»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.«
»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen: könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher reizend?«
»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel zu lassen.«
»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen Frau macht das sicher Spaß.«
»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in Ruhe.«
Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig, da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen, aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!«
»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der Wäsche fragen.«
»Die tut’s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau Stadtschultheiß Garten aufhängt.«
»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«
»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.«
»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn- und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten, wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt. Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.«
Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist der Herr Stadtschultheiß da?«
»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?«
»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen, wie’s doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei’s nicht gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«
»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«
»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.«
Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn hereinlassen?«
»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so spät daran. Daß du auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus und hörte den Bericht wegen des Stiers.
»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen, wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen, der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«
Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße Halsbinde?«
Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief: »Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.«
»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.«
Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.
»Die Binde muß da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«
Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die Kleine zum Erbarmen.
»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer.
»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«
»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«
»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden, in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.
»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«
Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im Auge.
»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.« Der Mann sagte gar nichts mehr.
Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle weggegangen,« berichtete Anne.
»Und im andern Geschäft?«
»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei, so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«
»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«
Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus, der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei? Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama, gib mir dafür eine andere.«
Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts, und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da ist die Halsbinde.«
»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden zur Auswahl.«
»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich’s aber nicht merken. »Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.«
»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen.
»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.«
Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.
»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine verständige Tochter.«
Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und schickte sich an zu gehen.
»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.
»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung; um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube – da sehen wir uns wohl einen Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese. Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung – dazu wird dir ja unser Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«
Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte, verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm, und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte.
Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.
»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie ihn.
»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: ›Was wollen Sie denn? Die Wäsche ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen‹, und sie hat sie heruntergenommen.«
»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«
»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten müssen!«
In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den Strauß überreichen sollte.
Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete, »haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch echte kleine Bewohner gestellt.«
Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.
»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was ist denn der Papa dieses Kleinen?«
Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.«
»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja, an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!«
Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand, merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!«
»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten. Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin: »Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?«
»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine geplagte Mann.«
Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube gekostet!
Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine war ein faux pas, liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen müssen: ›Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen‹; wollen ›Sie‹ ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu.
Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte, trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der Bauernstube.
Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja, von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner gezeigt hätte!
Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich kommen.
Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?«
Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.«
Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,« sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?«
»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter, wenn’s dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei, Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie ist ja zu kurz!« rief Anne herauf.
»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!«
»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß angeordnet?« fragte er.
»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, – ihre Ungeduld war zu groß. »Die Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!«
»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist’s auch zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.«
Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht. Die Fahnen könnte man einziehen, wenn’s Nacht wird, und wie sollten denn die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!«
Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und zündete ein Streichhölzchen an – im Nu war es vom Wind ausgeblasen. »Glauben Sie’s jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht’s, da sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt’s nicht.«
Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,« ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah. Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich ausgemalt!
Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der Bäcker!«
»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!«
Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen Sündenbock will der Mensch haben.
Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in bengalischer Beleuchtung.
Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und blies sie aus. Und gerade auf der Seite des Eckhauses, die freistand und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter – schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte, und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist’s denn unten?«
»Ebenso!«
»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte.
»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne.
»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder: »Prächtig sieht’s aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.«
Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei, schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen. Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum Feuerwerk?« rief sie herauf.
»Ja, ja, geht nur miteinander.«
Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß, fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die Lichter durften ausgelöscht werden!
| * | * | |
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Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter, fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann kann es nicht sein, aber doch ist er’s!« sagte sich die junge Frau und eilte hinaus. Ja, er war es.
»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es spät!«
»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!«
»Und du?«
»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten sich behaglich zusammen.
»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer.
»Ist alles gut gelungen?«
»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren doch die meisten Lichter verlöscht.«
Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des Feuerwerks, ich aber auch!«
»Wieso du?«
»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn beiseite. ›Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,‹ sagt er. ›Auf der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!‹ Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen, mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen, unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. ›Was ist zu tun?‹ fragte mich der Ratsdiener. ›Es ist nicht mehr zu ändern,‹ sagte ich, ›lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft, kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.‹ Er ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: ›Sagen Sie, ist denn das da drüben nicht ein Pulverwagen?‹ ›Das macht doch nichts,‹ sagt der Ratsdiener mit größter Seelenruhe; ›auf dem Wagen können Sie ein Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.‹ ›So, so,‹ sagt der andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.«
»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?«
»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin, die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl von seiner Plage?«
Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend; in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann!
Helf, wer helfen kann!
Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete. Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel davon gehört.
»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen ich Ihnen erzählte.« Frida errötete.
Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie viele Töchter haben?« sagte sie in ihrer Verwirrung.
Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«
In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein Meisterstück!«
Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur den einen Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat!
Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag, Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch abwenden.
»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida.
»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen.
»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen soll!«
»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch einen Fisch bekommen.«
»Ist er tot?« fragte Frida.
»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«
Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der »tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn töten.
»Und das heißt die dumme Person tot!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch töten?«
»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.
»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«
»Warum denn nicht?« sagte er.
»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ sich’s nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah, sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn ganz tot machen.«
Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher Macht auf, daß dieser fast davonflog.
»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem Küchenjungen.
»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«
»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird’s nicht sein, daß ich’s nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich’s recht mache?«
»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.
»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«
»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder hineintun.«
Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.
Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den Fisch kunstgerecht zuzubereiten.
»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu richten, wäre ich recht froh.«
Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.
»Man wird ihn doch noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche.
»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund ist es, glaube ich, nicht.«
»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte, daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:
»Ist auch der Braten gut geworden?«
»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!«
»Einen Fisch? Woher?«
»Von der Köchin des Herrn Dr. N.; sie war da, um Euch – oder nein, ich glaube bloß den Vater, auf morgen – oder nein – ich glaube auf übermorgen einzuladen.«
»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«
»Ach, bei dem Fisch!«
»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke auf.«
»Es geht nicht, Mutter.«
»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«
»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!«
»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben haben?«
Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug, erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer Stimmung.
»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.«
Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte, berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem Handwerksburschen – und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.
Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch bringen werde.
Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen!
Ein Wunderkind.
Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen können.
Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte, was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,« entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann auch lang warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen, er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. – Nun trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte, daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt, Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause auch schon genäht habe, woher er’s könne usw., aber es war aus dem Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm du nur ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«
Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat, um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte: Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb nichts und kam nun alle Tage.
Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die Augen zu. »Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!« und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß so laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht, sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht an deiner Jacke zurecht.«
Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin: »Geld will ich nicht, ich will Tuch!« Der Schneider kam wieder zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur zufrieden, jetzt ist’s schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch zu liefern und ging.
Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.
Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.
Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird, da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann, er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.« Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache ausmachen.
Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand, war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu dem Bedienten: »Der Herr soll zu mir kommen.« Die Gesellen waren nicht wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen. Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen, und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit, ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten. Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht’s mit den Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben hätte.
Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf eine Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab’s ja gleich gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf, als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da. Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte.
»So kann’s nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm allein war. »Nein, so kann’s nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf einen andern Ausweg besinnen. »Ist’s dir recht, wenn wir zu dir ziehen, der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,« sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er gesagt: ›Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht brauchen Sie’s einmal,‹ aber ich weiß nicht mehr, wohin er’s versteckt hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte.
Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen, und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an, wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er wieder, und nun stellte sich’s heraus, daß er nach alter Gewohnheit in sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht, als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller, schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt’s euch?« so daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere Leute.
Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren, und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.
Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er, »einen Riß kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist, dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise: