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Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise cover

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise

Chapter 11: Ein geplagter Mann.
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About This Book

A sequence of short stories for family reading that portray everyday life around a large household and its children, alternating playful incidents, domestic difficulties, and quiet moments of care. Episodes follow children's mischief, parental worries about money and housing, and community encounters in both village and small-town settings, sometimes turning on simple moral observations or gentle surprises. Narratives range from humorous childhood adventures to reflective sketches about neighbors and local trades, organized as stand-alone tales intended for oral reading and family audiences.

»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen nicht hinüber.«

Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch wohl schon reiflich überlegt war.

»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht, ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«

Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er dächten auch die andern Familien im Ort.

Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft – die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren in solch ärmlicher Umgebung.

Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt haben.«

»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der hat’s und tut’s gern.«

»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«

Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. –

In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam, lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort. Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.

»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute in Amerika anweisen.«

Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«

»Ja wohl weiß ich’s, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«

»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will ich richtige Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«

Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig, halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.

Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte Elend!

Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut gepflegt, wie’s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch. »Er verträgt’s nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das Kleine, das bei Nacht sein Pflegekind war.

»Nein, er verträgt’s nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die Mutter. »Aber gut ist’s, daß er’s nicht weiß und nicht bös auf uns ist, gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast’s ja so gut bei uns, kein Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird’s lustig, da fahren wir dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust dich, kleiner Schelm?«

So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht so im Drange der Arbeit.

Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte, wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost wurde immer schmäler.

Um die Weihnachtszeit war’s am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,« sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit, was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit leeren Händen. »Er gibt’s nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel, sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur Hälfte voll.

»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt’ meinen, man hätte einen Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach merkt man’s doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm’ kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die harte Arbeitszeit wieder ersehnt.

Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern. Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder, das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote, dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah, rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist wohl ein Christstollen darin. Daß ihr’s nicht aufmacht! Ich leg’s lieber da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie, der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.

Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn’s ihm nur gut bekommt, gib’s ihm lieber nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau: »Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da, heute ist Weihnacht!«

Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.

Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut, als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht gewachsen und gediehen, wie sich’s wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte die Mutter und verwahrte es sorgsam.

Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen der ganzen Familie aussprach! –

Januar war’s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte er sich’s wohl zugetraut.

Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu seinem Vorhaben.

Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab; denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos beiseite.

In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam’s ihm in die Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.

In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand, und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte auf ihre Schritte – richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht denn da oben?«

»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«

»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«

Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die Kammer. »Ein Puppenkopf ist’s,« rief er, »aber kein solcher,« und er deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.

»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas hinaufgestellt, Elias?«

»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«

»Gerade hab’ ich’s auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz wie er leibt und lebt.«

Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie’s gar nicht gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.

»Mich freut’s halt, daß ihr’s erkannt habt. Bei Nacht hab’ ich’s gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise hinzu.

»So steht’s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut erraten hast’s, wirklich gut!«

»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere Puppenköpfe geben, als die alten da?«

»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt’ man das anstellen?«

»Einen andern Weg wüßt’ ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen ließe.«

»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon viel Geld bekommen.«

»Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«

Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es ihre Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.

Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände. Leichtfüßig ging sie aus dem Haus – Arbeit war nicht abzuliefern, der große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine große Summe erhalten würde?

Einmal war’s ja vorgekommen im Dorf – das mochte aber schon dreißig Jahre her sein – daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen – wird’s eine Niete sein, ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen! Nun ja, auch der schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein. Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte kaum, was sie trieben.

Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und Schwester auf. – Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte, friedlich und still war’s im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch im Korb.

»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes Gesicht. »Da spar’ dir nur die Müh’, Magdalene,« sagte sie jetzt, »das ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr Köpf’ und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest’s ihm wohl sagen können, hast’s denn du nicht gesehen?«

»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«

»Wie, laß mich’s doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär’s doch nicht unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging’ ich hin, der ist fürs Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«

»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.

»Bis ans Haus begleit’ ich dich und wart’ unten; hinauf möcht’ ich grad nicht, sie sind oft so barsch.«

Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht, man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt’ ich’s nicht bleiben lassen? Der Mutter hat’s ja gar nicht gepaßt.«

»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm’, wär’s freilich besser, als wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich könnt’ mich ja vor meinem Elias heut’ abend nicht blicken lassen.« Sie läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift »Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei Herren schrieben.

»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt’ er’s gemacht, wie’s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.

»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn eigentlich?« fragte der Schreiber.

»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«

»Kaufen? Ja, zu was denn?«

»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist Drücker in Oberhain.«

»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber die neuen Köpfe, das könnt’ er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert, von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt’?«

»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine zeigen.«

Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie ganz treuherzig: »Es wär’ mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn Weber hätt’ einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist’s schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm’. Man könnt’s Geld so nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm heimbring’! Der macht böse Falten hin!«

Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick herunterkomme.«

Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.

So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«

»Elias Greiner.«

»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er’s gelernt?«

»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul’.«

»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«

Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht, was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit seinem Buchhalter leise verhandelt.

»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der Fabrikant.

Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk’ halt so,« sagte sie; »Fabriken gibt’s hier in jedem dritten Haus, ich könnt’ überall fragen und es dem Herrn geben, der’s am besten bezahlt.«

Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben, aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so, und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. Mir gefällt es so, weil es nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben, wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«

Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben, was recht ist.«

Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel gleich schriftlich gemacht.«

»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant: »Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den Kopf auch in andern Größen liefert.«

Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte – die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte. Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt’s Gott, und mein Mann wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt’s auch um weniger hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht, wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler hätt’ das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex wurde in kostbarem Schrank verwahrt.

Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«

»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat’s ja gekauft! Rat nur, um wieviel? Aber du hättest’s ja doch nie erraten – um 800 Mark, Regine! Komm zur Mutter, komm nur schnell!« –

Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich’s ausgedacht. Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten; einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir! Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«

Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges: »Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte sich dem Kindlein zu. Des Alex’ Gesichtchen war’s ja, das solches Glück ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«

Aber wie war es nur möglich – sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme ich den Arzt mit heraus; wir sind’s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen alles dafür tun.«

Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt, Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still. Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau. »Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«

Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen für diese Welt.

Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen, ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe? Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt, daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.

Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.

»Vom Soxhlet steht nichts darin?«

»Nein, von dem nicht.«

»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«

Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab. Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!

Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist sie nachgebildet.


Der Akazienbaum.

Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.

Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der Schwester gepflegt, lange Zeit.

»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank, wann werde ich wohl wieder gesund?«

Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und sehnte sich danach.

Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie stand noch kahl, wie im Winter.

»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum; sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«

»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt, »damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett, und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.

Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal Schwester Marie das stille Kind.

»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ sie liegen.

Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt. »Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«

Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.


Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.

Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah, oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, wie der!«

Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen und die gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine, zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand wollte Johannes.

So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen, immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.

Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin, denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches, und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.

Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.

Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen, aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?

Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein junges Füllen.

Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln; die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke, und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken und – – hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was sie sagen würden.

Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich’s nicht schön, betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,« sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten, daran scheitert die Sache.«

An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er, Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer und Abgaben drückten so sehr auf Johannes’ Luftschloß, daß es einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam, das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«

Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.

Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten, ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine Unternehmungslust weckte.

Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln, Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien; gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem, bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen Räumen.

Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater, Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten. Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein großer Tag!

Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall; und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen. Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des »Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen Geschäftsmann seinem Schicksale.

Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe, ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte keiner. Aber doch – das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung – hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:

Packwaren.

Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte sich den Packwaren zu. Sie war Johannes’ erste Kundin, wie eifrig wurde sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet! Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen Kaffees zu holen.

Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf den andern trippelten, das war kein Spaß.

Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte, so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre Johannes’ Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel davongehen.

So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.

Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte, war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken; er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es wohl, daß seine Freude war, die Leute gut zu bedienen; und nun fragten sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und, obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten. Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser; lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem fortstrebenden Enkelkinde.

Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh, Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen. Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe. Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig packte er seinen Kram zusammen.

Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.

Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das reinste Kind.

Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.

Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem Jungen die Hand und fragte: »Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie geht’s« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will; aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und seinem Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« Und Ulrich Wagner machte den Wegweiser.

Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen getäuscht.

Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.


Ein geplagter Mann.

Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.

Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen, hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann aufsuchte.

»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die Fahnen hinaus, das ist recht.«

»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«

»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig hinaus.«

»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«

»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims, der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß man sieht, wie sich’s macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«

»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse, weiter braucht’s nichts.«

»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«

»Nun ja, dann muß ich’s eben machen,« sagte der Mann zögernd.

»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre Leiter ist nicht lang genug.«

»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur eine entlehnen.«

»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken, das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und hole Brot.«

Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete den Frühstückstisch.

Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen, das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten wird.«

Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte. Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war, wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.

Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag angebrochen.

»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.

»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn ich wiederkomme?«

»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und dann Hänschens Bauernanzug.«

»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«

Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag. Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz, eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß, »wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«

»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«

»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede zurechtlegen.«

»Zur Begrüßung am Bahnhof?«

»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«

»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie sah aber stolz zu ihm auf.

»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl, wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.

Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen, während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.

Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.

Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen kam.

»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«

»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich aufgeschichtet.«

»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am Haus?«

»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so naß ist und weil es so ordentlich aussieht –«

»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den Holzstoß damit vollständig zu!«

»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«

»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort.

»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.«

»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«

»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer.

»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans.

Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er, »das ist ja gar nicht möglich.«

»Wieso?« fragte die Frau.

»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?«

»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber doch ganz hübsch.«

»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja – zwei Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.«

»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«

»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin so wenig verstünde wie du!«

Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit, geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.«

Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne, mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter.

Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er.

»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das zu beanstanden ist?«

»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?«

»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man sich mit ihr einläßt, ist’s besser, daß man weiß, wie der Herr Stadtschultheiß darüber denken.«

Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,« sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«

Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den Stadtschultheißen sprechen.

»Es muß wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja, dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll Pulver durch unsere Stadt kommen werde.«

»Schadet denn das etwas?«

Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.« Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst, das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen. Was gibt es schon wieder?«

»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«

Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus. Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie selbst an.

»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid.