht haben. Man erwartet, daß sie demnächst unser Haus plündern werden.«

Ich war in hohem Grade erleichtert. So war es also doch unser eignes Geld. Ich hätte am liebsten gleich Amulja rufen lassen, um ihm zu sagen, daß er die Banknoten nur meinem Gatten einzuhändigen brauchte und die Erklärung mir überlassen könnte.

»Du bist wirklich ein wunderliches Geschöpf!« rief meine Schwägerin aus, als sie den Wechsel im Ausdruck meines Gesichts sah. »Kennst du denn gar nicht so etwas wie Furcht?«

»Ich glaube nicht daran«, sagte ich. »Warum sollten sie unser Haus plündern?«

»Du glaubst nicht daran, wahrhaftig! Wer hätte denn geglaubt, daß sie unser Schatzhaus angreifen würden?«

Ich gab keine Antwort, sondern beugte mich über meine Kuchen, die ich mit geriebenen Kokosnüssen füllte.

»Nun, ich muß gehen«, sagte die Bara Rani, nachdem sie mich noch einmal verwundert angestarrt hatte. »Ich muß mit Bruder Nikhil sprechen und dafür sorgen, daß mein Geld nach Kalkutta geschickt wird, bevor es zu spät ist.«

Kaum war sie fort, so überließ ich die Kuchen sich selbst und stürzte in mein Ankleidezimmer, das ich von innen abschloß. Meines Gatten Kittel mit den Schlüsseln in der Tasche hing noch da, — so vergeßlich war er. Ich nahm den Schlüssel zu dem eisernen Geldschrank von dem Ring und steckte ihn zu mir.

Da klopfte es an die Tür. »Ich bin beim Anziehen«, rief ich. Ich hörte, wie die Bara Rani sagte: »Noch vor einer Minute sah ich sie beim Kuchenbacken, und jetzt ist sie mit ihrem Putz beschäftigt. Mich soll wundern, was ihr danach einfällt! Gewiß haben sie wieder eine ihrer Bande-Mataram-Versammlungen.« »Höre einmal, Räuberkönigin,« rief sie zu mir herein, »bist du dabei, deine Beute zu zählen?«

Als sie fort waren, öffnete ich den eisernen Geldschrank. Ich weiß nicht, was mich dazu veranlaßte, vielleicht hatte ich die geheime Hoffnung, daß alles ein Traum gewesen sei. Wie, wenn ich beim Öffnen der inneren Schublade die Geldrollen an ihrem Platze fände?... Ach, alles war so leer wie das Vertrauen, das ich verraten hatte.

Ich mußte die Komödie des Umkleidens durchführen. So frisierte ich mich denn ganz überflüssigerweise noch einmal und steckte mein Haar anders hoch. Als ich herauskam, spottete meine Schwägerin: »Wie oft ziehst du dich heute noch um?«

»Es ist ja mein Geburtstag«, sagte ich.

»Ach, dafür ist dir jeder Vorwand recht«, erwiderte sie. »Ich habe in meinem Leben viele eitle Leute gekannt, aber du übertriffst sie alle.«

Ich wollte gerade einen Diener rufen, um Amulja holen zu lassen, als einer der Leute mir ein kleines Billett brachte. Es war von Amulja.

»Schwester,« schrieb er, »Sie haben mich auf heute nachmittag eingeladen, aber mir schien es doch besser, nicht zu warten. Lassen Sie mich erst Ihren Auftrag ausführen und dann zu meinem prasad kommen! Es kann etwas spät werden.«

Wo mochte er hingehen, um das Geld zurückzugeben? Welcher neuen Gefahr lief der arme Junge in die Arme? Ach du elendes Weib, du kannst ihn nur wie einen Pfeil absenden, aber nicht zurückrufen, wenn du dein Ziel verfehlst.

Ich hätte sogleich bekennen sollen, daß ich die Triebfeder dieses Raubüberfalls war. Aber wir Frauen leben von dem Vertrauen unsrer Umgebung, — es bedeutet uns die Welt. Wenn es einmal offenbar wird, daß wir dies Vertrauen heimlich verraten haben, so haben wir den Platz in unsrer Welt verloren. Wir müssen auf den Trümmern dessen stehen, was wir zerbrochen haben, und seine scharfen Kanten verwunden uns bei jeder Bewegung. Sündigen ist leicht, aber Wiedergutmachen ist schwer, besonders für eine Frau.

Seit einiger Zeit ist jede ungezwungene Annäherung an meinen Gatten mir abgeschnitten. Wie konnte ich ihn nun plötzlich mit dieser ungeheuerlichen Nachricht überfallen! Er kam heute sehr spät zum Essen, es war fast zwei Uhr. Er war zerstreut und rührte kaum einen Bissen an. Ich fühlte, daß ich sogar das Recht verscherzt hatte, ihn zu nötigen, noch etwas mehr zu nehmen, und ich mußte mein Gesicht abwenden, um meine Tränen zu verbergen.

