Die letzte Furche
Eine romantische Geschichte von Paul Keller
Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der Schulter.
Aber das ist nicht so.
Der Sensenmann — der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod« heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter.
Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel der Rüpel.
Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut, in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund.
Oder der Zauderer.
Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie, er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang, monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem Weinen klagender Freunde, er mag das Netz nicht zerreißen, er knüpft feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel. Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist, wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! — dann schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und gutherziger als seine Genossen.
Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider.
Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen. Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt nichts, macht seine Arbeit so aus der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche.
Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel, der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat? Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er sich den Schneider aus.
Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen.
Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein, die kleine Traute, angehalten und gemahnt:
»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig, die du mir versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.«
Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt.
Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte:
»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.«
»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute.
»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen, zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.«
So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit.
Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel emporstiegen.
Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt.
Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt.
Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit getan.
Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel, einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge. Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde. Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch Zeit!«
Hell singt die Lerche über dem Klee.
Furche um Furche — immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine kurze Rast.
Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese.
Der Tod ist da — der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen, auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben ihm.
Die beiden warten.
Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt. Das hat ihn gefreut wie immer.
Wieder wendet sich der Pflug.
»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!«
Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt ihn an der Hand. Noch singt die Lerche.
Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am Abendhimmel.
Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um.
Da lacht auch schon der Tobias.
»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!«
»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen wie einer, der ein lahmes Bein hat.«
Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt sieht er bewundernd übers Feld.
»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze Feld wieder allein umgewendet?«
»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht Stunden Feldarbeit am Tage — das würd' mir nicht gefallen.«
»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.«
»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht gefallen.«
»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.«
Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise« ist auf ihrem Deckel eingraviert.
»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!«
»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?«
»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na, das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich gesagt. Na, da schnupf' halt.«
»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß er an die zehnmal niesen.
»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.«
Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der Engel seine Hand. Noch singt die Lerche.
»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein hübscher Kerl. Ich glaube, damals — vor dreiundvierzig Jahren — hätte die Luise lieber dich genommen als mich.«
»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch aufnehmen können.«
Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein.
»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!«
»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet da, die Sonne rückt tiefer am Himmel.
Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach seinem Platze zurück.
Nun sind die beiden Alten fertig.
»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel.
»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.«
»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht, auf Klee zu sitzen.«
Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander.
Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche.
Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der Schneider lauert.
Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das Pferd ab. Dann schaut er über den Acker.
Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor über sein Haupt.
»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit.
Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee.
Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias.
Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde.
Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen.
Da sehen sie ein, daß alles aus ist.
Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot — wie ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!«
Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott — Herrgott ...
Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug, das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!«
Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung Prise um Prise in die Nase stecken.
Der Kleewagen rumpelt heran.
»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel.
Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee. Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört dem Tabak ab.
Wilhelm tröstet ihn.
»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.«
Da wird auch der G'steifel ruhiger.
Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr, als sie sich selbst lieben.
Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen.
»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm.
Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und leuchtenden Almen, und mitten zwischen ihnen steht der Weg offen in ein rotleuchtendes goldenes Land.
Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu.
Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist, kehrt heim.
Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang.