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Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein cover

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Chapter 24: Grünlein
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About This Book

Die Sammlung versammelt erzählende Stücke und Skizzen, die das Leben in kleinen Städten und Dörfern in variierenden Tonlagen darstellen: autobiografische Erinnerungen, kurze Novellen, Idyllen und satirische Charakterstudien. Im Fokus stehen Lehrerseminare, Handwerker, bürgerliche Familien und das lokale Kulturleben; Themen wie Musik, Alltagsroutinen, Geiz und moralische Konflikte werden in detailreichen Beobachtungen und stillem Humor behandelt. Die Texte verbinden feine Psychologie mit milder Kritik an provinziellen Sitten und zeigen eine empathische, oft nostalgische Sicht auf menschliche Schwächen und Schicksale.

Grünlein

72. — 91. Auflage


er Soldat und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt beginnt das Märchen.

Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande, da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage, wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus tausend Hähnen floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum Tanze.

Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten Hochzeiten«.

Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte, wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr rote Gesichter.

Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune hängt.

Es wurde Krieg

Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner Hausgeist, der das Grünlein hieß.

Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug, und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein kleines Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt. Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt. Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne.

Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst, wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte:

»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?«

»Ja, ja, ich sehe es schon.«

»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?«

»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.«

»Mit der oberen oder mit der unteren?«

»Mit der unteren.«

Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans Fenster; denn auch er kannte das Grünlein.

Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte, machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer, während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde. Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies.

Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter, der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden.

So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte:

»Denkt Euch, es wird Krieg!«

»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die Hände zusammen.

»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!«

Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst.

Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft freue.

»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.«

»Karl — Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen zitterte durch sie.

Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst:

»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?«

Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen.

Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches.


Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten Händen: »Du bist in Gottes Hand!«

Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit.

Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und der Müller kam ins Stolpern.

Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand, stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat — mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen — da vor ihm waren weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde?

»Vater — Vater — ziehe nicht fort!«

Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch.

Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun, Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück nach der Mühle.

Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem Jungen:

»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.«

Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt:

»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das stimmt ja nicht!«

Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne einsetzen lassen — hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht.

Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert; am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei.

Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen.

Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann gleich den Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei.

Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so mußte der Köter doch den Weg dahin wissen.

Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme.

»Das will ich meinen,« sagte das Vieh.

Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland deutlich und bestimmt anzugeben.

Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen:

»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine ziemlich große Gegend; an allen Orten bin ich nicht gewesen, und mancherlei habe ich auch wieder vergessen.«

Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den Fuchsienstrauch und weinte.

Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die die Wurst genau paßte.

Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz. Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt, die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse, weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle schlafen.

Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube:

»Pst, Wolf! Friß die Wurst!«

»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund.

»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise nach Rußland.«

»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig näher.

Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund, und die Wurst wog auch ein halbes Pfund.

Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter.

Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm.

Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach Polen reiste!


Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte nach einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade- und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen: »Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf; es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte: die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.

Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf Tage danach war er bei seinem Herrn.

Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als der Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor Dankbarkeit, und er sagte:

»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles ein wenig verspätet.«

Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe. Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach. Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«

So hatte der Junge alles richtig erraten.


Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses. Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit auch lustig sein.

Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu, wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:

»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«

Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die Augen heiß, und er sagte:

»Es ist schön zu Hause!«

Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß hinüber und fragte:

»Was ist das Schreckliches dort drüben?«

»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«

Das Geistlein schauerte in sich zusammen.

»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«

»Wir haben es getan!«

»Ihr — o — du ...«

Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.

»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«

»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach Hause gehen.«

»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln, stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein finsteres Loch.

Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.

»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«

Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum hatte, nun eine so schäbige Wohnung haben und wie das der Kaiser für seine treuen Soldaten zugeben könne.

Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste. Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben.

Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute.

»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.«

Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben.

Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber die Neutralität schmählich verletzt hätten.

»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze; »wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen. Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht? Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht barbarisch?«

»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein schüchtern ein.

»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen Morgen Gurkenbeete verlangen.«

»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein.

»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze stolz.

»So lasse mich — bitte — wieder in den Unterstand zurück!« bat das Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.«

»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.«

Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren Grabfüßen.

Unterwegs machte der Transport Halt.

»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand.

»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze.

Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte:

»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so verschüttet sind.«

»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht ihnen recht!«

Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren kriechen.

Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft.

»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf.

»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind — das wird sehr bald sein — füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in die Luft.«

»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet werden.«

»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.«

Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer großen Höhle Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann hielt eine Rede.

»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein), welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen Verbündeten Endsieg nahe ist!«

Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden sollte, und daß durch seine Gefangennahme — wie es doch der Hauptmann gesagte hatte — das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod.

Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte.

»Warum bist du gebunden?«

»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.«

»Bist du aus Schlesien?«

»Ja — aus Schlesien.«

»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.«

Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem nächsten Frühling entgegen.