Ich hätte so gern zu ihm gesagt: »Komm doch in unser Zimmer und ruhe ein Weilchen; du siehst so müde aus.« Gerade schickte ich mich dazu an, als ein Diener eilig die Nachricht brachte, daß der Polizeiinspektor Pantschu zum Palast heraufgebracht hätte. Das Antlitz meines Gatten überschattete sich noch mehr, und er ging hinaus, ohne sein Mahl zu beenden.

Bald darauf erschien die Bara Rani. »Warum gabst du mir nicht Nachricht, als Bruder Nikhil hereinkam?« beklagte sie sich. »Da er so spät kam, dachte ich, ich könnte inzwischen mein Bad nehmen. Wie wurde er nur so schnell mit dem Essen fertig?«

»Wolltest du etwas von ihm?«

»Was bedeutet das, daß ihr morgen beide nach Kalkutta reisen wollt? Aber das sage ich euch, ich bleibe nicht allein hier. Ich würde mich bei jedem Laut tot ängstigen, jetzt, wo alle diese Banditen hier ihr Wesen treiben. Ist es ganz bestimmt, daß ihr morgen reist?«

»Ja«, sagte ich, obgleich ich erst eben jetzt davon hörte und außerdem gar nicht sicher war, ob nicht bis dahin Ereignisse eintreten würden, die es ganz gleichgültig machten, ob wir reisten oder blieben. Wie danach unser Heim und unser Leben sich gestalten würden, konnte ich mir gar nicht vorstellen, alles erschien mir so nebelhaft und gespenstisch.

In ein paar Stunden mußte mein jetzt noch verborgenes Schicksal sichtbar werden. War niemand da, der den Flug dieser Stunde aufhalten konnte, so daß ich Zeit gewann, wieder gutzumachen, soweit es in meiner Macht lag? Die Zeit, wo der böse Same im Boden liegt, ist lang, — so lang, daß man gar nicht mehr fürchtet, er könne aufgehen. Aber sobald er aus dem Boden hervorsprießt, wächst er so schnell, daß gar keine Zeit bleibt, ihn zuzudecken, selbst nicht mit dem eigenen Leben.

Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken, sondern in stummer Passivität dasitzen, bis der Zusammenbruch kommt. Laß ihn kommen, in ein paar Tagen wird alles vorüber sein — Entdeckung, Spott, Mitleid, Fragen, Erklärungen — alles.

Aber ich kann das Gesicht Amuljas nicht vergessen, so schön und strahlend in seiner Hingebung. Er wartete nicht verzweifelt den vernichtenden Schlag des Schicksals ab, sondern stürzte sich mutig mitten in die Gefahr. Auf ihn blicke ich voll Ehrfurcht in meinem Elend. Er ist mein Erlöser. Er nahm wie im Spiel die Last meiner Sünde auf seine Schultern. Er wollte mich retten indem er die Strafe, die mir bestimmt war, auf sein Haupt rief. Aber wie soll ich diese furchtbare Gnade meines Gottes ertragen?

O, mein Kind, mein Kind, ich neige mich vor dir. Mein kleiner Bruder, ich neige mich vor dir. Du bist rein, du bist schön, ich neige mich vor dir. Möchtest du in deiner nächsten Existenz als mein eigenes Kind in meine Arme kommen, — das ist mein Gebet.

XXII

Das Gerücht von dem Raubüberfall verbreitete sich nach allen Seiten. Die Polizei ging beständig ein und aus. Unsre Dienstboten waren in großer Aufregung.

Khema, mein Mädchen, kam und sagte: »Ach, Maharani, um des Himmels willen, bewahren Sie mir doch meine goldene Halskette und Armringe in Ihrem eisernen Geldschrank auf!« Wem sollte ich erklären, daß die Rani selbst dieses ganze Netz von Verwirrung gewoben und sich nun auch darin gefangen hatte? Ich mußte die Rolle der gütigen Beschützerin spielen und Khemas Schmucksachen und Thakos Ersparnisse in meine Obhut nehmen. Sogar die Milchfrau brachte einen Koffer in mein Zimmer, in dem ein Sari aus Benares und andre ihrer ihr wertvollen Habseligkeiten waren. »Ich bekam diese Sachen zu Ihrer Hochzeit«, erzählte sie mir.

Wenn man morgen meinen eisernen Geldschrank öffnet in Gegenwart dieser Frauen — Khema, Thako, die Milchfrau und all die andern ... Ich darf nicht daran denken! Ich will lieber versuchen, mir vorzustellen, wie es sein wird, wenn dieser dritte Magh[41] nach einem Jahre wiederkehrt.

Amulja schreibt, daß er erst spät am Abend kommen wird. Ich kann nicht so untätig allein mit meinen Gedanken bleiben, ich will ihm noch ein paar Kuchen backen. Ich habe schon eine ganze Menge gebacken, aber ich muß noch damit fortfahren. Wer wird sie essen? Ich werde sie unter die Dienstboten verteilen. Das muß ich noch heute abend tun. Heute abend läuft meine Frist ab. Das Morgen steht nicht mehr in meiner Hand.

Ich fuhr unermüdlich fort, einen Kuchen nach dem andern zu backen. Bisweilen kam es mir vor, als ob ich oben irgendwo in unsern Zimmern ein Geräusch hörte. Konnte es sein, daß mein Gatte den Schlüssel zum Geldschrank vermißt und die Bara Rani nun die Dienstboten zusammengerufen hatte, um suchen zu helfen? Nein, ich wollte nicht mehr hinhören; es war am besten, die Tür zu schließen.

Ich war eben im Begriff, es zu tun, als Thako keuchend hereingestürzt kam: »Maharani, o Maharani!«

»Mach', daß du fortkommst!« fuhr ich sie an. »Laß mich in Ruh!«

»Die Bara Rani läßt Sie rufen,« sagte sie. »Ihr Neffe hat ihr ein so wundervolles Instrument von Kalkutta mitgebracht. Es spricht wie ein Mensch. Kommen Sie und hören Sie!«

Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So mußte jetzt von allen Dingen auf der Welt ein Grammophon auf der Bildfläche erscheinen, um bei jeder Drehung den näselnden Singsang seiner Arien zu wiederholen! Welch fürchterliche Sache ist es doch um eine Maschine, die einen Menschen nachäfft!

Die Schatten des Abends begannen zu sinken. Ich wußte, daß Amulja sich sofort melden würde, wenn er zurückkäme, doch ich konnte nicht länger warten. Ich rief einen Diener und sagte: »Geh und sag Amulja Babu, er möchte sofort herkommen!« Der Mann kam nach einer Weile zurück mit dem Bescheid, daß Amulja noch immer nicht zu Hause sei, er sei schon so lange fort.

»Fort!« Dies letzte Wort tönte wie eine Klage durch das zunehmende Dunkel an mein Ohr. Amulja fort! War er denn gekommen wie ein Strahl der untergehenden Sonne, um auf immer zu verschwinden? Alle möglichen und unmöglichen Gefahren schwirrten mir durch den Sinn. Ich war es, die ihn in den Tod geschickt hatte. Wenn er ihm auch furchtlos entgegengegangen war, das zeigte nur seine Seelengröße. Aber wie sollte ich hiernach noch ohne ihn allein weiterleben?

Ich hatte kein Andenken von Amulja außer jener Pistole, seinem Brudergeschenk. Sie erschien mir als ein Zeichen, das mir die Vorsehung geschickt hatte. Diese Schuld, die mein Leben an seiner Wurzel vergiftet hatte, — mein Gott hatte mir in Gestalt eines Kindes das Mittel gegeben, sie auszulöschen, und war dann entschwunden. O welche Fülle erlösender Gnade lag in dieser Liebesgabe verborgen!

Ich öffnete meine Truhe, nahm die Pistole heraus und hob sie in ehrfürchtiger Scheu an meine Stirn. In dem Augenblick erklangen die Glocken vom Tempel unseres Hauses. Ich warf mich anbetend nieder.

Am Abend bewirtete ich das ganze Haus mit meinen Kuchen. »Du hast uns einen wunderbaren Geburtstagsschmaus bereitet, und dazu noch ganz allein!« rief meine Schwägerin aus. »Aber du mußt auch uns etwas zu tun übrig lassen.« Und damit stellte sie ihr Grammophon an und ließ den schrillen Sopran der Kalkuttaschen Sängerinnen durch das Haus tönen. Es war, als hörte man einen Stall voll wiehernder Füllen.

Es wurde ziemlich spät, bis der Schmaus vorüber war. Ich hatte plötzlich ein Verlangen, meine Geburtstagsfeier damit zu beenden, daß ich die Füße meines Gatten ehrfurchtsvoll berührte. Ich ging hinauf ins Schlafzimmer und fand ihn in tiefem Schlafe. Er hatte einen so sorgenvollen, schweren Tag gehabt. Ich hob ganz, ganz sachte den Saum des Mosquitonetzes und legte meinen Kopf neben seine Füße. Mein Haar mußte ihn berührt haben, denn er bewegte im Schlaf die Füße und stieß meinen Kopf weg.

Ich ging hinaus und setzte mich auf die Veranda an der Westseite. Ein Wollbaum, der alle seine Blätter verloren hatte, stand in der Ferne da wie ein Skelett. Hinter ihm sank die Mondsichel hinab. Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß selbst die Sterne des Himmels Furcht vor mir hätten, daß die ganze Nachtwelt mich mißtrauisch anblickte. Warum? Weil ich allein war.

Es gibt nichts Trostloseres in der Schöpfung als den Menschen, der allein ist. Selbst der, dessen Angehörige alle einer nach dem andern gestorben sind, ist nicht allein, Gesellschaft kommt ihm von jenseits des Grabes. Doch der, dessen Angehörige noch leben, aber keine Gemeinschaft mit ihm haben, der aus dem bunten Kreis eines vollen Heims herausgefallen ist, dessen Dunkel blickt selbst das Sternenweltall mit Schaudern an.

Wo ich bin, da bin ich nicht. Ich bin weit fort von denen, die um mich sind. Ich lebe und bewege mich am Rande einer weltweiten Trennungskluft, unsicher wie der Tautropfen auf dem Lotusblatt.

Warum verwandeln die Menschen sich nicht ganz, wenn sie sich verwandeln? Wenn ich in mein Herz sehe, so finde ich noch alles da, was sonst da war, — nur ist alles auf den Kopf gestellt. Was schön geordnet war, liegt wirr durcheinander. Die Perlen, die zu einem Halsband vereint waren, rollen im Staub. Und so bricht mir das Herz.

Ich möchte sterben. Und doch wird in meinem Herzen alles fortleben, — selbst im Tode kann ich nicht das Ende von allem sehen; der Tod bringt nur noch größere Reuequalen. Was beendet werden soll, muß in diesem Leben beendet werden, — es gibt keinen andern Ausweg.

O vergib mir nur dies eine Mal noch, mein Gott! Alles, was du als Reichtum meines Lebens in meine Hände legtest, habe ich mir zur Last gemacht. Ich kann sie nicht länger tragen, noch sie abwerfen. O Herr, laß noch einmal jene süßen Melodien auf deiner Flöte ertönen, die du einst vor langer Zeit für mich spieltest, als du am rosigen Horizont meines Morgenhimmels standest, — und laß alle meine Verwirrungen einfach und leicht sich lösen! Nur die Musik deiner Flöte kann heilen, was zerbrochen, und reinigen, was beschmutzt ist. Schaffe mein Heim neu mit deiner Musik! Ich weiß keine andere Rettung.

Ich warf mich ausgestreckt auf den Boden und schluchzte laut. Ich betete um Erbarmen, um ein wenig Erbarmen von irgendwoher, um Zuflucht, um irgendein Zeichen von Vergebung, eine Hoffnung, die das Ende bringen könnte. »Herr!« gelobte ich, »ich will hier liegen und warten und warten und weder Speise noch Trank anrühren, bis deine segnende Hand mich berührt hat.«

Ich hörte das Geräusch von Tritten. Wer sagt, daß die Götter sich nicht den Sterblichen zeigen? Ich wagte nicht mein Antlitz zu erheben, aus Furcht, sein Anblick könne den Zauber verscheuchen. Komm, ach, komm und laß deine Füße mein Haupt berühren! Komm, Herr, und setze deinen Fuß auf mein pochendes Herz und laß mich in dem Augenblick sterben!

Er kam und setzte sich zu meinen Häupten. Wer? Mein Gatte! Im ersten Augenblick, als ich seine Gegenwart fühlte, war mir, als sollten mir die Sinne schwinden. Und dann brach all der Schmerz, der sich in meiner Seele gestaut hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom hervor. Ich preßte seine Füße an meinen Busen, als ob ich ihre Spur für immer dort festhalten wollte.

Er streichelte zärtlich meinen Kopf. So empfing ich seinen Segen. Nun werde ich morgen die Buße der öffentlichen Demütigung auf mich nehmen können und sie mit geläutertem Herzen als Sühnopfer zu den Füßen meines Gottes niederlegen.

Aber was meine Seele bedrückt, ist der Gedanke, daß die festlichen Flöten, die vor neun Jahren bei meiner Hochzeit erklangen und mich in diesem Hause willkommen hießen, mir nie in diesem Leben mehr erklingen werden. Welche Buße gäbe es, die hart genug wäre, um mich noch einmal als die für ihren Gatten geschmückte Braut auf denselben bräutlichen Sitz zu erheben? Wieviel Jahre, wieviel Zeitalter, wieviel Weltalter müssen vergehen, bis ich den Weg zurückfinde zu dem Platz, wo ich vor neun Jahren stand?

Gott kann neue Dinge schaffen, aber hat selbst er die Macht, das neu zu schaffen, was sich selbst zerstört hat?