»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes, und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge Marienkäferchen von Sonne und Leben.«

Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer:

»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!«

Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte nicht mehr ein noch aus.


Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher. Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück.

Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich durch brausende öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit, nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das zornige Rauschen kalter fremder Ströme.

Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut, daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für feuergefährlich ansah.

Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun.

Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht. Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und sagte:

»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches Hausgeistlein?«

»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte schüchtern der Gnom.

Der Soldat nickte.

»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel. Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause; denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche Gemüt!«

»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.«

Der Soldat lächelte.

»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment, welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl den Weg weisen.«

Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu ziehen.

Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht eine Spur von Mut habe, aber da es weder nach Hause noch zu seinem Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es mit dem Soldaten auf Wache.

Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht.

»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt. Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen, nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben, Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen, als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte. Jetzt aber lacht sie nicht mehr.«

Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte heller.

»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.«

Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese frohe Botschaft hörte.

»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?«

»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr könnt dann zusammen sitzen.«

»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.«

So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein, verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der Soldat zog vorsichtig die Uhr.

»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.«

In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen.

Grünlein lag lange ohnmächtig.

Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten.

Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der Brille begraben. Der Tag brach an. Der klare Osthimmel strahlte in goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen:

»Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod
...«

Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen:

»Darum still, darum still
Füg' ich mich, wie Gott es will
...«

Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst etwas sagen kann?


Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber — das wußte das Grünlein — lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus, und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft.

Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt werden müßte, das schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust, und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen geworden war.

Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es noch: heim, um mit den Lieben zu sterben.

Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen:

»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!«

Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war und sie sterben mußte.

Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig Kilometer zu marschieren hatte, legte den schweren Tornister auf einen Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm, daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an. Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte, »er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe.

Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges und machte am selben Straßensteine Halt.

Der Kapellmeister hielt eine Rede.

»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke wieder auf heem zu — aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht hat? Nischt macht er umsonst! Na, also! Ich habe einen Warschauer Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, — seht Ihr, Kinder, doch nur, weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen. Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot, Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich, ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch loslassen.«

Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des Marsches.

»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten und unseren braven Scholz — o Gott, o Gott, was blies er für einen Bariton! — totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner, ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand gerissen worden ist — na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu. Schön war's trotz alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör gebrachten Tondichtung!«

Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen.

Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke.

Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen, verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug, daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog.

Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen einen bösen Empfang bereiten.

»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so satt und will heim.«

Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er, wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde. Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad, vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre, auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell.

Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang.

»Grünlein — Grünlein, wo kommst du her?«

Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf neben ihm stand, Wolf aus der Mühle.

»Wolf — Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei zusammen?«

»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel getroffen.«

»Wolf — geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase, kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«, und auch Wolf war sehr vergnügt.

»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren Herrn?«

Wolf schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund. Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und wir haben unsere Sache gut gemacht.«

»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?«

»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.«

»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.«

»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.«

»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber Wolf?«

»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet; dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im Krieg.«

»Hast du schon viele Soldaten gerettet?«

»O, ganze Regimenter.«

Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an.

»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?«

»Schnüffeln, Grünlein, — schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen. Das ist auch so eine Ungerechtigkeit — Entlausungsanstalten für die Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns ruhig weiter scharren!«

»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?«

»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und sagen so dem Mann: da ist etwas los!«

»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?«

Wolf hob die Nase hoch.

»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.«

Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den Hosenboden zerfetzt.

Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß der Wolf war.

Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände.

Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte verächtlich:

»Das Faultier schläft wieder.«

»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.«

Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen.

»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.«

Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich.

Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul. Da erwachte Wolf und sagte leise:

»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.«

»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist. Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein rauhes Lied in die Nacht hinein?«

»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.«

Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben.

Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von Grünlein wußte.

Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht hinein. Da sagte Herr Scheibel:

»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr, der Müller, ist heute gefallen.«

Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken.

»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.«

War das eine traurige Reise durch die Nacht!

Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der Mühle aber würden fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos.

Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten, noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen, die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen, die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen.

O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt.

Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch gelten wird!

So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde Augen zu.


In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod und Leben gestritten worden.

Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige Slawenweise summte um die Totenstätten.

Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe.

Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt.

Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude.

Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt.

In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen.

Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden gefunden, das Grünlein aber sah niemand.

Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.«

»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster Angst.

Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer.

Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach:

»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.«

Und zu den anderen sagte er:

»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.«

Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen Patienten annahm, und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam, wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem Lazarett nicht gepflegt wurden.

Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine Nacht bei Wolf im Hundekorbe.


Weihnachten kam.

In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter: Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große Schachteln.

Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind bei mir.«

Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme.


Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub.

Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen Berge wiedersah.

Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im Silberkleid.

Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht angemeldet.

Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im hohen Wald.

Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen wollten.

Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert sagen?

Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster heraus, und als sie herauskamen, warf sich der Junge in den Schnee und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu beten.

Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze ab.


Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte:

»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.«

Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle seine roten Glocken läuteten.